2. Wie geschmiert

Die Welt ist voller Kanaillen, es gibt viel zu viele davon. Trotzdem musste ich mir ganz schön das Gehirn zermartern, bis mir Kaplan einfiel. Richard Kaplan — der größte Beschiss seit Bernie Cornfeld. Besondere Merkmale: dreht den Leuten für viel Geld faule Ölinvestments an.
Mal abgesehen von der reichlich ausgeleierten Masche hatte ich nichts gegen seine Art, Geld zu verdienen. Wenn es immer noch Trottel gab, die nicht mitgekriegt hatten, dass das große Ölgeschäft seit mindestens fünfzig Jahren gelaufen ist, warum sollte man sie nicht dafür bezahlen lassen? Es war schon immer etwas teurer dämlich zu sein.
Was mir allerdings weniger gefiel, war, dass er mir immer wieder durch die Lappen ging. Jedes mal wenn ich in seinem Büro aufkreuzte, hielt mich sein Vorzimmerdrachen auf, sie hatte große Erfahrung im Aufhalten –, und er verkrümelte sich durch die Hintertür, das Aas. Wahrscheinlich glaubte er, dass ich wegen seiner krummen Geschäfte hinter ihm her war. Aber das war nicht der Fall. Es ging nur um einen privaten Gefallen. Kaplan hatte Spielschulden bei einem Burschen, den Raff aus dem Golfklub kannte. (Außer Erbsenzählen ist Golf so ziemlich die einzige Sportart, bei der er mit seinen morschen alten Knochen noch mithalten kann). Und diesem Sportsfreund wollte er mal vorführen, wie fabelhaft seine Inkassoabteilung funktionierte. Das war allerdings gar nicht so einfach, nicht bei einem glitschigen Aal wie Kaplan. Die Sache drehte sich um lächerliche fünf Mille, und ich murkste schon seit zwei Wochen daran herum. Raff wurde allmählich ungeduldig, und ich stocksauer. Das waren genau die richtigen Voraussetzungen für ein Inkasso in verschärfter Form.
Bester Dinge pfiff ich mir ein Liedchen, trommelte den Takt dazu aufs Lenkrad und rollte im Schatten alter Kastanien gemächlich dahin.
Ich versuchte es gar nicht erst in seinem Büro. Erstens war es noch viel zu früh am Tage — für seine Verhältnisse. Und zweitens würde der Vorzimmerdrachen sowieso wieder mit irgendwelchen neuen Tricks seinen Rückzug decken. Deshalb fuhr ich direkt zu ihm nach Hause.
Sein bescheidenes Heim mit schiefergedecktem Walmdach, französischen Fenstern und geschwungener Auffahrt lag zwischen alten Bäumen auf einem sanften Rasenhügel. Es hatte genau die herzerfrischende Großkotzigkeit, die in diesen kleinkarierten demokratischen Zeiten mit seinen Doppelhaushälften so selten geworden ist, wo alle den Schwanz einziehen und keiner sich mehr getraut zu zeigen, dass er es zu etwas gebracht hat — bravo, Kaplan!
Der Schwindel mit Ölinvestments war ganz offensichtlich noch viel profitabler als ein Puff gegenüber von einem Kasernentor. Mir kamen Zweifel, ob ich in der richtigen Branche arbeitete. Fragen Sie mich nicht, wieso ein Mann mit so viel Moos wegen fünf Mille Zicken machte — vielleicht tat er es ja aus Prinzip.
Die beiden mächtigen Flügel des schmiedeeisernen Tores standen offen — sehr unvorsichtig, sie offen zu lassen.
Ich schloss die Corvette ab und schlenderte durch das Tor die Auffahrt hinauf. Vogelgezwitscher begleitete mich. Ein Zitronenfalter tanzte zuckend durch die Luft. Der Rasen war sehr gepflegt. Ein nettes Plätzchen.
Vor der Garage mit zwei Doppeltoren stand ein flaschengrüner Achtzylinder-Daimler neuestes Modell. Die Haustür wurde flankiert von Lorbeerbäumchen in Kübeln. Für einen Moment blieb ich unschlüssig davor stehen. Dann ging ich weiter, ums Haus herum, um mir mal die Rückseite anzusehen. Ich hatte nicht die Absicht, zu klingeln und Kaplan damit vorzuwarnen. Es sollte eine Überraschung werden, es musste eine Überraschung werden. Bei der Unmenge von Leuten, die er schon beschissen hatte, musste er ständig mit dem Schlimmsten rechnen, und sehr wahrscheinlich hatte er sich für den Fall einer Belagerung längst einen Fluchttunnel gegraben.
Hinter dem Haus gab es noch mehr Grundstück und alte Bäume und einen Swimming Pool in Nierenform, garniert mit Marmorstatuen, die nackte Frauengestalten darstellten. Ich an seiner Stelle hätte mir echte nackte Weiber um den Pool herum aufgepflanzt — für jede halbe Stunde eine andere, hähä. Aber sonst sagte mir das Anwesen im großen und ganzen zu. Für meinen Geschmack fehlten nur noch Tennisplätze.
Um sich das alles leisten zu können, musste man schon eine ganze Menge Leute ganz schön übers Ohr hauen. Ich begann, Respekt vor Kaplan zu kriegen — wenigstens vor dem Geschäftsmann in ihm.
Ich wandte mich dem Haus zu. Auf der Veranda stand ein Tisch mit den Resten eines ausgiebigen Frühstücks. Die Terrassentüren waren offen, wohl um die frische, kühle Morgenluft ins Haus zu lassen — und mich. Ungeniert trat ich ein.
Linker Hand befand sich ein Saal von Wohnzimmer mit einem offenen Kamin, groß genug, um einen Ochsen darin zu braten. Rechts hinter einem Bogendurchgang, nur unwesentlich kleiner, das Arbeitszimmer. Keine Menschenseele war zu sehen. Das Haus lag still. Ich wandte mich nach rechts und inspizierte Kaplans Privatbüro. Wenn er all die Bücher in den Regalen an den Wänden gelesen hatte, musste er ein sehr gebildeter Mann sein. Es war allerdings auch denkbar, dass er sie am laufenden Meter und nur zu Dekorationszwecken angeschafft hatte.
Auf der lederbezogenen Platte des Mahagonischreibtischs lag ungeöffnete Post. Ich ging hinüber, nahm in dem gepolsterten Sessel dahinter Platz und sah die Post durch. Es waren auch einige Kontoauszüge dabei. Ich riss sie auf. Die meisten Konten waren bis zum Geht-nicht-mehr überzogen. Ich fragte mich, wohin der Gauner seine Millionen verschoben hatte. — Vermutlich Schweiz, Liechtenstein, Bahamas, Cayman-Inseln oder etwas in der Art. Immerhin hatte ein Konto noch eine offene Kreditlinie von rund sechstausend Euro. Ich steckte mir den Auszug ein. Über mir hörte ich Geräusche. Ich blickte zur Decke hinauf und lauschte. Nichts mehr. Über dicke Perserteppiche schlich ich hinaus in die Eingangshalle. Sie reichte über zwei Stockwerke, und die Berufsfeuerwehr hätte in ihr bequem ihren kompletten Fuhrpark unterbringen können. Die Wände waren mit Gobbelins behängt, und mittendrin schwebte der gigantischste Kronleuchter, den ich jemals gesehen hatte. Kaplan hielt sich wirklich nicht mit Halbheiten auf. Eine ganze Weile stand ich nur da und bestaunte das Monstrum mit seinen tausend Klunkern, die in der Morgensonne glitzerten und die Halle mit einem sprühenden Feuerwerk von Lichtreflexen erfüllten. Das Ding konnte nicht viel weniger als eine halbe Tonne wiegen. Ich hätte gerne gewusst, wie sie es dort hinauf gebracht hatten — möglicherweise mit einem Autokran. Aber wie war der durch die Haustür gekommen?
Dann irgendwo oben wieder Geräusche. Ich setzte mich in Bewegung, stieg auf leisen Sohlen die Treppe hinauf und pirschte über die Galerie und stieß vor bis zu einer angelehnten Tür weiter hinten im Gang.
Ganz vorsichtig linste ich durch den Türspalt und erblickte Kaplan beim Baden. Tief eingesunken lag er in der Wanne und betrachtete seinen fetten Bauch im grünlichen Wasser. Natürlich war die Wanne keine normale Wanne, sondern ein kreisrundes Bassin mit so an die zwei Meter Durchmesser. Es war halb in den Boden eingelassen und noch für eine ganze Menge mehr geeignet als nur fürs Baden. Aber soweit ich sehen konnte, war er allein und befand sich lediglich in Gesellschaft eines Champagnerglases, das perlend neben den vergoldeten Wasserhähnen stand. Ein herzallerliebstes Stillleben. Kaplan in seinem schwächsten Moment und sonst niemand im Haus — manchmal erledigt sich mein Job so gut wie von selbst. Ich trat gegen die Tür, dass sie aufflog und gegen die Wand krachte.
Jäh aus seinen wohligen Betrachtungen gerissen wirbelte Kaplan im Wasser herum und starrte mich an. Ich blieb in der Tür stehen. Das Badezimmer war auch wieder so ein kleiner Ballsaal, — ich hätte wetten können, dass in diesem Haus sogar die Klos mindestens zwanzig Quadratmeter hatten –, zum Garten hin hatte es ein geschwungenes großes Fenster, das für viel Licht sorgte und von meterhohen Palmengewächsen eingerahmt war. Die Kacheln und die Einbauschränke waren in modischem Schwarzweiß gehalten.
Ich ging hinein und baute mich vor ihm auf. Haltsuchend paddelte er in seinem Bassin herum und kläffte mich von unten herauf an: «Wie kommen Sie hier rein?!»
Achtung, Lünch, vielleicht beißt er dir gleich in die Waden. Also immer hübsch Abstand halten. Ich lächelte. «Durchs Schlüsselloch, wenn von innen kein Schlüssel steckt, komme ich durch.»
Immer noch ohne festen Halt schlingerte er in dem vielen Wasser herum, versuchte sich aus der Wanne herauszuarbeiten und pumpte. «Diesen Witz können Sie gleich noch mal der Polizei erzählen, vielleicht lachen die ja drüber.»
Blitzschnell ergriff ich das Glas mit dem Schampus und zerschlug es am Innenrand der Wanne. Die Scherben rieselten durchs Wasser und verbreiteten sich gleichmäßig und kaum sichtbar über den ganzen Wannenboden.
«Ach nee,» sagte ich und ließ mich grinsend auf dem Wannenrand nieder. «Wenn Sie sich da mal bloß keinen blutigen Arsch holen.»
Erschrocken und voller Abscheu blickte er auf das drohende Unheil unter sich. Und mit äußerster Vorsicht setzte er sich im Wasser zurecht und fragte deutlich zahmer: «Was wollen Sie?»
Ich knipste das Grinsen aus und verriet ihm: «Geld.»
«Geld?» krähte er hellhörig. «Was für Geld?»
«Zaster, den Sie einem Bekannten von mir schulden.»
Verärgert lachte er auf. «Bestellen Sie Ihrem Bekannten, dass das Ölgeschäft eine verdammt riskante Sache ist, da kann schon mal was daneben gehen.»
«Es geht nicht um Ihren Investmentbeschiss,» belehrte ich ihn.
«Nicht?»
«Spielschulden,» erklärte ich lapidar. «Fünftausend Mäuse.»
«Ach!»
«Vor drei Wochen in der ‚Schwarzen Rose‘. Es wurde Poker gespielt.»
«Und warum soll ich zahlen?»
«Weil Sie verloren haben.»
Er sah sich mich ganz genau an. «Ich hab Sie aber noch nie gesehen.»
«Ich war auch gar nicht da, Sie haben gegen meinen Bekannten verloren.»
«Wieso kommt er nicht selbst?»
«Vielleicht hat er Angst vor Ihnen,» rätselte ich.
Gedankenvoll leckte er sich über die Lippen und murmelte: «Es war ein ganz harmloses Spielchen — nur so zum Spaß.»
«’türlich, ging ja auch nur um ein paar Euro.»
Er blinzelte mich an und meinte listig: «Auf Spielschulden gibt es keinen Anspruch, außer man hat einen Schuldschein. Haben Sie einen Schuldschein?»
Ich schüttelte den Kopf. «Es gab auch ohne Schuldschein Kredit.»
«Sehr unvorsichtig, finden Sie nicht auch?»
«Nicht unter Ehrenmännern.»
«Wenn ich nun aber gar kein Ehrenmann bin?» grinste er boshaft.
«Sind Sie denn keiner?»
«Nicht, wenn es mich Geld kostet.»
«Ganz egal, was Sie sind oder nicht sind, diese Sache wird Sie Geld kosten,» versicherte ich ihm verbindlich. «Mein Bekannter ist in solchen Dingen nicht besonders wählerisch, der würde den Kies auch von Ihnen nehmen, wenn Sie zum Beispiel nur eine verlogene, fette Qualle wären — non olet, wenn Sie wissen, was ich meine.»
«Keinen Pfennig kriegt der von mir. Ich zahle nicht auf Schulden , wegen denen man mich nicht verklagen kann. Das ist einer meiner wenigen Grundsätze, hihi,» kicherte er in sich hinein.
Ich antwortete mit einem sardonischen Lächeln. «Sie werden zahlen — bis auf den letzten Pfennig. Deshalb bin ich hier.»
«Da bin ich aber mal gespannt, wie Sie das anstellen wollen, hähä.»
«Ist ja genug da, was sich versilbern lässt,» stellte ich fest und machte eine ausladende Handbewegung.
«Irrtum, gar nichts lässt sich versilbern — alles nur geliehen, mir gehört hier kein einziger Nagel,» verkündete er stolz und faltete selbstgefällig die Hände über seinem fetten Wanst und strahlte mich an, wie ein Honigkuchenmann. Dachte, er hätte es mir gegeben. — Ein vollgefressener, fieser Knilch, der sich für enorm clever hielt, höchstwahrscheinlich sogar für den Cleversten überhaupt. Er machte es einem wirklich nicht schwer, ihn nicht zu mögen, diese Wanze.
Ich nickte langsam. «Alles der Schwiegermutter überschrieben, wie?»
«So ähnlich,» bestätigte er hochzufrieden. «Was sagen Sie jetzt?»
«Dann werden Sie sich den Kies eben von Ihrer Schwiegermutter pumpen,» sagte ich ihm unbeeindruckt.
«Warum sollte ich?»
Ich beugte mich freundschaftlich zu ihm hinunter und grinste ihm ins Gesicht. «Weil ich Ihnen sonst sämtlicher Gräten breche.»
«Wenn Sie mich anrühren, sind sie dran!» zeterte er. «Ich verklage Sie wegen Körperverletzung, ich zeig Sie an!»
«Ist das wahr?»
Er nickte grimmig. «Mich hat noch nie jemand erpresst.»
Ich tat so, als ob ich darüber nachdächte und erwog: «Ich könnte Sie auch gleich umlegen.»
«Sie machen Witze,» amüsierte er sich.
Auf dem gekachelten Wandsims am Kopfende der Wanne lag ein Fön. Er war eingesteckt. Mit einem kalten, tödlichen Grinsen ergriff ich ihn, schaltete ihn auf höchster Stufe ein und blickte Kaplan tief in seine schlammbraunen kleinen Augen: «Was glauben Sie, was passiert wohl, wenn ich diesen netten kleinen Apparat hier zu Ihnen ins Wasser schmeiße? Ob Sie 230 Volt aushalten?»
Seine Äuglein weiteten sich und flackerten vor Schreck, und er stammelte: «Menschenskind, machen Sie doch keinen Mist!»
Ich betrachtete das lärmende Maschinchen und überlegte: «Es wird aussehen wie ein Unfall. So was kommt alle Tage vor, die Leute sind ja so verdammt leichtsinnig — Haare fönen in der Wanne, tztz. Niemand wird an etwas anderes als an einen Unfall denken.»
«Sie begehen ein schweren Fehler,» beschwor er mich.
Ich ließ den Fön am Kabel bis dicht über das Wasser hinab. Das Wasser kräuselte sich im Luftstrom. «So? Warum denn?»
«Es wird Nachforschungen geben, und bei Unfällen gibt es immer Nachforschungen.»
«Es wird nicht zu Nachforschungen kommen, wenigsten nicht zu ernsthaften, weil niemand ein Interesse daran hat. Kein Schwein wird Ihnen eine Träne nachweinen, nicht einer schäbigen, raffgierigen Ratte wie Ihnen.»
Schwitzend beobachtete er mich und versuchte herauszufinden, wie weit ich gehen würde. Aber meine Miene war hart und undurchdringlich, und er resignierte und sagte mit dicker Stimme: «Bei mir ist nichts zu holen, und wenn Sie mich umlegen, ändert sich daran überhaupt nichts.»
«Wir werden es bei Ihrer Beerdigung einsparen,» erklärte ich zuversichtlich. «Fünftausend Mäuse sind ja nicht die Welt. Die kann man bei so einer Gelegenheit schon abzweigen. Dann gibt es beispielsweise eben nur ’ne einfache Kiste aus Fichtenholz als Sarg und ein schlichtes Holzkreuz statt ’nem Grabstein.»
«Sie bluffen doch nur, wie?»
Der Fön sackte noch ein Stückchen tiefer, so tief, dass es fast das Wasser berührte. Kaplan drängte sich intensiv gegen den Wannenrand und starrte gebannt auf den einfachen kleinen Apparat, von dem plötzlich so viel für ihn abhing. «He, passen Sie doch auf, Mann!»
«Nervös?» lächelte ich.
Er warf mir einen lauernden Seitenblick zu. «Verdammt, was für ein Spiel spielen Sie? Welcher Bastard hat Sie gegen mich aufgehetzt? Die fünftausend sind doch nur ein Vorwand, niemand würde deswegen so einen Wirbel machen.»
Aha, erste Anzeichen von Verfolgungswahn. Sehr sorgfältig stellte ich fest: «Ich habe schon für bedeutend weniger Leute umgelegt.» Das war natürlich geflunkert. Raff würde mir den Kopf abreißen und mich wegen Sachbeschädigung verklagen, wenn ich ihm seine Kunden abmurkste — wenigstens solange er noch Forderungen gegen sie hat.
«Ich will wissen, was Sie wirklich von mir wollen. Sagen Sie’s endlich,» beharrte er ungeduldig.
Ich entschloss mich zu rückhaltloser Offenheit und sagte brutal: «Ich bin hier, weil Sie ein lausiger Pokerspieler sind.»
Er schluckte. «Die fünftausend sind wirklich alles?» Offenbar hatte er von seiner geleimten Kundschaft noch sehr viel mehr zu befürchten, als ich ohnehin schon veranschlagt hatte.
«Selbstverständlich können Sie noch beliebig viel drauflegen,» grinste ich.
«Einen Dreck!» schnappte er.
Ich ließ den Fön vor seiner Wampe ein bisschen hin und her pendeln. «Na, doch lieber eine kleine Schocktherapie?»
Er verfolgte es unangenehm berührt. «So viel Geld habe ich nicht im Haus.»
Das war höchstwahrscheinlich gelogen, klang aber schon wesentlich besser. Ich sagte versöhnlich: «Ein Barscheck tut’s auch zur Not.»
Er versuchte noch einen letzten kleinen Trick. «Bedaure, meine Konten sind alle leer. Die Bank löst keine Schecks mehr von mir ein.»
So etwas Ähnliches hatte ich schon kommen sehen und holte den Kontoauszug hervor, den ich mir unten im Arbeitszimmer eingesteckt hatte.. «Nicht ganz, auf diesem Konto hier wäre gerade noch genug Platz für einen Scheck in dieser Größenordnung.» Ich wedelte ihm mit dem Auszug vor der Nase herum.
Missvergnügt plantschte er im Wasser und überlegte fieberhaft hin und her, wie er aus dem Schlamassel wieder herauskommen konnte. Aber die Aussichten waren nicht rosig. Er konnte sich leicht ausrechnen, dass es nicht damit getan war, mich von den Elektrifizierungsmaßnahmen abzuhalten. Langsam dämmerte ihm, dass die einzige Chance, mich wirksam loszuwerden, die war, einfach zu zahlen. Er nickte zu einem Kleiderhaken neben der Tür hin, auf dem ein grauer Anzug aus feinem Zwirn hing, bereit, um ihn für sein sauberes Tagwerk seriös zu gewanden. «Die Schecks sind da drin.»
Ich behielt den surrenden Fön in der einen Hand, stand vorsichtig auf und streckte mich nach dem Anzug aus und fummelte die Brieftasche aus dem Jackett. Aus einem Bündel von Scheckbüchern suchte ich das passende heraus und legte es ihm zusammen mit einem Kugelschreiber neben der Wanne auf den Boden.
Er schnappte sich beides, verpasste mir noch einen giftigen Blick von unten herauf und machte sich an die Arbeit.
Ich blickte ihm über die Schulter und forderte ihn auf: «Schreiben Sie: sechstausend.»
Er fuhr zu mir herum. «Wieso sechstausend?»
Ich grinste auf ihn hinab. «Tausend für Spesen und Zinsen.»
Widerwillig malte er ’sechstausend‘ aufs Papier. «Und was habe ich für Garantien, dass das Geld auch beim Richtigen ankommt?!»
Ich nahm den Scheck entgegen und stellte im Gegenzug den Fön ab und legte ihn weg. «Dieselben, die Sie meinem Bekannten gegeben haben, als Sie ihn um, Kredit baten.»
Er starrte ins Wasser und nickte langsam. «Hätten Sie es eigentlich wirklich getan?»
«Was getan?»
«Na, das mit dem Dingsda, wenn ich das Geld nicht rausgerückt hätte.» Sein schwammiges Gesicht blickte mich mit aufrichtigem Interesse an.
«Ich hätte das Baby zu Ihnen in die Wanne gelegt — natürlich,» versicherte ich ihm ernst.
Einen Moment lang sah er mich stutzig an, dachte lachte er dermaßen heftig los, dass in der Wanne ein mittlerer Seegang entstand, und japste: «Ich muss schon sagen, Sie sind ein knallharter Bursche und das mieseste Schwein, dass mit jemals begegnet ist! Sie gefallen mir, ich könnte Sie in meinen Geschäft brauchen.»
Ich lächelte ein wenig geschmeichelt. Es kommt selten vor, dass ein Kunde meine Qualitäten richtig zu schätzen weiß. Aber ich lehnte ab und sagte: «Ich bescheiße die Leute lieber auf meine eigene Rechnung.»
«Kann ich verstehen, kann ich verstehen. Trotzdem schade, Ölinvestments sind ein Riesengeschäft, immer noch, der Markt ist enorm, man schafft es kaum, ihn abzugrasen. Mit ein paar guten Leuten würde man die Sache in den Griff kriegen, aber gute Leute, ich meine, richtig abgefeimte, mit allen Wassern gewaschene Schweinehunde, sind leider rar, sehr rar.» Er seufzte tief.
«Ich weiß,» grinste ich. «Aber solange die Rendite in meiner Branche noch einigermaßen stimmt, möchte ich wirklich nichts Neues anfangen.»
«Falls sich daran in der nächsten Zeit etwas ändern sollte, Sie wissen ja, wo Sie mich finden können,» dröhnte er gut gelaunt und warf sich ins Wasser zurück und vergaß ganz die Gefahr, die in der Tiefe lauerte. Für meinen Geschmack war er ein bisschen zu gut gelaunt, ich bekam leise Zweifel, ob mit dem Scheck alles in Ordnung war. Ich wedelte mit dem Formular und sagte mahnend: «Eingang vorbehalten.»
Er grunzte etwas Zustimmendes und gab sich wieder ganz der Betrachtung seines Fettwanstes hin und ließ noch ein wenig warmes Wasser einlaufen.
Der Scheck bekam einen Ehrenplatz in meiner Brieftasche, und ich zog mich diskret zurück.
Wir trennten uns beinahe als Freunde. Trotzdem fühlte ich mich besser, als ich mit ihm fertig war.
Bei der nächsten Bankfiliale löste ich den Scheck ein, es gab dabei keinerlei Probleme.
Der Extra-Tausender gehörte natürlich mir. Und von den Fünftausend standen mir auch noch mal zwanzig Prozent zu, also noch mal tausend. Den Rest kriegte Raff, und wie er mit seinem Spezi aus dem Golfklub teilte, war seine Sache. — Also per saldo zwei Mille für mich für eine knappe Stunde konzentrierter Arbeit — ein ganz passabler Stundenlohn, oder? Wäre das nicht auch ein Job für Sie?
Ob ich ihm den Fön wirklich in die Wanne geworfen hätte? Kann sein. Umgebracht hätte es ihn bestimmt nicht. Es hätte sofort einen Kurzschluss gegeben, bevor noch was Ernstes passiert wäre. Außerdem bringen 230 Volt niemanden um. Da hätte ich schon einen Küchenherd mit Kraftstromanschluss reinschmeißen müssen. Und auch das wäre noch kleine sichere Methode gewesen. Wissen Sie, mit wie vielen tausenden von Volt sie bei Hinrichtungen auf dem elektrischen Stuhl arbeiteten?
Diese alberne Fön-Methode ist ein Gerücht, das in die Welt gesetzt wurde von häckelnden, Likör süffelnden alten Damen, die Krimis schreiben, aber weder von Elektrik noch von Physiologie einen Schimmer haben. Das Fernsehvolk hat’s ihnen abgekauft. Mir soll’s recht sein, dämliche Menschen erleichtern mir mein Geschäft ungemein.


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