Von Perlin nach Berlin – 4. Kap.

4. Hannover.

Die Reise nach Hannover war damals noch nicht so einfach wie jetzt. Der nächste Weg ging über Lauenburg, bis wohin die Bahn führte. Dann setzte man zu Kahn über die Elbe, was im Winter bei Eisgang z. B. seine Schwierigkeiten hatte und zuweilen mit Gefahr verbunden war. Darauf fuhr man etwa zwei Meilen mit der Post bis Lüneburg, wo es einen langen Aufenthalt gab, den man benutzen konnte, die alte Stadt und ihre hübsche nähere Umgebung zu besehen. Besonders die hochgelegene Wallpromenade fand ich sehr schön und es gab dort allerlei zu betrachten.  Gleich zuerst, als ich dort war und nachher immer wieder fiel mir das Lied aus Heines »Heimkehr« ein, das also lautet:

Mein Herz, mein Herz ist traurig,
Und lustig leuchtet der Mai,
Ich steh gelehnt an der Linde,
Hoch auf der alten Bastei.

Da drunten fliesst der blaue
Stadtgraben in stiller Ruh‘;
Ein Knabe fährt im Kahne
Und angelt und pfeift dazu.

Jenseits erheben sich freundlich
In winziger, bunter Gestalt,
Lusthäuser und Gärten und Menschen
Und Ochsen und Wiesen und Wald.

Die Mädchen bleichen Wäsche
Und springen im Gras herum;
Das Mühlrad stäubt Diamanten,
Ich höre sein fernes Gesumm.

Am alten grauen Thurme
Ein Schilderhäuschen steht;
Ein rothgerockter Bursche
Dort auf und nieder geht.

Er spielt mit seiner Flinte,
Die funkelt im Sonnenroth,
Er präsentirt und schultert –
Ich wollt‘, er schösse mich todt.

Warum mir dies, abgesehen von seinem vielangefochtenen Schlusse, vortreffliche  Gedicht dort einfiel, ja geradezu einfallen musste, war mir damals schon klar, denn es malte mit wunderbarer Lebendigkeit die Aussicht, die man von dieser hochgelegenen Wallpromenade hatte. Es machte mir grosses Vergnügen, als ich viele Jahre später las, dass Heine dieses Lied bei seinem Aufenthalte in Lüneburg gedichtet hat.

In Hannover hatten Freunde schon eine Wohnung für mich besorgt. Sie lag in einer Strasse der Aegidienvorstadt, deren Namen ich vergessen habe, in einem kleinen einstöckigen Hause eine Treppe hoch und bestand aus einem winzigen Stübchen und einer noch kleineren Schlafkammer. In meiner Erzählung »Leberecht Hühnchen« habe ich sie als dessen Wohnung geschildert und die Schlafkammer war wirklich so klein, dass, wie es dort heisst, ich auf dem Bette sitzend mir die Stiefel nicht anziehen konnte, wenn ich nicht vorher die Thür zum Wohnzimmer öffnete.

Von der ersten Zeit meiner Anwesenheit in Hannover ist sehr wenig in meinem Gedächtniss geblieben, erst vom zweiten Vierteljahre ab fliessen meine Erinnerungen. Es hielten sich ziemlich viele Mecklenburger dort auf, von denen sich eine Anzahl zusammenfand und sich gewöhnte am Sonnabend mit einander zu kneipen. Einige Hannoveraner und Angehörige anderer Landestheile gesellten sich dazu und so entstand allmählich eine sogenannte farbentragende »Blase«, die sich »Obotritia« nannte und grün-weiss-roth trug. Dieses Stadium aber dauerte nicht lange, denn alsbald richtete die Landsmannschaft »Slesvico-Holsatia« ihr Augenmerk auf die neue Blase und trat mit uns in Verhandlungen ein, die mit so feierlicher Wichtigkeit geführt wurden, dass die Erinnerung daran mich noch zur Ehrfurcht stimmt und mich mit Stolz erfüllt, dass ich gewürdigt war an so wichtigen historischen Ereignissen theilzunehmen. Da die Landsmannschaft Frisia vor kurzem  zu Grunde gegangen war und die Holsatia mit den Corps in einem Verhältniss stand, das in der Studentensprache mit einem unsalonmässigen Ausdruck bezeichnet wird, und gegenseitiges Ignoriren zur Vorschrift macht, so hatte diese Verbindung kein Paukverhältniss, das heisst keine Körperschaft, mit deren Mitgliedern sie sich schlagen konnte. Um diesen höchst betrübenden Zuständen ein Ende zu machen, knüpfte also die Landsmannschaft Slesvico-Holsatia Unterhandlungen an zu dem Zwecke die Obotritia zu bewegen, sich als Landsmannschaft aufzuthun. Damit hatte sie Erfolg; am 17. März 1861 ging dieses Ereigniss unter grosser Feierlichkeit vor sich, indem wir die mecklenburgischen Farben »blau-gelb-roth« wählten. Die nächste Folge war natürlich eine Menge von Contrahagen, deren sechsunddreissig noch bis zu den Sommerferien zum Austrag kamen. Ich war es, der die Waffen der neuen Verbindung noch in dem Gründungsmonat einweihte. Ein  kleiner »Blutiger« war das Resultat, auf das ich sehr stolz war. Ich konservirte die winzige Schramme durch sachgemässe Behandlung so wohl, dass sie noch heute zu sehen ist. Im Uebrigen war das Verhältniss zwischen den beiden Verbindungen sehr freundschaftlich. Zum Zwecke, die nöthigen Paukereien zu Stande zu bringen, wurde von Zeit zu Zeit eine sogenannte Contrahirkneipe angesetzt, bei der die Mitglieder der beiden Verbindungen in bunter Reihe durcheinander sassen, und wo es ganz gemüthlich zuging. Da nämlich unsere geheiligten Prinzipien die Bestimmungsmensur der Corps oder das einfache: »Ich wünsche mit Ihnen zu hängen« verboten, und jeder Kontrahage eine sogenannte Beleidigung vorhergehen musste, so wurde dies auf der Contrahirkneipe in aller Behaglichkeit besorgt. Man fand einfach irgend eine Aeusserung eines Mitgliedes der Gegenparthei »merkwürdig«. Dieser verfehlte nicht, das für »sonderbar« zu halten, worauf man nicht umhin  konnte, diese seine Meinung für »unverschämt« zu erklären, was er nun wieder »dumm« fand. »Dumm« war Tusch, man ging zu den beiden Paukwarten, die nebeneinander sassen und diese trugen den Fall in ihre Notizbücher ein.

Die Mensuren fanden jeden Sonnabend früh auf dem Paukboden statt, der allen hannövrischen Verbindungen gemeinschaftlich diente. Es wurden zwar pro forma zwei Füchse als Wachen ausgestellt, doch war das eigentlich nicht nöthig, denn die Polizei kümmerte sich um diese Angelegenheiten garnicht. Freilich kamen auch solche Ausschreitungen nicht vor, wie sie heute an der Tagesordnung sind, wo man auf der Mensur steht, so lange man kann und sich erst abführen lässt, wenn man vor Blutverlust ohnmächtig wird. In Hannover hatte der Doktor Klingenberg die Abfuhr zu erklären, und da er ein verständiger Mann war, dem nebenbei an überflüssig vielem Nähen nichts lag, so erklärte er bei einem  irgendwie anständigen Schmiss sofort Abfuhr. So kam es, dass ich bei meiner zweiten Mensur mit einem überlegenen Gegner auf den vierten Hieb »abgestochen« wurde. Als Doktor Klingenberg dann beim Nähen an die durchhauene Lippe kam, sagte er: »Nun komme ich an die Nerven, womit man die süssen Küsse fühlt, wenn Sie nun in Ohnmacht fallen wollen, geniren Sie sich nicht«. Ich that ihm den Gefallen aber nicht. Er war durch die viele Uebung ein Künstler in seinem Fache, denn er fungirte bei allen hannövrischen Verbindungen als Paukarzt und hat dort etliche Jahre später unter grosser Feierlichkeit das Fest seiner tausendsten Mensur gefeiert. Er nahm auch an allen grossen Verbindungskommersen Theil und sein alterthümliches Blumentopf-Cerevis war von all den unzähligen Landesvater-Schlägern wie ein Sieb durchlöchert. Ich sehe ihn noch immer vor mir, wie er seine Instrumente zurechtlegt und dann schmunzelnd und die Hände umeinander reibend  näher tritt mit der Frage: »Nun, werden wir heute etwas Interessantes haben?«

Gingen dann einmal zwei gute Schläger mit einander los, so folgte er den Gängen mit Kennermiene und genoss sie wie ein Feinschmecker die Gänge eines guten Mittagsessens. Es wird vielleicht manchen Wunder nehmen, wenn er hört, wer damals der beste Schläger in unserer Verbindung und wahrscheinlich in ganz Hannover war. Er hiess Körting und war kein anderer als einer der jetzigen Besitzer der weltberühmten Maschinenfabrik in Körtingsdorf bei Hannover, einer der bedeutendsten Industriellen Deutschlands, ja man kann wohl sagen der Welt.

Mit einem damaligen Burschen der Holsatia, der seitdem sehr bekannt geworden ist, verbindet mich ebenfalls eine Erinnerung an solche Jugendthorheit. Ich hatte ihm den linken Nasenflügel durchgeschlagen und darüber gerieth er bei seinem etwas hitzigen Temperament in solchen Zorn, dass er in der Aufregung  anfing flach zu schlagen, so dass ich von der in solchem Falle stark federnden Klinge fortwährend wie mit einer Reitpeitsche auf den Kopf getroffen wurde. Doch trotzdem diente mir dies zum Heile, denn als einmal einer dieser flachen Hiebe sass, bekam ich nur eine unschädliche Schramme, die vom Ohr bis zu der Nase reichte. Wäre dieser Hieb scharf gewesen, so wäre mir das halbe Gesicht auseinander gespalten worden. Begegne ich jetzt diesem Manne, dem bekannten Kirchenbaumeister Geh. Rath Otzen, wie es zuweilen geschieht, in Berlin auf der Strasse, so spielt, wenn wir uns begrüssen, um unsere Mundwinkel noch immer ein leises Augurenlächeln gemeinsamer Erinnerung. Im zweiten Jahre meiner Anwesenheit in Hannover stieg ich zu der Würde eines Fuchsmajors auf und hatte die Füchse in die Geheimnisse des Komments und in alle die Kenntnisse einzuweihen, die einem braven Burschen unentbehrlich sind. Ich brachte zu diesem Amte einige Fähigkeiten mit und in jener,  die ein Haupterforderniss dieser Stellung ist, wurde ich nur von meinem Leibfuchs Fritz Salfeld erreicht, der allerdings ein Talent ersten Ranges war.

Ich machte in Hannover, eine Art Mauserungsprozess durch, denn damals hatte ich noch eine Eigenschaft, die mir seitdem ganz fremd geworden ist, nämlich eine kindische Freude daran, aufzufallen. Ich besass die grössten Kanonenstiefel, die man jemals in Hannover gesehen hat, trug einen Rock, den mir der Schneider nach meinen eigenen Ideen erbaut hatte, knüpfte mein Halstuch in eine ungewöhnlich geniale Schleife und meine Tabakspfeife war beinahe so lang wie ich selber. Dies Monstrum, das früher in einem Schweriner Drechslerladen als Schaustück gedient hatte, war mir von einigen Freunden gemeinschaftlich dedizirt worden. Die hörnerne Schwammdose war über einen Fuss lang und die Spitze noch viel länger und wenn ihr ungeheurer, mit dem Verbindungswappen gezierter Kopf mit Tabak gefüllt  war, hielt dieser fast für den ganzen Kneipabend vor. Wenn ich mir jetzt meine damalige lange hagere Gestalt vorstelle, wie sie mit dem Cerevis auf dem Kopfe, der kühnen Schleife am Halse, in dem sonderbaren Rock, der noch dazu überall ein wenig zu kurz und zu eng war, und mit den fabelhaften Kanonen an den dünnen Beinen durch die Strassen von Hannover stelzt, da kriecht es mir noch immer über die Seele wie leise Beschämung.

Mir fiel ausser dem Amte des Fuchsmajors auch die Herstellung der Bierzeitung zu, obwohl ich nicht der eigentliche Redakteur dieser feuchten Wochenschrift war. Aber dieser, Heinrich Muhl mit Namen, ebenfalls ein Mecklenburger, verbummelte die Sache meistens und dann musste ich am Sonnabend Abend eine Stunde vor der Kneipe heran, um mit fliegender Feder der Homer unserer Thaten zu sein. An Stoff mangelte es nie, besonders nicht, als wir die berühmte Spritze nach Hildesheim gemacht und in dieser  guten Stadt unermesslichen Unfug getrieben hatten, so dass wir vorzogen, am anderen Tage zu Fuss nach Nordstemmen zu wandern, weil wir fürchteten auf dem Bahnhofe arretirt zu werden. Wir hatten durch einen Gänsemarsch aus den Fenstern des Rathskellers, nächtlichen Kampf mit Zigarrenarbeitern, Abdecken eines Häuschens, aus dem schliesslich eine scheltende Alte hervorkam, Beseitigung einer Bachbrücke, Reiten auf Kühen der städtischen Heerde und dergleichen mehr dort viele unsterbliche Thaten verrichtet, die nun ihres Sängers harrten. Der schöne Stoff hielt über ein viertel Jahr vor. Diese Bierzeitung hatte den Vorzug, dass sie ganz ausgezeichnet illustrirt war durch ein Mitglied unserer Verbindung, das aus Stettin stammte, und Maschinenbauer werden wollte. Später sattelte er um und ging nach Düsseldorf um sich zum Maler auszubilden, wo er als der berühmte Illustrator Grotjohann vor Kurzem gestorben ist.

Mit einigen anderen machte ich einmal im ersten Jahre meiner Anwesenheit in Hannover einen Ausflug nach dem Thiergarten, woselbst sich ein beliebtes Vergnügungslokal befand. Dort wurde auf dem Rasen getanzt und bei dieser Gelegenheit lernten wir einige Mädchen kennen, die unter dem Schutz des Bräutigams der einen das Lokal besuchten. Es waren zwei Schwesternpaare; das eine bestand aus der Braut mit ihrer weit jüngeren sechzehnjährigen Schwester, die Hanchen hiess, und von dem zweiten war die eine fast eine Schönheit zu nennen, die andere dagegen hatte röthliches Haar, Sommersprossen und etwas aufgeworfene Lippen und war schon stark in den zwanzigern. Da ich nicht tanzte sah ich zu und dabei gefiel mir Hanchen ausnehmend. Als wir später drinnen an einem Tische sassen und Bier tranken und die Damen mit Limonade traktirten, musste ich sie immer ansehen. Die anderen waren sehr lebhaft und gesprächig, sie aber sagte kein Wort  und sass da mit bescheidener Demuth, obwohl sie nach meiner Meinung die holdeste und schönste von allen war. Da es beschlossene Sache war, den Mädchen unseren Schutz angedeihen zu lassen bei’m Nachhausewege, so sicherte ich mir beim Aufbruch Hanchens Begleitung, indem ich sie mit einer mir sonst garnicht eigenen Kühnheit bat, Sie nach Hause führen zu dürfen. Mit einer lieblichen Neigung des Hauptes willigte sie ein, und während die Damen nun gingen, ihre Mäntel zu holen, passte ich auf wie der ihrige aussah, denn es war draussen schon dunkel geworden, und ich wollte mir das als Erkennungszeichen merken. Der Mantel war weiss mit feinen braunen Streifen, und beruhigt ging ich hinaus, um zu warten. Nach einer Weile kamen die Damen nach einander heraus. Da, die Dritte trug den braungestreiften Mantel, hatte aber wegen der Nachtkühle den Schleier herabgelassen. Wie klug hatte ich gethan mir das Kleidungsstück zu merken, das sie kenntlich machte. So  graziös wie ich konnte, bot ich ihr meinen Arm. Sie sah mich an, zögerte ein wenig und hakte ein. Dann wanderten wir alle durch die schweigende Nacht dem Bahnhof zu. Ich war ganz verwundert wie gesprächig das vorhin so stumme Mädchen geworden war; sie führte die Unterhaltung, die keinen Augenblick abriss und sich über alles Mögliche erstreckte. Wir kamen auch auf einige sentimentale Lieder, die damals beliebt waren. Besonders gefiel ihr eins, das sie auswendig wusste und mir mit viel Empfindung vorsagte. Es war das bekannte, das also schliesst:

»Ob sie wohl kommen wird,
Zu beten auf mein Grab ?
Sie weiss, dass ich sonst keinen
Für mich zu beten hab.«

So verging die Zeit bis zum Bahnhof viel zu schnell. Dort war grosser Andrang und wir beeilten uns Stühle für unsere Damen herbeizuschaffen. Als ich glücklich einen erobert hatte und zu der meinen wieder zurückkehrte, hatte sie den Schleier zurückgeschlagen und ich sah mit  Schrecken, dass ich die Hässliche mit den Sommersprossen erwischt hatte, und bemerkte zugleich Hanchen in der Begleitung eines andern. Beide Mädchen trugen Mäntel, die genau einander gleich waren. Doch ich konnte mich nicht lange meinen Empfindungen hingeben, denn in diesem Augenblick lief der schon ziemlich besetzte Zug ein und wir hatten Noth alle unterzukommen. Es war mir garnicht unangenehm, dass ich bei dieser Gelegenheit von meiner Dame getrennt wurde. Auf dem Bahnhofe in Hannover angelangt, hatte ich nichts Eiligeres zu thun, als mich bei Hanchen zu entschuldigen. »O, das schadet garnichts!« sagte sie sehr naiv. Ich aber in deutscher Treue brachte meine Dame, die unglücklicher Weise auch noch in dem vom Bahnhof weit entfernten Linden wohnte, nach Hause und liess mir nichts von meiner Enttäuschung merken.

Die Bekanntschaft spann sich weiter, da wir uns im Odeon wiedertrafen, einem sehr beliebten Konzertgarten, wo wir alle  abonnirt waren. Ich brachte dann Hanchen gewöhnlich nach Hause, während die Schwester mit dem Bräutigam voranwandelte. Der Weg war ziemlich weit und führte durch blühende Vorstadtgärten, um deren schwarze Baumwipfel die Nachtschmetterlinge surrten, während ein Duft von Nachtviolen und Jelängerjelieber die stille Luft erfüllte. Die Stimmung eines solchen Abends liegt ausgedrückt in einem Gedichte, das viel später entstanden ist:
Erinnerung.

Wie war die schöne Sommernacht
So dunkel, mild und warm. –
Wie schrittest du so still und sacht
Gelehnt auf meinen Arm.

Von Ferne klang, man hört‘ es kaum,
Musik mit leisem Schall.
Im blüthenduft’gen Gartenraum
Sang eine Nachtigall.

Ein holdes schweigendes Verstehn
War zwischen mir und dir,
Ein selig Beieinandergehn,
Und glücklich waren wir.

Die schöne Zeit, sie liegt so weit –
Verweht wie eitel Schaum.
Sie liegt so weit die schöne Zeit,
Versunken wie ein Traum.

Wie schrittest du so still und sacht,
Gelehnt auf meinen Arm –
Wie war die schöne Sommernacht
So dunkel, mild und warm.

Im Grunde aber war es mit dem gegenseitigen Verstehen wohl gar nicht so weit her, denn es stellte sich bald heraus, dass Hannchen zwar ein schönes Kind, aber ein rechtes kleines Gänschen war. Eines Abends, als wir aus dem Odeon traten, stand der grosse Komet von 1861 gerade in seinem vollen Glanze vor uns. Wir sprachen über ihn und ich meinte, der Komet von 1858 sei doch viel grösser gewesen. Hannchen sah mich erstaunt an und sagte: »Haben Sie den auch gesehen? Sie waren doch damals noch garnicht in Hannover.«

Ich war sehr erschrocken, fasste mich aber, so gut ich konnte, und antwortete ganz ruhig: »Er war auch bei uns zu sehn.« »Ach!« sagte sie, aufrichtig verwundert.

Das war so eine von den kleinen Naivitäten, die meine beginnende Zuneigung  jedesmal mit kaltem Wasser begossen, so dass sie schliesslich ausgelöscht wurde und ich vermied, das Odeon wieder zu besuchen.

Ausser einigen Liedern und anderen Gedichten schrieb ich fast nichts in dieser Zeit. Sehr wenige, ich glaube nur zwei davon, habe ich in meine Sammlungen aufgenommen und eins von diesen »die Rose im Thal,« das am 20. August 1861 entstand und den seligen Uhland zum Grossvater hat, ist wohl am meisten komponirt worden von allen meinen Liedern. Zuerst von Ferdinand Hiller, dann von Wüerst, Abt und sehr vielen anderen. Noch jetzt begegnen mir von Zeit zu Zeit immer wieder neue Vertonungen dieses Jugendliedes. Ausserdem entstand der Anfang einer Erzählung, in der mein Freund und Verbindungsbruder Karl Hohn eine Rolle spielen sollte. Es ist mir jetzt merkwürdig, dass ich mich schon damals damit beschäftigte, diesen zum Helden  einer Erzählung zu machen. Karl Hohn ist nämlich das Urbild zu der Figur meines Leberecht Hühnchen und wir haben uns in Hannover einmal fast genau so, wie es in der kleinen Erzählung geschildert wird, für dreissig Pfennige einen fidelen Abend gemacht. Er war ein Küstersohn aus Mecklenburg und hatte sich in Lüneburg, wo er vorher das Gymnasium besuchte, auf’s Aeusserste durchgeschlagen, ohne jemals den guten Muth zu verlieren. Auch hier in Hannover war sein Wechsel sehr gering. Aber immer ging etwas wie Sonnenschein von ihm aus und er wusste Allem eine heitere Seite abzugewinnen. An schnurrigen Vorstellungen und Erfindungen konnte er sich ungemein ergötzen. Einmal sass er am Fenster seiner Wohnung, die an einem grossen Platze gelegen war, sah auf diesen und die wenigen Leute, die in der Ferne vorübergingen, hinaus und lachte vor sich hin. Ich fragte ihn, warum er so vergnügt sei.

»O,« sagte er, »ich stelle mir vor, dass  ich meine Nase ganz fix und weit ausschnellen und wieder einziehen könne, so dass ich den alten dicken Onkel dort hinten oder die lange magere Tante die dort geht, damit auf die Schulter tippen könnte. Wie sie sich dann verwundert und erschrocken umsehen und niemand da ist.«

Er beschäftigte sich damals in seinen Mussestunden mit der Erfindung von allerlei Menschen für besondere Zwecke, die er sorgfältig aufzeichnete. Ich erinnere mich noch an den Kampfmenschen und an den Reisemenschen, die beide mit einer Unzahl von zweckmässigen Erfindungen ausgestattet waren. Solche kleine harmlose Verrücktheiten ergötzten ihn sehr. Auch stammt von ihm aus jener Zeit die Erfindung des berühmten eisernen Ofens, der aufgezogen wird, in der Stube auf Gummischuhen so lange herumläuft, bis er warm ist und sich dann in die Ecke stellt und heizt.

Ich wohnte im ersten Jahre in der  Nähe des Gartenkirchhofes, der, nebenbei sei es bemerkt, das berühmte Grab enthält, eine der grössten Merkwürdigkeiten Hannovers. Auf dem schweren Leichensteine steht die Inschrift: »Dieses Grab ist auf ewig erkauft und darf nie geöffnet werden.« Eine Birke ist aber zwischen dem Steine und seiner Unterlage aufgewachsen und hat allmählich immer stärker werdend, diesen halb abgewälzt.

In der Geisterstunde einer kühlen etwas nebligen Mondscheinnacht kamen wir über diesen Kirchhof, setzten uns auf den breiten Deckstein eines der vielen Grabgewölbe und plauderten noch ein wenig mit einander. Ringsum standen in dem ungewissen Dämmer des Mondschein-Nebels all die vielen weissen Kreuze und Denksteine und wir beschlossen zu versuchen, ob wir uns nicht das Gruseln beizubringen vermöchten. Aber obwohl wir gegenseitig unsere ganzen Schätze von Gespenstergeschichten auskramten, es wollte nicht helfen. Das eine Bein meines  Freundes befand sich in der Nähe eines der vergitterten Luftlöcher, die sich an den Seiten solcher Gewölbe finden und ich sagte, als alles Andere nicht helfen wollte: »Was würdest du thun, wenn nun aus diesem Loche eine Knochenhand hervorlangt, mit eisernem Griffe dein Bein packt und nicht wieder los lässt?

Aber auch dies machte keine Wirkung. Schliesslich kam das Gruseln gerade wie in dem bekannten Märchen »Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen,« durch äusserliche Umstände an uns. Nämlich von unten durch den kalten Leichenstein, auf dem wir sassen. Die Nacht war kühl; uns begann zu frösteln und froh, es endlich doch noch zum Gruseln gebracht zu haben, wanderten wir nach Hause.

Während meines Aufenthaltes in Hannover starb mein Vater, der schon vor Jahren an einem Lungenleiden erkrankt  war und zu seiner Heilung mehrfach die Bäder von Lippspringe und Salzbrunn besucht hatte. Da nun meine Mutter nach Ablauf des sogenannten Gnadenjahres ihre Einnahme sehr eingeschränkt sah, und ich in Hannover ziemlich viel gebrauchte, so ward im Familienrathe besonders auf Betreiben meines Onkels Adolf, der überhaupt nichts von diesem Studium hielt, beschlossen, dass ich wieder in eine Fabrik eintreten sollte, um noch mehr praktische Kenntnisse zu sammeln, und mich eventuell, wie es seinem Ideal entsprach, von unten auf empor zu arbeiten. So wurde ich denn um Ostern 1862 »eingeheimst« und trat als Lehrling in die kleine Maschinenfabrik von Kaehler in Güstrow ein. Ich fand mich leichter, als man denken sollte in diesem Sturz von der Höhe eines freien Burschen zu dem Stande eines Fabrikarbeiters, weil ich stets die Gabe besessen habe, mich in das Unvermeidliche ohne Murren zu fügen, denn:

»Was man nicht ändern kann,
Wie es auch zwickt …
Der ist am besten dran,
Der sich drein schickt!«

Es ist bisher wenig von meinem Vater die Rede gewesen und das wohl aus dem Grunde, weil dieser vielbeschäftigte Mann fast nie Zeit hatte, sich mit uns abzugeben, so dass wir mit ihm meistens nur als mit der obersten Strafgewalt in Berührung kamen. Wenn ich ihn mir vorstelle, sehe ich ihn immer am Schreibtisch über seine Arbeit gebeugt, wie er mit so kleiner und enger Schrift, Blätter röthlichen Konzeptpapiers bedeckt, dass sie von Ferne wie liniert aussahen. Er lud sich zu seinen reichlichen Amtsgeschäften noch alles mögliche Andere auf, so dass er immer tief in der Arbeit steckte und fand sich dann einmal ein Mussestündchen, so war es seinen poetischen Versuchen geweiht.

Im Kreise seiner Amtsgenossen und Freunde war er ein vortrefflicher Gesellschafter  und Geschichtenerzähler und als Kanzelredner fand er den grössten Beifall, wobei wohl seine nicht gewöhnliche poetische Begabung eine Rolle spielte.

Ich habe erst nach seinem Tode erfahren, dass er meinen dichterischen Versuchen mit der grössten Theilnahme gefolgt ist. Meine Schwester Frieda hatte den Auftrag, ihm Alles abzuschreiben und mitzutheilen, durfte mir aber nie etwas davon sagen.

So wenig ich nun im Leben mit meinem Vater in Berührung gekommen bin, so oft habe ich nach seinem Tode von ihm geträumt und zwar war der Traum in seinen Grundzügen immer derselbe: Mein Vater war nicht wirklich begraben, sondern an seiner Statt ein mit Steinen beschwerter Sarg, während er selber weit fort gegangen war und in einem fernen Gebirge als Fusswanderer lebte. Dadurch hatte er seine Gesundheit wieder erworben, und trotzdem er sehr hager war, besass er eine braune kräftige Gesichtsfarbe und einen  elastischen Schritt. Die Sehnsucht, seine Familie zu sehen, zog ihn von Zeit zu Zeit zurück, aber dass er noch lebte, war ein tiefes Geheimniss, und Niemand durfte es wissen. Nach kurzem Aufenthalt wanderte er dann wieder fort. Einst hatte ich wieder diesen Traum und zwar mit der Variation, dass man ihm auf der Spur sei und er verborgen werden müsse. Wir brachten ihn in ein grosses unterirdisches Waarengewölbe, wo immer ein Keller in den anderen mündete und suchten nach einem Versteck zwischen den unzähligen Kisten und Waarenballen, die dort geschichtet lagen. Dabei hörten wir fortwährend die Leute gehen und sprechen, die ihn suchten. Endlich war die Gefahr vorüber, und wir brachten ihn an das Meer und nahmen Abschied von ihm. Ueber das Meer war eine Holzbrücke geschlagen, die sich gegen den Horizont in der Ferne verlor. Er nahm seinen langen Wanderstab, der höher war, als er selbst, fasste ihn etwa in zwei Drittel der Länge und ging, bei jedem  Schritt den Stab aufstützend, auf die Brücke hinaus. Wir standen am Ufer und sahen ihm nach, wie er immer kleiner und kleiner wurde, bis er endlich als ein Pünktchen in der Ferne verschwand. Seitdem ist dieser Traum nicht wiedergekehrt.

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

<< Von Perlin nach Berlin – 3. Kap.Von Perlin nach Berlin – 5. Kap. >>
Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]