Mein Reisebegleiter, der Reformator

 

Letztes Frühjahr machte ich mich auf nach Chicago, um mir die Weltausstellung anzusehen, und obwohl ich sie nicht zu Gesicht bekam, war meine Reise doch nicht ganz umsonst – denn es gab eine Entschädigung. In New York hatte ich einen Major der Army kennengelernt, der sagte, dass er auch zur Ausstellung fahren wollte, und wir kamen überein, zusammen zu fahren. Ich musste allerdings zunächst noch nach Boston, aber das störte ihn nicht. Er sagte, er würde mitkommen und sich die Zeit schon vertreiben. Er war ein gutaussehender Mann und gebaut wie ein Gladiator. Aber seine Art war liebenswürdig und seine Redeweise sanft und überzeugend. Er war freundlich und über alle Maßen gelassen – und er hatte überhaupt keinen Sinn für Humor. Er interessierte sich für alles, was um ihn herum vorging, aber seine Gelassenheit war unzerstörbar; nichts beunruhigte ihn, nichts regte ihn auf.
Gleich am ersten Tag fand ich heraus, dass er, so ruhig er auch war, tief in seinem Inneren doch eine Leidenschaft hatte – eine Leidenschaft für die Besserung der kleinen öffenlichen Missstände. Er trat für korrektes Benehmen ein – das war sein Steckenpferd. Er hatte die Vorstellung, dass jeder Bürger des Staates sich als inoffiziellen Polizisten betrachten und ehrenamtlich Wacht über die Gesetze und ihre Einhaltung halten sollte. Er glaubte, dass der einzige wirksame Weg, öffentliche Rechte zu bewahren und zu schützen, darin bestand, dass jeder einzelne Bürger seinen Beitrag leistete bei der Abwendung und der Ahndung solcher Verstöße, sobald er Kenntnis davon erhielt.
Das war ein ehrenwertes Vorhaben, aber ich dachte, es würde einen Menschen ständig in Schwierigkeiten bringen. Es schien mir, dass man dann ununterbrochen versuchen würde, fehlsame kleine Angestellte feuern zu lassen, und vielleicht für das alles zur Belohnung nur ausgelacht werden würde. Aber er sagte, nein, ich hätte da eine völlig falsche Vorstellung: es gäbe keinen Anlass, irgendwen feuern zu lassen; dass Sie im Gegenteil niemanden feuern lassen dürften, weil das selbst ein Fehler wäre; nein, man müsste den Menschen reformieren – ihn reformieren und ihn an seinem Platz nützlich zu machen.
„Muss man den Übertäter zur Anzeige bringen und dann seinen Vorgesetzten bitten, ihn nicht zu entlassen, sondern ihn zu tadeln und zu behalten?“
„Nein, darum geht es nicht; Sie bringen ihn überhaupt nicht zur Anzeige, denn damit könnten Sie ihn um sein Brot bringen. Sie können so tun, als ob Sie ihn anzeigen wollten – wenn es anders nicht geht. Aber das ist ein Extremfall. Es ist eine Art von Zwang, und Zwang ist schlecht. Diplomatie ist das Mittel der Wahl. Nun, wenn ein Mann Taktgefühl besitzt – wenn ein Mann sich diplomatisch verhält –“
Zwei Minuten lang hatten wir vor einem Telegrafenschalter gestanden, und die ganze Zeit hatte der Major versucht, die Aufmerksamkeit eines der jungen Telegrafisten auf sich zu lenken, aber sie blödelten alle nur munter herum. Der Major richtete nun das Wort an sie und bat einen von ihnen, sein Telegramm aufzunehmen. Als Antwort erhielt er:
„Ich denke, Sie können eine Minute warten, oder?“ Und das Geblödel ging weiter.
Der Major sagte, ja, er wäre nicht in Eile. Dann schrieb er noch ein Telegramm:
‚An den Präsidenten Der Western Union Tel. Gesellschaft
Kommen Sie und essen Sie mit mir heute Abend. Dann werde ich Ihnen erzählen, wie das Geschäft in einer Ihrer Filialen geführt wird.‘
Bald langte der junge Bursche, der kurz zuvor noch so keck gesprochen hatte, heraus und nahm das Telegrammformular, und als er es gelesen hatte, wurde er blass und fing an, sich zu entschuldigen und zu rechtfertigen. Er sagte, er würde seine Stellung verlieren, wenn dieses tödliche Telegramm abgeschickt würde, und dass er niemals eine andere bekommen würde. Wenn er dieses Mal noch davon käme, würde er nie wieder ein Grund zur Beanstandung geben. Der Vorschlag wurde angenommen.
Als wir fortgingen, sagte der Major:
„Nun, Sie sehen, das war Diplomatie – und Sie haben gesehen, wie sie funktioniert. Es würde zu nichts führen, ein großes Geschrei machen, wie es die Leute immer gerne tun. Dieser Bursche könnte sich immer nach Kräften wehren, und Sie würden nahezu immer besiegt und beschämt da herauskommen. Aber Sie haben gesehen, gegen Diplomatie hatte er keine Chance. Sanfte Worte und Diplomatie – das sind die Werkzeuge, mit denen man arbeiten muss.“
„Ja, ich verstehe: aber nicht jeder würde Ihre Möglichkeiten haben. Längst nicht jeder steht auf so vertrautem Fuße mit dem Präsidenten der Western Union wie Sie.“
„Oh, das haben Sie falsch verstanden. Ich kenne den Präsidenten überhaupt nicht – ich benutze ihn nur zu diplomatischen Zwecken. Es war für einen guten Zweck und für das öffentliche Wohl. Das schadet nichts.“
Zögernd und schüchtern wagte ich einzuwenden:
„Aber ist es denn immer richtig oder nobel zu lügen?“
Er bemerkte die heikle Selbstgerechtigkeit nicht, die mit dieser Frage angesprochen war, sondern antwortete unerschütterlich ernst und einfach:
„Ja, manchmal. Lügen, um jemanden zu verletzten und Lügen zum eigenen Vorteil sind nicht nicht zu rechtfertigen. Aber Lügen, um jemandem zu helfen, und Lügen im öffentlichen Interesse – oh, nun, das ist eine ganz andere Sache. Das weiß jeder. Aber von den Methoden abgesehen: Sie sehen das Resultat. Dieser junge Bursche wird von nun an nützlich sein und sich anständig benehmen. Er hat ein gutes Gesicht. Er ist es wert geschont zu werden. Er war es ganz bestimmt wert geschont zu werden um seiner Mutter willen, wenn schon nicht um seiner selbst willen. Natürlich hat er eine Mutter – und Schwestern auch. Verdammt seien diese Leute, die das immer wieder vergessen! Wissen Sie, ich habe mich nie im Leben duelliert – nicht ein einziges Mal – und doch wurde ich gefordert, wie andere Leute auch. Ich konnte immer die unschuldigen weiblichen Angehörigen des anderen Mannes vor mir sehen oder seine kleinen Kinder, die zwischen ihm und mir standen. Sie hatten mir nichts getan – ich konnte ihnen nicht das Herz brechen, wissen Sie.“
Im Laufe des Tages korrigierte er noch eine Menge kleinerer Verstöße, und immer ohne irgendwelche Reibereien – immer mit feiner, filigraner ‚Diplomatie‘, die keinen Stachel zurückließ. Und diese Erfolge bereiteten ihm solch ein Glück und eine solche Zufriedenheit, dass ich mich gezwungen sah, ihn darum zu beneiden – und vielleicht hätte ich sie auch übernommen, wenn es mir gelungen wäre, mit dem Mundwerk ebenso zuversichtlich von den Tatsachen abzuschweifen, wie ich es, mit ein wenig Übung, wohl auch mit der Feder im Schutze der Druckerpresse geschafft hätte.
Spät in der Nacht kamen wir mit der Pferdebahn aus der Stadt, als drei übermütige Rabauken zustiegen und damit anfingen, ausgelassene Zoten und Götteslästerungen gegen die eingeschüchterten Fahrgäste auszustoßen, unter denen sich auch Frauen und Kinder befanden. Niemand schritt ein oder erwiderte etwas; der Schaffner versuchte es mit beruhigenden Worten und gutem Zureden, aber die Rüpel beschimpften ihn nur und lachten ihn aus. Sehr bald bemerkte ich, dass der Major erkannte, dass dieser Fall genau auf seiner Linie lag; unübersehbar überschlug er im Geiste seinen Vorrat an Diplomatie und machte sich bereit. Ich glaubte, dass die erste diplomatische Bemerkung von ihm eine Lawine von Spott auf ihn niedergehen lassen würde, und vielleicht noch Schlimmeres; aber bevor ich ihm etwas zuflüstern und ihn bremsen konnte, hatte er schon losgelegt, und es war zu spät. Er sagte mit flacher, leidenschaftsloser Stimme:
„Schaffner, Sie müssen die Schweine rausschmeißen. Ich werde Ihnen dabei helfen.“
Darauf war ich gar nicht scharf. Blitzartig stürzten sich die drei Rüpel auf ihn. Aber keiner von ihnen kam an ihn heran. Er teilte drei derartige Fausthiebe aus, wie man sie außerhalb eines Boxrings nicht erwarten konnte, und keiner der Burschen hatte noch genug Kraft in sich, von dort aufzustehen, wohin er gefallen war.
Ich war erstaunt: erstaunt, ein Lamm so handeln zu sehen; erstaunt über die gezeigte Stärke, und über das saubere und umfassende Resultat; und erstaunt über die zügige und geschäftsmäßige Art der ganzen Sache. Die Lage hatte durchaus eine humoristische Seite, wenn ich bedachte, wie viel über milde Überzeugung und sanfte Diplomatie ich den ganzen Tag über von dieser Dampframme zu hören bekommen hatte, und ich hätte gerne seine Aufmerksamkeit auf diesen Umstand gelenkt und ein paar bissige Bemerkungen darüber gemacht; aber als ich ihn anschaute, sah ich, dass es nutzlos gewesen wäre – sein friedliches und zufriedenes Gesicht zeigte keine Spur von Humor; er würde es einfach nicht verstanden haben. Als wir ausstiegen, sagte ich:
„Das war ein guter Streich der Diplomatie – drei gute Streiche, um genau zu sein.“
„Das? Das war keine Diplomatie. Sie irren sich gewaltig. Diplomatie ist eine ganz andere Sache. Man kann sie bei solchen Leuten nicht anwenden; sie würden sie nicht verstehen. Nein, das war keine Diplomatie; das war nackte Gewalt.“
„Da Sie es gerade erwähnen, ich – ja, ich denke, Sie haben wohl recht.“
„Recht? Natürlich habe ich Recht. Es war nur Gewalt.“
„Ich glaube selbst, von außen betrachtet sah es so aus. Müssen Sie öfter auf diese Art Leute reformieren?“
„Ganz und gar nicht. Es kommt kaum vor. Nicht öfter als alle halbe Jahre mal, äußerstenfalls.“
„Werden diese Burschen wieder auf die Beine kommen?“
„Auf die Beine kommen? Aber ja, sicher werden sie es. Sie sind überhaupt nicht in Gefahr. Ich weiß, wie und wohin man schlagen muss. Sie haben sicher bemerkt, dass ich ihnen keine Kinnhaken verpasste. Das hätte sie getötet.“
Das glaubte ich auch. Ich bemerkte – ziemlich witzig, wie ich dachte – dass er den ganzen Tag ein Lamm gewesen sei, aber sich nun schlagartig in eine Ramme – einen Rammbock verwandelt habe: aber er sagte schlicht und einfach, nein, ein Rammbock wäre eine ganz andere Sache und jetzt nicht mehr in Gebrauch. Es war zum Verrücktwerden, und ich hätte fast herausgelacht und gesagt, er habe nicht mehr für einen Witz übrig als ein Präriekaninchen – wirklich, ich hatte es schon auf der Zunge, aber ich sagte es nicht, ich wusste, es bestand keine Eile und ich konnte es ihm genauso gut irgendwann mal am Telefon sagen.
Am nächsten Nachmittag fuhren wir nach Boston. Das Raucherabteil im Salonwagen war voll besetzt, und so gingen wir in den gewöhnlichen Raucherwagen. Auf dem vorderen Sitz saß ein milder, bäurisch aussehender alter Mann mit einer kränklichen Blässe im Gesicht und hielt die Tür mit dem Fuß offen, um frische Luft zu bekommen. Bald kam ein großer Bremser durch den Gang geeilt, und als er an die Tür kam, hielt er an, richtete einen hässlichen finsteren Blick auf den Bauern und zerrte so heftig an der Tür, dass es dem alten Mann fast den Stiefel vom Fuß riss. Dann stürzte er sich wieder in sein Geschäft. Einige Fahrgäste lachten, und der alte Gentleman sah rührend beschämt und bekümmert aus.
Kurz darauf erschien der Schaffner, und der Major hielt ihn an und fragte ihn auf seine gewohnt höfliche Art:
„Schaffner, wo kann man sich über das Verhalten eines Bremsers beschweren? Geht das bei Ihnen?“
„Sie können sich in New Haven beschweren, wenn Sie wollen. Was hat er denn getan?“
Der Major erzählte die Geschichte. Der Schaffner schien amüsiert zu sein. Er sagte mit einem leichten Sarkasmus in seiner freundlichen Stimme:
„Wenn ich Sie recht verstehe, sagte der Bremser überhaupt nichts?“
„Nein, er sagte nichts.“
„Aber er blickte finster, sagen Sie?“
„Ja.“
„Und riss die Tür auf grobe Art los?“
„Ja.“
„Und das war alles, oder?“
„Ja, das war alles.“
Der Schaffner lächelte zufrieden und sagte:
„Nun, wenn Sie sich über ihn beschweren wollten, gut, aber ich sehe nicht ganz, was das bringen soll. Sie werden sagen – wenn ich es richtig verstehe – dass der Bremser diesen alten Herrn beleidigt hat. Sie werden Sie fragen, was er gesagt hat. Sie werden sagen, dass er überhaupt nichts gesagt hat. Ich schätze, sie werden sagen ‚Wie können Sie behaupten, dass eine Beleidigung vorliegt, wenn er, wie Sie selbst zugeben, nicht ein Wort gesagt hat?’“
Es gab ein beifälliges Gemurmel für die bündige Argumentation des Schaffners, und das bereite ihm Vergnügen – man konnte es auf seinem Gesicht sehen. Aber der Major ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. Er sagte:
„Nun, da haben Sie einen empörenden Fehler im Beschwerdewesen angesprochen. Den Oberen der Eisenbahn scheint ebenso wenig wie der Öffentlichkeit und Ihnen klar zu sein, dass es außer gesprochenen noch andere Beleidigungen gibt. Deshalb geht niemand zur Eisenbahnverwaltung und beschwert sich über Beleidigungen durch Verhalten, Gesten, Blicke und so weiter; und doch sind diese manchmal schwerer zu ertragen als irgendwelche Worte. Sie sind kaum zu ertragen, weil sie nicht greifbar sind, um sie zu ahnden; und der Beleidiger kann immer sagen, wenn er vor seine Vorgesetzten zitiert wird, dass er niemals beabsichtigt hat, irgendeinen Verstoß zu begehen. Mir scheint, die Vorgesetzten sollten die Öffentlichkeit besonders und dringend dazu auffordern auch Beleidigungen und Grobheiten anzuzeigen, die nicht mit Worten zum Ausdruck gebracht werden.“
Der Schaffner lachte und sagte:
„Nun, das würde derartigen, äh, Verstößen sicher ziemlich gut Einhalt gebieten!“
„Nicht allzu gut, fürchte ich. Ich werde diese Sache in New Haven melden, und ich glaube, man wird mir dankbar sein.“
Das Gesicht des Schaffners verlor einiges von seiner Selbstgefälligkeit; genau genommen nahm es einen ziemlich nüchternen Ausdruck an, als sein Besitzer fortging. Ich sagte:
„Sie werden sich mit dieser Bagatelle doch nicht weiter herumschlagen, oder?“
„Es ist keine Bagatelle. Solche Dinge sollten immer gemeldet werden. Es ist eine öffentliche Pflicht, und kein Bürger hat das Recht, sich darum zu drücken. Aber ich werde diesen Vorfall gar nicht melden müssen.“
„Warum?“
„Es wird nicht nötig sein. Die Diplomatie wird das ihre tun. Sie werden sehen.“
Kurz darauf kam der Schaffner auf seiner Runde wieder vorbei, und als er zum Major kam, beugte er sich hinunter und sagte:
„Alles in Ordnung. Sie brauchen ihn nicht zu melden. Er ist mir verantwortlich, und wenn er so was noch mal macht, werde ich ihn mir zur Brust nehmen.“
Die Antwort des Majors kam von Herzen:
„Das höre ich gerne! Sie dürfen nicht glauben, dass ich von rachsüchtigen Motiven angetrieben war, das war nicht der Fall. Es war Pflicht – nur Pflichtgefühl, das war alles. Mein Schwager ist einer der Direktoren der Eisenbahngesellschaft, und wenn er erfährt, dass Sie Ihren Bremser zur Rede stellen, wenn er das nächste Mal einen unschuldigen alten Mann rüde beleidigt, wird ihn das sehr befriedigen, darauf können Sie sich verlassen.“
Der Schaffner sah nicht so freudig aus, wie man vielleicht erwartet hätte, im Gegenteil, er sah kränklich und unbehaglich aus. Er stand noch unschlüssig herum; dann sagte er:
„Ich glaube, es sollte gleich etwas mit ihm geschehen. Ich werde ihn feuern.“
„Ihn feuern! Wozu sollte das gut sein? Glauben Sie nicht, es wäre klüger, ihm bessere Manieren beizubringen und ihn zu behalten?“
„Nun, da ist was dran. Was würden Sie vorschlagen?“
„Er hat diesen alten Gentleman in Anwesenheit all der anderen Leute hier beleidigt. Wie wäre es, ihn zu holen und sich vor ihnen entschuldigen zu lassen?“
„Ich werde ihn gleich holen. Und ich möchte noch etwas sagen: Wenn die Leute sich so verhalten würden, wie Sie es getan haben, und solche Sachen mir melden würden anstatt den Mund zu halten und einfach auszusteigen und dann an der Eisenbahngesellschaft herumzunörgeln, würden Sie bald sehen, wie sich die Dinge verändern. Ich bin Ihnen sehr verbunden.“
Der Bremser erschien und entschuldigte sich. Nachdem er wieder weg war, sagte der Major:
„Nun sehen Sie, wie einfach und leicht das war. Der normale Bürger würde nichts erreicht haben – aber der Schwager eines Direktors kann alles erreichen, was er will.“
„Aber sind Sie wirklich der Schwager eines Direktors?“
„Immer. Immer, wenn das öffentliche Interesse es erfordert. Ich habe einen Schwager in allen Direktionen – überall. Das erspart mir eine Menge Ärger.“
„Sie haben eine gute, weitverzweigte Verwandtschaft.“
„Ja. Ich habe über dreihundert davon.“
„Wird die Verwandtschaft denn niemals von einem Schaffner angezweifelt?“
„So ein Fall ist mir noch nie untergekommen. Auf Ehre und Gewissen – niemals.“
„Warum haben sie ihn den Bremser eigentlich nicht feuern lassen, es widerspräche zwar Ihrer bevorzugten politischen Linie. Aber er hätte es ja verdient.“
Der Major antwortete auf eine Art, die tatsächlich eine entfernte Ähnlichkeit mit Ungeduld hatte:
„Wenn Sie mal einen Moment darüber nachdenken würden, würden Sie so eine Frage nicht stellen. Ist ein Bremser vielleicht ein Hund, so dass nur Erziehungsmethoden für Hunde bei ihm etwas bewirken? Er ist ein Mann, und als ein Mann hat er für seinen Lebensunterhalt zu kämpfen. Und er hat immer eine Schwester, oder eine Mutter, oder eine Frau und Kinder, die er durchbringen muss. Immer – da gibt es keine Ausnahme. Wenn Sie ihm seinen Lebensunterhalt wegnehmen, dann nehmen Sie auch ihnen den ihren weg – und was haben sie Ihnen getan? Nichts. Und was ist damit gewonnen, wenn man einen unhöflichen Bremser entlässt und einen anderen wie ihn einstellt? Das ist unklug. Verstehen Sie denn nicht, dass es das Vernünftigste ist, den Bremser zu reformieren und ihn zu behalten? Natürlich ist es das.“
Dann führte er voller Bewunderung das Verhalten eines bestimmten Abteilungsinspektors bei der Consolidated Rail in einem Fall an, in dem ein Weichensteller mit zweijähriger Berufserfahrung einmal nachlässig gewesen war und einen Zug zum Entgleisen brachte, wobei mehrere Menschen ums Leben kamen. Aufgebrachte Bürger erschienen und forderten die Entlassung des Mannes, aber der Inspektor sagte:
‚Nein, Sie haben Unrecht. Er hat seine Lektion gelernt, er wird keine Züge mehr entgleisen lassen. Er ist jetzt doppelt so wertvoll wie vorher. Wir werden ihn behalten.‘
Im Zug hatten wir nur noch ein weiteres Abenteuer. Zwischen Hartford und Springfield kam der Zeitungsjunge rufend mit einem Armvoll Blätter und warf einem schlummernden Mann eine Leseprobe auf den Schoß, und der Mann schreckte aus dem Schlaf auf. Er war sehr verärgert, und er und ein paar Freunde diskutierten hitzig die Freveltat. Sie ließen den Schaffner des Salonwagens kommen und trugen ihm die Angelegenheit vor und verlangten entschlossen die Entlassung des Jungen. Die drei Beschwerdeführer waren wohlhabende Kaufleute aus Holyoke, und der Schaffner hatte sichtlich einigen Respekt vor ihnen. Er versuchte, sie zu besänftigen, und erklärte, dass der Junge nicht unter seinem Kommando stünde, sondern unter dem der Zeitungsverlage; aber das verfing nicht.
Da bot sich der Major als Entlastungszeuge an. Er sagte:
„Ich habe alles gesehen. Gentlemen, Sie haben sicher nicht beabsichtigt, die Umstände zu übertreiben, aber genau das haben Sie getan. Der Junge hat nichts anderes getan als alle Zeitungsjungen. Wenn Sie wünschen, ihn zu mäßigen und sein Benehmen zu bessern, bin ich auf Ihrer Seite und gerne bereit zu helfen, aber es ist nicht fair, ihn zu entlassen, ohne ihm eine Chance zu geben.“
Aber sie waren verärgert und wollten von einem Kompromiss nichts wissen. Sie waren alle gut bekannt mit dem Präsidenten der Boston and Albany, wie sie sagten, und würden am nächsten Tag alles stehen und liegen lassen und nach Boston fahren und diesen Jungen feuern lassen.
Der Major erklärte, er würde ebenfalls zur Stelle sein und tun, was er könne, um den Jungen davor zu bewahren. Einer der Gentleman musterte ihn und sagte:
„Offensichtlich läuft es darauf hinaus, wer den meisten Einfluss auf den Präsidenten hat. Kennen Sie Mr. Bliss persönlich?“
Der Major sagte gelassen:
„Ja, er ist mein Onkel.“
Die Wirkung war zufriedenstellend. Es gab eine ehrfürchtiges Schweigen für eine Minute oder mehr; dann begann ein vorsichtiger Rückzug und noch etwas widerstrebend räumte man ein, vielleicht etwas übereilig und übertrieben verstimmt gewesen zu sein, und bald herrschte eine angenehme, freundliche und gesellige Atmospäre, und es wurde beschlossen, die Sache fallen und den Jungen in seiner Stellung zu lassen.
Es kam heraus, was ich erwartet hatte: der Präsident der Eisenbahngesellschaft war überhaupt nicht der Onkel des Majors – höchstens durch Adoption, und nur für diesen Tag und für diesen Zug.
Auf der Rückfahrt hatten wir keine weiteren Erlebnisse. Vielleicht, weil wir einen Nachtzug genommen hatten und die ganze Zeit schliefen.
Am Samstagabend verließen wir New York mit der Pennsylvania-Eisenbahn. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen gingen wir in den Salonwagen, fanden aber, dass es dort trübe und trist war. Es waren nur wenige Leute dort, und es war nichts los. Deshalb gingen wir in das kleine Raucherabteil desselben Wagens und trafen dort auf drei Gentlemen. Zwei von ihnen schimpften über eine der Eisenbahnvorschriften – eine Vorschrift, die Kartenspiele im Zug an Sonntagen verbot. Sie hatten ein harmloses High-Low-Jack-Spiel begonnen und es wieder abgebrochen. Der Major zeigte sich interessiert. Er fragte den dritten Mann:
„Sind Sie gegen das Spiel?“
„Überhaupt nicht. Ich bin Professor in Yale und ein religiöser Mensch, aber meine Grundsätze sind nicht allzu streng.“
Dann wandte der Major sich an die anderen:
„Es steht Ihnen vollkommen frei, Ihr Spiel wieder aufzunehmen, Gentlemen; niemand hat etwas dagegen einzuwenden.“
Einer von ihnen scheute das Risiko, aber der andere sagte, er würde gerne noch einmal anfangen, wenn der Major mit ihm spielen würde. Sie breiteten einen Überzieher über ihre Knie, und das Spiel ging weiter. Bald darauf erschien der Schaffner des Salonwagens und sagte schroff:
„Sie da, das geht aber nicht. Tun Sie die Karten weg – das ist nicht erlaubt.“
Der Major mischte gerade die Karten. Er fuhr damit fort und sagte:
„Durch wessen Vorschrift ist es verboten?“
„Es ist meine Vorschrift. Ich verbiete es.“
Das Verhandeln begann. Der Major erkundigte sich:
„Haben Sie die Idee gehabt?“
„Was für eine Idee?“
„Die Idee, Kartenspiele am Sonntag zu verbieten.“
„Nein – natürlich nicht.“
„Wer kam dann auf diese Idee?“
„Die Gesellschaft.“
„Demnach ist es nicht Ihre Vorschrift, sondern die der Gesellschaft. Ist es so?“
„Ja, aber Sie hören ja gar nicht auf zu spielen! Ich muss Sie ersuchen, sofort mit dem Spielen aufzuhören.“
„Nichts wird durch Hast gewonnen, aber oft vieles verloren. Wer hat die Gesellschaft dazu ermächtigt, so eine Vorschrift zu erlassen?“
„Mein lieber Herr, das spielt für mich überhaupt keine Rolle, und – “
„Aber Sie vergessen, Sie sind nicht der einzige, der davon betroffen ist. Für mich könnte es eine Rolle spielen. Es ist tatsächlich von sehr großer Bedeutung für mich. Ich kann keine Gesetzesvorschrift meines Landes verletzen, ohne mich selbst zu entehren. Ich kann es keinem Mann und keiner Gesellschaft gestatten, meine Freiheiten mit illegalen Vorschriften einzuschränken – etwas, das Eisenbahngesellschaften immer wieder versuchen – ohne meine Staatsbürgerwürde zu entehren. Deshalb muss ich auf die Frage zurückkommen: durch wen ist die Gesellschaft dazu ermächtigt worden, diese Vorschrift zu erlassen?“
„Ich weiß es nicht. Das ist ihre Sache.“
„Meine auch. Ich bezweifle, dass die Gesellschaft das Recht hat, so eine Vorschrift zu erlassen. Diese Strecke führt durch mehrere Staaten. Wissen Sie, in welchem Staat wir uns gerade befinden, und wie seine Gesetze in Angelegenheiten dieser Art sind?“
„Seine Gesetze gehen mich nichts an, aber die Vorschriften der Gesellschaft schon. Es ist meine Pflicht, dieses Spiel zu beenden, und es muss beendet werden.“
„Möglich; aber es besteht immer noch keine Eile. In den Hotels hängen sie bestimmte Regeln in den Zimmern aus, und sie zitierten dabei immer die Passagen des Staatsgesetzes als Grundlage für diese Regeln. Ich sehe hier nichts von dieser Art aushängen. Bitte zeigen Sie uns Ihre Grundlage und lassen Sie uns zu eine Entscheidung kommen, denn Sie sehen ja selbst, dass Sie das Spiel verderben.“
„Ich habe nichts dergleichen. Aber ich habe meine Vorschriften, und das genügt mir. Sie müssen befolgt werden.“
„Springen wir nicht gleich zu den Schlussfolgerungen. Es ist besser, wenn wir die Angelegenheit ohne Eifer und Eile von allen Seiten betrachten und sehen, wo wir stehen, bevor einer von uns beiden einen Fehler macht – denn die Beschneidung der Freiheitsrechte eines Bürgers der Vereinigten Staaten ist eine viel ernstere Angelegenheit, als Sie und Ihre Eisenbahngesellschaft zu denken scheinen, und, was mich betrifft, kann sie nicht geschehen, ohne dass mir derjenige, der sie beschneiden will, sein Recht dazu nachweist. Nun – “
„Mein lieber Herr, werden Sie wohl nun diese Karten weg tun?“
„Alles zu seiner Zeit, vielleicht. Es hängt davon ab. Sie sagen, diese Vorschrift muss befolgt werden. Muss. Das ist ein starkes Wort. Sie sehen selbst, wie stark es ist. Eine kluge Gesellschaft würde Sie nie mit so einer drastischen Vorschrift bewaffnen, ohne eine Strafe für einen Verstoß dagegen festzulegen. Andernfalls bestünde die Gefahr, dass sie nur ein toter Buchstabe wäre und etwas, worüber man nur lacht. Was ist nun die Strafe für einen Verstoß gegen diese Vorschrift?“
„Strafe? Ich habe nie von einer gehört.“
„Sie müssen sich zweifellos irren. Ihre Gesellschaft schreibt Ihnen vor, hierher zu kommen und rüde dieses unschuldige Vergnügen abzubrechen, und sie stattet Sie mit keinem Mittel aus, die Vorschrift durchzusetzen! Sehen Sie nicht, dass das Unsinn ist? Was machen Sie, wenn die Leute sich weigern, diese Vorschrift zu befolgen? Nehmen Sie ihnen die Karten weg?“
„Nein.“
„Werfen Sie den Missetäter an der nächsten Station hinaus?“
„Nun, nein – natürlich könnten wir das nicht, wenn er eine Fahrkarte hat.“
„Werden Sie ihn vor den Kadi zerren?“
Der Schaffner schwieg und war offensichtlich beunruhigt. Der Major unternahm einen weiteren Vorstoß und sagte:
„Sie sehen, dass Sie hilflos sind und die Gesellschaft Sie in eine dumme Lage gebracht hat. Sie sind mit einer anmaßenden Vorschrift ausgestattet worden und Sie tragen sie mit viel Getöse vor, und wenn Sie sich die Sache schließlich genauer anschauen, kommen Sie zu dem Ergebnis, dass Sie überhaupt kein Mittel haben, um ihre Befolgung durchzusetzen.“
Der Schaffner sagte mit kühler Würde:
„Gentlemen, Sie haben die Vorschrift gehört, und damit habe ich meine Pflicht getan. Ob Sie sie befolgen oder nicht, tun Sie, was Sie für richtig halten.“ Und damit wandte er sich zum Gehen.
„Warten Sie. Die Sache ist noch nicht erledigt. Ich glaube, Sie irren sich, was Ihre Pflicht betrifft; aber selbst wenn sie beendet ist, ich selbst habe noch eine Pflicht zu erfüllen.“
„Wie meinen Sie das?“
„Werden Sie meinen Verstoß in der Zentrale in Pittsburg melden?“
„Nein. Wozu sollte das gut sein?“
„Sie müssen mich melden, oder ich werde Sie melden.“
„Mich melden, wegen was?“
„Weil Sie gegen die Vorschriften der Gesellschaft verstoßen haben, indem Sie dieses Spiel nicht beendeten. Als Bürger ist es meine Pflicht, Eisenbahngesellschaften dabei zu unterstützen, ihre Angestellten zur Erfüllung ihrer Aufgaben anzuhalten.“
„Meinen Sie das Im Ernst?“
„Ja. Das meine ich im Ernst. Ich habe nichts gegen Sie als Mensch, aber ich habe etwas gegen Sie als Angestellter – dass Sie die Vorschrift nicht ausgeführt haben, und wenn Sie mich nicht melden, muss ich Sie melden. Und ich werde es tun.“
Der Schaffner sah verwirrt aus, und dachte einen Moment nach; dann brach es auch ihm heraus:
„Anscheinend habe ich mich selber in Schwulitäten gebracht! Es ist ein Durcheinander; ich weiß nicht mehr, wo vorne und wo hinten ist; das ist mir noch nie vorgekommen, sie bisher immer klein beigegeben und nie ein Wort gesagt, und deshalb erkannte ich nie, wie lächerlich diese dumme Vorschrift ohne Strafe ist. Ich möchte niemanden melden, und ich möchte auch nicht angezeigt werden – es könnte mir wirklich unabsehbare Nachteile bringen! Nein, machen Sie weiter mit dem Spiel – spielen Sie den ganzen Tag, wenn Sie wollen – und lassen Sie uns deswegen nicht mehr rumstreiten!“
„Nein, ich habe mich nur hierhin gesetzt, um den Rechten dieses Gentlemans Geltung zu verschaffen, er mag sie nun selbst ausüben. Aber wollen Sie mir nicht noch sagen wozu Ihrer Meinung nach die Gesellschaft diese Vorschrift gemacht hat? Können Sie sich eine Ausrede für sie vorstellen? Ich meine eine vernünftige Ausrede – eine Ausrede, die nicht offensichtlich dumm ist und die Erfindung eines Idioten?“
„Aber ja, natürlich kann ich das. Der Grund dafür ist einfach genug. Es ist, um die Gefühle der anderen Fahrgäste zu schonen – die religiösen, meine ich. Ihnen würde es nicht gefallen, wenn der Sabbat entweiht werden würde durch Kartenspiele im Zug.“
„Ich dachte mir schon so etwas. Sie sind bereit, sich selbst zu entweihen, indem sie am Sonntag reisen, aber sie sind nicht bereit, dass andere Leute – “
„Meine Güte, Sie haben es getroffen! Daran habe ich nie gedacht. Es ist tatsächlich eine dumme Vorschrift, wenn man sie sich einmal genauer ansieht.“
An diesem Punkt erschien der Zugführer und schickte sich an, das Spiel auf eine sehr überhebliche Art zu beenden, aber der Schaffner des Salonwagens hielt ihn auf und nahm ihn beiseite, um ihm die Sache zu erklären. Von der Angelegenheit haben wir nie wieder etwas gehört.
In Chicago lag ich elf Tage lang krank im Bett und bekam von der Ausstellung nichts zu sehen, denn ich musste wieder in den Osten zurückkehren, sobald ich wieder reisefähig war. Der Major reservierte und bezahlte ein Privatabteil in einem Schlafwagen einen Tag, bevor wir abreisten, so dass ich reichlich Platz hatte und es mir bequem machen konnte; aber als wir am Bahnhof ankamen, war ein Fehler gemacht und unser Wagen nicht angehängt worden. Der Schaffner hatte ein Abteil für uns freigehalten – es war das Beste, was er tun konnte, sagte er. Aber der Major sagte, wir wären nicht in Eile und würden warten, bis der Wagen angehängt wäre. Der Schaffner antwortete mit wohl dosierter Ironie:
„Sie mögen vielleicht nicht in Eile sein, wie Sie sagen, aber wir sind es. Kommen Sie, steigen Sie ein, Gentlemen, steigen Sie ein – lassen Sie uns nicht länger warten.“
Aber der Major wollte weder selbst einsteigen, noch mir es erlauben. Er wollte seinen Wagen und sagte, er müsste ihn haben. Dies machte den eiligen und schwitzenden Schaffner ungeduldig und er sagte:
„Es ist das Beste, was wir tun können – Unmögliches können wir nicht tun. Nehmen Sie das Abteil oder lassen Sie es bleiben. Es wurde ein Fehler gemacht, aber das kann jetzt nicht mehr korrigiert werden. Das kommt dann und wann einmal vor, aber dann bleibt nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden und das Beste daraus zu machen. Andere Leute machen das auch so.“
„Ah, das ist es ja gerade, verstehen Sie. Wenn sie auf ihren Rechten bestanden und sie durchgesetzt hätten, würden Sie jetzt nicht versuchen, auf diese grobe Art auf mir herumzutrampeln. Ich bin nicht darauf aus, Ihnen unnötigen Ärger zu machen, aber es ist meine Pflicht, den nächsten Mann vor dieser Art von Zumutung zu bewahren. Deshalb muss ich meinen Wagen haben. Andernfalls werde ich in Chicago warten und die Gesellschaft wegen Vertragsverletzung verklagen.“
„Die Gesellschaft verklagen? – wegen so etwas!“
„Ganz bestimmt.“
„Meinen Sie das wirklich so?“
„In der Tat, das tue ich.“
Der Schaffner musterte verwundert den Major und sagte dann:
„Das haut mich um – das ist wirklich neu – so was ist mir noch nie untergekommen. Aber ich glaube fast, Sie würden es wirklich tun. Passen Sie auf, ich werde den Bahnhofsvorsteher holen.“
Als der Bahnhofsvorsteher kam, war er nicht wenig verstimmt – über den Major, nicht über den, der den Fehler gemacht hatte. Er war ziemlich schroff und nahm dieselbe Haltung ein, die der Schaffner zu Anfang eingenommen hatte; aber er schaffte es nicht, den sanften Artilleristen zu bewegen, der immer noch darauf bestand, dass er seinen Wagen haben müsse. Aber es war klar, dass es in diesem Fall nur eine starke Seite gab, und diese Seite war die des Majors. Der Bahnhofsvorsteher legte seine verstimmte Haltung ab und wurde freundlich und entschuldigte sich sogar halb. Das schuf eine gute Grundlage für einen Kompromiss, und der Major machte ein Zugeständnis. Er sagte, er würde auf das reservierten Privatabteil verzichten, aber er müsste einen Privatabteil haben. Nach einigem Herumsuchen fand sich eines, dessen Besitzer sich überzeugen ließ; er tauschte es gegen unser Abteil, und schließlich fuhren wir los. Am Abend schaute der Schaffner bei uns herein und war nett und höflich und verbindlich, und wir hatten ein langes Gespräch und wurden gute Freunde. Er sagte, er wünschte, die Öffentlichkeit würde öfter Ärger machen – es würde eine wohltuende Wirkung haben. Er sagte, von den Eisenbahnen könne man nicht erwarten, dass sie ihre Pflicht gegenüber dem Reisenden voll und ganz erfüllten, wenn der Reisende nicht selbst ein Interesse an der Angelegenheit nähme.
Ich hoffte, dass wir damit das Reformieren für diese Reise hinter uns gebracht hätten, aber dem war nicht so. Im Speisewagen bestellte sich der Major am Morgen ein gegrilltes Hähnchen. Der Kellner sagte:
„Es steht nicht auf der Speisekarte, mein Herr; wir servieren nur, was auf der Speisekarte steht.“
„Dieser Gentleman da drüben isst aber ein Grillhähnchen.“
„Ja, aber das ist etwas anderes. Er ist einer der Inspektoren der Gesellschaft.“
„Dann muss ich umso mehr ein Grillhähnchen haben. Ich mag keine Diskriminierung. Bitte beeilen Sie sich – bringen Sie mir ein Grillhähnchen.“
Der Kellner brachte den Ober, der mit leiser, höflicher Stimme erklärte, dass es ein Ding der Unmöglichkeit wäre – es wäre gegen die Vorschrift, und die Vorschrift wäre strikt.
„Sehr gut, dann müssen Sie sie entweder unparteiisch anwenden oder unparteiisch brechen. Sie müssen diesem Gentleman das Hähnchen wegnehmen oder mir eins bringen.“
Der Ober war verwirrt und wusste nicht recht, was er tun sollte. Er begann, zusammenhanglos herumzuargumentieren, aber da kam gerade der Schaffner vorbei und erkundigte sich nach dem Problem. Der Ober erklärte, hier wäre ein Gentleman, der darauf bestünde, ein Hähnchen zu bekommen, was völlig gegen die Vorschrift wäre und auch gar nicht auf der Speisekarte stünde. Der Schaffner sagte:
„Bleiben Sie bei Ihren Vorschriften – Sie haben keine Wahl. Moment mal – ist das der Gentleman?“ Dann lachte er und sagte. „Scheren Sie sich nicht um Ihre Vorschriften – das ist mein Rat, und es ist das einzig Senkrechte: geben Sie ihm alles, was er will – lassen Sie es nicht so weit kommen, dass er auf seinen Rechten besteht. Geben Sie ihm, was immer er wünscht, und wenn Sie es nicht haben, halten Sie den Zug an und besorgen Sie es.“
Der Major aß das Hähnchen, aber er sagte, er täte es nur aus Pflichtgefühl und um ein Prinzip durchzusetzen, denn er mochte Hähnchen gar nicht.
Ich kam nicht zur Weltausstellung, das ist wahr, aber ich schnappte einige diplomatische Tricks auf, die ich und der Leser vielleicht ganz brauchbar und nützlich finden, wenn wir unterwegs sind.

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