Von Perlin nach Berlin – 5. Kap.

5. Güstrow.

In der guten alten Vorderstadt Güstrow, die unter den mecklenburgischen Städten den Ruhm für sich beansprucht ein Klein-Paris zu sein und sich auch wirklich durch die Heiterkeit und Lebenslust ihrer Bewohner auszeichnet, befanden sich zwei Maschinenfabriken, eine grössere neue, die sich auf alles Mögliche einliess und eine ältere kleine, die noch von dem berühmten Alban, dem Erfinder des oscillirenden Dampfcylinders und des nach ihm benannten Kessels eingerichtet worden war, jetzt aber einem Herrn Kaehler gehörte und hauptsächlich  landwirtschaftliche Maschinen und Theile für Mühlen baute. Die Arbeiten dieser Fabrik genossen bei den Landleuten grosses Ansehen, denn sie waren ungemein solide und es ging die Sage, sie wären garnicht kaput zu kriegen. Mit Herrn Kaehler war mein Onkel bekannt und hatte mich dort untergebracht. Ich wohnte ganz in der Nähe, in einem kleinen Gasthofe, wo ich eine nicht heizbare geweisste Kammer innehatte, die ausser dem Bette nur die allernothwendigsten Möbel enthielt. Wollte ich an Winterabenden mich eines warmen Zimmers erfreuen, so musste ich mich unten in dem Gastzimmer aufhalten, das übrigens seinen Namen umsonst führte, denn es waren niemals Gäste darin, und es diente der Familie des Wirthes, die aus Mann, Frau und einer fast erwachsenen Tochter bestand, als Wohnstube. Ausserdem gehörten zum Hause ein Dienstmädchen, ein Knecht, das nöthige Vieh, ein alter fetter Teckel und ein Kanarienvogel, der die seltsame  Eigenschaft besass, sofort ohnmächtig von der Stange zu fallen, wenn man ihn von seinem gewohnten Platze über der Thür fortnahm. Wenn in diesem Hause mal jemand logirte oder in die Gaststube irgend ein unwissender Fremdling einkehrte, der sich durch das Wirthshausschild dazu hatte verleiten lassen, so war das immer eine aufregende Geschichte. Auch lag den Leuten gar nichts daran, denn sie waren sehr bequem und in ihrer Weise wohlhabend; ausserdem gehörte zu dem Gasthause eine einträgliche kleine Landwirthschaft. Nur zu den Zeiten der Märkte kehrten dort seit alter Zeit eine Menge Viehhändler ein; dann war das ganze Haus gefüllt mit behäbigen Rosstäuschern, und es wurde eine Masse von Fischen verzehrt, auf deren Bereitung die Hausfrau sich gut verstand. Danach trat immer wieder eine oft monatelange Stille ein, und wenn dann, wie es öfter geschah, die Damen abends ausgegangen waren, sass ich unten bei dem alten kleinen und rundlichen Wirthe  und erheiterte ihn durch Mittheilungen aus dem reichen Schatze meiner Erfahrung. Denn in seinen Augen war ich ein weitgereister Mann und hatte ein gutes Stück von der Welt gesehen. Fühlte er sich dann ganz besonders erheitert, so erhob er sich wohl schwerfällig und ging langsam an den Schrank, wo seine Flaschen standen, und sagte mit einem Tone herablassender Freigebigkeit: »Herr Seidel, will’n S’n lütten Rum drinken?« Dies war das Zeichen seiner höchsten Anerkennung, und noch immer bin ich stolz darauf, dass es mir an einem Abend gelang, ihn durch allerlei Erzählungen aus meiner Studienzeit so zu erheitern, dass seine Seele schmolz und er sich zum zweiten Mal erhob und schmunzelnd fragte: »Herr Seidel, will’n S‘ noch’n lütten Rum drinken?« Ich machte mir zwar gar nichts aus diesem Getränk, aber einen solchen höchsten Grnadenbeweis auszuschlagen, das ging doch auch nicht.

Da ich in der Lokomotiv-Reparaturwerkstätte  nicht viel gelernt hatte, so fing ich mit einem sehr geringen Lohne an, mit fünfzig Pfennig täglich. In den zwei Jahren, die ich dort arbeitete, habe ich es aber so weit gebracht, dass ich in der Woche drei Thaler verdiente, und es freut mich noch immer, mit meiner Hände Arbeit einmal so viel erworben zu haben.

Mit den Arbeitern wusste ich mich gut zu stellen, was unter solchen Umständen gar nicht so ganz leicht ist, denn im Grunde war ich doch weiter nichts als ein Lehrling, der für Lohn arbeitete, und meine ganze soeben verflossene Burschenherrlichkeit war hier keinen Pfifferling werth. Aber es waren fast lauter gute, wohlwollende Leute, und an die meisten denke ich mit Vergnügen zurück. Besonders schloss ich mich an den Drehermeister an, der in seiner Art ein ganz gebildeter Mann war und für alle möglichen Dinge Interesse hatte. Ausserdem besass er eine grosse Geschicklichkeit, ins Auge gedrungene Eisensplitter  wieder zu entfernen, und da dies in einer solchen Fabrik alle Augenblicke vorkommt, so konnte er diese Kunst oft genug zur Anwendung bringen. Es war hübsch zu sehen, wie zart seine harten Arbeiterfinger bei solcher Gelegenheit zu Werke gingen. Mit manchen wurde ich schwerer fertig, z. B. mit dem Bockenheimer, der von der Grobheit, für die seine Ortsgenossen in ganz Deutschland bekannt sind, sein redliches Theil mitbekommen hatte. Doch zähmte ich schliesslich auch diesen durch Geduld und gleichmässige Behandlung, und schliesslich wandte auch er sich, wie die anderen, in Fällen, wo ihnen Zweifel aufstiessen oder ihre Kenntniss nicht ausreichte, an meine höhere Belesenheit um Belehrung. Er fragte mich nämlich eines Tages, ob Romantiker solche Leute wären, die Romane schrieben. Dabei sprach er die ersten zwei Silben wie das Wort Roman aus und legte nachher den Ton auf das i. Ich glaube, es ist mir nicht gelungen,  ihm die Bedeutung dieses Wortes klar zu machen, zumal sie mir selbst damals noch recht düster war.

Eine Stufe tiefer als die Handwerker der Fabrik standen die Arbeitsleute; diese hielten sich zu einander und bildeten eine Gruppe für sich. Wenn sie beim Frühstück oder Versperbrot zusammensassen und ihr Schwarzbrot mit Speck und Eiern oder sonstigem soliden Zubrote verzehrten, hörte ich oft ihren behäbigen Gesprächen zu. Während die Handwerker sich über alle möglichen Themata unterhielten, kannten diese nur drei Gesprächsstoffe, und diese hiessen: »Dat Tüftenland, dat Swin, und dat Stäm’mraden.« Damit reichten sie das ganze Jahr. Den Frühling füllte das Kartoffelland und das Gedeihen dieser nützlichen Knollenfrucht, dann im Sommer trat das Schwein hinzu, ob es sich »futterte« oder nicht »futterte«, und wer eins von letzterer Sorte besass, dem nagte tiefer Kummer am Herzen. Diese beiden Stoffe hielten bis in den  Herbst und Winter vor, und dann kam das Ausroden der beim Schlagen der Bäume stehengebliebenen Wurzelstöcke an die Reihe, denn auf diese Art verschafften sie sich ihre Feuerung. So kamen sie allmählich wieder an das Kartoffelland, und die Sache fing wieder von vorn an.

Mit Herrn Kaehler hatte man selten oder nie etwas zu thun; der kleine behäbige grau gekleidete Mann schob sich nur zuweilen auf Filzschuhen durch die Fabrik und mischte sich niemals irgendwo ein. Alles besorgte Herr Buddig, sein Werkführer, ein von Gicht oder Rheumatismus ganz gekrümmter Mann, der an Krücke und Stock ging, trotzdem aber von einem feurigen Geiste erfüllt war und wenn er von einem Gedanken ergriffen wurde mit ganz merkwürdiger Geschwindigkeit durch die Arbeitsräume humpeln konnte. In der ganzen Fabrik gab es keine Zeichnung, Alles wurde nach alten Modellen und mündlichen Angaben ausgeführt. Man schrieb Herrn Buddig den  Ausspruch zu: »’n beten mit Kried [Fußnote] up’n Ambos, dat’s dei beste Teiknung«.

Wurde einmal ausnahmsweise für die Giesserei ein neues Modell gebraucht, so hockte Herr Buddig, der selber früher Tischler gewesen war, so lange in der Tischlerei bis nach seinen Angaben und durch vieles Probieren das Ding endlich zu Stande kam.

Seine Hauptpassion war die grosse Eisenhobelmaschine. An die liess er Niemand heran als höchstens einmal den ersten Vorarbeiter und alle wichtigen Stücke hobelte er selbst. Ich sehe noch immer sein weisses Haar und seine grossen Brillengläser aus der etwas finstren Ecke leuchten, wo die grosse Hobelmaschine aufgestellt war. Herr Buddig war auch ein Erfinder und hatte eine Aufhängung für Kirchenglocken erdacht, die zwar jetzt allgemein bekannt ist, damals aber ganz neu war. Er hatte den Balken an dem  die Glocke aufgehängt wird aus Eisen konstruirt und bügelförmig nach unten geführt, so dass die Axe, um die die Glocke sich schwang, dicht über ihrem Schwerpunkte lag. Dadurch wurde erreicht, dass grosse Glocken, die sonst schwer in Schwingung zu versetzen sind und dabei den Thurm, in dem sie aufgehängt sind, sehr erschüttern, ganz leicht bewegt werden konnten und zudem ihre Aufhängepunkte nur wenig durch Seitenkräfte in Anspruch genommen wurden. Herr Buddig hatte sich eine kleine Kirchenglocke verschafft und betrieb die Herstellung dieser neuen Aufhängung mit mächtigem Eifer und grosser Sorgfalt. Endlich war es soweit, die Glocke war im oberen Balkenwerk der Fabrik aufgehängt und an dem Tragbügel ein seitlicher Arm befestigt, von dem ein Strick hernieder hing. Das Läuten konnte nun losgehen. Und es ging los! Ich sehe noch immer den kleinen verkrüppelten Mann, wie er mit leichter Hand den Glockenstrang bewegt und ein Leuchten  des Triumphes von seinem Antlitz strahlt. Ja, seine Brillengläser sogar schienen mir noch einmal so stark zu funkeln als gewöhnlich. Er konnte sich garnicht genug erfreuen an der spielenden Leichtigkeit, mit der sein Apparat arbeitete und noch oft am Tage humpelte er eilfertig dorthin und läutete mit verklärtem Gesichtsausdruck. Zuletzt holte er sich ein Kind herein, ein kleines Mädchen, und als dieses nun mit einer Hand den Strick bewegte und die Glocke sich schwang und ihre Töne durch die Fabrik hallten, da strahlte das alte gleichsam aus Holz geschnitzte Gesicht wie eitel Sonnenschein.

Ich erwarb mir im Laufe der Zeit seine Zufriedenheit, was er aber niemals äusserte, sondern nur von Zeit zu Zeit durch eine Lohnzulage ausdrückte. Diese erfuhr ich nur dadurch, dass er mir mehr Geld hinlegte als ich bisher zu fordern hatte, mich über seine Brillengläser hinweg ansah und grinste.

Zu Anfang hatte ich einiges Heimweh  nach Hannover und den Freunden, die ich dort gelassen hatte, und wenn ich an meinem Schraubstock stand und schrubbte – wie man das Arbeiten mit den groben Feilen nennt –, so summte ich wohl zu dem Takte der Feilstriche für mich hin: »O, alte Burschenherrlichkeit, wohin bist du verschwunden?« und mit wahrer Inbrunst konnte ich mir eine Szene ausmalen, wie ich heimlich nach Hannover zurückgekehrt, den Hut ins Gesicht gedrückt und in einen Mantel gehüllt, gleich dem grossen Unbekannten auf der Bühne, an einem Sonnabend Abend in die Kneipe treten würde, wo meine Verbindungsbrüder versammelt waren. Wie sie dann verwundert hinblicken würden auf den geheimnisvollen Fremdling, bis dieser plötzlich Hut und Mantel von sich wirft und nun erkannt und jauchzend begrüsst wird.

Doch auch noch manchen anderen Allotriis hing ich nach während solcher Arbeiten, die gerade keine besondere geistige  Aufmerksamkeit erforderten, und in meine Sammlung »Glockenspiel« habe ich ein Gedicht aufgenommen, das damals beim Schraubenschneiden entstanden ist. Es lautet:
Weisse Rose.

Weisse Rose, weisse Rose!
Träumerisch
Neigst du das Haupt.
Weisse Rose, weisse Rose,
Balde
Bist du entlaubt.

Weisse Rose, weisse Rose,
Dunkel
Drohet der Sturm.
Im Herzen heimlich,
Heimlich
Naget der Wurm.

Der Kenner wird bemerken, dass der Rythmus des Schraubenschneidens vollständig in das Gedicht hineingekommen ist.

In dieser Zeit las ich mit besonderer Vorliebe Sternes Tristram Shandy viele Male hintereinander. Ausserdem holte ich mir Bücher aus einer Leihbibliothek, die in einer engen Strasse lag, die der grüne Winkel hiess. Diese Bibliothek befand  sich in einem höchst sonderbaren düsteren Giebelhause und es roch darin wundervoll muffig nach alten Büchern. Hatte ich mich abends über den vollständig dunklen Flur getappt, einzig geleitet von einem feinen Lichtschimmer, der durch eine Thürritze fiel, dann fand ich in dem sehr mässig erhellten Räume hinter dem Ladentische einen sonderbaren kleinen Mann, der ein Aussehen hatte wie ein recht alter, abgegriffener und viel gelesener Leihbibliotheksband. Neben ihm sass seine Frau und strickte. Sie sah ebenso aus, nur dass sie ein wenig anders eingebunden war. Wenn ich dann im Katalog blätterte oder mir Bücher vorlegen liess, kratzte es wohl am Fenster, die Frau öffnete es, und herein kam würdevoll eine wunderschöne Katze. Die Frau und die Katze begrüssten sich mit einem Blick liebevollen Einverständnisses, dann legte sich diese auf den Ladentisch und spann, während die Stricknadeln der Frau leise dazu klirrten. Manchmal hatte ich mit dem Alten ein kleines  Gespräch über Literatur, wovon er, wie fast alle Leihbibliothekare, natürlich gar nichts verstand. Einmal verlangte ich einen Band von Tieck. Seufzend stieg der Brave die Leiter hinauf bis zum obersten Borte, wo eine lange Reihe von Bänden dieses Romantikers aufmarschirt war in Uniformen, die noch fast wie neu waren.

»Da stehen sie nun und fangen Staub«, sagte er. »Jetzt fragen sie einmal nach und verlangen einen Band, aber sonst kommt das in zehn Jahren nicht vor. Es wäre besser, die Bücher wären nie geschrieben!«

Unterdess war Karl Hohn, der vorher in Hamburg beschäftigt gewesen war, nach Güstrow gekommen, da er auf dem technischen Bureau der anderen grösseren Fabrik eine Stellung gefunden hatte. Er wohnte bei einer Wittwe Sprenger, die früher bessere Tage gekannt hatte und sich nun durch Waschen von feiner Wäsche und dadurch durchbrachte, dass sie junge  Leute in Kost und Wohnung nahm. Ich zog jetzt ebenfalls dorthin, obwohl ich nun bis zur Fabrik einen weiteren Weg hatte und mit meinen ölgetränkten englischledernen Hosen einen grösseren Theil der Stadt durchwandern musste. Bei dieser Frau führten wir das lustigste Leben von der Welt. Ich habe dort mit allen möglichen Leuten zusammen gewohnt, mit Photographen, Buchdruckern, Schmiede- und Zimmergesellen, und es waren die nettesten Leute darunter. Wie viele Menschen wissen, was ein Schweizerdegen ist? Ich weiss es, denn ich habe mit einem solchen auf einem Zimmer gehaust. So nennt man einen Drucker, der zugleich Setzer ist, und solche werden verlangt in den kleinen Druckereien, wo einer alles machen muss.

Hier wurde durch das tägliche Zusammenleben die Freundschaft mit Karl Hohn noch mehr befestigt. Mit einer gewissen Rührung erinnere ich mich noch, wie gleich in der ersten Zeit, als wir beide  eines Abends im Bette lagen, der sonst so sonnige Mensch mir mit tiefem Kummer eine romantische Liebesgeschichte erzählte, die er in Hamburg erlebt und die mit der Untreue der Geliebten geendigt hatte. Wie ich dann über den schmalen Gang, der unsere Betten trennte, hinweg ihm die Hand reichte und ihm die seine stumm drückte. Aber Hohn war nicht der Mann, sich lange Zeit stillem Gram hinzugeben und wie gesagt, wir führten dort das lustigste Leben. Die Verpflegung konnte für den geringen Preis, den wir zahlten, natürlich nicht glänzend sein, und es ist mir jetzt noch ein Räthsel, wie Mutter Sprenger dafür überhaupt das möglich machte, was sie leistete. Was war es denn aber auch für ein Fest, wenn unser aller Lieblingsgericht, Beefsteak mit Pellkartoffeln auf den Tisch kam. Schon allein das grosse Wettpellen, das jedesmal stattfand, war ein Sport, der uns sehr erheiterte. Ich habe damals eine solche Uebung im Kartoffelpellen erlangt, dass ich es jetzt  noch mit jeder Köchin aufnehme. Mit Vergnügen erinnere ich mich auch jener heiteren Winterabende, wo uns schwelgerische Gelüste kamen und wir uns ein herzhaftes Stück guten mecklenburgischen Schinkens und eine halbe Flasche Arak holen liessen und dann, nach leckerem Mahle, jeder in einer Ecke des alten Sophas sitzend köstlich duftenden Grog tranken, wozu wir uns mit krausen Phantasiespielen unterhielten oder unsere alten schönen Studentenlieder sangen. Zuweilen kamen auch junge Mädchen zu Besuch und dann wurden Pfänderspiele veranstaltet und Tollheiten getrieben, aber alles in den Grenzen erlaubter Heiterkeit.

Ich konnte des Zusammenlebens mit meinem Freunde mich nicht sehr lange mehr erfreun, denn er erhielt eine bessere Stelle in Hannover. Dort habe ich ihn später noch einmal gesehen, als ich zum fünfjährigen Stiftungskommers meiner Verbindung hinüberreiste und seitdem nicht wieder. Doch im Briefwechsel  standen wir noch lange und schreiben uns noch zuweilen. Er ging später nach Kampen in Holland und heirathete eine Holländerin. Jetzt ist er schon lange Oberingenieur einer grossen Maschinenfabrik in Feijenoord bei Rotterdam. Kürzlich theilte er mir mit, dass eine seiner Töchter sich mit einem niederländischen Marineoffizier verlobt habe.

Ich hatte nun zwei Jahre in der kleinen Fabrik gearbeitet und da Hohn fortging, gelang es mir an seiner Stelle auf dem Konstruktionsbureau der anderen Fabrik als Zeichner anzukommen, und zwar, da ich noch gar nichts konnte, mit dem ausserordentlich geringen Anfangsgehalte von zehn Thalern monatlich. Es war eben ein neuer Oberingenieur angestellt worden, der ein aussergewöhnliches Talent in seinem Fache war und bei dem ich in einem Jahre soviel lernte, wie später nie in meinem Leben wieder in einer gleich kurzen Zeit.  Als ich meine erste Zeichnung ablieferte, schüttelte er lächelnd den Kopf und fragte: »Sie haben wohl noch nie gezeichnet?« »Nein,« sagte ich. Bei der zweiten Zeichnung suchte ich die Mängel so gut es ging zu verbessern, und als er sich diese betrachtete, fragte er: »Haben Sie wirklich noch nie gezeichnet?« »Nein,« antwortete ich wieder. »Hm,« machte er mit dem Tone der Anerkennung. Damit hatte er mich gefangen und nun ging es reissend schnell vorwärts, so dass ich nach anderthalb Jahren ziemlich selbständig arbeitete und mein Gehalt auf dreissig Thaler monatlich gestiegen war.

Es zeigte sich hier schon die Erscheinung, dass es mir stets besser gelang, vor der praktischen Aufgabe zu lernen, als in einer Schule. Ich möchte sagen, es giebt geborene Autodidakten, die nur richtig gedeihen, wenn sie ihren Weg allein gehen und deren bester Lehrer das Leben ist.

In dieser Fabrik wurde alles Mögliche gebaut, gewöhnliche Dampfmaschinen,  Wasserhaltungsmaschinen, Werkzeugmaschinen der verschiedensten Art, Mühlen und landwirtschaftliche Maschinen von allen Sorten, Ziegelmaschinen, eiserne Dächer und wer weiss, was sonst noch. Man konnte in Folge dessen dort viel lernen. Zuweilen aber, besonders im Sommer, war flaue Zeit und dann hatte man auf dem Bureau oft weiter nichts zu thun, als die Stunden abzusitzen. In solcher Zeit schrieb ich im Jahre 1864 mein erstes Märchen, ein »Sommermärchen« in die leeren Räume eines fast gefüllten Notizbuches. Ich schickte es später an die »Jahreszeiten«, die in Hamburg erschienen und bereits einige Gedichte von mir gedruckt hatten. Die »Jahreszeiten« wurden in Güstrow, ich glaube für einen Journalzirkel, gehalten und jeden Sonntag war mein erster Gang in die Buchhandlung, wo man mir gestattete, die soeben angekommenen Nummern einzusehen. Ende Juni 1865 war es, als ich in dieser Buchhandlung die berauschende Thatsache  erfuhr, dass mein Märchen wirklich und wahrhaftig gedruckt war.

Solche Empfindung ist bekanntlich nur mit der ersten Liebe zu vergleichen. Das vergilbte alte löschpapierene Blatt besitze ich noch und wenn ich es heute betrachte, so erinnere ich mich mit einer gewissen Wehmuth des unbeschreiblichen Wonnegefühls, das diese bedruckten Seiten in mir erzeugten, als ich sie zum ersten Male erblickte.

Ich hatte nun immer gehört, dem Schriftsteller gebühre ein Honorar oder Ehrensold für Arbeiten auf dem Gebiete der allgemein geschätzten Prosa, für Gedichte dürfe man das allerdings nicht verlangen. Ich schrieb darum einen Brief an die Redaktion der Jahreszeiten mit der bescheidenen Anfrage, wie es damit stünde. Ich bekam die sehr höfliche Antwort, das Honorar für einen Bogen der »Jahreszeiten« betrage fünf Thaler und wie ich wohl gesehen hätte, arbeiteten dafür die besten Schriftsteller gerne mit. Bei dem Umfange  meines kleinen Beitrages von drei Seiten würde das Honorar nach diesem Satze nur l 7/8 Thaler betragen haben und das hätten sie doch nicht gewagt, mir anzubieten.

Ich sah ein, dass dieser sogenannte Ehrensold eher ein Schandsold zu nennen war, und konnte nicht umhin, die Berufsschriftstellerei von nun ab für einen ziemlich nahrungslosen Berufszweig zu halten.

Mein erstes Honorar sollte ich erst einige Jahre später beziehen und zwar bekam ich es in Naturalien. Ich hatte für einen Freund, einen Müllerssohn, ein Polterabendgedicht für die silberne Hochzeit seiner Eltern gemacht und dies hatte so gut gefallen, dass die braven Leute für mich an ihren Sohn zwei wundervolle riesige Spickaale schickten. Mein Freund brachte mir nun einen und gestand dann: »Eigentlich sünd’t twei west, äwer den annern heww ick gliek upfreten.« Wenn mein Freund nicht leider früh gestorben  wäre, so hätte er später eine literarische Agentur aufthun müssen; das nöthige Talent dazu hatte er, wie man aus diesem kleinen Zuge sieht.

In Güstrow passirte zu meiner Zeit folgende wahre Geschichte: Es war einmal eine Frau, die hatte zwei Töchter. Die eine davon hiess Luise, war sechzehn Jahre alt, schlank wie ein Reh und hatte grosse braune »fragende« Augen. Sie wohnte in einem hübschen Hause, das an einer Strasse, die in’s Feld führte, das letzte war. Der Garten hinter dem Hause war durch eine lebendige Hecke von einem vorüberlaufenden Feldwege geschieden. In der Hecke war eine Lücke und im Garten eine Laube. In dieser Laube sass sehr oft des Abends, wenn es schon dunkel war, ein junger Mann, der dort eigentlich garnichts verloren hatte. Nun schlug es in der Stadt neun von verschiedenen Thürmen  und die »Diebsglocke« wurde geläutet, was ein uralter Gebrauch war. Dann war es wieder still und in dieser Stille konnte man vernehmen, wie in der Gegend des Hauses leise, ganz leise, eine Thür klinkte. Dann hörte ein aufmerksames Ohr wohl ein Rauschen von Kleidern, die an die Büsche zur Seite des Gartenweges streiften; kurze Zeit darauf erschien eine schlanke Gestalt am Eingang der Laube und verschwand darin. Dann war weiter nichts vernehmlich als das Flüstern der Blätter oder waren es menschliche Stimmen? Das soll viele Abende so gewesen sein. Der junge Mann hat später Gedichte herausgegeben und unter diesen findet sich eins, das also lautet:
Die Sommerwolke.

Als du mir vorüberschwebtest
Gestern um die Mittagszeit –
Eine weisse Sommerwolke
Schienst du mir im lichten Kleid.

Lachtest so verlockend lieblich
Und dein Blick verhiess mir Glück,
Freundlich, war dein grüssend Neigen –
Schautest gar nach mir zurück!

Einer weissen Sommerwolke
Glichest du mein zartes Kind
Und ich weiss wie unbeständig
Weisse Sommerwolken sind!«

Eines Abends sass der junge Mann in der Laube und wartete vergeblich. Als das noch ein zweites Mal geschah, wusste er, dass das von ihm so gern vernommene Läuten der Diebsglocke nun seine gewohnte Bedeutung für ihn verloren habe. Er soll sein Schicksal mit Fassung getragen haben. Ein Jahr später heirathete Luise einen Zigarrenfabrikanten aus Bremen.

Gleich zu Anfang als ich nach Güstrow kam, trat ich in den Männerturnverein und ward eins seiner eifrigsten Mitglieder. Man kann sich denken, wie es zur Ausbildung des Körpers beiträgt, wenn man den ganzen Tag von morgens sechs bis  Abends sieben Uhr körperlich arbeitet und dann zur Erholung intensiv turnt. Ich zeichnete mich besonders am Reck und im Springen aus und erwarb mir damals unter dem Namen »Springer Seidel« bei Gelegenheiten von Turnfesten und sonstigen Zusammenkünften der Turnvereine eine Art Provinzialberühmtheit, denn in allen Arten des Springens, hoch, weit, mit der Stange und über Bock, Pferd oder Sturmlaufbrett fand ich nie einen Gegner, der nur annähernd mitkam. Ich sprang damals einundzwanzig von meinen Füssen oder 6,2 Meter weit.

Das Turnen stand zu jener Zeit überall in hoher Blüthe und der Güstrower Verein war damals der Sammelplatz von jungen Leuten aus allen Ständen. Sehr hübsche Feste und Aufführungen mit lebenden Bildern, Theateraufführungen und dergleichen wurden veranstaltet. Ich selbst trat einmal als Akrobat und Feuerfresser auf und erwarb mir durch Verzehren von brennenden Lichtern ungeheuren Ruhm.  Später wurde ich Turnwart des Vereins und hatte dann immer sechzig bis siebzig Mann unter meinem Kommando. Dies Alles aber nahm im Frühling des Jahres 1865 ein jähes Ende, als mich plötzlich ein heftiger Blutsturz befiel, der sich mehrfach wiederholte und sich nach einigen Monaten von neuem einstellte. Darnach schickte mich der Arzt meiner Mutter nach Görbersdorf in Schlesien und als ich fortging, sagten fast alle, die mich kannten, zu sich: »Der kommt nicht wieder«, so miserabel sah ich aus. Der berühmte Doktor Brehmer in Görbersdorf sah meinen Zustand nicht so ängstlich an, was mich sehr beruhigte, denn ich hatte auch ein wenig das Gefühl, dies sei der Anfang vom Ende. Nach der Untersuchung wollte ich mir ein wenig die Gegend ansehen, worauf ich sehr begierig war, denn ich war noch nie im Gebirge gewesen und stieg auf einen benachbarten kleinen Berg, der mit bequemen Wegen versehen war und von dem man in eine weite fruchtbare, von einzelnen  bewaldeten Höhen durchzogene Ebene blickte, die, wie ich nachher erfuhr, schon zu Böhmen gehörte. Nachher an der allgemeinen Tafel wurde ich mit meinen Nachbaren bekannt und erzählte, wo ich gewesen war. »Was,« sagte der eine, ganz erstarrt, »Sie waren ja auf dem Reichmacher. Was wollen Sie hier eigentlich? Die meisten, die hier sind, haben wohl den höchsten Wunsch, es so weit zubringen, dort hinauf zu gehen, aber die wenigsten können es. Ich selbst war auch noch nicht oben«. Man mag daraus ersehen, in welchem Zustande die meisten Lungenkranken schon sind, wenn sie in solche Kurorte gehen.

Mir bekamen die eiskalten Douchen und die reichliche Ernährung, verbunden mit Ungarwein in Görbersdorf sehr gut; nach sechs Wochen pustete ich dem Doktor die Glocke seines Spirometers aus dem Wasser, was sich noch nie ereignet haben sollte, und reiste ganz rundlich und mit einer Farbe, »wie das Braun vom Brote«  wieder nach Güstrow, wo man mich mit vergnügtem Erstaunen begrüsste. Das Turnen aber gab ich auf den Rath des Arztes und zu meinem grossen Leidwesen für immer auf.

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

<< Von Perlin nach Berlin – 4. Kap.Von Perlin nach Berlin – 6. Kap. >>
Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]