Von Perlin nach Berlin

1. Die Vorfahren.

Es geht eine dunkle Sage, dass der Urahn meiner Familie wegen irgend eines Verbrechens aus der Schweiz entflohen sei. Man nagelte dort, da man seiner selbst nicht mehr habhaft werden konnte, sein Bildniss an den Galgen, er aber wandte sich nach Sachsen und gründete dort ein zahlreiches Geschlecht, wie ja denn noch heute der Name Seidel in Sachsen häufig ist. Ob diese Sage auf Wahrheit beruht, weiss ich nicht, mir aber hat sie stets ein gewisses Vergnügen bereitet. Denn der Mensch ist  im Allgemeinen so geartet, dass er, anstatt sich mit seiner Ahnenreihe bald ehrbar und spurlos in das Dunkel der Vergangenheit zu verlieren, lieber eine recht herzhafte Abscheulichkeit eines Vorfahren in den Kauf nimmt, wenn sie nur dazu beigetragen hat, sein Gedächtniss der Nachwelt zu erhalten.

Ob nun, wie einige sagen, der Name Seidel mit siedeln zusammenhängt und so viel wie Siedler oder Siedel (vgl. Einsiedel) bezeichnet, ob er, wie andere behaupten, Zeidler oder Zeidel d. i. Bienenzüchter bedeutet, vermag ich ebenfalls nicht zu entscheiden. Jedenfalls ist man in heutiger Zeit mehr geneigt, ihn mit Bier in Zusammenhang zu bringen und der Witz die männlichen Kinder unseres Namens, als Schnitte, die weiblichen als Tulpen zu bezeichnen, erzeugt sich stets auf’s Neue und hat Manchem schon viel billigen Spass bereitet. Als ich noch studierte, hielten aus denselben Gründen sehr oft neue Bekannte meinen Kneipnamen Till für meinen  wirklichen, Seidel aber für meinen Kneipnamen.

Der erste meiner Vorfahren nun, der für mich ausser jenem sagenhaften aus dem Dunkel der Vergangenheit hervortritt, ist der Vater meines Urgrossvaters. Er war Buchhalter in Dresden, stammte wahrscheinlich aus bäuerlichem Geschlecht und hatte zwei Söhne Gottlieb und Heinrich.

Der ältere kam nicht gut in der Schule fort und eine häufige Redensart des Lehrers war: »Grosser Seidel, grosser Seidel, wenn dein kleiner Bruder in der Kutsche fährt, wirst du hinten auf stehen müssen«. Das ging für ihn auch fast wörtlich in Erfüllung, denn er wurde später herrschaftlicher Diener, starb aber früh. Es wird erzählt, dass der zweite Sohn Heinrich, mein Urgrossvater, obwohl nur klein und von zartem Körperbau, doch von grossem persönlichem Muthe beseelt gewesen sei. Einmal als Dresden von Oestreichern besetzt war, trat er mit anderen Chorschülern aus der Kirche, vor der sich eine  grosse Anzahl von Soldaten gelagert hatte. Ein etwas angetrunkener baumlanger Kerl ging auf sie zu mit den drohenden Worten: »Wartet, ihr lutherischen Bestien ihr!« Die anderen Chorschüler drückten sich schnell bei Seite, mein Urgrossvater aber liess ihn ankommen und rannte ihm plötzlich mit dem Kopf vor den Bauch, so dass der lange Goliath umstülpte und erheblich rolläugend nach Luft schnappte. Die anderen Soldaten brachen dar ob in ein schallendes Gelächter aus und riefen beifällig: »Braver Student, braver Student!«

Auch später in seinem Amte bewährte er solchen Muth und was Menschenfurcht war, kannte er nicht. Er studierte Theologie und wurde später Pastor in dem Dorfe Mecklenburg bei Wismar, wie denn schon seit alter Zeit das Land Mecklenburg seinen Bedarf an Geistlichen und Lehrern nicht aus eigener Produktion zu decken vermochte und solche vielfach von ausserhalb zu beziehen genöthigt war. Dagegen an Rechtsgelehrten leidet es  Ueberfluss und Landleute, Kaufleute, Offiziere und Ingenieure exportiert es in Mengen. Das Dorf Mecklenburg war zur Wendenzeit der Hauptsitz der Obotriten und hat dem ganzen Lande den Namen gegeben. In einer grossen Wiese ist noch heute deutlich der ausgedehnte Wall der alten Burg zu sehen.

Von Mecklenburg ward er auf Anlass des Herzogs, der ihn hatte predigen hören, nach Parchim berufen, nicht zu seinem Vortheil, denn seine Einnahme war dort erheblich geringer als in Mecklenburg. Der Herzog hatte zwar versprochen, ihm nach dem ersten Jahre, wenn er den Unterschied übersehen könne, eine entsprechende Zulage zu gewähren, starb aber darüber hinweg, und so war mein Urgrossvater genöthigt, sich bis an sein Ende der äussersten Sparsamkeit zu befleissigen. Er starb als Pastor Primarius in Parchim am 21. August 1811. Während seiner Amtsthätigkeit wurde dort am 26. Oktober 1800 ein Kind geboren und von  meinem Urgrossvater am 2. November desselben Jahres getauft, ein Knabe, dessen Ruhm nachher den Weltkreis erfüllen sollte. Es war der spätere Feldmarschall Helmuth, Graf von Moltke.

Mein Urgrossvater hatte ausser mehreren Töchtern zwei Söhne Heinrich und Georg. Der älteste, mein Grossvater, studierte Medizin und wurde Arzt in der kleinen Stadt Goldberg in Mecklenburg. Er verheirathete sich mit einer geborenen Hermes, die aus der Familie jenes Biedermannes stammte, der »Sophiens Reise von Memel nach Sachsen« geschrieben hat. Aus Pietät für solche Familientradition habe ich mir dieses sechsbändige dickleibige Roman-Ungethüm verschafft und es prangt sehr stattlich in meiner Bibliothek neben dem neunbändigen »Irdischen Vergnügen in Gott« des alten Brockes. Ich habe auch versucht, jenen Roman zu lesen, allein es ist über meine Kräfte gegangen. Zwar ward mir ebenso wie meinem Freunde Trojan die Gabe zu Theil, sehr langweilige  Bücher lesen zu können, allein Alles hat seine Gränzen. Und doch betrachte ich mir von Zeit zu Zeit das stattliche Werk mit Wohlgefallen. Es giebt eben Bücher, die eine doppelte Freude gewähren, erstens dass man sie hat, und zweitens, dass man sie nicht zu lesen braucht. Von meinem Grossvater weiss ich sehr wenig, weil er früh gestorben ist, noch vor seinem Vater. Es herrschte damals 1811 in Folge des Franzosenkrieges das Lazarethfieber und der Amtsarzt hatte aus Furcht vor Ansteckung solchen Kranken seine Hülfe verweigert. Man wandte sich an meinen Grossvater. Dieser that seine Pflicht, wurde aber von der gefährlichen Krankheit ergriffen und starb, als mein am 4. Februar 1811 geborener Vater Heinrich Alexander Seidel vier Wochen alt war.

Von meinem. Urgrossvater heisst es in einer Niederschrift seines jüngsten Sohnes: »Der Vater war Pastor, ein kleiner, aber rühriger und wissenschaftlich sehr gebildeter Mann mit dichterischen Anlagen.« –  Die kleine Figur hat sich nun in Mecklenburg, dem Lande der grossen Leute, allmählich verloren, indem unausgesetzt durch drei Generationen hindurch die Söhne über ihre Väter hinauswuchsen, die dichterischen Anlagen haben sich aber in den ältesten Söhnen der Familie ständig fortgeerbt. Denn auch von meinem Grossvater sind mir poetische Versuche bekannt geworden, und mein Vater hat sich auf dem Gebiete des religiösen Liedes, des Epos und der Volkserzählung ausgezeichnet. Einzelne seiner Gedichte sind in viele Sammlungen übergegangen, und seine Volkserzählung »Balthasar Scharfenberg« hat im Verlage des Rauhen Hauses mehrere Auflagen erlebt und wird noch jetzt gekauft und gelesen. Ungenügende Beachtung fand dagegen meiner Meinung nach sein in der Nibelungenstrophe geschriebenes Epos: »Der Sieg des Kreuzes an der Usenz«, dem Stöbers hübsche Sage von der Bekehrung der letzten Heiden im Einfischthale durch den buckligen Zwerg Zacher  als Stoff zu Grunde liegt. Das Gedicht enthält besonders ausgezeichnete Schilderungen der grossartigen Alpennatur, obwohl mein Vater, ebenso wie Schiller, die Schweiz nie gesehen hat.

Mein Vater verlebte seine erste Jugend in Goldberg und besuchte später das Gymnasium in Schwerin. Ich weiss von dieser Zeit wenig; nur eine wunderliche Geschichte, die mein Vater gern erzählte, hat sich mir eingeprägt.

Zum Neubau des dortigen Regierungsgebäudes – nebenbei eines der vornehmsten und edelsten Bauwerke der Schinkelschen Richtung – wurde der Grund ausgehoben und da dort früher der Klosterkirchhof gelegen hatte, so kamen eine Menge von wohlerhaltenen menschlichen Gebeinen zum Vorschein. Man konnte von den Arbeitern ein Memento mori, zwei Armknochen und einen Schädel für vier Schillinge (25 Pf.) kaufen. Mein Vater erstand sich ebenfalls so ein grausiges Ornament und war zu Hause sehr erfreut,  als er fand, dass sich die beiden gekreuzten Knochen mit dem Schädel drüber schicklich in die Ofenröhre oder wie man in Mecklenburg sagt, »das Röhr« klemmen liessen, gerade in der Stellung, wie man diesen Todeszierrath immer dargestellt findet. Als er nachher zu Bett ging, liess er wie gewöhnlich die Thür zu seinem Wohnzimmer geöffnet. Der Mond schien hell und er konnte anfangs nicht davor einschlafen. Dann aber, als er eben eindrusen wollte, wurde er durch ein lautes Geräusch im Nebenzimmer wieder aufgeschreckt. Es krachte und rasselte dort mächtig – dann ein anhaltendes Kollern und plötzlich stand der Schädel im Mondschein auf der Schwelle der Schlafstube und grinste ihn an.

Mein Vater studierte später in Berlin und Rostock Theologie und besonders an den Aufenthalt in letzter Stadt erinnerte er sich gern. Er verkehrte mit anderen Studenten in einem angeregten Familienkreise, wo man sich vorzugsweise für  Musik interessirte. Die jungen Leute hatten ein besonderes Geschick in kleinen Stegreif-Aufführungen, denen eine verabredete Idee zu Grunde lag, wobei es aber jedem überlassen blieb, sich so gut er konnte, mit seiner Rolle abzufinden. Von der gelungensten dieser Aufführungen erzählte mein Vater gern. Unter diesen jungen Leuten waren zwei, die sich besonders viel mit Musik beschäftigten, der eine dilettirte ohne wesentliche theoretische Kenntnisse fleissig als Komponist, während der andere, eine etwas pedantische Natur, sich eifrig mit dem Studium des Generalbasses beschäftigte. Dieser lag immer mit dem andern im Streit, schalt ihn leichtfertig, suchte ihn zu einem eifrigen Studium der Gesetze der Musik zu bekehren und hielt ihm grosse Reden, wobei er sich beträchtlicher Weisheit entledigte und mit bezifferten Bässen, Tonika, Dominants und ähnlichen Fachausdrücken mächtig um sich warf. Der Inhalt des Stückes nun war folgender: Der Musikdilettant  stellte einen Komponisten dar, dem für eine festliche Gelegenheit der Auftrag geworden ist, eine Ouvertüre zu komponiren. Verzweifelt irrt er in seinem Zimmer umher, fährt sich bald in die Haare, bald schlägt er einige Akkorde auf dem Klavier an, bald sitzt er wieder und starrt rathlos auf das leere Notenpapier, denn ihm will durchaus nichts einfallen. Ein Freund besucht ihn, dem er seine Noth klagt. Vergeblich sucht dieser ihn zu trösten und zu ermuntern. Endlich kommt ihm eine Idee: »Wir wollen Mozarts Geist zitiren« sagt er, »wenn einer, kann der dir helfen!« Das leuchtet dem Komponisten ein; es wird ein Kreis aus Notenbüchern gebildet, ein Fiedelbogen als Zauberstab geschwenkt und unter furchtbaren Beschwörungen Mozarts Geist herbeigerufen. Blitz und langnachhallender Donner hinter der Scene. Aus der Koulisse hebt sich ein Filzschuh, dann schiesst in Kopfhöhe ein langer Dampfstrahl hervor und nun zeigt sich der Musiktheoretiker  als Mozart’s Geist in ein langes weisses Laken gehüllt, das nur die spitze Nase und eine Hand mit einer mächtigen Papierrolle sehen lässt. Den verhüllten Kopf ziert ein Lorbeerkranz. Langsam, lautlos und bei jedem Schritt einen mächtigen Dampfstrahl aus der unter dem Laken verborgenen Pfeife schiessend, schreitet das Gespenst auf die Beschwörer zu. Dann steht es feierlich in erhabenem Schweigen da und pafft. Der Komponist beugt nun das Knie und fleht den Geist des grossen Mozart an um Errettung aus seiner Noth. Unter den Zuschauern herrscht grosse Spannung, wie dieser sich wohl aus der Affaire ziehen wird und da Allen der ständige Streit zwischen diesen beiden Musikfreunden bekannt war, so ist das Gelächter auf Kosten des unglückseligen Komponisten natürlich gross, als Mozarts Geist nun langsam und feierlich seine mächtige Papierrolle erhebt und sie jenem vor die Füsse schleudert mit dem vernichtenden Ausruf: »Studiere Generalbass!«

Sodann wendet er sich mit erhabener Geberde und schreitet unter erneutem Blitz und Donner und mächtigem Paffen in die Koulisse zurück, während der andere vernichtet sein Haupt in den Händen verbirgt.

Noch eine andere kleine Geschichte sehr wunderlicher Natur aus dieser Zeit hat sich mir eingeprägt, weil ich sie öfter von meinem Vater habe erzählen hören. Ihm träumte eines Nachts, er besuche eine Familie, in der er viel verkehrte, da trat ihm die Frau des Hauses entgegen und sagte: »Kommen Sie mit Herr Seidel und helfen Sie mir.« Sie gingen dann zusammen eine Treppe hinauf und packten in einer grossen Bodenkammer allerlei Sachen in Körbe. Durch das Fenster kam ein seltsamer rother Schein. Nicht lange darauf wurde er des Nachts durch Feuerlärm geweckt und da er bei näherer Erkundigung erfuhr, dass es ganz in der Nähe des Hauses jener bekannten Familie brenne, machte er sich schnell auf, um  dort, falls es nöthig sein sollte, seine Hülfe anzubieten. Dort fand er Alle in Thätigkeit, ein schnelles Ausräumen vorzubereiten und die Frau des Hauses kam ihm gleich entgegen mit den Worten: »Gut, dass Sie kommen, Herr Seidel, Sie können mir helfen. Wir müssen auf Alles gefasst sein.« Sie gingen dann die Treppe hinauf in eine grosse Bodenkammer und packten allerlei Porzellangeschirr, das dort aufbewahrt wurde, in Körbe ein. Durch die Fenster kam der rothe Schein des nahen Brandes.

Als mein Vater ausstudiert hatte, wurde er Hauslehrer, lebte als solcher längere Zeit in Dobbin bei Krakow und wurde im Jahre 1839 nach Perlin bei der kleinen Stadt Wittenburg berufen.

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