Will von der Mühle

Die Ebene und die Sterne

Die Mühle, in der Will mit seinen Adoptiveltern lebte, stand in einem schrägen Tal zwischen Tannenwäldern und mächtigen Bergen. Oben ragte Gipfel über Gipfel gen Himmel, bis ihre Spitzen die Tiefen auch des zähesten Holzes überragten und sich nackt gegen den Horizont abhoben. Etwas oberhalb der Mühle schmiegte sich ein langes, graues Dorf gleich einem Saum oder Nebelfetzen an eine bewaldete Höhe; und wenn der Wind günstig war, sank der Klang der Kirchenglocken wie dünnes, flüssiges Silber zu Will in die Tiefe hinab. Zu Wills Füßen fiel das Tal steiler und steiler abwärts, sich nach beiden Seiten ausweitend, und von einem Hügel neben der Mühle war es möglich, seine ganze Länge und eine anschließende weite Ebene zu überblicken, durch die der Fluß auf seiner Reise zum Meer in leuchtenden Windungen von Stadt zu Stadt eilte. Der Zufall wollte es, daß ein Paß oberhalb des Tales nach einem benachbarten Reiche führte, so daß der Weg, der am Flußufer entlang lief, trotz der ländlichen Stille der Umgegend als große Heerstraße diente, die zwei glanzvolle und gewaltige Staatsgebilde verband. Den ganzen Sommer über krochen die Reisewagen zur Mühle herauf oder rollten in munterem Trabe an ihr vorbei den Berg hinunter; da aber der Aufstieg von der anderen Seite viel leichter war, wurde der Weg nicht viel begangen, außer von Leuten, die in einer bestimmten Richtung reisten; und von allen Wagen, die Will vorüberfahren sah, rollten fünf Sechstel lustig den Berg hinunter und nur ein Sechstel arbeitete sich kriechend zu ihm herauf. Um so mehr war dies bei Fußgängern der Fall. Alle leichtfüßigen Wanderer, alle Hausierer, beladen mit seltsamen Waren, hielten auf den Fluß zu, der ihren Weg begleitete. Und das war nicht alles. Als Will noch ein Kind war, brach ein verheerender Krieg über einen großen Teil der Welt herein. Die Zeitungen hallten wider von Sieg und Niederlage, die Erde dröhnte von Rossehufen, und häufig schreckte tagelang und auf Meilen im Umkreis das Gewühl der Schlacht die guten Leute von ihrer Arbeit auf den Feldern. Von alledem hörte man lange Zeit nichts in dem Tale; doch endlich schob einer der Feldherren auf Eilmärschen eine ganze Armee über den Paß, und drei Tage lang strömten Reiter und Fußvolk, Kanonen und Feldwagen, Trommeln und Standarten an der Mühle vorbei den Berg hinunter. Den ganzen Tag über stand das Kind und sah dem Vorbeimarsch zu – der rhythmische Tritt, die blassen, unrasierten Gesichter, die um die Augen gebräunt waren, die vom Wetter gebleichten Abzeichen und zerrissenen Fahnen erfüllten es mit einem Gefühl von Müdigkeit, Mitleid und Staunen; und die ganze Nacht lang, als es im Bette lag, konnte es die Kanonen rasseln, die Füße stampfen und die große Streitmacht talwärts an der Mühle vorbeifegen hören. Keiner in dem Tal vernahm je, was aus dem Zuge geworden war, denn in jenen unruhigen Zeiten verirrte Geschwätz sich nur selten dorthin, doch das eine erkannte Will klar: kein einziger von den Männern kehrte je zurück. Wohin waren sie alle gegangen? Wohin gingen alle die Wanderer und die Hausierer mit der seltsamen Ware? Wohin die munteren Kutschen mit den Dienern im Rücksitz? Wohin das Wasser des Flusses, das ewig talwärts strömte und ewig von oben erneuert wurde? Selbst der Wind blies häufiger das Tal hinunter als herauf und trug die welken Blätter im Herbste mit sich fort. Es war wie eine große Verschwörung aller lebenden und toten Wesen; alle gingen sie talabwärts, hurtig und lustig talabwärts, und nur er blieb, wie es schien, gleich einem Klotz am Wege liegen. Mitunter machte es ihn froh, zu sehen, daß die Fische wenigstens ihre Köpfe flußaufwärts richteten. Sie allein standen treu zu ihm, während alles andere talwärts in die unbekannte Welt hastete.

Eines Abends fragte er den Müller, wohin der Fluß eilte.

»Er eilt das Tal hinunter,« lautete die Antwort, »und dreht gewaltig viele Mühlen – sechzig mal zwanzig Mühlen, sagen sie, von hier bis Unterdeck – und er ist deshalb nicht ein bißchen müder. Und dann eilt er weiter ins Unterland und bewässert das große Kornland und läuft durch eine Menge prächtiger Städte (so sagen wenigstens die Leute), wo Könige ganz allein in großen Palästen hausen, mit einer Schildwache, die vor ihrer Tür auf und abspaziert. Und er eilt unter Brücken hindurch mit steinernen Männern drauf, die da stehen und neugierig lächelnd ins Wasser blicken, und lebendige Menschen stehen auch da, stützen ihre Ellbogen aufs Geländer und gucken auch über die Brüstung hinab. Und dann eilt er weiter und immer weiter, und abwärts durch Sümpfe und Sandbänke, bis er sich endlich ins Meer ergießt, wo die Schiffe sind, die uns aus beiden Indien die Papageien und den Tabak bringen. Ja, ja, er hat eine weite Reise vor sich, während er so singend über unser Wehr stürzt, Gott schütze ihn.«

»Und was ist das Meer?« fragte Will.

»Das Meer!« rief der Müller. »Der Herr steh uns bei, das Meer ist das Größte, was Gott je erschaffen hat! Es ist der Ort, wo alles Wasser der Welt wie in einem großen Salzsee zusammenläuft. Da liegt es, so flach wie meine Hand und so unschuldig aussehend wie ein Kind; aber sie sagen, wenn der Wind weht, dann erhebt es sich trotzdem zu Wasserbergen höher als irgendeiner unsrer Berge, und dann schluckt es ganze Schiffe, größer als unsere Mühle, herunter, und es brüllt so sehr, daß die Leute es meilenweit im Lande hören. Große Fische sind darin, fünfmal größer als ein Stier, und eine alte Schlange so lang wie unser Fluß und so alt wie die ganze Welt, mit einem Schnurrbart wie ein Mann und mit einer silbernen Krone auf dem Kopf.«

Will glaubte, noch nie dergleichen gehört zu haben, und er fuhr fort, Frage auf Frage zu stellen über die Welt, die samt allen Gefahren und Wundern weit unten am Flusse lag, bis der alte Müller selber ganz lebhaft wurde und ihn zum Schluß bei der Hand nahm und auf den Gipfel führte, der das Tal und die Ebene überblickte. Die Sonne war am Untergehen und stand tief an einem wolkenlosen Himmel. Alles hob sich klar und verklärt gegen das goldene Licht ab. Will hatte in seinem ganzen Leben nie eine so mächtige Fläche gesehen: er stand und staunte mit der ganzen Kraft seiner Augen. Er konnte die Städte und die Wälder, die Felder und die hellen Windungen des Flusses sehen, und wie ganz am Ende der Rand der Ebene den leuchtenden Himmel berührte. Da packte ein überwältigendes Gefühl den Knaben an Seele und Leib; sein Herz pochte so heftig, daß es ihm den Atem nahm; die Szene verschwamm vor seinen Augen; die Sonne schien sich um und um zu drehen und aus ihrem Kreise seltsame Gestalten hinauszuschleudern, die mit der Schnelligkeit des Gedankens schwanden und denen andere folgten. Will bedeckte sein Gesicht mit den Händen und brach in leidenschaftliche Tränen aus, und der arme Müller wußte sich tief bekümmert und verwirrt, keinen besseren Rat, als ihn auf den Arm zu nehmen und schweigend nach Hause zu tragen.

Von jenem Tage an war Will voll neuer Hoffnungen und Sehnsüchte. Etwas riß fortwährend an seinem Herzen; das eilende Wasser trug seine Wünsche mit sich fort, während er über seinem gleitenden Spiegel hinträumte; der Wind, der das Wipfelmeer durchbrauste, rief ihm aufmunternde Worte zu; Äste winkten ihm zu und wiesen talabwärts; der offene Weg, der sich um die Ecken herum schneller und schneller bergab schlängelte, quälte ihn mit seinen Aufforderungen. Lange Stunden brachte Will auf der Anhöhe zu und spähte hinab über die Wasserscheide und das fette Unterland und beobachtete die Wolken, die mit dem trägen Winde segelten und ihre Purpurschatten über die Ebene schleppten. Oder er lauerte am Wegrande und folgte mit den Augen den Wagen, während sie den Fluß entlang zu Tal ratterten. Ganz gleich, was es war, ob Wolke oder Wagen, Vogel oder flüchtiges Wasser im Fluß, er fühlte, wie sein Herz ihm in einem Rausch von Verlangen nachströmte.

Uns wird von Männern der Wissenschaft erzählt, sämtliche Abenteuer der Seefahrer, alle Wanderungen von Stämmen und Rassen, die die älteste Geschichte mit dem Staub und Lärm ihres Gewoges verwirren, entsprängen nichts Ungreifbarerem als den Gesetzen von Angebot und Nachfrage, sowie einem gewissen natürlichen Instinkt für billige Nahrung. Wer jedoch tiefer denkt, dem erscheint dies eine recht stumpfsinnige und erbärmliche Erklärung. Die Stämme, die sich von Norden und Osten her nach Süden ergossen, wurden, wenn auch in ihrem Rücken bedrängt von anderen vorwärtsstürmenden Scharen, trotzdem von der magnetischen Kraft des Südens und Westens angezogen. Der Ruhm anderer Länder war auch zu ihnen gedrungen; der Name der Ewigen Stadt hallte in ihren Ohren; sie waren nicht Kolonisten, sondern Pilger; sie reisten zwar dem Weine, dem Golde und dem Sonnenschein entgegen, aber ihr Sinn trachtete nach Höherem. Jene göttliche Unruhe, jener alte, prickelnde Stachel, der die Wurzel jeder großen Leistung und jedes elenden Schiffbruchs ist, der gleiche Stachel, der Ikarus die Flügel spreiten hieß und Kolumbus über den öden Atlantik entsandte, begeisterte und hielt auch diese Barbaren aufrecht auf ihrem gefährlichen Marsch. Es gibt eine Legende, die jenen Geist atmet, und die erzählt, wie eine abgesprengte Gruppe solcher Wanderer einst einem uralten Manne begegnete, der eiserne Schuhe trug. Der Alte fragte sie, wohin des Weges, und sie antworteten wie mit einer Stimme: »Nach der Ewigen Stadt!« Da blickte er sie ernst an. »Ich habe sie gesucht«, sagte er, »in fast allen Teilen der Erde. Drei Paar Schuhe ähnlich denen, die ich jetzt an den Füßen trage, habe ich auf meiner Pilgerfahrt zerschlissen, und das vierte wird jetzt unter meinen Tritten dünn. Doch habe ich während dieser ganzen Zeit die Stadt nicht gefunden.« Und damit wandte er sich und ging einsam seines Weges und ließ die anderen voll Staunens zurück.

Und doch gibt jenes Gefühl kaum die Intensität von Wills Sehnen nach der Ebene wieder. Könnte er nur weit genug dort hinauskommen, sein Blick, das fühlte er, würde geschärft und geklärt, sein Gehör geschult werden, ja, selbst sein Atem würde wollüstiger kommen und gehen. Er war in eine feindliche Erde verpflanzt worden und welkte dort hin; er weilte in einem fremden Lande und sehnte sich krank nach der Heimat. Stück für Stück setzte er die abgetrennten Begriffe von der Welt dort unten zusammen: von dem Flusse, der ewig eilte und schwoll, bis er sich hinaus in den majestätischen Ozean ergoß; von den Städten, voller heiterer, schöner Menschen, spielender Fontänen, Musikkapellen und marmorner Paläste, und des Nachts von einem Ende zum anderen erleuchtet von künstlichen, goldenen Sternen; von den großen Kirchen, weisen Universitäten, tapferen Armeen und den ungezählten Reichtümern, die in den Gewölben aufgespeichert lagen; von dem hochfliegenden Laster, das sich im Sonnenschein erging, und von der Heimlichkeit und Raschheit mitternächtlichen Mordes. Ich sagte, daß er sich nach der Heimat krank sehnte: das Gleichnis hinkt. Er war wie einer, der gleichsam an ein dämmriges, formloses, früheres Dasein gefesselt ist und voll zärtlichen Verlangens die Hände nach dem vielfarbigen, vieltönenden, wahren Leben ausstreckt. Kein Wunder, daß er sich unglücklich fühlte; er würde gehen und es den Fischen erzählen. Die waren für ihr Leben geschaffen, sehnten sich nach nichts anderem als nach Würmern, laufendem Wasser und nach irgendeinem Loch an einer Uferböschung. Er aber war aus einem anderen Stoff, voller Sehnsüchte und Ziele; ihn juckte es an den Fingerspitzen, ihn gelüftete es zu sehen, ihn konnte die ganze, weite, vielgestaltige Welt nicht befriedigen. Das wahre Leben, der wahre, helle Sonnenschein lagen dort unten auf der weiten Ebene. Oh, könnte er nur ein einziges Mal, bevor er stürbe, diesen Sonnenschein sehen! Ein einziges Mal jubelnden Herzens in jenem goldenen Lande sich ergehen, die geschulten Sänger und die süßen Kirchenglocken hören, die Feiertagsgärten sehen! »Oh ihr Fische!« rief er, »wenn ihr nur eure Mäuler flußabwärts richten wolltet, wie leicht könntet ihr in jenen Fabelwassern schwimmen und die mächtigen Schiffe wie Wolken über euch hin wegziehen sehen und die großen Wasserberge hören, die den lieben langen Tag über euren Köpfen Musik machen würden!« Aber die Fische fuhren fort, geduldig nach ihrer Richtung zu schauen, bis Will kaum wußte, ob er lachen oder weinen sollte.

Bis dahin war der Verkehr auf der Landstraße wie eine Reihe von Bildern an Will vorbeigezogen: er hatte wohl mit einem Wanderer Grüße ausgetauscht, oder einen flüchtigen Blick von irgendeinem alten Herrn erhascht, der in einer Reisemütze zum Wagenfenster hinausschaute, doch zumeist waren das alles nur Symbole gewesen, die er aus der Ferne gleichsam abergläubisch betrachtet hatte. Endlich kam eine Zeit, in der das anders werden sollte. Der Müller, der auf seine Art ein geldgieriger Mann war und niemals die Gelegenheit, einen ehrlichen Profit zu machen, versäumte, verwandelte die Mühle in ein kleines Gasthaus, baute, da ein günstiger Vorfall zum anderen kam, noch Stallungen an und sicherte sich die Stellung eines Posthalters. Jetzt wurde es Wills Pflicht, den Gästen aufzuwarten, während sie in der kleinen Laube des Mühlengartens ihren Hunger stillten; und seid versichert, daß er seine Ohren offen hielt und manches Neue von der Außenwelt erfuhr, wenn er die Gäste mit Eierkuchen und Wein bediente. Ja, häufig ließ er sich mit einzelnen Gästen in ein Gespräch ein, wobei es ihm durch geschickte Fragen gelang, seine eigene Neugier zu befriedigen, und obendrein das Wohlwollen der Reisenden zu erregen. Viele beglückwünschten das alte Paar zu seinem kleinen Gehilfen, und ein Professor wollte ihn sogar mitnehmen, um ihm in der Ebene eine richtige Erziehung angedeihen zu lassen. Der Müller und seine Frau waren über die Maßen erstaunt und noch mehr entzückt. Sie hielten es für einen ungeheuren Glücksfall, daß sie ein Wirtshaus aufgemacht hatten. »Siehst du,« pflegte der Alte zu bemerken, »er hat sozusagen ein Talent für das Gastwirtsgewerbe; zu etwas anderem hätte er nicht getaugt!« Und so trottete das Leben in dem Tale hin und brachte allen, mit Ausnahme von Will, höchste Befriedigung. Jeder Wagen, der aus dem Gasthaustor rollte, schien einen Teil seines eigenen Ichs mit sich zu führen; und wenn die Reisenden sich scherzhaft erboten, ihn eine Strecke Weges mitzunehmen, vermochte er nur mühsam seine Bewegung zu unterdrücken. Nacht für Nacht träumte er, daß er von aufgeregten Dienstleuten geweckt wurde und daß eine prächtige Kutsche seiner an dem Tore harrte, um ihn hinunter in die Ebene zu bringen; Nacht für Nacht, bis sein Traum, der ihm zuerst in heiterstem Lichte erschienen war, eine dunkle Färbung anzunehmen begann und der nächtliche Abruf und die wartende Equipage als ein Etwas, das zugleich wünschenswert und zu befürchten sei, einen gewissen Platz in seinem Inneren einnahmen.

Eines Tages, als Will etwa sechzehn Jahre alt war, traf bei Sonnenuntergang ein dicker junger Mann ein, der im Gasthause übernachten wollte. Er war ein zufrieden aussehender Bursche, mit lustigen Augen, und trug einen Rucksack. Während das Abendessen für ihn bereitet wurde, setzte er sich in die Laube, in ein Buch vertieft, doch kaum hatte er Will bemerkt, als er das Buch beiseite legte. Er gehörte offenbar zu jenen Leuten, die lebendige Menschen denen aus Tinte und Papier vorziehen. Will seinerseits begann, obwohl er sich auf den ersten Blick nicht für den Fremden interessiert hatte, seinem Gespräche, das voller Gutmütigkeit und Verstand war, sehr bald recht viel Vergnügen abzugewinnen und empfand zum Schluß tiefen Respekt vor des Anderen Charakter und Klugheit. Sie saßen bis spät in die Nacht hinein beisammen, und etwa um zwei Uhr morgens schüttete Will dem jungen Manne sein Herz aus und erzählte ihm, wie er sich sehnte, das Tal zu verlassen, und welche lichten Hoffnungen er mit den Städten in der Ebene verknüpfte. Der junge Mann ließ einen Pfiff ertönen und lächelte.

»Mein junger Freund,« bemerkte er, »Ihr seid ein höchst neugieriger, kleiner Bursche, das ist klar, und sehnt Euch nach vielen Dingen, die Ihr niemals erreichen werdet. Ja, Ihr würdet Euch schämen, wenn Ihr wüßtet, wie auch die jungen Leute in Euren Feenstädten sämtlich dem gleichen Unsinn nachjagen und wähnen, das Herz müsse ihnen brechen, weil sie nicht in die Berge können. Und laßt Euch von mir sagen, daß diejenigen, welche sich hinunter in die Ebene begeben, nur sehr kurze Zeit dort sind, bevor sie sich nicht von Herzen wieder nach Hause sehnen. Die Luft ist dort weder so leicht noch so rein, noch die Sonne so hell, wie Ihr meint. Und was die schönen Männer und Frauen betrifft, so würdet Ihr viele von ihnen in Lumpen sehen und viele von furchtbaren Krankheiten entstellt; und eine Stadt ist ein gar harter Ort für Menschen, die arm und empfindsam sind, so daß viele es vorziehen, von eigener Hand zu sterben.«

»Ihr müßt mich für sehr einfältig halten«, versetzte Will. »Obwohl ich niemals aus diesem Tale hinausgekommen bin, habe ich doch, glaubt mir, meine Augen gebraucht. Ich weiß, wie ein Geschöpf vom anderen lebt, wie zum Beispiel der Fisch in einem Wasserwirbel seinen Genossen auflauert, und daß der Schäfer, der mit dem Lamme auf dem Arm ein so anmutiges Bild abgibt, es lediglich nach Hause trägt, um aus ihm einen Braten zu machen. Ich erwarte gar nicht, in Euren Städten alles in Ordnung zu finden. Das ist es nicht, was mich bekümmert; es hätte vielleicht früher einmal so sein können. Allein obwohl ich stets hier gelebt habe, habe ich doch viele Fragen gestellt und manches in diesen letzten Jahren hinzugelernt, sicherlich genug, um mich von meinen alten Phantastereien zu heilen. Aber wollt Ihr wirklich, daß ich wie ein Hund hier sterbe, ohne alles gesehen zu haben, was es zu sehen gibt, ohne alles zu tun, was der Mensch zu tun vermag, Gutes und Böses? Ihr könnt doch nicht wollen, daß ich alle meine Tage zwischen diesem Wege und dem Fluß verbringe und nicht einmal einen Anlauf mache, um mein eigenes Leben zu leben? – Ich würde lieber auf der Stelle sterben,« rief er, »als weiter so zu zaudern, wie ich es getan habe.«

»Tausende von Menschen«, sagte der junge Mann, »leben und sterben wie Ihr und sind darum nicht weniger glücklich.«

»Ah!« sagte Will, »wenn es Tausende gibt, die hier herauf wollen, weshalb soll dann nicht einer meine Stelle einnehmen?«

Es war ganz dunkel; eine Hängelampe hing in der Laube und beleuchtete den Tisch und die Gesichter der Redenden, und entlang dem Laubenbogen und dem Gitterwerk zeichneten sich die Blätter wie erleuchtet gegen den Nachthimmel ab, ein Muster in durchsichtigem Grün gegen dämmrigen Purpur. Der dicke junge Mann erhob sich, nahm Will beim Arm und führte ihn unter den freien Himmel.

»Habt Ihr Euch jemals die Sterne angesehen?« fragte er und deutete nach oben.

»Wieder und immer wieder«, entgegnete Will.

»Und wißt Ihr, was sie sind?«

»Ich habe mir mancherlei gedacht.«

»Sie sind Welten, wie die unsrige«, sagte der junge Mann. »Einige sind kleiner; viele aber millionenmal größer als unsere Erde, und einige der geringsten von denen, die Ihr seht, sind nicht nur Welten, sondern ganze Gruppen von Welten, die im Raume um einander kreisen. Wir wissen nicht, was auch nur eine von ihnen birgt; vielleicht ruht die Lösung all unserer Schwierigkeiten, die Heilung unserer Leiden bei ihnen, und doch können wir sie nie erreichen. Selbst der geschickteste Mensch vermöchte trotz aller seiner Geschicklichkeit nicht ein Schiff auszurüsten, mit dem er auch nur zu dem nächsten unserer Nachbarn gelangen könnte, und auch das Leben des Allerältesten würde für diese Reise nicht ausreichen. Ob nun eine große Schlacht verloren wird, oder unser liebster Freund uns stirbt, ob wir geschlagen oder in der strahlendsten Laune sind, dort scheinen sie gleich unbewegt zu unseren Häuptern. Wir, ja eine ganze Armee von uns, mag getrost hier stehen und schreien, bis uns das Herz bricht, kein Flüsterton wird sie erreichen. Laßt uns den höchsten Gipfel erklimmen, wir werden ihnen deshalb nicht näher sein. Alles, was wir zu tun vermögen, ist, hier unten im Garten zu stehen und unser Haupt zu entblößen; das Sternenlicht wird uns bescheinen, ja, ihr werdet die kleine kahle Stelle auf meinem Schädel in der Dunkelheit glänzen sehen. Der Berg und die Maus. Das ist wohl alles, was wir mit Arcturus oder Aldebaran zu tun haben werden. Versteht Ihr das Gleichnis zu deuten?« fügte er hinzu und legte seine Hand auf Wills Schulter. »Es sagt Euch keinen Grund, aber etwas, das weit überzeugender ist.«

Will ließ eine Weile den Kopf hängen und hob ihn dann wieder zum Himmel empor. Die Sterne schienen zu wachsen und einen helleren Glanz auszustrahlen; und während er seinen Blick höher und höher schweifen ließ, schienen sie sich vor seinen Augen zu vermehren.

»Ich sehe«, sagte er, sich an den jungen Mann wendend. »Wir alle stecken in einer Rattenfalle.«

»In etwas von der Größe. Habt Ihr jemals ein Eichhörnchen sich im Käfig drehen sehen? Und ein anderes Eichhörnchen, das daneben in philosophischer Ruhe seine Nüsse knackte? Ich brauche Euch nicht erst zu fragen, welches von beiden mehr von einem Narren an sich hat.«

 

Pastors Marjory

Einige Jahre später starben die alten Leute beide im gleichen Winter nach einer sorgsamen Pflege seitens ihres Adoptivsohnes, der sie bei ihrem Hinscheiden still beweinte. Wer von seinen Wanderphantasien gehört hatte, glaubte, er würde sich jetzt beeilen, seinen Besitz zu verkaufen und flußabwärts ziehen, um sein Glück zu machen. Allein es fiel niemals ein Zeichen derartiger Absichten von seiten Wills. Er machte sich im Gegenteil daran, das Gasthaus zu heben, mietete sich ein paar Dienstboten als Hilfe für den Betrieb und ließ sich endgültig dort nieder – ein freundlicher, gesprächiger, undurchdringlicher junger Mann, sechs Fuß drei Zoll hoch in seinen Socken, mit einer eisernen Gesundheit und einer gütigen Stimme. Sehr bald galt er in der Gemeinde als etwas von einem Sonderling: eigentlich hätte man es sich ja von vornherein denken können, denn er hatte doch von jeher voller kurioser Ideen gesteckt und auch die einfachsten, vernünftigsten Dinge angezweifelt. Was jedoch am meisten dazu beitrug, jenen Ruf zu verstärken, waren die seltsamen Umstände seines Freiens um des Pastors Marjory.

Pastors Marjory war ein Mädel von etwa neunzehn Jahren, als Will die Dreißig erreicht hatte, von recht ansehnlichem Äußeren und mit einer weit höheren Bildung als alle anderen Mädchen jener Gegend, wie es sich ja auch für ihre Herkunft schickte. Sie trug den Kopf sehr hoch und hatte bereits mehrere Anträge recht großartig zurückgewiesen, welches ihr harte Namen unter ihren Nachbarn eingetragen hatte. Trotzdem war sie ein gutes Mädchen, das jeden Mann glücklich gemacht hätte.

Will war nie viel mit ihr zusammen gekommen, denn obwohl Kirche und Pfarrhaus nur zwei Meilen von seiner eigenen Tür entfernt lagen, hatte man ihn nie, außer an Sonntagen, dorthin gehen sehen. Zufällig jedoch wurde das Pfarrhaus reparaturbedürftig und mußte geräumt werden, und der Pastor und seine Tochter mieteten sich zu stark ermäßigten Preisen auf ein oder zwei Monate in Wills Gasthaus ein. Nun war aber unser Freund dank dem Gasthaus, der Mühle und den Ersparnissen des alten Müllers ein wohlhabender Mann geworden. Außerdem befaß er den Ruf eines gutmütigen, klugen Menschen, was in der Ehe immer ein großes Kapital bedeutet, und so entstand gar bald unter wohlmeinenden Bekannten das Gerücht, daß der Pastor und seine Tochter ihre vorübergehende Unterkunft nicht blindlings ausgesucht hätten. Will war ungefähr der letzte Mann der Welt, sich durch Furcht oder Ränke in eine Heirat locken zu lassen. Man durfte ihm nur in die Augen sehen, die klar und still wie ein Teich waren und dennoch ein helles Licht auszustrahlen schienen, das gleichsam von innen her leuchtete, und man erkannte sogleich, daß man einem Manne gegenüberstand, der wußte, was er wollte, und der unerschütterlich an seinem Willen festhalten würde. Marjory selbst war, nach ihrem Äußeren zu urteilen, auch kein schwacher Mensch. Sie hatte einen festen, willensstarken Blick und ein energisches, stilles Wesen. Es war noch sehr die Frage, ob sie ihm an Zielbewußtsein nicht ebenbürtig war, und wer von beiden nach der Heirat die Oberhand behalten würde. Allein Marjory hatte alledem niemals einen Gedanken geschenkt und begleitete ihren Vater in unerschütterlicher Unschuld und Unbefangenheit.

Es war noch so früh im Jahre, daß Wills Gäste nur spärlich und in langen Zwischenräumen eintrafen, aber die Fliederbüsche standen schon in Blüte, und das Wetter war so mild, daß die Gesellschaft ihre Mahlzeiten in der Laube einnahm, wo der Lärm des Flusses zu ihnen hinaufklang; und die Wälder im Umkreis hallten wider von Vogelgesang. Will begann diesen Mahlzeiten sehr bald besondere Freude abzugewinnen. Der Pastor war zwar ein ziemlich langweiliger Gesellschafter, der die Gewohnheit hatte, bei Tische einzuschlafen, doch fiel niemals ein rauhes oder grausames Wort von seinen Lippen. Und was des Pastors Tochter anbelangte, so paßte sie so anmutig wie nur möglich zu ihrer Umgebung, und alles, was sie sagte, klang so hübsch und treffend, daß Will eine hohe Meinung von ihren Gaben zu hegen begann. Er konnte ihr Gesicht sehen, wie es sich, beim Vorwärtsneigen, gegen einen Hintergrund ansteigender Tannenwälder abhob; ihre Augen leuchteten friedlich; das Licht legte sich wie ein Tuch um ihr Haar; etwas, das man kaum als ein Lächeln zu bezeichnen vermochte, glitt wellengleich über ihre blassen Wangen, und Will konnte sich nicht enthalten, sie in angenehmer Bestürzung anzustarren. Sie war, selbst in ihren ruhigsten Augenblicken, so ganz sie selber und bebte bis in ihre Fingerspitzen hinein, ja bis zum Saum ihres Kleides herab, so voll innersten Lebens, daß die übrige Schöpfung im Vergleich zu ihr in verschwommenes Nichts zerrann. Ja, wenn Will von ihr weg auf ihre Umgebung blickte, so erschienen die Bäume ihm leblos und gefühllos, die Wolken hingen wie tot am Himmel, und selbst die Berggipfel hatten ihren Zauber verloren. Das ganze Tal konnte sich an Schönheit nicht mit diesem einen Mädchen messen.

Will war in Gesellschaft seiner Mitmenschen stets ein aufmerksamer Beobachter, aber im Falle Marjorys wurde seine Aufmerksamkeit fast peinlich. Er lauschte allem, was sie sagte und forschte gleichzeitig in ihren Augen nach dem unausgesprochenen Kommentar. Viele freundliche, einfache, aufrichtige Reden fanden in seinem Herzen ein Echo. Er wurde einer Seele inne, die in schönster Harmonie in sich selber ruhte, die nichts anzweifelte, nichts begehrte, kurz, die in Frieden wandelte. Es war unmöglich, ihre Gedanken von ihrer Erscheinung zu trennen. Die Form ihres Handgelenks, der ruhige Klang ihrer Stimme, das Licht in ihren Augen, die Linien ihres Körpers sangen die gleiche Melodie wie ihre ernsten, sanften Worte, so wie Musikbegleitung die Stimme des Sängers stützt und ergänzt. Der Einfluß, der von ihr ausging, war ganz einheitlich, unteilbar, undiskutierbar und konnte nur mit dankbarer Freude hingenommen werden. Will war es, als riefe ihre Gegenwart einen Teil seiner Kindheit zurück, und der Gedanke an sie gesellte sich in seiner Seele zu den Bildern der Morgendämmerung, fließenden Wassers und der ersten Veilchen und Fliederblüten. Dinge, die wir zum ersten Male sehen, oder doch zum ersten Male nach einer langen Zeit wieder erblicken, wie zum Beispiel die Frühlingsblumen, haben die Eigenschaft an sich, in uns die Kraft der Empfindung, sowie jenen Eindruck des Mystisch-Wunderbaren zu verschärfen, die sonst mit dem Älterwerden aus unserem Leben schwinden; doch der Anblick eines geliebten Antlitzes erneuert eines Menschen Charakter von den Wurzeln aufwärts.

Eines Tages nach dem Essen machte Will einen kleinen Spaziergang unter den Fichten; eine ernste Seligkeit nahm ihn von Kopf bis zu Fuße gefangen, und er fuhr fort, im Gehen sich selbst und der Landschaft zuzulächeln. Der Fluß ergoß sich hier in hübschen Kräuselwellen von Stein zu Stein; ein Vogel sang laut im Walde; die Berge sahen unermeßlich hoch aus, und wenn Will von Zeit zu Zeit zu ihnen aufschaute, erschien es ihm, als blickten sie mit wohlwollender aber Ehrfurcht erweckender Neugier auf sein Kommen und Gehen. Sein Weg führte ihn zu der Anhöhe über der Ebene. Dort setzte er sich auf einen Stein und versank in tiefes und angenehmes Sinnen. Die Ebene dehnte sich mit ihren Städten und dem silbernen Fluß vor ihm aus; alles schlief, mit Ausnahme eines mächtigen Wirbels von Vögeln, der sich in einem fort hob und senkte und sich in der blauen Luft wieder und wieder um sich selbst drehte. Er sprach Marjorys Namen laut vor sich hin, und er klang wohltuend an sein Ohr. Er schloß die Augen, und ihr Bild erstand vor ihm, still leuchtend und von guten Gedanken begleitet. Der Fluß mochte bis in alle Ewigkeit so weiterströmen; die Vögel mochten höher und höher fliegen, bis an die Sterne hinan. Er erkannte, daß alles doch nur leeres Getöse war; denn hier hatte auch er, ohne einen Fuß zu rühren, geduldig wartend in dem engen Tale das bessere Sonnenlicht erreicht.

Am folgenden Tage, während der Pastor seine Pfeife stopfte, gab Will über den Tisch hinüber eine Art Erklärung von sich.

»Fräulein Marjory,« sagte er, »ich habe niemals jemanden gekannt, den ich so gut leiden konnte wie Sie. Ich bin fast ein kalter, unfreundlicher Mann, nicht aus Mangel an Gefühl, sondern dank der Eigenart meines Denkens, und alle Menschen erscheinen mir wie in weiter Entfernung. Es ist, als wäre ein Kreis um mich gezogen, der jeden ausschließt, Sie ausgenommen; ich kann die anderen reden und lachen hören, aber nur Sie sind mir ganz nahe. Aber vielleicht ist Ihnen das unangenehm?« schloß er.

Marjory antwortete nicht.

»So rede doch, Mädchen«, sagte der Pastor.

»Nein, jetzt möchte ich nicht in sie drängen, Herr Pastor«, entgegnete Will. »Ich, der ich nicht daran gewöhnt bin, kann selber schlecht reden; und sie ist eine Frau und, wenn alles gesagt ist, kaum mehr als ein Kind. Ich meinerseits bin, soweit ich begreife, was die Leute darunter verstehen, glaube ich, verliebt. So nennen sie es wohl. Ich möchte nicht den Glauben erwecken, als wollte ich mich hiermit festlegen, denn ich kann mich irren; aber ich denke, so stehen bei mir die Dinge. Und wenn Fräulein Marjory vielleicht irgendwie anders empfindet, so ist sie vielleicht so freundlich, den Kopf zu schütteln.«

Marjory schwieg und gab kein Zeichen, daß sie überhaupt etwas gehört hatte.

»Was meinen Sie, Herr Pastor?« fragte Will.

»Das Mädchen muß sprechen«, erwiderte der Pastor und legte seine Pfeife fort. »Hier sagt unser Nachbar, daß er dich liebt, Madge. Liebst du ihn denn, ja oder nein?«

»Ich glaube, ja«, antwortete Marjory leise.

»Na, dann ist ja alles so gut, wie man es sich nur wünschen kann«, rief Will herzlich. Und er nahm über den Tisch herüber ihre Hand und hielt sie einen Augenblick äußerst zufrieden in den seinen.

»Ihr müßt heiraten«, bemerkte der Pfarrer und steckte sich die Pfeife von neuem in den Mund.

»Glauben Sie, daß das das Richtige ist?« erkundigte sich Will.

»Es ist unerläßlich«, sagte der Pastor.

»Nun, gut«, versetzte der Freier.

Zwei oder drei Tage vergingen für Will in großem Entzücken, obgleich ein Zuschauer es wohl kaum bemerkt hätte. Er fuhr fort, seine Mahlzeiten Marjory gegenübersitzend einzunehmen und mit ihr zu sprechen und sie in Gegenwart ihres Vaters anzustarren; aber er unternahm weder einen Versuch, mit ihr allein zu sein, noch änderte er im geringsten ihr gegenüber sein Benehmen. Vielleicht war das Mädchen ein wenig enttäuscht, vielleicht sogar ganz mit Recht enttäuscht, und doch hätte sie wohl zufrieden sein können, wenn die Tatsache genügt, ständig in eines anderen Menschen Gedanken zu sein und sein ganzes Leben auszufüllen und von Grund auf zu verändern. Denn sie wich auch nicht einen Augenblick aus Wills Sinn. Er saß über den Fluß gebeugt, sah dem Schaum der Fälle zu und beobachtete die behutsam in Schwebe liegenden Fische und die gepeitschten Flußalgen; oder er wanderte einsam durch den purpurnen Abend, während um ihn herum im Walde alle Amseln pfiffen, und stand des Morgens früh auf und sah den Himmel sich aus Grau in Gold verwandeln und das Licht zu den Gipfeln aufspringen. In dieser ganzen Zeit fragte er sich verwundert, ob er denn jene Dinge früher nie bemerkt hätte, oder weshalb er sie jetzt mit so ganz anderen Augen sähe? Ja, das Geräusch seines eigenen Mühlenrades oder des Windes in den Bäumen verwirrte und entzückte ihn. Die bezauberndsten Gedanken stellten sich ganz unversehens ein. Er war so glücklich, daß er des Nachts nicht schlafen konnte und so ruhelos, daß er außer in ihrer Gesellschaft nicht still zu sitzen vermochte. Und doch schien es eher, als wiche er ihr aus. Eines Tages, als er von seinem Umherstreifen nach Hause kehrte, fand er Marjory im Garten beim Blumenpflücken, und während er sich ihr näherte, verlangsamte er seinen Schritt und ging dann an ihrer Seite.

»Liebst du Blumen?« fragte er.

»Ich liebe sie sehr«, antwortete sie. »Liebst du sie?«

»Eigentlich nein,« sagte er, »nicht so sehr. Es sind doch alles in allem recht kleine Dinge. Ich kann schon verstehen, daß Menschen sie sehr lieben, nicht aber, daß sie mit ihnen das tun, was du jetzt tust.«

»Was tun?« fragte sie, innehaltend und zu ihm aufblickend.

»Sie pflücken«, sagte er. »Es ist ihnen viel wohler da, wo sie sind, und sie sehen so im Grunde genommen auch viel hübscher aus.«

»Ich möchte sie ganz für mich haben,« erwiderte sie, »sie an meinem Herzen tragen und sie in meinem Zimmer halten. Sie locken mich, wenn ich an ihnen vorbeigehe; sie scheinen mir zuzurufen: ›Komm und tue etwas mit uns‹, aber sowie ich sie geschnitten habe, ist der Zauber dahin und ich kann sie leichten Herzens ansehen.«

»Du möchtest sie besitzen, um nicht mehr an sie denken zu müssen«, versetzte Will. »Es ist ein klein wenig so, als tötetest du die Gans mit den goldenen Eiern. Es ist ein wenig so, wie ich mir die Dinge als Knabe wünschte. Weil ich es liebte, auf die Ebene hinunter zu schauen, wollte ich zu ihr hinabeilen – dorthin, wo ich nicht mehr auf sie hätte niederblicken können. War das nicht eine schöne Unvernunft? Ja, ja, wenn die Menschen es sich nur recht überlegten, würden sie alle handeln wie ich, und du ließest deine Blumen in Ruhe, so wie ich hübsch in meinen Bergen geblieben bin.« Plötzlich brach er schroff ab. »Herrgott noch einmal!« rief er. Und als sie ihn fragte, ob etwas nicht in Ordnung wäre, wich er der Frage aus und ging mit leicht belustigtem Ausdruck ins Haus hinein.

Bei Tisch war er sehr still, und als es Nacht geworden war und über ihnen die Sterne erglänzten, schritt er stundenlang mit ungleichen Schritten im Hof und Garten auf und ab. In Marjorys Fenster brannte noch Licht: die Scheibe leuchtete wie ein längliches, orangefarbenes, kleines Viereck in eine Welt dunkelblauer Berge und silbernen Sternenscheins hinaus. Will wandte sich in Gedanken immer wieder dem Fenster zu, obwohl sein Sinnen durchaus nicht das eines Liebhabers war, »Da sitzt sie nun in ihrem Zimmer,« dachte er, »und dort – über meinem Kopfe – leuchten die Sterne: – Gott segne sie beide!« Beide waren von gutem Einfluß auf sein Leben gewesen; beide streichelten und stärkten seine tiefe Zufriedenheit mit der Welt. Was konnte er darüber hinaus von beiden verlangen? Der dicke junge Mann und seine Ratschläge waren ihm so allgegenwärtig, daß er seinen Kopf zurückwarf und die Hände an den Mund haltend laut zu dem belebten Himmel emporrief. Ob nun die Haltung seines Kopfes schuld war, oder die plötzliche Anstrengung, die er hatte machen müssen: ihm war, als liefe ein momentanes Zittern durch die Sterne, als husche ein verschwommenes, frostiges Licht von einem Ende des Himmels zum anderen. Gleichzeitig wurde ein Zipfel des Vorhangs am Fenster gelüftet und gleich wieder heruntergelassen. Er lachte laut los. »Das eine wie das andere!« dachte Will. »Die Sterne zittern und der Vorhang lüftet sich. Beim Himmel, was muß ich für ein großer Zauberer sein! Wenn ich jetzt nur noch ein Narr wäre, wie würde es mir dann ergehen?« Und er ging zu Bett und kicherte vor sich hin: »Wäre ich nur ein Narr!«

Ziemlich früh am nächsten Morgen erblickte er sie wieder im Garten und suchte sie auf.

»Ich habe über das Heiraten nachgedacht,« begann er unvermittelt, »und nachdem ich es mir gründlich überlegt habe, bin ich zu dem Schlusse gekommen, daß es sich doch nicht so recht lohnt.«

Einen einzigen Augenblick wandte sie sich ihm zu, aber sein Strahlendes, freundliches Aussehen hätte selbst einen Engel aus der Fassung gebracht, und so blickte sie von neuem schweigend zu Boden. Er sah, wie sie zitterte.

»Hoffentlich ist es dir gleich«, fuhr er ein wenig bestürzt fort. »Es müßte dir eigentlich gleich sein. Ich habe es mir hin und her überlegt und ich finde, bei Gott, gar nichts daran. Wir würden einander deshalb nicht um ein Jota näher sein als jetzt, dagegen wären wir, wenn ich es wirklich recht verstehe, nicht annähernd so glücklich.«

»Es ist überflüssig, mir gegenüber Ausflüchte zu gebrauchen«, sagte sie. »Ich erinnere mich ganz genau, daß Sie sich weigerten, sich festzulegen; und jetzt, da ich sehe, daß Sie sich geirrt haben und mich in Wahrheit niemals liebten, bin ich nur bekümmert, daß ich mich soweit habe täuschen lassen.«

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte Will energisch; »du hast mich nicht verstanden. Ob ich dich je geliebt habe, kann ich nicht entscheiden. Das muß ich anderen überlassen. Aber das eine ist sicher: mein Gefühl hat sich dir gegenüber nicht geändert. Und das andere ist nicht minder sicher: du kannst dich rühmen, mein ganzes Leben und meinen ganzen Charakter verwandelt zu haben. Ich meine jedes Wort, das ich sage, aufrichtig. Ich finde einfach, daß sich das Heiraten nicht lohnt. Mir wäre es lieber, du wohntest auch weiterhin bei deinem Vater, so daß ich einmal oder vielleicht sogar zweimal die Woche hinübergehen und dich besuchen könnte, so wie die Leute in die Kirche gehen, und in der Zwischenzeit würden wir beide nur um so glücklicher sein. Das ist so meine Auffassung. Aber ich werde dich natürlich heiraten, wenn du es willst«, fügte er hinzu.

»Wissen Sie, daß Sie mich damit beleidigen?« brach sie jetzt los.

»Aber nein, Marjory,« rief er, »wenn ein reines Gewissen etwas zu bedeuten hat, bestimmt nicht. Ich biete dir die ganze aufrichtige Liebe meines Herzens; du kannst sie nehmen oder zurückweisen, wie du willst; obwohl ich vermute, daß es außerhalb deiner oder meiner Macht liegt, zu ändern, was einmal geschehen ist und mein Denken wieder frei zu geben. Ich will dich ja heiraten, wenn du es wünschst; aber ich sage es dir wieder und immer wieder, daß es sich nicht lohnt, und daß wir am besten Freunde bleiben. Wenn ich auch nur ein stiller Mann bin, so habe ich in meinem Leben doch gar mancherlei beobachtet. Vertraue mir und fasse die Sache so auf, wie ich sie dir vorschlage; wenn dir das aber nicht gefällt, so sag nur ein Wort und ich heirate dich auf der Stelle.«

Eine längere Pause folgte und Will, der sich jetzt unbehaglich zu fühlen begann, wurde allmählich ärgerlich.

»Es scheint, daß du zu stolz bist, deine Meinung herauszusagen«, bemerkte er. »Glaube mir, das ist sehr schade. Eine klare Beichte macht ein einfaches Leben. Kann ein Mann einer Frau gegenüber aufrichtiger und ehrenhafter sein, als ich es gewesen bin? Ich habe gesagt, was ich zu sagen habe, und lasse dir jetzt die Wahl. Willst du, daß ich dich heirate? Oder willst du meine Freundschaft, wie ich es für das beste halte? Oder hast du ein für allemal genug von mir? So sprich doch, um Gottes willen! Du weißt doch, daß dein Vater dir gesagt hat, ein Mädchen sollte in diesen Dingen rund heraus ihre Meinung sagen.«

Bei diesen Worten schien sie ihre Fassung wiederzugewinnen. Ohne eine Silbe drehte sie sich um, schritt eilig durch den Garten und verschwand im Hause, Will in einiger Verwirrung zurücklassend. Er ging daher im Garten auf und ab und pfiff leise vor sich hin. Manchmal hielt er inne und sah zum Himmel und zu den Bergen auf; dann ging er bis an das Ende des Wehrs, setzte sich und starrte albern ins Wasser. Alle diese Zweifel und Unruhen waren seiner ganzen Natur sowie dem Leben, das er sich so entschlossen gewählt hatte, derart fremd, daß er Marjorys Kommen zu beklagen begann. »Schließlich«, dachte er, »war ich so glücklich, als man es sich nur wünschen kann. Ich konnte hierherkommen und den ganzen Tag über meinen Fischen zuschauen: ich war ruhig und zufrieden in meiner alten Mühle.«

Endlich kam Marjory zum Essen herunter, sehr gesetzt und äußerlich ruhig; und kaum hatten alle drei am Tische Platz genommen, als sie, den Blick auf ihren Teller geheftet, sonst aber ohne jedes Anzeichen von Verlegenheit oder Kummer, ihrem Vater eine Rede hielt.

»Vater,« begann sie, »Herr Will und ich haben uns ausgesprochen. Wir sehen ein, daß jeder von uns sich in seinen Gefühlen getäuscht hat, und er hat, auf meinen Wunsch hin, eingewilligt, jeden Gedanken an eine Heirat aufzugeben und weiter nichts als mein sehr guter Freund zu sein, wie er es bisher gewesen ist. Du siehst, daß es auch nicht den Schatten eines Zwists zwischen uns gegeben hat, und ich hoffe in der Tat, ihn in Zukunft sehr häufig zu sehen, denn er wird in unserem Hause stets willkommen sein. Natürlich, Vater, weißt du es am besten, aber ich glaube doch, es wäre das richtigste, wenn wir für das erste Mr. Wills Haus verließen. Ich glaube, nach dem was sich ereignet hat, würden wir in den nächsten Tagen nicht die angenehmsten Hausbewohner sein.«

Will, der sich von Anfang an nur mit Mühe beherrscht hatte, brach jetzt in einen unartikulierten Laut aus und hielt in offensichtlicher, echter Bestürzung seine Hand hoch, als wolle er sich einmischen oder ihr widersprechen. Aber sie brachte ihn mit einem einzigen raschen Blick und einem zornigen Erröten zum Schweigen.

»Sie haben vielleicht die Güte,« sagte sie, »mich diese Angelegenheit selbst auseinandersetzen zu lassen.«

Will war durch ihr Gesicht sowie durch den Ausdruck und den Ton ihrer Stimme völlig aus der Fassung gebracht. Er schwieg daher und folgerte, daß einige Dinge an diesem Mädchen über seinen Horizont gingen, worin er vollkommen recht hatte.

Der arme Pastor war gänzlich niedergeschlagen. Er suchte zu beweisen, daß das Ganze ja nicht mehr als ein kleiner Zank wäre, der die Liebe doch nur noch erhöhe, und daß alles bis zum Schlafengehen schon wieder gut sein würde. Und als man ihn endlich aus dieser Auffassung verdrängt hatte, fuhr er fort zu behaupten, daß, wo es keinen Streit gegeben hätte, auch keine Trennung erforderlich wäre; denn dem guten Manne sagten sowohl seine Verpflegung wie sein Wirt zu. Dabei war es seltsam zu sehen, wie das Mädchen sie beide nach ihrem Willen lenkte. Sie sprach die ganze Zeit über sehr wenig und das wenige auch nur mit größter Ruhe, und doch wickelte sie die beiden Männer um den Finger und führte sie dank ihres Takts und ihrer weiblichen Strategie dahin, wo sie sie haben wollte. Kaum schien es ihr Werk zu sein – es war, als wenn alles sich ganz von selbst ergäbe – daß sie und ihr Vater noch am gleichen Nachmittage in einem Bauernwagen davonfuhren und sich weiter unten in einem anderen Dorfe einmieteten, bis ihr eigenes Haus für sie bereit wäre. Doch Will hatte sie scharf beobachtet und ihre Geschicklichkeit und Willenskraft wohl durchschaut. Als er wieder allein war, gab es sehr viele sonderbare Dinge zu bedenken. Erstens fühlte er sich sehr traurig und einsam. Alles Interesse war plötzlich aus seinem Leben geschwunden; mochte er noch so lange zu den Sternen aufschauen, aus irgendeinem Grunde mißlang es ihm, aus ihnen Trost und Kraft zu schöpfen. Und dann befand er sich auch in einem wahren Aufruhr des Geistes über Marjory. Ihr Benehmen hatte ihn verwirrt und geärgert, und doch konnte er nicht umhin, sie zu bewundern. Er meinte, in jener stillen Seele einen feinen, querköpfigen Engel entdeckt zu haben, den er bis dahin nie dort vermutet hatte; und obwohl er erkannte, daß der Einfluß, der von ihr ausging, schlecht zu dem Leben künstlicher Ruhe paßte, das er sich geschaffen hatte, vermochte er seine glühende Sehnsucht, diesen Einfluß auch weiter auf sich wirken zu lassen, doch nicht zu meistern. Einem Manne gleich, der bisher im Schatten gelebt hat und jetzt an die Sonne tritt, empfand er sowohl Schmerz wie Entzücken.

Als die Tage allmählich verstrichen, fiel er von einem Extrem ins andere; in einem Augenblick war er stolz auf seine Kraft und Entschlossenheit, im nächsten verachtete er seine Ängstlichkeit und seine törichte Vorsicht. Das Eine stellte wohl in Wahrheit den Gedanken dar, der in seinem Herzen lebte und der auch seine Grübeleien beherrschte; doch das Andere verschaffte sich von Zeit zu Zeit mit unbezähmbarer Heftigkeit Luft, und dann pflegte Will alle Überlegung zu vergessen und in Haus und Garten auf und nieder zu gehen oder in den Fichtenwäldern umherzuirren, wie einer, der vor Reue außer sich ist. Dem gleichmäßigen, fest in sich verankerten Will war dieser Gemütszustand jedoch unerträglich und er beschloß, damit, koste es was es wolle, ein Ende zu machen. So zog er denn eines schönen, warmen Sommernachmittags seinen besten Anzug an, nahm einen Dornenstecken in die Hand und machte sich auf den Weg talabwärts den Fluß entlang. Kaum hatte er diesen Beschluß gefaßt, als er wie mit einem Schlage seinen gewohnten Herzensfrieden zurückgewann, und er genoß das helle Wetter und die abwechselnde Szenerie ohne jedes Nebengefühl von Furcht oder peinlichem Sehnen. Es war ihm jetzt fast gleich, wie die Sache enden würde. Wenn sie ihn wollte, würde er sie diesmal wohl heiraten müssen, was vielleicht auch für alle Teile das Beste war. Wenn sie ihm aber einen Korb gab, nun so hatte er sein möglichstes getan und konnte hinfort seinen eigenen Weg mit ruhigem Gewissen gehen. Im großen und ganzen hoffte er eigentlich, daß sie nein sagen würde; als er dann aber an einer Biegung des Flusses das braune Dach, das sie beherbergte, unter einigen Weiden hervorlugen sah, fühlte er sich schon wieder fast geneigt seinen Wunsch umzustürzen und war mehr als halb über seine Willensschwäche beschämt.

Marjory schien erfreut, ihn zu sehen und reichte ihm ohne Gezwungenheit unverzüglich die Hand.

»Ich habe mir diese Heirat durch den Kopf gehen lassen«, hob er an.

»Ich auch«, antwortete sie. »Und ich achte dich mehr und mehr als einen sehr weisen Mann. Du hast mich besser verstanden, als ich mich verstanden habe, und ich bin jetzt überzeugt, daß die Dinge, so wie sie liegen, am besten sind.«

»Gleichzeitig aber –«, wagte Will zu bemerken –

»Du mußt müde sein«, unterbrach sie ihn. »Nimm Platz und laß mich dir ein Glas Wein holen. Der Nachmittag ist heiß, und ich möchte nicht, daß dir dein Besuch mißfiele. Du mußt recht oft kommen, einmal die Woche, wenn du die Zeit dafür erübrigen kannst; ich freue mich immer so sehr, meine Freunde zu sehen.«

»Nun gut«, dachte Will bei sich. »Es scheint, daß ich doch recht hatte.« Und er stattete ihr einen sehr angenehmen Besuch ab, marschierte in gehobener Stimmung nach Hause und machte sich über die Angelegenheit keine weiteren Sorgen.

Fast drei Jahre lang trafen sich Will und Marjory ein- oder zweimal die Woche, ohne daß je ein Liebeswort gefallen wäre, und ich glaube, Will war während dieser ganzen Zeit fast so glücklich, wie ein Mensch es nur sein kann. Er knauserte sich eher die Freude ab, sie zu sehen, und spazierte oft mehr als die Hälfte des Weges zum Pastorat hinüber, nur um dann wieder umzukehren, als gälte es, seinen Appetit zu wetzen. Ja, es gab eine bestimmte Wegbiegung, von der aus er den Kirchturm samt einem dreieckigen Fleckchen Ebene im Hintergrund, die, eingeklemmt zwischen zwei Fichtenwaldungen, durch einen Spalt des Tales hindurchschimmerten, sehen konnte; und dort pflegte er, ehe er sich auf den Heimweg schickte, besonders häufig zu verweilen, da ihm der Ort für das Ausruhen und Moralisieren vortrefflich geeignet schien. Und die Bauern gewöhnten sich so sehr daran, ihn dort in der Abenddämmerung sitzen zu sehen, daß sie das Plätzchen das »Will von der Mühlen-Eck« tauften.

Nach Verlauf dreier Jahre spielte Marjory ihm den argen Streich, sich unversehens mit jemand anderem zu verheiraten. Will wahrte tapfer den äußeren Schein und bemerkte lediglich, nach dem wenigen zu urteilen, das er von den Frauen wüßte, hätte er wohl daran getan, Marjory vor drei Jahren nicht selbst zu heiraten. Offenbar wüßte sie selber nicht, was sie wollte, und wäre trotz ihres irreführenden Wesens so unbeständig und leichtfertig wie die anderen alle. Er müsse sich zu der entronnenen Gefahr beglückwünschen, sagte er, und würde daher von jetzt ab eine höhere Meinung von seiner Klugheit hegen. Aber im Grunde seines Herzens war er doch recht unzufrieden, lungerte ein oder zwei Monate meist ziemlich freudlos herum und nahm zur Verwunderung seines Dienstpersonals an körperlichem Gewichte ab.

Es war vielleicht ein Jahr nach der Heirat, als Will spät in der Nacht durch das Geräusch eines galoppierenden Pferdes auf der Landstraße sowie durch ein darauffolgendes hastiges Klopfen gegen das Wirtshaustor geweckt wurde. Er öffnete das Fenster und sah einen berittenen Bauernknecht, der noch ein anderes Pferd am Zügel führte und der ihm zurief, er möge sich beeilen, so sehr er könne, und mit ihm kommen. Marjory lag im Sterben und hatte dringend nach Will gesandt, um ihn an ihr Totenbett zu holen. Will war kein großer Reiter und kam daher unterwegs so langsam vorwärts, daß die arme junge Frau ihrem Ende recht nahe war, bevor er dort anlangte. Doch sprachen sie einige Minuten allein miteinander, und als sie hinüberging war er zugegen und weinte lange und bitterlich.

 

Tod

Jahr über Jahr zerrann in nichts und brachte große Umwälzungen und Aufruhr in die Ebene: rote Revolution erhob ihr Haupt und wurde in Blut erstickt, Kampf wogte hin und her, geduldige Astronomen spürten von ihren Observatorien aus neue Sterne auf und gaben ihnen neue Namen, Dramen wurden in hell erleuchteten Theatern aufgeführt, Menschen wurden auf Tragbahren in die Hospitäler geschleppt, und das übliche Lärmen und die Ruhelosigkeit des menschlichen Lebens drängten sich in übervollen Städten zusammen. Aber oben in Wills Tal kennzeichneten allein die Winde und die Jahreszeiten die Epochen; die Fische standen still in dem raschen Flusse, die Vögel zogen am Himmelsgewölbe ihre Kreise, die Tannenwipfel rauschten unter den Sternen und die hohen Berge wachten über allem; und Will ging hin und her und besorgte sein Gasthaus an der Landstraße, bis der Schnee sich auf seinem Haupte zu häufen begann. Doch sein Herz war jung und stark, und ob auch seine Pulse einen gemessenen Takt schlugen, war ihr Schlag doch kräftig und gleichmäßig. Will trug jetzt gleich reifen Äpfeln einen roten Fleck auf beiden Wangen; er ging bereits ein wenig gebeugt, doch war sein Schritt noch fest, und seine sehnigen Hände streckten sich jedem mit freundschaftlichem Druck entgegen. Sein Gesicht war von jenen Runzeln überzogen, die man sich in freier Luft holt und die, richtig betrachtet, eigentlich nur eine Art dauernder Wetterbräune darstellen. Runzeln dieser Art erhöhen zwar die Dummheit dummer Gesichter, verleihen aber Menschen wie Will, mit seinen klaren Augen und seinem lächelnden Munde, als Zeugen eines schlichten und mühelosen Lebens, einen weiteren Reiz. Seine Rede war voll weiser Sprüche. Er liebte die Menschen und die Menschen liebten ihn. Wenn das Tal zur gegebenen Jahreszeit voller Touristen steckte, gab es lustige Nächte in Wills Laube; und seine Ansichten, die seinen Nachbarn schrullenhaft erschienen, wurden oft genug von gelehrten Leuten aus der Stadt und von den Universitäten bewundert. Ja, sein war ein edles, hohes Altwerden, und er wurde täglich mehr und mehr bekannt, so daß sein Ruf zu den Städten in der Ebene drang; und junge Männer, die als Sommerreisende zu ihm gekommen waren, sprachen in Cafés von Will von der Mühle und seiner rauhen Philosophie. Er empfing Einladung über Einladung, das darf man wohl glauben, aber nichts vermochte ihn aus seinem Hochlandstal herauszulocken. Er pflegte dann nur den Kopf zu schütteln und über seiner Pfeife bedeutungsvoll zu lächeln. »Ihr kommt zu spät«, war seine Antwort. »Ich bin jetzt ein toter Mann: ich habe gelebt und bin bereits gestorben. Vor fünfzig Jahren hättet Ihr mir mit Euren Worten das Herz in die Kehle getrieben; jetzt aber bedeuten sie für mich nicht einmal eine Versuchung. Aber es ist ja wohl das Ziel eines langen Lebens, daß der Mensch aufhöre, nach dem Leben zu fragen.« Und wieder: »Es gibt nur einen Unterschied zwischen einem langen Leben und einem guten Essen: bei dem Essen kommen die Süßigkeiten zuletzt.« Oder aber: »Als ich noch ein Junge war, war ich ein wenig wirr und wußte kaum, ob ich selbst oder die Welt ein kurios Ding wäre, wert, daß man in es hineinsähe. Nun weiß ich, daß ich selbst es bin und halte daran fest.«

Niemals machte sich ein Zeichen körperlichen Verfalls an ihm bemerkbar; bis zuletzt stand er aufrecht und fest. Aber sie sagen, daß er gegen das Ende seines Lebens weniger gesprächig wurde und den anderen häufig stundenlang mit einem belustigten, mitfühlenden Lächeln zuhörte. Wenn er aber sprach, so war seine Rede treffender als früher und schwer von der Erfahrung des Alters. Mit Freuden trank er eine Flasche Wein, vor allem bei Sonnenuntergang auf der Anhöhe oder ganz spät in der Nacht unter den Sternen in seiner Laube. Der Anblick von etwas Reizvollem aber Unerreichbarem würze nur seinen Genuß, pflegte er zu sagen, und er behauptete, lang genug gelebt zu haben, um eine Kerze, wenn er sie mit einem Planeten vergleiche, nur umsomehr zu bewundern.

In seinem zweiundsiebzigsten Jahre erwachte er eines Nachts in seinem Bett durch ein solches Unbehagen in Körper und Seele, daß er sich ankleidete und in die Laube hinunterging, um dort ein wenig zu meditieren. Es war stockfinster, kein Stern stand am Himmel; der Fluß war angeschwollen und die nassen Wälder und Wiesen schwängerten die Luft mit ihren Düften. Tagsüber hatte es ein Gewitter gegeben, und die Nacht verhieß ein neues Gewitter für den morgigen Tag. Eine düstere, erdrückende Nacht für einen zweiundsiebzigjährigen Mann! Ob es nun das Wetter oder die Schlaflosigkeit war, oder eine Spur von Fieber in seinen alten Knochen, Wills Seele war bestürmt von aufrührerischen, laut rufenden Erinnerungen. Seine Knabenzeit, die Nacht mit dem dicken jungen Mann, der Tod seiner Adoptiveltern, die Sommertage mit Marjory und viele jener kleinen Begebenheiten, die einem anderen als ein Nichts erscheinen, dem Betreffenden selbst aber die Quintessenz des Lebens bedeuten – Dinge, die man gesehen, Worte, die man vernommen, Blicke, die man mißverstanden hat – erhoben sich aus den vergessenen Winkeln seines Gehirns und usurpierten seine Aufmerksamkeit. Die Toten selbst saßen ihm zur Seite und beteiligten sich nicht nur an jenem ungreifbaren Zug der Schatten, der an seinem Inneren vorbeidefilierte, sondern suchten seine körperlichen Sinne heim, so wie das in tiefen, lebhaften Träumen geschieht. Der dicke junge Mann stützte ihm gegenüber die Ellbogen auf den Tisch; Marjory kam und ging mit einer Schürze voll Blumen zwischen dem Garten und der Laube; er hörte den alten Pastor seine Pfeife ausklopfen und sich dröhnend die Nase schnauben. Die Flut seines Bewußtseins stieg und verebbte; mitunter war er im Halbschlaf und wie ertrunken in seinen Erinnerungen an die Vergangenheit, mitunter aber auch hellwach und wunderte sich über sich selbst. Etwa um die Mitte der Nacht jedoch wurde er durch die Stimme des toten Müllers aufgeschreckt, der ihm aus dem Hause etwas zurief, wie er es getan hatte, wenn Kundschaft eingetroffen war. Die Halluzination war so vollkommen, daß Will von seinem Sitze aufsprang und lauschte, ob sich der Ruf nicht wiederhole, und noch während er aufhorchte, bemerkte er neben dem Gezänk des Flusses und dem fieberischen Saufen in seinen Ohren ein weiteres Geräusch. Es glich dem Getrappel von Pferden und dem Klirren von Geschirr, wie wenn ein Reisewagen mit einem ungeduldigen Gespann vor dem Hoftor auf der Landstraße zum Stehen gebracht würde. Allein zu solcher Stunde, auf diesem rauhen und gefahrvollen Paß, erschien eine derartige Annahme mehr als lächerlich; Will verwarf daher den Gedanken und nahm wieder seinen Platz in der Laube ein, und der Schlaf umspülte von neuem wie fließendes Wasser seine Glieder. Und wieder wurde er durch des toten Müllers Ruf aufgeschreckt, nur klang er diesmal schwächer und geisterhafter als zuvor, und wieder hörte er den Lärm der Kutsche auf der Landstraße. Und so nahmen drei- oder viermal hintereinander der gleiche Traum oder die gleiche Vorstellung seine Sinne gefangen, bis er endlich, sich selber zulächelnd wie einem nervösen Kinde, dessen Launen man nachgibt, auf das Tor zuschritt, um seine Unsicherheit zum Schweigen zu bringen.

Von der Laube bis zum Tor war nur eine geringe Entfernung, und doch brauchte Will eine ziemliche Zeit, um sie zurückzulegen, denn es war, als drängten sich die Toten in dem Hofe immer enger um ihn und kreuzten bei jedem Schritt seinen Weg. Vor allem wurde er plötzlich durch einen überwältigend süßen Duft von Heliotrop überrascht, als wäre sein Garten von einem Ende bis zum anderen mit dieser Blume bepflanzt, und als söge die heiße, feuchte Nacht wie mit einem einzigen Atemzug all ihren Duft in sich ein. Nun war aber Heliotrop die Lieblingsblume Marjorys gewesen, und seit ihrem Tode hatte Will nicht eine einzige dieser Pflanzen in seinem Garten gehalten.

»Ich habe, glaube ich, den Verstand verloren«, dachte er. »Die arme Marjory und ihr Heliotrop!«

Und damit blickte er zu dem Fenster auf, das einstmals das ihre gewesen war. War er früher verwirrt gewesen, so packte ihn jetzt beinah Furcht, denn in dem Zimmer brannte Licht. Das Fenster war wieder ein längliches, orangefarbenes Viereck, und der Zipfel des Vorhangs wurde aufgehoben und wieder fallen gelassen, ganz wie in der Nacht, als er in seiner Ratlosigkeit zu den Sternen aufgeschrien hatte. Die Illusion dauerte zwar nur einen Augenblick, erschütterte ihn aber ziemlich heftig. Er rieb sich die Augen und starrte die Umrisse des Hauses sowie den pechschwarzen Hintergrund an. Während er noch so stand – und es scheint, daß es eine lange Zeit dauerte – ertönte wieder das alte Geräusch von der Landstraße, und er wandte sich noch gerade zur rechten Zeit, um einem Fremden entgegenzugehen, der durch den Hof auf ihn zuschritt. Etwas wie die Umridde einer mächtigen Reisekutsche wurde auf der Straße hinter dem Fremden sichtbar, und darüber ragten ein paar schwarze Tannenkronen wie ebenso viele Federbüschel.

»Meister Will?« fragte der Ankömmling auf knappe, militärische Art.

»Der nämliche, Herr«, entgegnete Will. »Kann ich Ihnen mit irgend etwas dienen?«

»Ich habe viel von Euch gehört, Meister Will,« versetzte der andere; »viel und nur Gutes von Euch gehört. Und obwohl ich beide Hände voll zu tun habe, möchte ich doch mit Euch in Eurer Laube eine Flasche Wein trinken. Bevor ich gehe, werde ich mich noch vorstellen.«

Will ging den Weg voran zur Laube, zündete eine Lampe an und entkorkte eine Flasche. Er war derartiger schmeichelhafter Visiten nicht so ganz ungewohnt und erwartete, geschult wie er war durch Enttäuschungen, wenig von dieser. Eine Art Wolke hatte sich über seine Sinne gelagert und hinderte ihn, die Seltsamkeit der Stunde zu bedenken. Er bewegte sich wie ein Nachtwandler, und es schien, als entzünde sich die Lampe und entkorke sich die Flasche mit der Leichtigkeit des Gedankens. Trotzdem verspürte er ein klein wenig Neugier über die Erscheinung seines Besuches und versuchte vergeblich, ihm in das Gesicht zu leuchten. Entweder hielt er die Lampe zu ungeschickt, oder es legte sich ein Nebel über seine Augen: er konnte nicht mehr als einen Schatten erkennen, der mit ihm am Tische saß. Er starrte und starrte den Schatten an, während er sich seine Brille putzte, und ein kaltes, fremdartiges Gefühl legte sich ihm ums Herz. Das Schweigen lastete auf ihm, denn jetzt hörte er außer dem Brausen seines eigenen Bluts in seinen Ohren nichts mehr, nicht einmal den Fluß.

»Auf Eure Gesundheit«, sagte der Fremde rauh.

»Zu Euren Diensten, Herr,« entgegnete Will und nippte von seinem Wein, der aber irgendwie sonderbar schmeckte.

»Soviel ich höre, seid Ihr ein Mann von recht eigenem Willen«, fuhr der Fremde fort.

Will antwortete nur durch ein leise befriedigtes Lächeln und durch ein Kopfnicken.

»Das bin ich auch,« redete der andere weiter, »es ist mir eine ganz besondere Freude, den Leuten auf die Hühneraugen zu treten. Ich dulde nicht, daß außer mir selber irgendeiner einen Willen hat. Ich habe zu meiner Zeit die Launen von Königen, Generalen und großen Künstlern gekreuzt. Und was würdet Ihr nun sagen,« schloß er, »wenn ich eigens hierher gekommen wäre, um Eure zu kreuzen?«

Will lag bereits eine scharfe Entgegnung auf der Zunge; aber die Höflichkeit eines alten Gastwirts trug den Sieg davon; er schwieg daher und antwortete nur durch eine zuvorkommende Gebärde.

»Deswegen bin ich hier«, sagte der Fremde. »Und wenn ich Euch nicht ganz besonders schätzte, würde ich keine weiteren Worte darüber verlieren. Es scheint, Ihr haltet es Euch zugute, daß Ihr geblieben seid, wo Ihr Euch jetzt befindet. Ihr habt die Absicht, auf Eurem Gasthof zu verweilen. Nun habe ich es mir aber in den Kopf gesetzt, daß Ihr ein Endchen Weges mit mir in meiner Kutsche fahren sollt; und das werdet Ihr auch, noch ehe diese Flasche leer ist.«

»Das wäre in der Tat eine merkwürdige Sache«, entgegnete Will behaglich lachend. »Lieber Herr, ich bin hier aufgewachsen wie ein alter Eichbaum; selbst der Teufel vermöchte mich kaum zu entwurzeln: trotzdem erkenne ich an, daß Ihr ein recht unterhaltsamer Herr seid, und ich wette mit Euch eine zweite Flasche, daß Eure Mühe mir gegenüber vergeblich sein wird.«

Der Nebel vor Wills Augen hatte sich während dieser ganzen Zeit verdichtet; aber auf irgendeine Weise wurde er dennoch einer scharfen und erkältenden Musterung inne, die ihn ärgerte, zugleich aber meisterte.

»Ihr braucht nicht zu denken,« brach er plötzlich heftig und fieberhaft los, so daß es ihn selbst erschreckte und beunruhigte, »daß ich an der Scholle klebe, weil ich irgend etwas in Gottes weiter Welt fürchte. Gott weiß, daß ich alles recht satt habe, und wenn die Zeit für eine längere Reise, als selbst Ihr es Euch träumen laßt, gekommen sein wird, werde ich wohl gerüstet sein.«

Der Fremde leerte sein Glas und schob es von sich. Er blickte eine Weile zu Boden und klopfte Will dann dreimal leise mit dem Zeigefinger auf den Unterarm.

»Die Zeit ist gekommen!« sagte er feierlich.

Ein häßlicher Schauer breitete sich von der Stelle aus, die er berührt hatte. Der Ton seiner Stimme war dumpf und erschreckend und hallte seltsam in Wills Herzen wieder.

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte er mit plötzlicher Unruhe zu dem Fremden. »Was wollt Ihr damit sagen?«

»Seht mich an, und Ihr werdet erkennen, daß Euer Augenlicht trübe geworden ist. Hebt Eure Hand; sie ist totenschwer. Dies ist Eure letzte Flasche Wein, Meister Will, und Eure letzte Nacht auf Erden.«

»Seid Ihr ein Arzt?« fragte Will mit unsicherer Stimme.

»Der beste, den es je gegeben hat,« erwiderte der andere, »denn ich heile mit dem gleichen Rezept sowohl Körper wie Geist. Ich nehme alle Schmerzen und vergebe alle Sünden; und haben meine Patienten im Leben unrecht getan, so löse ich die Verwicklungen und gebe ihren Schritten die Freiheit wieder.«

»Ich brauche Euch nicht«, sagte Will.

»Einmal kommt die Zeit für alle Menschen, Meister Will,« entgegnete der Arzt, »in der ihnen das Steuer aus den Händen genommen wird. Euch, der Ihr weise und still gewesen seid, ist sie langsam gekommen, und Ihr habt Euch lange für ihren Empfang gestählt. Ihr habt von Eurer Mühle aus gesehen, was es zu sehen gibt; Ihr habt Euer Leben lang still gesessen, wie ein Hase in seinem Lager, doch jetzt ist es damit zu Ende; und,« fügte der Arzt hinzu, indem er sich erhob, »jetzt müßt Ihr aufstehen und mir folgen.«

»Ihr seid ein seltsamer Arzt«, sagte Will und sah seinem Gaste fest ins Gesicht.

»Ich bin ein Naturgesetz,« war des anderen Antwort, »und die Menschen nennen mich Tod.«

»Weshalb habt Ihr mir das nicht gleich gesagt?« rief Will. »Ich habe all die langen Jahre auf Euch gewartet. Gebt mir Eure Hand und seid mir willkommen.«

»Stützt Euch auf meinen Arm,« sagte der Fremde, »denn Eure Kräfte beginnen bereits zu schwinden. Lehnt Euch so schwer auf mich, wie Ihr es nur braucht, denn bin ich auch alt, so bin ich doch stark. Es sind nur drei Schritt bis zu meinem Reisewagen, und dort nehmen all Eure Leiden ein Ende. Will, Will,« setzte er hinzu, »ich habe mich nach Euch gesehnt, als wäret Ihr mein eigener Sohn; und von allen Menschen, die ich während ungezählter Tage geholt habe, bin ich am freudigsten zu Euch gekommen. Ich bin kaustisch und verletze auf den ersten Blick mitunter die Leute; aber Menschen Euresgleichen bin ich im Grunde meines Herzens ein guter Freund.«

»Seit Marjory von mir genommen wurde,« entgegnete Will, »erkläre ich vor Gott, seid Ihr der einzige Freund, auf den ich hoffen durfte.«

So schritt das Paar Arm in Arm über den Hof.

Etwa um diese Zeit erwachte einer der Dienstboten und hörte, bevor er von neuem in Schlaf versank, ein Geräusch wie das Scharren von Pferdehufen. Die ganze Nacht über fegte ein Sausen wie von einem stillen stetigen Winde talabwärts der Ebene zu; und als die Welt sich am folgenden Morgen erhob, siehe! da hatte Will von der Mühle endlich seine Reise angetreten.

 

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