Wan-Li der Heide

Als ich Hop Sings Brief öffnete, flatterte ein viereckiger Streifen gelben Papiers daraus zu Boden, das mit Hierogly­phen bedeckt war, die ich in meiner Unschuld auf den ersten Blick für die Etikette eines Päckchens mit chinesischen Knallerbsen hielt. Aber dasselbe Kuvert enthielt noch einen kleineren Streifen Reispapier, versehen mit zwei in chinesischer Tusche ausgeführten Lettern, an denen ich sofort erkannte, daß es Hop Sings Visitenkarte war.

Das Ganze, wörtlich übersetzt, bedeutete:

»Dem Fremden sind die Pforten meines Hauses nicht verschlossen. Der Reiskrug befindet sich zur Linken und das Konfekt zur Rechten des Eingangs.

Zwei Sprüche des Meisters:

Gastfreundschaft ist die Tugend des Sohnes und die Weisheit des Ahnen.

Der höherstehende Mann ist nach der Ernte leichten Herzens; er veranstaltet ein Fest.

Wenn der Fremde auf deinem Melonenfelde ist, so beobachte ihn nicht zu sorgfältig; Zerstreutheit ist oft die höchste Form der Höflichkeit.

Glück, Frieden und Gedeihen. Hop Sing.«

So bewundernswert ich diese Moral und diese Spruch­weisheit auch fand, und in wie hohem Grade charakteri­stisch die letzte Sentenz mir auch schien für meinen Freund Hop Sing, der in seiner Eigenschaft als chinesischer Philosoph der trübseligste aller Humoristen war, so muß ich doch gestehen, daß ich selbst nach einer sehr freien Überset­zung völlig ratlos dastand und nichts mit dieser Botschaft anzufangen wußte. Zum Glück jedoch entdeckte ich noch eine dritte Einlage in Gestalt eines englisch abgefaßten und mit Hop Sings eigner Kaufmannshandschrift geschrie­benen Briefchens. Es lautete:

»Man bittet Sacramentostraße Nr. – Freitag abend acht Uhr um das Vergnügen Ihrer Gegenwart. Punkt neun eine Tasse Tee. Hop Sing.«

Das erklärte alles. Es handelte sich um einen Besuch in Hop Sings Warenlager und Ausstellung seltener, neuangekommener chinesischer Waren und Raritäten, einem Plau­derstündchen im Kontor, einer Tasse Tee von einer Voll­kommenheit, wie sie außerhalb dieses geheiligten Bezirks unbekannt war, Zigarren und schließlich einem Besuch im chinesischen Theater oder Tempel. In der Tat war dies das Lieblingsprogramm Hop Sings, wenn er als erster Ge­schäftsführer oder Oberaufseher der Ning-Fu-Gesellschaft Gastfreundschaft übte.

Freitag abend gegen acht Uhr fand ich mich in dem Warenlager Hop Sings ein. Es drang mir der entzückende, geheimnisvolle, fremdartige Duft entgegen, den ich so oft eingeatmet hatte; ich fand die bekannten langen Reihen wunderlich aussehender Gegenstände, dieselben Krüge, dieselben Vasen, dieselbe eigentümliche Mischung grotes­ker Unregelmäßigkeit und mathematischer Genauigkeit; dieselben durch Frivolität und Gebrechlichkeit auffallen­den Gegenstände, denselben Mangel an Harmonie in den an sich schönen und seltenen Farben. Drachen in Gestalt ungeheurer Schlangen und riesiger Schmetterlinge; Drachen, die so sinnreich verfertigt waren, daß sie, gegen den Wind gestellt, von Zeit zu Zeit den Schrei eines Habichts ausstießen: Drachen so groß, daß keines Knaben Kräfte hinreichten, sie zu lenken – so groß, daß es dem Beschauer sofort klar wurde, in China sei das Drachensteigenlassen ein Vergnügen für große Leute; Porzellan- und Bronzegöt­ter von so maßloser Häßlichkeit, daß sie schon wegen ihrer Unmöglichkeit vor aller menschlichen Teilnahme, vor allem Interesse geschützt waren; Krüge mit Süßigkei­ten, die ganz mit Sprüchen aus Konfuzius bedeckt waren; Hüte, die wie Körbe, und Körbe, die wie Hüte aussahen; Seidenstoffe von solcher Leichtigkeit, daß ich Bederfken trage, die unglaubliche Anzahl von Ellen zu nennen, die man durch den Ring vom kleinen Finger hindurchziehen konnte – diese und noch eine große Menge andrer unbe­schreiblicher Gegenstände waren mir wohlbekannt.

Ich setzte meinen Weg durch den schwach erleuchteten Basar fort, bis ich das Kontor oder vielmehr das Sprech­zimmer erreicht hatte, wo Hop Sing mich erwartete.

Ehe ich ihn beschreibe, bitte ich den Durchschnittsleser, aus seinem Geiste jede Vorstellung von einem Chinesen zu verbannen, die er sich gebildet haben mag. Er trug keines­wegs schön ausgezackte, mit kleinen Schellen befranste Hosen – ich habe überhaupt nie einen Chinesen gesehen, der so etwas getragen hätte, er hatte nicht die Gewohnheit, den Zeigefinger im rechten Winkel zum Körper ausge­streckt zu halten, auch hörte ich ihn nie den geheimnisvol­len Spruch »Tsching a ring a ring tscho« aussprechen, und ebensowenig habe ich gefunden, daß es möglich gewesen wäre, ihn zum Tanzen zu reizen. Vielmehr war er ein würdevoller, schöner, feiner Herr, der sehr auf Anstand hielt. Sein bis auf die Stelle, wo ihm der lange Zopf wuchs, völlig rasiertes Haupt glich, gerade wie das Gesicht, einem sehr schönen Stück geglätteten braunen Löschpapiers. Die Lider seiner schwarzen, glänzenden Augen bildeten einen Winkel von fünfzehn Grad. Seine Nase war gerade und zartgeformt, sein Mund klein, die Zähne weiß und sauber. Er trug eine Bluse von dunkelblauer Seide und auf der Straße an kalten Tagen eine kurze Jacke von Astracha­ner Pelz. Auch trug er ein Paar Unterbeinkleider von blauem Brokat, die über den Waden und an den Knöcheln in der Weise befestigt waren, daß man auf den Gedanken kam, er habe an diesem Morgen vergessen, seine Hosen anzuziehen, seine Manieren seien aber so vornehm, daß keiner seiner Freunde sich herausgenommen hätte, ihn darauf aufmerksam zu machen. Obschon ganz ernst, war er doch höflich. Er sprach geläufig Englisch und Franzö­sisch, kurz ich zweifle, ob man unter den christlichen Kaufleuten von San Francisco jemand hätte finden kön­nen, der diesem heidnischen Krämer an die Seite zu stellen gewesen wäre.

Es waren noch einige andere Gäste anwesend: Ein Richter des Bundesgerichts, ein Redakteur, ein hoher Regierungsbeamter und ein hervorragender Kaufmann. Nachdem wir unsern Tee geschlürft und dann von einigen Konfitüren gekostet, die aus einem geheimnisvollen Kru­ge genommen wurden, der aussah, als berge er noch andere nicht zu beschreibende Schätze, erhob sich Hop Sing, winkte uns ernsthaft, ihm zu folgen, und begann in das untere Geschoß hinabzusteigen. Als wir dort anlang­ten, fanden wir es zu unserem Erstaunen glänzend er­leuchtet und eine Anzahl Stühle im Halbkreise auf dem Asphaltpflaster aufgestellt. Nachdem Hop Sing uns höflich aufgefordert hatte, Platz zu nehmen, ergriff er das Wort: »Ich habe Sie zu einer Vorstellung eingeladen, die zum mindesten das Verdienst haben wird, daß ihr vor Ihnen niemals ein Fremder beigewohnt hat. Wang, der Hofgauk­ler, ist gestern morgen hier angekommen. Bis jetzt hat er niemals eine Vorstellung außerhalb des kaiserlichen Pala­stes gegeben. Ich habe ihn gebeten, heute abend meine Freunde zu unterhalten. Er bedarf dazu weder eines Theaters noch eines Bühnenapparats noch eines Gehilfen – nichts weiter braucht er, als was Sie hier sehen. Haben Sie die Güte, meine Herren, den Fußboden selbst zu untersuchen.« Natürlich taten wir ihm die Liebe. Wir befanden uns in einem gewöhnlichen San Franciscoer Warenkeller, der zum Schutze gegen Feuchtigkeit mit Zement bestrichen war. Um unsern höflichen Wirt zu befriedigen, stießen wir mit unsern Stöcken auf den Fußboden und gegen die Wände. Aber nur zu diesem Zwecke. Denn wir waren vollkommen zufrieden damit, die Opfer einer geschickten Täuschung zu werden. Ich erkläre, daß ich getäuscht zu werden wünschte; und hätte man mir eine Erklärung dessen, was folgte, angeboten, ich würde sie wahrschein­lich abgelehnt haben.

Obgleich die Vorstellung, der wir beiwohnten, die erste dieser Art auf amerikanischem Boden war, so sind doch wahrscheinlich sehr viele meiner Leser seitdem mit derar­tigen Sitzungen so vertraut geworden, daß ich mich kurz fassen kann.

Wang begann mit Hilfe seines Fächers den üblichen Schwärm Schmetterlinge aufflattern zu lassen, die er vor unsern Augen aus Schnitzeln von Seidenpapier verfertigt hatte und während der ganzen Vorstellung in der Luft herumfliegen ließ. Ich erinnere mich, daß der Richter einen von ihnen zu erhaschen suchte, der sich ihm aufs Knie gesetzt hatte, der aber mit dem Scharfsinn eines lebendigen Insekts sofort die Flucht ergriff. Und in dem­selben Augenblick nahm Wang, noch immer mit seinem Fächer spielend, Küchlein aus unseren Hüten, zog unzäh­lige Ellen von Seidenstoffen aus seinem Ärmel, ließ Orangen verschwinden, füllte anscheinend den ganzen Raum des Kellers mit Waren an, die auf geheimnisvolle Weise aus der Erde, aus seinen eignen Kleidern, aus – nichts zum Vorschein kamen. Er verschlang mehr Messer, als er in ganzen Jahren zu verdauen imstande war, renkte sich sämtliche Glieder seines Körpers nacheinander aus, ließ sich, augenscheinlich ohne jeden Halt, in der leeren Luft schweben. Aber das Kunststück, das allen anderen die Krone aufsetzte, und das ich nie habe wiederholen sehen, war ebenso unheimlich wie geheimnisvoll – ein wahres Wunder. Es muß meine Entschuldigung, meine einzige Rechtfertigung sein für die lange Einleitung, die Genesis dieser wahrhaftigen Geschichte.

Wang säuberte den Fußboden in einem Umfange von etwa fünfzehn Quadratfuß von allen aufgehäuften Gegen­ständen und forderte uns dann auf, ihn nochmals zu untersuchen. Mit ernster Miene gehorchten wir. Nichts war zu sehen oder zu fühlen als das mit Zement bestrichene Pflaster. Dann bat er uns, ihm ein Taschentuch zu leihen.

Da ich ihm zufällig am nächsten saß, bot ich ihm meines an. Er nahm es und breitete es flach auf dem Boden aus.

Über das Taschentuch legte er ein großes viereckiges Stück Seide und darüber wieder einen großen Schal, der fast die ganze eben gereinigte Stelle bedeckte. Dann stellte er sich an einem Punkte dieses Rechtecks auf und begann einen eintönigen Gesang, wobei er seinen Körper im Takte der etwas melancholischen Melodie hin und her wiegte.

Erwartungsvoll, unbeweglich saßen wir da. Das Schla­gen der Stadtuhren und das gelegentliche Rasseln eines Wagens in der Straße über unsern Häuptern drang, den einförmigen Gesang übertönend, bis an unser Ohr. Die angestrengte, erwartungsvolle Aufmerksamkeit, das dü­stre geheimnisvolle Halblicht des Kellers, das in unheim­licher Weise im Hintergrunde die mißgestalteten For­men einer chinesischen Gottheit erhellte, ein schwacher Opiumduft, gemischt mit dem Geruch von Gewürzen, die große Ungewißheit, in der wir uns befanden hinsichtlich der Dinge, die kommen sollten – das alles bewirkte, daß uns ein unangenehmer Schauer den Rücken hinabglitt; mit gezwungenem, unnatürlichem Lächeln sahen wir einander an. Dies Gefühl des Unbehagens wurde noch stärker, als Hop Sing sich langsam erhob und ohne ein Wort zu sagen mit dem Finger nach der Mitte des Schals deutete.

Es lag etwas darunter. Gewiß – und etwas, das ganz bestimmt soeben nicht dort gewesen war. Anfangs nur eine nahezu unmerkliche Erhöhung, kaum zu unterscheidende Umrisse, wurde es von Sekunde zu Sekunde deutlicher und bestimmter. Das Singen dauerte noch immer fort; große Schweißtropfen begannen dem Sänger übers Ge­sicht zu rollen; nach und nach nahm der verborgene Gegenstand Gestalt und Form an, derart, daß er den Schal in der Mitte fünf bis sechs Zoll in die Höhe hob. Jetzt waren es ganz unzweifelhaft die Umrisse einer kleinen, aber vollkommenen menschlichen Gestalt mit ausge­streckten Armen und Beinen. Einer von uns erblaßte; wir hatten alle ein Gefühl großen Unbehagens, bis endlich der Redakteur das Schweigen mit einem Scherz unterbrach, der, wie dürftig er auch war, mit unwillkürlicher Begeiste­rung aufgenommen wurde. Plötzlich hörte das Singen auf. Mit einer geschickten blitzschnellen Bewegung zog Wang gleichzeitig den Schal und das seidene Tuch fort und – auf meinem Taschentuch lag friedlich schlummernd ein winzi­ges Chinesenkindchen!

Der donnernde Beifall, der unaussprechliche Lärm, mit dem diese Enthüllung begrüßt wurde, hätte des Gauklers Eigenliebe befriedigen müssen, auch wenn sein Publikum noch kleiner gewesen wäre. Jedenfalls war der Beifall laut genug, um das Kind zu wecken – einen hübschen kleinen Jungen, der vielleicht zehn Monate alt war und auffallend einem aus Sandelholz geschnitzten Kupido glich. Wir sahen ihn fast ebenso geheimnisvoll wieder verschwinden, wie er erschienen war. Als mir Hop Sing mein Taschentuch mit einer Verbeugung zurückgab, fragte ich ihn, ob der Tausendkünstler der Vater dieses Jüngelchens wäre.

»No sabe!«* antwortete der unerschütterliche Hop Sing, zu dieser in Kalifornien so gewöhnlichen spanischen Ausrede seine Zuflucht nehmend.

»Aber hat er denn für jede Vorstellung ein neues Kind?« fragte ich.

»Möglich; wer weiß das?«

»Und was soll aus diesem da werden?«

»Das steht ganz in Ihrem Belieben, meine Herren«, erwiderte Hop Sing mit einer höflichen Verbeugung. »Es ist hier geboren – Sie sind seine Paten.«

Im Jahre 1856 wäre es unerhört gewesen, wenn irgend­eine kalifornische Gesellschaft nicht sofort die Gelegen­heit wahrgenommen hätte, sich großmütig bis zur Ver­schwendung zu zeigen, sobald es sich um einen Akt der Nächstenliebe handelte. Selbst der schmutzigste und hab­gierigste Geizhals vermochte der Ansteckung des Mitleids nicht zu widerstehen. Ich machte eine Art Tasche aus meinem Schnupftuch, warf meine Gabe hinein und reichte es ohne ein Wort zu sagen dem Richter. Der legte gelassen ein Zwanzigdollarstück hinzu und händigte es seinem Nachbar ein. Als das Tuch zu mir zurückkehrte, enthielt es über hundert Dollar. Ich knüpfte die improvisierte Börse zu und übergab sie Hop Sing.

»Für das Baby, von seinen Paten.«

»Aber welchen Namen sollen wir ihm geben?« fragte der Richter.

Sofort begann es zu prasseln: »Erebus» – »Nox« -»Pluto« – »Terra-Cotta« – »Antäus« usw. usw.

Schließlich wurde die Frage vor unseren Wirt gebracht.

»Warum sollte er nicht seinen eignen Namen behalten?« fragte Hop Sing gelassen: »Wan Li?« Und er behielt ihn. In dieser Weise wurde Wan Li am Freitagabend, den 5. März 1856, in dieser wahrhaftigen Geschichte geboren.

II

Die letzte Korrektur des »Nordstern« für den 19. Juli 1865 – der einzigen täglich erscheinenden Zeitung im County Klamath – war soeben in die Presse gegangen; gegen drei Uhr morgens ordnete ich meine Papiere und schickte mich an, nach Hause zu gehen, als ich auf einmal unter einigen fliegenden Blättern einen Brief entdeckte, der meiner Aufmerksamkeit bisher entgangen sein mußte. Das Kuvert war ziemlich beschmutzt und ohne Postmarke, aber ich erkannte sofort die Handschrift meines Freundes Hop Sing. Schnell riß ich den Brief auf und las:

»Sehr geehrter Herr! Ich weiß nicht, ob Ihnen der Über­bringer dieses Briefchens gefallen wird; aber wenn das Amt eines >Teufels<* bei Ihrer Zeitung rein technisch ist, so besitzt er, glaub‘ ich, alle erforderlichen Eigenschaften. Er ist gewandt, eifrig und klug, versteht das Englische besser, als er es spricht, und sucht die Lücken seines Wissens durch seine Beobachtungs- und Nachahmungsga­be auszufüllen. Sie brauchen ihm nur ein einziges Mal zu zeigen, wie etwas gemacht werden muß, und er macht es Ihnen sofort nach, mag es etwas Gutes oder Schlechtes sein. Sie kennen ihn bereits: Sie sind einer seiner Paten. Oder sollten Sie Wan Li vergessen haben – Wan Li, den mutmaßlichen Sohn des Hexenmeisters Wang, zu dessen Vorstellung ich Sie einzuladen die Ehre hatte. Doch Sie werden sich seiner noch erinnern.

Ich schicke ihn mit einer Schar Kulis nach Stockton, um ihn von dort mit der Eilpost in Ihre Stadt bringen zu lassen. Können Sie ihn dort gebrauchen, so werden Sie mir ein großes Vergnügen machen und ihm wahrscheinlich das Leben retten; denn das ist augenblicklich in nicht geringer Gefahr – dank den jüngeren Mitgliedern Ihrer christlichen und hochzivilisierten Rasse, welche die aufgeklärten Schu­len von San Francisco besuchen.

Ihr Patenkind hat einige eigentümliche Gewohnheiten angenommen bei der Ausübung von Wangs Profession, dem er mehrere Jahre lang folgte, bis er zu groß geworden war, um in einen Hut zu gehen oder aus seines Vaters Ärmel geschüttelt zu werden. Das Geld, das Sie mir zurückließen, ist zu seiner Erziehung verwandt worden. Er hat die Klassiker absolviert, ohne jedoch, so fürchte ich, viel von ihnen zu profitieren. Er weiß nur wenig von Konfuzius und fast gar nichts von Mencius. Infolge der Nachlässigkeit seines Vaters hat er vielleicht zuviel Um­gang mit amerikanischen Kindern gehabt.

Ich hätte Ihren Brief schon früher durch die Post beantwortet, aber ich glaubte, Wan Li würde in diesem Falle ein besserer Bote sein.

Hochachtungsvoll der Ihrige Hop Sing.«

Das war die lange erwartete Antwort auf ein Schreiben an Hop Sing. Aber wo war der Überbringer? Wie war der Brief bestellt worden? Rasch examinierte ich den Bureaujungen, den Metteur und die Drucker, ohne irgendeine Aufklärung zu erhalten. Niemand hatte den Brief abliefern sehen, niemand wußte etwas von dem Überbringer.

Einige Tage später erhielt ich Besuch von meinem Wäscher Ah Ri.

»Sie einen Teufel blauchen? … Sehl gut. Ich ihn blingen.«*

Nach wenigen Minuten kehrte Ah Ri zurück mit einem kleinen Chinesenjungen von etwa zehn Jahren, dessen gewecktes, kluges Wesen einen so günstigen Eindruck auf mich machte, daß ich ihn auf der Stelle in meinen Dienst nahm.

Als die geschäftliche Seite geordnet war, fragte ich ihn nach seinem Namen.

»Wan Li«, war die Antwort des Knaben.

»Was! Bist du der Bursche, den mir Hop Sing geschickt? Zum Geier, warum hast du dich denn nicht eher hier eingefunden? Und wie hast du diesen Brief hier abgelie­fert?«

Wan Li sah mich an und lachte.

»Ich ihn gewolfen dulch Fenstel.«

Da er sah, daß ich noch nichts begriff, wurde er einen Augenblick verlegen; dann riß er mir den Brief aus der Hand und lief die Treppe hinunter. Im nächsten Augen­blick kam der Brief zu meinem großen Erstaunen zum Fenster hereingeflogen, flatterte zweimal durch mein Zim­mer und ließ sich dann sachte wie ein Vögelchen auf meinen Tisch nieder. Ehe ich mich von meiner Überra­schung erholt, war Wan Li zurückgekehrt. Lächelnd rich­tete er seine kleinen Schlitzaugen auf den Brief und dann auf mich.

»So Blief geblacht«, sagte er.

Darauf versank er wieder in ernstes Schweigen. Ich sagte nichts weiter, anerkannte aber dadurch sein Kunst­stückchen als seine erste offizielle Leistung.

Die nächste Probe, die er von seiner Geschicklichkeit ablegte, hatte, wie ich zu meinem Bedauern sagen muß, nicht den gleichen Erfolg. Einer der regelmäßigen Zei­tungsausträger erkrankte, und Wan Li wurde beauftragt, ihn provisorisch zu vertreten. Um jedem Irrtum vorzubeu­gen, zeigte man ihm am Abend vorher die Route, die er abzulaufen hatte. Bei Tagesanbruch erhielt er die erfor­derliche Anzahl von Exemplaren und kehrte nach einer Stunde in vergnügter Stimmung und mit leeren Händen zurück. Sämtliche Zeitungen wären abgeliefert, versicher­te er.

Zum Unglück für Wan Li begannen gegen acht Uhr die Abonnenten das Bureau mit entrüsteten Klagen zu erfül­len. Sie hatten die Zeitungen erhalten – aber wie? Die einen in Form von hartzusammengepreßten Kanonenku­geln, die durch einen heftigen Schuß abgeliefert worden, die Fensterscheiben zertrümmert hatten und denen, die schon auf den Beinen gewesen, ins Gesicht geflogen waren; andere in Gestalt von einzelnen Quadraten, die zu verschiedenen Fenstern hereingeflattert waren; hier war die Zeitung durch den Kamin, dort durch ein Dachfenster abgeliefert worden; dieser hatte sie in langen Fidibussen durch das Schlüsselloch, jener als ein an seine Tür ge­klebtes Plakat erhalten; in einem Hause hatte sie sich im Ventilator, im andern gleichsam als Bodensatz in der Milchkanne vorgefunden. Ein Abonnent, der einige Zeit an der Tür des Bureaus wartete, um eine persönliche Unterredung mit Wan Li zu haben – er war zu seiner größeren persönlichen Sicherheit augenblicklich in mein Schlafzimmer interniert – erzählte mir mit Tränen der Wut in den Augen, daß er in aller Frühe durch ein scheußliches Geheul geweckt worden, in großer Aufregung aus dem Bette springend, sei er im höchsten Grade erschreckt worden durch das plötzliche Erscheinen des »Nordstern«, der zusammengerollt wie ein Bumerang oder eine India­nerkeule durch das Fenster hereingesegelt, mehrere dia­bolische Kreise im Zimmer beschrieben, das Licht zu Boden geschleudert, das Baby ins Gesicht geklatscht, ihm, dem Abonnenten, »eins gegen die Kinnlade gegeben« habe und dann wieder zum Fenster hinausgefahren und friedlich auf den Hof gefallen sei.

Während des ganzen Tages wurden unter allerlei Be­schwerden und Reklamationen beschmutzte und zerfetzte Papierläppchen, welche die letzte Nummer des »Nord­stern« darstellen sollten, zur Expedition gebracht.

Ein ausgezeichneter Leitartikel über die »Hilfsquellen der Grafschaft Humboldt«, den ich abends vorher zurecht­geschustert, und der, wie ich Grund habe anzunehmen, die kommerzielle Lage der Dinge während des nächsten Jah­res völlig verändert und den Handel von San Francisco ruiniert haben würde, ging auf diese Weise für das Publi­kum verloren.

Es wurde für ratsam erachtet, während der nächsten drei Wochen Wan Li streng auf die Druckerei und den rein mechanischen Teil des Geschäfts zu beschränken. Hier entwickelte er Fähigkeiten und ein Aneignungstalent, die Erstaunen erregten und ihm sogar das Wohlwollen und die Gunst des Metteurs und der Setzer gewannen, die anfangs seine Einweihung in die Geheimnisse ihrer Kunst mißbil­ligt und daraus für die Zukunft die ernstesten politischen Verwicklungen prophezeit hatten. Rasch und sauber lern­te er setzen, wobei ihm sein wunderbares Manipulationstalent trefflich zustatten kam. Die Unkenntnis der Sprache schien für ihn eher ein Vorteil als ein Hindernis und bestätigte den Setzergrundsatz, daß, wer den Gedanken des Manuskripts zu folgen sucht, nie etwas Ordentliches zustande bringt. So setzte er zum Beispiel mit der größten Sorgfalt lange, von seinen Kollegen verfaßte Schmäharti­kel gegen sich selbst, die er als Manuskript gedruckt an seinen Tiegelhaken hing. Manchmal waren es nur kurze Sätze wie: »Wan Li ist des Teufels Handlanger«; »Wan Li ist ein mongolischer Halunke.« Triumphierend und mit einem Gesicht, in dem sogar die Zähne und die heidel­beerschwarzen Augen vor Freude und Entzücken strahl­ten, brachte er mir jedesmal die Korrektur.

Bald jedoch lernte Wan Li Vergeltung üben an seinen boshaften Verfolgern. Unter anderem erinnere ich mich eines Racheakts, der mich fast teuer zu stehen gekommen wäre. Unser Metteur hieß Webster. Nun lernte Wan Li bald die einzelnen und die vereinigten Buchstaben seines Namens kennen. Es war während eines politischen Feldzu­ges, und der beredte, feurige Oberst Starbottle von Siskyou hatte einen fulminanten Vortrag gehalten, von dem »der Nordstern« einen vollständigen Abdruck brachte. In einer sehr erhabenen Apostrophe hatte Oberst Starbottle gesagt: »Ich wiederhole mit den Worten des göttlichen Webster…« Und hier folgte ein dem großen Staatsmanne entlehntes Zitat, das ich vergessen habe. Nun geschah es, daß nach beendeter Korrektur Wan Li auf das Setzschiff blickte, den Namen seines Hauptverfolgers erkannte und natürlich glaubte, das Zitat sei von ihm. Nachdem die Form eingeschraubt war, entfernte sich Webster. Diese Gelegenheit nahm Wan Li wahr, um das Zitat zu entfernen und dafür eine dünne Bleiplatte von demselben Umfange einzuschieben, auf der chinesische Zeichen einge­schnitten waren, einen Satz bildend, der, wie ich Grund habe anzunehmen, eine an die gesamte Websterfamilie adressierte schwere Beleidigung enthielt.

So erfuhr denn am anderen Morgen das Publikum aus der Rede des Obersten Starbottle, daß der »göttliche« Webster bei einer gewissen Gelegenheit seine Gedanken in jedenfalls sehr ausgezeichnetem aber völlig rätselhaftem Chinesisch ausgedrückt hatte. Die Wut des Oberst Star­bottle kannte keine Grenzen. Es ist mir noch lebendig in der Erinnerung, wie dieser bewundernswürdige Mann zu mir ins Bureau kam und einen Widerruf forderte.

»Aber, mein lieber Herr«, sagte ich, »sind Sie willens mit Ihres Namens Unterschrift in Abrede zu stellen, daß Daniel Webster je einen solchen Satz ausgesprochen hat? Wagen Sie zu leugnen, daß Webster, dessen vielseitiges Wissen allgemein bekannt ist, des Chinesischen mächtig gewesen? Sind Sie bereit, mir eine dem Fassungsvermögen unserer Leser angepaßte Übersetzung dieses Zitats zu unterbreiten und auf Ihr Wort als Ehrenmann zu versi­chern, daß der selige Webster niemals einen solchen Gedanken geäußert habe? In diesem Falle, mein Herr, nehme ich keinen Anstand, Ihr Dementi zu veröffentli­chen.«

Dazu fand der Oberst sich nicht bereit und verließ mein Arbeitszimmer in höchster Entrüstung.

Webster, der Metteur, nahm die Sache kühler. Zum Glück jedoch wußte er nicht, daß während der beiden folgenden Tage Chinesen aus den benachbarten Waschan­stalten, Goldgruben und Küchen, die Köpfe zur Tür des Bureaus hereinsteckten – mit Gesichtern, die vor boshaf­tem Entzücken strahlten, und daß für die Waschanstalt am Flusse dreihundert Extraabzüge des »Nordstern« bestellt worden waren. Er bemerkte nur, daß Wan Li von Zeit zu Zeit in Lachkrämpfe verfiel und durch Fußtritte ins Be­wußtsein zurückgerufen werden mußte.

Acht Tage nach diesen Vorfällen rief ich Wan Li in mein Arbeitszimmer.

»Wan«, sagte ich ernsthaft, »es wäre mir angenehm, wenn du mir – lediglich zu meiner persönlichen Befriedi­gung – eine Übersetzung des chinesischen Ausspruchs geben wolltest, den mein begabter Landsmann, der selige göttliche Webster, bei einer öffentlichen Gelegenheit ge­tan hat.«

Wan Li sah mich scharf an, dann stahl sich in seine schwarzen Augen ein kaum merkliches Blinzeln. Darauf versetzte er mit gleicher Ernsthaftigkeit: »Hell Webstel – el sagen: Chinesenjunge mich machen pudelnällisch. Chi­nesenjunge mich machen hundstoll.«

Ich habe Grund zu glauben, daß das richtig war.

Aber ich fürchte, ich habe nur eine und vielleicht nicht die beste Seite von Wan Lis Charakter bekanntgegeben. Nach den Mitteilungen, die er mir in seinem englisch­chinesischen Dialekt machte, hatte er ein sehr hartes Leben geführt. Eine Kindheit hatte er so gut wie gar nicht gehabt – er erinnerte sich weder eines Vaters noch einer Mutter. Wang, der Hexenmeister, hatte ihn in seiner Weise erzogen. In den ersten sieben Jahren seines Lebens war es Wan Lis Bestimmung gewesen, aus Körben zum Vorschein zu kommen, aus Hüten herauszukollern, Leitern zu er­klettern und sich die kleinen Glieder ausrenken zu lassen.

Er hatte in einer Atmosphäre von Täuschung und Gaune­rei gelebt; er hatte gelernt, die Menschen als Gimpel zu betrachten. Hätte er mehr nachgedacht, so wäre er ein Skeptiker geworden, würde sich später zum Zyniker ent­wickelt haben, um dann in reiferen Jahren Philosoph zu werden. Wie die Sachen lagen, war er ein kleiner Kobold, aber ein gutmütiger Kobold, wenn man erwägt, daß seine sittliche Natur niemals geweckt worden war – ein Kobold in Ferien, ganz dazu aufgelegt, es zur Abwechslung einmal mit der Tugend zu versuchen. Ob er auch an eine geistige Macht glaubte, kann ich nicht mit Bestimmtheit behaup­ten; aber er war sehr abergläubisch. Er trug stets einen über alle Maßen häßlichen kleinen Porzellangott auf der Brust, den er bald schmähte, bald wieder besänftigte. Er war zu klug, um sich den landläufigen chinesischen La­stern, dem Stehlen und dem unmotivierten Lügen, hinzu­geben. Was er auch trieb, sein einziger Lehrmeister war sein Verstand.

Vielleicht mangelte es ihm nicht ganz an Empfindsam­keit, obgleich es unmöglich war, ihm einen entsprechen­den Ausdruck zu entlocken; ich glaube, er war mit großer Anhänglichkeit denen zugetan, die sich gut gegen ihn zeigten. Was er unter günstigeren Verhältnissen geworden wäre, vermag ich nicht zu sagen; ich weiß nur, daß er gegen die spärlichen, von der Laune abhängigen Beweise von Güte als der Leibeigene eines schlecht bezahlten und mit Arbeit überbürdeten Journalisten sich stets dankbar er­wies. Er war treu und geduldig – Eigenschaften, die man bei dem amerikanischen Durchschnittsdiener nur selten antrifft. Mir gegenüber zeigte er stets eine »schwermütige Höflichkeit« – ganz wie Malvolio.

Nur einmal bemerkte ich an ihm Symptome von Aufleh­nung. Ich hatte die Gewohnheit, ihn nachts, wenn ich das Bureau verließ, mit in meine Wohnung zu nehmen, um ihn mit den glücklichen Nachgedanken, die mir etwa noch kamen, ehe die Zeitung unter die Presse ging, nach der Druckerei schicken zu können. In einer Nacht nun war ich lange über die Zeit hinaus, wo ich Wan Li zu verabschie­den pflegte, am Kritzeln geblieben, und ich hatte ganz vergessen, daß er noch immer auf seinem Stuhle an der Tür saß. Plötzlich wurde ich durch eine Stimme, die in klagen­dem Tone etwas sagte, das wie »tschei li« klang, an seine Gegenwart erinnert.

Ich wandte mich mit einem strengen Blicke um.

»Was sagst du da?«

»Ich sagen: Tschei li.«

»Was heißt das?« fragte ich ungeduldig.

»Sie sagen: Wie geht‘s, John?«

»Nun?«

»Sie sagen: Es ist sehl lang!«

»Weiter!«

»Nun – >tschei li< alles dasselbe.«

Ich hatte ihn vollkommen verstanden. »Tschei li« war die Form für »gute Nacht«, und Wan Li wollte gern nach Hause gehen. Aber ein gewisser maliziöser Trieb, den ich offenbar mit ihm gemein hatte, hielt mich ab, auf seinen Wink einzugehen.

Ich brummte etwas von nicht verstehen zwischen den Zähnen und beugte mich wieder über meine Arbeit. Einige Minuten später hörte ich ihn pathetisch mit seinen Holzschuhen über den Fußboden hinklappern.

Ich blickte auf. Er stand neben der Tür.

»Sie nicht sagen: Tschei li?«

»Nein!« versetzte ich finster.

»Sie viel dickköpfig Nall – >tschei li< alles dasselbe.«

Und wie erschreckt über seine eigene Keckheit ergriff er die Flucht. Am anderen Morgen jedoch war er so demütig und diensteifrig wie zuvor, weshalb ich ihm wegen seines Betragens keine Vorwürfe machte. Vermutlich um mir ein Friedensopfer zu bringen, wischte er mir sämtliche Stiefel – ein Dienst, den ich nie von ihm verlangt hatte, sogar mit Einschluß von einem Paar Pantoffel aus Rehleder und einem Ungeheuern Paar Reiterstiefeln mit Stulpen, auf die er seine Gewissensbisse zwei Stunden lang aushauchte.

Ich habe von seiner Ehrlichkeit gesprochen mehr als einer Verstandeseigenschaft denn als einem Grundsatze; aber ich erinnere mich an zwei Ausnahmen von der Regel. Um in die harte Kost, zu der man in unsern Goldgräber­städten verurteilt ist, etwas Abwechslung zu bringen, wollte ich gern frische Eier haben, und da ich wußte, daß Wan Lis Landsleute große Geflügelzüchter waren, wandte ich mich an ihn. Regelmäßig jeden Morgen versorgte mich mein kleiner Teufel mit den gewünschten Eiern, weigerte sich jedoch Bezahlung dafür zu nehmen, indem er sagte, der Mann verkaufe sie nicht – ein bemerkenswertes Bei­spiel von Uneigennützigkeit, denn die Eier kosteten da­mals das Stück einen halben Dollar.

Eines Morgens um die Frühstückszeit besuchte mich von ungefähr mein nächster Nachbar, Forster mit Namen, und benutzte die Gelegenheit, sich über sein Mißgeschick zu beklagen, daß seine Hühner aufgehört hätten zu legen oder ihre Eier in die Büsche trügen. Wan Li, der während des Gesprächs zugegen war, bewahrte die ihm eigentümliche schwermütige Schweigsamkeit. Aber als der Nachbar sich entfernt hatte, wandte er sich mit etwas spöttischem Kichern zu mir um: »Flostels Hühnel – Wan Lis Hühnel – alles dasselbe!«

Sein zweites Vergehen war nicht so harmloser Art und zeugte von Ehrgeiz. Es war die Zeit großer postalischer Unregelmäßigkeit, und Wan Li hatte mich oft über die verspätete Ankunft meiner Briefe und Zeitungen klagen hören. Wie groß war daher mein Erstaunen, als ich eines Morgens beim Betreten meines Arbeitszimmers den Tisch mit Briefen bedeckt fand, die offenbar soeben von der Post gekommen waren, von denen jedoch kein einziger meine Adresse trug. Ich wandte mich an Wan Li, der mich mit heiterer Genugtuung betrachtete, und bat ihn um eine Erklärung dieses Wunders. Zu meinem Entsetzen deutete er auf einen leeren Briefbeutel in der Ecke und sagte:

»Postmann sagen: Keine Bliefe, John – keine Bliefe, John! Postmann lügen. Postmann nicht gut! Ich velgangne Nacht Bliefe stipitzen – alles dasselbe!«

Ein Glück, daß es noch früh am Morgen war und man die Postsachen noch nicht ausgetragen hatte. Ich hatte eine eilige Unterredung mit dem Postmeister, und Wan Lis kühner Versuch, die Post der Vereinigten Staaten zu plündern, wurde schließlich verziehen. Die ganze Ge­schichte blieb geheim, unter der Bedingung, daß ich einen neuen Briefbeutel anschaffte.

Wenn meine Vorliebe für meinen kleinen heidnischen Pagen nicht genügt hätte, sicherlich würde meine Pflicht gegen seinen würdigen Beschützer Hop Sing mich be­stimmt haben, Wan Li mitzunehmen, als ich nach zwei Jahren die Leitung des »Nordstern« in andere Hände legte und nach San Francisco zurückkehrte. Ich glaube nicht, daß dieser Ortswechsel ihm Freude machte. Ich schrieb seine Gefühle der nervösen Furcht zu, die er vor belebten Straßen hatte. Mußte er bei einer Bestellung durch die Stadt gehen, so machte er stets einen langen Umweg um die äußersten Häuser. Auch seiner Abneigung gegen die Disziplin der chinesisch-englischen Schule, in die ich mir vorgenommen hatte ihn zu schicken; seiner Vorliebe für das freie, ungebundene Leben der Minengegenden, oder auch einer puren Laune… Erst lange Zeit nachher kam mir der Gedanke, daß es auch wohl eine Art Ahnung hätte sein können.

Trotzdem schien alles den Plan, den ich schon lange gehegt, zu begünstigen – den Plan, Wan Li unter sanft zähmende Einflüsse zu bringen, die aus ihm herausbräch­ten, was meine unregelmäßige und oberflächliche Aufsicht nicht zu erreichen vermochte.

Ein chinesischer Missionar, ein verständiger und freund­licher Priester, nahm den Knaben in seine Schule und zeigte sich gleich sehr wohlwollend gegen ihn; was aber mehr war, der Lehrer hatte Vertrauen zu seinem Schüler. Auch ein Heim fand sich für ihn in der Familie einer Witwe, deren einziges Töchterchen nur wenig jünger war als Wan Li. Diesem freundlichen, unschuldigen, fröhlichen Kinde war es vorbehalten, im Herzen des Knaben eine Saite erzittern zu machen, von der man bis dahin nichts geahnt und die alle Unterweisungen der Gesellschaft, alle Predigten der Theo­logen stumm gelassen hatten.

Die wenigen Monate voller Versprechungen, die nie­mals erfüllt werden sollten, waren für Wan Li die glück­lichsten seines Lebens. Er trieb mit seiner j ungen Freundin einen ebenso feurigen, aber bei weitem nicht so launenhaf­ten Kultus wie mit seinem porzellanenen Heidengott. Sein größtes Glück bestand darin, hinter ihr her in die Schule zu gehen und ihr die Bücher zu tragen – ein Dienst, der ihm in der Regel Katzenköpfe von seinen christlich-kaukasischen Brüdern eintrug. Er fabrizierte ihr die wunderbarsten Spielsachen, schnitzte die unvergleichlichsten Rosen und Tulpen aus Kohl- und Mohrrüben, verfertigte aus Melo­nenkörnern leibhaftige Hühner, machte Fächer und Pa­pierdrachen; eine ganz besondere Fertigkeit besaß er darin, papierne Kleider für ihre Puppen zu schneidern. Sie spielte mit ihm, sang ihm Liedchen vor, lehrte ihn tausend niedliche Dinge, wie nur Mädchen sie können, schenkte ihm ein gelbes Band für seine Zöpfchen mit der Versiche­rung, nichts passe besser zu seinem Teint, las ihm Ge­schichten vor, zeigte ihm, worin seine eigentliche Bedeu­tung und Originalität bestand, nahm ihn wider alle Präzedenzfälle mit zur Sonntagsschule und drang als echtes Weib mit dieser Neuerung durch. Ich würde mich freuen, könnte ich hinzufügen, daß sie ihn auch bekehrt und soweit gebracht habe, seinem Porzellangott abzuschwö­ren, aber ich erzähle eine wahre Geschichte, und die Wahrheit ist, daß dieses kleine Mädchen sich damit be­gnügte, ihm ihre eigne christliche Güte einzuflößen, ohne ihn ahnen zu lassen, daß er sich verändert hatte. Und so wirtschafteten die beiden in der friedlichsten Weise zusam­men – das kleine Christenmädchen mit dem goldenen Kreuz an dem vollen, weißen Hälschen und der braune, kleine Heide mit dem häßlichen Porzellangott unter der Bluse…

*

Noch lange wird man sich in San Francisco der tragischen Vorfälle erinnern, die sich damals dort ereigneten. Eine Art Wahnsinn ergriff den Pöbel, der sich auf wehrlose Fremde stürzte, einzig und allein, weil sie von einer anderen Rasse, einer anderen Religion und einer anderen Hautfarbe waren und für den Lohn arbeiteten, den sie bekommen konnten. Die Metzelei dauerte zwei Tage; und es gab Bürger, die kleinmütig genug waren zu wähnen, das Ende der Welt sei gekommen; hohe Staatsbeamte, deren Namen hier niederzuschreiben ich mich schäme, die einfältig genug waren, sich vorzureden, jener Paragraph der Ver­fassung, der allen ohne Ausnahme bürgerliche und religiö­se Freiheit garantierte, sei ein politischer Mißgriff. Aber zum Glück gab es auch Männer, die sich nicht so leicht einschüchtern ließen und so energisch gegen den stamm­verwandten Pöbel einschritten, daß nach vierundzwanzig Stunden die kleinmütigen Bürger in Sicherheit die Hände ringen und die hohen Staatsbeamten ihre Verfassungsbe­denken äußern konnten, ohne dadurch Schaden anzu­richten.

Während dieser Vorgänge erhielt ich einen Brief von Hop Sing, in dem ich gebeten wurde, mich unverzüglich zu ihm zu verfügen.

Ich fand sein Geschäft geschlossen und von der Polizei gegen jeden möglichen Angriff der Aufrührer bewacht. Als Hop Sing mich durch ein verbarrikadiertes Gittertor einließ, glaubte ich zu bemerken, daß seine sonst uner­schütterliche Ruhe mit etwas mehr als einer gewöhnlichen Ernsthaftigkeit gepaart war. Ohne ein Wort zu sagen, nahm er mich bei der Hand und führte mich in das Erdgeschoß. Es war nur trübe erhellt, doch bemerkte ich

am Fußboden einen mit einem Tuche bedeckten Gegen­stand. Als ich mich ihm näherte, zog Hop Sing mit einer schnellen Bewegung das Tuch fort, und vor mir lag tot ausgestreckt – Wan Li, der Heide.

Ja tot, meine verehrten Freunde, tot! Zu Tode gesteinigt von einer Bande christlicher Buben und Schulkinder in den Straßen von San Francisco im Jahre des Heils 1869!

Als ich ehrfurchtsvoll meine Hand auf des Unglückli­chen Brust legte, fühlte ich unter seiner Bluse etwas zerbröckeln. Fragend sah ich zu Hop Sing auf. Er steckte seine Hand zwischen die seidenen Falten der Bluse und zog mit dem ersten bittern Lächeln, das ich je auf dem Gesicht dieses heidnischen Ehrenmannes bemerkt hatte, einen kleinen Gegenstand hevor.

Es war Wan Lis Porzellangott, zerschmettert durch einen Stein aus den Händen dieser christlichen Bilder­stürmer!

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