Zwölftes Kapitel – Die Seelenverkäufer

Das Vertrauen Villedieus schmeichelte mir ja sehr, aber ich fand es deswegen nicht weniger gefährlich. Daher hielt ich es für richtig, ihm ein Märchen zu erzählen, als er mich fragte, wovon ich lebte, und besonders, wo ich wohne. Ich trieb die Vorsicht sogar so weit, daß ich, nachdem ich um elf Uhr abends ihn verlassen hatte, einen Umweg machte, bevor ich in meine Herberge einkehrte. Mein Herr war schon schlafen gegangen; am nächsten Morgen weckte er mich sehr früh und sagte mir, wir müßten sofort nach Nogent-le-Rotrou reisen und von dort nach seiner Besitzung, die in der Umgegend dieser Stadt lag.

In vier Tagen war die Reise gemacht. Obwohl ich von seiner Familie so gut aufgenommen wurde wie nur ein treuer und eifriger Diener, so beharrte ich doch auf dem Plan, den ich seit einiger Zeit hegte, in meine Heimat zurückzukehren: ich hatte schon längere Zeit von dort weder Briefe noch Geld empfangen. Kaum waren wir wieder in Paris, so verabschiedete ich mich von meinem Herrn, der mich höchst ungern ziehen ließ.

Nachdem ich von ihm gegangen war, kehrte ich in ein Café am Chatelet ein, um auf den Mann zu warten, der mir meine Sachen bringen sollte. Eine Zeitung kommt mir unter die Hände, und das erste, was mir in die Augen fällt, ist der Bericht von der Verhaftung Villedieus. Er hatte sich erst ergreifen lassen, nachdem er zwei Agenten, die sich seiner bemächtigen wollten, über den Haufen geschossen hatte; er selbst wurde schwer verwundet. Zwei Monate später wurde er in Brügge hingerichtet.

Ich reiste also in aller Eile ab. Am dritten Tage stand ich vor Arras; ich betrat die Stadt abends, zur Zeit, da die Arbeiter von ihrer Arbeit zurückkommen. Ich stieg nicht direkt bei meinen Eltern ab, sondern bei einer meiner Tanten, und sie benachrichtigten meine Eltern. Die hatten schon geglaubt, ich seit tot; meine zwei letzten Briefe hatten sie nicht erhalten. Ich erfuhr nie, wodurch sie verloren gegangen oder ob sie unterschlagen worden waren.

Ich erzählte ihnen des langen und breiten von meinen Irrfahrten und fragte dann meinerseits nach den Neuigkeiten in der Familie; das brachte mich natürlich auch darauf, mich nach meiner Frau zu erkundigen. Da erfuhr ich, daß mein Vater sie eine Zeitlang bei sich aufgenommen hatte; ihre Ausschweifungen waren aber dermaßen skandalös geworden, daß man sie in Schande aus dem Hause jagen mußte. Sie war nun, wie es hieß, von einem Anwalt in der Stadt schwanger, der auch für sie sorgte; aber seit einiger Zeit hörte man nichts von ihr und kümmerte sich auch nicht weiter um sie.

Ich ließ mir ihretwegen auch keine grauen Haare wachsen: ich hatte eben an andere Dinge zu denken. Jeden Augenblick konnte ich entdeckt, verhaftet werden und meine Eltern in die größte Verlegenheit setzen. Die Zeit drängte, ich mußte einen Zufluchtsort finden, auf den die Aufmerksamkeit der Polizei weniger gerichtet war, als auf Arras.

Wir wandten uns nach einem Dorfe in der Umgegend, Ambercourt. Hier lebte ein ehemaliger Karmelitermönch, ein Freund meines Vaters. Er verstand sich dazu, mich bei sich aufzunehmen. Zu jener Zeit (1798) mußten noch die Priester den Gottesdienst heimlich abhalten, obwohl man sie nicht mehr anfeindete. Pater Lambert, mein Wirt, las die Messe in einer Art Scheune; da er nur einen gebrechlichen Greis zur Hilfe hatte, so erbot ich mich, das Amt eines Sakristans zu erfüllen, und ich benahm mich so gut dabei, als ob ich mein Lebtag nichts anderes getan hätte. Ebenso wurde ich Pater Lamberts Stütze bei dem Unterricht, den er den Kindern in der Nachbarschaft erteilte. Die Fortschritte meiner Schüler erregten sogar ein gewisses Aufsehen in der Umgegend, besonders, seitdem ich ein ausgezeichnetes Mittel erfunden hatte, diese Fortschritte zu fördern: ich schrieb nämlich meinen Zöglingen die Buchstaben mit Bleistift vor, und sie malten sie mit der Feder nach; Radiergummi tat das übrige. Die Eltern waren entzückt, nur fiel es den Kindern schwer, ohne den Lehrmeister zu schreiben. Aber die Bauern von Artois, obwohl sie selbst zu jeder Art von Betrug geneigt sind, hatten die Güte, den Trick nicht zu durchschauen.

Diese Art von Leben sagte mir ziemlich zu. In der Kleidung des Laienbruders, die von der Obrigkeit geduldet war, brauchte ich keinen Verdacht zu fürchten. Andererseits war das Essen, für das ich stets viel übrig hatte, recht gut, denn die Eltern schickten uns jeden Augenblick Bier, Geflügel oder Obst. Zudem hatte ich unter meinen Schülerinnen einige niedliche Bauernmädchen, die für meine Unterweisungen sehr gelehrig waren.

Eine Zeitlang ging alles recht gut vonstatten, aber endlich wurde man doch mißtrauisch gegen mich. Man belauschte mich, man verschaffte sich die Gewißheit, daß ich eine zu weitgehende Auffassung von meinen Pflichten hatte, und beschwerte sich bei Pater Lambert. Er sagte mir, welche Anklagen gegen mich erhoben wären, ich leugnete alles. Die Kläger verstummten, aber sie verdoppelten ihre Wachsamkeit. Eines Nachts, als ich, vom klassischen Eifer getrieben, gerade dabei war, einer sechzehnjährigen Schülerin in meinem Heuschober eine Lektion zu geben, packten mich vier Brauerknechte, rissen mir die Kleider vom Leibe, schleppten mich durch ein Hopfenfeld und peitschten mich mit Brennesseln und Disteln bis aufs Blut. Der Schmerz war so heftig, daß ich ohnmächtig wurde; als ich wieder zu mir kam, lag ich mitten auf der Landstraße, splitternackt, mit Striemen und Blut bedeckt.

Was war zu machen? Zu Vater Lambert zurückkehren, hieß, sich neuen Gefahren aussetzen. Es war noch nicht spät in der Nacht. Obgleich ich von einem glühenden Fieber verzehrt wurde, so machte ich mich auf den Weg zu einem meiner Onkel nach Mareuil. Ich kam um zwei Uhr morgens an, erschöpft vor Müdigkeit und angetan lediglich mit einer zerfetzten Matte, die ich neben einem Sumpf gefunden hatte. Zuerst lachte man gründlich über mein Abenteuer, dann wurde mir der ganze Körper mit einer Mischung von Sahne und Öl eingerieben.

Nach acht Tagen war ich wieder hergestellt und reiste nach Arras ab. Ich durfte aber unmöglich da bleiben: jeden Augenblick konnte die Polizei meinen Aufenthalt erfahren. Ich machte mich daher auf den Weg nach Holland, mit der Absicht, mich dort niederzulassen; das Geld, das ich mitnahm, erlaubte mir, es abzuwarten, bis sich die Gelegenheit zu irgendeiner nützlichen Beschäftigung bot.

Ich kam über Brüssel und erfuhr dort, daß die Baronin von J… sich in London, Antwerpen und Breda aufgehalten habe. Dann schiffte ich mich nach Rotterdam ein. Man hatte mir die Adresse einer Herberge gesagt, wo ich absteigen könnte. Dort traf ich einen Franzosen, der sich mit mir sehr befreundete und mich einigemal zum Essen einlud; er versprach mir auch, mir eine gute Stellung zu verschaffen. Ich erwiderte sein Entgegenkommen mit großem Mißtrauen, denn ich wußte, daß dem holländischen Staate alle Mittel gut genug waren, um für seine Marine zu werben. Aber all meiner Zurückhaltung zum Trotz gelang es meinem neuen Freunde doch, mich mit einer besonderen Art von berauschendem Likör betrunken zu machen. Am nächsten Morgen erwachte ich auf der Reede an Bord eines holländischen Kriegsschiffes. Nun war kein Zweifel mehr: der Suff hatte mich den „Seelenverkäufern“ (Sel Verkaaf) ausgeliefert. Ich lag an einem Mast ausgestreckt und dachte über dieses seltsame Verhängnis nach; da stieß mich ein Matrose von der Bemannung mit dem Fuß und sagte, ich müßte aufstehen, um die Schiffsuniform in Empfang zu nehmen. Ich tat, als ob ich ihn nicht verstände; nun erschien der Zeugmaat und wiederholte die Order auf französisch. Ich bemerkte darauf, ich sei ja nicht Matrose, da ich keinen Vertrag unterschrieben hätte. Er griff nach einem Tau, als wollte er mich schlagen; bei dieser Bewegung sprang ich auf, packte das Messer eines Matrosen, der unter dem großen Mast frühstückte, lehnte mich an die Kanone, und schwor, daß ich jedem, der mich anrührte, den Bauch aufschlitzen würde. Großer Lärm unter der Bemannung. Der Kapitän erschien auf dem Verdeck. Es war ein Mann von vierzig Jahren mit gutmütigem Gesicht; seine Manieren hatten nichts von der Barschheit, die den Seeleuten sonst eigen ist. Er hörte freundlich meine Weigerung an; das war aber auch alles, war er tun konnte, denn in seiner Macht stand es nicht, die Seeorganisation seiner Regierung zu ändern.

In England, wo der Dienst auf den Kriegsschiffen härter, weniger einträglich und vor allem weniger frei ist als auf den Handelsschiffen, rekrutierte sich die Staatsmarine noch mit der Hilfe der „Presse“. In Kriegszeiten wird das Preßsystem auch auf Handelsschiffen gehandhabt, wo die erschöpften und kranken Matrosen durch frisches und tüchtiges Menschenmaterial ersetzt werden sollten, aber im allgemeinen werden dort nur Leute genommen, deren Aussehen und Kleidung vermuten läßt, daß sie mit der See vertraut sind. In Holland dagegen verfuhr man zu jener Zeit, von der ich spreche, fast wie in der Türkei: wenn es dringend kam, warf man auf die Kriegsschiffe Maurer, Stallknechte oder Barbiere, Menschen also, die sonst sehr nützlich sind. Wenn bei Verlassen des Hafens ein Fahrzeug mit solcher Bemannung zum Treffen genötigt wird, dann werden alle Manöver falsch; dieser Umstand erklärt vielleicht, warum so viel türkische Fregatten von den miserablen griechischen „Misticks“ genommen oder in den Grund gebohrt werden.

So hatten auch wir Leute an Bord, deren Neigungen und Lebensgewohnheiten dem Marinedienst so fern lagen, daß es geradezu lächerlich erschien, sie dazu zu zwingen. Unter den zweihundert Matrosen, die wie ich „gepreßt“ worden waren, gab es höchstens zwanzig, die wirklich einmal ihren Fuß auf eine Schiffsplanke gesetzt hatten. Die meisten waren mit Gewalt oder mit Hilfe von Alkohol eingefangen worden; anderen hatte man frei Überfahrt nach Batavia versprochen, wo sie ihr Gewerbe ausüben wollten. Unter diesen befanden sich zwei Franzosen: der eine war Buchhalter aus der Bourgogne, der andere Gärtner aus Limoges – also, wie man sieht, beide ausgezeichnete Seeleute!

Zu unserem Trost sagten uns die Schiffsleute, daß man uns aus Furcht vor Desertionen wohl vor einem halben Jahr nicht ans Land gehen lassen würde. Das geschieht übrigens auch manchmal auf englischen Schiffen, wo der Matrose ganze Jahre seine Heimat nicht anders sieht, als von der Bramstange seines Schiffes. Um die Härte dieser Maßregel einigermaßen zu versüßen, läßt man an Bord einige der üblen Weiber kommen, von denen es in den Häfen wimmelt, und die man – ich weiß nicht aus welchem Grunde – Töchter der Königin Karoline nennt (Queen Carolines daughters). Die englischen Seeleute, von denen ich später diese Einzelheiten erfuhr, – die man buchstäblich glauben muß – fügten dabei hinzu, daß die puritanischen Kapitäne, um die Unsittlichkeit dieser Methode zu bemänteln, manchmal fordern, diese Damen müßten für Kusinen und Schwestern ausgegeben werden.

Mir, der ich ja schon seit langem mich für die Marine entschlossen hatte, wäre ja diese Lage an und für sich nicht zuwider gewesen, wenn ich nicht gezwungen worden wäre, und ich nicht die Sklaverei, mit der man mir drohte, in Aussicht gehabt hätte. Bei dem geringsten falschen Handgriff regnete es Schläge mit dem Tau, im Vergleich mit denen die Stockhiebe der Zuchthauswärter Bonbons waren.

Ich war verzweifelt. Zwanzigmal kam mir in den Sinn, meinem Peiniger eine Hißtauwinde an den Kopf zu werfen oder ihn ins Meer zuschleudern, wenn ich die Nachtwache hätte. Ich hätte eines dieser Vorhaben ganz bestimmt verwirklicht, wenn nicht der Leutnant, der einige Freundschaft für mich hatte, weil ich ihn fechten lehrte, meine Lage etwas gemildert hätte. Übrigens sollten wir uns unverzüglich nach Helwotsluis begeben, wo die „Heindrack“ vor Anker lag, unter deren Mannschaft wir aufgenommen werden sollten: unterwegs war es am Ende möglich, zu entkommen.

Als der Tag der Überfahrt gekommen war, schifften wir zweihundertundsiebzig Neuangeworbene uns auf einer kleinen Smacke ein, die fünfundzwanzig Leute Bemannung und fünfundzwanzig Soldaten zu unserer Bewachung an Bord führte. Diese schwache Besetzung bestärkte mich noch mehr in meinem Entschluß, der darin bestand, daß die Soldaten entwaffnet werden und die Mannschaft uns in die Nähe von Antwerpen bringen sollte. Hundertundzwanzig Neuangeworbene, Franzosen und Belgier, traten dem Komplott bei. Es wurde ausgemacht, daß wir die wachhabenden Soldaten in dem Moment überfallen sollten, wo die anderen bei der Mittagsmahlzeit waren, so daß wir leichtes Spiel haben müßten.

Dieser Plan ließ sich um so besser ausführen, als man nicht das geringste Mißtrauen gegen uns hegte. Der Offizier der Abteilung wurde gepackt, als er gerade beim Tee saß; ihm wurde jedoch nichts zuleide getan. Ein junger Mann aus Tournai, der als Superkargo angeworben, nachher aber zum gemeinen Matrosen gemacht worden war, setzte ihm mit soviel Beredsamkeit die Gründe für das, was er unseren „Aufstand“ nannte, auseinander, daß der Offizier sich ohne Widerstand mitsamt seinen Soldaten in das Zwischendeck des Schiffes setzen ließ. Die Matrosen wurden in ihrem Dienst belassen, nur hatte einer der Unsrigen, ein Dünkirchener, das Steuer ergriffen.

Die Nacht kam. Ich war dafür, daß das Schiff beigedreht werde, damit wir nicht am Ende auf ein Fahrzeug der Küstenwache stießen, mit der unsere überrumpelte Mannschaft sich durch Signale verständigen könnte; aber der Dünkirchener sträubte sich dagegen mit einer Beharrlichkeit, die Argwohn hätte erregen müssen. Man setzte also die Fahrt fort und gegen Morgen lag die Smacke vor den Kanonen eines Forts in der Nähe von Helwotsluis. Nun erklärte der Dünkirchener, er wolle ans Land steigen, um zu sehen, wo wir ohne Gefahr landen könnten. Ich sah sofort, daß wir verraten worden waren, aber nun ließ sich die Sache nicht mehr ändern. Die Signale waren wahrscheinlich bereits gewechselt, bei dem geringsten Manöver konnte uns das Fort in den Grund bohren. Nun hieß es abwarten. Bald stieß eine Barke mit zwanzig Mann von der Küste ab und legte an der Smacke an. Drei Offiziere bestiegen das Verdeck, ohne die geringste Furcht zu äußern, obwohl das Schiff der Schauplatz eines lebhaften Kampfes zwischen unseren Kameraden und den holländischen Matrosen war, die die Soldaten aus dem Zwischendeck befreien wollten.

Das erste Wort des ältesten der drei Offiziere war die Frage, wer der Rädelsführer der Verschwörung sei. Alles blieb stumm. Da ergriff ich das Wort und erklärte ihm auf französisch, daß durchaus keine Verschwörung stattgefunden habe. Wir wollten uns durch einen einstimmigen und unmittelbaren Akt dem Sklavenjoch entziehen, unter das man uns gebeugt hatte; wir hätten übrigens dem Kommandanten der Smacke nichts getan; er selbst könnte es bezeugen, ebenso die Matrosen, die ganz genau wüßten, daß wir ihnen nach der Landung bei Antwerpen das Schiff überlassen hätten. Ich weiß nicht, ob meine Rede eine Wirkung gehabt hat; nur hörte ich, während man uns an Stelle der freigelassenen Soldaten in das Zwischendeck sperrte, wie jemand zum Lotsen sagte: „Da wird wohl mehr als einer morgen an den Rahen bammeln.“

Die Smacke kam noch am selben Tage gegen vier Uhr in Helwotsluis an. Auf der Reede lag die „Heindrack“ vor Anker. Der Kommandant des Forts begab sich auf einer Schaluppe an Bord, und eine Stunde später wurde auch ich hingebracht. Dort fand ich einen Rat versammelt, der mich über die näheren Umstände der Revolte und die Rolle, die ich dabei gespielt hätte, befragte. Ich bestand darauf, wie ich es schon vor dem Kommandanten des Forts getan hatte, daß ich keinen Werbeakt unterschrieben hätte und daher mich im Rechte glaubte, meine Freiheit mit allen nur möglichen Mitteln wieder zu erlangen.

Man ließ mich abtreten; nun wurde der junge Mann aus Tournai vorgeführt, der den Führer der Smacke gefangen genommen hatte. Wir beide wurden für die Anstifter der Verschwörung erklärt, und bekanntlich fällt ja in solchen Fällen die Schuld und die Sühne auf dasselbe Haupt. Es handelte sich in der Tat um nichts mehr oder weniger, als gehangen zu werden. Zum Glück machte der junge Mann, den ich noch Zeit hatte zu instruieren, seine Aussagen in demselben Sinne wie ich; er beharrte darauf, daß die Anregung von keinem einzelnen ausgegangen sei, vielmehr sei allen zugleich die Idee gekommen, den Streich zu wagen. Wir konnten uns übrigens fest darauf verlassen, daß unsere Kameraden unseren Aussagen nicht widersprechen würden; sie legten das größte Interesse für uns an den Tag und gingen so weit, daß sie erklärten, im Falle man uns hänge, würde das Schiff in die Luft fliegen; sie würden Feuer in die Pulverkammer legen auf die Gefahr hin, die Reise in den Himmel selbst mitzumachen. Und es waren auch Burschen darunter, die dazu imstande wären.

Ob man sich vor der Verwirklichung dieser Drohungen und dem schlechten Beispiel fürchtete, das den Matrosen, die nach demselben System angeworben wurden, gegeben würde; oder ob der Rat wirklich einsah, daß wir uns innerhalb der Schranken rechtmäßiger Verteidigung gehalten hatten – man versprach uns, beim Admiral unsere Begnadigung zu erwirken unter der Bedingung, daß wir unsere Kameraden zum Gehorsam brächten. Wir versprachen alles, was man nur wollte, denn nichts macht gefügiger, als den Strick am Halse zu spüren.

Danach wurden unsere Kameraden an Bord des Schiffes gebracht und mit der Mannschaft, die sie ergänzen sollten, in die Zwischendecke verteilt. Alles verlief in der besten Ordnung. Es erhob sich nicht die geringste Klage, nicht die leiseste Unordnung war zu schlichten. Aber wir wurden allerdings auch nicht mißhandelt, wie an Bord der Smacke, wo der Zeugmaat Befehle nie anders austeilte, als mit dem Tauende in der Hand. Ich wurde mit einer gewissen Rücksicht behandelt, wohl weil ich den Soldaten Unterricht im Fechten erteilte; ich wurde sogar zum Bombardier ernannt, mit einem Monatssold von achtzehn Gulden.

Zwei Monate gingen auf diese Art hin, ohne daß die Nähe der englischen Kreuzer uns erlaubte, die Reede zu verlassen. Ich fühlte mich in meiner neuen Stellung nicht übel, ich dachte auch nicht daran, sie sobald aufzugeben. Aber da erfuhren wir, daß die französische Regierung Recherchen anstellte wegen der französischen Staatsangehörigen, die sich auf holländischen Schiffen befänden. Die Gelegenheit war günstig für diejenigen, die mit dem Dienst unzufrieden waren. Aber niemand machte von ihr Gebrauch, denn erstens wollte man uns ja nur haben, um uns in die französischen Linienschiffe zu stecken, die keineswegs besser waren, und außerdem hatten, wie ich annehmen mußte, die meisten meiner Kameraden ebenso wie ich allen Grund, sich nicht vor dem Polizeiagenten der Hauptstadt zu zeigen. Man schwieg also. Die Behörde ließ sich von der Schiffsverwaltung die Liste geben, aber das hatte durchaus keinen Erfolg, aus dem einfachen Grund, weil wir alle falsche Namen trugen. Wir glaubten, der Sturm sei vorüber. Indessen dauerten die Nachfragen fort; nur postierte man, anstatt weitere Umfragen anzustellen, in den Häfen und in den Kneipen Agenten, die alle Personen, die dienstlich oder mit Urlaub an Land kamen, untersuchen wollten. Da, während eines Landaufenthaltes, wurde ich verhaftet. Dafür habe ich noch lange dem Schiffskoch Dank bewahrt; der hat mich nämlich mit seiner persönlichen Feindschaft beehrt, seitdem ich mich beschwert hatte, daß er uns statt Butter Talg, und statt frischer Fische verdorbenen Kabliau vorsetzte.

Ich wurde zum Platzkommandanten geführt. Ich gab mich für einen Holländer aus. Die Sprache war mir geläufig genug, daß ich diese Angabe machen konnte. Dann forderte ich, unter Bewachung auf mein Schiff geführt zu werden, um meine Papiere zu holen. Nichts schien gerechtfertigter und einfacher zu sein – ein Unteroffizier erhielt den Befehl, mich zu begleiten; wir fuhren im selben Boot ab, das mich an Land gebracht hatte. Als wir am Schiff anlangten, ließ ich den guten Mann, mit dem ich mich unterwegs recht freundschaftlich unterhalten hatte, die Strickleiter vor mir hinaufsteigen. Kaum sah ich ihn an der Strickleiter hängen, da stieß ich das Boot ab und rief den Ruderern zu, sie sollten tüchtig zugreifen, denn es gäbe ein gutes Trinkgeld. Wir durchschnitten die Wellen, während mein Unteroffizier sich auf der Strickleiter wie toll gebärdet hat. Die Mannschaft verstand ihn nicht, oder wollte ihn nicht verstehen.

Als ich am Land angekommen war, eilte ich in ein mir bekanntes Haus, um mich dort zu verbergen. Ich war fest entschlossen, das Schiff zu verlassen, weil ich dort nicht wieder erscheinen konnte, ohne verhaftet zu werden. Da meine Flucht allen möglichen Verdacht gegen mich erwecken konnte, so verständigte ich mich auf jeden Fall mit dem Kapitän, und er gab mir die Vollmacht, zu tun, was ich für meine Sicherheit für richtig hielte.

Auf der Reede von Dünkirchen lag ein Korsarenschiff, die „Barras“, unter dem Kapitän Fromentin. Zu jener Zeit wurden die Fahrzeuge jener Art nie genau untersucht, sie hatten gewissermaßen ein Asylrecht. Das war also etwas für mich. Ich wandte mich an einen Korsarenleutnant, und dieser stellte mich Fromentin vor; Fromentin engagierte mich auf meinen Ruf als Fechtmeister.

Vier Tage später ging die „Barras“ unter Segel, um eine Kreuzfahrt nach dem Sund anzutreten. Das war am Anfang des Winters 1799, da die großen Stürme so viele Fahrzeuge in der Ostsee zugrunde richteten. Kaum waren wir auf hoher See, da erhob sich ein Nordwind, der der von uns eingeschlagenen Richtung gerade entgegen war. Es mußte beigedreht werden; das Schlingern war jedoch so stark, daß ich seekrank wurde und drei Tage lang nichts zu mir nehmen konnte, als etwas Branntwein mit Wasser gemischt. Die Hälfte der Mannschaft befand sich in derselben Verfassung: wir hätten von einem Fischerboot überrumpelt werden können.

Der Sturm legte sich endlich, der Wind wendete auf einmal nach Südwest, und die „Barras“, ein herrlicher Segler, der seine zehn Meilen in der Stunde machte, hatte bald wieder lauter gesunde Leute an Bord. Aber da rief die Wache im Mastkorb: „Ein Schiff Backbord!“

Der Kapitän ergriff das Fernglas und erklärte, es sei ein englischer Küstenfahrer unter neutraler Flagge, den der Wind von seinem Geschwader getrennt hätte. Man hißte die französische Flagge und segelte auf ihn mit vollem Winde zu. Beim zweiten Kanonenschuß legte er an, ohne die Enterung abzuwarten. Die Mannschaft wurde in den unteren Schiffsraum verstaut, und die Beute nach Bergen (Norwegen) gebracht: da fand die Ladung, die aus Holz bestand, bald ihre Käufer.

Ich blieb sechs Monate an Bord der „Barras“. Mein Anteil an der Beute begann mir recht stattliche Summen einzubringen, als wir einen Aufenthalt im Hafen von Ostende nahmen. Man hat bisher gesehen, daß diese Stadt für mich stets verhängnisvoll war; was mir aber diesmal dort begegnete, konnte mich schon zu einem unbegrenzten Fatalismus bringen.

Kaum waren wir im Hafen, als ein Kommissar, Gendarmen und Agenten an Bord erschienen und die Papiere der Schiffsmannschaft verlangten. Ich erfuhr nachträglich, daß der Anlaß zu diesem ziemlich ungewöhnlichen Verfahren ein Mord war, dessen Täter man auf dem Schiffe suchte.

Als die Reihe an mich kam, sagte ich, ich hieße Duval, und sei aus Lorient gebürtig; ich fügte ferner hinzu, meine Papiere seien in Rotterdam auf der Kanzlei der holländischen Marine liegen geblieben. Darauf erwiderte man nichts weiter, und ich glaubte schon, mich aus der Affäre gezogen zu haben.

Nachdem die hundertdrei Mann, die sich an Bord befanden, vernommen worden waren, rief man uns zu je acht auf und erklärte uns, wir würden nun auf das Stammrollenbureau gebracht werden, dort müßten wir unsere Erklärungen abgeben. Aber ich legte darauf nicht gerade allzu großen Wert und entschlüpfte an der ersten Straßenecke. Ich hatte bereits dreißig Schritte vor den Gendarmen voraus, als ein altes Weib, das die Wand ihres Hauses wusch, mir einen Besen zwischen die Beine warf. Ich fiel hin, die Gendarmen eilten herbei, man legte mir Handschellen an (die Menge Kolbenstöße und Säbelhiebe gar nicht zu zählen) und führte mich so gefesselt vor den Rekrutierungskommissar. Dieser hörte mich an und fragte mich, ob ich nicht aus dem Spital von Quimper entflohen sei. Ich sah mich gefangen, denn nun war „Duval“ ebenso gefährlich wie „Vidocq“. Ich entschied mich jedoch für den ersten Namen; er bot mehr Vorteile als der zweite, denn der Weg von Ostende nach Lorient war länger, als von Ostende nach Arras, bot also mehr Gelegenheit, zu entkommen.

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