Zweiundzwanzigstes Kapitel – Mürbe

Ich fing an, des ewigen Entspringens und der Scheinfreiheit, die es bot, müde zu werden. Das Bagno lockte mich zwar nur mäßig, aber schließlich war mir Toulon doch lieber als Paris, wenn ich mich noch weiter von Geschöpfen wie Chevalier, Blondy, Duluc und Saint-Germain hätte quälen lassen müssen. In dieser Stimmung befand ich mich inmitten einer großen Anzahl von Galeerensträflingen, die ich nur zu gut kannte; da machten mir einige von ihnen den Vorschlag, einen Fluchtversuch zu wagen. Zu jeder anderen Zeit hätte mich der Plan gereizt; ich verwarf ihn auch nicht, aber ich kritisierte ihn als Mann, der den Ort kennt. So wahrte ich mir jenes Übergewicht, das mir meine Erfolge einbrachte. Wenn man mit Verbrechern lebt, ist es immer vorteilhaft, als der geschickteste und geriebenste unter ihnen zu gelten.

Auf vier Sträflinge kamen stets mindestens drei, die von mir hatten sprechen hören; es gab keinen verwegenen Streich unter den Galeerensträflingen, den man nicht irgendwie mit meinem Namen in Verbindung setzte. Ich war gewissermaßen der General, dem alle Taten der Soldaten zugute kommen. Man nannte zwar keine Festungen, die ich gestürmt hätte, aber es gab keinen Gefängniswächter, den ich nicht hinters Licht geführt, keine Kette, die ich nicht gesprengt, keine Mauer, die ich nicht durchbrochen hätte. Mein Mut und meine Geschicklichkeit waren berühmt, und man wußte, daß ich nötigenfalls mein Leben aufs Spiel setzen würde. In Brest, in Toulon, in Rochefort, in Antwerpen – überall war ich unter den Dieben bekannt als einer der gerissensten und unerschrockensten. Die größten Verbrecher buhlten um meine Freundschaft, denn sie hofften, noch immer etwas von mir lernen zu können; die Neulinge lasen mir die Worte vom Munde ab. In Bicêtre hielt ich geradezu Hof: man drängte sich um mich, man umringte mich; ich genoß Vorteile und Rücksichten, von denen man sich keine Idee macht …

Aber jetzt war mir dieser Ruhm verhaßt; je mehr ich in den Seelen der Verbrecher las, je mehr sie sich vor mir entblößten, um so mehr fühlte ich mich bewogen, die Gesellschaft zu bedauern, die in ihrem Schoße ein solches Gezücht nährte. Ich hatte nicht mehr die Empfindung des gemeinsamen Unglücks, die mich früher einmal inspiriert hatte. Grausame Erfahrungen und mein reifes Alter zeigten mir die Notwendigkeit, mich von diesem Verbrechervolk zu trennen, dessen Lebensweise und dessen widerwärtige Sprache ich verachtete.

Ich war entschlossen, zur Partei der ehrlichen Leute überzugehen, was auch daraus entstehen mochte. Und so schrieb ich von neuem an Henry und bot ihm meine Dienste an. Als Bedingung stellte ich lediglich, nicht ins Bagno zurückgeführt zu werden, und erklärte mich damit einverstanden, in irgendeinem beliebigen Gefängnis meine Tage zu enden.

Mein Brief setzte die Nachweisungen, die ich führen konnte, so genau auseinander, daß Henry von ihnen überzeugt wurde. Die Tatsachen, die ich anführte, sprachen mächtig zu meinen Gunsten. Henry unterbreitete meine Bitte dem Polizei-Präfekten Pasquier, und dieser entschied sich, sie zu gewähren. Nach zweimonatlichem Aufenthalt in Bicêtre wurde ich in das Untersuchungsgefängnis zurückgebracht. Um allen Verdacht zu vermeiden, wurde unter den Gefangenen das Gerücht verbreitet, ich sei in eine sehr schlimme Geschichte verwickelt, deren Untersuchung nun beginnen sollte. Dieses Gerücht setzte mich in Anbetracht meines Rufes in guten Kredit.

Die Verpflichtung, die ich übernommen hatte, war nicht so leicht zu erfüllen, als man glauben könnte. Ich hatte zwar mit der Zeit einen Haufen Verbrecher kennen gelernt. Aber durch Ausschweifungen aller Art, durch Hinrichtungen, durch das schreckliche Leben in den Zuchthäusern und Gefängnissen, und durch das Elend dezimiert, war die schauerliche Generation mit einer unbegreiflichen Schnelligkeit ausgestorben; ein neues Geschlecht nahm den Schauplatz ein, und ich kannte nicht einmal seine Namen. Ich kannte nicht einmal die Notabilitäten dieser Generation. Damals machte eine große Anzahl von Dieben die Hauptstadt unsicher; es wäre mir unmöglich gewesen, auch nur den geringsten Anhaltspunkt über ihre Anführer zu geben, wenn nicht mein ehemaliger Ruf mich instand gesetzt hätte, mit diesen Beduinen der Zivilisation in Verbindung zu treten. Mein Renomee nützte mir, ich will nicht sagen, über alle Erwartungen, aber doch soweit ich es wünschen konnte. Kein Dieb kam in die Untersuchungshaft, der nicht meine Bekanntschaft suchte. Wenn er mich nie vorher gesehen hatte, so wollte er, um sich in den Augen seiner Kameraden einen Nimbus zu verleihen, wenigstens zu mir in Beziehungen gestanden haben. Ich schmeichelte dieser sonderbaren Eitelkeit und kam so ganz unmerklich manchen Entdeckungen auf die Spur. Mir flossen Nachrichten in Menge zu, und nichts hinderte mich, meine Aufgabe aufs beste zu erfüllen.

Um eine Vorstellung von dem Einfluß zu geben, den ich auf die Gemüter der Sträflinge ausübte, brauche ich nur zu sagen, daß ich ihnen nach Belieben meine Ansichten, meine Neigungen, meine Gefühle einimpfte. Sie dachten wie ich und schworen auf mich. Wollte man einem Mitgefangenen übel mitspielen, weil er für einen Spitzel gehalten wurde, so brauchte ich mich nur für ihn zu verwenden, und er war im Nu rehabilitiert. Ich war zugleich ein mächtiger Beschützer und ein Bürge für verdächtige Offenherzigkeit.

Der erste, dessen Gewährsmann ich auf diese Art wurde, war ein junger Mann, der beschuldigt war, als Geheimagent im Dienste der Polizei zu stehen. Man behauptete, er sei vom General-Inspektor Veyral bezahlt, und man erzählte sich, daß er, als er einmal beim Inspektor Bericht erstattete, das Silbergeschirr gestohlen habe … Bei einem Inspektor stehlen – das war nicht schlimm, aber Bericht erstatten! … Dies war das ungeheuerliche Verbrechen, das dem Coco Lacour (er ist jetzt mein Nachfolger) zur Last gelegt wurde.

Coco wurde vom ganzen Gefängnis bedroht, gejagt, gestoßen, mißhandelt; er wagte sich nicht mehr in den Hof, wo er unfehlbar niedergemacht worden wäre. Coco suchte meinen Schutz; und um mich zu seinen Gunsten zu stimmen, begann er mir Geständnisse zu machen, die ich gut zu verwerten wußte. Zunächst benutzte ich meinen Einfluß, um seine Versöhnung mit den anderen Gefangenen herbeizuführen, die ihre Rachepläne aufgaben – einen größeren Dienst konnte man ihm nicht erweisen. Sowohl aus Dankbarkeit wie aus Rachebedürfnis hatte Coco bald kein Geheimnis mehr vor mir. Eines Tages wurde er vor den Untersuchungsrichter geladen.

„Weiß Gott,“ sagte er bei seiner Rückkehr, „ich habe Glück … keiner der Kläffer hat mich erkannt. Aber ich bin noch nicht raus: es gibt in der Welt noch so einen verdammten Portier, den ich um eine silberne Uhr erleichterte habe. Da ich mich mit ihm dabei ziemlich lange unterhalten mußte, so werden sich wohl meine Züge seinem Gedächtnis eingeprägt haben. Wenn der vorgeladen würde, dann könnte eine Konfrontation für mich verhängnisvoll werden. Portiers haben ja ohnehin ein gutes Personengedächtnis,“ fügte er hinzu.

Diese Bemerkung war richtig. Aber ich versicherte Coco, daß man wohl kaum diesen Menschen auftreiben würde und wenn er’s bis jetzt nicht getan hätte, so würde er sich auch später nicht von selbst melden. Um ihn in dieser Ansicht zu bestärken, sprach ich ihm von der Sorglosigkeit und Trägheit gewisser Leute, die nie aus ihrem Viertel herauskommen. Diese Bemerkung veranlaßte Coco, das Viertel zu nennen, in dem der Eigentümer der Uhr wohnte: mir fehlte nur noch Straße und Hausnummer, um alles zu wissen. Aber ich hütete mich wohl, näher zu fragen – das hätte mich verraten können. Das Gegebene schien mir genug. Ich benachrichtigte Henry davon, und er setzte seine Agenten in Bewegung. Das Resultat war so, wie ich es vorausgesehen hatte: man trieb den Portier auf; Coco wurde mit ihm konfrontiert und überwiesen. Das Gericht verurteilte ihn zu zwei Jahren Gefängnis.

Noch nie hatte die Polizei so wichtige Entdeckungen gemacht, als zur Zeit meines Eintritts in ihren Dienst. Kaum hatte ich mich mit der Polizei verbunden, und schon war viel getan, nicht nur für die Sicherheit der Hauptstadt, sondern auch für die des ganzen Landes. Alle meine Erfolge aufzählen, das hieße die Geduld meiner Leser erschöpfen.

Mein Aufenthalt in Bicêtre und im Untersuchungsgefängnis umfaßte eine Zeit von einundzwanzig Monaten, während der kein Tag verging, ohne daß ich der Polizei irgendeinen wichtigen Dienst erwies. Ich glaubte, ich hätte ewig Spitzel bleiben können, so fern war man dem Gedanken, in mir einen Agenten der Polizei zu vermuten. Selbst die Türschließer und die Wärter hatten keine Ahnung von der Mission, die mir anvertraut war. Ich wurde von den Dieben geradezu angebetet, die rohesten Banditen achteten mich, – auch diese Leute kennen ein Gefühl, das sie Achtung nennen. Ich konnte zu jeder Zeit auf ihre Ergebenheit rechnen. Sie hätten für mich durchs Feuer gehen mögen. Zum Beweis will ich anführen, daß in Bicêtre ein gewisser Mardargent sich mehrmals mit anderen prügelte, als sie behaupteten, ich sei aus der Untersuchungshaft entlassen, weil ich im Dienste der Polizei stände.

Henry unterließ nicht, dem Polizeipräfekten von den zahlreichen Entdeckungen Mitteilung zu machen, die meiner Rührigkeit zu verdanken waren. Er stellte mich als einen Mann dar, auf den man sich unbedingt verlassen könne, so daß der Präfekt schließlich in meine Entlassung einwilligte. Es wurden alle Maßregeln ergriffen, damit niemand etwa glaube, ich sei in Freiheit gesetzt worden. Man holte mich aus dem Untersuchungsgefängnis unter den strengsten Vorsichtsmaßregeln ab. Mir wurden Handfesseln angelegt, und ich bestieg den grünen Wagen. Aber es war ausgemacht, daß ich unterwegs flüchten würde, und ich flüchtete auch. Am selben Tage noch war die ganze Polizei auf den Beinen, um mich zu verfolgen. Diese Flucht erregte viel Aufsehen, besonders im Untersuchungsgefängnis, wo meine Freunde sie hoch feierten: sie tranken auf mein Wohl und wünschten mir eine glückliche Reise!

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

<< Einundzwanzigstes Kapitel – Die HetzeDreiundzwanzigstes Kapitel – Spitzel >>
Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]