Wostok

“Kennt ihn jemand?“ fragte Golik.

Die Männer vom Kutter ‚Olga IV‘, die im Schuppen der Fischereigenossenschaft unter einer trüben Glühbirne um den Toten auf dem Sortiertisch herumstanden, blickten auf ihn nieder und schwiegen. Sie hatten ihn zusammen mit einer halben Tonne Hering aus dem Wasser geholt, und das war alles, was sie über ihn sagen konnten.

Genadij Woronzow, der Vorsitzende der Genossenschaft, war ein massiger Mann mit buschigen, schwarzen Brauen über kleinen, scharf funkelnden Augen. Seine zerwühlten Haare und das unrasierte Gesicht erzählten eine Menge von der Eile, mit der er Bett und Haus verIassen hatte müssen. Erbost darüber und über die lästige Störung des Betriebs schnauzte er: “Der Kerl ist nicht von hier. Und die Fische haben kaum noch was übrig gelassen von seinem Gesicht. Wird wohl stinkbesoffen von ’nem Schiff gefallen sein. So was kommt öfter vor. Was soll’s.“

Nachdenklich betrachtete Golik die Leiche und stellte dabei die Frage in den Raum: “Wann hatten wir den letzten Toten hier?“

Einer der Männer räusperte sich. “Ich glaub‘, das war im vorletzten Winter, als Pjotr so viel Wodka intus hatte, dass ihm der Heimweg zu Iang wurde und er sich einfach in den Schnee legte, um seinen Rausch auszuschlafen. Am nächsten Morgen haben ihn dann Schulkinder gefunden, halb zugeweht vom Schnee und hartgeforen bis ins Herz.“

“Hm, und davor?“

“Wassilij,“ erinnerte sich ein anderer. “Muss jetzt wohl so an die fünf Jahre her sein. Irgendwer schoss ihm draußen in der Taiga ’ne Kugel in den Kopf. Na ja, richtig tot war er nicht. Aber er hat kein rechtes Auge mehr und ’ne Stahlplatte als Schädeldach und fährt jetzt im RoIIstuhl durch ein Sanatorium für hoffnungslose Fälle und weiß nicht mehr, wie er heißt und wo er ist und welche Farbe der Ruß hat…“

“Und wann ist das letztemal einer, äh, stinkbesoffen von einem Schiff gefallen?“

Keine Antwort. Golik nickte und ging zum offenen Schuppentor. Mit einem dünnen, fahlen Streifen zeige sich das erste Morgenlicht am Horizont. Der Kutter am Anleger war nur ein Schatten auf dem grauen Wasser der Bucht. Von See her kam eine salzige Brise und trieb flache, klatschende Wellen auf die Kiesel. Irgendwo in den Felsen krächzte eine Möwe im Schlaf. Einen Steinwurf vom Tor entfernt kauerte reglos und kaum von der Umgebung zu unterscheiden eine Gestalt am Strand.

“Pawlino!“ rief Golik ihr zu. “Lauf und hol‘ die Doktorin!“

Die Gestalt schoss hoch und stob mit Iangen, ausgreifenden Sprüngen davon.

Golik spuckte aus und ging wieder in den Schuppen hinein.

Woronzow grunzte. “Der Knabe hier braucht keinen Doktor mehr. Alles, was dem noch fehlt, ist ein ordentliches Begräbnis.“

“Ich muss wissen, was ich in meinem Bericht fürs Bezirkskommando der Miliz schreiben soll.“

Im Anbau des Schuppens sprang ratternd ein Kühlaggregat an. Die Glühbirne über den Männern flackerte und wurde noch trüber.

“Soll das heißen, es gibt eine offizielle Untersuchung mit allem Drum und Dran?“

“Was dachtest du denn?«

“Mit Verhören, Auslaufverbot für die Besatzung und so weiter?“

“Kann sein.”

Erbittert wandte Woronzow sich an seine Männer und sagte. “Jungs, wenn euch das nächstemal so ein Beifang ins Netz geht, schmeißt ihn gleich wieder ins Wasser und sagt zu keinem ein Wort davon.“

“Na, na, das wollen wir lieber nicht gehört haben,“ tadelte Golik sanft.

Der Vorsitzende starrte ihn wütend an. “Wegen ’ner Schnapsdrossel, die sich nicht mehr gerade halten konnte und wahrscheinlich beim Pinkeln über die Reling gekippt ist, willst du unseren ganzen Laden lahmlegen. Wenn wir in diesem Monat wieder unter unserer Quote bleiben, weißt du, wie lange wir dann auf unser Geld von der Zentrale warten können?“

“Ob er besoffen war, weiß ich nicht. Das wird uns die Doktorin sagen können. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht beim Pinkeln über die Reling gegangen ist.“

“Was?“

“Ich glaube, er war gar nicht auf einem Schiff.“

“Ah!“ schnappte Woronzow. “Ah! – Und wie ist er da draußen hingekommen? Ist er etwa vom Himmel gefallen?“

“Das werden wir herausfinden. Aber jedenfalls nicht mit einem Schiff.“

“Und warum nicht?“ erkundigte sich der Skipper des Kutters.

“Schaut euch seine Füße an.“

Einer der Männer schlug die Persenning, in der sie den Toten hergebracht hatten, ein wenig zur Seite, und dann konnten es alle sehen. Und der Skipper kratzte sich am Kopf und stellte fest: „Teufel auch, ist mir gar nicht aufgefallen, Bergstiefel, genagelte Bergstiefel.“

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