Waldwinkel

Über dem Dache des Rat­hau­ses, das zu­gleich die Woh­nung des städ­ti­schen Bür­ger­meis­ters bil­de­te, kreuz­ten die ers­ten Schwal­ben in der Früh­jahrs­son­ne; auf der Vor­stra­ße stan­den die „Bür­ger­meis­ters­bu­ben“ und such­ten ver­ge­bens die Kö­ni­gin der Luft mit den Lehm­ku­geln ihres Pus­t­rohrs zu er­rei­chen. Drin­nen aber in sei­nem Ge­schäfts- und Ar­beits­zim­mer saß der Ge­stren­ge selbst, der außer dem ge­nann­ten Amte auch das eines Ge­richts­die­ners und Po­li­zei­meis­ters in sei­ner Per­son ver­ei­nig­te, ver­tieft in ein di­ckes Ak­ten­fas­zi­kel, nicht ach­tend des hei­te­ren Glan­zes, der durch die Fens­ter zu ihm her­ein­ström­te. Da wurde drau­ßen flüch­tig an die Tür ge­pocht, und auf das ver­dros­se­ne „Her­ein!“ des Be­am­ten trat ein brau­ner statt­li­cher Mann über die Schwel­le, der indes die erste Hälf­te der Vier­zi­ger schon er­reicht haben moch­te.

Der Bür­ger­meis­ter erhob das rote be­hag­li­che Ge­sicht aus sei­nen Akten, warf einen flüch­ti­gen Blick auf den Ein­tre­ten­den und sagte, als er die fei­ne­re Klei­dung des­sel­ben be­merkt hatte, mit einer run­den Hand­be­we­gung: „Wol­len Sie ge­fäl­ligst Platz neh­men; ich werde gleich zu Ihren Diens­ten sein.“
Dann steck­te er den Kopf wie­der in die Akten.
Der an­de­re aber war einen Schritt näher ge­tre­ten. „Bist du jetzt immer so flei­ßig, Fritz?“ sagte er. „Du lit­test ehe­mals nicht an die­ser Krank­heit.“

Der Bür­ger­meis­ter fuhr empor, hakte die Bril­le von der Nase und starr­te den Spre­cher aus sei­nen klei­nen gut­mü­ti­gen Augen an. „Ri­chard, du bist es!“ rief er. „Mein Gott, wie gut du mich noch kennst! Und doch, mein Schei­tel ist kahl und der Rest des Haa­res grau ge­wor­den! Ja, ja, ein sol­ches Bür­ger­meis­ter­amt!“

Die klei­ne be­leib­te Ge­stalt war hin­ter dem Ak­ten­tisch her­vor­ge­kom­men. Voll Er­stau­nen blick­te er in das Ant­litz des ihn fast um Kop­fes­hö­he über­ra­gen­den Freun­des. „Das“, sagte er und tät­schel­te mit sei­ner kur­zen Hand über das noch glän­zend brau­ne Haar des­sel­ben, „das ist na­tür­lich nur Pe­rü­cke; aber die Augen, diese un­na­tür­lich jun­gen Augen, das sind doch wohl noch die ech­ten alten aus un­se­ren lus­ti­gen Tagen!“

Der Gast ließ lä­chelnd die­sen Strom des Ge­plau­ders über sich er­ge­hen, wäh­rend der Bür­ger­meis­ter ihn neben sich aufs Sofa nie­der­zog. „Und nun“, fuhr der letz­te­re fort, „wo kommst du her, was bist du, was treibst du?“

„Ich, Fritz?“ er­wi­der­te scher­zend der an­de­re, „ich suche einen In­halt für das noch immer leere Gefäß mei­nes Le­bens; oder viel­mehr“, fügte er etwas erns­ter hinzu, „ich suche ihn nicht, ich leide nur ein wenig an die­ser Leere.“

Der Bür­ger­meis­ter sah ihm treu­her­zig in die Augen. „Du, Ri­chard?“ sagte er, „der auf der Uni­ver­si­tät alle Fa­kul­tä­ten ab­ge­wei­det hat! Will doch ein alter Ka­me­rad unter einem ge­wis­sen An­ony­mus sogar deine Feder in einer bo­ta­ni­schen Zeit­schrift ent­deckt haben!“

„Wirk­lich, Fritz?—Er hat nicht fehl­ge­se­hen.“

Der klei­ne dicke Mann be­sann sich. „Du bist noch ledig?“ frag­te er. „Ja? Noch immer? Hm! Du warst ein Schwär­mer, Ri­chard! Weißt du noch, als wir Stu­den­ten auf der Dorn­burg tanz­ten? Du hat­test der­zeit die Braut zu Hause; du woll­test nicht tan­zen; du sa­ßest in der Ecke bei dem lan­gen Was­ser­mann, der wegen sei­ner gro­ßen Stie­fel nicht tan­zen konn­te, und trankst nur Wein, sehr viel Wein, Ri­chard! Du woll­test die se­li­gen Tänze nicht ent­wei­hen, die du da­heim mit ihr ge­tanzt hat­test!“

Der an­de­re war ein wenig still ge­wor­den, wäh­rend der Bür­ger­meis­ter in plötz­li­cher Un­ru­he seine gol­de­ne Uhr aus dem Ab­grund sei­ner Ta­sche zog.
„Sag mir, Liebs­ter“, be­gann er wie­der, du schenkst mir doch den heu­ti­gen Tag?“
„Ich muß am Nach­mit­tag noch wei­ter.“

„Immer noch der alte Meis­ter Unruh?“

„Ver­zeih, die Ex­tra­post ist schon be­stellt! Ihr habt hier ei­ni­ge Mei­len nörd­lich zwi­schen Hei­des­umpf und Wald noch eine wenig ab­ge­such­te Flora!“

„Aha!“ rief der Bür­ger­meis­ter, „bei Föh­ren­schwarz­eck, wo die ver­rück­ten Jun­ker woh­nen, die weder einen Baum fäl­len noch ein Stück Heide auf­bre­chen wol­len!“

Der Gast nick­te. „So sagte man mir. Es soll dort in heim­li­chen Grün­den noch al­ler­lei sonst Ver­schwun­de­nes zu fin­den sein.“

„Nun, Ri­chard, da könn­test du dich ja im Nar­ren­kas­ten ein­quar­tie­ren!“

„Im Nar­ren­kas­ten?“

„Frei­lich! Der Vater der jet­zi­gen Her­ren hatte noch seine Spe­zi­al­toll­heit! Da ihm sein Schloß zu groß wurde, so baute er sich hin­aus zwi­schen Heide und Wald; ein Häus­lein, alle Fens­ter nach einer Seite und drum herum eine Ring­mau­er, zwan­zig Fuß hoch! Und das Kas­tell­chen nann­te er den „Wald­win­kel“ die Leute aber nen­nen’s noch heut den „Nar­ren­kas­ten“. Dort hat er mit­ten zwi­schen all dem Un­kraut seine letz­ten Jahre ab­ge­lebt.“

Der an­de­re hatte auf­merk­sam zu­ge­hört. „Wer wohnt denn jetzt darin?“ frag­te er.

„Jetzt? ich denke, nie­mand; oder doch nur Eulen und Il­tis­se.“—Im Ne­ben­zim­mer schlug eine Uhr. Der Bür­ger­meis­ter war auf­ge­sprun­gen. „Schon elf!“ sagte er. „Weißt du, Alter! Ich habe noch einen ge­richt­li­chen Aktus vor mir; du warst ja in der Ver­bin­dung unser Schrift­wart“, und schmun­zelnd fuhr er fort: „da du so eilig bist, wir wür­den noch ein Plau­der­stünd­chen mehr ge­win­nen, wenn du heute die­ses Amt noch ein­mal im Diens­te un­se­rer hoch­not­pein­li­chen Ge­richts­bar­keit ver­rich­ten woll­test!“

Ri­chard lach­te. „Hast du denn kei­nen Pro­to­koll­füh­rer?“

„Nein, Liebs­ter; da ich die Würde und das Sala­ri­um eines Stadt­se­kre­ta­ri­us eben­falls in mei­ner Per­son ver­ei­ni­ge, so muß ich auch die Las­ten die­ses Amtes tra­gen, wenn nicht der Zu­fall einen so fä­hi­gen und ge­fäl­li­gen Freund mir in das Haus bringt.“—Ei­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter saßen beide am grü­nen Tisch in dem ne­ben­an lie­gen­den Ge­richts­zim­mer. „Du wirst dich viel­leicht noch des gelb­haa­ri­gen Theo­lo­gen er­in­nern“, sagte der Bür­ger­meis­ter, wäh­rend er sich mit be­hag­li­cher Würde in dem etwas er­höh­ten Prä­si­den­ten­ses­sel nie­der­ließ, „den wir sei­ner­zeit wohl nicht mit Un­recht den De­nun­zi­an­ten nann­ten! Wir haben ihn seit Jah­ren hier am Ort; der Herr Ma­gis­ter be­treibt ein ein­träg­li­ches Pen­sio­nat und steht bei Adel und Ho­no­ra­tio­ren in hohem An­se­hen; man woll­te ihn eben auch noch mit dem Got­tes­dienst an un­se­rem Lan­des­zucht­haus hier be­trau­en.“

„Was ist mit ihm?“ frag­te der im­pro­vi­sier­te Ak­tua­ri­us, der schon seine Feder ge­schnitzt und den ge­bro­che­nen Bogen vor sich hin­ge­legt hatte. „Ich ent­sin­ne mich ei­gent­lich nur sei­nes ab­ge­tra­ge­nen Fra­ckes und sei­ner gro­ßen roten Hände.“

„Du wirst ihn gleich er­schei­nen sehen“, sagte der Bür­ger­meis­ter, mit der einen Hand den über dem grü­nen Tisch hän­gen­den Glo­cken­strang er­fas­send; „er hatte die Vor­mund­schaft über ein el­tern­lo­ses Mäd­chen; sie ist jah­re­lang in sei­nem Hause ge­we­sen, und er hat sie teil­wei­se mit durch seine Schu­le lau­fen las­sen. Jetzt ist er eines ver­such­ten Ver­bre­chens gegen die­ses Mäd­chen auf das kläg­lichs­te ver­däch­tig; es han­delt sich heut nur noch um eine Ge­gen­über­stel­lung bei­der.“

Der Bür­ger­meis­ter zog die Klin­gel, und der ein­tre­ten­de Ge­fan­gen­wär­ter er­hielt Be­fehl, den Ma­gis­ter vor­zu­füh­ren.

Es war eine wi­der­wär­ti­ge Er­schei­nung, die sich jetzt, an dem an der Tür zu­rück­blei­ben­den Ge­fäng­nis­wär­ter vor­bei, mit einem ge­schmei­di­gen Bück­ling in das Zim­mer hin­ein­wand.

„Sie brau­chen nicht zu weit vor­zu­tre­ten!“ sagte der Bür­ger­meis­ter, und der Ma­gis­ter zuck­te so­gleich um ei­ni­ge Fuß­breit wie­der rück­wärts; gleich dar­auf erhob er sei­nen plat­ten Kopf mit dem wie an­ge­kleb­ten Gelb­haar gegen die Zim­mer­de­cke und be­gann sich zu den schwers­ten Eiden für seine Un­schuld zu er­bie­ten.

Ohne dar­auf zu ach­ten, zog der Bür­ger­meis­ter aufs neue die Glo­cke, und
„Fran­zis­ka Fed­ders“ trat her­ein.
Es war die schmäch­ti­ge Ge­stalt eines eben auf­ge­blüh­ten Mäd­chens; sie war nicht grade hübsch zu nen­nen; den Kopf mit den auf­ge­steck­ten dun­kel­blon­den Flech­ten trug sie etwas vor­ge­beugt, der Mund war viel­leicht zu voll, die Nase ein wenig zu scharf ge­ris­sen; und als sie jetzt ihre tief­lie­gen­den grau­en Augen auf­schlug, mur­mel­te der Ak­tua­ri­us un­will­kür­lich vor sich hin: „Sci­en­tes bonum et malum.“

Mit ab­ge­wand­tem Kopf und mit Glut über­gos­sen, aber mit un­ver­rück­ter Si­cher­heit wie­der­hol­te sie jetzt die Haupt­an­ga­ben ihrer frü­he­ren Aus­sa­gen gegen ihren eins­ti­gen Vor­mund, wäh­rend die­ser seine kno­chi­gen Hände rang und seuf­zen­de Be­teue­run­gen aus­stieß.

Als sie ge­en­det hatte, be­gann der Ma­gis­ter erst an­deu­tungs­wei­se, dann immer deut­li­cher, sie eines Ver­hält­nis­ses mit sei­nem Ge­hül­fen zu be­schul­di­gen; sie seien ver­schwo­ren, ihn zu stür­zen, um dann selbst das ein­träg­li­che Pen­sio­nat zu über­neh­men.

Mit of­fe­nem Munde und vor­ge­streck­tem Halse horch­te das Mäd­chen die­sen Be­schul­di­gun­gen. Ri­chard, der die Feder hin­ge­legt hatte, glaub­te zu sehen, wie von der Glut des Has­ses ihre Augen dunk­ler wur­den. Plötz­lich warf sie den Kopf empor. „Sie lügen, Sie!“ rief sie, und wie eine schar­fe Schnei­de fuhr es aus die­ser jun­gen Stim­me. Aber wie über sich selbst er­schro­cken, flo­gen ihre Bli­cke un­stet und hül­fe­su­chend umher, bis sie in den erns­ten Män­ner­au­gen haf­ten­blie­ben, die so ruhig zu ihr hin­über­blick­ten.

Der Ma­gis­ter hatte beide Arme zum Him­mel auf­ge­reckt. „Sie! Du nennst mich Sie, Fran­zis­ka! Du, die ich dich in der Liebe des Lam­mes—“ Er brach in sen­ti­men­ta­le Trä­nen aus; er hatte etwas vom win­seln­den Affen an sich.

„Ich nenne Sie gar nicht mehr!“ sagte Fran­zis­ka ruhig, und ihre Au­gen­ster­ne ruh­ten noch immer in denen des ihr frem­den Man­nes, als habe sie hier einen Halt ge­fun­den, den sie nicht mehr zu ver­las­sen wage.—Über des­sen Seele fuhr es wie ein Traum: das stil­le Haus am Wal­des­rand tauch­te vor sei­nem in­nern Auge auf; ein ein­sa­mer Mann und ein ver­las­se­nes Mäd­chen wohn­ten dort. Sie waren nicht mehr ein­sam und ver­las­sen; aber um sie her in der lauen Som­mer­luft war nur der schwim­men­de Duft der Kräu­ter, das Rufen der Vögel und fern­ab aus der stil­len Lich­tung der un­ab­läs­si­ge Ge­sang der Gril­len.-Der Klang der Bo­ten­glo­cke schrill­te durch das Zim­mer. Als Ri­chard auf­blick­te, sah er eben das Mäd­chen aus der Tür ver­schwin­den, der Ma­gis­ter wurde vom Ge­fäng­nis­wär­ter ab­ge­führt.—“Ein ge­scheu­tes Ra­cker­chen, diese Fran­zis­ka“, sagte der Bür­ger­meis­ter, indem er das sau­ber ab­ge­faß­te Pro­to­koll durch seine Na­mens­un­ter­schrift voll­zog. „Scha­de, daß sie nichts in bonis hat; wir wis­sen nicht recht, wohin mit ihr; für den ge­wöhn­li­chen Mäg­de­dienst hat sie zu­viel, für eine hö­he­re Stel­lung zu­we­nig ge­lernt.“

Sein Gast war im Zim­mer auf und ab ge­gan­gen. „Frei­lich, ein an­zie­hen­des Köpf­chen!“ sagte er; aber seine Worte klan­gen ton­los, als sei in der Tiefe die Seele noch mit an­de­rem be­schäf­tigt.

„Hm, Ri­chard“, fuhr der Bür­ger­meis­ter, seine Akten zu­sam­men­bin­dend, fort, „da stimmst du mit un­se­rem Phy­si­kus, er meint—er hat mit­un­ter sol­che Ein­fäl­le—, die Augen seien ein hal­bes Dut­zend Jahre älter als das Mäd­chen selbst.“

„Und wer ist jetzt ihr Vor­mund, Fritz?“

„Ihr Vor­mund?—Sie hat kei­nen Ver­wand­ten; wir hat­ten au­gen­blick­lich kei­nen an­dern, es ist der Schus­ter­meis­ter an der Ha­fen­ecke; seit Be­ginn der Un­ter­su­chung wohnt sie auch bei ihm.“—Eine Stun­de spä­ter sah man den Gast des Bür­ger­meis­ters aus einem klei­nen Hause an der Ha­fen­ecke tre­ten und durch eine ge­gen­über­lie­gen­de Stra­ße aus der Stadt hin­aus­schrei­ten.

Drau­ßen vor den letz­ten Häu­sern hielt ein of­fe­ner Wagen. Ein gro­ßer lö­wen­gel­ber Hund, den der auf dem Kut­scher­sit­ze ni­cken­de Pos­til­li­on an der Leine hatte, riß sich los und sprang, freu­de­win­selnd und mit der mäch­ti­gen Rute den Staub der Stra­ße peit­schend, dem Kom­men­den ent­ge­gen.
„Leo, mein Hund, bist du da? Ja, ich komme, ich komme schon!“ Ein le­bens­fro­her Ton klang aus die­sen Wor­ten, unter denen der Hund die Lieb­ko­sun­gen sei­nes Herrn ent­ge­gen­nahm.

Vor ihnen, im hells­ten Son­nen­schei­ne, brei­te­te sich ein wei­tes Tief­land aus, zu dem in Wel­len­li­ni­en sich der Weg hin­un­ter­senk­te. Bald saß der Wan­de­rer auf dem Wagen, und wäh­rend der Hund in gro­ßen Sät­zen ne­ben­her­sprang, roll­te das Ge­fährt in den jun­gen Früh­ling hin­aus, der blau­en Wald­fer­ne zu, die in kaum er­kenn­ba­ren Zügen den Ho­ri­zont be­grenz­te.

Oben in den Eich­bäu­men, die vor dem Kruge des Dor­fes Föh­ren­schwarz­eck stan­den, lärm­ten die Els­tern, wel­che ihr Nest gegen zwei rot­brus­t­i­ge Turm­fal­ken zu ver­tei­di­gen such­ten; die Gäste in der Schenk­stu­be konn­ten kaum ihr ei­ge­nes Wort ver­ste­hen.

„Weiß der Hen­ker!“ rief der Krä­mer aus dem Nach­bar­städt­chen, der eben mit dem ge­gen­über­sit­zen­den Wirte sein Quar­tal­ge­schäft ge­macht hatte, „was Euch hier alles für Raub­zeug um die Ohren fliegt! Dür­fen auch die Fal­ken nicht ge­schos­sen wer­den, In­spek­ter?“

Der alte grau­bär­ti­ge Mann in brau­ner Joppe, an den diese Worte ge­rich­tet waren, nahm mit der klei­nen Mes­sing­zan­ge eine Kohle aus dem auf dem Ti­sche ste­hen­den Be­cken, legte sie auf seine eben ge­stopf­te kurze Pfei­fe und sagte dann, wäh­rend er in­mit­telst die ers­ten Dampf­wol­ken stoß­wei­se über den Tisch blies: „Ich weiß nicht, Pfef­fers, ich bin nicht für die Fal­ken; da müßt Ihr den neuen Förs­ter fra­gen.“ Er schien, ob­schon es noch in der Mor­gen­frü­he war, schon weit im Feld umher ge­we­sen und nur zu kur­zer Rast hier ein­ge­kehrt zu sein; denn die hel­len Schweiß­per­len stan­den noch auf sei­ner Stirn, und sei­nen Stroh­hut hatte er vor sich auf dem Scho­ße lie­gen.

„Ein neuer Förs­ter?“ frag­te der Krä­mer. „Wo habt Ihr den denn her­be­kom­men?“

„Weiß nicht genau“, er­wi­der­te der Alte; „da dro­ben aus dem Reich, mein ich; aber schie­ßen kann er wie ge­hext, und auf die Dir­nen ist er wie der Teu­fel!“

„Oho, Kas­per-Ohm! Da nehmt Eure Ann-Mar­g­reth in Ob­acht!“

„Wird sich schon von sel­ber weh­ren, Pfef­fers“, mein­te der Wirt.

Aber der Krä­mer hatte noch mehr zu fra­gen. „Hm, In­spek­ter!“ sagte er, „Ihr be­kommt ja al­ler­lei Neues in Eue­ren Wald; Euere Her­ren müs­sen auf ein­mal ganz um­gäng­li­che Leute ge­wor­den sein! Habt Ihr denn wirk­lich den alten „Nar­ren­kas­ten“ an einen Frem­den, an einen ganz land­frem­den Mann ver­mie­tet?“

„Dies­mal trefft Ihr ins Schwar­ze, Pfef­fers“, sagte der Alte, indem er einen un­ge­heue­ren, roh ge­ar­bei­te­ten Schlüs­sel aus der Sei­ten­ta­sche sei­ner Joppe her­vor­zog „ein paar Wagen mit Ingut sind schon ges­tern aus- und ein­ge­packt wor­den; hab des Teu­fels Ar­beit damit ge­habt und muß auch jetzt wie­der hin, um Fens­ter auf­zu­sper­ren und nach dem Rech­ten zu sehen; mei­nen Phy­lax hab ich ges­tern abend hin­ter die hohe Hof­mau­er ge­sperrt, damit doch eine ver­nünf­ti­ge Krea­tur­see­le bei all den Sie­ben­sa­chen über Nacht blie­be.“

„Und woher ist die­ser Miets­mann denn ge­kom­men?“ frag­te der Krä­mer wie­der.

„Weiß nicht, Pfef­fers; küm­mert mich auch nicht“, er­wi­der­te der Alte, „kann’s selbst nicht klein­krie­gen. Aber der Herr soll ein Bo­ta­ni­kus sein; der­glei­chen Schla­ges liebt ja auch alles, was wild zu­sam­men­wächst.“

Der Wirt, der in­zwi­schen seine mit Krei­de auf die Tisch­plat­te ge­schrie­be­ne Ab­rech­nung mit dem Krä­mer noch ein­mal re­vi­diert hatte, beug­te sich jetzt vor und sagte, seine Stim­me zu ver­trau­tem Flüs­tern dämp­fend, ob­gleich nie­mand außer den drei­en im Zim­mer war: „Wißt Ihr noch, vor Jah­ren, als in den Blät­tern so­viel von der gro­ßen Stu­den­ten­ver­schwö­rung ge­schrie­ben wurde, als sie die Kö­ni­ge all vom Leben brin­gen woll­ten—da soll er mit da­bei­ge­we­sen sein!“

Der Krä­mer ließ einen lang­ge­zo­ge­nen Pfiff er­tö­nen. „Da liegt’s, In­spek­ter!“ sagte er. „Ich weiß, Ihr hört’s nicht gern; aber die Jun­ker, wenn sie jung sind, haben schon mit­un­ter sol­che Mu­cken; Euer Jun­ker Wolf ist ja der­zu­ma­len auch bei dem Wart­burg­stan­ze mit ge­we­sen.“

Der Alte sagte nichts dar­auf; aber der Wirt wußte noch Wei­te­res zu er­zäh­len, als wenn seine klu­gen Els­tern ihm’s von allen Sei­ten zu­ge­tra­gen hät­ten.—Hier aus der Ge­gend soll­te der Frem­de sein; aber drü­ben bei den Preu­ßen hatte man ihn jah­re­lang in einem dun­keln Ker­ker­loch ge­hal­ten; weder die Sonne noch die Ster­ne der Nacht hatte er dort ge­se­hen; nur der qual­mi­ge Schein einer Tran­lam­pe war ihm ver­gönnt ge­we­sen; dabei hatte er ohne Kunde, ob Mor­gen oder Mit­ter­nacht, tag­aus, tag­ein ge­ses­sen und viele dicke Bü­cher durch­stu­diert.

„Aber Kas­per-Ohm“, sagte der Krä­mer und hielt dem Wirte seine of­fe­ne Ta­baks­do­se hin, „Ihr seid doch nicht etwa wie­der in einen Grenz­pro­zeß verz­wir­net?“

„Ich? Wie meint Ihr das, Pfef­fers?“

„Nun, ich dach­te, Ihr wärt wie­der ein­mal in der Stadt bei dem
Win­kel­ad­vo­ka­ten, dem Ak­tua­ri­ats­schrei­ber, ge­we­sen, bei dem man für die
Kos­ten die Lügen schef­fel­weis drauf­zu­be­kommt.“
Kas­per-Ohm nahm die dar­ge­bo­te­ne Prise. „Ja, ja, Pfef­fers“, sagte er, einen Blick durchs Fens­ter wer­fend, „wenn sie einen nicht in Frie­den leben las­sen! Hört ein­mal, wie die armen Heis­ters schrei­en!“

„Frei­lich, Kas­per-Ohm. Aber wie ging’s denn wei­ter mit dem Herrn
Bo­ta­ni­kus?“
„Mit dem?—Nun, glaubt es oder nicht! Eines Tages ist er plötz­lich zu Hause an­ge­kom­men; aber es ist für ihn doch immer noch zu früh ge­we­sen; denn als er mit sei­nen blin­den Augen über die Stra­ße stol­pert, wird er von einer Kar­rio­le zu Boden ge­fah­ren, die eben lus­tig über das Pflas­ter ras­selt.“

„Das ver­damm­te Ge­ja­ge!“ rief der Krä­mer.

„Ja, ja, Pfef­fers; Ihr kennt das nicht, Ihr seid ein le­di­ger Mensch; aber der Herr und die feine Dame, die darin saßen, konn­ten nicht zwi­schen die Pfer­de­oh­ren hin­durch­se­hen; sie hat­ten zu­viel an ihren ei­ge­nen Augen zu be­ob­ach­ten.“

„Und hatte er Scha­den ge­nom­men, der arme Herr?“

„Nein, Pfef­fers, nein, das nicht! Aber es ist seine ei­ge­ne Frau ge­we­sen, die Dame, die mit dem Baron in der Kar­rio­le saß.“

Der Krä­mer ließ wie­der sei­nen lan­gen Pfiff er­tö­nen. „Das ist ’ne Sache; so ist er ver­hei­ra­tet ge­we­sen, als die Preu­ßen ihn ge­fan­gen haben! Nun, die Frau wird er wohl nicht mit sich brin­gen!“

„Soll­te man nicht glau­ben“, mein­te Kas­per-Ohm; „denn er soll sich’s noch einen mei­len­lan­gen Pro­zeß haben kos­ten las­sen, um nur den Kopf aus die­sem Ehe­kno­ten frei­zu­krie­gen.“

„Und der Baron, was ist mit dem ge­wor­den?“

„Den Baron, Pfef­fers? Den hat er to­ge­schos­sen, und dann ist er in die weite Welt ge­gan­gen, um sich all den Ver­druß an den Füßen wie­der ab­zu­lau­fen. Nein, Freund­chen, die feine Dame wird er wohl nicht mit her­brin­gen, aber die alte taube Wieb Le­we­renz aus Eue­rer Stadt, und das ist auch eine gute Frau. Sie hat ihren Dienst als Wai­sen­mut­ter quit­tiert und kommt nun auf ihre alten Tage in den Nar­ren­kas­ten.“

Der In­spek­tor war in­zwi­schen auf­ge­stan­den.—“Schwatzt Ihr und der Teu­fel!“ sagte er, indem er la­chend auf die bei­den an­dern her­ab­sah; dann trank er sein Glas aus und schritt, den schwe­ren Schlüs­sel in der Hand, zur Tür hin­aus.—Unter dem Eich­baum durch, auf wel­chem der Falke von dem indes er­ober­ten Neste auf ihn her­ab­sah, ging er aus dem Ge­höf­te auf den Weg hin­aus, wel­cher hier, vom Nor­den­de des Dor­fes, zwi­schen dicht mit Ha­sel­nuß­bäu­men be­wach­se­nen Wäl­len auf die Haupt­land­stra­ße hin­aus­führ­te. Schon auf der Mitte des­sel­ben aber bog er durch eine Lücke des Wal­les nach links in einen Fuß­weg ein; in der schon drü­cken­den Sonne schritt er auf die­sem über ei­ni­ge grüne, wel­len­för­mig sich er­he­ben­de Saat­fel­der einer mit Ei­chen­busch be­setz­ten Moor­stre­cke zu, hin­ter wel­cher in brei­tem Zuge und noch in dem bläu­li­chen Duft des Mor­gens ein aus Ei­chen und statt­li­chen Bu­chen ge­misch­ter Laub­wald seine wei­chen Li­ni­en gegen den blau­en Him­mel ab­zeich­ne­te. Der Alte trock­ne­te mit sei­nem Tuch den Schweiß sich von der Stirn, als er end­lich in diese küh­len Schat­ten ein­trat; über ihm aus einer hohen Baum­kro­ne schmet­ter­te eine Sing­dros­sel ihren Ge­sang ins weite Land hin­aus.

Ein Vier­tel­stünd­chen moch­te er so ge­wan­dert sein, und der ihn um­ge­ben­de Laub­wald hatte in­zwi­schen einem Tan­nen­fors­te Platz ge­macht, als sich, aus einem Sei­ten­stei­ge kom­mend, zwei an­de­re Wan­de­rer zu ihm ge­sell­ten.

„Geht’s denn recht hier nach dem Nar­ren­kas­ten?“

Ein Bau­er­bur­sche frag­te es, der einem zwar ein­fach, aber städ­tisch ge­klei­de­ten Mäd­chen ihren Kof­fer nachtrug.

Der Alte nick­te. „Ihr könnt nur mit mir gehen.“

„Aber ich will zum Wald­win­kel“, sagte das Mäd­chen.

„Wird wohl auf eins hin­aus­lau­fen. Wenn Sie im Wald­win­kel was zu be­stel­len haben, so ist’s schon rich­tig hier.“

„Ich ge­hö­re dort zum Hause“, er­wi­der­te sie.

Der Alte, der bis­her sei­nen Weg ruhig fort­ge­setzt hatte, wand­te sich nach ihr zu­rück, und seine Augen blick­ten immer mun­te­rer, wäh­rend er sich das junge Wesen ansah. „Nun“, sagte er, „die Frau Le­we­renz hätte ich mir, so zu ver­ste­hen, um ein paar Jähr­chen älter vor­ge­stellt.“

Aber das Mäd­chen schien für sol­che Späße wenig ein­ge­nom­men. Sie sah ihn mit ihren grau­en Augen an und sagte: „Ich heiße Fran­zis­ka Fed­ders. Die Frau Le­we­renz wird wohl mit dem Herrn schon dort sein.“

„Da irren Sie denn doch, Mam­sell­chen“, mein­te der Alte, indem er mit der einen Hand vor ihr den Hut zog und mit der an­dern ihr den gro­ßen Schlüs­sel zeig­te; „die Herr­schaft kommt erst heute abend; aber Ein­laß sol­len Sie drum doch schon be­kom­men.“

Sie stutz­te; aber nur einen Au­gen­blick ruhte der Zei­ge­fin­ger an der Lippe.
„Es ist gut“, sagte sie, „es paßte nicht an­ders mit dem Fuhr­mann; las­sen Sie uns gehen, Herr In­spek­tor!“
Und so wan­der­ten sie auf dem schat­ti­gen, mit tro­cke­nen Tan­nen­na­deln be­streu­ten Stei­ge mit­ein­an­der fort; immer rie­si­ger wur­den die Föh­ren, die zu bei­den Sei­ten auf­stie­gen und ihre Zwei­ge über sie hin­streck­ten. Plötz­lich öff­ne­te sich das Di­ckicht; eine mit Wie­sen­kräu­tern be­wach­se­ne, mul­den­ar­ti­ge Ver­tie­fung, gleich dem Bette eines ver­las­se­nen Flus­ses, zog sich quer zu ihren Füßen hin, wäh­rend jen­seits auf der Höhe wie­der­um ein Ei­chen- und Bu­chen­wald seine Laub­mas­sen aus­brei­te­te. Nur ihnen ge­gen­über zeig­te sich eine Lücke, durch wel­che man bis zum Ho­ri­zont auf ein brau­nes Hei­de­land hin­aus­blick­te. Zur Lin­ken die­ser Durch­sicht aber, mit der an­dern Seite sich hart an den Wald hin­an­drän­gend, ragte ein altes Back­stein­ge­bäu­de, das durch sein hohes Dach ein fast tur­mar­ti­ges Aus­se­hen er­hielt; eine Mauer, über wel­cher nur die vier Fens­ter des obe­ren Stock­werks sicht­bar waren, trat, von den bei­den Ecken der Front aus­lau­fend, in ova­ler Run­dung fast an den Rand der Wie­sen­mul­de hin­aus.

Der Alte, der wäh­rend des Ge­hens Fran­zis­ka von sei­nen Ein­zugs­mü­hen un­ter­hal­ten hatte, war ste­hen­ge­blie­ben und wies schwei­gend nach dem mit schwe­rem Me­tall­be­schlag be­deck­ten Tore, das sich ge­gen­über in der Mitte der Mauer zeig­te. Ober­halb des­sel­ben in einer Sand­stein­ver­zie­rung be­fand sich eine In­schrift, deren einst ver­gol­de­te Buch­sta­ben bei dem schar­fen Son­nen­lich­te auch aus der Ferne noch er­kenn­bar waren. „Wald­win­kel“ buch­sta­bier­te Fran­zis­ka.

„Oho, Phy­lax!“ rief der In­spek­tor. „Hören Sie ihn, Mam­sell­chen; er hat schon mei­nen Schritt er­kannt!“

Aus dem ver­schlos­se­nen Hofe drü­ben hatte sich das Bel­len eines Hun­des hören las­sen; zu­gleich erhob sich von einem Ei­chen­as­te, der aus dem Walde auf das Dach hin­über­lang­te, ein gro­ßer Raub­vo­gel und kreis­te jetzt, sei­nen wil­den Schrei aus­sto­ßend, hoch über dem ein­sa­men Bau­werk.

Sie waren indes auf der kaum noch sicht­ba­ren Fort­set­zung des Wald­stei­ges in die Wie­sen­mul­de hin­ab­ge­gan­gen. Die nach Süden ge­le­ge­ne Front­sei­te des immer näher vor ihnen auf­stei­gen­den Ge­bäu­des war von der Sonne hell be­leuch­tet, sogar an den Dra­chen­köp­fen der Was­ser­rin­nen, wel­che un­ter­halb des Da­ches gegen den Wald hin­aus­rag­ten, sah man die Reste eins­ti­ger Ver­gol­dung schim­mern. Von den bei­den Wet­ter­fah­nen, mit wel­chen an den End­punk­ten die kurze First des Da­ches ge­ziert war, hatte die eine sich fast ganz im grü­nen Laub ver­steckt, wäh­rend die an­de­re sich re­gungs­los am blau­en Him­mel ab­zeich­ne­te.

Und jetzt war das jen­sei­ti­ge Ufer er­stie­gen, und der In­spek­tor hatte den Schlüs­sel in dem Boh­len­to­re um­ge­dreht.
Ein schat­ti­ger, mit Stein­plat­ten aus­ge­leg­ter Hof emp­fing sie, wäh­rend der Pudel mit Freu­den­sprün­gen an sei­nem Herrn em­por­streb­te.—Zur Lin­ken des Ein­gangs war ein stei­ner­ner Brun­nen, neben dem ein au­gen­schein­lich neu an­ge­fer­tig­ter, mit Was­ser ge­füll­ter Eimer stand; an der Mauer des Hau­ses, an wel­cher eben der Son­nen­schein hina­b­rück­te, wu­cher­ten hohe, mit Knos­pen über­sä­te Ro­sen­bü­sche; die zu bei­den Sei­ten der Haus­tür auf den Hof ge­hen­den Fens­ter wur­den fast davon be­deckt. „Der alte Herr“, sagte der In­spek­tor, „hat sie sel­ber noch ge­pflanzt.“

Dann tra­ten sie über ein paar Stu­fen in das Haus.—Zur Lin­ken des Flurs lag die Küche; zur Rech­ten ein ein­fenst­ri­ges Zim­mer, des­sen Aus­rüs­tung schon die künf­ti­ge Be­woh­ne­rin er­ken­nen ließ. Zwar das hohe Bett­ge­rüst dort ent­behr­te noch des Um­han­ges wie des schwel­len­den In­halts; aber in der Ecke stan­den Spinn­rad und Has­pel, und über der alt­frän­ki­schen Kom­mo­de hing ein des­glei­chen Spie­gel­chen, hin­ter wel­chem nur noch die kreuz­weis auf­ge­steck­ten Pfau­en­fe­dern fehl­ten. „Also, das ist nicht Ihr Zim­mer, Mam­sell­chen!“ sagte der Alte, noch ein­mal einen Scherz ver­su­chend.

Als er keine Ant­wort er­hielt, deu­te­te er auf sei­nen Pudel, der lus­tig die zum obe­ren Stock­werk füh­ren­de Trep­pe hin­auf­sprang. „Fol­gen wir ihm!“ sagte er, „dort hin­ten sind nur noch die Vor­rats­kam­mern.“

Oben an­ge­kom­men, schloß er die Tür zu einem mäßig gro­ßen Zim­mer auf, das bis auf die Vor­hän­ge völ­lig ein­ge­rich­tet schien. Die bei­den Fens­ter, mit denen es über die Wie­sen­mul­de auf den Tan­nen­wald hin­aus­sah, waren die mitt­le­ren von den vie­ren, wel­che sie von drü­ben aus er­blickt hat­ten. Vor dem zur Lin­ken stand ein weich­ge­pols­ter­ter Oh­ren­lehn­stuhl, an der Sei­ten­wand des an­dern ein Schreib­tisch mit vie­len Fä­chern und Schieb­la­den; neben die­sem, be­reits im Tick-tack ihren Pen­del schwin­gend, hing eine klei­ne Ku­ckucks­uhr, wie sie so zier­lich weit dro­ben im Schwarz­wal­de ver­fer­tigt wer­den. Eine alt­mo­di­sche, aber noch wohl­er­hal­te­ne Ta­pe­te, mit rot und vio­lett blü­hen­dem Mohn auf dun­kel­brau­nem Grund, be­klei­de­te die Wände.

Schwei­gend, aber auf­merk­sam be­trach­te­te Fran­zis­ka alles, wäh­rend sie dem Alten die Fens­ter­flü­gel öff­nen half.
Zu jeder Seite die­ses Blu­men­zim­mers, und durch eine Tür damit ver­bun­den, lag ein schma­le­res; beide nur mit einem Fens­ter auf den Tan­nen­wald hin­aus­ge­hend. In dem zur Lin­ken be­fan­den sich außer ei­ni­gen Stüh­len nur noch ein ei­ser­nes Feld­bett und ein paar hohe Rei­se­kof­fer. Fran­zis­ka warf nur einen flüch­ti­gen Blick hin­ein, wäh­rend ihr Füh­rer schon die Tür des ge­gen­über­lie­gen­den ge­öff­net hatte,

„Und nun gibt’s was zu lesen!“ rief die­ser. „Der Herr Dok­tor ist selbst hier außen ge­we­sen und hat einen gan­zen Tag da drin ge­ses­sen.“

Und wirk­lich, es war eine statt­li­che Haus­bi­blio­thek, die hier in sau­be­rem Ein­band auf of­fe­nen Re­ga­len an den Wän­den auf­ge­stellt war. Aber wäh­rend das Mäd­chen einen Band von Okens „Isis“ her­aus­zog, der ihr aus des Ma­gis­ters Pen­sio­nat be­kannt war, hatte der Alte dem Fens­ter ge­gen­über schon eine wei­te­re Tür er­schlos­sen.

Das Zim­mer, in wel­ches sie hin­ein­führ­te, lag gegen Wes­ten und im Ge­gen­satz zu den son­ni­gen Räu­men der Vor­der­sei­te noch in der Schat­ten­däm­me­rung des un­mit­tel­bar daran gren­zen­den Wal­des.

„Sie müs­sen nicht er­schre­cken, Mam­sell­chen“, sagte der Alte, indem er auf ein Ei­sen­git­ter zeig­te, womit das ein­zi­ge Fens­ter nach außen hin ver­se­hen war. „Es ist kein Ge­fäng­nis, son­dern auch nur so eine Lieb­ha­be­rei vom alten Herrn ge­we­sen.“

„Ich er­schre­cke nicht so leicht“, sagte das Mäd­chen, indem sie, ihm nach, über die Schwel­le trat.

„Nun, so wol­len wir den Bur­schen Ihr Ge­päck her­auf­brin­gen las­sen; denn dort das Bett­chen und das Jung­fern­spie­gel­chen hier auf der Kom­mo­de wer­den doch wohl für Sie dahin be­or­dert sein.“

Als Fran­zis­ka ihre Sa­chen in Emp­fang ge­nom­men und den Bur­schen ab­ge­lohnt hatte, mein­te der Alte: „Und jetzt, Mam­sell­chen, werd ich Sie ins Dorf zu­rück­be­glei­ten; es ist zwar ein Stünd­chen Wan­dern, aber einen guten Ei­er­ku­chen wird Ihnen Kas­pers Mar­g­ret schon zu Mit­tag ba­cken, und gegen Abend wird der Herr Dok­tor dort zu Wagen ein­keh­ren, um von mir den Schlüs­sel in Emp­fang zu neh­men.“

Al­lein das Mäd­chen schüt­tel­te den Kopf. „Ich bin nun ein­mal hier; zu essen hab ich noch in mei­ner Rei­se­ta­sche.“

Der Alte rieb sich das bär­ti­ge Kinn mit sei­ner Hand. „Aber ich werde Sie ein­schlie­ßen müs­sen; ich muß dem Herrn Dok­tor selbst den Schlüs­sel über­lie­fern.“

„Schlie­ßen Sie nur, Herr In­spek­tor!“

„Hm!—Soll ich Ihnen auch den Phy­lax hier­las­sen?“

„Den Phy­lax? Wes­halb das? Da könnt’s am Ende doch noch auf eine
Hun­gers­not hin­aus­lau­fen.“
„Nun, nun; ich dach­te nur; er ist so un­ter­halt­sam.“

„Aber ich habe keine Lan­ge­wei­le.“

„Ja, ja; Sie haben recht.“

„Also, Herr In­spek­tor!“

„Also, Mam­sell­chen, soll ich schlie­ßen?“

Sie nick­te ernst­haft; dann, ruhig hin­ter ihm her­schrei­tend, be­glei­te­te sie den Alten auf den Hof hinab. Als die­ser aus der Ring­mau­er hin­aus­ge­tre­ten und das schwe­re Tor hin­ter ihr ab­ge­schlos­sen war, flog sie be­hen­de in das Haus zu­rück. Mit dem Kopf an den Fens­ter­bal­ken leh­nend, blick­te sie dro­ben vom Wohn­zim­mer aus dem Fort­ge­hen­den nach, der eben durch die Kräu­ter an der jen­sei­ti­gen Höhe em­por­schritt. Als er nebst sei­nem Hunde drü­ben zwi­schen den Föh­ren ver­schwun­den war, trat sie in die Mitte des Zim­mers zu­rück; sie erhob ihre klei­ne Ge­stalt auf den Zehen, at­me­te tief auf, und lang­sam um sich bli­ckend, drück­te sie beide Hände auf ihr Herz. Ein zu­frie­de­nes Lä­cheln flog über das in die­sem Au­gen­bli­cke be­son­ders scharf ge­zeich­ne­te Ge­sicht­chen.

Gleich dar­auf ging sie durch die Bi­blio­thek in ihre Kam­mer, wohin nun auch der Son­nen­schein den Weg ge­fun­den hatte. Vor den Spie­gel tre­tend, löste sie ihre schwe­ren Flech­ten, daß das dun­kel­blon­de Haar wie Wel­len an ihr her­ab­flu­te­te. So knie­te sie vor ihren Kof­fer hin, kram­te zwi­schen ihren Hab­se­lig­kei­ten und räum­te sie in die lee­ren Schub­la­den der Kom­mo­de. Ein Käst­chen mit Saft­far­ben, Pin­seln und Zei­chen­stif­ten, ei­ni­ge Blät­ter mit nicht un­ge­schick­ten Blu­men­ma­le­rei­en waren dabei auch zum Vor­schein ge­kom­men. Als alles ge­ord­net war, flocht sie sich das Haar aufs neue und klei­de­te sich dann so zier­lich, als der mit­ge­brach­te Vor­rat es nur ge­stat­ten woll­te.

Wie bei­läu­fig hatte sie in­zwi­schen ein paar But­ter­bröt­chen aus ihrer Rei­se­ta­sche ver­zehrt; jetzt, als müsse sie in­ner­halb die­ser Mau­ern jedes Fleck­chen ken­nen­ler­nen, schlüpf­te sie auf leich­ten Füßen noch ein­mal durch das ganze Haus; durch alle Zim­mer, in die Küche, in den von dort hin­ab­füh­ren­den Kel­ler; dann stieg sie auf einer bald von ihr er­späh­ten Trep­pe auf den Haus­bo­den, über wel­chem hoch und düs­ter sich das Dach erhob. Es husch­te etwas an ihr vor­bei, es moch­te ein Iltis oder ein Mar­der ge­we­sen sein; sie ach­te­te nicht dar­auf, son­dern tapp­te sich nach einer der ins­ge­samt ge­schlos­se­nen Luken und rüt­tel­te daran, bis sie auf­flog. Es war die Hin­ter­sei­te des Da­ches, und unter ihr un­ab­seh­bar dehn­te sich die Heide aus, immer brei­ter aus dem Walde her­aus­wach­send.

Hier in dem dun­keln Rah­men der Dach­öff­nung kau­er­te sie sich nie­der; nur ihre grau­en Fal­ken­au­gen schweif­ten leb­haft hin und her, bald zur Seite über die in der Mit­tags­glut wie schlum­mernd ru­hen­den Wäl­der, bald hinab auf die kar­gen Rä­der­spu­ren, wel­che über die Heide zu der so­eben von ihr ver­las­se­nen Welt hin­aus­lie­fen.

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In der Zeit, die hier­auf folg­te, er­fuhr das Wild in der Um­ge­bung des „Nar­ren­kas­tens“ eine ihm dort ganz un­ge­wohn­te Be­un­ru­hi­gung in der Stil­le sei­nes Som­mer­le­bens. Aus den Kräu­tern der jun­gen Tan­nen­scho­nung springt plötz­lich der Hirsch empor und stürmt, nicht ach­tend sei­nes knos­pen­den Ge­wei­hes, in das nahe Wal­des­di­ckicht; drau­ßen im Moor­grund flie­gen zwei stahl­blaue Birk­häh­ne gluck­send in die Höhe, die seit Jah­ren hier un­be­hel­ligt ihre Tänze auf­füh­ren durf­ten; selbst Meis­ter Rei­ne­ke bleibt nicht un­ge­stört.

In einem alten Rie­sen­hü­gel hat er sein Ma­le­par­tus auf­ge­schla­gen und sitzt jetzt in der war­men Mit­tags­son­ne vor einem sei­ner Aus­gän­ge, bald be­hag­lich nach den über der Heide spie­len­den Mü­cken blin­zelnd, bald auf seine jun­gen Füchs­lein schau­end, die um ihn her ihre ers­ten Pur­zel­bäu­me ver­su­chen. Da plötz­lich streckt er den Kopf und be­wegt hor­chend seine spit­zen Ohren; drü­ben, vom Saum des Bu­chen­wal­des, hat die Luft einen un­ge­hö­ri­gen Laut ihm zu­ge­tra­gen.

Ei­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter schrei­tet ein nicht mehr jun­ger, aber kräf­ti­ger Mann über die Heide; ein gro­ßer, lö­wen­gel­ber Hund springt ihm vor­aus und steckt die Schnau­ze in den Ein­gang des Hü­nen­gra­bes, durch wel­chen kurz vor­her der Fuchs und seine Brut ver­schwun­den sind; doch sein Herr ruft ihn zu­rück, und er ge­horcht ihm au­gen­blick­lich. Sie kom­men eben aus dem Walde; jetzt schrei­ten sie wei­ter über die Heide; bald wer­den sie zu­sam­men dort den Sumpf durch­wa­ten. Sie sind un­zer­trenn­lich, sie tun das alle Tage; aber die Tiere brau­chen sich vor ihnen nicht zu fürch­ten; denn der Hund hat nur Augen für sei­nen Herrn und die­ser nur für die stil­le Welt der Pflan­zen, wel­che, ein­mal auf­ge­fun­den, sei­ner Hand nicht mehr ent­flie­hen kön­nen; heute sind es be­son­ders die Moose und ei­ni­ge Zwerg­bil­dun­gen des Bin­sen­ge­schlechts; die er un­barm­her­zig in seine grüne Kap­sel sperrt.

Mit­un­ter geht auch ein Mäd­chen an sei­ner Seite; doch dies ge­schieht nur sel­ten und bei kür­ze­ren Wan­de­run­gen. Meis­tens ist sie drü­ben an der Wie­sen­mul­de, hin­ter den hohen Mau­ern des „Wald­win­kels“; dort geht sie in Küch und Kel­ler einer alten Frau zur Hand, deren gut­mü­ti­ges Ge­sicht schon durch die Ein­för­mig­keit sei­nes Aus­drucks eine lang­jäh­ri­ge Taub­heit ver­ra­ten würde, wenn dies nicht noch deut­li­cher durch ein Höhr­rohr ge­schä­he, das sie wie ein Jä­ger­hörn­chen am Bande über der Schul­ter trägt. Das Mäd­chen weiß, daß die Alte einst die Wär­te­rin ihres jet­zi­gen Herrn ge­we­sen ist; sie zeigt sich ihr über­all ge­fäl­lig und sucht ihr alles an den Augen ab­zu­se­hen.—An­ders steht sie mit dem Herrn sel­ber; er hat kei­nen Blick wie­der von ihr er­hal­ten wie da­mals in der Ge­richts­stu­be, als er der Ak­tu­ar des Bür­ger­meis­ters war, so un­ge­dul­dig er auch oft dar­auf zu war­ten scheint. Zu­wei­len, wenn sie nach dem Mit­tags­ti­sche die Zim­mer oben ge­ord­net hat, was stets mit pünkt­li­cher Sau­ber­keit ge­schieht, sitzt sie auch wohl am Fens­ter des klei­nen Bi­blio­theks­zim­mers und malt auf bräun­li­che Pa­pier­blätt­chen eine Rispe oder einen Blü­tens­ten­gel, den der Dok­tor al­lein oder sie mit ihm aus der Wild­nis drau­ßen heim­ge­bracht hat. Die­ser selbst steht dann oft lange neben ihr und blickt schwei­gend und wie ver­zau­bert auf die klei­ne, reg­sa­me Hand.

So war es auch eines Nach­mit­tags, da schon man­che Woche ihres Zu­sam­men­le­bens hin­ge­flos­sen war. Er hatte einen Strauß aus Woll­gras und ges­tern­tem Bä­ren­lauch vor ihr zu­recht­ge­legt, und sie war emsig be­schäf­tigt, ihn aufs Pa­pier zu brin­gen. Mit­un­ter hatte er ein kur­zes Wort zu ihr ge­spro­chen, und sie hatte eben­so und ohne auf­zu­bli­cken ihm ge­ant­wor­tet.

„Aber sind Sie denn auch gern hier­her­ge­kom­men?“ frag­te er jetzt.

„Gewiß! Wes­halb denn nicht? Bei dem Schus­ter roch das ganze Haus nach
Leder; und Bet­tel­leu­te waren es auch.“
„Bet­tel­leu­te?—Wes­halb spre­chen Sie so hart. Fran­zis­ka?“—Es schien, als wenn er ihr zu zür­nen suche; aber er ver­moch­te es schon längst nicht mehr. Eine Weile ließ er seine Augen auf ihr ruhen, wäh­rend sie eif­rig an einem Blätt­chen fort­schat­tier­te; als keine Ant­wort er­folg­te, sagte er: „Ich bin kein Bet­tel­mann, aber ein­sam ist es hier für Sie.“

„Das hab ich gern“, er­wi­der­te sie leise und tauch­te wie­der den Pin­sel in die Farbe.

Neben ihr auf dem Ti­sche lagen meh­re­re fer­ti­ge Blätt­chen; er nahm eines der­sel­ben, auf dem eine Blüte der Cor­nus su­e­ci­ca ge­malt war, und schrieb mit Blei­stift dar­un­ter:

Eine andre Blume hatt ich ge­sucht—
Ich konn­te sie nim­mer fin­den;
Nur da, wo zwei bei­sam­men sind,
Taucht sie empor aus den Grün­den.

Er hatte das so be­schrie­be­ne Blatt vor sie hin­ge­legt; aber sie warf nur einen ra­schen Blick dar­auf und schob es dann, ohne auf­zu­se­hen, wie­der unter die an­dern Blät­ter, indem sie sich tief auf ihre Zeich­nung bück­te.

Noch eine Weile stand er neben ihr, als könne er nicht fort; da sie aber schwei­gend in ihrer Ar­beit fort­fuhr, so pfiff er sei­nem Hunde und schritt mit die­sem in den Wald hin­aus.

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Es war ihm selt­sam er­gan­gen mit dem Mäd­chen. In au­gen­blick­li­cher Laune, fast ge­dan­ken­los, hatte er sie in den Kreis sei­nes Le­bens hin­ein­ge­zo­gen; eine Zutat nur, eine Be­rei­che­rung für die ein­för­mi­gen Tage hatte sie ihm sein sol­len;—und wie an­ders war es nun ge­wor­den! Frei­lich, die alte Frau Wieb, für die trotz ihrer Taub­heit die Welt kein stö­ren­des Ge­heim­nis barg, ver­moch­te es nicht zu sehen; aber selbst der lö­wen­gel­be Hund sah es, daß sein Herr in den Bann die­ses frem­den Kin­des ge­ra­ten, daß er ihr ganz ver­fal­len sei; denn mehr wie je dräng­te er sich an ihn und blick­te ihn mit fast vor­wurfs­vol­len Augen an. Lange waren sie zweck- und ziel­los mit­ein­an­der um­her­ge­streift; jetzt, da schon die Däm­me­rung in den Wald her­ab­sank, la­ger­ten Herr und Hund un­weit des Fuß­stei­ges unter einem gro­ßen Ei­chen­baum, in dem um diese Zeit die Ne­bel­krä­hen sich zu ver­sam­meln pfleg­ten, bevor sie zu ihren noch ab­ge­le­ge­ne­ren Schlaf­plät­zen flo­gen.

Der Dok­tor hatte den Kopf gegen einen moos­be­wach­se­nen Gra­nit­block ge­lehnt, auf dem Fran­zis­ka sich ei­ni­ge Male aus­ge­ruht, wenn sie mit ihm von einem Aus­flu­ge hier vor­bei­ge­kom­men war. Seine Augen blick­ten in das Geäst des Bau­mes über ihm, wo Vogel um Vogel nie­der­rausch­te, wo sie durch­ein­an­der­hüpf­ten und krächz­ten, als hät­ten sie die Chro­nik des Tages mit­ein­an­der fest­zu­stel­len; aber die schwarz­grau­en Ge­sel­len küm­mer­ten ihn im Grun­de wenig; durch seine Phan­ta­sie ging der leich­te Tritt eines Mäd­chens, des­sel­ben, deren müde Füß­chen noch vor kur­zem an die­sem Stein her­ab­ge­han­gen hat­ten, gegen den er jetzt sei­nen grü­beln­den Kopf drück­te.

Was hatte eine Be­tö­rung über ihn ge­bracht, wie er sie nie im Leben noch emp­fun­den hatte?—Alles an­de­re, was er ein hal­bes Leben lang wie ein un­er­träg­li­ches Leid mit sich um­her­ge­schleppt, es war wie aus­ge­löscht, er be­griff es fast nicht mehr. War es nur der Tau­mel, nach einem letz­ten Ju­gend­glück zu grei­fen? Oder war es das Ge­heim­nis jener jun­gen Augen, die mit­un­ter plötz­lich in jähe Ab­grün­de hin­ab­zu­bli­cken schie­nen?—So man­ches hatte er an ihr be­merkt, das sei­nem Wesen wi­der­sprach; es blitz­ten Här­ten auf, die ihn em­pör­ten, es war eine Selb­stän­dig­keit in ihr, die fast ver­ach­tend jede Stüt­ze ab­wies. Aber auch das ließ ihm keine Ruhe; es war ein Feind­se­li­ges, das ihn zum Kampf zu for­dern schien, ja von dem er zu ahnen glaub­te, es werde, wenn er es be­zwun­gen hätte, mit desto hei­ße­ren Lie­bes­kräf­ten ihn um­fan­gen.

Er war auf­ge­sprun­gen; er streck­te die Arme mit ge­ball­ten Fäus­ten in die leere Luft, als müsse er seine Seh­nen prü­fen, um so­gleich auf Leben und Tod den Kampf mit der ge­lieb­ten Fein­din zu be­ste­hen.

Über ihm in der Eiche rausch­ten noch immer die Vögel durch­ein­an­der; da schlug der Hund an, und die ganze Schar erhob sich mit lau­tem Kräch­zen in die Luft. Aber aus dem Walde hörte er ein an­de­res Ge­räusch; klei­ne leich­te Schrit­te waren es, die eilig näher kamen, und bald ge­wahr­te er zwi­schen den Baum­stäm­men das Flat­tern eines Frau­en­klei­des. Er drück­te die Faust gegen seine Brust, als könn­te er das ra­sen­de Klop­fen sei­nes Blu­tes damit zu­rück­drän­gen.

Atem­los stand sie vor ihm.

„Fran­zis­ka!“ rief er. „Wie blaß Sie aus­se­hen!“

„Ich bin ge­lau­fen“, sagte sie, „ich habe Sie ge­sucht.“

„Mich, Fran­zis­ka? Es wird schon dun­kel hier im Walde.“

Sie moch­te die Ant­wort, nach der ihn dürs­te­te, in sei­nem Ant­litz lesen; aber sie sagte ein­fach—und es war der Ton der Die­ne­rin, wel­che ihrem Herrn eine Be­stel­lung aus­rich­tet: „Es ist je­mand da, der Sie zu spre­chen wünscht.“

„Der mich zu spre­chen wünscht, Fran­zis­ka?“

Sie nick­te. „Es ist der Vor­mund, der Schus­ter“, sagte sie be­klom­men, als fühle sie das Pech an ihren Fin­gern.

„Ihr Vor­mund! Was kann der von mir wol­len?“

„Ich weiß es nicht; aber ich habe Angst vor ihm.“

„So kom­men Sie, Fran­zis­ka!“

Und rasch schrit­ten sie den Weg zu­rück.—Es war ein un­ter­setz­tes Männ­lein mit wenig in­tel­li­gen­tem, stumpf­na­si­gem Ant­litz, das in dem Stüb­chen der Frau Le­we­renz auf sie ge­war­tet hatte. Ri­chard führ­te ihn nach dem Wohn­zim­mer hin­auf, wohin Fran­zis­ka schon vor­an­ge­gan­gen war.
„Nun, Meis­ter, was wün­schen Sie von mir?“ sagte er, indem er sich auf den
Ses­sel vor sei­nem Schreib­tisch nie­der­ließ.
Der Hand­wer­ker, der trotz des an­ge­bo­te­nen Stuh­les wie ver­le­gen an der Tür ste­hen blieb, brach­te zu­erst in ziem­li­cher Ver­wor­ren­heit ei­ni­ge Re­dens­ar­ten vor, mit denen er die Ver­an­las­sung sei­nes heu­ti­gen Be­su­ches zum vor­aus zu ent­schul­di­gen such­te. End­lich aber kam er doch zur Haupt­sa­che. Ein alter Bä­cker­meis­ter, reich—sehr reich und ohne Kin­der, woll­te Fran­zis­ka zu sich neh­men; er hatte fal­len las­sen, daß er sie sogar in sei­nem Tes­ta­ment be­den­ken werde, wenn sie treu­lich bei ihm aus­hal­te; für ihn, den Vor­mund, sei es Ge­wis­sens­sa­che, ein sol­ches Glück für seine Mün­del nicht von der Hand zu wei­sen.

Ri­chard hatte, we­nigs­tens schein­bar, ge­dul­dig zu­ge­hört. „Ich muß Ihre Für­sorg­lich­keit an­er­ken­nen, Meis­ter“, sagte er jetzt, indem er ge­walt­sam seine Er­re­gung un­ter­drück­te; „aber Fran­zis­ka wird nicht schlech­ter ge­stellt sein in mei­nem Hause; ich bin be­reit, Ihnen die nö­ti­gen Ga­ran­ti­en dafür zu geben.“

Der Mann dreh­te eine Weile den Hut in sei­nen Hän­den. „Ja“, sagte er end­lich, „es wird denn doch nicht an­ders gehen.“

„Und wes­halb denn nicht?“

Er er­hielt keine Ant­wort; der An­ge­re­de­te blick­te mür­risch auf den Boden.

Das Mäd­chen hatte wäh­rend die­ser Ver­hand­lung laut- und re­gungs­los am Fens­ter ge­stan­den. Als Ri­chard jetzt den Kopf zu­rück­wand­te, sah er ihre gro­ßen grau­en Augen weit ge­öff­net; angst­voll, in fle­hen­der Hin­ge­bung, alles Sträu­ben von sich wer­fend, blick­te sie ihn an.

„Fran­zis­ka!“ mur­mel­te er. Einen Au­gen­blick war es to­ten­still im Zim­mer.

Dann wand­te er sich wie­der an den Vor­mund; sein Herz schlug ihm, daß er nur in Ab­sät­zen die Worte her­vor­brach­te. „Sie ver­schwei­gen mir den wah­ren Grund, Meis­ter“, sagte er, „er­klä­ren Sie sich offen, wir wer­den schon zu­sam­men fer­tig wer­den.“

Der an­de­re er­wi­der­te nur: „Ich habe nichts wei­ter zu er­klä­ren.“

Fran­zis­ka, die mit vor­ge­beug­tem Kopf und of­fe­nem Munde den bei­den zu­ge­hört hatte, war hin­ter des Dok­tors Stuhl ge­tre­ten. „Soll ich den Grund sagen, Vor­mund?“ frag­te sie jetzt; und aus ihrer Stim­me klang wie­der jener schnei­den­de Ton, der wie ein ver­bor­ge­nes Mes­ser dar­aus her­vor­schoß.

„Sagen Sie, was Sie wol­len!“ er­wi­der­te der Hand­wer­ker, seine Augen trot­zig auf die Seite wen­dend.

„Nun denn, wenn Sie es selbst nicht sagen wol­len—der Bä­cker­meis­ter hat eine Hy­po­thek auf Ihrem Hause; ich weiß, Sie wer­den jetzt von ihm ge­drängt!“

Ri­chard at­me­te auf. „Ist dem so?“ frag­te er.

Der Mann mußte es be­ja­hen.

„Und wie hoch be­läuft sich Ihre Schuld?“

Es wurde eine Summe an­ge­ge­ben, die für die Ver­hält­nis­se eines klei­nen
Hand­wer­kers im­mer­hin be­trächt­lich war.
„Nun, Meis­ter“, er­wi­der­te Ri­chard rasch; aber bevor er sei­nen Satz voll­enden konn­te, fühl­te er wie einen Hauch Fran­zis­kas Stim­me in sei­nem Ohr: „Nicht schen­ken! Bitte nicht schen­ken!“ Und eben­so leise, aber wie in Angst, fühl­te er sei­nen Arm von ihr um­klam­mert.

Er be­sann sich; er hatte sie so­fort ver­stan­den.

„Meis­ter“, be­gann er wie­der; „ich werde ihnen das Geld lei­hen; Sie kön­nen es so­fort er­hal­ten und brau­chen mir nur einen Schuld­schein aus­zu­stel­len. Ver­ste­hen Sie mich wohl—so­lan­ge Ihre Mün­del sich in mei­nem Hause be­fin­det, ver­lan­ge ich keine Zin­sen! Sind Sie das zu­frie­den?“

Der Mann hatte noch al­ler­lei Be­den­ken, aber es war nur des schick­li­chen Rück­zugs hal­ber; nach ei­ni­gem Hin- und Wi­der­re­den er­klär­te er sich damit ein­ver­stan­den.

„So ge­dul­den Sie sich einen Au­gen­blick! Ich werde Ihnen den er­for­der­li­chen Auf­trag an mei­nen An­walt mit­ge­ben.“
Fran­zis­ka hatte sich auf­ge­rich­tet; Ri­chard rück­te sei­nen Ses­sel an den Schreib­tisch. Man hörte die Feder krit­zeln; denn die Hand flog, die jene Worte schrieb.
Rasch war der Brief ver­sie­gelt und wurde von be­gie­ri­gen Hän­den in Emp­fang ge­nom­men.

Gleich dar­auf hatte Ri­chard den Mann zur Tür ge­lei­tet; Fran­zis­ka stand noch an der­sel­ben Stel­le. Wie ge­bannt, ohne sich zu rüh­ren, blick­ten beide auf die Tür, die sich eben wie­der ge­schlos­sen hatte; als käme es dar­auf an, sich der schwer­fäl­li­gen Schrit­te zu ver­si­chern, die jetzt lang­sam die Trep­pe hinab ver­hall­ten. Einen Au­gen­blick noch, und auch das Auf- und Zu­schla­gen der Haus­tür und nach einer Weile das des Hof­to­res klang zu ihnen her­auf.

Da wand­te er sich gegen sie. „Komm!“ sagte er leise und öff­ne­te die Arme.

Es mußte laut genug ge­we­sen sein; denn sie flog an seine Brust, und er preß­te sie an sich, als müsse er sie zer­stö­ren, um sie si­cher zu be­sit­zen. „Fran­zi! Ich bin krank nach dir; wo soll ich Hei­lung fin­den?“

„Hier!“ sagte sie und gab ihm ihre jun­gen roten Lip­pen.—Un­ge­hört von ihnen war die Zim­mer­tür zu­rück­ge­sprun­gen; ein schö­ner schwarz­gel­ber Hun­de­kopf dräng­te sich durch die Spal­te, und bald schritt das mäch­ti­ge Tier selbst fast un­hör­bar in das Zim­mer. Sie be­merk­ten es erst, als es den Kopf an die Hüfte sei­nes Herrn legte und mit den schö­nen brau­nen Augen wie an­kla­gend zu ihm auf­blick­te.

„Bist du ei­fer­süch­tig, Leo?“ sagte Ri­chard, den Kopf des Tie­res strei­chelnd; „armer Ka­me­rad, gegen die sind wir beide wehr­los.“—Auch auf die­sen Abend war die Nacht ge­folgt. Auf der Schwarz­wäl­der Uhr hatte eben der klei­ne Kunst­vo­gel zehn­mal unter Flü­gel­schla­gen sein „Ku­ckuck“ ge­ru­fen, und Ri­chard holte den gro­ßen Schlüs­sel aus sei­ner Schlaf­kam­mer, um, wie jeden Abend, das Hof­tor in der Mauer ab­zu­schlie­ßen.

Als unten auf dem Flur Fran­zis­ka aus der Küche trat, hasch­te er im Dun­keln ihre Hand und zog sie mit sich auf den Hof hinab. Schwei­gend häng­te sie sich an sei­nen Arm. So blick­ten sie aus dem ge­öff­ne­ten Tor noch eine Weile in die Nacht hin­aus.

Es stürm­te; die Tan­nen saus­ten, hin­ter dem Wald her­auf jagte schwar­zes Ge­wölk über den blei­chen Him­mel; aus dem Di­ckicht scholl das Ge­heul des gro­ßen Wald­kau­zes. Das Mäd­chen schau­der­te. „Hu, wie das wüst ist!“

„Du, hast du Furcht?“ sagte er. „Ich dach­te, du könn­test dich nicht grau­en.“

„Doch! jetzt!“ Und sie dräng­te ihren Kopf an seine Brust.

Er trat mit ihr zu­rück und warf den schwe­ren Rie­gel vor die Pfor­te; von oben aus den Fens­tern fiel der Lam­pen­schim­mer in den um­schlos­se­nen Hof hinab. „Der nächt­li­che Graus bleibt drau­ßen!“ sagte er.

Sie lach­te auf. „Und auch der Vor­mund!“ raun­te sie ihm ins Ohr.

Er nahm sie wie be­rauscht auf beide Arme und trug sie in das Haus.—Und auch hier dreh­te sich nun der Schlüs­sel, und wer drau­ßen ge­stan­den hätte, würde es ge­hört haben, wie auf die­sen Klang der große Hund sich innen vor der Haus­tür nie­der­streck­te.

Bald war auch in den Fens­tern oben das Licht er­lo­schen, und das Haus lag wie ein klei­ner dunk­ler Fleck zwi­schen un­zäh­li­gen an­dern in der gro­ßen Ein­sam­keit der Wald­nacht.

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Fran­zis­ka war mit dürf­ti­ger Klei­dung in ihre neue Stel­lung ein­ge­tre­ten, und ob­gleich Ri­chard bei sei­ner ers­ten Ver­hand­lung mit dem Vor­mun­de in die­ser Be­zie­hung alle Für­sor­ge auf sich ge­nom­men hatte, so war bei dem ab­weh­ren­den Wesen des Mäd­chens doch noch kein Au­gen­blick ge­kom­men, in dem er Nä­he­res hier­über hätte mit ihr reden mögen. Frei­lich war auch dies Ge­prä­ge der Armut und nicht we­ni­ger die Scham, womit er sie be­müht sah, es ihm zu ver­de­cken, nur zu einem neuen Reiz für ihn ge­wor­den; ein süßes, schmerz­li­ches Licht schien ihm bei sol­chen An­läs­sen von ihrem jun­gen, sonst ein wenig her­ben Ant­litz aus­zu­strah­len.—Jetzt aber durf­te es so nicht län­ger blei­ben.

Drei Mei­len süd­lich von ihrem Wald­häus­chen lag eine große Han­dels­stadt, und eines Mor­gens in der Frühe hielt drau­ßen vor dem Tore ein leich­ter, wohl­be­spann­ter Wagen, um sie dort­hin zu brin­gen. Leo war im Hin­ter­hau­se ein­ge­sperrt wor­den. Frau Wieb, nach­dem sie von bei­den noch ei­ni­ge freund­li­che Worte durch ihr Hör­rohr in Emp­fang ge­nom­men hatte, nick­te mun­ter nach dem Wa­gen­sitz hin­auf, und fort roll­ten sie über die hol­pe­ri­gen Ge­lei­se der Heide in die Welt hin­aus.

Auf hal­bem Wege waren sie in einem Dorf­kru­ge ab­ge­stie­gen. Als die Wir­tin die be­stell­te Milch brach­te, frag­te sie, auf Ri­chard zei­gend: „Der Herr Vater nimmt doch auch ein Glas?“

„Frei­lich“, wie­der­hol­te Fran­zis­ka, „der Herr Vater nimmt das andre Glas.“

Mit über­mü­ti­ger Schel­me­rei blick­te sie zu ihm hin­auf.

Es war noch früh am Vor­mit­ta­ge, als sie die große Stadt er­reich­ten. Zu­erst wurde für die Ober­klei­der ein­ge­kauft; klare, fein­ge­blüm­te Stof­fe für die hei­ßen, wei­che, ein­far­bi­ge Wol­len­stof­fe für die kal­ten Tage. Die An­fer­ti­gung der Klei­der wurde in dem­sel­ben Ge­schäft be­sorgt, und Fran­zis­ka mußte mit einer Schnei­de­rin in ein an­lie­gen­des Ka­bi­nett gehen, um sich die Maße neh­men zu las­sen. Zuvor aber waren von Ri­chard, unter leb­haf­ter Miß­bil­li­gung der Ver­käu­fer, die ein­fachs­ten Schnit­te zur Be­din­gung ge­macht: „Fürs Haus und für den Wald!“ Und Fran­zi hatte die mit­lei­di­gen Bli­cke, womit die jun­gen Her­ren des La­dens sie über den Ei­gen­sinn des „Herrn Va­ters“ zu trös­ten such­ten, ohne eine Miene zu ver­zie­hen, über sich er­ge­hen las­sen.

Sie gaben ihre Adres­se ab und gin­gen wei­ter.

Nach­dem un­ter­wegs Fran­zis­kas Mal­ge­rät ver­voll­stän­digt und bei einer Mo­dis­tin zwei ein­fa­che, aber zier­li­che Stroh­hü­te ein­ge­han­delt waren, tra­ten sie in ein Weiß­wa­ren­ge­schäft. Bevor noch Fran­zis­ka ein Wort dar­ein­re­den konn­te, hatte er ein Dut­zend fer­ti­ger Hem­den ein­ge­kauft.

„Sie sind ein Ver­schwen­der!“ sagte sie; „das hätte ich alles sel­ber nähen kön­nen.“

„Du hast recht!“ er­wi­der­te er und kauf­te das Zeug zu einem zwei­ten Dut­zend.

„Wenn Sie so fort­fah­ren, Ri­chard, so gehe ich in kei­nen Laden mehr.“

„Nur noch zum Schuh­ma­cher!—Aber was soll das Sie? Bist du mir böse,
Fran­zi?“
„Nein, du; aber du siehst mir heut so vor­nehm aus.“

„Wei­ter!“ sagte er.

Bald dar­auf stan­den sie in dem ele­gan­tes­ten Schuh­wa­ren­ma­ga­zin; und die La­den­da­me, nach­dem sie etwas her­ab­se­hend die un­schein­ba­re Ge­stalt des Mäd­chens ge­mus­tert hatte, brei­te­te gleich­gül­tig einen Hau­fen Schuh­werk vor ihnen aus.
Ein Zug der Ver­ach­tung spiel­te um Fran­zis Lip­pen, als sie auf diese Mit­tel­wa­re blick­te; denn sie besaß eine Schön­heit, wel­che an die­sem Orte als die höchs­te gel­ten mußte und deren sie sich voll­stän­dig be­wußt war.
Aber sie setz­te sich gleich­wohl auf den be­reit­ste­hen­den Ses­sel und zog ihr Kleid bis an die Knö­chel in die Höhe.
Das Frau­en­zim­mer, das mit dem Schuh­werk vor ihr hin­ge­kniet war, stieß einen Ruf des Ent­zü­ckens aus. „Ah! Welch ein Aschen­brö­del­füß­chen! Da muß ich Kin­der­schu­he brin­gen.“

Wie eine Fürs­tin saß Fran­zi auf ihrem Ses­sel; Ri­chard, der die­sen Sieg vor­aus­ge­se­hen hatte, ver­schlang den tri­um­phie­ren­den Blick, den sie zu ihm hin­aufsand­te.

Die La­den­da­me aber er­schien ganz wie ver­wan­delt; ihre Käu­fer waren of­fen­bar plötz­lich in die Aris­to­kra­tie der Kund­schaft hin­auf­ge­rückt; sie holte eif­rig eine Menge zier­li­cher Stie­fel­chen von allen Far­ben und Arten aus den Glas­schrän­ken her­vor, die aber sämt­lich nach dem Gebot der Mode mit hohen Ab­sät­zen ver­se­hen waren.

„Nein, nein“, sagte Ri­chard lä­chelnd, „das mag für ge­wöhn­li­che Da­men­fü­ße gut genug sein; Füße aus dem Mär­chen dür­fen nicht auf sol­chen Klöt­zen gehen!“

„Sie haben recht, mein Herr“, sagte die La­den­da­me, „aber für die ge­wöhn­li­che Kund­schaft müs­sen wir uns nach der Mode rich­ten.“ Dann kram­te sie wie­der in ihren Schrän­ken; und nun brach­te sie Stie­fel­chen, so leicht, so weich—die Elfen hät­ten dar­auf tan­zen kön­nen; gleich das erste Paar glitt wie an­ge­gos­sen über Fran­zis schlan­ke Füß­chen.

Noch ei­ni­ge Paare wur­den aus­ge­sucht, auch für die ge­mein­schaft­li­chen Wan­de­run­gen zu hoch hin­auf­rei­chen­den le­der­nen Wald­stie­fel­chen das Maß ge­nom­men; dann trie­ben die bei­den wei­ter durch die wim­meln­de Men­schen­flut der gro­ßen Stadt. Sie hing an sei­nem Arm; er fühl­te mit Ent­zü­cken jeden ihrer leich­ten Schrit­te, und un­will­kür­lich ging er immer ra­scher, als wolle er den Vor­über­ge­hen­den jeden Blick auf das be­zau­bern­de Ge­heim­nis die­ser Füß­chen un­mög­lich ma­chen, die nur ihm und kei­nem an­dern je ge­hö­ren soll­ten.

Mit sin­ken­dem Abend hielt der Wagen wie­der vor dem Hause des Wald­win­kels. —Ei­ni­ge Tage spä­ter brach­te die Bo­ten­frau große Pa­cken aus der Stadt; alle Be­stel­lun­gen waren auf ein­mal ein­ge­trof­fen. Fran­zis­ka trug die Herr­lich­kei­ten auf ihr Zim­mer und schloß sich darin ein. Als sie nach ge­rau­mer Zeit in die Wohn­stu­be trat, ging sie auf Ri­chard zu, nahm ihn schwei­gend um den Hals und küßte ihn; dann lief sie in die Küche, um Frau Wieb her­auf­zu­ho­len.

Es war aber nur noch ein Teil der Sa­chen und nur das Ein­fachs­te, das jetzt, auf Bett und Kom­mo­de aus­ge­brei­tet, der gut­mü­ti­gen Alten zur Be­wun­de­rung vor­ge­zeigt wurde. Da­ge­gen hatte Fran­zis­ka der­zeit nicht ver­ges­sen, Ri­chard an den Ein­kauf eines guten Klei­der­stoffs und einer bun­ten Sonn­tags­hau­be für die Alte zu er­in­nern. Und jetzt, trotz deren Bit­ten, sie möge ihr eigen Weiß­zeug darum nicht ver­säu­men, gab sie keine Ruhe, bis sie zu dem neuen Staat ihr Maß ge­nom­men hatte und an­dern Tages schon zwi­schen zer­schnit­te­nen Stof­fen und Pa­pier­mus­tern in Frau Wiebs Käm­mer­chen am Schnei­der­ti­sche saß. So ge­schickt wußte sie es der alten Frau vor­zu­stel­len, daß sie noch kei­nes­wegs zu alt sei, um hier eine Ro­set­te, dort eine Puffe oder Schlei­fe auf­ge­setzt zu be­kom­men, daß diese immer öfter aus ihrer Küche in die Zau­ber­werk­statt hin­über­lief und ihrem Herrn be­teu­er­te, die Fran­zis­ka mache sie noch ein­mal wie­der jung.

Ri­chard schien kaum dies Trei­ben zu be­ach­ten; nur ein­mal, als er dem Mäd­chen auf dem Flur be­geg­ne­te, da sie eben mit al­ler­lei Näh­ge­rät die Trep­pe her­ab­ge­kom­men war, hielt er sie an und sagte: „Aber Fran­zi, was stellst du denn mit un­se­rer guten Alten auf? Sie wird ja eitel wie Bath­se­ba auf ihre alten Tage.“
Fran­zis­ka ließ eine Weile ihre Augen in den sei­nen ruhen. „Laß nur“, sagte sie dann, „die Alte muß auch ihre Freu­de haben!“ Und schon war sie durch die Kam­mer­tür ver­schwun­den.

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Sie wohn­ten zwi­schen der Heide und dem Walde, in wel­che seit hun­dert Jah­ren keine Men­schen­hand hin­ein­ge­grif­fen hatte; rings um sie her war­te­te frei und üppig die Natur.

Die Men­schen waren fern, nur die Bie­nen kamen und summ­ten ein­sam über die Heide. Ein­mal zwar war der alte In­spek­tor ein­ge­kehrt und hatte wegen der nö­ti­gen Feue­rung mit der alten Frau Wieb einen Zwie­sprach in deren Stüb­chen ab­ge­hal­ten; dann ein paar Tage spä­ter war ein mäch­ti­ges Fuder schwar­zen Tor­fes durch den Wald da­her­ge­kom­men und vor dem Hause ab­ge­la­den wor­den; ein­mal auch hatte der Krä­mer aus der Stadt mit sei­nen neu­gie­ri­gen Augen sich her­an­ge­drängt, hatte glück­lich ein Ge­schäft ge­macht, war dann aber mit der Wei­sung ent­las­sen wor­den, daß in Zu­kunft alles brief­lich solle be­stellt wer­den. Sonst war nie­mand da­ge­we­sen als die Bo­ten­frau, die zwei­mal wö­chent­lich Brie­fe und Blät­ter, und was ihr sonst zu brin­gen auf­ge­tra­gen war, unten in der Küche nie­der­leg­te. Einen Be­such auf dem jen­seit des Wal­des lie­gen­den Schlos­ses hatte Ri­chard den Jun­kern zwar ver­spro­chen, aber er wurde immer wie­der hin­aus­ge­scho­ben. So kam auch von dort nie­mand her­über. Selbst die Zei­tun­gen, wel­che von drau­ßen aus der Welt Kunde brin­gen soll­ten, wur­den seit Wo­chen un­ge­le­sen in einem un­te­ren Fache des Schreib­ti­sches auf­ge­häuft.—Aber an jedem Mor­gen fast schrit­ten jetzt die bei­den mit­ein­an­der in die wür­zi­ge Som­mer­luft hin­aus; Fran­zi in ihren hohen le­der­nen Wald­stie­fel­chen, die Klei­der auf­ge­schürzt, über der Schul­ter eine klei­ne Bo­ta­ni­sier­trom­mel, die er für sie hatte an­fer­ti­gen las­sen. Meis­tens sprang auch der große Hund an ihrer Seite; mit­un­ter aber, wenn der Him­mel mit Duft be­deckt war, wenn still, wie heim­lich träu­mend, die Luft über der Heide ruhte und der Wald wie däm­mern­des Ge­heim­nis lock­te, dann wurde wohl der Lö­wen­gel­be, wenn er neben ihnen aus der Haus­tür stürm­te, in schwei­gen­dem Ein­ver­ständ­nis von ihnen zu­rück­ge­trie­ben; has­tig war­fen sie dann das schwe­re Hof­tor zu­rück und ach­te­ten nicht des Win­selns und Bel­lens, das von dem ver­schlos­se­nen Hofe aus hin­ter ihnen her­scholl. Eilig gin­gen sie fort, und end­lich zwi­schen Busch und Heide er­reich­te es sie nicht mehr. Nichts un­ter­brach die un­ge­heu­re Stil­le um sie her als mit­un­ter das Glei­ten einer Schlan­ge oder von fern das Bre­chen eines dür­ren Astes; im Laube ver­steckt saßen die Vögel, mit ge­fal­te­ten Flü­geln hin­gen die Schmet­ter­lin­ge an den Sträu­chern.

Am Wal­des­ran­de waren jetzt in sel­te­ner Fülle die tief­ro­ten Ha­ge­ro­sen auf­ge­bro­chen. Wenn gar so schwül der Duft auf ihrem Wege stand, er­grif­fen sie sich wohl an den Hän­den und er­ho­ben schwei­gend die glän­zen­den Augen ge­gen­ein­an­der. Sie at­me­ten die Luft der Wild­nis, sie waren die ein­zi­gen Men­schen, Mann und Weib, in die­ser träu­me­ri­schen Welt.—Ein­mal, nach lan­ger Wan­de­rung, da die Sonne fun­kel­te und schon senk­recht ihre Mit­tags­strah­len her­ab­sand­te, waren sie un­er­war­tet an den Rand des Wal­des ge­kom­men. Sanft an­stei­gend brei­te­te ein un­ab­seh­ba­res Korn­feld sich vor ihnen aus; es war in der Blü­te­zeit des Rog­gens; mit­un­ter weh­ten leich­te Duft­wol­ken dar­über hin; bis gegen den Ho­ri­zont er­blick­te man nichts als das leise Wogen die­ser bläu­lich sil­ber­nen Flu­ten.

Da klang von fern das Ge­bim­mel einer Glo­cke; weit hin­ten, drü­ben aus dem Grun­de, wo wohl das Schloß ge­le­gen sein moch­te; gleich einem Rufen klang es durch die stil­le Mit­tags­luft, und wie hin­ge­zo­gen von den Lau­ten schritt Fran­zis­ka in das wo­gen­den Äh­ren­feld hin­ein, wäh­rend Ri­chard, an einen Bu­chen­stamm ge­lehnt, ihr nach­blick­te.—Immer wei­ter schritt sie; es wall­te und flu­te­te um sie her; und immer fer­ner sah er ihr Köpf­chen über dem un­be­kann­ten Meere schwim­men. Da über­fiel’s ihn plötz­lich, als könne sie ihm durch ir­gend­wel­che heim­li­che Ge­walt darin ver­lo­ren­ge­hen. Was moch­te auf dem un­sicht­ba­ren Grun­de lie­gen, den ihre klei­nen Füße jetzt be­rühr­ten? Viel­leicht war es keine bloße Fabel, das Ern­te­kind, von dem die alten Leute reden, das dem, der es im Korne lie­gen sah, die Augen bre­chen macht! Es lau­ert ja so man­ches, um un­se­re Hand, um un­sern Fuß zu fan­gen und uns dann hin­ab­zu­rei­ßen.-„Fran­zi!“ rief er; „Fran­zi!“

Sie wand­te den Kopf. „Die Glo­cke!“ kam es zu­rück. „Ich will nur wis­sen, wo die Glo­cke läu­tet!“

„Das gilt nicht uns, Fran­zi; das ist die Mit­tags­glo­cke auf dem Schloß!“

Sie wand­te sich um und kam zu­rück. Er schloß sie lei­den­schaft­lich in die Arme. „Weißt du nicht, daß das ge­fähr­lich ist, so tief in ein Äh­ren­feld hin­ein­zu­ge­hen?“

„Ge­fähr­lich?“ Sie sah ihn selt­sam lä­chelnd an. Dann tauch­ten sie in ihren Wald zu­rück.—Ein an­der­mal, nach einem schwü­len Tage, waren sie erst spät am Nach­mit­tag hin­aus­ge­gan­gen.—Als der Abend schon tief her­ab­sank, ruh­ten sie am Ufer eines gro­ßen Wald­was­sers, das rings von hohen Bu­chen ein­ge­faßt war. Zu ihren Füßen, trotz der re­gungs­lo­sen Stil­le, schwank­te das Schilf mit lei­sem Rau­schen an­ein­an­der; drü­ben hin­ter dem jen­sei­ti­gen Walde, der seine Schat­ten auf den Was­ser­spie­gel warf, zuck­te dann und wann ein Wet­ter­schein empor; Iris­duft wehte über den See, und ein laut­lo­ser Blitz er­leuch­te­te ihn.

Er hatte sich über sie ge­beugt und ließ es wie ein Spiel an sich vor­über­ge­hen, wenn ihr blas­ses Ant­litz aus dem Dun­kel auf­tauch­te und wie­der darin ver­schwand. „Weißt du“, sagte er—“es heißt, man solle in den Augen eines Wei­bes noch mit­un­ter das Schil­lern der Pa­ra­die­ses­schlan­ge sehen. Eben, da der Blitz flamm­te, sah ich es in dei­nen Augen.“

„Schil­ler­te es denn schön?“ frag­te sie und hielt ihre Augen offen ihm ent­ge­gen.

„Be­tö­rend schön.“

Und wie­der flamm­te ein Blitz.

„Du bist ein Tor, Ri­chard!“

„Ich glaub es sel­ber, Fran­zi.“

Und er legte den Kopf in ihren Schoß, und zu ihr em­por­bli­ckend, sah er wie­der und wie­der die Wet­ter­schei­ne in ihren dunk­len Augen zu­cken.—So floß die Zeit dahin. Eines Vor­mit­tags aber, als von den Fens­tern des Wohn­zim­mers aus vor dem nie­der­rau­schen­den Regen der Tan­nen­wald nur noch wie eine graue Ne­bel­wand er­schien und die Dra­chen­köp­fe un­auf­hör­lich Was­ser von sich spien, stand Ri­chard sin­nend und al­lein an sei­nem Schreib­ti­sche, nur mit­un­ter wie ab­we­send in den trü­ben Tag hin­aus­bli­ckend.

Fran­zi trat her­ein; er hatte sie heute noch nicht ge­se­hen; am Früh­stücks­ti­sche hatte er ver­ge­bens auf sie ge­war­tet. Jetzt ging sie schwei­gend auf ihn zu, drück­te ihre Augen gegen seine Brust und hing an sei­nem Halse, als sei sie nur ein Teil von ihm. Er legte sei­nen Arm um sie, aber er küßte sie nicht; seine Ge­dan­ken waren bei an­de­ren Din­gen. Er merk­te es kaum, als sie plötz­lich wie­der aus sei­nem Arm und aus dem Zim­mer sich hin­weg­ge­stoh­len hatte.

Als bald dar­auf wegen einer wirt­schaft­li­chen Be­stel­lung Frau Wieb ins Zim­mer trat, fand sie ihren Herrn vor einer auf­ge­zo­ge­nen Schieb­la­de ste­hen, aus der er al­ler­lei Pa­pie­re auf die Tisch­plat­te her­vor­ge­kramt hatte. Es waren zum Teil Schei­ne, deren Vor­le­gung bei ge­wis­sen Le­bens­ak­ten die bür­ger­li­che Ord­nung von ihren Mit­glie­dern zu ver­lan­gen pflegt.

„Sag mir, Wieb“, rief er der Ein­tre­ten­den zu, „in wel­cher Kir­che bin ich denn ge­tauft? Du bist ja da­mals doch da­bei­ge­we­sen.“

„Wie?“ frag­te die Alte und hielt ihr Hör­rohr hin. „In wel­cher Kir­che?“

„Nun ja; mir fehlt der Tauf­schein; man muß seine Pa­pie­re doch in Ord­nung haben.“

Nach­dem er noch ein­mal in das Hör­rohr ge­ru­fen hatte, nann­te sie ihm die
Kir­che.
Aber er hörte schon kaum mehr dar­auf.

„Nein, nein!“ sagte er mit lei­sen, aber schar­fen Lau­ten vor sich hin, indem er wie ab­weh­rend seine Hand aus­streck­te. „Wen geht’s was an! Es soll mir nie­mand daran rüh­ren!“

Als er sich um­wand­te, stand seine alte Wirt­schaf­te­rin noch im Zim­mer; das Mus­ter der Ta­pe­te, das sie mit Auf­merk­sam­keit be­trach­te­te, schien sie fest­ge­hal­ten zu haben. Er frag­te sie: „Was siehst du denn an den ver­bli­che­nen Blu­men, Wieb?“

Die Alte nick­te. „Die sit­zen da nicht von un­ge­fähr“, er­wi­der­te sie. „Der Herr In­spek­tor, da er neu­lich wegen der Feue­rung da war, hat es mir er­zählt. Ver­ges­sen und Ver­ges­sen­wer­den, Herr Ri­chard!

Wer lange lebt auf Erden,
Der hat wohl diese bei­den
Zu ler­nen und zu lei­den!
Der alte Herr vom Schlos­se drü­ben—der Groß­va­ter ist’s ge­we­sen von dem jet­zi­gen—hat nur einen Sohn ge­habt, den aber hat er fast über­mä­ßig ge­liebt und ihn nim­mer, auch da er schon in die rei­fe­ren Jahre ge­kom­men war, aus sei­ner Nähe las­sen wol­len; der junge Herr wäre dar­über fast zum Ha­ge­stolz ge­wor­den. End­lich gab’s denn doch noch eine Hoch­zeit, und wie der Vater in ihn, so ist der Sohn in seine junge Frau ver­narrt ge­we­sen. Der alte Herr aber hat es nicht ver­win­den kön­nen, daß sei­nes Kin­des Augen jetzt immer nur nach einer Frem­den gin­gen; er hat den bei­den das Schloß ge­las­sen und hat sich in die Ein­sam­keit hin­aus­ge­baut. Die Ta­pe­te hier in die­sem Zim­mer, wo er noch jah­re­lang ge­lebt, ist der­zeit von ihm sel­ber aus­ge­wählt; es seien die Blu­men des Schla­fes und der Ver­ges­sen­heit, so soll er oft ge­sagt haben.—“Haben Sie noch etwas zu be­feh­len, Herr Ri­chard?“

Er hatte nichts.

Als die Alte hin­aus­ge­gan­gen war, blick­te auch er noch eine Weile auf die roten und vio­let­ten Mohn­blu­men; dann fie­len seine Augen auf ein Wand­ge­mäl­de, das ober­halb der vom Flur her­ein­füh­ren­den Tür die
Ta­pe­ten­be­klei­dung des Zim­mers un­ter­brach.
Es war eine weite Hei­de­land­schaft, viel­leicht die an dem Wald­win­kel selbst be­le­ge­ne, hin­ter wel­cher eben der erste rote Son­nen­duft her­auf­stieg; in der Ferne sah man, gleich Schat­ten­bil­dern, zwei ju­gend­li­che Ge­stal­ten, eine weib­li­che und eine männ­li­che, die Arm in Arm, wie schwe­bend, gegen den Mor­gen­schein hin­aus­gin­gen; ihnen nach­bli­ckend, auf einen Stab ge­lehnt, stand im Vor­der­grun­de die ge­bro­che­ne Ge­stalt eines alten Man­nes.

Als Ri­chard jetzt von dem Bilde auf die Um­rah­mung des­sel­ben hin­über­blick­te, trat ihm dort, hab ver­steckt zwi­schen al­ler­lei Ara­bes­ken, eine Schrift ent­ge­gen, die bei nä­he­rem An­schau­en in phan­tas­ti­schen Buch­sta­ben um das ganze Bild her­um­lief.

Dein jung Genoß in Pflich­ten
Nach dir den Schritt tät rich­ten;
Da kam ein and­rer jun­ger Schritt,
Nahm dei­nen jung Ge­nos­sen mit;
Sie wan­dern nach dem Glü­cke,
Sie schaun nicht mehr zu­rücke.

So lau­te­ten die Worte. Lange stand Ri­chard vor dem Bilde, das er frü­her kaum be­ach­tet hatte.

Würde das Ant­litz jenes ein­sa­men Alten, wenn es sich plötz­lich zu ihm wen­de­te, die Züge des Er­bau­ers die­ser Räume zei­gen, oder war diese Ge­stalt das Alter selbst, und würde sie—nur eines ver­mes­se­nen Worts be­durf­te es viel­leicht—sein ei­ge­nes An­ge­sicht ihm zu­keh­ren?—Wehte nicht schon ein ge­spens­tisch kal­ter Hauch von dem Bilde zu ihm herab?—Un­will­kür­lich griff er sich in Bart und Haar und rich­te­te sich rasch und straff empor.—Nein, nein; es hatte ihn noch nicht be­rührt. Aber wie lange noch, so mußte es den­noch kom­men. Und dann?-Er wand­te sich lang­sam ab und trat an sei­nen Schreib­tisch. Die Pa­pie­re, die dort noch um­her­la­gen, legte er in die Schub­la­de zu­rück, aus der er sie vor­hin ge­nom­men hatte.—Drau­ßen ström­te un­ab­läs­sig noch der Regen.

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In den nächs­ten Tagen schien wie­der die Sonne; nur der Wald war noch nicht zu be­ge­hen. Aber durch die Heide hat­ten Ri­chard und Fran­zis­ka am Nach­mit­ta­ge einen wei­ten Aus­flug ge­macht; auf dem Rie­sen­hü­gel, in wel­chem Meis­ter Rei­ne­ke wohn­te, hat­ten sie ihr mit­ge­nom­me­nes Ves­per­brot ver­zehrt, wäh­rend Leo, der dies­mal nicht zu­rück­ge­trie­ben war, an den Ein­gän­gen des ge­heim­nis- vol­len Baues seine ver­geb­li­chen Un­ter­su­chun­gen fort­ge­setzt hatte.

Mit der Däm­me­rung waren sie heim­ge­kehrt.-Als Fran­zi in das Wohn­zim­mer trat, ging sie schon wie­der in den leich­ten Stie­feln, die sie stets im Hause zu tra­gen pfleg­te.

„Du bist blaß“, sagte Ri­chard; „es ist zu weit für dich ge­we­sen.“

„Oh, nicht zu weit.“

„Aber du bist er­mü­det, komm!“ Und er drück­te sie in den gro­ßen Pols­ter­stuhl, der dicht am Fens­ter stand.
Sie ließ sich das ge­fal­len und legte den Kopf zu­rück an die eine Sei­ten­leh­ne; die schmäch­ti­ge Ge­stalt ver­schwand fast in dem brei­ten Ses­sel.
„Wie jung du bist!“ sagte er.

„Ich?—ja, ziem­lich jung.“

Sie hatte ihr Füß­chen vor­ge­streckt, und er sah wie ver­zau­bert dar­auf hinab. „Und was für eine Wilde du bist“, sagte er, „da geht schon wie­der quer über den Spann ein Riß!“ Er hatte sich ge­bückt und ließ seine Fin­ger über die wunde Stel­le glei­ten. „Wie­viel Paar sol­cher Din­ger ver­brauchst du denn im Jahr, Prin­zeß­chen?“

Aber sie legte nur ihren klei­nen Fuß in seine Hand, löste ihre schwe­re Haar­flech­te, die sie drück­te, so daß sie lang in ihren Schoß hin­ab­fiel, und streck­te sich dann mit ge­schlos­se­nen Augen in die wei­chen Pols­ter.

Im Zim­mer dun­kel­te es all­ge­mach; drau­ßen in der Wie­sen­mul­de stie­gen weiße Düns­te auf, und drü­ben im Tan­nen­wal­de war schon die Schwär­ze der Nacht. — Da schlug drau­ßen im Hofe der Hund an, und Fran­zi fuhr empor und riß ihre gro­ßen grau­en Augen auf.
Nein, es war wie­der still; aber von jen­seits des Wal­des kam jetzt mit dem
Abend­wind Musik her­über­ge­weht.
„Laß doch“, sagte Ri­chard, „das kommt nicht zu uns.“

Aber sie hatte sich voll­ends auf­ge­rich­tet und sah neu­gie­rig in die Abend­däm­me­rung hin­aus.
„Es ist nur eine Hoch­zeit, Fran­zi, sie wer­den mit der Aus­steu­er drü­ben am Wal­des­rand her­um­fah­ren.“
„Eine Hoch­zeit! Wer hei­ra­tet denn?“

„Wer? Ich glau­be: des Bau­er­vogts Toch­ter; ich weiß es nicht. Was küm­mert es uns; wir ken­nen ja die Leute nicht.“

„Frei­lich.“

Sie stan­den jetzt beide am Fens­ter; er hatte den Arm um sie ge­legt, sie lehn­te den Kopf an seine Brust. Ein paar­mal, aber immer schwä­cher, weh­ten noch die Töne zu ihnen her; dann wurde alles still, so still, daß er es hörte, wie ihr der Atem immer schwe­rer ging.

„Fehlt dir etwas, Fran­zi?“ frag­te er.

„Nein; was soll­te mir feh­len?“

Er schwieg; aber sie dräng­te ihr Köpf­chen fes­ter an seine Brust.

„Du!“ sagte sie, als bräch­te sie es müh­sam nur her­vor.

„Ja, Fran­zi?“

„Du — warum hei­ra­ten wir uns nicht?“

Es durch­fuhr ihn wie ein elek­tri­scher Schlag; eine Kette qual­vol­ler Er­in­ne­run­gen tauch­te in ihm auf; die Welt streck­te ihre grobe Hand nach sei­nem Glü­cke aus.

„Wir Fran­zi?“ wie­der­hol­te er schein­bar ruhig. „Wozu? Was würde da­durch an­ders wer­den?“

„Frei­lich!“ Sie sann einen Au­gen­blick nach. „Aber wir lie­ben uns ja doch!“

„Ja, Fran­zi! Aber“—er blick­te ihr tief in die Augen, und seine Stim­me sank zu einem Flüs­tern, als wage er die Worte nicht laut wer­den zu las­sen—“es könn­te ein­mal ein Ende haben—plötz­lich!“

Sie starr­te ihn an. „Ein Ende?—Dann müßte ich wohl fort von hier!“

„Müs­sen Fran­zi? Weh mir, wenn du es müß­test!“

Sie schwie­gen beide.

„Wie alt bist du, Fran­zi?“ be­gann er wie­der.

„Du weißt es ja, ich werde acht­zehn.“

„Ja, ja, ich weiß es, acht­zehn; ich hin ein Men­schen­al­ter dir vor­aus. Über die­sen Ab­grund bist du zu mir hin­über­ge­flo­gen, mußt du immer zu mir hin­über.—Es könn­te ein Au­gen­blick kom­men, wo dir davor schau­der­te.“

„Was sprichst du da?“ sagte sie. „Ich ver­steh das nicht.“

„Ver­steh es nim­mer, Fran­zi!“

Aber wäh­rend sie atem­los zu ihm em­por­blick­te, zuck­te es plötz­lich um ihren jun­gen Mund; es war, als flöhe etwas in ihr In­ners­tes zu­rück.

Hat­ten seine Worte die Schär­fe ihres Bli­ckes ge­weckt, und sah sie, was ihr bis­her ent­gan­gen war, einen Zug be­gin­nen­den Ver­falls in sei­nem Ant­litz?—Doch schon hatte sie sein Haupt zu sich her­ab­ge­zo­gen und er­stick­te ihn fast mit ihren Küs­sen. Dann riß sie sich los und ging rasch hin­aus.

Als sie fort war, mach­te er sich an sei­nem Schreib­ti­sche zu tun. Mit einem be­son­ders künst­li­chen Schlüs­sel öff­ne­te er ein Fach des­sel­ben, in wel­chem er seine Wert­pa­pie­re ver­wahrt hielt. Er nahm aus den ver­schie­de­nen Päck­chen ein­zel­ne her­vor, schlug einen wei­ßen Bogen darum und setz­te eine Schrift dar­auf. Als das ge­sche­hen war, nahm er einen zwei­ten, dem, womit er das Fach ge­öff­net hatte, völ­lig glei­chen Schlüs­sel, paßte ihn in das Schlüs­sel­loch und legte ihn dann neben die Pa­pie­re auf die Tisch­plat­te.

Der Abend war schon so weit her­ein­ge­bro­chen, daß er alles fast im Dun­keln tat; über den Tan­nen drü­ben war schon der letz­te Hauch des brau­nen Abend­dufts ver­glom­men.

Als Fran­zis­ka nach einer Weile mit der bren­nen­den Lampe her­ein­ge­tre­ten war und schwei­gend das Zim­mer wie­der ver­las­sen woll­te, er­griff er ihre Hand und zog sie vor den Schreib­tisch.

„Kennst du das, Fran­zis­ka?“ frag­te er, indem er ei­ni­ge der Pa­pie­re vor ihr ent­fal­te­te.

Sie blick­te scharf dar­auf hin. „Ich kenne es wohl“, er­wi­der­te sie; „es ist so gut wie Geld.“

„Es sind Staats­pa­pie­re.“

„Ja, ich weiß; ich habe bei dem Ma­gis­ter ein­mal zu sol­chen ein Ver­zeich­nis ma­chen müs­sen.“

Er zeig­te ihr ein Kon­vo­lut, wor­auf in fri­scher Schrift ihr Name stand, und nann­te ihr den Be­trag, der darin ent­hal­ten war. „Es ist dein Ei­gen­tum“, sagte er.

„Mein, das viele Geld?“ Sie blick­te mit schar­fen Augen auf das ver­schlos­se­ne Päck­chen.

„Ver­steh mich, Fran­zi“, be­gann er wie­der; „schon jetzt ist es dein; am al­ler­meis­ten aber“—und er ver­schlang die junge Ge­stalt mit sei­nen Bli­cken—“in dem Au­gen­bli­cke, wo du sel­ber nicht mehr mein bist. Du wirst dann völ­lig frei sein; du sollst es jetzt schon sein.“

Er sah sie an, als er­war­te­te er von ihr eine Frage, eine Bitte um Er­klä­rung; da sie aber schwieg, sagte er in einem Tone, der wie scher­zend klin­gen soll­te: „Da du jetzt eine Ka­pi­ta­lis­tin bist, so muß ich dir auch den nö­ti­gen Ei­gen­tums­sinn ein­zu­pflan­zen su­chen.“ Und er nahm eine von den Zei­tun­gen, die um­her­la­gen, zog die Ge­lieb­te auf sei­nen Schoß und be­gann die Ru­brik der Kurse mit ihr durch­zu­ge­hen. Dann aber, als sie ihm auf­merk­sam zu­zu­hö­ren schien, lach­te er selbst über sein schul­meis­ter­li­ches Be­mü­hen. „Es ist spaß­haft! Du und Staats­pa­pie­re, Fran­zi! Du hast na­tür­lich kein Wort von al­le­dem ver­stan­den!“

Aber sie lach­te nicht mit ihm; sie war von sei­nem Scho­ße her­ab­ge­glit­ten und be­gann ein­ge­hen­de Fra­gen über das eben Ge­hör­te an ihn zu rich­ten.

Er sah sie ver­wun­dert an. „Du bist ge­fähr­lich klug, Fran­zi!“ sagte er.

„Magst du lie­ber, daß ich’s nicht ver­ste­he, wenn du mich be­lehrst?“

„Nein, nein; wie soll­te ich!“-Sie woll­te gehen, aber er rief sie zu­rück.
„Ver­giß den Schlüs­sel nicht!“ Und indem er sie an den Schreib­tisch führ­te,
setz­te er hinzu: „Die­ses Fach ent­hält jetzt mein und auch dein Ei­gen­tum. Möge es nie ge­trennt wer­den!“
Sie hatte in­des­sen eine Schnur von ihrem Halse ge­nom­men, woran sie eine klei­ne golde Kap­sel mit den Haa­ren einer früh­ver­stor­be­nen Schwes­ter auf der Brust trug, und war eben im Be­griff, da­ne­ben auch den Schlüs­sel zu be­fes­ti­gen; aber ihre ge­schäf­ti­gen Hände wur­den zu­rück­ge­hal­ten.

„Nein, nein, Fran­zi!“ sagte er. „Was be­ginnst du!“—Er hatte das Mäd­chen zu sich her­an­ge­zo­gen und küßte sie mit Lei­den­schaft.—“Leg ihn fort, weit fort! zu dei­nen an­de­ren Din­gen. Was denkst du denn! Soll ich den Kas­sen­schlüs­sel an dei­nem Her­zen fin­den?“

Sie wurde rot. „Was du auch gleich für Ge­dan­ken hast!“ sagte sie und steck­te den Schlüs­sel in die Ta­sche.

Es war in der ers­ten Hälf­te des Au­gust. Schwül waren die Tage; trüb­se­lig in der Mau­ser saßen die Vögel im Walde; nur ein­zel­ne prüf­ten schon das neue Fe­der­kleid zum wei­ten Ab­schieds­flu­ge; aber desto schö­ner waren die Näch­te mit ihrer er­qui­cken­den Kühle. Drau­ßen im Wald­was­ser, wo vor­dem die Iris blüh­ten, wie auf dem Hofe in der Tiefe des of­fe­nen Brun­nens spie­gel­ten sich jetzt die schöns­ten Ster­ne; im Nord­os­ten des nächt­li­chen Him­mels ergoß die Milch­stra­ße ihre brei­ten, leuch­ten­den Strö­me.

Ri­chard hatte wäh­rend ei­ni­ger Tage den nächs­ten Um­kreis des Wald­win­kels nicht ver­las­sen; ein Kör­per­lei­den aus den Jah­ren sei­ner Ker­ker­haft, die nicht nur im Kopfe des Win­kel­ad­vo­ka­ten spuk­te, war wie­der auf­ge­taucht und hatte wie eine läh­men­de Hand sich auf ihn ge­legt.

Jetzt saß er, die linde Nacht er­war­tend, auf einer Holz­bank, wel­che drau­ßen vor der Um­fas­sungs­mau­er an­ge­bracht war; an sei­ner Seite lag sein lö­wen­gel­ber Hund. Stern um Stern brach über ihm aus der blau­en Him­mels­fer­ne; er mußte plötz­lich sei­nes Ju­gend­glücks ge­den­ken.—Wo—was war Fran­zis­ka zu jener Zeit ge­we­sen?—Ein Nichts, ein schla­fen­der Keim! —Wie lange hatte er schon ge­lebt!—Die Tal­mul­de ent­lang be­gann ein küh­ler Hauch zu wehen; er hätte wohl lie­ber nicht in der Abend­luft dort sit­zen sol­len.

Da schlug der Hund an und rich­te­te sich auf. Ge­gen­über aus den Tan­nen lie­ßen sich Schrit­te ver­neh­men, und bald er­schien die schlan­ke Ge­stalt eines Man­nes, rasch auf dem Fuß­stei­ge hin­ab­schrei­tend. „Ruhig, Leo!“ sagte Ri­chard, und der Hund legte sich ge­hor­sam wie­der an seine Seite.

Der Frem­de war in­des­sen näher ge­kom­men, und Ri­chard er­kann­te einen jun­gen Mann in her­kömm­li­cher Jä­ger­tracht, mit dunk­lem krau­sem Haar und ke­cken Ge­sichts­zü­gen; sehr weiße Zähne blink­ten unter sei­nem spit­zen Zwi­ckel­bärt­chen, als er jetzt, leicht­hin die Mütze rü­ckend, „guten Abend“ bot.
„Sie wün­schen etwas von mir?“ sagte Ri­chard, indem er sich erhob.

„Von Ihnen nicht, mein Herr; ich wün­sche das junge Mäd­chen in Ihrem Hause zu spre­chen.“

Es war eine Zu­ver­sicht­lich­keit des Tons in die­sen Wor­ten, die Ri­chard das Blut in Wal­lung brach­te. „Und was wün­schen Sie von ihr?“ frag­te er.
„Wir jun­gen Leute haben auf Sonn­tag einen Tanz im Städt­chen drü­ben; ich bin ge­kom­men, um sie dazu ein­zu­la­den.

„Darf ich er­fah­ren, wem sie diese Ehre dan­ken soll­te? Ihrer Spra­che nach sind Sie nicht aus die­ser Ge­gend.“

„Ganz recht“, er­wi­der­te in sei­ner un­be­küm­mer­ten Weise der an­de­re; „ich ver­wal­te nur wäh­rend der Va­kanz die er­le­dig­te Förs­te­rei der Herr­schaft.“

„Aber Sie irren sich, Herr Förs­ter; die junge Dame, die in mei­nem Hause lebt, be­sucht nicht sol­che Tänze.“

„Oh, mein Herr, es ist die an­stän­digs­te Ge­sell­schaft!“

„Ich zweif­le nicht daran.“

Der an­de­re schwieg einen Au­gen­blick. „Ich möch­te doch die junge Dame sel­ber fra­gen!“

„Es wird nicht nötig sein.“

Ri­chard wand­te sich nach der Pfor­te. Da der Förs­ter auf ihn zu­trat, als woll­te er ihn zu­rück­hal­ten, streck­te der Hund sei­nen mäch­ti­gen Na­cken und knurr­te ihn dro­hend an.

„Be­mü­hen Sie sich nicht wei­ter, Herr Förs­ter!“ sagte Ri­chard.

Ein schar­fer Blitz fuhr aus den Augen des jun­gen Ge­sel­len; er biß in sei­nen Zwi­ckel­bart; dann rück­te er, wie zuvor, leicht­hin die Mütze und ging, ohne ein Wort zu sagen, den Fuß­steig, den er ge­kom­men war, zu­rück. Auf hal­bem Wege wand­te er sich noch ein­mal und warf einen Blick nach den Fens­tern des Wald­win­kels; bald dar­auf ver­schwand er drü­ben in dem schwar­zen Schat­ten der Tan­nen.

– Wäh­rend der Hund, wie zur Wache, noch un­be­weg­lich an dem Rand der Wie­sen­mul­de stand, war Ri­chard ins Haus zu­rück­ge­gan­gen. Als er oben in das Wohn­zim­mer trat, sah er Fran­zis­ka am Fens­ter ste­hen, die Stirn gegen eine der Glas­schei­ben ge­drückt; ein Staub­tuch, das sie vor­her ge­braucht haben moch­te, hing von ihrer Hand herab.

„Fran­zi!“ rief er.

Sie kehr­te sich, wie er­schro­cken, zu ihm.

„Sahst du den jun­gen Men­schen, Fran­zi?“ frag­te er wie­der. „Es war der­sel­be, der uns in letz­ter Zeit ein paar­mal im Ober­wald be­geg­net ist.“

„Ja, ich be­merk­te es wohl.“

„Hast du ihn sonst ge­se­hen?“ In Ri­chards Stim­me klang etwas, das sie frü­her nie darin ge­hört hatte.

Sie blick­te ihn for­schend an. „Ich?“ sagte sie. „Wo soll­te ich ihn sonst ge­se­hen haben?“

„Nun — er war so gütig, dich zum Tanze zu laden.“

„Ach, tan­zen!“ Und ein Blitz von hel­ler Ju­gend­lust schoß durch ihre grau­en Augen.
Er sah sie fast er­schro­cken an. „Was meinst du, Fran­zi?“ sagte er. „Ich habe ihn na­tür­lich ab­ge­wie­sen.“

„Ab­ge­wie­sen!“ wie­der­hol­te sie ton­los, und der Glanz in ihren Augen war plötz­lich ganz er­lo­schen.

„War das nicht recht, Fran­zi? Soll ich ihn zu­rück­ru­fen?“

Aber sie wink­te nur ab­weh­rend mit der Hand.—Ohne ihn an­zu­se­hen, doch mit jenem schar­fen Klang der Stim­me, der sich zum ers­ten­mal jetzt gegen ihn wand­te, frag­te sie nach einer Weile: „Hast du je ge­tanzt, Ri­chard?“

„Ich, Fran­zi? Warum fragst du so?—Ja, ich habe einst ge­tanzt.“

„Nicht wahr, und es ist dir eine Lust ge­we­sen?“

„Ja, Fran­zi“, sagte er zö­gernd, „ich glau­be wohl, daß ich es gern getan.“

„Und jetzt“, fuhr sie in dem­sel­ben Tone fort, „jetzt tan­zest du nicht mehr?“

„Nein, Fran­zi; wie soll­te ich? Das ist vor­bei.—Aber du nimmst mich ja förm­lich ins Ver­hör!“ Er ver­such­te zu lä­cheln; aber als er sie an­blick­te, stan­den die grau­en Augen so kalt ihm ge­gen­über. „Vor­bei!“ sagte er leise zu sich sel­ber. „Der Schau­der hat sie er­grif­fen; sie kommt nicht mehr her­über.“

Er ließ es still ge­sche­hen, als sie nach einer Weile an sei­nem Halse hing und ihm eif­rig ins Ohr flüs­ter­te: „Ver­gib! Ich habe dumm ge­spro­chen! Ich will ja gar nicht tan­zen.“

—————————————

Ri­chards Un­wohl­sein hatte in ei­ni­gen Wo­chen so zu­ge­nom­men, daß er das Zim­mer nicht ver­las­sen konn­te. Ein Arzt wurde nicht zu­ge­zo­gen, da ihm aus frü­he­ren Zu­fäl­len die Be­hand­lung selbst ge­läu­fig war; sogar Frau Wiebs aus Wachs und Bau­m­öl ge­koch­te Sal­ben wur­den un­er­bitt­lich zu­rück­ge­wie­sen. Bes­ser wußte Fran­zis­ka es zu tref­fen. Sie saß neben sei­nem Lehn­stuhl, wo er, an einem künst­lich von ihr auf­ge­bau­ten Pulte, einen Auf­satz über hier auf­ge­fun­de­ne sel­te­ne Dol­den­pflan­zen be­gon­nen hatte; sie holte ihm die be­tref­fen­den Ex­em­pla­re aus dem mit ihrer Hülfe an­ge­leg­ten Her­ba­ri­um oder aus der Bi­blio­thek die Bü­cher, deren er be­durf­te; sie such­te darin die ein­schla­gen­den Stel­len für ihn auf und las sie vor. „Wenn ich noch ein­mal Pro­fes­sor werde“, sagte er hei­ter, „welch einen Fa­mu­lus be­sitz ich schon!“ Aber sie war nicht nur sein Fa­mu­lus, sie war auch das Weib, deren stil­le Nähe ihm wohl­tat, die schwei­gend seine Hand, wenn sie von der Ar­beit ruhte, in die ihre nahm, die ihm die Pols­ter und den Sche­mel rück­te und ihm mit sanf­ter Stim­me den Trost auf bal­di­ge Ge­ne­sung zu­sprach.

Heute — es war am Nach­mit­tag — hatte er sie fort­ge­schickt, um ein bun­tes Lip­pen­blüm­chen auf­zu­su­chen, das nach sei­ner Rech­nung sich jetzt er­schlos­sen haben mußte; am Wald­was­ser, das sie beide zu allen Ta­ges­zei­ten oft be­sucht hat­ten, stan­den hie und da die Pflänz­chen. — Er selbst war in sei­nem Lehn­ses­sel bei der be­gon­ne­nen Ar­beit zu­rück­ge­blie­ben; auf allen Stüh­len um ihn her lagen Bü­cher und Blät­ter, von Fran­zis­kas Hand vor ihrem Weg­gan­ge sorg­sam nahe ge­rückt und ge­ord­net. Eben hatte er eine ihrer Zeich­nun­gen her­vor­ge­sucht, die nach sei­ner Ab­sicht dem Auf­sat­ze bei­ge­druckt wer­den soll­te; aber seine Ge­dan­ken gin­gen über das Blatt nach der Ma­le­rin selbst, die jetzt dort drü­ben der Wald vor ihm ver­barg. Ihre hin­ge­ben­de Sorge an sei­nem Kran­ken­stuh­le woll­te ihm auf ein­mal fast un­heim­lich schei­nen; denn—er konn­te es sich nicht ver­heh­len—Fran­zi hatte sich in der letz­ten Zeit ihm zu ent­zie­hen ge­sucht; sie war fast wie­der scheu ge­wor­den wie ein Mäd­chen. Soll­te dies de­mü­ti­ge Die­nen ein Er­satz sein? Es war etwas Müdes in ihrem gan­zen Tun und Wesen.

Ri­chard hatte den Kopf zu­rück­ge­lehnt und blick­te aus dem Fens­ter, in des­sen Nähe seine Kran­ken­statt auf­ge­schla­gen war. Durch die klare Luft flog eben ein Zug von Wan­der­vö­geln; als der ver­schwun­den war, fie­len seine Augen auf einen Vo­gel­beer­baum, der drü­ben vor den Tan­nen an der Wie­sen­mul­de stand; eine Schar von Dros­seln tum­mel­te sich flat­ternd und krei­schend zwi­schen den schon roten Trau­ben­bü­scheln, die in dem schar­fen Strahl der Nach­mit­tags­son­ne aus dem Grün her­vor­leuch­te­ten.

Fern aus dem Walde hall­te ein Schuß.

„Bar­tho­lo­mäus­tag!“ sagte Ri­chard bei sich selbst.—“Die Jun­ker haben ihre Jagd er­öff­net.—Wenn nur Fran­zi schon zu­rück wäre!“
Eine un­ge­dul­di­ge Sehn­sucht nach ihr er­griff ihn. Er hatte ihr etwas ver­sagt, woran sie nur ein­mal und nie wie­der er­in­nert hatte; aber es schien ihm plötz­lich klar­ge­wor­den, dies Ver­sa­gen drück­te sie. Wenn er nur erst ge­sund wäre! Sie konn­ten hier nicht ewig blei­ben; auch er fühl­te jetzt mit­un­ter eine Be­klom­men­heit in die­ser Stil­le, einen Drang, an den Din­gen da drau­ßen wie­der fri­schen An­teil zu neh­men. Dann, wenn sie unter Men­schen leb­ten, mußte schon alles nach­ge­holt sein; was er ihr und sich sel­ber einst ent­ge­gen­ge­setzt hatte, er schalt es kran­ke Träu­me, die den Düns­ten des öden Moors ent­stie­gen seien. Nein, nein! Sein jun­ges Weib zur Seite, woll­te er wie­der ins volle Leben hin­aus; ein gan­zer fro­her Mann, be­freit von allem grau­en Spinn­ge­we­be der Ver­gan­gen­heit. „Fran­zi, süße Fran­zi!“ rief er und streck­te beide Arme nach ihr aus.

Aber sie kam noch nicht.

Er ver­such­te es, seine Ar­beit wie­der auf­zu­neh­men, er blät­ter­te in den um­her­lie­gen­den Bü­chern, er schrieb eine Zeile, dann legte er die Feder wie­der hin.—Von den Eich­bäu­men, die zu Wes­ten der Um­fas­sungs­mau­er stan­den, fie­len die Schat­ten schon über den gan­zen Hof; nur seit­wärts durch die obe­ren Schei­ben drang noch ein Son­nen­strahl ins Zim­mer. Da sah er es drü­ben aus den Tan­nen schim­mern; Fran­zis­ka trat aus dem Dun­kel und schritt lang­sam auf dem Fuß­stei­ge hin; ein paar­mal blieb sie wie auf­at­mend ste­hen, wäh­rend sie durch die Wie­sen­mul­de her­auf­kam.

Als sie dann zu ihm ins Zim­mer ge­tre­ten war, legte sie einen Strauß von blau­em En­zi­an und Hei­de­blü­ten vor ihm hin; auch ein Sten­gel jenes Lip­pen­blüm­chens war dabei, aber die Knos­pen waren noch nicht er­schlos­sen; ver­ge­bens — so sagte sie — habe sie sich über­all nach einer auf­ge­blüh­ten Pflan­ze um­ge­se­hen; aber mor­gen oder über­mor­gen werde sie gewiß schon eine brin­gen kön­nen.

Ihre Augen glänz­ten, ihre Wan­gen waren heiß. Er er­griff ihre Hand und woll­te sie an sich zie­hen.

„Du hast wohl sehr weit umher ge­sucht?“ sagte er.

Aber er fühl­te ein lei­ses Wi­der­stre­ben. „Oh, ziem­lich weit! Es war ein wenig feucht, ich muß die Schu­he wech­seln.“

„So tu das erst, komm aber bald zu­rück! Ich habe fast um dich ge­sorgt.“

„Um mich? Das war nicht nötig.“

„Ja, Fran­zi, wenn man krank im Lehn­stuhl sitzt! — Ich hörte schie­ßen, drü­ben vom Wald­was­ser her. Hast du es nicht ge­hört?“

„Ich? Nein, ich hörte nichts.“ Sie hatte im sel­ben Au­gen­blick den Kopf ge­wandt. „Ich komme gleich zu­rück“, sagte sie, ohne um­zu­se­hen, und ging rasch zur Tür hin­aus.

Als sie ge­gan­gen war, kam der Hund her­ein, der es bald ge­lernt hatte, mit sei­ner brei­ten Pfote die Zim­mer­tür zu öff­nen. Er legte den Kopf auf sei­nes Herrn Schoß und blick­te ihn wie fra­gend mit den brau­nen Augen an. Ri­chard ließ seine Hand lieb­ko­send über den Rü­cken des schö­nen Tie­res glei­ten.

„Sei ruhig, Leo!“ sagte er, „wir beide blei­ben doch bei­sam­men!“ — Er teil­te mit den Fin­gern das sei­den­wei­che Haar unter dem Be­hang des Kop­fes. „Laß sehen! Hast du denn die Narbe noch? — Das war ein wil­der Strauß mit dem lom­bar­di­schen Strauch­dieb da­mals! So tolle Wege gehen wir nun nicht mehr! — Aber schön wird doch auch die neue Fahrt mit dei­ner jun­gen Her­rin, wenn sie mit ihren lich­ten Fal­ken­au­gen in die vor­über­flie­gen­de Land­schaft blickt, und du, mein Hund, voran in wei­ten Sprün­gen, wie eins­tens, da wir noch al­lein die Welt durch­streif­ten! Denn hin­aus wol­len wir wie­der, weit hin­aus, und du, mein Tier — gewiß, wir blei­ben bei­ein­an­der!“

Er hatte sich hin­ab­ge­beugt, aber Leo schloß wie be­ru­higt seine Augen, und nur die Fahne des mäch­ti­gen Schwei­fes be­kun­de­te in sanf­ten Be­we­gun­gen die Zu­frie­den­heit sei­nes In­nern. So saßen sie still bei­sam­men, wie sie es sonst so oft getan, tags an der of­fe­nen Land­stra­ße wie abends im be­hag­li­chen Quar­tier. Der reich­be­gab­te Mann und die schein­bar so weit von ihm ge­trenn­te Krea­tur — in die­sem Au­gen­blick legte sich das Ge­fühl der ge­gen­sei­ti­gen Treue wie er­qui­cken­der Tau auf bei­der Haupt. — Ri­chard war nicht dazu ge­kom­men, Fran­zi sei­nen so freu­dig ge­faß­ten Ent­schluß mit­zu­tei­len; auch als sie bald dar­auf wie­der ein­trat, und selbst in den fol­gen­den Tagen, ge­lang­te er nicht dazu. — Fran­zi ging wie­der­holt in den Wald hin­aus. Sie brach­te ihm die er­schlos­se­ne Blume, um deren wil­len sie zu­erst hin­aus­ge­gan­gen war; sie brach­te auch an­de­re, die zu sei­ner Ar­beit in Be­zie­hung stan­den; je­des­mal hatte sie etwas Neues vor­zu­le­gen. In der Vase, wel­che auf dem Schreib­ti­sche stand, ord­ne­te sie fast täg­lich einen neuen Strauß von Grä­sern und wil­den Blu­men, zwi­schen denen jetzt auch schon Zwei­ge mit roten und schwar­zen Bee­ren glänz­ten.

Wenn sie ihn ver­las­sen hatte, fühl­te er eine Un­ru­he, die er sich sel­ber zu ge­ste­hen schäm­te. Denn was konn­te ihr ge­sche­hen hier im Walde! — Einen Schuß hatte er nicht wie­der ge­hört; die Jagd mußte, wenn sie über­haupt be­trie­ben wurde, nach einem ent­fern­te­ren Teile des Re­viers ver­legt sein.

Aber all­mäh­lich und immer ra­scher fühl­te er sich ge­ne­sen; bald ging er im Hause, bald mit Leo und Fran­zi auch schon drau­ßen in der nächs­ten Um­ge­bung des­sel­ben umher; mit vol­len Zügen at­me­te er die klare, wür­zi­ge Herbst­luft. Und jetzt er­faß­te ihn aufs neue eine Un­ge­duld, bevor noch hier die Blät­ter fie­len, seine Pläne zu ver­wirk­li­chen. Mit ra­schem Ent­schluß setz­te er sich an den Schreib­tisch und teil­te sei­nem Freun­de, dem Bür­ger­meis­ter, seine Ab­sicht nebst einer des­sen Per­sön­lich­keit ent­spre­chen­den Be­grün­dung mit, zu­gleich kün­dig­te er sei­nen Be­such auf die nächs­ten Tage an. Neben ihm unter dem Brief­be­schwe­rer lag die jüngst ver­faß­te Ar­beit, in sau­be­rer Rein­schrift von Fran­zis­kas Hand und fer­tig zur Ver­sen­dung an die Re­dak­ti­on einer bo­ta­ni­schen Zeit­schrift. Alles soll­te noch heute die Bo­ten­frau zur Post brin­gen.

Als er die Ab­hand­lung her­vor­zog, um sie ein­zu­sie­geln, kreuz­te beim flüch­ti­gen Ein­blick ein Ge­dan­ke sei­nen Kopf, der ihn an­trieb, noch ein­mal ein in sei­ner Bi­blio­thek be­find­li­ches Fach­werk nach­zu­schla­gen.

Gleich nach­dem er das Zim­mer ver­las­sen hatte, kam Fran­zis­ka durch die Au­ßen­tür her­ein. Als sie den of­fe­nen, frisch ge­schrie­be­nen Brief auf dem Ti­sche lie­gen sah, trat sie auf lei­sen Soh­len näher; vor­sich­tig reck­te sie den Kopf, und ihre Augen flo­gen dar­über hin, als woll­ten sie die Schrift ein­sau­gen. Ein paar Se­kun­den stand sie noch, ihre Fin­ger fuh­ren an die Zähne, ein hef­ti­ges Er­schre­cken lag auf ihrem Ant­litz. Dann, als ne­ben­an in der Bi­blio­thek sich Schrit­te rühr­ten, ent­floh sie aus dem Zim­mer, aus dem Hause und drau­ßen über den Hof; an die Mauer ge­drückt, lief sie in die Heide hin­aus, die an der Rück­sei­te des Ge­bäu­des lag. Eine Weile saß sie hier zwi­schen dem Ei­chen­ge­büsch auf dem Boden, die Hände um die Knie ge­fal­tet; ihre Bli­cke flo­gen von den Wet­ter­fah­nen des Hau­ses, wel­che gold­schim­mernd in der Mor­gen­son­ne aus dem Laub her­vor­rag­ten, nach dem Wald hin­über und vom Walde zu­rück zu dem alten Ge­mäu­er, das dort so fried­lich in dem Grün der Bäume stand. Plötz­lich sprang sie auf; die ganze schmäch­ti­ge Ge­stalt bebte, aber ihre Augen blick­ten ent­schlos­sen nach dem Wald hin­über. Durch das Ge­büsch der Heide lief sie seit­wärts an der Wie­sen­mul­de ent­lang. Als sie beim Zu­rück­bli­cken das Haus nicht mehr ge­wah­ren konn­te, ging sie durch die wu­chern­den Kräu­ter in die­sel­be hinab und ver­schwand dann jen­seits zwi­schen den Stäm­men der Wald­bäu­me.

— Als sie nach reich­lich einer Stun­de wie­der ins Haus trat, schien jede Spur einer Auf­re­gung aus ihrem An­ge­sicht ver­schwun­den.
„Bist du end­lich da, Fran­zi?“ sagte Ri­chard, der ihr auf dem Flur ent­ge­gen­kam, „ich suche dich seit einer Stun­de.“

Fran­zis­ka drück­te ihm leicht die Hand. „Ver­zeih, daß ich dir’s nicht sagte. Mir war der Kopf be­nom­men, ich mußte einen Gang ins Freie ma­chen.“

Er legte ihren Arm in sei­nen. „Komm!“ sagte er und zog sie mit sich die Trep­pe hin­auf nach dem Wohn­zim­mer. Hier faßte er sie an bei­den Hän­den und blick­te sie lang und lie­be­voll mit sei­nen erns­ten Augen an.

Sie senk­te den Kopf ein wenig und frag­te: „Was hast du, Ri­chard? Du bist so fei­er­lich.“

„Fran­zi“, sagte er, „ge­denkst du wohl noch der Hoch­zeits­mu­sik, die abends vom Wal­des­rand zu uns her­über­weh­te?“

Sie nick­te, ohne auf­zu­se­hen.

„Und jener Worte, die ich da­mals zu dir sprach? — Ich war ein Tor, Fran­zi; die un­ge­wohn­te Ein­sam­keit hatte mir den Mut ge­lähmt. Doch jetzt bin ich ein ei­gen­süch­ti­ger Mensch; ich kann nicht an­ders, ich muß dich hal­ten, un­auf­lös­lich fest, auch wenn du gehen woll­test! Ich er­trag’s nicht län­ger, daß du frei bist. — Das ist Selbst­er­hal­tung, Fran­zi, ich kann nicht leben ohne dich.“

Immer in­ni­ger ruh­ten seine Augen auf ihr, immer mehr hatte er sie an sich ge­zo­gen.

Be­bend hing sie in sei­nen Armen. „Wann“, sagte sie, „wann denkst du, daß es sein soll­te?“

„Macht’s dich be­klom­men, Fran­zi?“ — Er legte seine Hand auf ihre dicke sei­de­ne Flech­te und drück­te ihren Kopf zu­rück, daß er ihr Ant­litz sehen konn­te. „Ich hab dich über­rascht, be­sin­ne dich! — Wir brau­chen keine Hoch­zeits­mu­sik; in die­ser Stil­le, wo du mein ge­wor­den bist, mag auch die Au­ßen­welt ihr Recht be­kom­men. Die alte gute Wieb, ihr Freund, der In­spek­tor; wir brau­chen keine an­dern Zeu­gen! Und über­mor­gen reise ich zu dei­nem Vor­mund, zu un­se­rem Freund, dem Bür­ger­meis­ter; die paar Tage noch bist du Stroh­wit­we; dann, Fran­zi, dann ver­las­sen wir uns nicht mehr.“ Er schwieg.

Sie öff­ne­te die Lip­pen; aber es war, als wenn die Worte nicht hin­über woll­ten. „Und wann“, sagte sie end­lich, „wirst du wie­der­kom­men?“

„Am Sonn­abend reise ich; am Diens­tag bin ich wie­der da. Dann hoff ich alles mit­zu­brin­gen: die nö­ti­gen Schei­ne, die Li­zenz, das Hoch­zeits­kleid. — Ja, Fran­zi, die Tage dei­ner Frei­heit sind ge­zählt! Du wirst mir doch indes nicht etwa fort­ge­flo­gen sein?“

Mit dem glück­lichs­ten Lä­cheln blick­te er sie an. „Und nun geh, mein ge­lieb­tes Weib! Ich hab noch man­cher­lei für uns zu ord­nen.“

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Die letz­te Nacht vor der Ab­rei­se war ge­kom­men.

— Die drei Be­woh­ner des Wald­win­kels be­fan­den sich in ihren Schlaf­ge­mä­chern; Leo, der treue Wäch­ter, lag, wie stets um diese Zeit, unten im Flur quer vor der Haus­tür hin­ge­streckt. Im Hause war alles still, wenn nicht mit­un­ter ein Hus­ten der alten Frau Wieb aus deren Gar­di­nen­bett her­vor­beb­te oder dro­ben im Wohn­zim­mer der Uh­ren­ku­ckuck von Stun­de zu Stun­de die Sta­tio­nen der Nacht in die schwei­gen­den Räume hin­aus­rief. — Drau­ßen aber wühl­te der Wind in den Bäu­men; die Wet­ter­fah­nen kreisch­ten auf dem Dache, und al­ler­lei Stim­men schweb­ten, wenn der Sturm zu neuem Zuge den Atem an­hielt, aus dem Walde her­über. — Horch! Klang da nicht ein Fens­ter? Das ein­zi­ge an der West­sei­te des Hau­ses, wo die Ei­chen­zwei­ge die Mauer fast be­rüh­ren?

Nein, nur in den Lüf­ten braus­te es stär­ker; es schien sich wei­ter nichts zu rüh­ren; die alte Frau Wieb hus­te­te; oben rief der Ku­ckuck: eins! — Die Nacht rück­te wei­ter; nichts, was nicht sonst auch da war, ließ sich hören. Die we­ni­gen Ster­ne, die durch die vor­über­ja­gen­den Wol­ken blink­ten, erb­li­chen nach und nach. — In der ers­ten Däm­me­rung stand Fran­zis­ka vor Ri­chards Bette. Er schlief noch; sie knie­te nie­der und küßte seine Hand, die über den Rand des Bet­tes her­ab­hing; und als er die Augen auf­schlug, sagte sie: „Du mußt auf­ste­hen, Ri­chard; der Wagen wird bald da sein!“

„Fran­zi!“ rief er, die Augen zu ihr auf­schla­gend, und nach einer Weile, da der Nebel des Schlafs von sei­ner Stirn ge­wi­chen war, setz­te er hinzu: „Hast du den Eu­len­schrei ge­hört, heut nacht? Auf der Uhr drin­nen rief es just zu eins.“

Sie zuck­te leise in den Schul­tern. „Das hören wir ja jede Nacht“, sagte sie leise.

„Nein, nein, Fran­zi; es war nicht der Wald­kauz, den wir hier­her­um haben; es klang ganz an­ders, selt­sam! Ich zwei­fel­te zu­erst, ob’s auch nur einer sei­ner Vet­tern sei; drun­ten vorn Flur her­auf hörte ich, wie Leo sich auf­rich­te­te und ei­ni­ge Male hin und wider ging.“

„Ich hab es nicht be­merkt“, sagte sie leise.

„Dann hast du fest ge­schla­fen, Fran­zi; denn das Tier muß in einem der nächs­ten Bäume hier ge­ses­sen haben.“

Sie saßen noch beim Früh­stück mit­ein­an­der, aber Fran­zi brach­te kaum ein Krüm­chen über ihre Lip­pen. Dann stieg er in den Wagen. „Ver­giß es nicht; drei Tage!“ rief er ihr noch zu­rück, und fort roll­te das Ge­fährt über die Heide; mit lau­tem Bel­len sprang der Hund vor­aus.
Lange stand sie und blick­te mit un­be­weg­li­chen Augen hin­ter­her, bis nur noch die dunk­le Linie des Step­pen­zu­ges sich am Ho­ri­zon­te abhob.

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Am Nach­mit­tag trat Ri­chard zu sei­nem Freun­de, dem Bür­ger­meis­ter, in das Zim­mer.

„Nun, Wald­mensch!“ rief die­ser, ihm dro­hend die klei­ne runde Hand ent­ge­gen­schüt­telnd, „was treibst du denn für Strei­che?“

„Du hast also mei­nen Brief er­hal­ten?“

„Frei­lich! Wie du einen al­te­rie­ren kannst! Es sind na­tür­lich lau­ter
Scher­ze!“
„Ich bin in vol­lem Ernst zu dir ge­kom­men.“

„Höchst merk­wür­dig!“ sagte der Bür­ger­meis­ter, „ro­man­tisch, ganz ro­man­tisch!  — Ich wette, du weißt noch nicht ein­mal, wer Vater und Mut­ter zu dem Mäd­chen ge­we­sen sind.“
„Was geht das mich an!“

„Nun, nun; du brauchst aber doch einen Tauf­schein —“

„Ich brau­che noch mehr, Fritz! Viel­leicht gar deine ober­vor­mund­schaft­li­che Hülfe, wenn der wa­cke­re Schus­ter seine Mün­del etwa wie­der bei einem rei­chen Bä­cker soll­te in Ver­sor­gung geben wol­len.“

„Meine Hülfe, Ri­chard? Nein, nein; wo denkst du hin? Das ginge denn doch gegen mein Ge­wis­sen.“

Ri­chard lä­chel­te. „Aber du bist ja nicht mein Ober­vor­mund; ist dir der Mann nicht gut genug für deine Mün­del?“
„Bei Gott, du hast recht, Ri­chard! Mir war in die­sem Au­gen­blick, als seist du noch mein Leib­fuchs. Da werd ich frei­lich nichts da­ge­gen ma­chen kön­nen.“ Der Bür­ger­meis­ter hatte seine gol­de­ne Bril­le von der Nase ge­nom­men, putz­te die Glä­ser mit sei­nem gelb­sei­de­nen Schnupf­tu­che und sah dabei den Freund kopf­schüt­telnd aus sei­nen klei­nen Augen an. „Hm, solch ein Schwär­mer!“ sagte er, „es ist doch selt­sam, daß euere Sorte immer —“

Aber Ri­chard er­griff den klei­nen guten Mann bei bei­den Hän­den. „Du dis­pu­tierst sie mir nicht ab“, sagte er innig. „Laß gut sein, Fritz; sprich lie­ber, wie steht es mit dem Herrn Ma­gis­ter?“

„Er sitzt!“ er­wi­der­te der Bür­ger­meis­ter mit einem höchst fröh­li­chen Er­wa­chen sei­ner Stim­me.
„Aber sein Pro­zeß?“

„Still; weck ihn nicht! Der schläft.“

„Und Fran­zis­ka?“

„Wird nicht mehr be­un­ru­higt wer­den. Die Akten sind ein­ge­sandt; das Ur­teil kommt schon zu sei­ner Zeit.“

„Nun, Fritz, so hilf mir, und laß uns alles rasch be­sor­gen!“-Und alles wurde be­sorgt; schon am nächs­ten Vor­mit­ta­ge hatte Ri­chard die Li­zenz und alle nö­ti­gen Schei­ne in sei­nen Hän­den. Es war sein Plan ge­we­sen, die Reise noch auf jene Groß­stadt aus­zu­deh­nen; aber wie­der be­fiel ihn eine fast angst­vol­le Sehn­sucht und trieb ihn nach dem Wald zu­rück; die be­ab­sich­tig­ten Ein­käu­fe lie­ßen sich ja auch am bes­ten in Ge­mein­schaft mit Fran­zis­ka ma­chen.

So be­fahl er denn die Heim­kehr.

„Frisch zu, Kut­scher“, sagte er, „es gibt ein dop­pel­tes Trink­geld.“ Der Kut­scher brauch­te seine Peit­sche; noch am Nach­mit­tag er­reich­ten sie das Dorf; aber auf dem hol­pe­ri­gen Stein­pflas­ter lief ein Rad von der Achse, und zur Aus­bes­se­rung be­durf­te es einer halb­stün­di­gen Ar­beit in der Dorf­schmie­de. Ri­chard, von Leo be­glei­tet, war nach dem Krug hin­über­ge­gan­gen. Bei sei­nem Ein­tritt in die Au­ßen­die­le stieß der Hund ein dump­fes Knur­ren aus, und in dem­sel­ben Au­gen­blick ging der junge Förs­ter, der eben aus der Gast­stu­be trat, ohne Gruß an ihm vor­über aus der Haus­tür; nur ein flüch­ti­ger Blick der blan­ken Augen hatte ihn ge­streift.

Ri­chard blieb un­will­kür­lich ste­hen. Als er durch die of­fe­ne Haus­tür wahr­nahm, daß der an­de­re den Hof ver­las­sen hatte, ging auch er wie­der hin­aus und sah ihn eilig auf dem nach Nor­den fah­ren­den Land­we­ge da­hin­schrei­ten. Der Mensch war ihm ver­haßt; er wußte sel­ber kaum, wes­halb er hier am Wege stand, ihm nach­zu­bli­cken.

Er wand­te sich rasch wie­der nach dem Hause. Dort hörte er von der Gast­stu­be aus leb­haf­tes und viel­stim­mi­ges Ge­spräch, wovon er bei sei­ner ers­ten Ein­kehr nichts be­merkt hatte. Als er mit sei­nem Hunde ein­trat, fand er viele Gäste an den Ti­schen sit­zen, denn es war Sonn­tag­nach­mit­tag. Aber das Ge­spräch ver­stumm­te plötz­lich; statt des­sen kam der Wirt ihm ent­ge­gen und er­kun­dig­te sich ge­flis­sent­lich nach sei­ner Rei­se­unge­le­gen­heit. Von einem der Ti­sche her hörte er noch den Namen des Förs­ters, den er zu­fäl­lig er­fah­ren hatte; doch der Spre­cher er­hielt von sei­nem Nach­bar einen Stoß mit dem El­len­bo­gen, und all­mäh­lich kam wie­der ein lau­tes Ge­spräch in Gang, wie es die Bau­ern über Ernte und Frucht­prei­se um sol­che Jah­res­zeit zu füh­ren pfle­gen.

End­lich war die Achse her­ge­stellt, und der Wagen roll­te fort. Ri­chard saß in sich ver­sun­ken; eine un­kla­re, un­be­hag­li­che Stim­mung hatte ihn er­grif­fen; er konn­te sich nicht freu­en auf die Heim­kehr, form­lo­se ge­spens­ti­sche Ge­bil­de aus ir­gend­ei­nem fer­nen grau­en Nebel dran­gen auf ihn ein. Wenn er nur erst da wäre, nur erst Fran­zis­kas Ant­litz wie­der­sä­he!

Und wei­ter ging es, und immer näher kam er zu den Wäl­dern. Schon rum­pel­te der Wagen zwi­schen dem Ei­chen­busch über den har­ten Hei­de­bo­den, und end­lich stieg das Dach des Hau­ses vor ihm auf, und er sah die Wet­ter­fah­nen in der Abend­son­ne schim­mern.

Aber dort, was seit­wärts aus dem Schat­ten des Wal­des trat, das war sie ja selbst; ihr hel­les Kleid, ihr Stroh­hüt­chen, ganz deut­lich hatte er es er­kannt. Sie schien den Wagen nicht be­merkt zu haben, denn sie schlug die Rich­tung nach dem Hause ein; aber er beug­te sich vor und rief über die Heide: „Fran­zi! Fran­zi!“—Da blieb sie ste­hen, und als er noch ein­mal ge­ru­fen hatte, wand­te sie sich und kam lang­sam näher. End­lich konn­te er ihr Ant­litz sehen; die Augen stan­den so groß und dun­kel über den blas­sen Wan­gen; er mein­te sie noch nie­mals so ge­se­hen zu haben. Bevor der Wagen hielt, war er schon hin­ab­ge­sprun­gen und schloß sie in die Arme. „Gott sei ge­dankt!“ rief er und at­me­te auf, als fiele eine Ber­ges­last von sei­ner Brust, „mir war, als könnt ich dich ver­lo­ren haben!“

Sie sagte nur: „Was du für Träu­me hast!“

Aber wäh­rend ihr Kopf an sei­nem Her­zen lag, waren ihre Augen auf den an ihrer Seite ste­hen­den Hund ge­fal­len. Der hatte die Nase nach dem Walde aus­ge­streckt, der Rich­tung nach, in wel­cher Fran­zi ihn so­eben ver­las­sen hatte, und schno­ber­te immer hef­ti­ger in der Luft umher. Fast me­cha­nisch griff ihre klei­ne Hand in das me­tal­le­ne Hals­band des Tie­res. „Laß uns heim, Ri­chard“, sagte sie has­tig, „und halte den Hund, damit er nicht wie neu­lich nach den Rehen jagt.“

Er sah nicht hin, er hatte nur Augen für die junge Ge­stalt, die er in sei­nen Armen hielt, die er wie ein Kind jetzt in den Wagen hob. Dann pfiff er sei­nem Hunde, und bald hat­ten sie die kurze Stre­cke bis zum Hause zu­rück­ge­legt.

Er fand dort alles in ge­wohn­ter Ord­nung; die alte Wieb trat im sau­bers­ten Sonn­tags­an­zug ihm ent­ge­gen, voll Freu­de über seine un­er­war­te­te schnel­le Heim­kehr. Aber er sagte ihr, daß der Wagen schon auf mor­gen wie­der be­stellt sei, daß er in der gro­ßen Stadt zu tun habe und daß Fran­zis­ka mit ihm rei­sen werde. Und die­ser flüs­ter­te er zu: „Du bist es doch zu­frie­den, Fran­zi? Wir gehen wie­der zu der ent­zück­ten La­den­da­me; klei­ne sei­de­ne Stie­fel­chen soll sie dir an­mes­sen! Du sollst dir alles sel­ber aus­su­chen—doch nein! Du bist zu an­spruchs­los, du wür­dest doch nur Klei­der für dich kau­fen.—Ich aber—in wei­ßen Duft will ich dich hül­len, so leicht wie ein Nichts, so zart, daß auch eine Wolke davon das Leuch­ten einer Rose nicht ver­ber­gen könn­te.“

Er sah es nicht, wie sie die wei­ßen Zähn­chen auf­ein­an­der­biß und wie ihre
Lip­pen zit­ter­ten.
„Nun Fran­zi?“ fuhr er fort, „was meinst du, bist du es zu­frie­den?“

Sie zog schwei­gend seine Hand an ihre Lip­pen; dann sagte sie mit jenem schar­fen Klang der Stim­me: „Ich meine, daß du wie­der ein­mal ver­schwen­den willst und daß du dich täu­schest über mich arme Dirne, die ich bin.“

„Und ich meine, daß jetzt du die Törin bist.“

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Der Abend kam. Ri­chard hatte wie ge­wöhn­lich das äu­ße­re Boh­len­tor und die Haus­tür ab­ge­schlos­sen; vor der letz­te­ren auf dem Haus­flur lag der Hund, der große Schlüs­sel zu dem ers­te­ren hing an dem Tür­pfos­ten in sei­nem Schlaf­ge­ma­che. Dann legte er sanft den Arm um Fran­zis Leib, die müßig am Fens­ter des Wohn­zim­mers stand und nach dem dun­keln Wald hin­über­schau­te, und führ­te sie durch die Bi­blio­thek bis an die Schwel­le ihrer Kam­mer. Sie war ihm wie­der wie eine un­be­rühr­te Braut, er über­schritt die Schwel­le nicht. „Schla­fe süß, meine Fran­zi!“ sagte er. „Mir ist auf ein­mal wie­der, als stün­de das Glück mir noch in un­ge­wis­ser Ferne.“

Sie hatte schon die Tür ge­öff­net; da riß er sie noch ein­mal an sich.
„Gute Nacht, gute Nacht, Fran­zi!“
Dann war sie fort; nur ihre klei­nen, leich­ten Schrit­te hörte er noch hin­ter der ge­schlos­se­nen Tür.

Lang­sam ging er durch das Wohn­zim­mer. Im Vor­über­ge­hen hob er die bren­nen­de Kerze, wel­che er dort vom Tisch ge­nom­men hatte, gegen das alte Tür­bild und warf einen flüch­ti­gen Blick dar­auf; dann trat er in sein Schlaf­ge­mach.
Und bald, nach den Er­mü­dun­gen die­ser letz­ten Tage, lag er in fes­ten Schlaf ge­sun­ken. Weder das Rau­schen der Wäl­der drau­ßen in der dun­keln Herbst­nacht noch der Zei­t­ruf des klei­nen Kunst­vo­gels aus der ne­ben­an lie­gen­den Stube drang in die Tiefe sei­nes Schlum­mers. Schon war die höchs­te Stufe der Nacht er­klom­men; zwölf­mal hatte es drü­ben von der Uhr ge­ru­fen; er schlief traum­los wei­ter, und wei­ter rück­te die Nacht. Eins rief es von der Uhr; — dann zwei; — dann drei! Da kamen die Träu­me, und was am Tage nur wie be­ängs­ti­gen­der Nebel vor sei­nem Blick ge­schwom­men, jetzt wurde es zu far­bi­gen Ge­stal­ten, von grel­lem oder fah­lem Licht be­leuch­tet, das kei­ner Zeit des Tages an­ge­hör­te. — Wie bleich ihm Fran­zi in den Armen hing! Und selt­sam, immer woll­ten ihre Augen ihn nicht an­se­hen! Aber dort hin­ter den Bäu­men stand der Jäger. — Stöh­nend warf er sich umher auf sei­nem Lager; aus sei­nem Munde bra­chen hef­ti­ge, zu­sam­men­hang­lo­se Laute. Plötz­lich fuhr er empor und saß auf­ge­rich­tet, in den Kis­sen, der Nach­hall ir­gend­ei­nes Schal­les lag in sei­nen Ohren; und jetzt schon wußte er es, vom Hofe drun­ten mußte es ge­kom­men sein. Im sel­ben Au­gen­bli­cke stand er auch am Fens­ter, kaum die erste graue Däm­me­rung war an­ge­bro­chen; aber den­noch sah er es, wie eben das schwe­re Hof­tor zu­schlug. Wie noch im Trau­me hatte er eine sei­ner bei­den Pis­to­len von der Wand ge­ris­sen; eine Fens­ter­schei­be klirr­te, und klat­schend fuhr die Kugel drun­ten in das Boh­len­tor.

Dann blieb alles still. Er riß die an­de­re Pis­to­le von der Wand, und ohne Klei­dung, im nack­ten Hemde, stürz­te er aus dem Zim­mer; im Hin­aus­ge­hen griff er nach dem Haken an der Tür, aber der Schlüs­sel fehl­te.

„Leo, Leo!“ rief er auf der Trep­pe drau­ßen. „Mein Hund, wo bist du?“ — Nichts regte sich. Noch ein­mal rief er und stieg dann in den noch dun­keln Haus­flur hinab.

Da wur­den seine Füße durch etwas auf­ge­hal­ten, was nicht wei­chen woll­te; als er sich bück­te, fuhr seine Hand über lan­ges sei­den­wei­ches Haar. — Er stieß einen lau­ten Schrei aus. Noch ein­mal bück­te er sich; dann rann­te er — er wußte selbst nicht wes­halb — in die Kam­mer sei­ner alten Die­ne­rin; aber die taube alte Frau lag ruhig at­mend in ihrem Bette; er nahm das auf dem Ti­sche ste­hen­de Licht, zün­de­te es an und trat wie­der auf den Flur hin­aus. Da lag sein Hund, die Beine steif ge­streckt, die brau­nen Au­gen­ster­ne groß und offen. Er warf sich nie­der und leuch­te­te mit der Kerze dicht hinan; ein bläu­li­cher Flor schien den Glanz der Augen zu be­de­cken; kalt und wie in stum­mer Klage starr­ten sie ihn an. — Auf ein­mal war ihm, als wür­den die Mau­ern durch­sich­tig, als sähe er zwei ju­gend­li­che Ge­stal­ten über die Heide flie­hen und im bren­nen­den Mor­gen­schein ver­schwin­den.

Er sprang auf und stand im nächs­ten Au­gen­bli­cke in Fran­zis­kas Kam­mer. — Sie war leer, das Bett nur leicht be­rührt; man sah, sie hatte nur zu flüch­ti­ger Rast sich auf die Decke hin­ge­streckt; das Kis­sen zeig­te noch den Ein­druck, wo sie ihren Arm ge­stützt hatte. Er hätte es nicht las­sen kön­nen, er legte seine Hand hin­ein, als lieb­kos­te er noch diese letz­te Spur ihres Le­bens. Da klirr­te durch eine zu­fäl­li­ge Be­rüh­rung die Waffe in sei­ner an­dern Hand, und jäh schoß ein neuer Ge­dan­ken­strom durch sei­nen Kopf. Schon war er drau­ßen auf der Trep­pe; aber er kam nicht wei­ter. — Was woll­te er denn noch? — Schon ein­mal waren seine Hände rot ge­wor­den. Lang­sam stieg er die Trep­pe hin­auf nach sei­ner Schlaf­kam­mer; er häng­te die Schuß­waf­fe an ihren Platz; dann klei­de­te er sich völ­lig an. Als er fer­tig war, trat er in das Wohn­zim­mer, zog die Vor­hän­ge der Fens­ter auf und öff­ne­te dann mit sei­nem Schlüs­sel das Fach des Schreib­ti­sches, worin die Wert­pa­pie­re ihren Platz hat­ten.

Er wußte vor­her schon, was er fin­den würde. Was ihm ge­hör­te, lag un­be­rührt; das Päck­chen mit Fran­zis­kas Namen war ver­schwun­den. — Eine Weile such­te er noch nach einem Zet­tel­chen von ihrer Hand, einem Wort des Ab­schieds oder was es immer sei; er räum­te das ganze Fach aus, aber es fand sich nichts.

Durch die Fens­ter brach der erste Mor­gen­schein und ließ das alte Tür­bild aus der Däm­me­rung her­vor­tre­ten. Als er zu­fäl­lig den Blick dahin warf, über­kam ihn ein wun­der­li­cher Sin­nen­trug; der ein­sa­me Alte dort am Wege hatte ja den Kopf ge­wandt und sah ihn an.

Die Sonne stieg höher, an den Ta­pe­ten leuch­te­ten die Blu­men der Ver­ges­sen­heit. Ri­chard hatte die Augen noch immer nach dem Bilde. Es war sein ei­ge­nes An­ge­sicht, in das er blick­te.

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Der Ok­to­ber war ins Land ge­kom­men. Im Kruge zu Föh­ren­schwarz­eck saßen eines Nach­mit­tags der Wirt und der klei­ne Krä­mer aus der Stadt sich ge­gen­über. Der ganze Tisch war voll von Krei­de­zah­len; sie hat­ten wie­der ein­mal Quar­tals­tag ge­hal­ten, das Fazit war ge­zo­gen und ge­neh­migt wor­den; die noch üb­ri­ge Zeit ge­hör­te ver­gnüg­li­che­ren Ge­sprä­chen, und sie waren auch schon in vol­lem Gange.

Kas­per-Ohm be­gann so­eben von dem Boden der ge­mei­nen Wirk­lich­keit em­por­zu­stei­gen. „Ihr mögt mir’s glau­ben“, sagte er ge­heim­nis­voll, „es ist sein eigen Blut ge­we­sen; frei­lich hat er’s nicht Wort haben wol­len, denn sie ist auf den Namen Fed­ders ge­tauft und bei einem Ma­gis­ter auf­ge­zo­gen wor­den; sogar einen ei­ge­nen Vor­mund hat er ihr von Ge­richts wegen set­zen las­sen!“

„Kas­per-Ohm!“ sagte der klei­ne Krä­mer, „Ihr seid wie­der ein­mal bei Eurem Ad­vo­ka­ten in der Stadt ge­we­sen!“
„Nun, nun, Pfef­fers, glaubt’s oder glaubt’s nicht! Der Vor­mund ist selbst bei mir ein­ge­kehrt ge­we­sen; da, wo Ihr jetzt sitzt, hat er ge­ses­sen und sei­nen Schnaps ge­trun­ken; sie haben’s drü­ben im Nar­ren­kas­ten eben mit­sam­men fer­tig ge­habt, daß das arme Kind einen rei­chen Bä­cker­meis­ter frei­en soll­te, so einen alten wurm­sti­chi­gen Mehl­kne­ter; denn sie ist was wild ge­we­sen, und die alte Wai­sen­wieb hat nicht recht mehr mit ihr hau­sen kön­nen. — Nun, Pfef­fers, was soll man dazu sagen, daß sie lie­ber mit dem schwar­zen Kraus­kopf —“ Er nick­te dem Krä­mer zu und blies be­deut­sam durch seine aus­ge­spreiz­ten Fin­ger.

„Das ist eine ge­wal­ti­ge Ge­schich­te, die Ihr da er­zählt, Kas­per-Ohm“, mein­te der andre, „und stimmt nicht ganz mit dem Ka­len­der; denn der Dok­tor ist bei der Ge­burt des Mä­dels ja schon drei Jahr außer Lan­des ge­we­sen! Aber laßt uns ein­mal an­sto­ßen, und freut Euch, daß der Kraus­kopf Eure Ann-Mar­g­ret nicht auch noch mit­ge­nom­men hat; denn er sah mir just nicht aus, als wenn er lange mit einer ein­zi­gen zu­frie­den wäre.“

Kas­per-Ohm lach­te und blick­te durch die Fens­ter­schei­ben. „Da kommt auch der In­spek­tor!“ sagte er.

Der Ge­nann­te war eben in Be­glei­tung sei­nes Pu­dels unter der alten Eiche durch­ge­gan­gen, in deren Wip­fel jetzt das leere Nest zwi­schen den schon ge­lich­te­ten Zwei­gen sicht­bar war.

Der Wirt emp­fing ihn an der Stu­ben­tür. „Nun, Herr In­spek­tor“, rief er mun­ter, „alles wie­der auf dem alten Stand?“

„Aus­ge­kehrt und ab­ge­schlos­sen!“ er­wi­der­te der Alte, indem er den gro­ßen Schlüs­sel zum Au­ßen­tor des Wald­win­kels auf den Tisch und sich selbst auf einen Stuhl warf. „Ges­tern ging das letz­te Fuder nach der Stadt, um dort un­term Ham­mer weg­ge­schla­gen zu wer­den; all das schö­ne Ingut! Die alte Le­we­renz be­kommt das ganze Geld dafür.“

„Und der Herr Dok­tor?“ frag­te der Wirt. „Wo ist denn der ge­blie­ben?“

„Weiß nicht“, sagte der Alte, „küm­mert mich auch nicht; — fort — in die weite Welt.“

Der klei­ne Pfef­fers nahm den Schlüs­sel von der Tisch­plat­te und hielt ihn über den Köp­fen der bei­den an­dern: „Wer bie­tet auf den „Nar­ren­kas­ten“? — Num­mer eins: der alte Herr; Num­mer zwei: der Herr Bo­ta­ni­kus; — wer bie­tet zum drit­ten auf den „Nar­ren­kas­ten“?“

„Laßt die Pos­sen, Pfef­fers!“ sagte der Alte und nahm ihm den Schlüs­sel aus der Hand. „Mir tut’s nur leid um den Lö­wen­gel­ben; ich sag Euch, es war ein Ka­pi­tal­vieh; er ging noch über mei­nen Phy­lax.“

 

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