7. Wochenend und Sonnenschein

Aber es kam mal wieder anders, als man denkt. Es fing gleich am Samstagmorgen an, ich war noch nicht richtig wach, da läutete es an meiner Tür Sturm. Leger in Jeans und weißen T-Shirt tappte ich zur Tür und öffnete. Vor mir standen zwei Figuren, der eine gedrungen, ein wenig zur Fettleibigkeit neigend, der andere etwas größer und auch nicht gerade ein Leichtgewicht, aber mehr aus Muskeln als aus Fett bestehend.

«Gehört Ihnen die rote Corvette da unten im Hof?»

«Wer will das wissen?»

«Sie gehört ihm,» vertraute der Kleine seinem Kumpel verschwörerisch an, und an mich gewandt fragte er: «Na, erkennen uns der Herr denn nicht wieder?»

Ich blickte zwischen den beiden hin und her. «Nein, wer seid ihr denn?»

«Sieh mal einer an, ’n richtiger Komiker,» stellte der Größere fest und hatte plötzlich ein Springmesser in der Hand, das er aufspringen ließ und mir von unten gegen das Kinn hielt.

«Dämmert’s?» fragte der Kleine tückisch. «Draußen im Wald, so vor zwei, drei Tagen?»

Es dämmerte. Etwas gepresst stieß ich hervor: «Und wo ist der dritte von euch Clowns?»

«Na, na,» tadelte der Messerheld und piekte mir sein Springdingsbums noch ein wenig tiefer ins Fleisch.

«Du schuldest uns einen ganzen Jaguar,» klärte mich der Kleine auf. «Mit allen Schikanen. Ist es nicht so, Carlo?»

«Mit allen Schikanen,» bestätigte Carlo. «Und dreimal Gießen — Frankfurt einfach zweiter Klasse.»

«Und noch das Taxi aus diesem Drecknest bis zum Bahnhof nach Gießen,» ergänzte der Kleine.

Eines musste man ihnen lassen, sie waren penible Buchhalter ihrer Idiotie. Ich sagte: «Warum geht ihr nicht wieder heim zu eurer Mutti, lasst euch ’n Lutscher geben und spielt mit eurer Spielzeugeisenbahn?»

Carlo machte gerade Anstalten, mir in den Kragen zu fassen und mich ein bisschen zu würgen, als zwei Maler die Treppe heraufgepoltert kamen, die an diesem Tag das Treppenhaus streichen sollten. Er hielt inne, der Kleine blickte irritiert über die Schulter. Das war genau der richtige Moment für einen Gegenschlag. Ich fegte Carlo das Messer aus der Hand und trieb ihm eine rechte Gerade aufs Brustbein, die ihm den Atem nahm. Dem Kleinen verpasste ich einen gut gezielten Tritt gegen die linke Kniescheibe, dass er nur so jaulte.

Die Anstreicher waren stehengeblieben. «Gibt’s Probleme?»

«Nicht der Rede wert,» winkte ich ab und schubste meinen Besuch ein Stück die Treppe runter. «Die beiden Gentlemen wollten sowieso gerade gehen.»

«Wir kommen wieder, Freundchen,» presste Carlo hervor, bevor sie sich zum Gehen wandten. Und der Kleine kläffte: «Arschgeige!»

Am Treppengeländer stand ein Farbeimer halbvoll mit dem schwuchteligen Altrosa, mit dem das Treppenhaus gestrichen werden sollte. Ohne viel zu überlegen schnappte ich ihn und schmiss ihn den beiden auf gut Glück hinterher. Er entleerte seinen Inhalt voll über den Rücken des Kleinen und stülpte sich über seinen Kopf. Auch Carlo bekam noch einen Schwall ab. Blind stolperte der Kleine und riss Carlo mit, und zusammen kugelten beide bis zum nächsten Absatz hinunter. Fluchend machte sich der Kleine vom Eimer frei. Sie rappelten sich auf und suchten unter vielen Verwünschungen gegen mich das Weite. Durch das Treppenhausfenster konnte man sehen, dass die beiden frisch gestrichenen Typen bei jedem Schritt ganz entzückende altrosa Fußtapser hinterließen, als sie den Hof eilig überquerten und dem Torweg zustrebten. Die beiden Maler bogen sich vor Lachen.

«Tut mir leid um Ihre Farbe,» sagte ich.

«Machen Sie sich keine Sorgen wegen dem bisschen,» sagte der Ältere von ihnen und wischte sich die Tränen aus den Augen. Er blickte übers Geländer hinunter auf die rosa überschwemmte Treppe. «Aber sie werden Ärger kriegen mit der Putzfrau, die dafür zuständig ist.»

«Da könnten Sie Recht haben.» Ich stopfte jedem von ihnen einen Zwanziger in den Overall. «Aber Sie werden mich doch nicht verpetzen, oder?»

«Hast du was gesehen, Kevin?»

Kevin grinste. «Wovon sprichste, Mann?»

Lachend stiegen die beiden weiter die Treppe hinauf, um ihr Tagwerk zu beginnen.

Samstags arbeiten Handwerker nicht, sagen Sie? Von wegen, da arbeiten sie sogar ohne Rechnung.

Ich sammelte das Springmesser auf, das auf meiner Türschwelle lag, und warf es in der Küche in den Mülleimer. Dann zog ich mich fertig an und verließ das Haus, um in der Stadt ein ordentliches Frühstück zu mir zu nehmen. Für den Weg nach unten mied ich die Stufen und nahm nach guter alter Jungenart das Geländer.

Ich hatte mich in meiner Lieblingsespressobar gerade gemütlich eingerichtet und war eben meine Bestellung losgeworden, als das Handy dudelte. Es war nicht Raff. Es war eine weibliche Stimme, die säuselte: «Kerstin Belser.»

«Kerstin wer?» fragte ich zurück.

«Belser, erinnern Sie sich nicht? Wir haben vorgestern bei Gericht miteinander gesprochen, und Sie gaben mir Ihre Karte.»

«Und das hat sie so beeindruckt, dass Sie mich gestern in ihrem Käseblatt gleich in die Pfanne hauen mussten, wie?» knurrte ich.

«Sind Sie mir böse? — Dienst ist Dienst und… na ja, Sie wissen schon.»

«Was weiß ich?»

«Spielen wir alle nicht einfach nur unsere Rolle?»

«Sie vielleicht, ich nicht. Ich muss hart arbeiten für mein Geld, für Schauspielerei ist da kein Platz.» Na, na, Bodo, jetzt flunkerst du aber.

Sie kicherte.

«Mein Boss hat mit streng verboten, mit Ihnen noch weiteren Umgang zu pflegen,» teilte ich ihr mit.

«Tun Sie immer, was ihr Boss sagt?»

«Wenn er mich artig darum bittet, und wenn es mich sonst meinen Job kosten könnte, immer.»

«Sie sollten kleine Mädchen wirklich nicht so beschwindeln,» sagte sie schmollend.

«Was sollte ich denn mit ihnen machen?»

«Das wissen Sie nicht?»

«Habe nicht den leisesten Schimmer.»

«Kleine Mädchen können auch mal Hilfe brauchen dann und wann.»

«Was für kleine Mädchen? Was für Hilfe?»

«Na, ich zum Beispiel.»

«Komisch, ich dachte, Sie wären die Medea der Enterbten.» Vorsicht, Bodo, gib nicht so an mit deinen fünf Jahren humanistisches Gymnasium. Das kann in die Hose gehen. Schon bei jemandem, der sechs Jahre von diesem Lateiner- und Griechenquark hinter sich gebracht hat.

«Ich bin doch nur eine kleine Berufsanfängerin,» sagte sie giggelnd, «die noch viel lernen muss.»

So ging das noch eine Weile hin und her. Langer Rede kurzer Sinn, um mich endlich meinem Frühstück widmen zu können, das schon lange vor mir stand, verriet ich ihr, wo sie mich in der nächsten halben Stunde finden könnte, wenn sie noch Lust auf weitere Geplänkel dieser Art verspürte, und legte auf, oder wie nennt man das beim Handy?

Das Mädchen war wirklich nicht aufzuhalten, ich hatte gerade das Frühstück vertilgt und mich mit der neuen Vormittagsbedienung der Bar warmgeschäkert, da stand sie schon an meinem Tisch. Die blonden Locken mit der aufgesteckten Sonnenbrille vom Duschen noch etwas feucht, dunkelblaues Sweathirt, helle Hosen, Leinenschuhe. Sie strahlte mich an. «Na, bin ich schnell?»

Ich sah sie mir genau an. Sie sah nicht übel aus, wirklich nicht übel… War mir gar nicht aufgefallen im Gericht. Aber da war mir ja sowieso eine ganze Menge nicht aufgefallen. Ich sagte: «Ihr netter kleiner Bericht hat mich die Rechtsvertretungsbefugnis für die Firma gekostet.»

Ungläubig, mit großen grauen Augen staunte sie: «Das hat er wirklich?»

«Hat er,» nickte ich.

«Kann ich einen Espresso haben?» Es imponierte mir, dass sie Espresso trank und nicht etwa Cappuccino, diese labrige Weiberbrühe. Ich veranlasste, dass einer gebracht wurde.

Sie glitt auf den Stuhl mir gegenüber und schaute mir neugierig in die Augen. «Und was machen Sie jetzt?»

«Na ja, wieder das Übliche, Witwen und Waisen aussaugen und so weiter,» sagte ich leichthin.

«Sie sind ein komischer Heiliger,» fand sie.

«Was ist denn komisch an mir?»

«Ich weiß nicht..,» sie legte den Kopf schief, «irgendwie sind sie anders.»

«Anders als wer?»

«Als die anderen Männer.»

«Welche Männer?»

«Die, die ich kenne.»

«Ich wette, das sind eine Menge,» grinste ich anzüglich.

Sie beachtete es gar nicht. «Und heilig — na ja, da ist die rauhe Schale, aber irgendwie hat man gleich das Gefühl, dass es innen drin ganz anders aussieht.» Aha, der Barmherzige-Samariterinnen-Komplex. Es gibt Weiber — nach meinen Erfahrungen sind es so an die hundert Prozent –, die fliegen auf böse, wilde Burschen. Und wenn sie einen an der Angel haben, fangen sie sofort damit an, einen besseren Menschen aus ihm zu machen, weil er ja eigentlich doch einen guten Kern hat; oder vielmehr, weil sie sich einbilden, dass einer da sein muss. Die Sache begann mir Spaß zu machen.

«Wie ich nach außen wirke, weiß ich nicht,» log ich sie an. «Aber wie es innen drin in mir aussieht, das kann ich Ihnen ganz genau sagen.»

«Und?» fragte sie gespannt. «Wie sieht es aus?»

«Granit. Alles aus purem Granit.»

«Sie machen sich lustig über mich.»

«Würd ich nie wagen, das stünde am nächsten Tag ja gleich wieder in der Zeitung.»

Nachdenklich nippte sie an ihrem Espresso. «Im Städelschen sollen sie eine tolle neue Sonderausstellung haben. Hätten Sie Lust?»

Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, den Ahnungslosen zu mimen und erwartungsvoll zu fragen, ob es bei der Ausstellung um nackte Weiber oder wenigstens um Formel-eins-Boliden ginge. Aber dann ließ ich es bleiben, um das Niveau unserer netten kleinen Plauderei nicht allzu tief zu senken, und erklärte, dass Kunst nicht so meine Strecke sei, außer vielleicht, wenn es sich darum handelte, einen Rembrandt oder Van Gogh zu beschlagnahmen und mich bei der Verwertung ordentlich zu bereichern.

«Dann machen Sie doch einen Vorschlag,» lächelte sie. Offenbar war sie wild entschlossen, den Tag mit mir zu verbringen. Warum eigentlich nicht?

Ich sagte: «Das Wetter ist prima, warum gehn wir nicht raus und suchen uns ein schönes Plätzchen in der Sonne?»

Und so spazierten wir durch den Palmengarten, schlenderten ein bisschen durch die Stadt und nahmen unser Mittagessen auf einer Terrasse auf der anderen Seite des Flusses ein. Und die ganze Zeit ging das Geplänkel zwischen uns hin und her. Sie erzählte mir einiges über sich. Nichts Aufregendes, alles in allem ein behütetes, planmäßiges Leben, und sie gab sich redlich Mühe unabhängig und erwachsen zu werden, hatte es aber noch nicht ganz geschafft, weil ihr dazu noch der Richtige fehlte, wie sie zart andeutete. Und ich erzählte ihr, dass ich mal angefangen hätte, Theologie zu studieren, sie mich aber vom Priesterseminar gefeuert hätten, als sie herausfanden, dass ich sonntags immer die Kollekte klaute. Ob das wirklich stimmt, fragen Sie? Wer weiß das schon so genau.

Wir waren gerade beim Nachtisch, als mich ein wuchtiger Schlag auf die Schulter traf, dass ich fasst den Löffel verschluckt hätte. «Hey, Bodo, altes Arschgesicht! Wie geht’s denn immer so?» Neben unserem Tisch stand Charly. Charly ist einer meiner wenigen privaten Bekannten in der Stadt. Er trägt eine ungeheuer dicke Brille, rasiert sich nie, hat kaum noch Zähne im Mund, obwohl er noch gar nicht so alt ist, und wird ständig von einem ziemlich penetranten Fuselgeruch umweht. Er ist Künstler, fragen sie mich nicht, auf welchem Gebiet. Wenn er knapp bei Kasse ist, lasse ich ihn ab und zu die Corvette waschen, und das macht er wie kein zweiter.

«Alles roger, Charly,» sagte ich und steckte ihm zwei Scheinchen in die Tasche seines abgeschabten brauen Cordjacketts, mit dem er anscheinend auf die Welt gekommen ist und das er nie ablegt. «Trink einen auf mich und einen auf die Kunst.»

Galant verneigt er sich gegen Kerstin und wankte fröhlich pfiffelnd davon.

Sie blickte ihm nach. Das Sonnenlicht spielte in ihrem Haar. Sie war schön. Ich sagte: «Wir haben mal zusammen im Kirchenchor gesungen. Als er das hohe C nicht traf, hat ihn der Kantor rausgeschmissen. Das hat ihn aus der Bahn geworfen.»

Ihre Augen kehrten zu mir zurück und hatten einen seltsam ernsten, suchenden Ausdruck. War unser kleines Scharmützel schon vorbei? Leider nicht, schließlich landeten wir doch noch — peinlich, peinlich — im Städelschen Museum. Die Ausstellung hatte den dussligen Namen Augenblicke des Glücks. Es ging um Landschaftsmalerei von 16. bis zum 20 Jahrhundert und den ganzen bukolischen Dunst. Ich ließ ein paar unbedachte Bemerkungen fallen über die Präraphaeliten, Dürer, Watteau und so weiter, die sie verblüffend fand und als Beweis dafür nahm, dass tief in mir drin doch ein ganz sensibler, feinsinniger Bursche steckte. War es wirklich so leicht, sich zu verstellen? Wahrscheinlich war es eher die Blindheit einer Frau, die wild entschlossen ist, unbedingt das Gute zu finden.

Irgendwie kamen wir nicht voneinander los, und so blieben wir zusammen für des Rest des Nachmittags und fuhren auf einen der Banktürme und guckten uns die Stadt von oben an, streiften danach ziellos durch Geschäfte und Kaufhäuser und trennten uns auch nicht, als es Abend und die Stadt langsam leerer wurde. Wir süffelten uns durch ein paar Kneipen bis um zehn, und nie verloren ihre Augen dabei ganz diesen sehnsuchtsvoll-festhaltenden Ausdruck. Dann machte ich etwas, das ich noch nie mit einem Mädchen gemacht hatte, ich nahm sie mit hinaus nach Rödelheim. Dort spielen samstags um diese Zeit in einem Hinterhof in einer ziemlich baufälligen Scheune drei ziemlich schräge Jungs auf. Sie spielen auf selbstgebastelten Instrumenten aus Abflussröhren, Plastikwannen, rostigen Auspufftöpfen und so weiter. Im richtigen Leben gehen sie ganz ordinären Berufen nach, der eine ist irgendwas bei den Stadtwerken, der Zweite Wertpapiermanager bei einer Bank und der Dritte arbeitet in einer Landmaschinenhandlung, Abteilung Motorsägen und Forstgeräte. Es ist keine Kneipe, man sitzt auf Strohballen, und sein Bier muss man selber mitbringen oder gegen Bezahlung aus einem der Kästen dem gleich neben dem Tor nehmen. Wenn ich kann, bin ich jeden Samstag dort. Der Geheimtipp sprach sich langsam rum, und die Scheune war rappelvoll. Mit Müh und Not ergatterten wir noch zwei Plätzchen auf einer Futterkiste.

Kerstin war ganz entzückt von diesem etwas anderen Musikklub, aber bald schweiften ihre Gedanken ab, und sie war ganz woanders. Auch ich kam irgendwie nicht richtig in Stimmung. Normalerweise rocken sich die Jungs den Frust der ganzen Woche aus dem Leib, aber entweder hatten sie zu wenig Frust gehabt oder zuviel, jedenfalls waren sie an diesem Abend längst nicht so gut, wie sie sein konnten. Für die meisten in der Scheune war es immer noch gut genug, und es war wir immer ein großes Hallo. Wir blieben nicht lange, und draußen in der lauen Nachtluft stellte sich die Frage: Zu mir oder zu dir? Wir gingen zu ihr.

Sie wohnte in einem Apartmenthochhaus ungefähr auf halber Höhe, und von ihren Fenstern hatte man einen fabelhaften Blick auf den Fluss.

Wie um das Unausweichliche hinauszuzögern, hatten wir noch ein kleine Debatte über Musik. Sie stand vor der Stereoanlage, drehte eine CD in der Hand und fragte: «Was hast du gegen die Stones?»

«Dass sie nicht mindestens vor dreißig Jahren mit dem Flugzeug abgestürzt sind.»

«Was?»

«Die Burschen gehen stramm auf die Rente zu, haben Millionen auf dem Konto, lassen sich ‚Sir‘ nennen und singen was von der Revolution, alberner geht’s doch nun wirklich nicht mehr. Meiner Meinung nach gehören die ausgestopft und ins Museum für Urgeschichte und Völkerkunde Abteilung grausame Irrtümer der Natur gestellt.»

«Möchtest du was trinken?»

Ich sah sie lange an und sagte langsam: «Ich glaube nicht.»

Als wir im Bett lagen, schmiegte sie sich an mich und flüsterte: «Du, Bodo, ich muss dir was sagen.»

Ich schob mir einen Arm unter den Kopf und sagte: «Ja-ah?»

«Ich hab ein Faible für reife Männer.»

Ich machte Anstalten, mich aus dem Bett herauszuarbeiten. «Okay, dann will ich nicht länger stören.»

Lachend schlang sie die Arme um meinen Hals. «Bodo — Bodo. Bitte bleib, …mach mich zu deiner Frau…»

Wer hätte da nein sagen können? Ich ließ mich wieder zurückfallen und… – Na ja, den Rest können Sie sich denken. Oder wissen Sie etwa nicht, wie es ist, wenn man eine Frau liebt, wieder und wieder, eine ganze Nacht lang? Ihre Nachbarn wussten es am nächsten Morgen ganz bestimmt, denn sie gab sich keine Mühe, ihre Freuden zu verbergen. Herrgott, warum können die Weiber nicht immer nur so sein? Ohne Karrierefimmel, Muttigetue, Migräne, Tage und das ganze verdammte Gezicke?

Am nächsten Morgen, oder sagen wir besser: Mittag, als ich aufwachte und den Kopf zu ihr drehte, lag sie da, ihr Kissen umschlungen und betrachtete mich.

Ich gähnte und fragte: «Bist du schon lange wach?»

«Du schnarchst,» sagte sie. «Und als die Sonnenstrahlen das erste mal deine Nasenspitze berührten, musstest du niesen.»

«Sag jetzt bloß nicht, dass du das süß und niedlich findest,» brummte ich.

«Sag ich ja gar nicht.»

«Gib zu, dein Boss hat dich auf mich angesetzt für ’ne Undercoverstory über Kreditverleiher.»

«Mein Boss wird nicht mehr lange mein Boss sein,» sagte sie nachdenklich.

«Warum nicht?»

«Es gefällt mir nicht bei der Zeitung.»

«Du wechselst die Zeitung?»

«Nein, ich meine, es gefällt mir bei keiner Zeitung. Journalistin ist nichts für mich.»

Ich stieß einen anerkennenden Pfiff aus. «Hast du schon gekündigt?»

«Irgendwann nächste Woche.»

«Und dann?»

«Keine Ahnung. Irgendwas ganz anderes, ganz woanders.»

Sie küsste mich lange und leidenschaftlich. Dann brachte sie ihre Augen dicht vor meine und sagte: «Bodo, tu mir einen Gefallen, ja?»

«Welchen?»

«Erklär mir deinen Job.»

Hätte ich nicht schon gelegen, hätte mich das vermutlich umgehauen. Darum hatte mich noch keine gebeten.

Ruckartig setzte ich mich auf. «Ich soll WAS?!»

«Erklär mir deinen Job,» wiederholte sie.

Entgeistert fragte ich. «Willst du ins Kreditverleihergeschäft einsteigen?»

Sie schüttelte ernst den Kopf. «Ich will nur wissen, was ein Mann wie du daran findet.»

Ein Mann wie ich? Nun gut. Ich war gerade dabei, ihr die Grundzüge von Soll und Haben anhand (das können Sie ruhig wörtlich nehmen) ihrer Brüste zu erklären, als irgendwo in dem Kleiderwust, der das Bett umgab, mein Handy dudelte.

«Geh nicht ran,» bat sie mich.

Halb aus dem Bett hängend krabbelte ich auf dem Boden herum und tastete nach dem verdammten Ding unter den Klamotten. «Ich muss, vielleicht ist Deutschland in Gefahr.» Endlich hatte ich den Laberknochen gefunden. «Liegen wohl wieder noch mit einer Ihrer Puppen im Bett, wie?» krähte mir Raffs Stimme unangenehm schrill ins Ohr.

«Wieso bloß mit einer?» gab ich zurück.

«Egal wie viele, schicken Sie sie nach Hause und stecken Sie sich die Windeln fest. Hier kommt ein Spezialauftrag.» Es war tatsächlich ein ziemlich spezieller Auftrag. In kurzen Worten ging es darum, dass ein Mann mit anderthalb Millionen geschmiert worden war, das Geld eingesackt hatte und spurlos damit verschwunden war, ohne die geringste Gegenleistung dafür zu erbringen. Da Raff grundsätzlich kein Geld für Schmiergeldzahlungen verschwendet und schon gar keine Unsummen, stand damit fest, dass es sich hier nicht um einen von seinen eigenen Patienten handelte, sondern er wieder mal das Inkasso für irgendeinen Kumpel aus dem Golfklub oder dem Männergesangverein Deppendorf 05 übernommen hatte. Er hielt es nicht für nötig, mich über den großzügigen Geldgeber oder über den Verwendungszweck näher zu unterrichten. Alles, was er mir noch verriet, war: «Aus zuverlässiger Quelle haben wir erfahren, dass dieser Vogel gestern Abend in Mallorca an Land gegangen ist. Am Flughafen am LTU-Schalter liegt ein Ticket für sie und ein brauner Umschlag mit allen notwendigen Informationen über den Kunden. Fliegen Sie runter und schnappen Sie ihn sich.»

«Und was ist, wenn er nicht mitkommen will?»

«Dann falten Sie ihn eben sorgfältig zusammen und legen ihn sich in die Brieftasche. Alternativ können Sie natürlich auch das Geld mitbringen, aber es ist unwahrscheinlich, dass er es bei sich hat.»

«Und was ist mit dem Hotel?»

«Wieso Hotel, Sie fliegen runter, greifen sich den Burschen und kommen wieder her.»

«Es kann sein, dass ich mehr Zeit brauche, um an ihn ranzukommen und ihn zu überreden.»

«Kommt überhaupt nicht in Frage, dass Sie da unten auf Kosten der Firma Urlaub machen.»

«In solchen Fällen steckt man einfach nicht drin,» erklärte ich fachmännisch, «einen bestimmten Zeitplan kann ich nicht garantieren. Und es kann sehr gut sein, dass ich zwei, drei Tage da unten bleiben muss. Und in den Fünf-Sterne-Hotels da unten sind erfahrungsgemäß kurzfristig immer nur die Hochzeitssuiten frei.»

«Nehmen Sie Ihren Jugendherbergsausweis mit und versuchen Sie bloß nicht, Spesen zu schinden. Und jetzt Schluss mit dem Gequatsche, der Flieger geht in zwei Stunden.» Er legte auf. Ich bin sicher, er war überzeugt, er habe mir damit eine riesige Freude bereitet.

Ich krabbelte ins Bett zurück, mein Blick glitt über die Verheißungen von Kerstins Körper, und mir kam ein verrückter Gedanke. Vielleicht machte ich den Fehler meines Lebens, aber das hielt mich nicht auf. Ich sagte: «Hättest du Lust, deinem Chefredakteur noch eine richtig schön fette Story zum Abschied zu liefern?»

Sie blickte mich groß an.

«Schlagzeile: ‚Kredithaie im Mittelmeer‘, oder so,» lockte ich sie.

«Wie meinst du das?»

«Du wolltest, dass ich dir meinen Job erkläre, du könntest mir sogar dabei zugucken. Ich habe gerade einen Auftrag auf Mallorca gekriegt. Was ist, fliegst du mit?»

«Jetzt gleich?»

«Klar doch.»

«Und du würdest mich wirklich mitnehmen?»

«Dich immer.»

«O, Bodo.»

Ich interpretierte das als «Ja» und griff zum Handy und rief Raff an und sagte ihm: «Lassen Sie noch ein zweites Ticket bereit legen.»

«Sie wolln doch wohl nicht Ihre Mieze mitnehmen?» ereiferte er sich.

«Ich brauche eine Begleitperson, um mich da unten unauffällig bewegen zu können, als einsamer Schnüffler würde ich sofort auffliegen. Verbuchen Sie es als arbeitserleichternde Maßnahme.»

Er quäkte noch irgend etwas, aber ich beachtete es gar nicht und schaltete das Handy aus.

Sie küsste mich. Ich sagte: «Pack ein paar Sachen zusammen, wir müssen gleich los.»

Im nächsten Moment war sie schon aus dem Bett und unter der Dusche und rief von dort. «Fahren wir noch bei dir vorbei?»

«Ist nicht nötig, was ich brauche, besorg ich mir unterwegs.» Sorgenvoll blickte ich an mir hinunter auf die Wölbung in der Bettdecke ungefähr auf halbem Wege zu meinen Füßen. Ich seufzte, Bodo und die Liebe, wenn das mal gut ging…

Eine halbe Stunde später waren wir draußen am Flughafen und ich erwischte mal wieder mit traumwandlerischer Sicherheit das falsche Ende des falschen Parkhauses. An diesem verdammten Airport ist wirklich jedes mal alles wieder ganz anders als beim letzten Mal. Wir mussten ganz schön marschieren bis zum richtigen Terminal und zum richtigen Abflugschalter.

Flieger, die sonntags um diese Zeit da runter fliegen, sind nie sehr voll, weil sie keine Touristen runterbringen, sondern welche zurückholen. Wir hatten die freie Auswahl. Ich überließ ihr den Platz am Fenster.

Als der Flieger abhob, lächelte sie mich an und meinte genießerisch: «Das ist der schönste Moment!»

Ich sagte: «Es erinnert mich an einen alten, immer wiederkehrenden Wunsch.»

«Was für ein Wunsch?»

«Einen Strich zu ziehen und noch mal ganz neu anzufangen.»

«Du meinst deinen Job?»

Ich schüttelte den Kopf. «Ich meine alles. Ich meine aufhören mit allem, und mit allem noch einmal ganz neu anfangen. Den Moment, in dem alle Chancen liegen — wie in der ersten Nacht mit einer Frau. Das müsste man festhalten können…»

«Du bist ja ein richtiger Träumer,» freute sie sich.

«Nur wenn ich absolut nichts anderes vorhabe,» brummte ich und wunderte mich, wieso ich plötzlich so verdammt philosophisch daherschwafelte. Ich musste besoffen sein. Ich fragte mich nur, wovon. Ich hatte noch keinen einzigen Tropfen getrunken.

Als die Stewardess mit ihrem Getränkewägelchen herangeschoben kam, holte ich das nach und genehmigte mir einen doppelten Whisky. Kerstin wollte nichts. Ich riss den braunen Umschlag auf und studierte, was Raff mir an Informationen über meinen Mann zukommen hatte lassen. Viel war es nicht. Immerhin gab es einen Kontaktmann auf der Insel, auf einem Zettel, in einer Handschrift, die nicht von Raff war, waren Treffpunkt und Erkennungszeichen gekritzelt. Dann ein Foto der Hauptperson, kein Passbild, eine richtige Porträtaufnahme, die einen fahlblonden Mittvierziger mit großer Hornbrille und Strebergesicht in Schlips und Kragen zeigte. Größe einsachtzig, Gewicht fünfundachtzig Kilo. Zigarilloraucher, Freizeitsegler, schönen Frauen und dem Glücksspiel zugetan und noch ein paar andere Details. Ich fragte mich, woher Raff das hatte, im Personalausweis stand das meiste davon jedenfalls nicht. Musste wohl von seinem Auftraggeber stammen. Ich überlegte mir, dass unser Patient, der Falk Söderbaum hieß, ein ziemlich hohes Tier sein musste, wenn seine Dienste oder sein Einfluss anderthalb Millionen wert waren. Und Raffs Auftraggeber musste eine ziemlich gut gefüllte Kasse haben, und es musste für ihn um sehr viel mehr gehen, wenn er anderthalb Millionen in Söderbaum investierte, schließlich will man ja bei so einem Geschäft unter dem Strich noch etwas übrig behalten. Aus diesen Gedanken störte Kerstin mich auf, die das Foto in die Hand nahm und sagte: «Der sieht gar nicht so aus, als ob er sich bei deinem Boss Geld leihen müsste.»

Der Zusammenhang zwischen dem Aussehen der Menschen und dem, was sie tun oder nicht tun, ist ein weites Feld. Aber darum ging es hier ja gar nicht. Ich süffelte einen Schluck Whisky, bleckte die Zähne und sagte: «Dieser Fall liegt ein bisschen anders. Wir sind heute als Kopfgeldjäger unterwegs.»

Sie ließ das Foto sinken. «Kopfgeldjäger? — Die gibt’s doch nur in Wildwestfilmen.»

«Hauptsächlich. Aber nicht nur.»

«Und was hat er verbrochen?»

«Das weiß ich selber nicht genau, der Boss ist in diesen Dingen mit Informationen immer ziemlich knickrig.»

Sie sah sich das Foto noch einmal an. «Hey, den hab ich schon mal gesehen! Auf einem Bild in der Redaktion.»

Das wunderte mich nicht sehr. So wie die Dinge lagen, musste er eine einflussreiche Position in der öffentlichen Verwaltung oder in einem größeren Unternehmen bekleiden. Und solche Leute landen früher oder später ziemlich oft auf Pressefotos.

«Wenn ich bloß wüsste, in welchem Zusammenhang…,» grübelte sie.

Ich grübelte nicht, lehnte mich nur zurück, schloss die Augen und entspannte ein wenig. Schließlich war die letzte Nacht nicht gerade die reinste Erholung für mich gewesen — bei allem Spaß, den ich gehabt hatte. Oder vielleicht gerade wegen dem Spaß.

Pünktlich ohne Warteschleifen gingen wir in Palma runter. Kein Gedrängel an der Passkontrolle. Alles wunderbar. Man sollte immer Sonntagnachmittag dorthin fliegen. In den Flughafenshops besorgte ich mir noch Zahnbürste, Rasierzeug, Badehose und so weiter und stopfte alles in Kerstins Köfferchen.

Die Puppe am Hertz-Schalter wollte uns einen von den Insel-üblichen Kleinwagen andrehen, aber ich verlangte das dickste Cabrio, das sie hatten. Das war ein Jaguar. Ich nahm ihn. Während ich die Formulare ausfüllte und den Empfang der Papiere und Schlüssel quittierte, wurde der Wagen vorgefahren — dunkelrot-metallic, nicht ganz der passende Farbton, aber man muss nehmen, was man kriegen kann. Kerstin war ganz begeistert von dieser Sänfte. Ich warf ihr die Autoschlüssel zu, schmiss ihr Köfferchen auf die Rückbank und ließ mich auf den Beifahrersitz fallen. Vor lauter Aufregung und Begeisterung fast so rot wie der Schlitten, schob sich sich den Fahrersitz zurecht, stellte die Rückspiegel ein und startete den Motor. «Wohin fahren wir?»

Ich machte eine unbestimmte Handbewegung nach vorne und sagte: «Ans Wasser.»

Sie schüttelte ihr Haar auf und gab Gas. Für sie war es wie Urlaub. Und war es das nicht irgendwie auch wirklich? Mal sehn.

Wir nahmen nicht die Schnellstraße in die Stadt, sondern gondelten gemütlich über idyllische Landsträßchen an die Ostküste hinüber. Dort suchten wir uns eine einsame Bucht und fanden auch eine. Jauchzend flog Kerstin über den Strand und warf sich in die Wellen und kraulte hinaus. Sie war ganz schön sportlich, ich musste mich ziemlich anstrengen, um sie einzuholen. Tauchend versuchte sie, mir zu entkommen. Aber ich kriegte sie, und wir liebten uns im Wasser. Zurück am Strand aalten wir uns ausgepumpt im Schatten einer Klippe. Aber erzählen Sie das bloß nicht dem Alten. Sie stützte sich auf den Ellenbogen, legte ihre warme Hand auf meinen Bauch und blickte mir ernst in die Augen. «Es ist schön mit dir, Bodo.»

«Warte lieber erst mal ab, bis das Wochenende vorbei ist,» riet ich ihr, «bisher kennst du nur den guten alten Freizeit-Bodo.»

Sie drehte mir den Rücken zu und forderte: «Halt mich fest.»

Ich umschlang sie, und sie presste sich schaudernd an mich. Ganz leise flüsterte sie: «Es ist so schön.»

Benommen hielt ich sie in meinen Armen und wagte nicht, mich zu bewegen oder etwas zu sagen, um diesen Moment nicht zu zerstören.

Irgendwann waren wir dann nicht mehr alleine, eine Horde weißhäutiger Engländer trampelte an uns vorbei und lief grölend ins Wasser. Wir lösten uns voneinander. Sie wälzte sich herum und blickte mir suchend in die Augen. «Bodo?»

«Was ist?»

«Liebst du mich?»

Mach bloß keinen Scheiß, Bodo, die Sache wird langsam ernst — verdammt zu ernst. Aber irgend etwas in mir nickte, und mein Kopf nickte mit.

Ihre Augen wurden feucht. «Ich hab solche Angst.»

«Wovor?»

«Dass du einmal nicht mehr da bist.»

«Wie kannst du das sagen, du kennst mich doch noch gar nicht richtig.»

Weinend lachte sie. «O doch, Bodo, ich kenne dich schon ganz gut.»

In was war ich da bloß reingeraten? Ich verstand mich selber nicht mehr. Gefühle, Gefühle…

«Sag mir was Liebes,» verlangte sie.

«Später,» sagte ich mit belegter Stimme, «jetzt müssen wir langsam in die Stadt.»

Sie sprang auf. «Wer zuerst am Auto ist.»

Ich ließ sie gewinnen und kam keuchend am Jaguar an und plumpste hinein.

«Du hast geschummelt,» beschwerte sie sich und gab Gas und ließ Sand hochspritzen.

An der Straße dirigierte ich sie nach links und wir fuhren immer schön in Sichtweite des Meeres Richtung Palma.

«Du kennst dich hier ja ganz gut aus. Kommst wohl mit all deinen Mädchen hierher.»

«Höchstens alle zwei Wochen, öfter erlaubt mein Terminkalender nicht.»

Die flirrende südliche Nachmittagshitze drückte auf das Land. Ich schaltete die Klimaanlage ein. Nach einer reichlichen halben Stunde hatten wir die Stadt erreicht. Über die Liebe redeten wir nicht mehr. Ich lotste sie zu einem der besten Hotels an der Wasserlinie. Von dem pomadisierten Schnösel an der Rezeption verlangte ich eine ordentliche Zimmerflucht.

Bedauernd teilte er mir mit, dass die Suiten alle vergeben seien bis auf die Sultansuite zu fünftausend Euro die Nacht, die im Moment aber gerade für den Besuch des Aga Khan renoviert würde. Und so landeten wir in einem Apartment mit knapp hundert Quadratmetern und Meerblick zu achthundert Euro. Es war ganz nett, wir hatten reichlich Platz, zwei Badezimmer und einen Logenblick auf den Hafen. Raff hätte getobt, wenn er das gesehen hätte. Aber er würde sowieso toben, wenn er meine Spesenabrechnung zu Gesicht bekam. Mit unseren paar Habseligkeiten hatten wir uns schnell eingerichtet. Ich nickte zum Telefon hin und sagte: «Solltest du nicht in der Redaktion anrufen und ihnen sagen, dass mit dir morgen nicht zu rechnen ist?»

Sie fand, das sei eine vernünftige Idee. Und ich sagte ihr, dass ich inzwischen kurz mal in die Stadt gehen würde.

In einem Straßencafé am Yachthafen, saß der Mann, an den ich mich halten sollte. Ein schwarzhaariger Bursche mit einem gestutzten Schnurrbart und Sonnenbrille mit kleinen runden Gläsern. Sein Leinenjackett hatte er über die Lehne seines Stuhls gehängt. Als Erkennungszeichen lag die Bild am Sonntag vor ihm auf dem Tisch. In einem Cocktailglas hatte er irgendetwas Rotes vor sich.

Ich zog mir einen Stuhl zurück und setzte mich zu ihm. Er stellte fest: «Sie kommen spät.»

«Wozu?» fragte ich und machte ein hartes Gesicht dazu.

Er ließ das auf sich beruhen und schob mit dem Hemdsärmel wie von ungefähr das Titelblatt der Zeitung ein wenig zur Seite. Zum Vorschein kam das Foto von Söderbaum, das ich auch in meinen Unterlagen hatte. «Unser Mann kam gestern mit diesem Boot.» Er nickte zu einer Dreißig-Meter-Yacht, die mit dem Heck gegen die Kaimauer am Steg festgemacht hatte. Auf dem Heck stand Beatiful Sunshine und darunter Sotschi.

«Was ist das für eine Flagge?» fragte ich.

«Aserbaidschan.»

«Ich dachte immer, das liegt am kaspischen Meer. Wie kommt man von da ins Mittelmeer?»

«Indem man sein Boot in einen Schwarzmeerhafen legt — Sotschi, steht doch drauf.»

«Wem gehört der Pott?»

«Einem aserbaidschanischen Ölbaron. Hat ein paar verrottete Ölplattformen aus der Sowjetzeit im Kaspischen Meer unter seine Kontrolle gebracht und den Hahn voll aufgedreht. War ursprünglich mal ein ganz kleiner Parteiapparatschik, jetzt lebt er in goldenen Schlössern.»

An und für sich schätze ich gut unterrichtete Gewährsleute sehr. Aber dieser hier war mir fast ein bisschen zu gut informiert. Ich fragte: «Und was hat unser Mann mit ihm zu tun?»

«Geschäftsbeziehungen, nehme ich doch an.»

«Und wo ist er jetzt? Ich meine, schlafen die auf dem Boot, oder haben sie sich irgendwo einquartiert, oder hat er die Insel vielleicht sogar schon wieder verlassen?»

«Nein, nach meinen Informationen hat er die Insel noch nicht wieder verlassen. Warum sollte er das auch tun, wo er doch hierher gekommen ist, um ein paar unbeschwerte Tage zu genießen?»

Er wusste also Bescheid darüber, wer so kam und so ging auf der Insel. Warum beruhigte mich das nicht? «Woher wussten Sie, dass er auf diesem Boot ist?»

«Wir hatten ihn schon eine ganze Weile im Auge.»

«Seit Sotschi?» riet ich.

«Er ging erst in Piräus an Bord.»

Aha, wir. Also mehrere. Eine Organisation. Und zwar eine, die Auge und Ohr an allen Küsten des Mittelmeers hat — Preisfrage, was ist das? Sicher nicht die Ortsgruppe Kleinglobzow von der DLRG. Mit der Antwort Geheimdienst wären Sie allerdings eine Runde weiter. Ob der spanische, der amerikanische, der tibetanische oder unsere Schlapphüte aus Pullach, war mir scheißegal. Wozu brauchten sie mich noch, wenn sie schon alles unter Kontrolle hatten? Ich hab zwar in meinem Leben schon einiges auf die Birne gekriegt, aber total verblödet bin ich deshalb noch lange nicht. Am liebsten hätte ich eingepackt und wäre gleich wieder heimgeflogen. Die Bemerkung über Söderbaums Zockerei fiel mir plötzlich wieder ein. Ich erkundigte mich: «Wo ist das beste Spielcasino hier auf der Insel?»

«Kennen Sie das Hotel La Plaja?»

«Bin, glaub ich, dran vorbeigefahren.»

«Oben im zehnten Stock. Der Ausblick von dort soll sagenhaft sein, sagt man.» Er nahm die Zeitung an sich, stand auf und hievte sich das Jackett über die Schulter.

«Und wie war gleich noch der Name?» fragte ich.

«Welcher Name?»

«Ihr Name.»

«Mein Name?»

«Derselbe,» nickte ich.

Ein dünnes, örtlich sehr begrenztes Lächeln breitete sich unter seinem Schnurrbart aus. «Wie würde Ihnen Morales zusagen?»

«So gut wie jeder andere,» gab ich zurück, ohne eine Miene zu verziehen.

Er machte eine sparsame Handbewegung als Abschiedsgruß, drehte sich auf den Hacken um und schlenderte beschwingt davon. Es würde Ärger geben, großen Ärger, und womöglich war er schon in vollem Gange. Mir war nur klar, dass sie mich und Söderbaum unbedingt zusammenbringen wollten. Wozu? Das war die 64000-Dollar-Frage. Vielleicht um selber ein Alibi zu haben für irgendeine Schweinerei, die sie vorhatten.

Ich stand auf und folgte Morales. Im Gehen holte ich meine Minox heraus und machte sie schussfertig. Mein Job bringt es so mit sich, dass ich dann und wann Fotos schießen muss zu Beweiszwecken — für Raff, oder um mich gegen Strafanzeigen abzusichern. Deshalb habe ist dieses kleine praktische Dingelchen immer bei mir. Und jetzt wollte ich ein Foto von Morales. Ich folgte ihm nicht direkt, sondern schlug eine Richtung ein, die mich schräg von ihm weg führte, damit ich ihn von der Seite kriegen konnte. Er steuerte auf einen klapprigen Mirafiori zu, in dem ein Mann auf ihn wartete. Bevor er einstieg, ließ er noch einmal einen Alles-unter-Kontrolle-Blick in die Runde schweifen. Das war der Moment zum Abdrücken. Dann stieg er ein. Der Motor sprang an. Er klang überhaupt nicht alt und klapprig, er klang auch nicht besonders serienmäßig. Mit hoher Geschwindigkeit jagte der Mirafiori davon. Fragen Sie mich nicht, warum Geheimdienste geheim heißen.

So wie die Dinge lagen, hatte ich zwei Möglichkeiten, entweder ihr Spiel mitspielen und dabei womöglich draufgehen oder es mit nicht mitspielen und nicht draufgehen. Oder gab es noch die dritte Möglichkeit, mitspielen und nicht draufgehen? In einem Fotoladen mit Sofortservice ließ ich den Film entwickeln und kaufte mir gleich einen neuen.

Mit der nachlassenden Hitze füllten sich die Straße und Plätze wieder. Durch das grellbunte Touristenvolk schob ich mich zurück ins Hotel. In meinem Kopf nahm ein Plan schemenhaft Gestalt an — na ja, der Anfang eines Plans.

Ich wurde schon ungeduldig von Kerstin erwartet.

«Na, hast du Absolution gekriegt für deine kleine Spritztour?» grinste ich.

Sie nickte hastig und platzte heraus: «Ich weiß jetzt auch, was es mit dem Foto von Söderbaum auf sich hatte, das ich in der Redaktion rumliegen sah.»

Unwillkürlich musste ich an das Foto denken, das Morales aus seiner BamS hatte hervorlugen lassen. Ich knurrte: «Von den Dingern müssen eine ganze Menge im Umlauf sein.»

«Was?»

«Vergiss es. — Was ist mit dem Foto?»

«Söderbaum arbeitet bei einer Bundesbehörde, die dem Wirtschaftsministerium untersteht und die Erdölreserven der Bundesrepublik verwaltet. Er managt den Einkauf.»

Ich pfiff durch die Zähne.

«Und er ist aus seinem Urlaub nicht zurückgekehrt und wird von der Polizei als vermisst gesucht. In der Redaktion recherchieren sie den Fall noch, sie haben noch nicht genug Fakten, um die Story rundzukriegen. Deshalb sind sie noch nicht damit herausgekommen.»

«Hast du ihnen erzählt, dass wir an ihm dran sind?»

«Kein Sterbenswörtchen. — Und wo hast du dich so rumgetrieben?»

Ich entschloss mich, ihr reinen Wein einzuschenken, und erklärte ihr in groben Zügen die Lage.

«Wow, Bodo James Bond Lünch.»

«Mach bloß keine Witze, lieber wäre ich jetzt daheim.» Ich setzte mich an den Schreibtisch, suchte mir aus der Briefpostmappe einen Blankobogen ohne den Kopf des Hotels heraus und sog mir eine ziemlich wilde Geschichte aus den Fingern. Weil Zahlen immer so schön nüchtern-seriös wirken, setzte ich noch die Autonummer des Mirafiori an den Schluss und unterschrieb das ganze mit ‚Einer, der es wissen muss‘. Ich faltete den Bogen zusammen und tat ihn zusammen mit dem Foto von Morales in einen Briefumschlag und klebte ihn zu. Ich sagte: «Du bist doch ein aufgewecktes Mädchen und vom Fach. Dann wirst du sicher schnell herausfinden, wo die Volkskomiker von der Bildzeitung hier ihre lokale Klitsche haben. Liefer das hier dort ab, persönlich, aber anonym. Und dann wolln wir mal sehn, was passiert.» Die Sache ist nämlich die, dass Bild auf den Inseln nicht nur druckfrisch an die Touris verhökert wird, sondern auf Mallorca sogar ein eigenes Büro hat. Man kann zu diesem Knatterblatt stehen, wie man will, aber für einen guten Tipp sind sie immer dankbar, besonders wenn er fette Schlagzeilen bringt. Und Fakten brauchen sie dazu nicht, die reimen sie sich schon selber zusammen, wenn sie welche brauchen. Auf die Gefühle kommt es an und darauf, dass man in dieser Pampe immer schön rumrührt. Bild ist keine Information, sondern Unterhaltung, mit der Stimmung gemacht wird. Es soll allerdings Leute geben, die das noch nicht mitgekriegt haben.

Kerstin blieb mit dem Brief in der Hand in der Tür stehen und drehte sich noch einmal um. «Glaubst du, dass es gefährlich wird?»

«Na, das wolln wir doch ganz stark hoffen,» grinste ich.

Als sie weg war, trat ich auf den Balkon und warf einen nachdenklichen Blick auf den Hafen. Ich versuchte mir das Szenario auszumalen, das sich die Geheimfritzen zurechtgebastelt hatten. Sie waren hinter Söderbaum her, das war klar. Aus irgendwelchen Gründen, die nicht unbedingt etwas mit Öl zu tun haben mussten, wollten sie ihn auf nicht ganz rechtsförmige Art loswerden. Auf dem Schiff kamen sie nicht an ihn ran. Da lungerten zu viele Bodygardtypen herum, die nicht so aussahen, als wäre mit ihnen gut Kirschen essen. Also musste es irgendwo an Land geschehen. Und wenn Söderbaum wirklich so ein Spielteufel war, dann gab es da gar nicht so viele Möglichkeiten: das Casino im La Plaja und der Weg vom Schiff dorthin und wieder zurück. Das Casino selbst schied wohl aus. Der Hinweg auch — zu viele Leute auf der Straße, außerdem wurde geknipst auf Teufel komm raus, da hätte es zufällig Fotos geben können, die Beweise lieferten, die man gar nicht haben wollte. Blieb also nur der Rückweg, und von ihm eigentlich nur der letzte Teil direkt am Hafen, möglicherweise irgendwo auf den Anlegestegen zwischen den Booten. Da würden später am Abend nicht mehr viele Leute sein und auch nicht viel Licht. Hmhm. Und dann fehlte nur noch jemand, dem man die Sache in die Schuhe schieben konnte, zum Beispiel einen grobschlächtigen Schuldeneintreiber, der in seinem Arbeitseifer ein bisschen übers Ziel hinausschoss — also mich. Wenn ich mich nicht in Acht nahm, konnte es sehr gut sein, dass ich in einem spanischen Gefängnis verrottete. Ich hätte heimfahren können, und vielleicht hätte der Alte mir sogar nicht mal den Kopf abgerissen. Aber Bodo Lünch hat noch nie mit eingezogenem Schwanz das Feld geräumt. Ich legte mir eine kleine Strategie zurecht, um den Krieg vorzubereiten.

Detmers fiel mir ein. Wir kannten uns von früher, als ich noch ein bisschen gerudert habe. Er war der Bootswart des Vereins. Als er im Lotto fünf Richtige mit Zusatzzahl hatte, haute er in den Sack und ging nach Mallorca und machte eine Kneipe auf. Leider nahm er die falsche Zielgruppe ins Visier, nämlich den Schlag Leute, den er aus der Vereinsgaststätte kannte, aber die feierten ihre Sangriaorgien lieber im Ballermann 6. Als die Kneipe den Bach runter gegangen war, besann er sich wieder auf seine Wurzeln und machte einen Bootsverleih auf, später kam noch eine kleine Schiffsausrüsterfirma dazu, bei der sich die Yachtfritzen von der Notration bis zum Außenborder mit allem eindecken können, was man zum Leben an Bord so braucht. Immer wenn ich auf der Insel bin, schaue ich bei ihm vorbei, und wir plaudern ein wenig über die alten Zeiten. Ich konnte sein Geschäft sehen, es lag vom Hotel praktisch nur schräg über die Straße.

Ich ging kurz mal rüber zu ihm.

Als er mich sah, kam er mir entgegen und rief mit ausgebreiteten Armen: «Bodo! Alter Seeräuber!»

Und ich antwortete auf die übliche Art mit: «Selber Bodo.» Sie werden’s nicht glauben, aber der Bursche heißt tatsächlich genauso wie ich.

Wenig später saßen wir hinten in einer Ecke seines vollgestopften Ladens auf Stapeln von Rettungsringen, süffelten gut gekühltes deutsches Bier aus Dosen und spannen unser Garn. In einer andächtigen, erinnerungsschweren Pause kam ich dann zur Sache und erklärte ihm, wie die Dinge lagen. Er hörte sich alles gespannt an, und als ich fertig war, sagte er: «Also wenn mir das irgendwer sonst erzählen würde, würd ich’s glatt für ’nen glasklaren Fall von Verfolgungswahn halten.»

Ich sagte nichts, brauchte ich auch nicht, jeder, der mich auch nur ein bisschen kennt, weiß, dass hysterische Dinge wie Verfolgungswahn einfach nicht eingebaut sind bei mir.

Boots-Bodo blickte mich nachdenklich an und meinte: «Wenn das alles nur eine Falle ist, dann gibt’s für dich doch sowieso nichts mehr zu holen. Warum fliegst du nicht einfach wieder heim?»

«Weil mich die Brüder ganz leicht bei der Abflugkontrolle abfangen und unter irgendeinem Vorwand ins Loch stecken könnten. Und zufällig sitzt Söderbaum in derselben Zelle, und am nächsten Morgen ist er tot. Was dann?» Ich weiß, das war ein bisschen an den Haaren herbeigezogen. Aber es war genau die Art von Argumentation, die ihn überzeugte. Und er musste überzeugt sein. Ich brauchte ihn. Vorgebeugt erkundigte ich mich: «Was bringt die Leute hier am Hafen in Aufruhr, ich meine, so richtig in Aufruhr?»

Er erwog verschiedene Möglichkeiten, kam dann aber noch auf ganz etwas anderes und war sich sicher: «Ja, das isses. — Wann soll die Sache steigen?»

«Heute Abend, wenn’s nach mir geht.» Ich sagte ihm, dass mein Zeitplan noch nicht ganz fertig wäre und ich ihm noch Bescheid geben würde. Wir vereinbarten noch einige Erkennungszeichen und Signale, und er versprach mir, auf meinen Anruf zu warten.

Ich schob ihm ein paar Scheine hin. «Für die Unkosten.»

Er zierte sich. «Doch nicht von dir, altes Haus.»

«Vielleicht geht ja auch was schief, dann verklagen sie dich auf Schadenersatz oder du kriegst irgendwelche Strafzettel.»

Die Scheinchen fanden Aufnahme in der Brusttasche seines karierten Holzfällerhemds.

Ich ging ins Hotel zurück. Kerstin war noch nicht wieder da, trudelte aber kurz nach mir ein. Vom Bett aus neckte ich sie: «Hast dir wohl einen feurigen Señor geangelt, was?»

Keuchend vom schnellen Laufen ließ sie sich neben mich fallen und küsste mich mit heißen Lippen. «Ich konnte mich nur nicht so schnell entscheiden, die Auswahl war so groß. Hast du dich gelangweilt? Hab ich dir gefehlt?»

«Nicht besonders.»

«Ich hab dir nicht gefehlt?»

«Ich meine, ich hab mich nicht besonders gelangweilt.»

«Hast dir wohl eine feurige kleine Señorita angelacht.»

Nachdem wir uns ausgeblödelt hatten, erzählte sie mir, dass das Büro geschlossen gewesen war und sie den Redakteur erst in einer Bodega auftreiben musste, und dass er schon ziemlich benebelt gewesen wäre. «Hoffentlich geht das gut.»

«Keine Sorge,» sagte ich und versprach ihr, dass wir einen aufregenden Abend haben würden. Ich schwang mich aus dem Bett. «Ich kenne mich mit den Sitten in spanischen Casinos nicht so aus, aber ich will nicht riskieren abgewiesen zu werden, bloß weil mir der Schlips fehlt, oder den ganzen Abend mit einem dämlichen Leihschlips rumlaufen. Und du könntest auch noch was Passendes brauchen.»

«Wir gehen ins Casino?»

«’türlich, was dachtest du? Wolln doch auch ’n bisschen Spaß haben, oder?»

Wieder küsste sie mich heiß und innig. Halbherzig machte ich mich frei. «Aber erst mal gehn wir einkaufen. Also los, vamos.»

Die Krawatte für mich war schnell gefunden. Bei ihr war’s schwieriger. Aber nach einem knappen Dutzend Geschäfte und Boutiquen und endloser Anprobiererei hatten wir dann doch alles zusammen. Ein smaragdgrünes Fähnchen, halblang, sehr figurbetont, dazu passende Schuhe, ein verrückter Hut und ein wenig Schmuck — sie würde auffallen.

Nach einem kleinen Abendessen im Hotel machten wir uns auf, das Nachtleben zu erobern.

Im Casino oben im La Plaja wechselte ich ein bisschen Geld gegen Chips ein, und wir streiften durch die Spielsäle, um uns einen Überblick zu verschaffen. Es war noch nicht allzu viel Betrieb. Von den bereits anwesenden Damen trugen nicht wenige sehr viel mehr und sehr viel teureren Schmuck als Kerstin, aber keine zog die Blicke so auf sich wie sie. Ich puffte sie grinsend in die Seite und sagte aus dem Mundwinkel: «Du bist die Attraktion des Abends.»

Unbefangen blickte sie sich um und erwiderte selbstbewusst: «Die Konkurrenz ist ja auch nicht besonders groß.»

Ich blickte mich auch um, aber nicht nach irgendwelcher Konkurrenz, sondern nach Söderbaum. Ich konnte ihn nirgends entdecken. Gerade wollte ich mir die Leutchen an den Spieltischen etwas näher ansehen, da entdeckte ich ihn. Er kam aus Richtung der Toiletten, schon ziemlich aufgelöst, mit offenem Hemdkragen und so weiter. Mit etwas unsicheren Schritten trat er an einen Roulettetisch. Er klaubte eine Handvoll Chips aus der Hosentasche seine Smokings und setzte alles ohne zu zögern auf Ungerade und gewann. Er nahm alles und setzte auf Rot. Rot gewann. Den Pott platzierte er auf der Dreiundzwanzig. Dreiundzwanzig gewann. So ging das weiter und weiter. Es war eine unglaubliche Strähne, und er setzte jedes mal, ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen. Der Chipshaufen vor ihm wurde größer und größer. Mit fiebrigen Augen verfolgte er den Lauf der Kugel im Kessel. Der Mann war krank. Solche Typen spielen nicht, um zu gewinnen, sondern um zu verlieren. Wenn es dieses Millionenschmiergeld je gegeben hatte, würde nicht mehr allzu viel davon übrig sein. Kerstin stand neben mir und beobachtete fasziniert diesen Hasardeur, und ihre Hand krampfte sich jedes mal um meinen Arm, wenn die Kugel fiel. Schließlich rief er: «Alles auf Uno!» Die Kugel kreiste, ratterte, sprang ein paar mal über die Stege der Zahlenfächer und landete schließlich auf der zwölf. — Alles futsch. Durch die Menge der Zuschauer, die sich inzwischen um den Tisch drängten, ging ein unwillkürliches Aufstöhnen. Fassungslos schüttelte Kerstin den Kopf. Söderbaum selbst wandte sich völlig unbeteiligt ab und steuerte mit leichten schwankenden Schritten, aber doch auch irgendwie stoisch auf eine Tür im Hintergrund zu, auf der ‚Privat‘ stand, und verschwand dahinter. Ich hatte nicht mitgezählt, aber es dürften so an die Hunderttausend gewesen sein, die er da gerade verjubelt hatte.

Ich fing einen geschäftig vorbei flitzenden Kellner ab und nickte zu der Tür hin. «Poker?»

Er machte eine verneinende Handbewegung und sagte: «Closed shop.»

Ich kramte meine Chips heraus und fing an, sie auf sein Serviertablett regnen zu lassen. Als er mitkriegte, das ich Deutscher war, suchte er alles zusammen, was er in meiner Sprache konnte, und radebrechte mir etwas vor von sehr, sehr reichen Männern von überall her, die sich hier getroffen hatten für ein Spielchen, bei dem es um sehr, sehr viel Geld ginge.

«Wie lange spielen sie schon?»

«Seit gestern Abend.»

«Und wie lange wird’s noch dauern, was meinen sie?»

Er zuckte die Achseln. «Eine Stunde, zwei…»

Den letzten Chip, Wert fünfzig Euro, hatte ich zurückbehalten. Ich hielt ihn ihm vor die Nase und daneben das Foto von Söderbaum. «Der gehört Ihnen, wenn Sie mir Bescheid sagen, sobald dieser Mann das Casino verlässt. Sie finden mich entweder an der Bar oder draußen auf der Dachterrasse. Comprende?»

Kurz blickte er zwischen dem Chip und dem Foto hin und her, prägte sich beides ein und grinste dann. «Si, Señor.»

«Na fein,» stellte ich fest und schickte ihn mit einem kumpelhaften Klaps wieder zurück an seine Arbeit. Zu Kerstin gewandt sagte ich: «Nehmen wir einen Drink?»

An der Bar probierten wir uns Schlückchen für Schlückchen durch die Cocktailkarte. Es kam ganz schön was zusammen.

«Bodo?»

«Ja.»

Sie drehte den Kopf zu mir, ihre Augen glitzerten im Schatten der breiten Hutkrempe. «Bleiben wir zusammen?»

«Wenn’s dich nicht stört, dass ich Löcher in den Socken habe, höchstens einmal pro Woche dusche und ab und zu mal jemanden umlegen muss,» scherzte ich.

«Bodo,» bat sie sanft.

Ich weiß, ich weiß, die Frage war zu ernst. Deshalb sagte ich nur noch: «Morgen.» Und das war schon eine ganze Menge Entgegenkommen für meine Verhältnisse. Normalerweise kommt mir bei dieser Frage immer gleich ein reflexartiges Nein über die Lippen, ohne das ich groß darüber nachdenken muss.

Wir gingen hinaus auf die Dachterrasse. Morales hatte Recht gehabt, der Ausblick von hier oben war phänomenal. Die Lichter der Stadt und der Boote spiegelten sich im Hafenwasser, der Abendhimmel war von einem samtigen Dunkelblau und von See her wehte eine leichte, schmeichelnde Brise. Von dem lärmenden Gewimmel in den hell erleuchten Straßen drang kaum etwas zu uns herauf. Kerstin schmiegte sich an mich, ich legte den Arm um ihre Schulter.

«Was hast du vor, Bodo?»

«Meinst überhaupt?»

«Nein, heute Abend.»

«Ich werde das Spielchen der Geheimfuzzis mitspielen. Bis zu einem gewissen Punkt.»

«Und was haben die vor?»

«Punkt eins, sie kalkulieren, dass ich mir diesen Burschen schnappen werde. Punkt zwei, Söderbaum, der alte Zocker wird sich praktisch nur auf der Strecke zwischen der Yacht und dem Casino bewegen, und da gibt’s eigentlich nur eine Stelle, wo man ungestört mal ein bisschen unter sich sein kann, das ist unten direkt am Yachthafen. Nach ihrem Plan werde ich ihm bis dorthin nachschleichen, und wenn wir beide da unten ankommen werden sie ihn umlegen und mir die rauchende Waffe in die Hand drücken und ‚Polizei! Polizei!‘ rufen.» Irgendwie verspürte ich kurz so einen komischen Drang zum Märtyrer in mir und ergänzte noch: «Vielleicht legen sie mich gleich mit um. Hauptsache, sie haben einen Sündenbock.»

«O Bodo, lass es bleiben, tu’s nicht,» sagte sie flehentlich.

«Niemand schiebt Bodo Lünch herum wie einen Bauern auf dem Schachbrett,» erklärte ich grimmig und nicht ohne eine gewisse Melodramatik.

«Und wenn Söderbaum gar nicht zum Hafen geht, weil er im Hotel schläft?»

«Das haben diese Brüder gar nicht nötig, die haben ihr eigenes Hotel mit dabei, du solltest den Pott mal sehen.»

«Und wenn er nicht allein ist?»

«Er wird allein sein, weil er in dieser Runde das wenigste Geld hat und ihm die Puste am schnellsten ausgehen wird. Also wird er auch als erster gehen. Sollte aber doch jemand bei ihm sein — außer mir — wimmelt’s da unten garantiert vor genug Geheimbullen, dass sie ihn leicht mit irgendwelchen Tricks isolieren können.»

«Du redest, als ob du selber bei einem Geheimdienst wärst.»

«Keine Beleidigungen bitte,» entrüstete ich mich. «Ich hab bloß alle James Bond-Filme gesehen.»

«Und wenn aber gar nichts passiert?» fragte sie hoffnungsvoll.

Ich dachte an meine kleine Abmachung mit Detmers und sagte mit grimmigem Vergnügen: «Passieren wird auf jeden Fall etwas.»

Unsicher blickte sie mich an. Offenbar hatte sie gerade eine neue Seite an mir entdeckt und fragte sich, ob sie ihr gefiele oder nicht. Wie auch immer, mit Bodo Lünch auf dem Kriegspfad ist nicht zu spaßen. Ich gab ihr einen Zettel mit Detmers Telefonnummer und schärfte ihr ein: «Wenn ich nachher dem Söderbaum nachgehe, rufst du diese Nummer an, bestellst dem Burschen einen schönen Gruß von mir und sagst ihm, ab sofort gilt Alarmstufe zwei. Dann kannst du nachkommen. Aber geh nicht in den Hafen rein, bleib vorne an der Straße im Licht, da wird dir nichts passieren.»

Jetzt wo die Sache langsam in Fahrt kam, wurde ihr etwas mulmig. Zögernd nahm sie den Zettel.

Ich sagte eindringlich: «Dieser Anruf ist wichtig, davon hängt alles ab. Du bist meine Lebensversicherung.» Dann küsste ich sie auf den Mund.

Neben uns hüstelte der Kellner diskret. Wir ließen voneinander ab. Er berichtete, dass Söderbaum gerade seine Zeche bezahlte. Ich gab ihm seinen gerechten Lohn und drehte mich noch einmal zu Kerstin um. «Alles klar?»

Sie nickte gefasst.

Im Fahrstuhl nach unten waren Söderbaum und ich allein. Aber er hatte keinen Blick für die Welt um sich herum. Immerhin, sein Tagesziel hatte er erreicht und sich von einem Haufen Geld erleichtert. Vielleicht würde er dadurch besser schlafen können. Ohne nach links oder rechts zu schauen ging er durch die milde Nachtluft die Straße entlang. Selten habe ich einen einsameren Menschen gesehen. Je näher wir dem Hafen kamen, desto leerer wurde die Straße. Der Hafen selbst lag fast dunkel, nur hier und da brannte ein trübes Nachtlicht. Söderbaum verließ den Lichtkreis der Straßenlaternen und hielt auf die Anlegestege zu. Aufmerksam hielt ich Umschau. Auch ohne Nachtsichtgerät konnte ich mindestens sechs lausig getarnte Geheimbullen ausmachen. Gleich vorne an der Straße saßen zwei in einem Renault und mimten ein Liebespaar, aus den Augenwinkeln immer den Steg im Blick. Kein wirkliches Liebespaar hätte sich in eine Feuerwehrzufahrt mit absolutem Halteverbot gestellt, wo jederzeit ein Polizist an die Scheibe klopfen und Ärger machen konnte. Aber an die Scheibe dieses Wagens würde kein Polizist klopfen, weil es ein Geheimdienstwagen war. An der Zapfsäule einer Bootstankstelle weiter draußen auf dem Steg schützte ein Bursche in einem blütenweißen Overall Reparaturarbeiten vor. Und in der Plicht eins Kajütboots, das sich vor die Beautiful Sunshine gelegt hatte, taten drei Typen, als ob sich fürchterlich besoffen wären, und übten lautstark italienische Flüche oder was sie dafür hielten. Sehr wahrscheinlich lungerten noch viel mehr von ihrer Sorte herum, und irgendwo da draußen im Dunkeln musste Detmers gerade die Phase eins unseres Plans abgeschlossen haben. Ich überlegte, woher der Angriff kommen würde. Es kam nur etwas aus der Nähe in Frage, wenn sie mit Scharfschützen von irgendwelchen Dächern arbeiten würden, hätten sie sich nur lächerlich gemacht. Wie hätte es wohl ausgesehen, wenn sie mir ein Scharfschützengewehr mit Zielfernrohr in die Hand gedrückt hätten? Ich tippte auf das Pärchen im Renault oder die Clowns im Kajütboot, der Hobbymonteur an der Zapfsäule draußen auf dem Steg war schon zu weit weg. Ich blieb kurz stehen und zündete mir eine Pfeife an, das Signal für Detmers. Dann rief ich: «Söderbaum!» In diesem Augenblick blitzte in der Plicht des Kajütboots orangefarbenes Mündungsfeuer auf, es machte ‚plopp, plopp‘ und aus dem Laternenpfosten, an dem Söderbaum gerade vorbeiging, flogen Holzsplitter. Und dann war es vorbei mit der Nachtruhe. Signalraketen stiegen auf, und eine Sirene begann markerschütternd loszuheulen. Das Hafenbecken war taghell erleuchtet, und man konnte sehen, was Detmers mit seinem scharfen Messer angerichtet hatte. Die Wasserfläche war bedeckt mit losgetriebenen Sportbooten und Yachten aller Art und Größe. Er musste Dutzende von Festmacherleinen durchgesäbelt haben. Auf den treibenden Booten entstand ein wildes Gerenne und Geschrei der Besatzungen, die gerade noch friedlich in ihren Kojen geschlummert hatten. Eine deutsche Stimme brüllte: «Mann über Bord!» Und eine andere Stimme, ebenfalls auf Deutsch, antwortete: «Blödmann, ich bin doch hier.» Zwei Dickschiffe, ein Hölländer und ein Engländer waren aneinander geraten, ihre Takelagen drohten sich ineinander zu verhaken, und zwischen den Crews wurde ein Schwall inbrünstiger Flüche gewechselt. Die Beautiful Sunshine war plötzlich voll beleuchtet, die Bodyguards stürmten an Deck. Gegen das Heck bumste ein Dinghi, Waffen sprossen in ihre Hände und schwenkten sofort in die Tiefe in Richtung auf das Geräusch. Von unten flötete eine dünne Stimme: «Excusez-moi!» Detmers ließ Rakete auf Rakete aufsteigen, ein prachtvolles Feuerwerk, und über allem heulte die Sirene. Verschärft würde der allgemeine Tumult noch durch die Lichter der Spätfähre aus Valencia, die sich draußen auf dem Wasser zeigten und schnell näher kamen. Aus der Stadt strömten schon Neugierige herbei. Blitzlichter zuckten. Der Mann an der Zapfsäule war verschwunden, ebenso das Pärchen im Renault, und das Kajütboot hatte die Leinen losgeworfen und versuchte mit seinem Flautenschieber durch das allgemeine Getümmel zur Hafenausfahrt zu tuckern, geriet aber vor den Bug eines viel größeren Bootes, kenterte und ging unter wie ein Stein. Von ihm übrig blieben nur drei Köpfe auf der raketenbeleuchteten Wasserfläche, die eilig versuchten, an Land zu gelangen. Und Söderbaum stand da und blickte verwundert um sich. Ich trat zu ihm und sagte: «Kleiner Tipp: Man hat gerade versucht, Sie umzulegen. Machen Sie, dass Sie von dieser Insel wegkommen.» Damit schob ich ihn die Gangway der Beautiful Sunshine hinauf in die Arme der Bodyguards seines Gönners.

Durch die Menge der Schaulustigen bahnte ich mir einen Weg zurück zur Straße. Nach Kerstin musste ich nicht lange suchen, ihr Hut führte mich sicher zu ihr. Sie kam mir entgegengeflogen, hängte sich an meinen Hals und bedeckte mich mit Küssen, dazwischen immer wieder meinen Namen flüsternd. Fast kam ich mir vor wie ein sieghafter Held.

Wir gingen noch kurz rüber zu Detmers und fanden ihn an der Kaimauer hinter seinem Laden. Seinen Raketenvorrat hatte er inzwischen verfeuert. Hochbefriedigt überblickte er das angerichtete Durcheinander und stellte fest: «Und morgen werden sie alle zu mir kommen und Festmacherleinen wollen, und Farbe und Beschläge — weiß du, was das für ein Geschäft wird? Warum hast du mir deinen Plan nicht früher verraten, dann hätte ich meine Vorräte aufgestockt.»

«Das war die beste Show, die ich seit langem gesehen habe,» lobte ich sein Werk.

Er sah mich ernst an. «Alles in Ordnung mit deinem Patienten?»

«Ist wieder daheim bei Mutti,» versicherte ich ihm.

Er grinste Kerstin an. «Na, dann wünsche ich den Herrschaften eine geruhsame Nacht.» Und dann kurbelte er die handbetriebene Sirene noch mal ordentlich in Schwung.

«Hast noch was gut bei mir, Bodo,» brüllte ich in den Lärm.

«Warum hast du Bodo zu ihm gesagt?» fragte Kerstin, als wir ins Hotel hinüber schlenderten.

«Weil er so heißt.»

Von unserem Balkon beobachteten wir noch, wie langsam wieder Ordnung in das Chaos unten auf dem Wasser kam. Die Boote wurden an ihre Liegeplätze verholt und geschleppt, und langsam kehrte wieder Ruhe ein im Hafen. Der Kapitän der Fähre konnte sich allerdings noch lange nicht wieder beruhigen über die Störung seines Fahrplans und tutete wild und anhaltend mit seinen Nebelhörnern.

Als wir im Bett lagen, sagte sie: «Die vom Geheimdienst werden sauer sein auf dich.»

Ich grunzte zufrieden. «Ganz bestimmt.»

«Glaubst du, dass sie etwas gegen dich unternehmen werden?»

«Heute Nacht sicher nicht mehr, im Augenblick sind sie vollauf damit beschäftigt, in Deckung zu gehen. Und wenn dein versoffener Redakteur meinen Brief nicht gerade als Butterbrotpapier oder Schlimmeres verwendet hat, werden sie morgen den nächsten Schuss vor den Bug kriegen. Vielleicht werden sie uns draußen am Flughafen beim Abflug noch ein bisschen schikanieren. Aber wirklich machen können sie nichts mehr.»

Wir liebten wir uns leidenschaftlich, allerdings nicht ganz so ausschweifend wie in der Nacht zuvor. Irgendwie hatte mich dieser Tag doch ein wenig mitgenommen.

Am nächsten Morgen dudelte uns mein Handy wach. Das Display zeigte die Nummer von Raff. Ich schaltete es aus. Wir bestellten uns das Frühstück ans Bett und die Bildzeitung. Ich weiß nicht, wie die Bildzeitung im übrigen Reich aufmachte, die Balearenausgabe brachte meine Räuberpistole in maximaler Aufmachung über die halbe Titelseite. Über dem Artikel stand in Riesenschrift quer über die ganze Seite: ‚Skandal!‘ (Übrigens die meist gebrauchte Vokabel in den Titelschlagzeilen dieser, nun, äh, Zeitung. Das ist statistisch erwiesen. Wussten Sie das?) Dann kam mein Foto von Morales und darunter in dicken Lettern: ‚Achtung Ausländer! Nehmen Sie sich vor diesem Mann in Acht!‘ Und im Text: ‚Wie aus zuverlässiger Quelle (das war ich, haha!) zu erfahren war, verkauft die Regierung wohlhabende ausländische Touristen an die ETA, damit diese hohe Lösegelder für sie erpressen kann. Organisiert wird dieser Menschenhandel von einer Spezialabteilung des Geheimdienstes…‘ und so weiter und so weiter. Haarsträubender Unsinn, ich kannte den Text, ich hatte ihn ja selbst verfasst. Und der von seinen vielen Sangrias geschwächte Redakteur hatte sich nicht die Mühe gemacht, irgend etwas hinzuzufügen oder wegzustreichen.

Stolz blickte ich um mich und schlug mit dem Handrücken gegen die Zeitung. «Na, wie findest du das? Würde ich nicht auch einen guten Pressefritzen abgeben?»

Sie rümpfte die Nase und trank von ihrem Tee. «Lass es bleiben, Bodo. Das waren besondere Umstände und eine besondere Zeitung…»

Ich wieherte ausgelassen.

«Beim Geheimdienst werden sie ziemlich verärgert sein,» überlegte sie.

«Ein Hühnerhaufen werden sie sein.»

Das Hoteltelefon klingelte, die Hotelvermittlung sagte, dass sie ein Gespräch aus Deutschland für mich in der Leitung hätten und ob ich es annehmen wollte. Raff, dieser zähe Schweinehund hatte es doch tatsächlich geschafft, in dieser kurzen Zeit herauszufinden, wo ich abgestiegen war. Trotzdem musste es ihn ganz schön Telefongebühren gekostet haben. Da würde ich was zu hören bekommen… Ich sagte der Telefonmietze, dass sie es durchstellen sollte. Und sofort kriegte ich die vertraute liebliche Stimme zu hören: «Was zum Teufel ist da unten los bei Ihnen? Sie sind doch wohl nicht gerade dabei, mit meinem Geld durchzubrennen, wie?!»

«Rechnen Sie mit dem Schlimmsten, Boss» erklärte ich ihm ganz ruhig und sachlich.

«Was?!»

«Heute Nachmittag bin ich wieder bei Ihnen.»

«Das wollte ich Ihnen auch geraten haben,» ließ ich ihn noch grollen. Dann legte ich auf. Da ich den Hörer schon in der Hand hatte, rief ich am Flughafen an, buchte zwei Plätze für den nächsten Flug und ließ die Tickets am Abflugschalter hinterlegen.

Kerstin hatte mich mit aufgestütztem Kopf beobachtet. «Du hast wohl vor gar nichts Angst, oder?»

«Angst, wozu sollte das gut sein?»

«Jeder hat doch Angst — aus irgendeinem Grund. Vor irgend etwas.»

«Kann sein. Vielleicht hatte ich bloß noch keine Gelegenheit, Angst zu haben. Wenn ich zum Beispiel Klempner wäre und zu einem verstopften Abfluss gerufen würde, dann hätte ich ich vielleicht auch Angst vor der Scheiße, die da hochkommen kann.»

«Aber du gerätst doch laufend mit Leuten aneinander.»

«Sicher, aber dass sind bloß Idioten, sonst würden sie es gar nicht mit mir zu tun kriegen. Intelligente Leute zählen nicht zu meiner Kundschaft, und nur die könnten wirklich gefährlich werden — wenn überhaupt. Aber ob ich vor denen Angst haben würde, kann ich dir nicht garantieren. Ich glaube fast, Angst haben sie einfach vergessen, als ich zusammengeschraubt wurde.»

Sie seufzte. «Ach, Bodo, du bist so anders…»

«Ist das schlimm?»

Sie streckte mir die Arme entgegen, zog mich an sich, lehnte den Kopf an meine Schulter und sagte leise: «Nein, nur schön.»

Wieso bildet alle Welt sich ein, der Mensch müsse unbedingt Angst haben? Nun gut, wenn meine Patienten Angst vor mir haben, hat das schon seine Richtigkeit. Ihre Angst ist ist meine Geschäftsgrundlage. Aber wieso sollte ich Angst haben? Sollte ein Versicherungsvertreter Angst haben, bloß weil er seinen Kunden ständig welche einjagt? Angst ist, glaube ich, eine Erfindung der Psychoindustrie, nur damit die Psychofritzen rufen können: ‚Ihr Kinderlein kommet!‘ Diese Marketingstrategie ist ja auch ganz wunderbar aufgegangen, und sie können ganz gut davon leben. Ist eigentlich noch niemandem aufgefallen, dass die Angst proportional mit der Zahl der niedergelassenen Seelenklempnern zugenommen hat, die sie eigentlich aus der Welt schaffen sollten? Das ist wie mit den Kranken und den Ärzten und Prozessen und Rechtsanwälten. Jede Branche schafft sich ihre Nachfrage selber. Das ist Marktwirtschaft — von irgendwelchen Lösungen oder Erleichterungen hat niemand was gesagt. Die Leute wollen Geld verdienen und sonst gar nichts.

Dann machten wir uns daran, unsere Siebensachen zu packen, taten noch einen Abschiedsblick vom Balkon auf den Hafen, in dem alles wieder seinen gewohnten Gang ging mit der Ausnahme, dass heute in Detmers‘ Laden ein besonders reger Verkehr zu herrschen schien.

Eine halbe Stunde später waren wir draußen am Flughafen. Am Sicherheitscheck vor den Abfluggates stand der Mann, der sich Morales nannte, mit zwei Grenzpolizisten. Er winkte uns aus der wartenden Schlange der Abflugpassagiere zu sich und deutete eine Verneigung zu Kerstin hin an und setzte sein dünnes Lächeln auf und sagte zu mir: «Ich wusste gar nicht, dass Sie in Begleitung sind — und in einer so charmanten.»

Ich konterte: «Gibt es überhaupt etwas, das Sie nicht wissen?»

Ohne darauf einzugehen, stellte er fest: «Sie sind ein schlauer Fuchs.»

«Ich habe Sie nur davor bewahrt, einen Mord zu begehen,» erklärte ich bescheiden.

«Vor allem haben Sie Ihren eigenen Kopf gerettet. — Wissen Sie überhaupt, worum es ging?»

«Keine Ahnung. Und Sie werden’s mir bestimmt auch nicht sagen — wenigstens nicht die Wahrheit.»

Die Leute in der Warteschlange begannen zu uns her zu gucken. Sie erkannten Morales vom Foto in der Zeitung wieder. Ich grinste ihn an. «Kann sein, dass Sie mal für ein paar Tage ausspannen müssen — Sie sind jetzt prominent.» Für einen Geheimdienstler war das nicht gerade eine Empfehlung. Das Lächeln verschwand rückstandslos aus seinem Gesicht. Ich hatte ihm ein paar Sprossen aus seiner Karriereleiter gesägt, so etwas stimmt selten fröhlich.

Eisig sagte er: «Der verantwortliche Redakteur hat das Land bereits verlassen.»

Tja, so sind sie, die Spanier — stolz, und verstehen überhaupt keinen Spaß, wenn sie sich auf den Schlips getreten fühlen.

Mit einem Wink veranlasste er, dass wir an der Warteschlange vorbei unkontrolliert in den Abflugbereich gelassen wurden.

Kerstin drehte sich nach ihm um und sagte: «Ein merkwürdiger Mann.»

«Alles in allem ein Mann, der zu verlieren versteht, würde ich sagen. Solche Burschen sind ziemlich selten geworden heutzutage. Auch in Spanien. Du solltest ihm ein ehrendes Andenken bewahren.»

Als wir im Flieger saßen und die Insel im Sonnenglast unter uns zurückblieb, zog ich eine kleine Bilanz dieser Unternehmung: Einen Bildreakteur seinen Job gekostet, Bodo Detmers‘ Geschäfte ein wenig angekurbelt, einem vom Spielteufel besessenen deutschen Beamten zur Flucht verholfen, einem spanischen Geheimpolizisten die Karriere versaut, ordentlich Spesen gemacht im Rahmen der Gegebenheiten — alles ganz schön und gut, aber wo war der Gewinn? Aus dem Fenster blickend knurrte ich: «Ein gutes Geschäft war das Ganze nicht gerade.»

«Du hast einem Menschen das Leben gerettet,» sagte Kerstin.

«So? Ist mir gar nicht aufgefallen.»

Lächelnd schüttelte sie den Kopf. «Du bist verrückt. Und du führst ein verrücktes Leben.»

Wir gewannen an Höhe. Das Meer unter uns wurde von Schleierwolken verhüllt. Ich sagte: «Es ist das einzige, das ich kenne.»

Nach einer Pause sagte sie: «Ich glaube, ich werde Puppen machen.»

Fragend drehte ich den Kopf zu ihr.

«Es gibt so wenig schöne warme Puppen, immer nur dieses Plastikzeug. Die kann man nicht lieb haben.»

«Ich kenne mich nicht so aus in der Spielzeugbranche, aber ist es nicht so, dass da ein paar große Firmen den Markt unter sich aufgeteilt haben?»

«Eben. Und alle machen dasselbe.»

«Und wie willst du da einen Fuß in die Tür kriegen?»

«Ich könnte mit einem Stand über die Märkte ziehen,» sagte sie träumerisch.

Kerstins Puppenkiste — warum eigentlich nicht? Wenn’s ordentlich Kohle brachte. Marktstände können wahre Goldgruben sein, hab ich mir sagen lassen. Wahrscheinlich weil den Leuten endlose Supermarktregale und neonbeleuchtete Konsumtempel langsam zum Hals raushängen.

Sie träumte von Puppen und Märkten, und ich schrieb auf einer Papierserviette schon mal meine Spesenabrechnung auf. So verging der Flug. Apropos Spesenabrechnung: Raff hat dafür ein eigenes Formular entwickelt, aber das benutze ich grundsätzlich nicht.


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