Zweites Kapitel – Musik auf der Guillotine

 

Als ich in die Stadt einzog, war ich ganz betroffen von dem Ausdruck der Bestürzung, der auf allen Gesichtern lag. Jeder, den ich darüber befragte, sah mich mißtrauisch an und ging schnell weiter, ohne mir zu antworten. Was mochte da nur Außerordentliches vorgehen? Nachdem ich mich durch die Menge, die sich in den düsteren, schmutzigen Straßen umhertrieb, durchgearbeitet hatte, kam ich bald auf den Fischmarkt. Da, das erste Ding, das mir wie ein Schlag vor Augen trat, war die Guillotine, die mit roten Planken über die schweigende Menge ragte. Ein Greis lag festgebunden auf dem Unglücksbrett, wie ein Schlachtopfer … Plötzlich höre ich Trompetenstöße. Auf der Estrade war ein Orchester und an der Spitze saß ein noch junger Mann in einem Revolutionsmantel, den man damals Carmagnole nannte, mit schwarzen und blauen Streifen benäht. Dieser Mann, dessen Gebärde eher mönchische als militärische Gewohnheiten andeutete, stützte sich nachlässig auf einen Kavalleriesäbel; der ungeheure Korb des Säbels stellte eine Freiheitsmütze dar. In seinem Gürtel steckten ein paar Pistolen, und auf seinem Hut, der auf spanische Art aufgeschlagen war, schwankte eine Feder, bemalt in den nationalen drei Farben: ich erkannte Joseph Lebon. (Dieser berühmte Revolutionär war zuerst Priester gewesen und übte später als außerordentlicher Kommissär des Nationalkonvents eine terroristische Gewalt aus.) In diesem Moment belebte sich sein gemeines Gesicht durch ein widerwärtiges Lächeln. Er hörte auf, den Takt mit dem linken Fuß zu schlagen, die Trompetenstöße brachen ab: er gab ein Zeichen und der Greis wurde unters Messer geschoben. Eine Art Gerichtsschreiber erschien jetzt, halb betrunken, an der Seite des „Rächers des Volkes“ – nämlich des Scharfrichters – und las mit krächzender Stimme einen Erlaß der Rhein- und Moselarmee vor. Bei jedem Paragraphen blies das Orchester einen Akkord, und als die Verlesung zu Ende ging, beim Schrei des „Es lebe die Republik!“ fiel das Haupt des Unglücklichen.

Ich bin nicht imstande, den Eindruck, den diese entsetzliche Szene auf mich machte, wiederzugeben. Ich kam bei meinem Vater fast ebenso entseelt an wie derjenige, dessen Todeskampf ich eben auf so grausame Weise hatte in die Länge ziehen sehen. Hier erfuhr ich nun, daß es ein Herr von Mongon, ehemaliger Kommandant der Zitadelle, gewesen war, den man „wegen Aristokratie“ verurteilt hatte. Wenige Tage vorher hatte man auf demselben Platz Herrn von Vieux-Pont hingerichtet; sein ganzes Verbrechen bestand darin, daß er einen Papagei besaß, in dessen Geschwätz man den Ruf: „Es lebe der König!“ zu erkennen geglaubt hatte. Beinah hätte der Vogel das Los seines Herrn teilen müssen, und man erzählte, daß er seine Begnadigung nur der Fürbitte der Bürgerin Lebon zu verdanken hatte, die es auf sich nahm, ihn zu bekehren. Die Bürgerin Lebon war eine ehemalige Nonne aus der Abtei du Vivier. Sie übte einen großen Einfluß auf die Mitglieder der Kommission von Arras aus, in der als Richter wie als Geschworener ihr Schwager und drei ihrer Onkel saßen. Die Exnonne war ebenso geld- wie blutgierig. Eines Abends im Theater hielt sie plötzlich eine Rede ans Parterre: „Hallo, ihr Sansculotten, für wen guillotiniert man denn, zum Teufel! Ihr müßt die Vaterlandsfeinde anzeigen! Kennt ihr irgendeinen Adligen oder Reichen oder Aristokratenkaufmann? Zeigt ihn an, und ihr sollt seine Taler haben!“ Der Scheußlichkeit dieses Wesens kam nur noch die ihres Mannes gleich, der sich allen nur denkbaren Ausschweifungen hingab. Oft sah man ihn, wie er nach seinen Orgien durch die Stadt lief, an alle jungen Menschen obszöne Aufforderungen richtete, einen Säbel über seinem Kopf schwang und den Frauen und Kindern Pistolenschüsse ins Ohr feuern ließ.

Eine ehemalige Apfelverkäuferin mit einer roten Mütze auf dem Kopf, die Ärmel bis an die Schultern zurückgeschlagen, lief gewöhnlich mit ihm, einen langen Haselnußstock in der Hand; und oft begegnete man den beiden Arm in Arm. Dieses Weib, die man mit einer Anspielung auf die berühmte Revolutionsgestalt des Père Duchesne „Mère Duchesne“ genannt hatte, spielte bei vielen Volksfeiern die Göttin der Freiheit. Sie nahm regelmäßig teil an den Sitzungen der Kommission, deren Verhaftsbefehle sie durch ihre Ansprachen und Denunziationen vorbereitete. So ließ sie einmal alle Bewohner einer Straße guillotinieren.

Ich habe mich oft gefragt, wie es möglich ist, daß inmitten so unseliger Umstände die Lust an Unterhaltungen und Vergnügungen nichts von ihrer Intensität verliert. Jedenfalls bot mir Arras dieselben Zerstreuungen wie früher dar. Die Mädchen waren da noch ebenso leichtsinnig, und ich konnte mich mit Vergnügen davon überzeugen, denn ich schwang mich in wenigen Tagen stufenweise in meinen Liebesaffären von der jungen und hübschen Constance, der einzigen Tochter des Korporals Latulipe – Kantinenwirt der Zitadelle – bis zu den vier Töchtern eines Notars auf, der seinen Arbeitsraum an der Ecke der rue des Capucins hatte. Es wäre nun gut gewesen, wenn ich dabei stehengeblieben wäre, aber ich erkühnte mich, meine Huldigungen einer Schönheit in der rue de Justice darzubringen, und dabei stieß ich auf einen Rivalen. Der war ein ehemaliger Regimentsmusiker, und einer von den Männern, die sich nicht gerade mit Erfolgen brüsten, welche sie nicht davongetragen haben, aber doch durchblicken lassen, daß man ihnen nichts verweigert hat. Ich warf ihm eine Prahlerei der Art vor, er wurde zornig, ich forderte ihn, er gab nach, und schon hatte ich alle Wut vergessen, als mir zu Ohren kam, daß er beleidigende Gerüchte über mich ausgestreut hatte. Ich verlangte darüber Rechenschaft von ihm, doch vergebens, und es gelang mir erst, ihn zu bewegen auf den Kampfplatz zu kommen, als er von mir in Gegenwart von Zeugen die schlimmste aller Demütigungen erlitten hatte. Das Zusammentreffen sollte am Morgen des folgenden Tages stattfinden. Ich war pünktlich da; aber kaum kam ich an, da sah ich mich schon von einer Truppe Gendarmen und Polizisten umgeben, die mir meinen Säbel abforderten und mich ihnen folgen ließen. Ich gehorchte und bald schlossen sich die Türen des Gefängnisses hinter mir. Der Gefangenenwärter Beaupré – den Kopf mit einer roten Mütze bedeckt, und von zwei ungeheuren schwarzen Hunden begleitet, die ihn nie verließen – führte mich in eine große Kellerwölbung, wo er die vornehmsten Einwohner der Gegend eingesperrt hatte. Da waren sie jeder Verbindung mit der Außenwelt beraubt, kaum war es ihnen erlaubt, Nahrungsmittel von draußen zu erhalten, und die Nahrungsmittel bekamen sie immer erst von Beaupré, nachdem er seine abscheulich schmutzigen Hände hineingesteckt hatte, um sich in aller Vorsicht zu überzeugen, ob nicht eine Waffe oder ein Schlüssel darin sei. Wenn jemand murrte, so sagte er dem: „Mit dir ist ein schweres Leben … wer weiß,ob du nicht morgen drankommst? Warte mal … wie heißt du doch gleich? – Ach ja, so so – ei freilich, ja, morgen!“ Und die Prophezeiungen Beauprés gingen immer in Erfüllung, denn er selbst war es, der die Verurteilten dem Joseph Lebon bezeichnete; und Lebon pflegte ihn gewöhnlich nach dem Mittagessen zu Rate zu ziehen, und fragte ihn regelmäßig: „Wen werden wir also morgen ins Bad schicken?“

Diese ganze Situation machte mich indessen doch etwas unruhig. Alle Tage schickte man Menschen aufs Schafott, die die Ursache ihrer Verhaftung ebensowenig kannten wie ich. Dann wußte ich auch, daß es Beaupré mit der Zahl der Todeskandidaten peinlich genau nahm und sich sonst sehr wenig um ihre weiteren Eigenschaften kümmerte, und daß er oft, wenn er nicht gleich die Verurteilten herausfand, den ersten besten griff und zum Scharfrichter schickte, damit nur ja der Dienst nicht gestört würde. Ich konnte jeden Augenblick in die Hände Beauprés fallen, und diese Aussicht war nicht sehr beruhigend.

Ich saß schon sechzehn Tage in Gefangenschaft, als man uns den Besuch Joseph Lebons ankündigte. Er kam in Begleitung seiner Frau, und die bedeutendsten Terroristen des Landes waren mit ihm; unter ihnen erkannte ich den ehemaligen Perückenmacher meines Vaters, und einen Brunnenbauer namens Delmotte. Ich bat beide, ein Wort zu meinen Gunsten einzulegen. Sie versprachen es mir, und ich erhoffte mir davon einen um so größeren Erfolg, als sie sehr in Gunst standen. Währenddessen raste Joseph Lebon durch die Säle und verhörte die Gefangenen mit wilder Miene, indem er so tat, als habe er sie über die scheußlichsten Vergehen zu vernehmen. Als er zu mir kam, sah er mich scharf an und sagte in einem Ton, der halb hart, halb spaßhaft war: „Ach sieh mal einer an, du bist es, François! Du unterstehst dich, ein Aristokrat zu sein; du sprichst übel von den Sansculotten, du bedauerst die Bourbonen. Nimm dich in acht, daß ich dich nicht in den Backofen stecke! – Übrigens schick’ mir doch mal deine Mutter!“ Ich machte ihm bemerklich, daß ich meine Mutter nicht sehen könne, da ich im Gefängnis sei. „Beaupré,“ sagte er zum Gefängniswärter, „laß die Mutter Vidocq herkommen!“ Und er ging und ließ mich voller Hoffnung, denn er hatte mich offensichtlich mit einer ganz besonderen Gnade behandelt. Zwei Stunden später sah ich meine Mutter ankommen. Sie teilte mir mit, was ich noch nicht wußte, daß mein Denunziant jener Musiker war, den ich zum Duell gefordert hatte. Die Denunziation lag in den Händen eines erbitterten Jakobiners, des Terroristen Chevalier, der aus Freundschaft für meinen Rivalen mir gewiß übel mitgespielt hätte, wenn nicht seine Schwester auf die flehentlichen Bitten meiner Mutter ihn bewogen hätte, meine Freilassung anzuregen. Als ich aus dem Gefängnis kam, wurde ich mit großer Feierlichkeit in die patriotische Gesellschaft geführt, wo man mich Treue der Republik, Haß den Tyrannen schwören ließ. Ich schwor durchaus alles, was man von mir verlangte.

Und nun konnte ich wieder zu meinen Kameraden zurückkehren, die sich wirklich sehr freuten, mich wiederzusehen. Nach allem, was vorgegangen war, wäre es Mangel an Dankbarkeit gewesen, wenn ich nicht Chevalier als meinen Befreier betrachtet hätte. Ich machte einen Besuch, um mich zu bedanken, und ich sagte seiner Schwester, wie tief ich gerührt sei von dem Interesse, das sie so gütig an einem armen Gefangenen genommen hätte. Diese Frau, eine der leidenschaftlichsten Brünetten, deren große, schwarze Augen indes nicht für ihre Häßlichkeit entschädigten, glaubte, ich sei verliebt in sie, weil ich höflich war. Sie nahm Liebenswürdigkeiten, die ich ihr sagte, buchstäblich, und gleich von der ersten Begegnung an täuschte sie sich so sehr über meine Gefühle, daß sie eine große Neigung zu mir faßte. Es wurde auch von unserer etwaigen Verbindung gesprochen. Man sondierte hierüber bei meinen Eltern, aber die gaben zur Antwort, achtzehn Jahre sei noch recht jung fürs Heiraten, und so zog sich die Sache in Länge.

Unterdessen organisierte man in Arras die Bataillone des Landsturms. Ich wurde mit sieben anderen Unteroffizieren berufen, das zweite Bataillon einzuexerzieren. Unter diesen Unteroffizieren befand sich auch ein Korporal von den Grenadieren des Regiments Languedoc, namens César. César ist heute bescheidener Feldwächter in Colombe oder in Puteaux bei Paris. Aber damals wurde er zum Adjutantmajor ernannt. Wir alle gaben auch Fechtunterricht. Das trug uns etwas Geld ein, aber das Geld reichte bei weitem nicht hin, unsere Bedürfnisse und Launen zu befriedigen. Man hatte uns in Saint-Silvestre-Capelle, bei Bailleul, in Garnison gelegt.

Unser Appetit wurde dadurch verdoppelt, daß der Bürgermeister, bei dem mein Kamerad und ich wohnten, eine ausgezeichnete Tafel führte. Wir mochten anstellen, was wir wollten, um uns in dem Hause Gunst zu gewinnen und ein paar nette Sachen zu essen zu kriegen – es half alles nichts, denn eine ältere Haushälterin, Sixca, kam uns immer in die Quere und vereitelte alle unsere gastronomischen Pläne. Wir waren ganz wild vor Verzweiflung und Appetit.

Endlich fand César das Geheimnis, um den Zauber, der uns so unbesieglich von dem Tische des Bürgermeisters entfernt hielt, zu brechen: Auf seine Anweisung hin kam eines Morgens der Tambourmajor unter die Fenster der Bürgermeisterei und ließ Tagwache schlagen. Man kann sich den Lärm vorstellen. Endlich kam auch die alte Megäre, und sie flehte uns um unsere Fürsprache an, damit das Getöse ein Ende habe. César versprach ihr mit süßer Miene, sein Möglichstes zu tun, daß sich nicht ein gleicher Lärm noch einmal erhebe. Dann lief er zum Tambourmajor und empfahl ihm am anderen Morgen den Radau auf solche Art loszulassen, daß er die Toten des benachbarten Kirchhofs aufwecken könnte. Und damit die Sache nicht halb getan sei, befahl er dem Tambourmajor, seine Trommelschüler hinter unserem Hause einzuexerzieren. Nun hätte auch ein Taubstummer nicht mehr standgehalten. Die Alte gab sich geschlagen, sie lud uns, den hinterlistigen César und mich, auf liebenswürdige Weise ein, aber das war uns nicht genug, die Trommeln setzten ihr Konzert fort, und das endete erst, als auch der ehrenwerte Regimentstambour ebenso wie wir zum Tisch des Bürgermeisters eingeladen war. Von nun an hörte man keinen Trommelschlag mehr in Saint-Silvestre-Capelle.

Alle Welt lebte harmlos und in Frieden, ausgenommen ich. Denn eines Tages hatte die Alte angefangen, mich mit ihren fürchterlichen Gunstbezeugungen zu bedrohen. Diese unglückliche Neigung führte einen Auftritt herbei, dessen man sich sicher in der Gegend noch erinnert, so großes Aufsehen erregte er.

Es war gerade Kirchweih. Man singt, man tanzt, man trinkt vor allem, und ich lege mich dabei so tüchtig ins Zeug, daß man mich ins Bett tragen muß. Am anderen Morgen erwache ich vor Tagesanbruch. Wie das immer so ist, wenn man bei wüsten Gelagen war, hatte ich einen schweren Kopf, trockenen Mund und einen schlechten Magen. Ich will trinken, aber während ich mich aufrichte, fühle ich, wie eine Hand, die so kalt ist wie der Strick eines Ziehbrunnens, sich um meinen Hals legt. Mein Kopf ist noch ganz geschwächt von den Exzessen des Abends, und so stoße ich einen wilden Entsetzensschrei aus. Der Bürgermeister, der im Zimmer nebenan schlief, eilt sofort mit seinem Bruder und einem alten Diener herbei, alle mit Knüppeln bewaffnet. César war noch nicht zurückgekommen. Aber unterdes hatte ich schon nachgedacht, und war darauf gekommen, daß der nächtliche Besucher niemand anders sein konnte als Sixca. Dennoch stellte ich mich sehr erschrocken und sagte den Herbeieilenden, irgendein Geist habe sich an meine Seite gelegt und sei soeben unters Bett geschlüpft. Man fängt also an, auf das gespenstische Wesen loszuhauen. Da endlich merkt Sixca, daß die Sache gefährlich wird, und schreit: „He, ihr Herren, schlagt doch nicht, ich bin es ja, Sixca … Ich hab’ mich ja nur im Traum neben den Offizier gelegt!“

Aber diese Geschichte machte im ganzen Bezirk großen Lärm, und sie drang sogar bis nach Cassel und trug mir dort einige nette Abenteuer ein. Ich hatte unter anderen eine sehr schöne Limonadenverkäuferin – ich würde sie gar nicht erwähnen, aber sie war die erste, die mich lehrte, daß ein netter Junge am Büfett gewisser Cafés Kleingeld zurückbekommen kann auf eine Münze, die er nicht zum Wechseln gegeben hat.

Drei Monate später trafen wir mit den Österreichern zusammen. In der Nacht hatte der Feind unsere Vorposten überfallen. Wir stellten uns eiligst in Reih und Glied auf. In diesem nächtlichen Gefecht entwickelte unsere junge Landsturmtruppe solche Besonnenheit und solche Tapferkeit, wie man sie wohl nur bei Franzosen finden kann. Endlich nach einem sehr lebhaften Handgemenge wurden wir gezwungen, ins Hauptquartier uns zurückzuziehen. Ich empfing den Glückwunsch meines Generals und eine Anweisung für das Spital von Saint-Omer; denn ich war von zwei Säbelhieben getroffen worden, als ich mich gegen einen österreichischen Husaren schlug, der mir bis zum letzten Moment auf deutsch unablässig zuschrie: „Ergib dich, ergib dich!“ Meine Verwundungen waren aber nicht sehr schwer, denn schon nach zwei Monaten war ich wieder imstande, ins Bataillon einzutreten. Bald darauf sah ich jenes seltsame Korps, das man die „Revolutionsarmee“ nannte.

Die Leute waren mit Piken und roten Mützen versehen, und überall führten sie die Guillotine mit sich. Es hieß, der Konvent habe kein besseres Mittel gefunden, sich der Treue der Offiziere von vierzehn Armeen, die ihm dienten, zu versichern, als daß er ihnen beständig dieses Instrument der Todesstrafe für Verräter vor Augen hielt. Aber diese düstere Maschine ließ die Bevölkerung der Gegenden, durch die sie gefahren wurde, fast vor Furcht sterben. Den Militärs schmeichelte ihre Anwesenheit auch nicht gerade, und wir hatten sehr oft Streitigkeiten mit den Sansculotten, die man „Die Garde-du-Corps der Guillotine“ nannte. Eines Tages fand einer ihrer Anführer es eigentümlich, daß ich goldene Epauletten trüge, während das Reglement vorschrieb, wollene zu tragen. Ich ohrfeigte ihn. Aber diese Unbesonnenheit wäre mir teuer zu stehen gekommen, wenn man mir nicht die Mittel verschafft hätte, nach Cassel zu entkommen. Dort traf ich wieder mein Korps; aber es wurde gerade abgedankt, wie damals alle Landsturmbataillone. Die Offiziere wurden wieder gemeine Soldaten, und in dieser Eigenschaft wurde ich auch ins achtundzwanzigste Freiwilligenbataillon gesteckt, einem Teil jener Armee, die die Österreicher aus Valenciennes und der Condé verjagen sollte.

In der Meierei, wo ich in Kantonierung wohnte, kam eines Tages die ganze Familie des Besitzers eines Lastkahnes an, der Mann, die Frau und zwei Kinder, von denen das eine ein Mädchen von achtzehn Jahren war, die überall die Blicke auf sich zog. Die Österreicher hatten ihnen ein Schiff mit einer Haferladung – dies repräsentierte das ganze Vermögen der Familie – weggenommen, und die armen Leute hatten nur noch die Kleider, die sie auf dem Leibe trugen. Sie suchten Zuflucht bei meinem Wirt, der mit ihnen verwandt war. Die ganzen Umstände ihrer schlimmen Situation und vielleicht auch die Schönheit des jungen Mädchens – sie hieß Delphine – rührten mich.

Während ich auf Rekognoszierung ging, hatte ich das Schiff gesehen; der Feind entlud es nur allmählich und nach Maßgabe der Futterverteilung. Ich schlug zwölf meiner Kameraden vor, den Österreichern ihre Beute wieder abzunehmen. Der Oberst gab seine Einwilligung dazu und in einer regnerischen Nacht machten wir uns an das Schiff heran. Die Bordwache hatte uns nicht bemerkt; wir schickten sie zu den Fischen der Schelde und gaben ihr fünf Bajonettstiche mit auf den Weg. Die Frau des Schiffsbesitzers, die durchaus hatte mit uns gehen wollen, lief sofort auf einen Sack mit Gulden zu, den sie im Hafer verborgen hatte, und bat mich, ihn zu mir zu nehmen. Wir lösten sofort die Schiffstaue, um das Schiff bis zu einem Platz treiben zu lassen, wo wir einen verschanzten Posten hatten. Aber im Moment, da es sich zu bewegen begann, wurden wir überrascht von dem „Wer da?“ eines Postens, den wir nicht inmitten des Rosengebüsches, von dem er umgeben war, bemerkt hatten. Sofort beim ersten Flintenschuß, von dem der zweite Anruf begleitet war, trat der benachbarte Posten ins Gewehr. In einem Augenblick war das Ufer von Soldaten bedeckt, die ein Hagelfeuer von Kugeln auf das Schiff regnen ließen. Wir mußten das Schiff also wieder verlassen. Meine Kameraden und ich sprangen in eine Schaluppe, die uns an Bord geführt hatte; ebenso die Frau. Aber der Schiffer, den wir in dem Getümmel vergessen hatten, oder den eine letzte Spur von Hoffnung zurückhielt, fiel in die Hände der Österreicher, die ihn weder mit Faustschlägen noch mit Peitschenhieben verschonten. Dieser Versuch hatte uns drei Mann gekostet; mir selbst waren zwei Finger von einem Schuß zerschmettert worden. Nun verschwendete Delphine an mich ihre zärtlichsten Sorgen. Ihre Mutter hatte nach Gent reisen müssen, wohin, wie sie wußte, ihr Mann als Kriegsgefangener geschickt worden war, und wir begaben uns unsererseits nach Lille. Dort wartete ich meine Heilung ab. Da Delphine einen Teil des im Hafer wiedergefundenen Geldes hatte, führten wir ein ziemlich lustiges Leben. Schließlich dachten wir daran, uns zu heiraten, und die Sache war so weit gediehen, daß ich mich eines Morgens nach Arras auf den Weg machte, um mir dort die notwendigen Papiere und die Einwilligung meiner Eltern zu besorgen. Delphine hatte schon die Einwilligung ihrer Eltern erhalten, die sich immer noch in Gent befanden. Aber eine Meile von Lille merkte ich auf einmal, daß ich meinen Spitalausweis, den ich notwendig auf dem Rathause von Arras brauchte, vergessen hatte. Ich gehe also wieder zurück. Als ich im Hotel ankomme, steige ich zum Zimmer empor, das wir bewohnen; ich klopfe, niemand antwortet. Nun war es aber unmöglich, daß Delphine schon so früh ausgegangen sein sollte; es war ja noch nicht ganz sechs Uhr. Ich klopfe wieder. Endlich macht Delphine auf, reckt ihre Arme und reibt sich die Augen, wie jemand, der eben erschreckt aufgewacht ist. Um sie zu prüfen, schlage ich ihr vor, mich nach Arras zu begleiten, damit ich sie meinen Eltern vorstellen könnte. Sie nimmt es mit ruhiger Miene an. Schon beginnt mein Verdacht sich zu zerstreuen, aber irgend etwas sagte mir, daß sie mich hinterging. Endlich merke ich, wie sie von Zeit zu Zeit ihre Augen nach einem Kleiderschrank wandte. Ich tue so, als wollte ich ihn öffnen, aber meine keusche Braut widersetzt sich dem unter einem der vielen Vorwände, die die Frauen immer zur Verfügung haben. Doch ich bestehe darauf, und endlich öffne ich den Schrank und finde in ihm verborgen unter einem Haufen schmutziger Wäsche einen Arzt, der mir seine Pflege während meiner Genesung hatte angedeihen lassen. Er war alt, häßlich und unreinlich. Mein erstes Gefühl war das der Erniedrigung, einen solchen Rivalen zu haben. Vielleicht wäre ich wütender gewesen, wenn ich einen schönen Kerl da angetroffen hätte. Diesen Fall überlasse ich der Entscheidung der zahlreichen Liebhaber, die sich in einer ähnlichen Situation befunden haben. Schon wollte ich meinen Aeskulap mir nichts dir nichts niederschlagen, aber, was bei mir sehr selten vorkam, die Überlegung hielt mich zurück. Wir befanden uns an

einem Kriegsplatz. Man konnte mich schikanieren wegen meiner Aufenthaltserlaubnis, man konnte mir irgendeinen bösen Streich spielen. Und dann trotz alledem, Delphine war ja nicht meine Frau, ich hatte kein Recht über sie. Immerhin nahm ich mir doch das Recht, sie mit Tritten in den Hintern zur Tür hinauszuwerfen, wonach ich ihr durchs Fenster ihren Flitterkram und Geld herunterschmiß, damit sie nach Gent kommen konnte. Ich bemächtigte mich so des Restes des Geldes, das ich rechtmäßig erworben zu haben glaubte; denn ich hatte ja die ganze wunderbare Expedition geleitet, durch die man es den Österreichern abgenommen hatte. Fast hätte ich vergessen zu sagen, daß ich den Doktor seinen Rückzug in Frieden ins Werk setzen ließ.

Ich war nun meine Ungetreue los, und trotzdem meine Erlaubnis zum Bleiben schon abgelaufen war, saß ich noch immer in Lille. Aber man kann sich in dieser Stadt fast ebenso leicht verbergen wie in Paris. Und mein Aufenthalt wäre nicht gestört worden, wenn ich nicht wieder ein galantes Abenteuer gehabt hätte. Schließlich wurde ich eines Tages gefaßt, als ich gerade in Frauenkleidern steckte, um dem Zorne eines eifersüchtigen Ehemannes zu entfliehen. Ich wurde vor Gericht geführt und weigerte mich anfangs energisch, Aufklärungen zu geben. Ich setzte auseinander, daß ich entweder die Person, die mir so viel Güte bezeugt hatte, ins Unglück bringen, oder mich als Deserteur bezeichnen würde. Einige Stunden Gefängnis brachten mich aber zu einer Änderung meines Entschlusses. Ich ließ einen höheren Offizier herbeirufen, um ihm eine Erklärung abzugeben. Dem setzte ich meine Lage auseinander. Ich sprach ganz freimütig, und er schien einiges Interesse an mir zu nehmen. Der kommandierende Divisionsgeneral wollte die Erzählung aus meinem eigenen Munde hören, und so ungefähr zwanzigmal platzte er fast vor Gelächter. Dann gab er Order, mich in Freiheit zu setzen und ließ mir eine Marschroute einhändigen, nach der ich zum achtundzwanzigsten Bataillon in Brabant stoßen sollte. Aber statt diesem Ziel zuzugehen, zog es mich nach Arras, und ich war entschlossen, nur im äußersten Falle je wieder in den Dienst zurückzukehren.

Mein erster Besuch galt dem Patrioten Chevalier. Sein Einfluß auf Joseph Lebon ließ mich hoffen, durch seine Vermittlung eine Verlängerung des Urlaubs zu erhalten. Man gewährte sie mir auch wirklich, und so war ich aufs neue in der Familie meines Beschützers eingeführt. Seine Schwester, deren gute Gesinnungen für mich man schon kennt, verdoppelte ihre Lockungen. Andererseits gewöhnte mich der tägliche Umgang mit ihr unmerklich an ihre Häßlichkeit. Kurz und gut, die Dinge kamen so weit, daß ich eines Tages nicht sehr erstaunt war, als sie mir erklärte, sie sei schwanger. Sie sprach nicht von Ehe, sie selbst sprach das Wort nicht aus. Aber ich sah nur allzusehr, daß es doch zur Ehe kommen mußte, denn sonst hätte ich mich der Rache des Bruders ausgesetzt, der mich gewiß sofort als verdächtiges Individuum, als Aristokraten und vor allem als Deserteur denunziert hätte. Meine Eltern hatten diese Erwägungen wohl schon selbst angestellt, und dann hegten sie auch die Hoffnung, mich bei sich zu behalten. So gaben sie also ihre Einwilligung zur Heirat, auf die die Familie Chevalier sehr drang. Endlich wurde die Ehe geschlossen, und ich war mit achtzehn Jahren verheiratet. Ja, ich glaubte sogar schon, ich sei Vater, aber kaum waren einige Tage verstrichen, als meine Frau mir gestand, daß ihre Schwangerschaft nur simuliert gewesen sei und nur das Ziel gehabt habe, mich zum „conjungo“ zu führen. Man kann sich meine Freude vorstellen, die mir diese Beichte verursachte. Aber dieselben Gründe, die mich bestimmt hatten, zu heiraten, zwangen mich diesmal auch zum Schweigen. Übrigens begann unsere Verbindung unter sehr ungünstigen Auspizien. Ein Kaufmannsladen, den meine Frau eröffnet hatte, ging sehr schlecht. Die Ursache glaubte ich in der häufigen Abwesenheit meiner Frau zu sehen; sie saß den ganzen Tag bei ihrem Bruder. Ich machte Bemerkungen darüber, und als Antwort darauf ließ man mir den Befehl zugehen, mich wieder in Tournai einzufinden. Ich hätte mich über diese bequeme Art, sich eines lästigen Ehemannes zu entledigen, beschweren können; aber ich war schon so müde, das Joch der Familie Chevalier zu tragen, daß ich mit einer gewissen Freude die Uniform wieder anzog, die ich seinerzeit mit so viel Vergnügen abgelegt hatte.

In Tournai stellte mich ein ehemaliger Offizier des Regiments Bourbon, der jetzt Generaladjutant war, in seinem Bureau als Aufsicht über verschiedene Angelegenheiten der Verwaltung und besonders der Bekleidung ein. Bald darauf machten es Angelegenheiten der Division nötig, daß eine Vertrauensperson nach Arras geschickt würde. Ich reise mit der Post ab und komme in Arras um elf Uhr abends an. Da ich Order hatte, lasse ich mir das Stadttor öffnen und durch irgendein Gefühl getrieben, das ich nicht näher erklären kann, laufe ich zu meiner Frau. Ich klopfe lange, ohne daß mir jemand antwortet. Endlich macht mir ein Nachbar die Haustür auf, und ich steige schnell zum Zimmer meiner Frau hinauf. Wie ich näherkomme, höre ich das Geräusch eines fallenden Säbels, dann öffnet sich ein Fenster, und ein Mann springt auf die Straße. Natürlich hatte man meine Stimme erkannt. Ich stürze sofort in aller Eile die Treppe wieder herab und stoße gleich auf den Liebhaber, in dem ich einen Adjutantmajor vom siebzehnten Jägerregiment zu Pferde erkenne. Er war halb nackt. Ich führe ihn wieder in die eheliche Wohnung; er vollendet dort seine Toilette und wir verlassen uns mit der Verabredung, uns am folgenden Tage zu duellieren. Diese Szene hatte den ganzen Stadtteil in Aufruhr gebracht. Die meisten Nachbarn, die an die Fenster gesprungen waren, hatten gesehen, wie ich den Täter packte. In ihren Augen war er der Tat überführt. Es fehlte also nicht an Zeugen, wenn ich hätte Scheidung beantragen und durchsetzen wollen; und ich nahm mir auch vor, das zu tun. Aber die Familie meiner keuschen Gattin, die sehr darauf hielt, das Ansehen ihrer Würde zu wahren, ging sofort drauf los, alle meine Schritte zu vereiteln oder sie zum mindesten zu verzögern. Am folgenden Tag, ehe ich noch den Adjutantmajor hatte zu Gesicht bekommen können, wurde ich von Polizisten und Gendarmen festgenommen, die schon davon sprachen, mich ins Gefängnis abzuführen. Zum Glück für mich hatte ich schon Sicherheitsmaßregeln ergriffen, und ich wußte ganz genau, daß meine Situation nichts Beunruhigendes hatte. Ich verlangte vor Joseph Lebon geführt zu werden. Das konnte man mir nicht abschlagen. Als ich vor dem Volksvertreter erschien, fand ich ihn wühlend in einem riesigen Stoß von Briefen und Papieren. „Du bist es also,“ sagte er zu mir, „der hier ohne Erlaubnis herkommt … und noch dazu, um deine Frau zu mißhandeln! …“ Ich übersah sofort, was ich zu antworten hatte. Ich wies meine Order vor; ich berief mich auf das Zeugnis aller Nachbarn meiner Frau und sogar auf das des Adjutantmajors selbst, der nicht leugnen konnte. Schließlich hatte ich meine Angelegenheit so klar auseinandergesetzt, daß Joseph Lebon gezwungen wurde, zuzugestehen, das Unrecht liege nicht auf meiner Seite. Aus Rücksicht für seinen Freund Chevalier forderte er mich jedoch auf, nicht länger in Arras zu bleiben. Und da ich fürchtete, der Wind möchte sich drehen – davon hatte ich schon viele Beispiele gehabt – so nahm ich mir vor, dieser Weisung so schnell als möglich nachzukommen. Nachdem ich meinen Auftrag erfüllt hatte, nahm ich Abschied von jedermann, und am anderen Morgen bei Tagesanbruch befand ich mich auf dem Wege nach Tournai.

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