Werneuchen

Wenn vor des Pfarrhofs kleinen Zellen
Nun bald die Lindenknospen schwellen,
Wenn Vögel in den Ahornhecken
Die weißen Eierchen verstecken,
Dann kommst du, unsres Glückes froh,
Im Hute von geflochtnem Stroh,
Zu atmen hier, voll Veilchenduft,
Werneuchens reine Frühlingsluft.

Schmidt von Werneuchen

Inmitten des Barnim, halben Wegs zwischen Berlin und Eberswalde, liegt das Städtchen Werneuchen. Ich sage Städtchen, um dem Lokalpatriotismus einzelner seiner Bewohner nicht zu nahe zu treten, die das Beiwort »Stadt« für ironische Übertreibung und die Bezeichnung »Flecken« als Mangel an Respekt ansehen möchten. Ich hüte mich weislich vor jeder Parteiergreifung und verweigere nicht minder, an dem über die Herstammung des Wortes »Werneuchen« ausgebrochenen Kampfe teilzunehmen. Alles, was an Erbitterung auf dem Felde der vergleichenden Sprachforschung nur jemals zutage getreten ist, ist auch hier wieder sichtbar geworden, und die Partei »Bernau«, wiewohl mehrmals geschlagen, steht der Partei »Warnow« immer noch voll ungebrochenen Mutes gegenüber. Werneuchen ist Klein-Bernau, sagen die einen und deduzieren etwa wie folgt: Klein-Bernau = Bernäuchen, und Bernäuchen = Werneuchen. Mitnichten, erwidern die andern. Werneuchen ist Klein-Warnow, Klein-Warnow = Warnowichen, und Warnowichen = Werneuchen.

Werneuchen gehörte wie Zossen, Trebbin, Baruth u. a. m. Zu jenen bevorzugten Ortern, die sich ohne besonderes Verdienst, in jener kurzen Epoche, die zwischen dem Sandweg und dem Schienenweg lag und die man das Chaussee-Interregnum nennen könnte, zu einer gewissen Reputation emporarbeiteten. Und vielleicht wurde dies Grund und Ursach, daß man, als das eherne Zeitalter der Eisenbahnen wirklich anbrach, den Ruin Werneuchens für gekommen hielt und vor seiner Zukunft (denn die Bahn nahm eine andere Richtung) erzitterte. Man hatte sich daran gewöhnt, Werneuchen und Passagierstube für identisch anzusehen; nun beseitigte man diese mit einem Federstrich, und die Frage trat bang an jedes Herz: »Was bleibt noch übrig? Was wird?« Aber die Dinge kamen anders, als man gedacht hatte; die Furcht war, wie immer, schlimmer gewesen als die Sache selbst, und Werneuchen blieb im wesentlichen, was es vorher gewesen war. Die Fruchtbarkeit der Äcker und der Fleiß der Bewohner deckten alsbald das Defizit, wenn überhaupt ein solches entstand, und der freundlichen Häuschen mit Ziegeldach und grünen Jalousien wurden nicht weniger, sondern mehr.

In der Tat, Werneuchen gewährt den Anblick eines sauberen und an Wohlhabenheit immer wachsenden Städtchens. Aber es ist doch nicht das heutige Klein-Warnow oder Klein-Bernau, wohin ich den Leser zu führen gedenke, vielmehr gehen wir um siebzig Jahr in seiner Geschichte zurück und rüsten uns zu einem Besuch in dem alten Werneuchen, wie es zu Anfang dieses Jahrhunderts war.

Auch damals war es ein freundlicher Ort, aber die Chaussee, die noch gar nicht vorhanden oder doch erst im Bau begriffen war, hatte noch nicht Zeit gehabt, die Fensterladen mit dem roten Anstrich und den eingeschnittenen Herzen zu verdrängen, und die Strohdächer mit ihrem Storchennest und ihren schief stehenden Schornsteinen überhoben den Besucher – trotz der zwei Bürgermeister, die Werneuchen damals hatte – der jetzt so heikel gewordenen Frage von »Dorf oder Stadt«. Keine Schützengilde parodierte zu jener Zeit mit Sang und Klang durch die Straßen, und wenn draußen in Wald oder Feld ein Schuß fiel, so wußte man, daß es die Büchse des Försters sei, der am Gamen-Grunde, hart an der Stelle, wo der Weg nach Freienwalde hin abzweigt, sein unter Tannen geborgenes Häuschen hatte.

Keine Schützengilde gab es, auch keinen Veteranenverein, aber etwas anderes, eine Kuriosität, ein Restchen Mittelalter und Femgericht, das sich aus unvordenklicher Zeit, allen Einflüssen des nivellierenden achtzehnten Jahrhunderts zum Trotz, an diesem stillen Ort erhalten hatte. Dies Femgericht im kleinen war die sogenannte »Wröh«. Zu festgesetzten Zeiten, aber immer nur im Sommer, versammelten sich die Bürger-Bauern auf einem von alten Linden überschatteten Platze, der ziemlich in der Mitte zwischen dem Pfarrhaus und der Kirchhofsmauer gelegen war. Unter den Bäumen dieses Platzes, nach der Kirchhofsseite hin, lagen vier abgeplattete Feldsteine, die man durch aufgelegte Bretter in ebenso viele Bänke verwandelte, wenn eine »Wröh« abgehalten werden sollte. Was in alten Zeiten in diesen Geschwornengerichten besprochen und bestimmt ward, ob jemals ein Werneuchener Bürger-Bauer das bekannte Messer in den Baum am Kreuzweg gebohrt oder nicht, wird wohl nie mehr zur Kunde der Nachwelt gelangen, unsere Kenntnis über die Sitzungen der Werneuchener »Wröh« datiert erst aus den unromantischen Zeiten des Allgemeinen Landrechts, wo ganz Werneuchen und natürlich auch die »Wröh« unter die stille Superintendenz eines Magistrats und der schon vorerwähnten Doppel-Bürgermeisterei gekommen war. Die Gerichtsbarkeit der »Wröh« war eine durchaus enge geworden und beschränkte sich darauf, in wöchentlichen oder monatlichen Sitzungen den Schadenersatz festzustellen, den das Vieh des einen Bürgers oder Bauern den Feldern oder sonstigem Besitztum des andern zugefügt hatte. Stimmenmehrheit entschied, und ohne Streit oder weiteren Appell wurden die Dinge geregelt. Die letzten dreißig Jahre haben uns in den »Schiedsgerichten« etwas Ähnliches wiedergebracht, aber was dieser trefflichen Neuschöpfung im Vergleich zu jener alten fehlt, ist die fremd und mystisch klingende Bezeichnung, und wir begreifen vollkommen den Stolz eines Werneucheners, der von den Zeiten der »Wröh« spricht wie ein Lübecker von der Hansa und ihrer Ostseeherrschaft.

Im Sommer 1809 hatte Werneuchen noch seinen Lindenplatz zwischen Pfarrhaus und Kirchhof und, was mehr sagen will, auch noch die vier Feldsteine und sein »Wröh«. Wir kommen aber nicht in heißer Junischwüle von Berlin, um einer Sitzung des letzten Ausläufers der Feme voll Schweigen und Ehrerbietung beizuwohnen – wir haben ein andres Ziel vor Augen: einen Besuch in der Pfarre.

Dorf Blumberg liegt längst hinter uns und nun auch Seefeld und Löhme, zwei Zwillingsdörfer, die von hüben und drüben ihre völlig gleichen Kirchturmspitzen im Wasser des Löhme-Sees spiegeln. Aber der Werneuchner Kirchturm neckt uns noch immer, und ermüdet vom langen Marsche, halten wir inne, stützen uns, nach hinten übergebogen, auf unseren Stock und lüften mit der Linken den Hut, um uns die Stirne vom Winde kühlen zu lassen. Da plötzlich ist es, als hörten wir etwas wie Peitschenknall und Pferdeschnaufen, und zurückblickend bemerken wir einen offenen Wagen, der, den Sand des Weges aufwirbelnd, in raschem Trab uns folgt. Und im nächsten Augenblicke schon ist er so nahe, daß wir seine Insassen bequemlichst zählen können. Es sind ihrer fünf. Vorne der Kutscher mit zwei blondköpfigen Jungen und dahinter, auf dem eigentlichen Sitze des Wagens – der in vier Lederriemen hängt und bei jeder Bewegung hin- und herschaukelt –, ein wohlgenährtes Ehepaar, allem Anscheine nach zwischen dreißig und vierzig. Die Frau hält einen aufgespannten Regenschirm, den sie mit vielem Geschick à deux mains zu gebrauchen weiß, indem sie das rote Dach als Schutz gegen die Sonne, den Griff aber als Krückstock benutzt, um die beiden Jungen in Ordnung zu halten, die des eng zugemessenen Raumes halber in beständiger Fehde sind und aller Contrôle zum Trotz ihren still erbitterten Kampf mit den Ellenbogen fortsetzen. Zwischen der Sitzbank und dem schrägen Hinterteile des Wagenkorbs ist noch ein leerer Raum, und unsere Kenntnis ähnlicher Fuhrwerke läßt uns erraten, daß hier ein Häcksel- oder Futtersack verborgen sein müsse, der schließlich nichts dagegen haben würde, wenn wir uns entschlössen, die letzte Viertelmeile des Wegs auf seinem Polster zurückzulegen. Und wirklich, wir schwingen uns hinein, und unsere Tarnkappe hervorziehend, unser selbstverständliches und allerwichtigstes Reisenecessaire, sitzen wir jetzt unbemerkt auf dem Häckselsack und werden zu glücklichen Zeugen all der kleinen Erziehungs- und Unterhaltungsszenen, die sich mehr und mehr zu einer gemütlichen Familienkomödie gestalten.

Unmittelbar vor uns, auf einer für unsere Füße frei gebliebenen Stelle, liegt ein Spielzeug, jenes mit Glöckchen und Schellen behängte Blechinstrument, das unter dem Namen der »Janitschar« das Entzücken aller Kinderherzen bildet. Der Raum ist so eng, daß wir‘s trotz äußerster Vorsicht nicht vermeiden können, die Glöckchen gelegentlich zu berühren, und jedesmal, wenn es klingelt und tingelt, drehen sich alle fünf Köpfe nach uns um, in leiser Ahnung, daß es auf dem Häckselsacke nicht ganz richtig sei. Diese Kopfwendungen, die der starken Frau jedesmal äußerst schwer werden, geben uns eine gute Gelegenheit, unsere bis dahin nur von Rücken und Seite her gesehene Reisegesellschaft auch en face kennenzulernen und uns über den Ausdruck des Behagens als eines charakteristischen Familienzuges zu vergewissern. Die beiden Jungen sind unzweifelhaft Zwillinge; der Mutter, einer hübschen blonden Frau, rollen die Schweißtropfen wie Freudentränen von der Stirn, und ihr Ehegemahl zur Rechten zeigt uns jenes wohlbekannte, aus Würdigkeit und Sonnenbrand zusammengesetzte Gesicht, das alle ländliche Beamte zu haben pflegen, denen der Dienst in der Amts- und Gerichtsstube die Zeit zu Schnepfen- und Entenjagd nicht allzusehr verkürzt. Und so fehlt denn nichts mehr als die namentliche Vorstellung: Amtsaktuarius Bernhard aus Löhme nebst Frau und Familie, die sich gleich nach Tisch auf den Weg gemacht haben, um dem befreundeten Pfarrhause zu Werneuchen, wo heute Geburtstag ist, einen Besuch abzustatten.

Die beiden Braunen traben tüchtig weiter, der kleine Streit zwischen dem Ehepaar, ob »Pät Ulrich« heute neun oder erst acht Jahre geworden sei, ist endlich, selbstverständlich zugunsten der Frauenansicht, entschieden, und der seit einer Viertelstunde seine Peitsche »Gewehr bei Fuß« habende Kutscher nimmt sie jetzt wieder in die Hand, um, angetan mit allen Abzeichen seiner Würde, in Werneuchen einzufahren. Schon holpert und stolpert der Wagen auf dem tief ausgefahrenen Steinpflaster, der Kutscher knallt oder streicht mit bemerkenswerter Eleganz die Stechfliegen von dem Hals der Pferde, das rote Dach des Regenschirms wird eingezogen, und nur einmal noch fährt die Schirmkrücke mit einem energischen »Sitz gerade« in den Rücken des linken Jungen. In demselben Augenblick aber, wo der Getroffene zusammenfährt, hält auch der Wagen schon vor der Werneuchener Pfarre.

Von unserm Versteck her haben wir Zeit, das Haus zu mustern. Es ist ein Fachwerkbau mit gelbem Anstrich und kleinen Fenstern, sein einziger Schmuck der geräumige Vordergiebel und ein paar alte Kastanienbäume, deren hohe Kronen das ganze Haus in Schutz zu nehmen scheinen. Die Haustüre steht offen und gönnt einen Blick auf den kühlen fliesengedeckten Flur; aber niemand erscheint auf ihm, um die Gäste willkommen zu heißen. Die beiden Jungen haben endlich das Terrain rekognosziert und kommen mit einer barfüßigen alten Frau zurück, die sie hinten im Garten mit Unkrautjäten beschäftigt fanden. In ziemlich dienstlichem Tone poltert der Amtsaktuarius ein paar seiner Fragen heraus; aber bald ergibt sich‘ s, daß die Jätefrau taub ist und es am geratensten sein dürfte, die Gesamtkosten der Unterhaltung ihr zuzuschieben. »Alles ausgeflogen… Alles in ‚n Wald… Ulekens Geburtstag.« Diese Worte genügen völlig. Unser Amtsaktuarius ist lange genug in dem Werneuchener Pfarrhaus aus- und eingegangen, um zu wissen, wo der Pfarrer seine Lieblingsplätze hat, und der Alten zum Zeichen völligen Eingeweihtseins einen kurzen Gruß zunickend, läßt er im nächsten Augenblicke weitertraben. Als der Wagen etwas heftig anrückt, fall ich nach hinten über und stoße so stark an die Janitschar, daß sämtliche Glocken zu klingen anfangen. Aber alles ist bereits in solcher Aufregung, daß niemand mehr darauf achtet, welcher Mittagsspuk da hinten sein Wesen treibt.

Bis zum Gamen-Grund ist eine halbe Stunde. Wir sind eben in den Fahrweg eingebogen, der nach Freienwalde hin abzweigt, und halten alsbald an einem Waldpfade, den wir in seinen Windungen durch das Gehölz hin deutlich verfolgen können. Quellen sickern im Moos. Elsen und anderes Laubholz mischt sich unter die Tannen, und erfrischende Kühle weht uns an.

»Oh, da singen sie schon. Wußt ich doch, daß wir sie finden würden« – mit diesen Worten, die fast wie Selbstgratulation klingen, eilt der Amtsaktuar von rechts her auf die linke Seite hinüber, um bei der bevorstehenden Landung seiner Ehehälfte nach Kräften behilflich zu sein. Im Vertrauen auf die Gutgeartetheit der Pferde wird statt des direkten Weges über das linke Vorderrad der Umweg über den Deichseltritt gewählt; wir aber, als wir diese Vorkehrungen glücklich getroffen sehn, schwingen uns, die linke Hand auf dem Wagenkorbe, mit raschem Ruck in den Fahrweg hinein und eilen der Aktuarfamilie voraus in die Waldestiefe hinein.

Da haben wir sie. Mitten auf einem Rain, den hochstämmige Tannen einschließen, scheinen die Elfen an hellem Nachmittag ihre Spiele zu treiben. Ein Dutzend Kinder, groß und klein und mit allerhand Kränzen im Haar, tanzen den Ringelreihen, während inmitten ihres Kreises ein Blondkopf steht und mit seiner Weidenrute hierhin und dorthin zeigt als wär es ein Zauberstab. Abwärts davon, in einer Vertiefung unter den Bäumen, qualmt und knistert ein Feuer, an dessen Rande, neben anderem Topfwerk, eine jener weitbauchigen braunen Kannen steht, die den Namen ihrer schlesischen Vaterstadt ruhmreich über die Welt getragen haben; dahinter aber, auf einer natürlichen Bank, sitzt pastor loci, kenntlich durch Haltung und Sammetkäpsel, und reicht seiner neben ihm stehenden jungen Frau die Hand. »Es ist gut so«, scheint seine freundliche Miene zu sagen, und die Glückliche, glücklich in seinem Besitze, neigt sich und küßt ihm die Stirn, auf einen kurzen Augenblick unbekümmert um Kannen und Kinder und um das brodelnde Wasser, das eben zischend in die Flamme fährt. Wir stehen noch im Bann dieser reizenden Szene, da knickt es dicht neben uns im Unterholz, und das rasche, laut-ängstliche Atmen einer Asthmatischen läßt keinen Zweifel darüber, wer im Anzuge sei. Wirklich, ihre Zwillinge vorauf, den Ehgemahl mit der Janitschar unmittelbar hinter sich, ist die Frau Amtsaktuar auf die Waldwiese getreten. Und vor ihrer Erscheinung ist der Zauber entflohen. Der Ringelreihen schweigt, die Werneuchner Dorfjugend hat ihr Elfentum abgestreift, und das gesamte junge Volk stürzt mit Jubelgeschrei den Ankommenden entgegen.

Wir sind nicht Zeugen der Begrüßungsszene, die nun folgt, sehen nicht, wie der reizende Blondkopf, der noch eben auf einem Elsenstumpfe stand, das bewunderte Geschenk aus den Händen seines Paten entgegennimmt, und beteiligen uns noch weniger an »Hirsch und Jäger« oder gar an dem Wettkampfe, der abschließend zwischen den Horatiern oder Curiatiern von Werneuchen und Löhme zur Aufführung kommt – wir gönnen den Alten am Feuer ihr Geplauder und den Kindern im Wald ihre Lust und gesellen uns ihnen erst wieder, als sie gegen Abend, unermüdet vom Singen und Springen, ihren Heimmarsch antreten. Halben Weges zwischen dem Garnen-Grund und Werneuchen begegnen wir ihnen und lassen den phantastischen Zug an uns vorüberziehn. Voran Klein-Ulrich, der Held des Tages. Unmittelbar hinter ihm die Zwillinge, von denen einer auf einem Kaffeetrichter bläst. Und nun der Fahnenträger, einen Birkenbusch vor sich. Andre folgen mit zinnernen Bechern und blechernen Löffeln – alles in allem ein Bacchuszug aus jenen Regionen, wo das Besingkraut an die Stelle des Weinlaubs tritt.

Neben dem Zuge her mahlt der Löhmer Amtswagen. Unsere stattliche Freundin, die seit dem Abendgange durchs Korn, auf dem sie sich verlobte, nie mehr einen Spaziergang wagte, thront mit dem Ausdruck wachsenden Behagens auf ihrem Wagensitz, und gelegentliche Zurufe, die sich auch jetzt noch auf nicht abzureichende Distance der Erziehung ihrer Zwillinge widmen, geben ihr mehr Befriedigung als Verdruß. Eine kurze Strecke hinter dem Zuge folgen die Männer in lebhaftem Gespräch, und der Amtsaktuar, der die Berliner Zeitung h&¨lt, rektifiziert die rechte Flügelaufstellung bei Wagram, »ein Fehler, den er dem Erzherzog Karl nie zugetraut hätte«. Neben ihnen her aber, gleich unangefochten durch die Fehler bei Wagram wie durch die Korrekturen des Amtsaktuars, trottet Boncœur, aller Liebling und Vertraute, mit einem so ehrlichen Pudelgesicht, als hab er‘s jedem einzelnen versprochen, für verlorene Tücher und Schuhbänder mit seiner Person aufkommen zu wollen.

Dämmerung liegt auf der Dorfstraße. Die Spielgefährten schlüpfen rechts und links in Hof und Türe, während unsere Freunde vor der Pfarre halten.

Die Sterne ziehen herauf, und es wird still in Dorf und Haus.

So sah es im Sommer 1809 in Werneuchen aus, allwo der vielgenannte »Pastor Schmidt von Werneuchen« damals im Amte war. Ich glaubte den Mann, dem diese Darstellung gilt, nicht besser einführen zu können als durch ein Bild, das ihn uns in Wald und Feld und im Kreise der Seinen zeigt. Eine kindliche Natur, hing sein Herz an dem Stilleben der Familie.

Bevor ich seine Charakteristik versuche, schick ich eine Zusammenstellung des biographischen Materials vorauf, das ich über den äußerlichen Gang seines Lebens erhalten konnte.

Friedrich Wilhelm August Schmidt, genannt Schmidt von Werneuchen, wurde den 23. März (nicht Mai) 1764 in dem reizend gelegenen Dorfe Fahrland bei Potsdam geboren. Sein Vater war Pfarrer daselbst. Von den glücklichen Tagen seiner Kindheit erzählt uns eine seiner gelungensten Idyllen: »An das Dorf Fahrland«:

Ach, ich kenne dich noch, als hätt ich dich gestern verlassen;

Kenne das hangende Pfarrhaus noch mit verwittertem Rohrdach.

Wo die treuste der Mütter die erste Nahrung mir schenkte.

Es scheint, daß er den Vater frühzeitig verlor, denn er kam schon um 1775 auf das Schindlersche Waisenhaus nach Berlin, wo der spätere, gleichfalls als Dichter ausgezeichnete Staatsrat Friedrich August von Stägemann, eines uckermärkischen Predigers Sohn, sein Mitschüler war. Ob er, wie dieser, auf dem »Grauen Kloster« oder aber auf einer anderen Schule seine Gymnasialbildung vollendete, konnt ich nicht ersehen. Etwa um 1785 ging er nach Halle, daselbst Theologie zu studieren. Seine Lage muß um jene Zeit eine ziemlich bedrängte gewesen sein, wie die Anfangszeilen einer poetischen Epistel an seinen Freund Christian Heinrich Schultze, Prediger in Döberitz, vermuten lassen. Diese lauten:

Du, mir teuer, seit bei magrer Krume

Und beim Wasserglas der Freundschaft Band

Uns umschlungen an der Saale Strand etc.

Anfangs der neunziger Jahre scheint er die Stellung als Prediger am Berliner Invalidenhause erhalten zu haben. In diese Zeit fällt auch seine Verlobung mit seiner geliebten, in vielen Liedern gefeierten Henriette, mit der er dann 1795 die glücklichste Ehe schloß. 1796 erhielt er die Werneuchner Pfarre. Die Jahre vor und kurz nach seiner Verheiratung bilden auch die Epoche seines frischesten poetischen Schaffens. Die Lieder »An Henriette« gehören selbstverständlich dieser Zeit an, aber auch seine Vorliebe für das Beschreibende zeigte sich schon damals, vor allem der ihn charakterisierende Hang für das Abmalen jener Natur, die ihm vor der Tür lag, die er stündlich um ihre Eigenart befragen konnte. Den Wunsch, seine Werneuchner Pfarre mit einer anderen zu vertauschen, scheint er nie gehabt zu haben. Sein Wesen war Genügsamkeit, Zufriedenheit mit dem Lose, das ihm gefallen. Eine Reihe von Kindern ward ihm geboren; sie waren der Sonnenschein des Hauses. Den jüngsten Knaben, Ulrich, verlor er frühzeitig; kurz vorher oder nachher starb auch die Mutter. Mit ihr begrub er die Freudigkeit seines Herzens. Eine Reihe von Liedern verrät uns, wie tief er ihren Tod beklagte. Später vermählte er sich zum zweiten Male. Seine zweite Gattin überlebte ihn und errichtete ihm das Denkmal, ein gußeisernes Kreuz, auf dem Werneuchner Kirchhof, das, von einem schlichten Holzgitter eingefaßt, folgende Inschrift trägt: »F. W. A. Schmidt, Prediger zu Werneuchen und Freudenberg, geboren den 23. März 1764, gestorben den 26. April 1838.« Rückseite: »Ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.« Ihm zur Seite ruhen, unter überwachsenen Efeuhügeln, seine erste Gattin (Henriette) und sein Lieblingssohn Ulrich.

Diesen kurzen biographischen Notizen laß ich eine Reihe mir zugegangener kleiner Mitteilungen folgen, ohne weitere Zutat von meiner Seite.

Vergleiche »Fahrland« und »Die Fahrlander Chronik« in Band III der »Wanderungen«. Diese Fahrland-Kapitel wurden später geschrieben als das vorstehende Werneuchner und enthalten allerlei Details über die Schmidt von Werneuchenschen Eltern.

Den Pfarracker hatte er verpachtet, weil er, wie er sagte, nicht »verbauern« wollte. Aber wenn er auch seine Ehre und seine Aufgabe darin setzte, nicht selbst ein Bauer zu werden, so liebte er doch die Landleute sehr und sprach gern und eingehend mit ihnen. Die Landwirtschaft, als ein Großes und Ganzes, hatte er beiseit getan, aber sein Garten war seine beständige Freude. Er hätte ohne diese tägliche Berührung mit dem Leben der Natur nicht sein können.

Der Garten lag unmittelbar hinter dem Hause, rechts von der Kirchhofsmauer, über die die Grabkreuze hinwegragten, links von Nachbarsgärten eingefaßt; nach hinten zu ging der Blick ins Feld. Schneeball- und Holunderbosquets empfingen den Besucher, der aus der geräumigen Küche mit ihren blank gescheuerten Kesseln in den unmittelbar dahinter gelegenen Garten eintrat. Die besondere Sehenswürdigkeit darin war ein alter Birnbaum, der noch jetzt existiert und schon damals als einer der ältesten in den brandenburgischen Marken galt; der größte Schmuck des Gartens aber waren seine vier Lauben. Drei davon, die dem Hause zunächst lagen, waren Fliederlauben, in denen, je nach der Tageszeit und dem Stand der Sonne, der Besuch empfangen und der Kaffee getrunken wurde, die vierte dagegen, die mehr eine hohe, kreisrunde Blühdornhecke als eine eigentliche Laube war, erhob sich auf einer kleinen Anhöhe am äußersten Ende des Gartens und führte den Namen »Sieh dich um«. In diese Hecke waren kleine Fensteröffnungen eingeschnitten, die nun, je nachdem man seine Wahl traf, die reizendsten Aussichten auf Kirchhof, Gärten oder blühende Felder gestatteten. Rote und weiße Rosen faßten überall die Steige ein, eine der Lauben aber, und zwar die, die sich an die Kirchhofsmauer lehnte, führte deutungsreich den Namen »Henriettens Ruh«.

In diesem Garten arbeiten war unseres Freundes Lust. Mit einer Art von Befriedigung pflegte er sich aufzurichten und seinem Sohne zuzurufen: »Heut tut mir der Rücken weh vom Bücken.« Hühner und Sperlinge vom Garten abzuhalten war die stets gern erfüllte Pflicht der Kinder.

Der Sommer war schön, aber der schönste Monat des Jahres war doch der Dezember. »Das Weihnachtsgefühl, die hohe Vorfreude des Festes in uns zu wecken«, so schrieb mir der Sohn, »verstand er vortrefflich. Er tat es in lockender, die Einbildungskraft anregender Weise, teils durch Töne von Kinderinstrumenten, teils durch Proben von Weihnachtsgebäck, welches von bepelzter Hand durch die knapp geöffnete und im Hui wieder geschlossene Tür in die Kinderstube geworfen wurde. Ließ einmal Knecht Ruprecht gar nichts von sich hören und sehen, so baten wir singend an der hoffnungsreichen Pforte um sein Erscheinen und seine Gaben. Waren wir artig gewesen, so gewährte er; andernfalls prasselten Nußschalen oder faule Äpfel durch die Türöffnung herein.«

Den Jubel am Heiligen Abend hat er in einem seiner populärsten Gedichte selbst beschrieben:

Nußknacker stehn mit dickem Kopf

Bei Jud und Schornsteinfeger;

Hier hängt ein Schrank mit Kell und Topf,

Dort hetzt den Hirsch der Jäger.

Hier ruft ein Kuckuck, horch!,

Und dort spaziert ein Storch,

Mit Äpfeln prangt der Taxusbaum

Und blinkt von Gold und Silberschaum.

Zu Pferde paradiert von Blei

Ein Regiment Soldaten;

Ein Sansfaçon sitzt frank und frei

Gekrümmt und münzt Dukaten.

Und alles schmaust und knarrt,

Trompet und Fiedel schnarrt;

Fern stehn die Alten, still erfreut,

Und denken an die alte Zeit.

Das Leben auf der Pfarre war ein ziemlich bewegtes. Mit einigen Predigern in der Umgegend war er von früher her bekannt, und diese besuchte er, wenn er auf geistige Anknüpfungspunkte rechnen konnte; sonst schwerlich. Unter den befreundeten Amtsbrüdern befand sich auch der Propst Gloerfeld in dem benachbarten Bernau. Dieser würdige und allgemein hochgeachtete Geistliche hatte einen schönen Tod. Er war ein großer Gartenfreund, wie die meisten Geistlichen in jener geldarmen Zeit, und empfing dann und wann Besuche von Personen, die seinen schönen Garten sehen wollten. Einmal erschien auch eine junge, durchreisende Dame, und als er sich bücken wollte, um ihr eine Rose zu pflücken, sank er tot zwischen die Blumenbeete nieder.

Schmidts Gedichte geben über den Kreis seiner Bekanntschaft die beste Auskunft. Es lag in der Natur seiner Muse, die einen durchaus häuslichen Charakter hatte und das Leben mehr erheitern als auf seine Höhen treiben wollte, daß er Dinge, die sich in Prosa ebensogut hätten sagen lassen, in Versen abmachte. Beispielsweis Einladungen und Gratulationen. So lernen wir denn beim Lesen seiner Dichtungen auch seine Freunde und Bekannte kennen, und zwar aus Näh und Ferne: Pastor Schultz aus Döberitz im Havelland, Amtsaktuarius Bernhard aus Löhme (unser alter Freund aus dem Gamen-Grund her), Prediger Dapp in Klein-Schöneberg, Rudolf Agrikola, Frau Oberst von Valentini, Maler Heusinger und andere mehr, meist Personen, die mit mehr oder minder Dringlichkeit aufgefordert werden, der Werneuchner Pfarre, »die im Grunde genommen viel hübscher sei als die Berliner Paläste«, ihren Besuch zu machen. Besonders nah stand ihm der Pastor Ahrendts in dem nur eine Meile entfernten Beiersdorf. Mit diesem hatte er zusammen studiert, beide waren in unmittelbarer Aufeinanderfolge Prediger im Berliner Invalidenhause gewesen, beide hatten zu Ende des vorigen Jahrhunderts ihre benachbarten Landpfarren erhalten und verblieben darauf bis zu ihrem Tode, nachdem beide kurz vorher ihr fünfzigjähriges Jubiläum gefeiert hatten, Schmidt 1837, Ahrendts 1838.

Unter den gelegentlich Einsprechenden waren auch einzelne Berliner Geistliche von der strengeren Richtung, wie Held und Hennefuß. Er teilte die Ansichten dieser Herren nicht und hatte dessen kein Hehl, war aber in der Art, wie er ernste Gespräche führte, von so feinen und anziehenden Formen, daß die Besuche weit öfter wiederholt wurden, als man hätte mutmaßen sollen. All dieser Zuspruch, weil er ihm geistige Nahrung und Anregung bot, erfreute ihn lebhaft, aber höchst unbequem waren ihm die affektierten Leute aus der großen Stadt, die sich aus Neugier oder aus Sentimentalität bei ihm blicken ließen, um hinterher von den »hohen Vorzügen des Landlebens« schwärmen zu können, und eines seiner humoristischen Gedichte, nachdem er diese Zudringlichen zuvor beschrieben, schließt denn auch mit dem Anruf an Fortuna:

Send, o Göttin, naht ein solcher Schwall,

Uns zum Schutze Regen her in Bächen!

Türm ein Wetter auf mit Blitz und Knall,

Oder laß ein Wagenrad zerbrechen.

Es erinnert dies an ähnliche Niedlichkeiten Mörikes, dessen Humor freilich um vieles mächtiger war.

Unter den klassischen Dichtern war ihm, neben Homer, Virgil der liebste; seine »Bucolica« standen ihm außerordentlich hoch und mögen sein eigenes Dichten beeinflußt haben. Als der größte Dichter aller Zeiten aber erschien ihm Shakespeare, den er mit Passion las und dessen kühne und erhabene Bilder ihn immer wieder begeisterten.

Die Angriffe, die sein eigenes Dichten erfuhr, machten gar keinen Eindruck auf ihn, ergötzten ihn vielmehr. Es lag wohl darin, daß er eine durch und durch bescheidene Natur und niemals von dem eitlen Vermessen erfüllt war, neben den Heroen jener Zeit auch nur annähernd als ebenbürtig dastehen zu wollen. Er wollte wenig sein, aber daß er dies wenige auch wirklich war, davon war er fest überzeugt; er hielt den Beweis davon, wenn er auf die Natur hinausblickte, gleichsam in Händen, und diese Überzeugung, die nebenher wissen mochte, daß ein kleines Blättchen vom Lorbeerkranz ihm früher oder später notwendig zufallen müsse, nahm seinem Auftreten jede Empfindlichkeit. Das bekannte, gegen ihn gerichtete Goethesche Spottgedicht:

O wie freut es mich, mein Liebchen,

Daß du so natürlich bist,

Unsre Mädchen, unsre Bübchen

Spielen künftig auf dem Mist,

las er seinen Kindern vor und scherzte darüber mit ihnen. Seine Hochschätzung Goethes wurde durch diesen Angriff in nichts gemindert, und seine Kinder mußten um dieselbe Zeit, als jenes Spottgedicht erschienen war, Goethesche Lieder und Balladen auswendig lernen.

Bis hierher hat uns, auch da noch, wo wir aus ihm zitierten, der Mensch beschäftigt; wir wenden uns nun dem Dichter zu. War er ein solcher überhaupt? Gewiß, und, trotz einer starken prosaischen Beimischung, weit mehr, als gemeinhin geglaubt wird. Der Ton, in dem man ihn anerkannte, pflegte dem zu gleichen, in dem in Vor-Klaus-Grothschen Tagen von unseren plattdeutschen Dichtern, zumal auch von unserem altmärkischen Landsmann Bornemann, gesprochen wurde. In den Dichtungen des einen wie des anderen vermißte man Idealität und ließ um ebendeshalb beide nur als Dichterabarten gelten, als heitere, derbe, humoristische Erzählertalente, die zufällig in Reim statt in Prosa erzählten.

Es liegt darin, auch namentlich in dem Zusammenwerfen Schmidts von Werneuchen mit den plattdeutschen Dichtern der alten Schule, viel Wahres und Richtiges; viel Wahres, in das sich nur insoweit eine gewisse Unbilligkeit gegen unseren Werneuchener Deskriptivpoeten mit einmischt, als er anderer Klänge, wie die sind, die zumeist aus ihm zitiert werden, sehr wohl fähig war. Die unbestreitbare Popularität der Zeilen:

Die Tafel ist gedeckt, Wo nun der Schüsseln Duft die Lebensgeister weckt; Schweinbraten, ach, nach dir, nach euch, gebackne Pflaumen, Sehnt sich die Braut schon längst! Ihr glänzen beide Daumen –

ich sage, die Popularität dieser und ähnlicher Zeilen hat unser Dichter mit dem besseren Teil seines Ruhmes bezahlen müssen. Dieser Aufsatz soll kein literarhistorischer sein, er würde sich sonst die Aufgabe stellen, eine gewisse Verwandtschaft Schmidts von Werneuchen mit der späteren Platenschen und namentlich Freiligrathschen Schule nachzuweisen.

Schmidt von Werneuchen handhabte Vers und Reim mit großer Leichtigkeit und zählte zu den produktivsten Lyrikern jener Epoche. Man muß freilich hinzusetzen, er tat des Guten zuviel. In dem kurzen Zeitraume von sechs Jahren erschien er mit fünf Bänden »Gedichte« vor dem Publikum, Gedichte, die sich untereinander zum Teil so ähnlich sehen, daß es schwerhält, sie in der Vorstellung voneinander zu trennen. Sie erschienen in folgender Reihenfolge: »Kalender der Musen und Grazien«, 1796; »Gedichte«, erster Band, bei Haude und Spener, 1797; »Gedichte«, zweiter Band, bei Oehmigke jun., 1798; »Romantisch-ländliche Gedichte«, bei Oehmigke jun., 1798; »Almanach der Musen und Grazien« (Fortsetzung des »Kalenders der Musen und Grazien«), bei Oehmigke jun., 1802. Dies ist alles, was ich aus der Epoche von 1796 bis 1802 von seinen Veröffentlichungen in Händen gehabt habe; doch möcht ich fast bezweifeln, daß die gegebene Aufzählung die Gesamtheit seiner damaligen Produktion umfaßt. Die Kluft zwischen 1798 und 1802 ist zu weit. Nach dem Jahre 1802 scheint er sein Harfenspiel an die Wand gehängt zu haben; nur aus dem Jahre 1815 begegnen wir noch schließlich einem schmalen Büchelchen, das den Titel »Neueste Gedichte« führt und in zwei Sonettenkränzen, eine Form, in der er sich auch früher schon versuchte, den Tod seiner ersten Gattin, Henriette, und das frühe Hinscheiden seines Lieblingssohnes Ulrich beklagt. Ich erwähnte dieser Lieder schon weiter oben.

Sehen wir von dem Jahrgange des Erscheinens ab und betrachten wir seine Dichtung als ein Ganzes, das wir nicht äußerlich nach Namen und Datum, sondern nach seinem inneren Gehalt zu teilen und zu trennen haben, so ergeben sich drei Hauptgruppen: Sonette, Balladen und Naturbeschreibungen, letztre vom kurzen Lied an bis zum ausgeführten Idyll.

Über die erste und zweite Gruppe (Sonette und Balladen) gehen wir so schnell wie möglich hinweg. Er hatte weder von dem einen noch von dem andern auch nur eine Ahnung, und während ihm im Sonett, all seiner Reimgewandtheit unerachtet, alle Grazie der Form und des Gedankens fehlte, suchte er – die schwächeren und schwächsten Sachen Bürgers zum Vorbild nehmend – das Wesen der Ballade teils im Mordhaft-Schauerlichen, teils in einem Gespensterapparate, der schon deshalb niemanden in Schrecken setzen konnte, weil er selber keinen Augenblick an das wirkliche Lebendigsein dieser seiner Figuren glaubte. So kam es, daß er in dieser Dichtungsart beständig den bekannten einen Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen tat und uns statt erschütternder Gestalten bloße Karikaturen vorführte. Um wenigstens eine Belagsstelle für dies mein Urteil zu zitieren, laß ich hier die erste Strophe der Spukballade »Graf Königsmarck und sein Verwalter« folgen:

Graf Königsmarck hatt irgendwo

In Sachsen an der Saale

Ein Gut wohin er gern entfloh

Der höfischen Kabale.

Die Wirtschaft dort besorgt ein treuer,

Verständiger und frommer Meier.

Dies genüge. Dieselbe Ballade weist übrigens viel schlimmere Strophen auf. Keine Dichtungsart vielleicht kann die Verwechslung von Einfach-Natürlichem mit Hausbacken-Prosaischem so wenig ertragen wie die Ballade.

Schmidt von Werneuchen war kein Sonettist und noch weniger ein Minstrel, der es verstanden hätte, bei den Festmahlen alter Häuptlinge die heroischen Sagen des Clans zu singen, aber er war ein Naturbeobachter und Naturbeschreiber trotz einem. Nicht die Geßnersche Idylle war seine Stärke, bei den Niederländern schien er in die Schule gegangen zu sein, und wenn Friedrich Wilhelm I. Einmal ausrufen durfte: »Ich hab ein treu-holländisch Herz«, so durfte Schmidt von Werneuchen sagen: »Ich hab ein gut-holländisch Aug.« Und wirklich, jetzt, wo man es liebt, die Künstler dadurch zu charakterisieren, daß man sie mit hervorragenden Erscheinungen einer verwandten Kunst vergleicht, möcht es gestattet sein, Schmidt von Werneuchen einen märkischen Adriaen von Ostade zu nennen. Beide haben in »Bauernhochzeiten« exzelliert.

Aber diese »Bauernhochzeiten« unsers märkischen Poeten waren doch, der Gesamtheit seines Schaffens gegenüber, nur die Staffage; er konnte ein Genremaler sein, wenn ihm der Sinn danach stand, vor allem indes war er ein Landschafter, oft freilich nur ein grober Realist, der die Natur rein äußerlich abschrieb, oft aber auch ein feinfühliger Künstler, der sich auf die leisesten landschaftlichen Stimmungen, auf den Ton und alle seine Nuancen verstand. Er war nicht immer der gereimte Prosaiker, der mit Freud und Behagen niederschreiben konnte:

Die Küchlein ziepen;

Nestvögel piepen

Im Fliedergrün,

Und Frauen ziehn

Mit Milch in Kiepen

Barfüßig hin

Zur Städterin –

er konnte sich auch sehr wesentlich über diese Spielereien, über dies rein äußerlich Beschreibende erheben, und trotz eines leisen Anklangs an Bürgers »Pfarrerstochter zu Taubenhain« zähl ich doch beispielsweise folgende Strophe zu den gelungensten Schilderungen einer herbstlichen Landschaftsstimmung:

Es sauste der Herbstwind durch Felder und Busch,

Der Regen die Blätter vom Schlehdorn wusch,

Es flohen die Schwalben von dannen,

Es zogen die Störche weit über das Meer,

Da ward es im Lande öd und leer,

Und die traurigen Tage begannen.

Am vorzüglichsten war er da, wo er in klassischer Einfachheit und in nie zu bekrittelnder Echtheit die märkische Natur beschrieb und den Ton schlichter Gemütlichkeit traf, ohne in Trivialität oder Sentimentalität zu verfallen. Unter seinen früheren Sachen finden sich nicht wenige, die diesen Charakter tragen, und wer sich der Arbeit unterziehen wollte, die Spreu vom Weizen zu sondern, der würd imstande sein, dem Publikum ein Büchelchen zu bieten, das die gäng und gäben Ansichten über den Dorfpoeten von Werneuchen sehr wesentlich modifizieren würde. Ich gebe nur eine solche Stelle, und zwar aus dem schon früher erwähnten Gedichte »An das Dorf Fahrland«, jenes Dorf, in dem er geboren war.

Ach, ich kenne dich noch, als hätt ich dich gestern verlassen, Kenne das hangende Pfarrhaus noch mit verwittertem Rohrdach, Kenne die Balken des Giebels, wo längst der Regen den Kalk schon Losgewaschen, die Tür, mit großen Nägeln beschlagen, Kenne das Gärtchen vorn mit dem spitzen Staket und die Laube, Schräg mit Latten benagelt und rings vom Samen der dicken Ulme des Nachbars umstreut, den gierig die Hühner sich pickten.

Und weiter dann:

Oh, wie warst du so schön, wenn die Fliegen der Stub im September Starben und rot die Ebreschen am Hause des Jägers sich färbten; Wenn die Reiher zur Flucht im einsam schwirrenden Seerohr, Ahnend den Sturm, sich versammelten – wenn er am Gitter der Pfarre Heulend die braunen Kastanien aus platzenden Schalen zur Erde Warf und die schüchternen Krammetsvögel vom Felde zu Busch trieb; Froher alsdann als der Sperling im Dach, dem von hinten die Federn Übers Köpfchen der Sturmwind blies, unterhielt ich so gerne In dem roten Kamine die Glut mit knisternden Spänen.

Dies genüge. Wer den Sinn für Naturbeschreibung hat, wird in diesen wenigen Zeilen Züge von ganz ungewöhnlicher Feinheit finden (zum Beispiel die Schilderung des Sperlings in der zweit- und drittletzten Zeile) und nicht länger Lust haben, den Schmidt von Werneuchen zu den bloßen Reimschmieden zu werfen.

Übrigens muß er zu seiner Zeit, trotz aller Gegnerschaft auch zahlreiche Freunde und Verehrer gehabt haben; selbst die Goetheschen Spottverse, die wohl nicht geschrieben worden wären, wenn nicht der Dichter, gegen den sie sich richteten, einer gewissen Popularität genossen hätte, deuten durch ihr bloßes Vorhandensein darauf hin. Deutlicher spricht dafür die äußere Ausstattung, in der seine Gedichte damals vor das Publikum traten: beneidenswert schöner Druck und die beiden ersten Sammlungen von der Hand Chodowieckis und seiner besten Schüler illustriert. Solche kostspielige Ausstattung wagten die Verleger wohl nur, wo das Ansehen des Poeten, oder wenigstens seine lokale Popularität, einen sichern Absatz in Aussicht stellte.

Diese lokale Popularität hatte er zweifellos, und wer das Wesen der Märker, insonderheit auch der Berliner, näher kennt, wird sich darüber nicht wundern. Die Märker lieben es, hinter ironischen Neckereien ihre Liebe zu verstecken, und während sie nicht müde werden, über die eigene Heimat, über die »Streusandbüchse« und die kahlen Plateaus, die »nichts als Gegend« sind, die spöttischsten und übertriebensten Bemerkungen zu machen, horchen sie doch mit innerlicher Befriedigung auf, wenn jemand den Mut hat, für »Sumpf und Sand« und für die Schönheit des märkischen Föhrenwalds in die Schranken zu treten. Und dies hat Schmidt von Werneuchen ehrlich getan. Er tat es zuerst und tat es immer wieder. Sein ganzes Dichten, Kleines und Großes, Gelungenes und Mißlungenes, einigt sich in dem einen Punkte, daß es überall die Liebe zur Heimat atmet und diese Liebe wecken will.

Und deshalb ein Hoch auf den alten Schmidt von Werneuchen!

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