Zwanzigstes Kapitel – Untertauchen in der Hauptstadt

Kaum hatte ich meinen Fuß in den Gefängnishof gesetzt, als der General-Prokurator Ranson, den meine wiederholten Ausbrüche gegen mich aufgebracht hatten, am Gitter erschien und rief:

„So! Ist Vidocq angekommen? Hat man ihm schon die Eisen angelegt?“

„Ach!“ rief ich. „Was habe ich denn getan, daß Sie mir so übel wollen? Nur weil ich ein paarmal ausgekniffen bin? Ist das denn ein so großes Verbrechen? Habe ich denn meine Freiheit mißbraucht? Immer dann, wenn man mich gefaßt hat, war ich gerade im Zuge, mir eine anständige Existenz zu schaffen! Ich bin viel weniger schuldig, als ich Unglück habe! Erbarmen Sie sich doch meiner, haben Sie Mitleid mit meiner armen Mutter; sie wird sterben, wenn ich wieder ins Zuchthaus komme.“

Diese Worte und der aufrichtige Ton, mit dem ich sie vorgebracht hatte, machten auf Ranson einen gewissen Eindruck. Er kam bald wieder und fragte mich ausführlich aus über die Art, wie ich seit meiner Flucht aus Toulon gelebt habe. Da ich meine Aussagen beweisen konnte, und mich erbot, unumstößliche Beweise zu liefern, so bezeugte er mir ein gewisses Wohlwollen.

„Warum reichen Sie kein Gesuch um Begnadigung oder mindestens um Milderung Ihrer Strafe ein?“ fragte er mich. „Ich will Sie dem Gerichtspräsidenten empfehlen.“

Ich dankte ihm für seine Hilfsbereitschaft, und noch am selben Tage ließ mich der Advokat in Douai, der aufrichtiges Interesse für mich hatte, ein Gesuch unterschreiben, das er für mich aufgesetzt hatte.

Ich wartete noch auf die Antwort, als ich eines Morgens in die Kanzlei gerufen wurde: ich glaubte, es würde die Entscheidung des Ministers wegen meiner Befreiung sein. Voll Ungeduld folgte ich dem Wärter mit der Eiligkeit eines Menschen, der einer guten Nachricht entgegenläuft. Ich glaubte, den General-Prokurator zu erblicken, aber vor mir steht in Begleitung zweier unbekannter Personen … meine Frau. Ich versuche, zu erraten, was die Veranlassung zu diesem Besuch sein mochte; aber da sagt Frau Vidocq im unbefangensten Tone zu mir:

„Ich komme, um Ihre Unterschrift für die Ehescheidungsklage zu holen: da ich mich wieder verheiraten will, so brauche ich diese Formalität. Der Gerichtsdiener wird Ihnen die Akte vorlegen.“

Abgesehen von meiner Befreiung konnte mir nichts Angenehmeres mitgeteilt werden als die Auflösung dieser Ehe; nun war ich für immer von einem Geschöpf befreit, das ich verabscheute. Ich weiß nicht mehr, ob ich meiner Freude Herr wurde, aber sicher malte sie sich auf meinem Gesichte, und wenn mein Nachfolger, wie ich starken Grund anzunehmen hatte, anwesend war, so mußte er sich davon überzeugen, daß ich weit davon entfernt war, ihn um den Schatz zu beneiden, der nun in seinen Besitz überging.

Meine Haft in Douai zog sich entsetzlich in die Länge. Ich war bereits fünf Monate im Gefängnis, und aus Paris kam immer noch keine Antwort. Allerdings hatte mir der General-Prokurator viel Teilnahme bezeugt, aber das Unglück macht mißtrauisch, und ich begann schon zu fürchten, daß er mir nur Hoffnung gemacht habe, um mich von einem Entweichen abzuhalten. Dieser Gedanke setzte sich in meinem Kopfe fest, und ich begann voll Feuer an einem Fluchtversuche zu arbeiten.

Der Gefängniswärter, ein gewisser Wettu, hielt mich schon im voraus für so gut wie begnadigt und gewährte mir verschiedene Freiheiten: sehr oft aßen wir sogar zusammen in einem kleinen Zimmer, dessen einziges unvergittertes Fenster über der Scarpe lag.

Eines Sonntags abends aß ich wieder zusammen mit dem Wärter und dem Gerichtsdiener Hurtrel. Der Wein hatte die Stimmung aufgeheitert, und ich ließ eine ganze Reihe Flaschen kommen.

„Wissen Sie, mein Lieber,“ sagte Hurtrel zu mir, „daß man Sie vor sieben Jahren wohl kaum hierher gesetzt hätte! Ein Fenster ohne Gitter! Sapperlot! Das hätte ich nicht gewagt!“

„I wo, Vater Hurtrel,“ erwiderte ich, „da müßte einer aus Kork sein, um einen so hohen Sprung ins Wasser zu wagen. Die Scarpe ist doch ziemlich tief für einen, der nicht schwimmen kann.“

„Das ist wahr!“ bemerkte der Wächter, und damit war das Gespräch zu Ende. Aber mein Entschluß war gefaßt. Bald kamen noch einige Personen hinzu, man setzte sich ans Spiel, und in dem Augenblick, da der Wächter ganz in seine Partie versunken war, stürzte ich mich in den Fluß.

Beim Geräusch meines Falles eilte die ganze Gesellschaft ans Fenster. Wettu schrie laut nach der Wache und dem Schließer. Zum Glück erlaubte die Dämmerung kaum noch etwas genauer zu sehen. Mein Hut, den ich absichtlich ans Ufer geworfen hatte, erweckte den Glauben, ich wäre sofort aus den Fluß gestiegen. In Wirklichkeit aber schwamm ich in der Richtung zum Wassertor hinab, unter dem ich nur mit großer Mühe hindurchkam, denn die Kälte war mir bis in die Knochen gedrungen, und meine Kräfte ließen nach. Kaum war ich außerhalb der Stadt, so stieg ich ans Land; meine Kleider waren zentnerschwer, dennoch setzte ich meinen Weg fort und hielt erst bei dem Dorfe Blangy, zwei Meilen von Arras. Es war ein Uhr morgens. Ein Bäcker, der seinen Ofen heizte, trocknete meine Kleider, und gab mir etwas zu essen. Sobald ich mich erholt hatte, setzte ich meinen Weg fort. Ich ging nach Duisans, wo die Witwe eines Hauptmanns, mit dem ich befreundet war, wohnte. Da besorgte ich mir auch eine Uniform.

Es war klar, daß nur Paris mir eine Zuflucht bieten konnte. In Paris nahm mich meine Mutter auf, die bis dahin in Versailles gelebt hatte. Wir wohnten zusammen einige Monate in der Vorstadt Saint-Denis, wo wir niemanden sahen, mit Ausnahme eines Juweliers Jacquelin, den ich bis zu einem gewissen Grade in mein Vertrauen ziehen mußte, denn er hatte mich in Rouen unter dem Namen Blondel gekannt. Bei diesem Jacquelin lernte ich auch eine Frau von B. kennen, die in meinem Herzen die erste Stelle einnimmt. Frau von B., oder Annette, wie ich sie nannte, war eine ziemlich hübsche Dame, die von ihrem Manne in der Folge seiner ganz üblen Affären verlassen worden war. Er war nach Holland geflüchtet und hatte seit langem nichts mehr von sich hören lassen. Annette war also frei; sie gefiel mir, ich liebte ihren Geist, ihre Intelligenz, ihr gutes Herz. Ich wagte es, ihr das zu sagen, sie nahm meine Erklärung nicht ungünstig auf, und bald konnten wir nicht mehr ohne einander existieren. Annette bezog mit mir eine gemeinsame Wohnung, und da ich das Gewerbe eines fahrenden Händlers wieder aufnahm, so wurde beschlossen, daß sie mich in meinen Reisen begleiten würde. Die erste Reise, die wir gemeinsam machten, war eine der glücklichsten. Aber in dem Moment, als ich Melun verlassen wollte, sagte mir der Gastwirt, bei dem ich abgestiegen war, daß der Polizeikommissar bedauert habe, nicht meine Papiere gesehen zu haben, aber – aufgeschoben sei nicht aufgehoben: bei meiner nächsten Durchreise wollte er mir einen Besuch abstatten. Diese Nachricht machte mich stutzig; ich mußte also schon als verdächtig bezeichnet sein. Weiterreisen – das hieße, mich noch mehr kompromittieren: ich kehrte sofort nach Paris zurück und nahm mir vor, nicht eher eine weitere Exkursion zu unternehmen, bis ich mir Papiere besorgt haben würde.

Eines Tages, als ich in Auxerre handelte und ruhigt am Hafen promenierte, begegnete ich einem gewissen Paquay, einem professionellen Dieb, den ich in Bicêtre, wo er eine sechsjährige Strafe absaß, kennen gelernt hatte. Ich wäre ihm gerne ausgewichen, aber schon stand er vor mir, und bei den ersten Worten, die er an mich richtete, merkte ich, daß es nicht wohl geraten sein würde, ihn nicht kennen zu wollen. Es interessierte ihn zu wissen, was ich treibe, und da ich aus seinem Gespräch bald heraushörte, daß er mich zum Diebeskomplizen machen wollte, so fing ich an, um ihn los zu werden, zu erzählen, wie wachsam und gefährlich die Polizei in Auxerre sei. Ich glaubte, einen gewissen Eindruck auf ihn gemacht zu haben; ich malte alles noch schwärzer aus. Er hörte mit unruhiger Aufmerksamkeit an und rief dann auf einmal:

„Donnerwetter! Hier scheint’s nicht sehr nett zu sein. Die Post geht in zwei Stunden. Wenn du Lust hast, verduften wir beide.“

„Das ist wohl das beste,“ antwortete ich ihm, „wenn es ans Verduften geht, bin ich dabei.“

Ich verließ ihn, um angeblich noch einige Geschäfte zu erledigen und versprach, bald zu kommen. Die bedauernswerte Lage eines entsprungenen Sträflings besteht darin, daß er, wenn er nicht denunziert oder in neue Verbrechen verwickelt werden will, stets selbst die Initiative ergreifen, das heißt, selbst Denunziant werden muß. Ich ging in meine Herberge und schrieb folgenden Brief an den Leutnant der Gendarmerie, der, wie ich wußte, einem auf dem Bureau der Post kürzlich begangenen Diebstahl auf der Spur war:

„Sehr geehrter Herr!

Eine Person, die nicht genannt sein will, teilt Ihnen hierdurch mit, daß einer der Teilnehmer des in Ihrer Stadt begangenen Postdiebstahls um sechs Uhr mit der Postkutsche nach Joigny reist, wo ihn wahrscheinlich seine Komplicen erwarten. Um ihn nicht zu verfehlen und ihn rechtzeitig verhaften zu können, wäre es ratsam, daß zwei verkleidete Gendarmen mit ihm zugleich die Post besteigen. Man muß dabei mit größter Vorsicht ans Werk gehen und den Betreffenden nicht aus dem Auge verlieren, denn er ist ein gewitzter Bursche.“

Diesem Schreiben fügte ich ein so genaues Signalement von Paquay hinzu, daß es unmöglich war, den Mann zu verfehlen. Als der Augenblick der Abreise gekommen war, begab ich mich auf Umwegen auf den Kai und sah vom Fenster einer Kneipe Paquay in den Wagen steigen: gleich darauf stiegen zwei Gendarmen ein, die ich nach einem bestimmten Äußeren erkannte, ein Eindruck, der nicht zu beschreiben ist. Abwechselnd reichten sie einander ein Papier, auf das sie hier und da einen Blick warfen. Endlich richteten sie ihre Blicke auf meinen Mann, dessen Kleidung für einen Dieb keineswegs bezeichnend war. Der Wagen setzt sich in Bewegung, und ich sehe ihn mit um so mehr Vergnügen sich entfernen, als mit ihm zugleich Paquay, seine Vorschläge und die Möglichkeit seiner Denunziation verschwinden.

Am Tage nach diesem Abenteuer bin ich gerade mit der Aufnahme meines Warenverzeichnisses beschäftigt, da höre ich Lärm. Ich stecke den Kopf zum Fenster hinaus und sehe einen Trupp Galeerensträflinge, der von dem Leutnant Thiérry und seinen Schergen geführt wird! Bei diesem Anblick, der für mich so fürchterlich und gefährlich ist, ziehe ich den Kopf schnell wieder zurück, aber in meiner Aufregung zerschlage ich eine Fensterscheibe. Plötzlich richten sich alle Blicke zu mir hinauf; ich hätte in die Erde kriechen mögen! Aber das ist noch nicht alles; um mein Entsetzen auf den Gipfel zu steigern, macht jemand meine Tür auf. Es ist die Wirtin des „Fasanen“, Frau Gelat.

„Kommen Sie schnell, Herr Jacquelin,“ ruft sie. „Kommen Sie schnell, die Bagnosträflinge sehen … Man hat sehr lange keinen so großen Zug zu sehen bekommen! … Es sind mindestens hundertfünfzig Mann, und darunter lustige Brüder … Hören Sie, wie sie singen? …“

Ich danke meiner Wirtin für ihre Aufmerksamkeit, tue, als ob ich sehr beschäftigt sei und sage, daß ich bald hinunterkommen würde.

„Oh, beeilen Sie sich nicht,“ antwortet sie mir, „Sie haben Zeit … Die Leute werden ja bei uns in den Ställen schlafen. Und wenn Sie mit dem Leutnant sprechen wollen, – sein Zimmer liegt gerade neben dem Ihrigen.“

Ich weiß nicht, was in mir bei dieser Nachricht vorging, aber wenn Frau Gelat mich beobachtet hätte, so würde ihr gewiß nicht entgangen sein, wie ich erblaßte und am ganzen Körper zitterte. Der Leutnant Thiérry war also mein Nachbar! Wie leicht konnte er mich wiedererkennen und mich anzeigen! Eine Geste, ein Nichts konnte mich verraten. Ich werde mich schön hüten, mich zu zeigen. Ich motivierte meinen Mangel an Neugier durch die Notwendigkeit, meine Inventuraufnahme zu beenden. Ich verbrachte eine entsetzliche Nacht. Endlich, um vier Uhr morgens, verkündete das Klirren der Eisen die Abreise des höllischen Zuges, – und ich atmete erleichtert auf.

Allmählich begann sich in mir eine gewisse Besorgnis wegen Paquays zu regen, denn ich hatte ja seine Verhaftung veranlaßt. Je mehr ich darüber nachdachte, desto leichtsinniger kam mir meine Handlungsweise vor. Ich ahnte Unheil, und diese Ahnung ging auch in Erfüllung. Paquay wurde zuerst nach Paris transportiert und zum Zwecke einer Konfrontierung wieder nach Auxerre gebracht. Hier erfuhr er, daß ich mich noch in der Stadt befände. Er hatte mich stets im Verdacht gehabt, der Denunziant zu sein und nun nahm er seine Revanche. Er erzählte dem Gefängniswächter alles, was er über mich wußte. Dieser hinterbrachte es der Behörde, aber ich besaß in Auxerre, wo ich schon seit drei Monaten weilte, einen so guten Ruf, daß der betreffende Beamte (ich will seinen Namen verschweigen), um einen öffentlichen Skandal zu vermeiden, mich zu sich bestellte und mich von allem in Kenntnis setzte. Ich brauchte ihm die Wahrheit nicht erst einzugestehen, meine Unruhe verriet ihm alles. Ich hatte nur noch die Kraft, ihm zuzurufen:

„Ach, ich wollte doch so sehr ein ehrlicher Mann werden!“

Ohne mir eine Antwort zu geben, ging er aus dem Zimmer und ließ mich allein; ich begriff dieses edelmütige Schweigen. Eine Viertelstunde darauf hatte ich Auxerre aus dem Gesicht verloren und schrieb aus meinem neuen Zufluchtsort an Annette von dieser neuen Katastrophe.

Ich hatte nun keinen Paß mehr, der mich in den Gegenden, die ich gewöhnlich besuchte, hätte schützen können; und in fremden Gegenden konnte mein unerwartetes Auftauchen nur zu leicht Verdacht erwecken. Die Lage wurde kritisch. Was sollte ich anfangen? Ich beschäftigte mich einzig und allein mit dieser Frage, als ich durch Zufall die Bekanntschaft eines Kleiderhändlers in dem Quartier Saint-Martin machte. Er wollte sein Geschäft verkaufen. Ich trat mit ihm in Verhandlungen: ich war überzeugt, daß ich nirgends mehr in Sicherheit war, als im Herzen der Großstadt, wo es so leicht ist, sich in der Menge zu verlieren. In der Tat, beinahe acht Monate verstrichen, ohne daß etwas die Ruhe störte, die ich mit Annette und meiner Mutter genoß. Mein Geschäft ging gut: es vergrößerte sich von Tag zu Tag. Ich beschränkte mich nicht mehr, wie mein Vorgänger, auf die Anfertigung von Kleidern, ich verkaufte auch Stoffe, und ich war vielleicht auf dem besten Wege zum Wohlstand, als eines schönen Morgens mein Unglück von neuem begann.

Ich befand mich gerade in meinem Laden. Ein Bote tritt ein und sagt mir, ich würde in einer Speisewirtschaft in der Rue Aumaire erwartet. Ich nehme an, es handele sich um irgendwelche Geschäftsangelegenheiten und begebe mich sofort hin. Man führt mich in ein Zimmer, und dort finde ich zwei Flüchtlinge aus dem Zuchthaus zu Brest: der eine von ihnen war Blondy, der den unglückseligen Ausbruch aus Pont-à-Luzon leitete.

„Wir sind seit zehn Tagen hier,“ sagt er zu mir, „und haben keinen Heller. Gestern haben wir dich in deinem Laden gesehen. Wir hörten, das Geschäft gehöre dir; das hat mich gefreut, ich habe es meinem Freunde gesagt … Nun sind wir gut aufgehoben, ich kenne dich, du bist nicht der Mensch, der seine Freunde im Stich läßt.“

Die Idee, diesen zwei Banditen ausgeliefert zu sein, die zu allem fähig waren, – selbst mich der Polizei auszuliefern, – war niederschmetternd. Ich tat aber so, als ob ich sehr froh wäre, sie wiederzusehen. Dann sagte ich, daß ich nicht reich sei und ihnen nur fünfzig Franken zur Verfügung stellen könne. Sie schienen sich mit dieser Summe zu begnügen; beim Abschied sagten sie mir, sie hätten die Absicht, nach Châlons-sur-Marne zu gehen, um dort etwas zu „deichseln“. Wie froh wäre ich gewesen, wenn sie Paris für immer verlassen hätten, aber sie versprachen mir, bald wiederzukommen, und mir blieb das Grauen vor ihrem nächsten Besuch zurück. Gewiß betrachteten sie mich als ihre Milchkuh und wollten sich ihre Verschwiegenheit hoch bezahlen lassen … Wie leicht konnten sie unersättlich werden …

Wie man sich vielleicht noch erinnert, hatte meine Frau nach ihrer Scheidung eine zweite Ehe geschlossen. Ich glaubte, sie wohne im Departement Pas-de-Calais und sei damit beschäftigt, ihr und ihres neuen Gatten Glück zu spinnen, als ich eines Tages in der Rue Petit-Carreau mit der Nase auf sie stieß. Es war unmöglich, ihr auszuweichen: sie hatte mich sofort erkannt. Ich sprach sie an, und da ihre schäbige Kleidung mir zur Genüge zeigte, daß sie nicht zu den Glücklichsten zählte, so gab ich ihr etwas Geld. Vielleicht hielt sie meine Freigebigkeit für irgendwie interessiert, sie war es aber keineswegs. Es war mir nicht einmal in den Sinn gekommen, daß die einstige Frau Vidocq mich denunzieren könnte. In Wirklichkeit glaubte ich, wenn ich mich später an unsere Zwistigkeiten erinnerte, klug gehandelt zu haben; und es erschien mir ganz richtig, daß dieser Frau in ihrer Not auf eine Unterstützung meinerseits rechnen konnte; wäre ich eingesperrt gewesen oder fern von Paris, so hätte ich nicht einmal ihre Not lindern können. Das mußte also für sie genügend Grund sein, um reinen Mund zu halten; ich glaubte es wenigstens, man wird später sehen, ob ich mich nicht getäuscht hatte.

Die Unterstützung meiner gewesenen Frau wurde für mich eine Last, der ich mich fügte, – aber noch kannte ich nicht die ganze Schwere dieser Last. Vierzehn Tage verrinnen seit unserer Begegnung. Eines Morgens bittet man mich, in die Rue de l’Echiquier zu kommen. Ich gehe hin und finde am Ende eines Hofes, in einer ziemlich sauberen, aber ärmlich möblierten Parterrewohnung nicht allein meine Frau, sondern auch ihre Nichten und deren Vater, den Terroristen Chevalier, der eben eine sechsmonatliche Gefängnisstrafe wegen Silberdiebstahls hinter sich hatte. Ein einziger Blick genügte, um mich davon zu überzeugen, daß die ganze Familie mir auf den Hals kam. Alle diese Leute waren aller Mittel bar; mir graute vor ihnen, ich verfluchte sie, und doch konnte ich nichts Besseres tun, als ihnen die Hand reichen. Ich ließ mir also das Blut abzapfen. Sie zur Verzweiflung bringen, hätte nur geheißen, mich ins Verderben zu stürzen, und lieber wollte ich meinen letzten Sou opfern, als in die Hände der Greifer fallen.

Zu jener Zeit schien sich alles gegen mich verschworen zu haben. Jeden Augenblick mußte ich immer wieder in die Börse greifen, und für wen? Für Geschöpfe, die sofort bereit waren, mich zu verraten, sobald ich ihnen keine Geldquelle mehr bot. Zu Hause erwartete mich ein neues Ungemach, das mit dem Bagnoflüchtling in Zusammenhang stand. Annette und meine Mutter weinten. Während meiner Abwesenheit hatten zwei Betrunkene nach mir gefragt; als sie vernahmen, ich sei nicht zu Hause, brachen sie in Schmähungen und Drohungen aus, die keinen Zweifel über ihre niederträchtigen Absichten ließen. Nach der Beschreibung, die mir Annette von diesen beiden Individuen gab, konnte ich leicht Blondy und seinen Kumpan Duluc erkennen. Es war nicht schwer, ihre Namen zu erraten; zudem hatten sie ihre Adresse zurückgelassen, mit der strikten Aufforderung, vierzig Franken hinzubringen. Ich war gehorsam, nur zu gehorsam, doch konnte ich mich beim Bezahlen meiner Kontribution nicht enthalten, sie auf ihre unvorsichtige Handlungsweise aufmerksam zu machen.

„Seht, was ihr angerichtet habt,“ sagte ich zu ihnen. „Zu Hause bei mir hat man nichts gewußt, nun habt ihr aus der Schule geplaudert. Jetzt wird vielleicht meine Frau, der das Geschäft gehört, mich vor die Tür setzen, und dann ist’s alle mit der Herrlichkeit.“

„Dann kannst du mit uns auf die Fahrt mitkommen,“ antworteten die beiden Halunken.

Ich suchte sie davon zu überzeugen, daß es doch unendlich vorteilhafter sei, durch Arbeit sein Leben zu fristen, als in beständiger Furcht vor der Polizei zu leben, die doch früher oder später die Verbrecher einfängt.

„Nicht übel!“ rief Blondy, als ich mit meiner Predigt zu Ende war … „Nicht übel! Könntest du uns aber nicht inzwischen vielleicht sagen, wo ein Ding zu drehen wäre? Denn, siehst du wohl, wir brauchen Geld mehr, als guten Rat.“

Und sie verließen mich, indem sie mir ins Gesicht lachten. Ich rief sie zurück, versicherte sie meiner Ergebenheit und … flehte sie an, nicht wieder in mein Haus zu kommen.

„Wenn’s nur das ist,“ sagte Duluc, „so werden wir gern wegbleiben.“

„Gut, wir werden wegbleiben,“ wiederholte Blondy, „denn die gnädige Frau sieht’s nicht gerne!“

Aber lange blieb er nicht weg. Schon am übernächsten Tage fand er sich gegen Abend in meinem Laden ein und bat mich um eine Unterredung unter vier Augen. Ich führte ihn in mein Zimmer.

„Sind wir allein?“ fragte er, und sah sich um. Und als er sich vergewissert hatte, daß keine Zeugen in der Nähe waren, zog er elf silberne Bestecke und zwei goldene Uhren aus der Tasche und legte sie auf den Tisch.

„Vierhundert Füchse für all das … Ein Schleuderpreis … Du, zahl’ die paar lumpigen Kröten!“

„Vierhundert Franken,“ rief ich, ganz bestürzt über die Höhe der Summe. „Soviel habe ich gar nicht da.“

„Was geht mich das an! Du kannst’s verkloppen.“

„Aber wenn es herauskommt …“

„Sieh, wie du damit fertig wirst. Ich brauche Metall. Wenn du nicht willst, dann lasse ich die Herren von der Polizei kommen. Du weißt, was ich meine … Geld und kleine Fisimatenten!“

Ich verstand ihn nur allzu gut … Schon seh ich mich denunziert, meines selbstgeschaffenen Glückes beraubt, ins Bagno zurückgebracht … Die vierhundert Franken wurden aufgezählt.

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