Wahlkampf im Wilden Westen

Im Herbst 1859 hatte ich nicht nur in Wisconsin Dienst zu tun, wo es – wie oben erwähnt –– mein besonderes Geschäft war, die Unzufriedenheit unter meinen Freunden zu beschwichtigen, sondern ich wurde auch dringend gebeten, einige Reden in dem kürzlich neu in den Bund aufgenommenen Staat Minnesota zu halten, wo im November die erste Wahl stattfinden sollte. Ich folgte diesem Ruf. Mit Vergnügen erinnere ich mich an diese Reise, und man muß mir verzeihen, wenn ich es mir vergönne, das Bild einer politischen Kampagne der damaligen Zeit im »fernen»Westen« mit all ihren humoristischen Seiten zu schildern. Die Bevölkerung von Minnesota war spärlich, und der westliche Teil des Staates noch von den Sioux-Indianerstämmen bewohnt.

Die Zwillingsstädte St. Paul und Minneapolis, die jetzt ihre Bevölkerung nach Hunderttausenden zählen, standen noch in ihrer Kindheit. St. Paul, wenn ich mich recht erinnere, hatte ungefähr 12 000 Einwohner und der Name Minneapolis existierte überhaupt noch nicht. Die Niederlassung wurde The Falls of St. Anthony genannt und hatte eine Einwohnerzahl von ungefähr 2000 Seelen.

Ich fand, daß man mich auf dem Kampagneprogramm mit einer oder zwei Reden täglich niedergeschrieben hatte, mit einem Reiseplan, der sich über einen großen Teil des Staates erstreckte. Ich sollte einige Tage in der Gesellschaft eines Herrn reisen, der sich mir als Judge Goodrich vorstellte. Da es in jener Zeit noch keine Eisenbahnen in dem Teile des Staates gab, den ich besuchen sollte, fuhren Judge Goodrich und ich in einem leichten Wagen von Ort zu Ort, durch kleine Landstädtchen und zahlreiche verstreute Niederlassungen. Er war ein Mann in den mittleren Jahren, von schlankem Bau mit glatt rasiertem und etwas magerem Gesicht und lebhaften dunklen Augen. Ich entdeckte bald in ihm eines jener Originale, wie sie damals in dem neuen Land oft zu finden waren. Er hatte mehr als die gewöhnliche Schulbildung genossen. Seine Unterhaltung war allerdings ziemlich reichlich mit den überemphatischen Kraftausdrücken untermischt, die bei den Grenzansiedlern sehr gebräuchlich sind, so daß es schien, als ob der Judge es liebe, sich dadurch als Mann des Volkes aufzuspielen. Er machte jedoch oftmals treffende Bemerkungen über die verschiedensten Fragen politischer, historischer, philosophischer und sogar theologischer Natur, welche einen außergewöhnlich regen und selbständigen Geist und große Belesenheit verrieten. Als wir besser miteinander bekannt wurden, fing er an, mir die Lieblingsrichtung seiner Studien anzuvertrauen. Es war die Entdeckung und Entlarvung scheinheiliger Charaktere in der Geschichte. Er hatte bei näherer Untersuchung gefunden, daß einige Männer, die in der Überlieferung als sehr edel und groß dargestellt wurden; gar nicht groß und edel gewesen waren und nicht das Lob verdienten, welches ihnen durch allgemeine Übereinstimmung seit Jahrhunderten bezeugt wurde, ja, daß tatsächlich dieses Verdienst und Lob anderen gehörte. Der Hauptgegenstand seines Abscheus war Christoph Columbus. Seine Nachforschungen und Studien hatten ihn überzeugt, daß Christoph Columbus seine Entdeckungsreife nach dem Log-Buch eines gestrandeten Seemannes gemacht hatte, der bei ihm Zuflucht gesucht und den er dann verräterischerweise ermordet hatte, sich seiner Habseligkeiten bemächtigend. Judge Goodrich erzählte mir lange Geschichten über die Missetaten von Christoph Columbus, die er in ihrem wahren Charakter erkannt habe. Er sprach mit großer Entrüstung von dem sogenannten »Großen Entdecker der neuen Welt« und klagte ihn als Mörder, Heuchler, als Menschen an, der sich falschen Schein anmaßte, als grausamen Tyrannen und offenbaren Seeräuber. Er war damit beschäftigt, seine Forschungen über diesen niederträchtigen Menschen niederzuschreiben und er beabsichtigte den Betrug in einem Buch aufzudecken, das er bald zu veröffentlichen hoffte. Diese Anklage gegen den Charakter und das Leben des Columbus war mir nicht ganz neu, aber ich hatte sie nie mit solcher Gefühlswärme und solcher ehrlichen Entrüstung vorbringen hören. Als ich Tag für Tag mit Judge Goodrich reiste und mit ihm in demselben Zimmer der primitiven Landwirtshäuser von Minnesota und manchmal in demselben Bett schlief, und als unsere Vertraulichkeit zunahm, wurde er mir wegen der strengen Rechtlichkeit seiner Prinzipien, der Ursprünglichkeit und Großmut seiner Sympathien und der weiten Ausdehnung, sowie der gelegentlichen Wunderlichkeit seiner geistigen Interessen immer lieber. Er schien mir der Repräsentant amerikanischer tüchtiger Männlichkeit und des besonderen amerikanischen geistigen Ehrgeizes zu sein, der sich aus den rauhen Zuständen primitiven Lebens in einem neuen Lande entwickelt. Einige seiner Absonderlichkeiten belustigten mich sehr. So setzte er sich, wenn er sich rasierte, stets auf die Bettkante, stützte beide Ellbogen auf die Knie und handhabte sein Rasiermesser ohne einen Spiegel vor sich zu haben. Ich fragte ihn, ob dieses nicht eine gefährliche Art sei, dieses kitzlige Geschäft auszuführen; aber er versicherte mich, daß es die einzige Art des Rasierens sei, bei der er sich sicher fühle, sich nicht den Hals abzuschneiden.

Seine Redekunst war auch etwas eigentümlich. Wir verabredeten uns, in der Reihenfolge mit unseren öffentlichen Ansprachen abzuwechseln. Judge Goodrich sollte bei der einen Versammlung zuerst sprechen und ich bei der nächsten; so kam es, daß wir oft einander zuhörten. Seine Reden hatten immer einen gesunden maßvollen und kräftigen Kern, der durch einige derbe Anekdoten nach der Art der Kampagnereden belebt wurde, aber er schloß regelmäßig mit einigen sorgfältig ausgearbeiteten Sätzen, die in eine wunderbar prachtvolle, hochtönende Sprache gekleidet waren und in denen die Ruinen von Palmyra und der Untergang des Römischen Reichs eine große und geheimnisvolle Rolle spielten. Es wunderte mich nicht wenig, daß ein Mann von so praktischem Geist, so großer Belesenheit und so guter Urteilskraft sich in solch schülerhafter Schaustellung gefallen sollte. Ja, es beunruhigte mich sogar. Eines Abends, als wir nach einer sehr gelungenen Versammlung und nach einer besonders herzlichen und vertraulichen Unterhaltung zusammen zu Bett gingen, nahm ich mir den Mut zu sagen: »Judge, die Sätze über die Ruinen von Palmyra und den Untergang des Römischen Reichs sind ja sehr poetisch, es ist mir aber noch nicht gelungen, ganz genau ihre Bedeutung und ihre Anwendung auf die Sklavereifrage zu entdecken. Wollen Sie mich darüber aufklären?« Der Judge lachte gutmütig. »Ja,« sagte er, »Ich habe mir schon immer gedacht, daß die Ruinen von Palmyra und der Untergang des Römischen Reichs Ihnen auffallen würden. Die Sache ist nämlich so. Vor vielen Jahren, als ich noch jung war, habe ich einen Aufsatz geschrieben, worin diese Sätze vorkamen; ich mochte sie immer sehr gerne leiden und behielt sie im Gedächtnis. Es fiel mir ein, daß sie ausgezeichnet für den Schluß einer Rede passen würden. Allerdings ist der Zusammenhang mit der Sklavereifrage nicht ganz klar. Aber es klingt schön, nicht wahr? Und glauben Sie nicht, daß es den Leuten zu denken gibt?« Gewiß glaubte ich das, und es blieb nichts mehr zu sagen übrig.

Am nächsten Morgen wurde ich von den Kampagneleitern auf eine Expedition geschickt, auf welcher Judge Goodrich mich nicht begleiten konnte, und wir trennten uns mit aufrichtigem Bedauern. ich habe ihn nie wieder gesehen, aber er schickte mir, sowie es im Druck erschien, ein Exemplar seines Buches über Columbus, ein Buch voller sinnreicher Schlußfolgerungen und gerechten Zornes, und ich hörte, daß er nach langem Junggesellenleben eine schöne und talentvolle Dame spanischer oder südamerikanischer Herkunft heimgeführt hatte und als Gesandter der Vereingten Staaten nach einem kleineren Hofe geschickt worden war. Ich habe mir oft gedacht, wie vorsichtig er in dieser Stellung würde sein müssen, die westliche Derbheit seines Wortschatzes zu mildern, und wie schwierig er es finden würde, sich den diplomatischen Gebräuchen anzupassen.

Ich sollte an einem Ort sprechen, der von dem Komiteemitglied, welches mir meine Anweisungen gab, die »Stadt Lexington«, der Mittelpunkt eines großen Farmbezirks, genannt wurde. Auf der Karte war der Ort mit einem großen runden Punkt bezeichnet. Ein leichter Wagen und als Kutscher ein junger Mann, der den »Weg kannte«, wurden mir zur Verfügung gestellt. ich mußte etwa um Sonnenaufgang aufbrechen, um mein Ziel zeitig für die Nachmittags-Versammlung zu erreichen. Dort sollte ich Herrn Galusha Grow, den bekannten Abgeordneten von Pennsylvania treffen. Das war alles, was mir das Komiteemitglied sagen konnte. Es war ein herrlicher Sonnenaufgang, und ich fand mich bald auf der offenen Prärie, über die der frische kräftigende Morgenwind hinwegfegte. Die Zwischenräume zwischen den Farmen wurden größer und größer, und menschliche Wohnstätten immer seltener. Jetzt sah ich eine Anzahl Indianerkinder (Papooses) auf der Holzumzäunung einer einsamen Ansiedlung sitzen und nicht weit davon ein Indianerwigwam. Vor mir erstreckte sich die unermeßliche Ebene, scheinbar ohne Grenzen und ohne eine Spur menschlichen Lebens. Hier und da zog sich ein schmaler Streifen Gehölz am Rande eines Gewässers hin; die Straße war eine bloße Räderspur. Es war ein Vergnügen zu atmen, und ich genoß von Herzen die nervenstärkende Frische dieser westlichen Luft. Nachdem wir etwa zwei bis drei Stunden gefahren waren, fiel es mir ein, meinen Gefährten zu fragen, ob er schon je in der »Stadt« Lexington« gewesen sei und wann wir wohl unser Ziel erreichen könnten. Ich war erstaunt zu erfahren, daß er die »Stadt Lexington« so wenig kannte wie ich. Ihm war einfach gesagt worden, daß er »diesen Weg« in einer westlichen Richtung verfolgen sollte und daß wir dann im Laufe der Zeit hinkommen würden.

Plötzlich erschien von der entgegengesetzten Richtung kommen ein kleines Gefährt. Zwei Männer saßen darin und der eine rief mich an: »Halloh, Fremdling! bitte halten Sie einen Augenblick«. Wir hielten. Ein großer Herr sprang aus dem Wagen und begrüßte mich mit den Worten: »Ich möchte wissen, ob Sie nicht Carl Schurz sind?« »Ja, das, ist mein Name«. »Ich bin Frank Blair von St. Louis, Missouri«, sagte er. Sein Name war mir wohl bekannt als der eines der unerschrockensten Antisklavereimänner jenes Sklavenstaates – als der Sohn von Francis P. Blair, welcher ein vertrauter Freund und Berater von Präsident Andrew Jackson gewesen war. »Ein Komiteemitglied hat mir gestern erzählt,« sagte er, »daß Sie in dieser Gegend seien, und als ich Sie in dem Buggy (leichter zweisitziger Wagen) sah, habe ich Sie glücklich erraten. Sehr froh, Sie kennen zu lernen. Lassen Sie sich hier auf dem Grase mit mir nieder, wir wollen zusammen etwas frühstücken ich habe eine Flasche Rotwein und belegte Butterbrote bei mir, genug für uns beide«. So setzten wir uns hin, und auf diese Weise machte ich die Bekanntschaft des berühmten Frank Blair, der später, nach Ausbruch des Bürgerkrieges eine so glänzende Rolle in der Bewegung spielte, welche Missouri für die Union rettete. Er wurde dann Generalmajor in der Unionsarmee und ging, nachdem er mit der republikanischen Rekonstruktionspolitik unzufrieden geworden, zu den Demokraten über, die ihn im Jahre 1866 zum Vizepräsidenten nominierten. An dem liberal republikanischen Konvent von 1872 in Cincinnati nahm er einen etwas unheilvollen Anteil, und ich traf ihn im Bundessenat wieder. Diese Begegnung auf der Minnesota-Prärie war äußerst vergnüglich, wir lachten viel über die humoristische Seite dieser wilden Kampagne und freuten uns miteinander über die guten Aussichten unserer großen Sache.

Ehe wir uns trennten, erkundigte ich mich bei Mr. Blairs Kutscher, ob er wisse, wo die »Stadt Lexington« läge. Er hatte nur davon gehört und er glaubte, daß wir darauf stoßen müßten, wenn wir »diesen Weg« in westlicher Richtung verfolgten. So rollte denn unser Wagen einige Stunden länger über »diesen Weg« dahin, bis wir an ein kleines Gehölz in einer Talsenkung kamen und uns plötzlich vor einer Gruppe von Blockhäusern befanden, von denen das größte ein Wirtshaus zu sein schien. Neben der Tür lag ein Mann halb ausgestreckt auf einer Holzbank an einem Stock schnitzend. Ich fragte ihn, ob wir auf dem rechten Wege nach der »Stadt Lexington« seien und wie groß die Entfernung wohl wär. »Nun«, sagte er mit sehr verächtlichem Ausdruck, »dieses ist die Stadt Lexington. Seid Ihr einer von den Männern, die heute Nachmittag hier etwas vortragen wollen?« ich gestand zu, daß ich einer der Betreffenden sei, und in demselben Augenblick fuhr noch ein anderes Gefährt vor, aus welchem ein Reisender ausstieg, in dem ich nach einem Bilde, das ich gesehen hatte, Herrn Galusha Grow von Pennsylvania, den zukünftigen Vorsitzenden des Bundesrepräsentantenhauses wiedererkannte. Ich fand in ihm einen äußerst jovialen Herrn im besten Mannesalter, der geneigt war, alles von der heiteren und humoristischen Seite zu betrachten. Seine Irrfahrt nach der »Stadt Lexington« war nicht weniger mühevoll gewesen als die meine, und wir lachten herzlich über unsere Entdeckungsreise.

Die »Stadt« bestand aus einem Wirtshaus, einem kleinen Dorfladen, einer Schmiede, einem Schulhause und vielleicht ein oder zwei Hütten, alle im Blockhausstil aufgeführt. Der Wirt, jener Mann, den ich auf der Bank gefunden hatte, versicherte uns, daß schon viele Häusergevierte mit Bauplätzen ausgelegt seien, die man billig kaufen könnte, und daß dies ganz gewiß ein großes Geschäftszentrum werden müßte. Wir baten um ein Zimmer, wo wir uns ein wenig erfrischen könnten. Er deutete auf die Pumpe und gab uns ein mäßig reines Handtuch. Was das Essen betraf, so sagte der Wirt, daß er augenblicklich ein wenig knapp an Vorräten sei, er wolle uns aber das Beste geben, was er habe. »Das Beste« bestand aus etwas ranzigem gesalzenen Schweinefleisch, gekochten Zwiebeln, sehr saurem Brot und einer grünen Flüssigkeit von unbeschreiblichem Geschmack, Kaffee genannt. Ich hatte nie eine besondere Vorliebe für ranziges Schweinefleisch und gekochte Zwiebeln gehabt und Mr. Grow auch nicht. So schwelgten wir denn in saurem Brot und entsetzlichem Kaffee, einer Kost, welche eine sehr deprimierende Wirkung auf uns gehabt hätte, wenn wir uns nicht vorgenommen hätten, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Was die Versammlung betraf, in der wir sprechen sollten, so erfuhren wir, daß sie um halb drei Uhr im Schulhaus abgehalten würde. Wir sahen uns das Schulhaus an und fanden darin einige hölzerne Bänke, welche mit dem Raum, der für Stehplätze übrig blieb, ungefähr 40 bis 50 Personen aufnehmen konnten. Es kam ein Mitglied des Bezirkskomitees zu uns und erklärte entschuldigend, daß die Versammlung bei der ziemlich spärlichen Bevölkerung des Bezirks nicht sehr groß sein würde, aber, da die Bodenbeschaffenheit von besonderer Güte sei, erwarteten sie demnächst einen großen Zuwachs. Bald darauf kamen mehrere Farmwagen angefahren mit Männern, Frauen und Kindern, auch einige junge Bürger zu Pferde. Sehr schnell hatte sich das Schulzimmer gefüllt, die Männer standen meistens in dem freien Raum und die Frauen, viele von ihnen mit kleinen Kindern auf dem Schoß, saßen auf den Bänken. Mr. Grow und ich betrachteten uns die Situation mit großer Belustigung. Nichtsdestoweniger beschlossen wir, unsere allerbesten Reden zuhalten, gerade als ob wir Tausende vor uns sähen, und der Gelegenheit zu Ehren noch einige besonders schwungvolle Redewendungen anzubringen. Und das taten wir denn auch. Wir erörterten die Sklavereifrage mit allem möglichen Ernst und Feuer. Allmählich wurde unser Publikum ganz begeistert. Die Männer stampften und schrieen, einige von den Jungen pfiffen und die Babies heulten. Als die Versammlung sich vertagt hatte, erfolgte viel kräftiges Händeschütteln, und es bedurfte nicht geringer Kriegslist, die vielen dringenden Einladungen, im Wirtshaus »einen zu trinken«, zu vermeiden, und dabei doch nicht Anstoß zu erregen. Endlich fuhren die ehrlichen Farmer mit ihren Frauen und Kindern wieder von dannen, und die »Stadt Lexington« versank in ihr früheres Schweigen.

Da wir vom Komitee angewiesen waren, dort zu übernachten, um uns von unserer Reiseanstrengung auszuruhen, dachten Mr. Grow und ich schon mit Grauen an das uns bevorstehende Abendessen. Wir fragten den Wirt, ob wir nicht einige gekochte Eier haben könnten. Es gab keine Eier im Hause; man hielt auch keine Hühner. Oder vielleicht Kartoffeln? Auch die gab es nicht. Dann hatten wir eine brillante Idee. In der Nähe des Wirtshauses hatten wir einen hübschen kleinen See bemerkt. Dürften wir nicht einige Fische fangen? Der Wirt meinte, das dürften wir wohl. Er hatte ein Boot, ein sogenanntes Dug-out (ausgehöhlter Baumstamm) und Angeln, die allerdings nicht mehr sehr gut, aber doch brauchbar waren. Wir waren sogleich zu dem Versuch bereit, und das Glück war uns hold. In einer halben Stunde hatten wir fast einen Eimer voll Kaulköpfe gefangen. Triumphierend überreichten wir sie dem Wirt mit dem Ersuchen, unseren Fang zum Abendessen zu bereiten zu lassen. Aber, o weh! das war unausführbar. Man sagte uns, das Abendessen stehe schon auf dem Tisch, und es sei niemand da, der uns ein anderes kochen könne. Der Wirt versprach aber feierlichst, daß wir die Fische am nächsten Morgen zum Frühstück haben sollten: Was blieb uns übrig, als uns in unser Schicksal zu fügen. Auf dem Eßtisch fanden wir ranziges Schweinefleisch gekochte Zwiebeln, saures Brot und eine grünliche Flüssigkeit, diesmal Tee genannt. Die Aussicht auf eine herrliche Fischmahlzeit am nächsten Morgen tröstete uns aber und gab uns neuen Mut.

Es kam die Schlafenszeit. Das Schlafgemach für Gäste befand sich auf dem Bodenraum unter dem Dach, wohin wir über eine knarrende leiterartige Treppe kletterten. Im Zimmer standen fünf oder sechs Betten, die alle bis auf eines schon besetzt waren. Dieses eine bestimmte der Wirt für Mr. Grow und mich. Unsere Umgebung war keineswegs einladend, aber wir fügten uns lachend in das Unabänderliche, löschten unser Talglicht und schliefen den Schlaf der Gerechten. Bei Tagesanbruch verließen unsere sechs bis sieben Stubenkameraden stillschweigend ihre Betten und gingen hinunter. Sie waren wahrscheinlich Einwohner der »Stadt« oder der Umgegend, die im Wirtshaus logierten. Als die anderen fortgegangen waren, standen wir auch auf und, da sich kein Waschgerät in unserem Schlafzimmer befand, mußten wir an der Pumpe im Hofraum Toilette machen, wo wir nur ein Handtuch fanden, welches, da schon eine Anzahl unserer Vorgänger es benutzt hatte, einen wenig einladenden Anblick bot. Wir trockneten daher Gesicht und Hände mit unseren Taschentüchern und mußten uns damit zufrieden geben. Und nun zu unserem lukullischen Fischfrühstück! Aber ach! der Fisch war in ranzigem Schweinefleisch gebraten und reichlich mit gekochten Zwiebeln garniert; außerdem gab es nichts als saures Brot und eine grüne Flüssigkeit, die diesesmal wieder Kaffee genannt wurde. Das war ein harter Schlag, für den wir uns nur mit der Hoffnung auf besseres Glück an einem anderen Ort trösten konnten. Wir beschleunigten unsere Abfahrt mit fieberhafter Hast. Mr. Grow und ich mußten zusammen nach unserem nächsten Bestimmungsort reisen, dessen Namen ich vergessen habe. Da unsere Kutscher den Weg nicht kannten, zeigte uns der Wirt eine Wagenspur, die wir verfolgen sollten, bis wir die Scheune des »alten Evans« erreichten, und wenn wir dann rechts einbögen, würden wir sicher hinkommen. Wir kamen auch wirklich hin, sehr müde und hungrig nach einer holprigen Fahrt von mehreren Stunden. Wenn ich in späteren Jahren mit Mr. Grow zusammentraf, verfehlten wir nie, uns des lustigen Kampagnetags in der »Stadt Lexington« zu erinnern.

Meine Heimkehr von Minnesota war nicht, weniger charakteristisch für jenes westliche Leben, als es die Kampagne gewesen war. Ich nahm auf einem Mississippidampfer Passage bis nach La Crosse hinunter. Der Dampfschiffsverkehr auf den westlichen Flüssen, welcher später der Konkurrenz der Eisenbahnen weichen mußte, war damals noch in voller Blüte. Die meisten der Passagierboote waren sehr groß und in einem Stil eingerichtet, der damals für ungeheuer prächtig galt. Auf vielen der Schiffe wurde Frühstück, Mittag- und Abendessen serviert, die dem unverwöhnten Geschmack ausgezeichnet gut erschienen, und es herrschte gewöhnlich ein Ton heiterer Lebendigkeit unter den Passagieren. Auf dem Fluß südlich von St. Louis und auf dem Missouri gehörten das Klappern der Pokermarken und gelegentlich der Knall einer Pistole zu den regelmäßigen Unterhaltungen. Auf dem oberen Mississippi waren solche Dinge nicht so gebräuchlich und die Passagiere ergingen sich in harmloseren Vergnügungen, obgleich man zugeben muß, daß manchmal stark gewettet wurde. Ich habe den Namen des schönen Schiffes, auf welchem ich reiste, vergessen, aber ich will es die »Möve« nennen. Es traf sich, daß ein zweites Schiff, anderen Eigentümern gehörend, aber von ungefähr derselben Größe wie die »Möve« zur selben Zeit seine Reise stromabwärts antrat. Wir wollen dieses Schiff die »Seewelle« nennen. Meine Abreise fiel auf einen jener sonnigen hellen Herbstmorgen, welche im Nordwesten besonders schön sind, mit einer Luft so wunderbar kräftig, daß sie das Herz mit einem Gefühl jauchzenden Wohlseins erfüllt. Es war meine erste Reise auf einem der großen Flußdampfer, und ich genoß sie über die Maßen.

Als wir an den majestätischen Felsenabhängen des Pepinsees vorüberfuhren, schien die »Seewelle« unsere »Möve« einzuholen, und sogleich gaben sich meine Mitreisenden dem unwiderstehlichen Gefühl hin, daß das nicht sein dürfe. Zuerst schien sich dieses Gefühl auf die Männer zu beschränken, bald jedoch fingen auch die Frauen an, ein Interesse an der Sache zu zeigen, das immer lebhafter wurde. Sie scharten sich um den Kapitän, einen gedrungenen breitschultrigen, etwas mürrisch aussehenden Mann, der mit einer gleichgültigen Miene auf dem oberen Verdeck auf und ab schritt. Würde er es erlauben, daß die »Seewelle« uns vorauskäme, fragte man ihn. »Würden Sie gerne in die Luft gesprengt werden?« fragte er als Erwiderung. »Nein«, war die Antwort, »das möchten wir allerdings nicht, aber wir wollen auch nicht, daß die »Seewelle« uns vorauskommt«. Der Kapitän sah mit einem grimmigen Lächeln auf, sagte nichts und ging von dannen.

Nach einer Weile wurde das Stampfen der Maschine immer lauter, das rauhe heisere Fauchen der Schornsteine immer heftiger und fieberhafter, die Rauchwolken, die aus ihnen aufstiegen, immer schwärzer und dichter und das Zittern des großen Schiffes, wie es durch das Wasser rauschte, immer gewaltiger. Zur selben Zeit bemerkten wir, daß die »Seewelle«, welche jetzt fast Seite an Seite mit uns lief, dieselben Zeichen außergewöhnlicher Anstrengung sehen ließ. Sie schien uns sogar in ihren Vorbereitungen für die Wettfahrt voraus-gekommen zu sein. Ein Freudengeschrei stieg von ihrem Verdeck auf, denn augenscheinlich dachten die Passagiere der »Seewelle«, daß sie uns bald hinter sich lassen würden. Unsere Passagiere riefen herausfordernd zurück, und die »Möve« machte eine neue Anstrengung.

So waren wir denn mitten in einer Mississippi-Dampferwettfahrt und ich wußte vom Hörensagen, daß solche Wettfahrten manchmal nicht vom schnellsten Schiff gewonnen wurden, sondern von demjenigen, dessen Dampfkessel am längsten Widerstand leisteten, ehe sie barsten. Ich hatte oft die Geschichte von der alten Dame gehört, die, bevor sie ihre Passage auf einem Mississippidampfer belegte, dem Kapitän das feierliche Versprechen abverlangte, daß er sich auf keine Wettfahrt einlassen würde, und die, als ein anderes Dampfschiff vorauszukommen versuchte, den Kapitän bat, das doch nicht zu erlauben. Als er ihr dann sagte, daß er nicht genug Brennmaterial habe, um schneller zu fahren, teilte sie ihm mit, es seien mehrere Fässer Schweinefleisch an Bord, die ihr gehörten und fragte, ob er die nicht aufs Feuer werfen wolle, um mehr Dampf zu machen. Ich muß gestehen, daß ich, als ich sah, wie die »Seewelle« sich anstrengte an uns vorbeizufahren, die psychologische Wahrheit dieser Anekdote würdigen lernte. Ich sehe unseren Kapitän jetzt noch vor mir, wie er auf dem oberen Verdeck stand mit seinem linken Fuß auf der niedrigen Reeling, den Ellbogen auf das Knie gestützt, das Kinn auf die Faust, seine Backe voll Tabak, den er mit Nervosität kaute, und sein blitzendes Auge auf einen Punkt weit vor sich gerichtet. Von Zeit zu Zeit drehte er seinen Kopf und rief ein heiseres Kommandowort nach dem Steuerhaus hinauf. Die Passagiere, Männer und Frauen, die sich um ihn drängten, waren außer sich vor Aufregung und machten sich in allerhand Ausrufen Luft; leider muß ich sagen, daß einige davon ziemlich lästerlich waren. Plötzlich blickte der Kapitän auf, und indem er lächelte, soweit es ihm der Tabak in seinem Mund erlaubte, murmelte er: »Jetzt habe ich sie, die verdammte »Seewelle«. Dann bemerkten wir, daß die »Seewelle« plötzlich die Fahrt verlangsamte und zurückblieb und unsere »Möve« vorwärtsschoß, weit voraus. Unsere Passagiere schickten ein lautes Triumphgeschrei gen Himmel und konnten sich nicht fassen vor Jubel. Es stellte sich heraus, daß hier das Flußbett bedeutend schmäler geworden war, so daß zwei Schiffe nicht mehr nebeneinander fahren konnten. Gleichzeitig machte der Strom eine scharfe Biegung, und unserem Schiff, das in der inneren Krümmung fuhr, gelang es, sich in das schmale Bett hineinzudrängen, ehe die »Seewelle« es erreichen konnte; so war denn unsere Rivalin gezwungen zurückzubleiben, wenn sie nicht in uns hinein oder auf den Grund fahren wollte.

Dieses erfolgreiche Manöver beruhigte aber unsere sorgenvollen Gemüter nicht ganz. Nach einer Weile mußten wir, da, unser Heizungsmaterial zur Neige ging, in der Nähe eines ungeheuren Haufens Brennholz anlegen, um einen neuen Vorrat aufzuladen. Die Passagiere waren bestürzt. »Es schadet nichts«, sagte der Kapitän, die »Seewelle« muß auch Holz aufladen. Kaum hatte die »Möve« neben dem Holzhaufen angelegt, als schon eine Menge meiner Reisegefährten an Land sprangen, um den Deckarbeitern beim Aufladen des Holzes zu helfen und, so die Verzögerung abzukürzen. Jeder arbeitete mit größtem Eifer. Während das vor sich ging, dampfte die »Seewelle« majestätisch an uns vorbei, und die Luft erzitterte von Jubelgeschrei. Als wir wieder aufbrachen, sahen wir sie schon in einer erschreckenden Entfernung vor uns. Aber unser Kapitän hatte Recht. Sehr bald sahen wir nun auch die »Seewelle« still an der Landestelle liegen, wo sie einen neuen. Vorrat von Brennholz auflud, und wir hofften an ihr vorbeizufahren und sie weit hinter uns zu lassen. Wir hatten aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Ehe wir noch ihren Halteplatz erreicht hatten, beobachteten wir, wie sie mit Geschwindigkeit ihre Landungsbrücke aufzog und wieder in Gang kam. Jetzt begann der eigentliche, entscheidende Kampf. Die Dampfpfeifen beider Schiffe gaben trotzige Töne der Herausforderung von sich. Während einer langen Strecke schien das Flußbett breiter zu sein, und die Dampfer konnten nebeneinander laufen – beinahe, sozusagen, Schulter an Schulter. Manchmal berührten sich fast die Radkasten. Die Passagiere, welche die Verdecke der beiden Schiffe anfüllten, waren sich so nahe, daß sie sich ansprechen konnten; sie neckten und verspotteten einander, halb gutmütig, halb höhnisch. Inzwischen keuchten und pusteten und schnoben die Schornsteine und donnerten und stampften die Maschinen, und die leichtgebauten Verdecke zitterten und ächzten und knarrten, als gelte es einen verzweifelten Kampf auf Leben und Tod. Der Kapitän schien jetzt seine Zeit zwischen dem Maschinenraum und dem Steuerhaus zu teilen; man sah ihn mit nervöser Hast hinauf und hinunter eilen. Einmal, als er über das Verdeck ging, bemerkte ich, wie eine zartaussehende Frau ihn anhielt mit einem besorgten Ausdruck des Auges und ihn fragte, ob es auch »ganz sicher« sei. »Nun ja«, brummte er, »ich kann, ja langsamer fahren und zurückbleiben, wenn Sie wünschen«. Die arme Frau sagte nichts. Sie sah ganz verwirrt aus, als habe sie etwas sehr Kleinliches und Verächtliches getan – und die Passagiere jubelten.

Beide Dampfschiffe hielten ein- oder zweimal an, um Passagiere und Fracht ab- und aufzuladen. Das wurde aber mit so fabelhafter Geschwindigkeit getan, daß keines von beiden daraus einen Vorteil ziehen konnte. Sie hatten Gelegenheit, scharf zu manövrieren, um sich gegenseitig den Weg abzuschneiden, wenn sie an schmale Stellen des Flußbettes kamen. Das Glück war dann auf dieser Seite, dann auf der anderen, und die Stimmung der Passagiere stieg oder fiel demgemäß, jetzt bis zu lauter triumphierender Zuversicht und dann in Zorn und Verzagtheit. Die zwei Schiffe waren sich augenscheinlich so ebenbürtig an Kraft und Güte und wurden mit so gleicher Kunst und sachlicher Kühnheit gelenkt, daß niemand das Resultat der Wettfahrt voraussehen konnte. Die Parteianhänger der »Möve« konnten nicht umhin, auch die Verdienste der »Seewelle« anzuerkennen.

Endlich kam La Crosse in Sicht. Das Ende war nahe, und manches Herz klopfte vor banger Spannung. Die Menschenmenge auf dem Verdeck wurde still. Fast niemand wagte etwas zu sagen oder einer Gefühlsäußerung Raum zu geben. Jetzt schien das Glück uns wieder günstig zu sein. Die Schiffe waren noch immer Seite an Seite und leisteten mit beängstigender Energie ihr Äußerstes. Sie mußten aber noch eine Biegung machen, um sich an den Landungsplatz zu schwingen, und die »Möve« – war es nun Gunst des Schicksals, oder Berechnung des Kapitäns? – hatte den Vorteil der inneren Seite. Wir fuhren mit voller Kraft so lang als irgend möglich, und die Maschine wurde erst, als es unumgänglich nötig war, zum Stillstehen gebracht, so berührte die »Möve« ihr Dock mit einem Krach und hatte schon mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit die Taue befestigt und die Landungsbrücke hinuntergelassen, als die »Seewelle«eben einlief. Der Sieg war unser, und ein ungeheures Freudengeschrei erklang. Ich möchte aber wissen, ob nicht viele meiner Reisegefährten, gleich mir, als die Aufregung des großen Tages sich gelegt hatte, sehr froh waren, wieder sicher auf festem Boden zu stehen, und ob sie nicht den Dampfkesseln der »Möve« Dank darbrachten, daß sie den schrecklichen Druck ausgehalten, ohne uns in die Luft zu sprengen!

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