Von Perlin nach Berlin – 3. Kap.

3. Schwerin.

Von der ersten Zeit in Schwerin ist mir wenig in der Erinnerung geblieben. Ich weiss nur, dass wir unsere gute Grosstante Malchen, in deren mit altjüngferlicher Sauberkeit und Zierlichkeit ausgestatteten Räumen wir vier wilden, an unumschränkte Freiheit gewöhnten Rangen uns aufhielten, bis das Haus eingerichtet war, dass wir diese an ein friedliches Stillleben gewöhnte alte Dame an den Rand der Verzweiflung brachten. Solange sie lebte, erzählte sie mit Grausen von diesen Tagen. Das Haus, in das wir einzogen, lag der Kirche gerade gegenüber, war gross und geräumig, besass  einen mächtigen, mit allerlei Gerümpel angefüllten Boden, und Hof und Garten waren nicht allzuklein, so dass wir die beschränktere Freiheit nicht so sehr empfanden. Unsern Hauslehrer behielten wir noch eine Weile, und da dieser ein Neffe des Küsters unserer Kirche war, so hatte er seinem Onkel die Pflicht abgenommen, allabendlich die Betglocke zu läuten. Da ging ich natürlich mit, und nachdem ich unter Aufsicht meines Lehrers gelernt hatte, dieses Amt zu verrichten, durfte ich es später manchmal ganz allein besorgen. Wie verantwortungsvoll kam ich mir vor, wenn ich mit dem grossen Kirchenschlüssel über die Strasse ging und mühsam die Thurmthüre aufschloss! In dem dämmerigen Raume hing ein starkes Seil hernieder, das zu der Glocke ging, und nun galt es, die Sache ordentlich und richtig auszuführen zur Befriedigung der Kenner. Denn ich wusste ja, die ganze Stadt hörte auf mich, sogar der Oberkirchenrath und der Grossherzog. Es galt nun die langsamen  Schläge in gemessenen Pausen folgen zu lassen und den einen Doppelschlag hinterher. Mit Zagen ging ich jedesmal an dies wichtige Werk, und hohe Befriedigung erfüllte mich, wenn ich glaubte, dass es mir gelungen sei. Und ich war der einzige Junge in der ganzen Stadt, der solches thun durfte.

Später kam ich in die erste Klasse einer Vorbereitungsschule für das Gymnasium, und da muss wohl mein einsiedlerisch träumerisches Wesen, das ich vom Lande mitbrachte, besonders auffallend gewesen sein, denn meine Mitschüler ertheilten mir alsbald die Beinamen: »Drömer« (Träumer) und »Slapmütz«. Doch streifte ich im Umgang mit so vielen Altersgenossen bald diese Eigenschaft ab und als ich mit elf Jahren auf das Gymnasium kam, nannte mich niemand mehr so.

Bei einem Stadthause mit einem Garten dahinter kommen auch natürlich die Nachbarn in Betracht und ich kann wohl sagen, dass wir deren bemerkenswerthe und eigenthümliche  hatten. An der einen Seite wohnte ein Advokat R., der ein grosser Gartenliebhaber, Blumenfreund und Obstzüchter war und alle seine freie Zeit in seinem Garten zubrachte. Es war unglaublich, was in diesem doch nicht allzugrossen Raume Alles wuchs. Alle Hauswände, die Wand eines hinten anstossenden Hauses und die hohen Plänkenzäune waren mit Spaliers versehen, an denen er eine Fülle köstlicher Weintrauben zog und ausserdem Pfirsiche, Aprikosen, Maulbeeren und Schattenmorellen. Er hatte auch eine Feigenplantage, die alljährlich grosse süsse Früchte lieferte und sonst viele Obstbäume von edlen Sorten. Am bemerkenswerthesten aber war dieser Garten durch seine Rosenpracht. Um die Zeit des beginnenden Sommers glühten und blühten die Rosen dort in allen Formen und Farben, weiss, rosa, goldgelb und feuerroth bis purpurschwarz. Da waren buschige und hochstämmige, strauchartige und rankende, winzige und riesige, einfache und gefüllte.  Als ich später meine erste Novelle, den »Rosenkönig« schrieb, schwebte mir immer die Rosenpracht dieses Gartens vor.

Die Nachbarschaft auf der anderen Seite hatte einen kleinen Strich in’s Unheimliche. Das Haus und der wenig gepflegte Garten gehörten dem Sanitätsrath G., dem wegen einer etwas dunklen Geschichte verboten war, zu praktizieren. Ich habe nie recht deutlich erfahren, welcher Art sein Vergehen gewesen ist. Meine Schwestern fürchteten sich vor ihm, und als sie halbwüchsige Mädchen waren, rannten sie sofort aus dem Garten, wenn der freundlich grinsende Eulenkopf des Nachbars mit den stechenden hellgrauen Augen über den Zaun blickte. Er hatte mehrere Häuser in der Stadt, galt für reich und konnte also den Verlust seiner Praxis verschmerzen. Zum Zeitvertreib beschäftigte er sich mit allerlei wunderlichen, physikalischen und chemischen Experimenten. Er besass eine asthmatische fette Frau, mit der er sich stets zankte und  einen kleinen fetten Sohn, den sie beide gemeinschaftlich auf’s Aeusserste verzogen. Im ersten Frühjahr unseres Aufenthaltes in Schwerin war dieser in unseren Garten gekommen, um mit uns zu spielen. Uns missfiel aber der fette verpimpelte Junge, der bei dem warmen Frühlingswetter einen schottisch karrierten Mantel trug, durchaus, welchem Missfallen wir dadurch Ausdruck gaben, dass wir ihn nahmen und ihn hinten durch seinen Halskragen zwischen Hemd und Haut so voll feuchte Gartenerde füllten, als er fassen konnte. Er flüchtete sich natürlich unmenschlich brüllend an seinen heimathlichen Heerd und wir gingen durch diese verruchte That seines ferneren Umganges verlustig. Später wurde dann öfter irgend ein blasser duldsamer Knabe zu ihm eingeladen, der gegen gute Fütterung mit ihm spielen und sich von ihm tyrannisieren lassen musste.

Das Hintergebäude des Hauses, in dem der Sanitätsrath G. wohnte, war ziemlich  gross und hatte ein flaches Dach. Auf diesem Dache stand ein kleines Glashäuschen, dessen Fenster stets dicht verhangen waren und dessen Bestimmung dunkel war. Man behauptete, der Sanitätsrath nehme dort Sonnenbäder. Um das flache Dach lief ein eisernes Geländer, das seltsamen Zierrath zur Schau trug. Auf jeden Pfosten war nämlich ein umgekehrtes Medizinglas gesteckt. Der Sanitätsrath G. wusste, dass Glas die Elektrizität nicht leitet und so wollte er verhüten, dass der Blitz in dieses Haus schlüge.

Uns gegenüber lag, wie schon gesagt, die Nikolai- oder Schelf-Kirche und um sie herum ein stattlicher Platz mit alten Linden bepflanzt, der »Schelfkirchhof.« Das war ein herrlicher Spielplatz für die umwohnende Jugend. Darum wurde es in der schulfreien Zeit bei nur einigermassen erträglichem Wetter dort nicht still von dem fröhlichen Getöse der Kinder, die dort die Spiele der Jahreszeit spielten. Sie begannen im ersten Frühling mit  Buutz (Anwerf-Spiel mit Knöpfen) an der Kirchenmauer und Murmel. Dann wurden grossartige Tründelband- (Reifen) Wettrennen veranstaltet und später kamen alle möglichen Ballspiele, Ausläufer, Krinkball (Kreisball) und Kuhlsäg‘ (Sauball). Wieder gab es dann eine Zeit, wo nur Hirsch und Has‘ oder Klodibo (Anschlag), Letzten (Zeck), Hinken Düwel (Schwarzer Mann) und Abenkloss gespielt wurde. Das letzte war ein eigenthümliches Spiel, bei dem jeder Theilnehmer einen Namen nach dem Alphabet erhielt, bei dem er aufgerufen wurde. Die Namen hiessen: »Abenkloss, Bibo, Cizo, Dido, Eickenbreker, Fahnen steker, Gurkenfreter ….. Weiter weiss ich sie nicht, wahrscheinlich, weil selten mehr als sieben Theilnehmer an dem Spiel vorhanden waren. Im Winter gab es dann Schanzenbau oder gewaltige Schneeballschlachten oder man fuhr im Schlitten die benachbarte steile Kirchenstrasse hinab. Freilich, da gab es noch eine bessere Bahn, die steile Strasse neben  dem Arsenal, die so abschüssig war, dass man sie für Wagenverkehr gesperrt hatte. Dort aber war das Schlittenfahren verboten. Das war natürlich kein Hinderniss, wenn man einen guten Freund hatte, der unten stand und auf die Wagen und »Auras« aufpasste. Wenn der dann sein: »Numan!« rief, heidi, da gab es eine Fahrt, dass es nur so sauste. Im Nu war man unten dann gings quer über die Alexandrinenstrasse und die Promenade, dann eine steile Uferböschung hinab und mit einem Hopps über die Kaimauer auf den gefrorenen Pfaffenteich hinauf. »Jungedi, wo güng dat fein?«

Was nun den vorhin genannten Auras betrifft, so war das der gefürchtetste von den Polizisten, den sogenannten Stadtdienern. Er war gross und hager und ausgerüstet mit langen Beinen und desgleichen Fangarmen. Seine runden hurtigen Augen schienen Alles in weitem Umkreis, gleichzeitig zu sehen. Etwas Wildes, Sprunghaftes lag in seinem Wesen: er hatte eine  fatale Fertigkeit darin, plötzlich da zu sein oder unvermuthet um eine Ecke zu kommen, und der warnende Ruf: »Auras!« bedeutete für Alle, die etwas Verbotenes vorhatten: »Rette sich, wer kann!« Wenn ich jetzt die Phrase von dem Auge der Gerechtigkeit höre oder lese, so muss ich noch immer an Auras seine Augen denken. Um den Schelfkirchhof herum wohnten noch einige bemerkenswerthe Leute, z. B. Bäckermeister Trapp, der durch seine grossen Appelstuten berühmt war, eine Delikatesse für sehr anspruchslose Feinschmecker, was schon aus dem Preise von einem Dreiling (wenig mehr als 1 ½ Pfennig) für das ziemlich grosse Gebäck hervorgeht. Es bestand aus gewöhnlichem Brotteig mit eingebackenen sauren Aepfeln. Es gab welche, die dafür schwärmten, ich aber habe mich nie so tief erniedrigt. An diesem Platze lag auch die Vorbereitungsschule, die ich zuerst besuchte, und von 1855 ab wohnte dort eine wirkliche Weltberühmtheit, nämlich der Komponist Max  von Flotow, Intendant des Schweriner Hoftheaters, dessen Opern Martha und Stradella damals schon über alle Bühnen gegangen waren. Ich habe ihn aber für nichts Besonderes geschätzt, obwohl ich genug davon hörte, denn wie konnte wohl ein behäbiger Mann, der uns gegenüber wohnte und jeden Tag über den Schelfkirchhof ging, eine grosse Berühmtheit sein. Ich glaube, hätte Goethe dort gewohnt, ich hätte ihn auch nicht für etwas Besonderes gehalten.

Neben diesem berühmten Manne wohnte der Forstrevisor M., der von einer einzigen Frau zweiundzwanzig Kinder hatte, von denen eine ganze Menge am Leben und zum grössten Theil damals noch zu Hause waren. Da ich mit seinem Sohne Adolf befreundet war, so kam ich öfter in’s Haus und da hat sich mir als besondere Merkwürdigkeit ein grosser Saal eingeprägt, in dem alle diese Kinder, worunter schon erwachsene Mädchen waren, schliefen. Durch allerlei spanische Wände, Vorhänge  und dergleichen um die verschiedenen Bettgruppen herum war er in geschlossene Abtheilungen geschieden und so dieser Reichthum ganz gut untergebracht. Für uns Kinder war dieser Schlafsaal am Tage mit seinen vielen Ecken und Winkeln, Ab- und Einbuchtungen eine Gelegenheit zum Versteckspiel, wie sie nicht leicht besser gefunden werden konnte. Dieser Adolf M. war dadurch merkwürdig, dass überall, wo er auch ging und stand, seine Augen auf den Boden gerichtet waren. Er hatte nämlich einmal ein Achtschillingsstück (50 Pf.) gefunden, und das hatte einen solchen Eindruck auf ihn gemacht, dass er seitdem das Suchen als Sport betrieb. Wegen seiner Ausdauer darin fand er natürlich auch mehr als andere, bald mal ein Messer, einen Taschenkamm, einen Schilling oder einen werthvollen Knopf, der seine sechzehn bis zweiunddreissig Hosenknöpfe werth war. Denn bei Leibe darf man nicht glauben, dass bei uns ein Knopf ein Knopf war, da  bestanden die grössten Werthunterschiede und ein vollständig ausgebildetes Münzsystem. Der Hosenknopf bildete die Einheit und in der »Buutz«-Saison kam es vor, dass besonders eifrige und unglückliche Spieler sich alle Knöpfe vom Leibe schneiden mussten, um ihren Verpflichtungen zu genügen. Wenig geschätzt waren die hohlen Metallknöpfe, hoch dagegen die massiven klingenden von Messing oder Bronze. Ein »Posthorn« galt, wenn ich nicht irre, sechzehn. Die Stelle der Goldstücke aber vertraten die umfangreichen, oft über thalergrossen schwedischen Kupfermünzen, die durch Seeleute oder Reisende zuweilen in’s Land kamen und den grössten Reichthum der Knopf-Kapitalisten ausmachten. Denn solche gab es mit schweren, strotzenden Beuteln, deren Inhalt man auf viele tausend Hosenknöpfe schätzen konnte. Ich habe nie zu ihnen gehört und spielte mir das Schicksal einmal ein kleines Kapital in die Hände, so half es bald einen dieser  strotzenden Beutel schwellen. Es ist bei Kindern wie bei grossen Leuten und wer jene genau beobachtet, der kann schon früh voraussagen, wer einmal auf Gummirädern fahren wird.

Ich kam wie schon gesagt mit elf Jahren in die Quinta des Schweriner Gymnasiums und war damals der jüngste in der Klasse, muss also wohl bis dahin ein ziemlich guter Schüler gewesen sein. Von diesem Zeitpunkt an war es aber damit zu Ende und ich erinnere mich noch, dass mir einmal vier Schillinge (25 Pf.) versprochen wurden, wenn ich einmal eine Woche lang nicht nachsässe. »Das lässt tief blicken!« würde ein gewisser sozialdemokratischer Abgeordneter sagen. Ich gewann aber diesen Preis und erstand mir für das Geld eine Maultrommel, auf welchem Instrument ich mich mit vielem Eifer zu üben begann. Wir hatten nämlich einen Virtuosen in der Klasse, der es  verstand in den Zwischenstunden, Arion gleich, die wilde Bande in stille, zahme Lämmer zu verwandeln, wenn er ihnen etwas auf der Maultrommel vorspielte. Die zarten geisterhaften Klänge dieses Lieblingsinstrumentes von Justinus Kerner gefielen mir wohl, allein ich brachte es zu keiner besonderen Kunstfertigkeit. Hier kann ich wohl gleich einfügen, dass drei Klavierlehrer sich durch acht Jahre an mir abgeärgert haben, ohne mir etwas beibringen zu können. Nicht dass ich unmusikalisch gewesen wäre, aber ich wollte nicht. Durch nichts kann man übrigens einen Klavierlehrer mehr ärgern, als wenn man achtmal hinter einander f anschlägt, während man ganz genau weiss, dass es fis sein soll.

In Quinta blieb ich drei Jahre, während der regelrechte Kurs nur ein und ein halbes Jahr dauerte. Das hatte ich nun allerdings nicht ganz meiner mangelhaften Arbeitslust zu verdanken, sondern als ich mich schon in der ersten Abtheilung befand,  wurde eine Sexta eingerichtet, wodurch die Quinta zugleich auf eine höhere Stufe rückte. Es wurden dann nur die allerbesten nach Quarta versetzt und aus dem Rest die neue Quinta gebildet, in der ich als mässiger Schüler wieder in die zweite Abtheilung kam. Jedenfalls hat mir aber wohl das lange Hocken in ein und derselben Klasse die Lust an der Schule gänzlich verdorben. Uebrigens gab es zuletzt in dieser Klasse eine Bande von rohen Gesellen, die zum Theil schon über fünfzehn Jahre alt und deren einzelne, möchte ich sagen, mit allen Lastern bekannt waren. Man meint jetzt oft, die Jugend sei im Allgemeinen verdorbener als vor etwa vierzig Jahren, das aber kann ich nach meinen Erfahrungen nicht zugeben. Es gab auch damals genug, die in dieser Hinsicht nichts zu wünschen übrig liessen, und wollte ich davon erzählen, so könnte ein moderner Naturalist daran seine helle Freude haben. Der Anführer dieser Bande übrigens, auf dessen Anstiften die  schwächeren in der Klasse, auf eine nicht wiederzugebende Weise tyrannisirt wurden, erschoss sich später noch in jungen Jahren.

Etwas besser ging es mir in Quarta und zwar aus einem besonderen Grunde. Der Oberlehrer von Quarta, Doktor Büchner, bei dem das Griechische anfing, war musikalisch und hatte aus Liebhaberei die Singstunde übernommen. Da ich nun eine gute und starke Sopranstimme hatte und im Singen immer obenan sass, so hatte er eine Vorliebe für mich, kam mir, als ich in seine Klasse versetzt wurde, wohlwollend entgegen und, was mir noch nie passiert war, er traute mir etwas zu. Damit hatte er mich gefangen, und, obwohl ich auch hier kein Licht war, kam ich doch durch diese Klasse in der regelrechten Zeit und wurde fünfzehn und dreiviertel Jahre alt nach Tertia versetzt, wo dann das alte Elend wieder von vorne anfing. Es gab allerdings Fächer, in denen ich etwas leistete, wie Deutsch, Mathematik,  Geographie und Alles, was mit Naturwissenschaften in Zusammenhang stand, allein das hatte damals gar nichts zu bedeuten und kam gegen die alten Sprachen überhaupt nicht in Betracht. Wer sein lateinisches Exerzitium ohne Fehler machte, seine unregelmässigen Verba am Schnürchen hatte und im Griechischen etwas leistete, der konnte in den übrigen Fächern so mässig sein, wie er wollte und ein Deutsch schreiben wie ein Hausknecht, darauf kam es gar nicht an. So nützte es mir denn auch nicht das Geringste, dass ich im deutschen Aufsatz stets einer der besten war. Der alte Doktor Schiller sagte dann wohl, wenn er solche Arbeiten zurückgab: »Ja, der Seidel! Ist sonst so’n schlechter Schüler, aber Deutsch kann der Jung‘. Hab’m wieder 2 a geben müssen Ich weiss nicht, wo der Jung‘ das her hat.« Wäre ich auch in den anderen Fächern besser gewesen, hätte ich wahrscheinlich eine 1 erhalten. Solches Urtheil diente dann zu meiner eignen höchsten Verwunderung,  denn ich hatte dies nie erwartet, weil ich wie gewöhnlich die Arbeit bis zum letzten Augenblicke aufgeschoben und den Aufsatz morgens vor Anfang der Schule ohne Kladde hingeschrieben hatte. Ich hielt dies für eine Art Verblendung des Lehrers, da ich selbst von meinen Fähigkeiten eine sehr geringe Meinung hatte. Aehnlich erging es mir, als ich früher einmal in meinem zwölften Jahre, durch den damals ausgebrochenen Krimkrieg angeregt, mein erstes Gedicht machte. Mein Vater bekam es zufällig zu sehen, las es durch, schmunzelte und sagte: »Nun, gar nicht so übel!« Da überkam mich eine tiefe Beschämung, es fiel mir ein, dass ich oft gelesen hatte, wie Eltern geneigt seien, die Befähigung ihrer Kinder zu überschätzen und sofort ging ich hin und steckte das Gedicht ins Feuer.

War, wie bei dieser Aufsatzgeschichte, das wenige Lob, das ich erhielt, auch noch in einen Tadel eingewickelt, so verfuhr noch schlimmer mit mir der alte Prorektor  Reiz, wenn ich, wie es öfter geschah, in dem ganzen Glanze meiner Unwissenheit vor ihm sass. Er pflegte dann mit milder Stimme zu fragen: »Seidel, wann gehn Sie ab?« Die ganze Klasse, der diese Frage natürlich ein besonderes Gaudium machte, murmelte dann im Chor: »Noch lange nicht, noch lange nicht!« »Das ist schade!« erwiederte dann der alte Prorektor Reiz mit sanftem Ton. Dieser Lehrer, der übrigens nicht unbeliebt war, hatte eine sonderbare Art sich mit Hyperbeln in Zorn zu reden. Einmal kam er darüber zu, wie zwei Brüder sich prügelten: »Der Jung‘, der Jung’« sagte er »schlägt seinen Bruder! Nächstens bringt er wohl gar seinen Vater um – schneid’t seiner alten Grossmutter den Hals ab! Der Jung‘, der Jung‘ – so’n Mörder!«

Er war damals schon ganz weiss und alt, ist aber noch lange Jahre auf seinem Posten geblieben. Zuletzt pflegte er während der Stunden mitten im Satz einzuschlafen, oft an dreissig Minuten lang.  Die Klasse verhielt sich dann zu ihrem eigenen Vortheil, um ihn nicht aufzuwecken, mäuschenstill und es wurde auf diese Art eine Ruhe erzielt wie sonst durch kein Mittel. Gegen Ende der Stunde pflegte er aufzuwachen und fuhr dann in seinem Satz fort, als sei nichts geschehen.

Bemerkenswerth und bequem für die Klasse war die Methode, mit der Doktor Schiller in Tertia den Homer traktirte. Die Schüler mussten von oben an der Reihe nach übersetzen und da jedesmal nur zwei, höchstens drei drankamen und er niemals ausser der Reihe fragte, so hatte man gut Zeit unter dem Tisch Heine oder Immermann zu lesen, oder irgend eine andere Arbeit zu erledigen. Schiller war als niederdeutscher Sprachforscher nicht unbedeutend und seine Arbeiten »Zum Thier- und Kräuterbuche des mecklenburgischen Volkes« und zum »Niederdeutschen Wörterbuch« haben den Beifall der Kenner gefunden. Als Lehrer stand er aber nicht auf der Höhe, wie das  oft bei Gelehrten der Fall ist. In Tertia hatten wir eine Stunde Deutsch, die dadurch ausgefüllt wurde, dass von den Schülern der Reihe nach Gedichte aufgesagt wurden, während der Lehrer auf dem Katheder sass und Aufsätze korrigirte, wobei er weder sah noch hörte. Darauf baute mein Freund Fritz Jenning seinen Plan, als er es wagte, das berühmte Gedicht aus den »Musenklängen aus Deutschlands Leierkasten« zu deklamiren, dessen erste Strophe lautet:

»Hinan, hinan zum sprossenreichen Spiegel,
Zum flüss’gen Dolch, der bunte Schatten theilt,
Hinan, hinan, mit grinsend mattem Zügel,
Bis ihr das Ziel Thermopylae ereilt!«

und das weiterhin die wunderschöne Stelle enthält:

»Wo Chinas Vögel sich mit Anemonen gatten
Stürzt ein Koloss in Weltenblüthenstaub.«

Ohne eine Miene zu verziehen, korrigirte der Doktor bei diesem Attentat seine Aufsätze weiter, doch mochte es ihm aus diesen Versen doch wohl etwas exotisch  angeweht haben, denn er fragte am Schluss: »Von wem ist das?«

»Von Chamisso!« antwortete Fritz Jenning mit unerschütterlicher Frechheit.

»Gut, setz‘ dich!«

Ich selber, der, wenn es mir Spass machte, auch arbeiten konnte, lernte einmal für diese Stunde die sechsundvierzig siebenzeiligen Strophen des Lichtenbergschen Gedichtes über die Belagerung von Gibraltar in einem Nachmittag auswendig, weil mir diese burlesken Verse ungemein gefielen und trug sie dann ohne Anstoss vor. Der Beiname dieses Lehrers war Gagus, weil in seiner breiten mecklenburgischen Aussprache der lateinische Eigenname Cajus diese Form annahm. Seine Frau hiess in Folge dessen Gaga, sein Sohn Gagulus und seine Tochter Gagula. Gagulus, mein Mitschüler, ist nachher ein sehr tüchtiger Offizier und Prinzeninstruktor am mecklenburgischen Hofe geworden.

Gagus selber hatte mässigen Schülern  gegenüber einige Redensarten an sich, die er oft wiederholte. Die eine lautete: »Der Jung‘ muss aufs Schiff, muss was mit’n Enn’butt (Tauende) haben!« Er hätte übrigens als niederdeutscher Sprachforscher wissen müssen, das es »Buttenn’« heisst. Die zweite hiess: »Der Jung‘ muss Grobschmidt werden!«

Seltsamer Weise haben mein Bruder Werner und ich, die wir beide solche Redensarten oft genug zu hören bekamen, diese Rathschläge genau befolgt, denn mein Bruder wurde Seemann und ich habe später, als ich in der Fabrik arbeitete, oft genug am Ambos gestanden, denn schmieden war meine Passion.

Das Schweriner Gymnasium befand sich damals noch in den Räumen des alten Klosters, das an den Dom angebaut ist. Der eine Flügel enthielt die Klassenzimmer, der andere die Aula, die früher als Refektorium diente, und die Wohnung des  Schuldieners. Verbunden waren beide Gebäude durch einen Kreuzgang und dazwischen lag der alte Klosterhof, der in den Zwischenstunden als Spielplatz diente. Obwohl ich nun in diesem düstern Ziegelbau wenig Gutes erlebt habe, so hängt mein Herz doch noch ein wenig an ihm, wie an allen Stätten meiner trotz alledem glücklichen Kindheit. Oftmals noch wandre ich im Geist durch den kühlen gewölbten Kreuzgang und höre dann das Kläffen der Dohlen, die in den zahlreichen Rüstlöchern des Domes ihre Nester haben, und das unablässige Schreien der Thurmschwalben. Auch sehe ich mich dann jedes Mal selber, wie ich ein hagerer, langaufgeschossener Junge am Schluss der Schule als der erste in ungeheuren Sätzen die alten ausgetretenen Holztreppen hinabgedonnert komme, um froh der gewonnenen Freiheit schleunigst um die Ecke zu verschwinden.

In diesem alten Kreuzgange traten wir auch an, wenn es im Sommer an jedem  Mittwoch oder Sonnabend um vier Uhr hinausging zum Turnplatz. An das Turnen knüpfen sich meine fröhlichsten Schulerinnerungen, denn an die vier Fächer, in denen ich etwas leistete: Deutsch, Mathematik, Geographie und Singen reihte sich als fünftes und bestes das Turnen an, eine Zusammenstellung übrigens, die jedem richtigen Schulmanne ein mitleidig verächtliches Lächeln auf die Lippen nöthigen muss. Der sehr grosse, zum Theil mit alten Bäumen bestandene Turnplatz liegt eine halbe Stunde vor der Stadt auf dem Schelf-Werder, einer hügelreichen bewaldeten Halbinsel zwischen dem grossen und dem Ziegelsee und wir zogen hinaus mit fliegenden Fahnen und Gesang. Besonders beliebt waren zwei Lieder, nach denen es sich gut marschiren liess: »Die Hussiten zogen vor Naumburg« und das alte Volkslied: »Es war einmal ein Mädchen, das hatt‘ zwei Knaben lieb!« Diese wurden fast jedesmal gesungen.

Das Turnwesen war eigenthümlich  organisirt auf dem Schweriner Gymnasium und ganz den Schülern überlassen, ohne dass sich die Lehrerschaft viel hineinmischte. Der Turnrath erwählte aus sich den Turnwart, der das Ganze leitete und von den jüngeren Schülern als eine Art Halbgott betrachtet wurde. Denn an Macht stand er einem Lehrer gleich und da man selbstverständlich immer eine möglichst energische Persönlichkeit für diesen verantwortungsvollen Posten wählte, so genoss er weit mehr Respekt als wessen sich die meisten Lehrer rühmen konnten. Zwar war immer einer von diesen zur Beaufsichtigung abgeordnet, allein der zog es meist vor, in dem benachbarten Wald-Wirthshaus des Henn Duve die schöne Luft zu geniessen und dazu Kaffee zu trinken. Er zeigte sich meist nur auf wenige Augenblicke, um mit wohlwollendem Lächeln Alles in Ordnung zu finden. Die Turnsache gedieh übrigens bei dieser Einrichtung und es war ein frischer Zug in dem Ganzen. Ausserdem war noch ein  Turnlehrer vorhanden, ein früherer Unteroffizier, der die Freiübungen leitete, sonst aber nur einen berathenden Einfluss ausübte.

Ging das offizielle Turnen gegen sechs Uhr zu Ende, so kündigte sich das durch den Ausruf an: »Dor kümmt Tesch mit‘ e Kanon‘!« Man sah dann auf der Chaussee einen kleinen grauhaarigen Mann, den Schuldiener heranwurzeln, der auf einem kleinen Wagen ein Fass hinter sich her zog. Dies enthielt Wasser, denn solches war auf dem Turnplatze nicht vorhanden und musste aus dem benachbarten Forsthofe herbeigeschafft werden. War nun diese Wasser-Kanone auf dem Turnplatz angelangt und nach Schluss der ersten Abtheilung die allgemeine Tränkung beendet, so folgten darauf gemeinsame Spiele, Kürturnen und dergleichen und gegen Abend zog man mit fröhlichem Gesange wieder nach Hause. Der Schluss des Turnens fand jedesmal am 18. Oktober statt und dieser wurde bald für mich der  glänzendste und ruhmreichste Tag im Jahre. Denn bald gelang es mir, einen der acht Eichenkränze zu erringen, die beim Wettturnen an die besten vertheilt wurden und dann erhielt ich vier Jahre hindurch den zweiten. An den ersten konnte ich trotz vieler Uebung und harten Kampfes nicht gelangen, denn einer meiner Mitschüler Daniel mit Namen konnte immer noch ein kleines bischen mehr als ich. Zu diesem Feste zog man ebenso wie bei der Eröffnung des Turnens mit dem grossen Banner, und mit Militairmusik aus und den Abschluss bildete die feierliche Vertheilung der acht Eichenkränze und die Entzündung eines mächtigen Scheiterhaufens aus Holz und Theertonnen, wozu der Turnwart eine Rede hielt und patriotische Lieder gesungen wurden. Dann zogen wir mit Musik nach Hause, voran gleich hinter dem Banner die acht Sieger, die ihre mächtigen Kränze wie Schärpen umgehängt trugen. In der Stadt befanden sich trotz der Dunkelheit viele Leute und  alle grossen und kleinen Mädchen an den Fenstern und lächelten gar lieblich und winkten mit Taschentüchern.

In jedem Jahre wurde von den jüngeren Schülern eine kleine eintägige, von den älteren eine grosse Turnfahrt unternommen, die drei bis vier Tage dauerte. An einer grossen Turnfahrt habe ich nur einmal zu Beginn meines fünfzehnten Jahres Theil genommen und diese ist mir dadurch bemerkenswert geblieben, weil sie meine erste Reise war, die in’s Ausland führte. Denn in Mecklenburg nannte man und nennt man vielleicht noch jetzt Alles Ausland, was nicht Mecklenburg selber ist. Ich berührte auf dieser Fahrt sogar zwei Ausländer, nämlich Lauenburg und Lübeck, strenge genommen sogar drei, da das Fürstenthum Ratzeburg zu Mecklenburg-Strelitz gehört. Doch dies zum Ausland zu rechnen, soweit gehen, glaube ich, meine Landsleute von der strengsten Observanz nicht. Sie sagen höchstens von einem, der dort geboren ist: »Er ist nur  ein Strelitzer«, weil Mecklenburg-Strelitz doch nur ein so kleines Land ist.

Wir marschirten am ersten Nachmittage bis zu der über drei Meilen entfernten Stadt Gadebusch, wobei wir natürlich nicht unterliessen, bei Rosenberg das Denkmal zu besuchen, das die Stelle bezeichnet, wo Theodor Körner gefallen ist. Von Gadebusch wanderten wir am anderen Tage nach Ratzeburg und fuhren von dort mit der Bahn nach Lübeck. Die schönen, mittelalterlichen Bauten dieser freundlichen alten Hansastadt machten mir damals wenig Eindruck, dass ich aber am Abend in dem berühmten Rathskeller sass vor einer veritablen halben Flasche Rheinwein, dass ich diese saure Flüssigkeit mit männlicher Gelassenheit vertilgte, ohne dass meine stille Besorgniss sich erfüllte, ich würde nun einen sogenannten Rausch bekommen, das war eine Erinnerung für’s Leben. Am nächsten Tage fuhren wir mit einem Dampfer nach Travemünde und wanderten an der Ostsee entlang über Schwansee  und Klütz nach Schloss Bothmer, wo der Graf uns eingeladen hatte. Schloss Bothmer ist ein sonderbares rothes weitläuftiges Gebäude aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts und liegt in einem Wiesengrunde. Schloss und Park sind umgeben von einem breiten Wallgraben, den eine Allee von hohen Linden begleitet, eine launenhafte Anlage wie so manche aus jener Zeit. Wir wurden dort gut aufgenommen und im Garten waren grosse Tafeln für uns gedeckt. Zur Nacht schliefen wir auf Streu in einer mächtigen bedeckten Reitbahn. Der nächste Tag war der unergiebigste der Reise, wir wühlten uns durch unendlichen Sand auf Wismar zu und fuhren von dort mit der Bahn nach Hause.

Da mir nun in der Schule wenig Glück blühte, so war es natürlich, dass ich mir anderweitige Beschäftigungen suchte und dazu bot die herrliche Umgegend Schwerins die beste Gelegenheit. Diese Stadt liegt  in einer echt norddeutschen Landschaft, deren Schönheit hauptsächlich beruht auf dem Reichthum an Wasser, bewaldeten Hügeln und grünen von gewundenen Bächen durchströmten Wiesenthälern. Der sogenannte »Grosse See«, an dem Schwerin liegt, erstreckt sich von Süden nach Norden in einer Länge von zweiundzwanzig Kilometern und ist bei der Stadt fast sechs Kilometer breit. Ausserdem liegen in unmittelbarer Nähe der Stadt und zum Theil in ihr, noch acht andere grössere und kleinere Seen, so dass überall, wohin man sich nur wendet, Wasserflächen aufblitzen, bald umrahmt von schönen stattlichen Bauwerken, bald von Gärten und Anlagen, bald von hohen bewaldeten Ufern oder wallenden Kornfeldern. Charakteristisch für den grossen Schweriner See, wie für viele dieser in den Diluvialmergel eingegrabenen Gletscher-Erosions-Seen sind die steil abfallenden Uferböschungen, die stellenweise, wie bei dem Grossherzoglichen Mustergut Raben-Steinfeld  sich bis zu dreiunddreissig Metern über den Seespiegeln erheben und meistens mit schön gemischtem Walde bestanden sind. In der Nähe dieses Schwerin gegenüberliegenden Gutes hat dieses steile Ufer einen gebirgsähnlichen Charakter, rieselnde Quellen entspringen aus ihm und Pflanzen kommen dort vor, die im Gebirge wohl häufig sind aber in Mecklenburg nur wenige Standorte haben, wie z. B. Akelei und gelber Fingerhut und sonst viele im Lande seltene Gewächse. Der schmale, durchschnittlich kaum einen Kilometer breite Höhenrücken, auf dem Raben-Steinfeld liegt, trennt den Grossen See vom benachbarten Pinnower See und ist auch dadurch interessant, dass er eine sehr ausgesprochene Wasserscheide bildet. Denn der Grosse See fliesst durch Stör, Elde und Elbe in die Nordsee ab, während der so nahe, aber zehn Meter tiefer gelegene Pinnower See seinen Ueberschuss an die nicht weit davon vorüberfliessende Warnow und somit an die Ostsee spendet.  Zugleich aber hat der Grosse See die Eigentümlichkeit, durch den an seiner Nordspitze entspringenden Wallensteingraben, der eine Menge von Mühlen treibt, ausserdem noch an die nur vierzehn Kilometer entfernte Ostsee abzufliessen, so dass er zwei Meeren seinen Tribut zahlt.

Der etwa acht Kilometer von Schwerin gelegene, zur Hälfte von schönem Buchenwald umgebene und mit zwei kleinen Inseln gezierte Pinnower See gilt mit Recht als eine landschaftliche Perle der Schweriner Umgegend und ist ein beliebtes Ziel für Ausflüge. An seinem Ufer der bewaldeten Seite gegenüber liegen zwei Dörfer, Pinnow und Grodern. Als ich vor etwa zwölf Jahren den trefflichen mecklenburgischen Landschafter Malchin besuchte, der sich für den Sommer in Godern festgesetzt hatte, einem Dorfe mit lauter uralten bemoosten Strohdächern, da sagte er mir: »Zehn Jahre kann ich malen, ehe ich alle die Motive aufgebraucht habe, die es hier giebt«.  Ich habe meine Schilderung der Schweriner Umgegend an diesem entfernteren Punkte begonnen, weil sich hier dieses echt norddeutsche Landschaftsbild am schönsten darstellt. Wer die Umgegend von Potsdam kennt, kann sich von dem Anblick der sich von der Raben-Steinfelder Höhe auf den Grossen See, auf seine bewaldeten dämmernden Uferbuchten und auf das ferne thurmreiche Schwerin gegenüber schon vorstellen, nur muss er sich Alles etwas grossartiger, die Wasserflächen mächtiger und den Laubwald üppiger denken.

Zwischen Schwerin und Raben-Steinfeld liegen in diesem südlichen Theile des Grossen Sees zwei ziemlich gleich grosse Inseln. Die eine der Ziegelwerder wird fast ganz beackert und ist ziemlich flach, die andere dagegen, der Kaninchenwerder, ist hügelig und zum grössten Theil bewaldet, und bildet einen sehr beliebten Vergnügungsort für die Schweriner. Man findet dort uralte Dornbüsche, die sich zu  stattlichen Bäumen ausgewachsen haben, ausserordentlich viele wilde Obstbäume und Haselnusshorste von riesenhafter Grösse, deren einzelne Stämme über einen Fuss im Durchmesser haben, wilde Rosen, die zum Theil bis hoch in die Baumwipfel gestiegen sind und Brombeeren von seltener Fülle und Ueppigkeit. Es war der Traum meiner Jugend und ist noch jetzt der Traum meines beginnenden Alters, diese Insel ganz für mich allein zu besitzen und in friedlicher Stille in diesem kleinen Paradiese zu hausen.

Eine weitere Merkwürdigkeit dieses Ortes bilden die unzähligen Weinbergsschnecken, die seine dichten Gebüsche bevölkern und sich ungestört vermehren, weil sie bei uns nicht gegessen werden. Das war aber einmal anders, als während des grossen Krieges eine Anzahl von französischen Kriegsgefangenen dort internirt wurde. Diese sahen kaum die unzähligen Delikatessen, die von den nordischen Barbaren verachtet, dort massenweise  umherkrochen, als sie mit Jauchzen sich auf sie stürzten und sich mit Hingebung ihrer Vertilgung widmeten. Sie durchsuchten nach ihnen die dichtesten Gebüsche und es dauerte nicht lange, da waren diese friedlichen Hausbesitzer bis auf den letzten in den Mägen der schleckerhaften Fremdlinge verschwunden. Als ich zwölf Jahre später im Jahre 1882 einmal wieder dorthin kam, war von diesem grossen Morden allerdings nichts mehr zu bemerken, denn aus den vor dieser Katastrophe abgelegten Eiern waren ungezählte neue Schnecken entstanden und hatten sich nach Abzug der Franzosen wieder so vermehrt, dass ein Abgang nicht mehr zu spüren war.

Von dieser Insel hat man überall die reizendsten Ausblicke, nach Norden auf den ferne dämmernden Paulsdamm, der den Grossen See ohngefähr in der Mitte seiner Länge durchschneidet und mit seinen Chausseebäumen von hier wie eine blaue Linie mit Punkten darüber erscheint,  sowie auf die Buchenhügel des Schelfwerders. Im Osten zeigt sich das hohe bewaldete Ufer von Görslow und Raben-Steinfeld, im Süden das an der Spitze des Sees gelegene freundliche Zippendorf mit schimmernden Villen und dahinter ansteigenden bewaldeten Höhen, und im Westen neben den herrlichen Anlagen des weitausgedehnten Schlossgartens das prachtvolle fünfthürmige Schloss mit goldener Kuppel und vielgegliedertem Dach, und weiterhin die giebelreiche Stadt selbst, überragt von dem stattlichen Dom und geziert mit schlanken Thürmen. Ein herrlicher Anblick, wenn an einem stillen schönen Sommerabend hinter der Stadt die Sonne untergeht und die dunklen Thürme, Giebel und Zinnen mit Glorienschein umsäumt, während diese ganze Pracht sich im glatten See wiederspiegelt. Ich genoss dieses Schauspiel einmal als junger Mann, während ich mit meiner Schwester auf dem Stege stand und auf das Dampfschiff wartete. Der  Eindruck war mir unvergesslich und nicht lange hernach entstand aus diesem landschaftlichen Motive eine der ersten meiner kleinen Erzählungen »Sonnenuntergang«, enthalten in Bd. IV meiner gesammelten Schriften.

Damals freilich, als ich noch in Schwerin das Gymnasium besuchte, bestand noch keine Dampfschiffsverbindung und man konnte die liebliche Insel nur zu Boot oder Kahn besuchen. Dafür war aber auch Alles dort damals frischer und ursprünglicher und weniger abgetreten.

Was nun Schwerin selbst betrifft, so ist es eine freundliche Garten- und Wasserreiche Stadt mit zum Theil sehr schönen öffentlichen Gebäuden, unter denen das grossherzogliche Schloss, herrlich auf einer kleinen Insel zwischen dem Burgsee und dem Grossen See gelegen, bekanntlich weltberühmt ist. Die wundervollen Anlagen des Schlossgartens erstrecken sich weithin und gehen stellenweise in wirklichen Wald über. Das am meisten besuchte  Gehölz bei Schwerin aber ist der schon erwähnte, rings von Wasser umgebene hügelreiche Schelfwerder, der abwechselnd mit Eichen, Buchen, Fichten und Erlen bestanden ist und weiterhin in eine moorige Niederung übergeht, auch zuweilen von anmuthigen Waldwiesen unterbrochen wird. Auf den Wegen, die dieses anmuthige Gehölz in allen Richtungen durchschlängeln, war ich besser zu Hause als in den Irrgängen der lateinischen Grammatik.

Dass in einer also beschaffenen Umgegend sich ein reiches Vogelleben entwickelt, ist selbstverständlich und damals war das noch in viel höherem Maasse der Fall als jetzt. Das gemeine schwarze Wasserhuhn, dort Zappe und in der Mark Lieze genannt, bevölkerte in Schaaren die Seen und überall sah man die schnurrigen Haubentaucher schwimmen und tauchen. Diese beiden Vögel legten ihre Nester oft so nahe bei menschlichem Verkehr an, dass man von der hochgelegenen Promenade  hineinsehen und die Eier erkennen konnte. Noch jetzt tönt mir das unablässige, knarrende Greschwätz der Rohrsänger im Ohre, die in den grossen Rohrbreiten der Seeufer zu Tausenden wohnten und im Frühling oft die ganze Nacht hindurch thätig waren; damals nistete noch in dem einsamen Ramper Moore, das sich halbinselartig in den Grossen See erstreckt, der scheue Kranich und die im nördlichen Theile des Sees gelegene kleine Insel »die Goldburg« war berühmt als Brutort für allerlei Wasservögel, Möven, Strandläufer, Enten und wilde Gänse. Das ist nun aber Alles längst dahin, denn später wurde bei dem benachbarten Orte Wickendorf eine Cementfabrik errichtet, für die auf dem Ramper Moor und auf der Goldburg nach Wiesenkalk gegraben wurde, wodurch die Ansiedlungen dieser scheuen Vögel verschwanden.

Am reichsten an Singvögeln aber war ein eingehegter und besonders gepflegter Theil des Schlossgartens, der sogenannte  Grüngarten, erfüllt von prächtigen Rasenplätzen, Blumen- und Gebüschgruppen und laubigen von Wein übersponnenen Gängen. Dort war an schönen Frühlingsmorgen oder Abenden das vereinte Gesinge der Nachtigallen, Grasmücken, Rothkehlchen, Laubvögel, Buchfinken und anderer kleiner Musikanten geradezu betäubend.

Doch nicht allein die schöne Jahreszeit, sondern auch der Winter zeichnete sich durch ein reiches Vogelleben aus. Zahlreiche Schaaren von verschiedenen Meisen, untermischt mit Spechtmeisen, Baumläufern und Goldhähnchen durchzogen dann mit leisem, lockenden »Sit sit« die Umgebung und die Gärten der Stadt, der Zaunkönig liess seinen hellen Gesang erschallen trotz Winterfrost und Schnee, auf den Landstrassen liefen in Menge die Goldammern und Haubenlerchen herum und zuweilen wohl sah man auch den grossen Würger, wie er von einem Baumwipfel aus auf Raub spähte. Wurde der Winter strenger und  fror der Grosse See zu, so zeigten sich im Schlossgarten an einer Stelle, wo durch einen kleinen Fall das Wasser offen blieb, die seltsamen, edelsteinglänzenden Eisvögel und betrieben ihren Fischfang, indem sie sich von einem Zweige aus kopfüber in’s Wasser stürzten. Es kamen auch wohl in Schaaren aus dem hohen Norden die bunten Seidenschwänze oder die niedlichen rothköpfigen Birkenzeisige und brachten Leben in die schneebedeckten Baumzweige, von denen sie sich so anmuthig abhoben. Auf dem Grossen See aber war dann ein gewaltiges Treiben, denn auf verschiedenen Untiefen, deren Wasser sie durch Schwimmen offen hielten, fanden sich ungezählte Schaaren von nordischen Enten ein, Schellenten, Bergenten, Reiherenten und andere, die sich, wenn man ihnen auf dem Eise zu nahe kam mit donnerndem Fluge in ganzen Wolken erhoben, um eine andere offene Stelle aufzusuchen. Zugleich aber erschien dann auch der mächtige weissschwänzige Seeadler,  der zwei und ein viertel Meter klaftert, und holte sich von Zeit zu Zeit einen Braten aus der auseinander stäubenden Schaar.

In diesem papiernen Zeitalter hat nun wohl fast jeder Knabe ohne Ausnahme eine Briefmarkensammlung oder hat doch einmal eine gehabt, das Sammeln von Naturgegenständen ist aber gegen früher sehr in Rückstand gekommen. Damals gab es jenen öden Sport noch nicht und die Knaben sammelten viel häufiger als jetzt Vogeleier, Schmetterlinge, Käfer, Muscheln, Pflanzen, Steine und dergleichen. Das Eiersammeln will ich in dieser Zeit, wo die Vogelwelt bei uns von Jahr zu Jahr mehr abnimmt, nicht befürworten, es ist ja auch, Gott sei Dank, verboten, doch muss ich bekennen, dass es für mich die Brücke gebildet hat zu einer etwas intimeren Kenntniss der Natur als sie gewöhnlich ist, so dass ich mir im Laufe der Zeit durch unausgesetzte Beobachtung und fleissiges Nachlesen im Naumann und  anderen Büchern eine gewisse Kenntniss der einheimischen Vogelwelt erworben habe, besonders der Insektenfresser, die von jeher meine Lieblinge waren. Da ich auch hier, wie in fast allen Dingen, die ich in meinem Leben gelernt habe, auf mich allein angewiesen war, so hat es oft viele Jahre gedauert bis es mir gelang nach Lockruf, Gesang oder Aussehen die Art eines Vogels zu bestimmen, dann aber sass es auch fest.

Ich habe als Knabe wohl viel und gern Vogelnester gesucht, ein Nesträuber aber bin ich nie gewesen und die Eier meiner kleinen Sammlung verschaffte ich mir meist durch Tausch oder Kauf oder erhielt sie geschenkt; diese Neigung hat auch nicht lange angehalten und machte bald dem Sammeln von Schmetterlingen Platz. Dazu wurde ich, wie ich denke, angeregt durch meinen Mitschüler Adolf von Buchwald, einen stillen sinnigen Knaben, der in der Schule neben mir sass, was nach dem Voraufgegangenen  seine Qualität als Schüler genügend kennzeichnet. Aber zwischen den Schmetterlingen wusste er Bescheid und hatte trotz seines jugendlichen Alters wohl eine der besten Sammlungen im Lande. Er kannte alle Flugstellen und Fundorte in weitem Umkreis und tauschte sich für einige unscheinbare aber anderswo sehr seltene Schmetterlingsarten, die er massenhaft fing oder aus den Puppen zog, aus ganz Deutschland Seltenheiten ein. Er nahm mich einst mit auf einen seiner Ausflüge, und da imponirte es meiner jugendlichen Unerfahrenheit sehr, wie planvoll und zielsicher er vorging und mit welcher Genauigkeit er voraussagte: dort werden wir das und dort das finden. Ich bekam zum ersten Male einen Begriff davon, wie ein wirklicher Kenner vorgeht, während es bei mir, wenn ich auszog, eine Glückssache war und ich nehmen musste, was der Zufall vor mein Netz führte. Dieser gute stille Mensch ist nun auch schon lange nicht mehr. Er wurde  Landwirth und ging dann später nach dem Westen von Südamerika. Dort ist er bei Gelegenheit eines Aufstandes erschlagen worden.

Obwohl ich nun längere Zeit mit Eifer mich den Schmetterlingen widmete, so habe ich es doch zu keiner nennenswerthen Sammlung gebracht, wie ich denn überhaupt zum Sammler nicht geboren bin. Noch heute, wo ich seit längerer Zeit meine Neigung dem Aufspeichern von Büchern zugewendet habe, allerdings auch wieder, ohne darin etwas Besonderes zu leisten, bringe ich es über mich, eine oder die andere besondere Seltenheit, die mir durch Zufall in die Hände fällt, zu verschenken und freue mich dann, dass ich das kann, und dass der Sammelteufel mich noch nicht in seinen Klauen hat.

So zersplitterte sich denn auch schliesslich meine kleine Sammlung durch Vertauschen und Verschenken, die buntesten Schmetterlinge aber steckte ich in eine Spahnschachtel zusammen und verkaufte  sie an Herrn Jakobsohn für 10 Schillinge (62 ½ Pfennige), was ich für einen sehr stattlichen Preis hielt. Herr Jakobsohn war ein kleiner merkwürdiger Mann mit einem Vogelgesicht, über das sich die höchst seltsam gebaute mächtige Kuppel eines wie Elfenbein glänzenden, fast haarlosen Schädels wölbte. Die Erscheinung war so seltsam, dass sich die Sage gebildet hatte, er habe seinen Kopf, natürlich erst nach dem Tode lieferbar, für hundert Thaler an die Berliner Anatomie verkauft. Er war, wenn ich nicht irre, aus Berlin in unsere Stadt gekommen, um hier als Maler und Zeichenlehrer sein Brod zu essen. Da er nun aber wegen einer älteren wohlangesehenen Konkurrenz wenig Schüler erhielt und auch mit seinen Bildern, obwohl er nicht ohne Talent war, nicht viel verdiente, so hatte er ausserdem einen kleinen Laden eingerichtet, wo er mit Zeichenmaterialien und Naturalien handelte. Wie er auf Naturalien, wovon er garnichts verstand, verfallen war, weiss  ich nicht, jedenfalls war der Laden, wo allerlei ausgestopfte Vögel und andere Thiere, Schmetterlinge, Käfer, Vogeleier, glänzende Mineralien und farbige Muscheln zu sehen waren, für mich immer sehr interessant. Er ging bei seinen Ein- und Verkäufen meist nach dem Aussehen und es passirte ihm, dass er für ein recht buntes Ei eines ganz gemeinen Vogels mehr gab oder forderte, als für ein weisses von einem sehr seltenen. Auch liebte er hochtrabende Namen. Ein Freund von mir, der Geschick zum Ausstopfen hatte, verkaufte ihm einmal eine einheimische ausgestopfte Spitzmaus, die bald darauf zu sehen war mit der stolzen Bezeichnung: »Spitzmaus von der Wolga«. Ein jugendlicher Betrüger hatte darauf bauend ihm eine in Spiritus eingemachte Ringelnatter mit der Etiquette »Boa israelitica« angeschmiert und unter dieser Bezeichnung stand sie in ihrem Glashafen lange in dem Laden und gehörte zu den unverkäuflichen Gegenständen.  Herr Jakobsohn malte damals Stillleben und hatte auf einer Ausstellung ein solches Bild, das in der Hauptsache aus ziemlich viel schmieriger Wurst bestand. Der König von Preussen besuchte damals zufällig Schwerin, sah dies Bild und sollte eine missbilligende Bemerkung über die Unappetitlichkeit dieses Frühstücks gemacht haben. Das sprach sich herum und kränkte Herrn Jakobsohn tief. Er machte eine Eingabe, setzte alle Hebel in Bewegung, und erreichte es, dass der König zur Herstellung gekränkter Künstlerehre bei ihm ein Stillleben bestellte und zwar ein Karlsbader Frühstück, das sehr reinlich nur aus Weissbrod und Kaffee besteht. Er liess sich nun als Modell Karlsbader Stangen-Gebäck und dergleichen kommen und malte dazu schönes Porzellangeschirr auf einem Präsentirbrett mit grossem Eifer. Als er fertig war, stellte er das Bild aus in seiner Wohnung und forderte in der Zeitung Jedermann auf, das vom König von Preussen bei ihm bestellte Stillleben zu  besichtigen. Ich ging auch hin und fand das Bild sehr sauber und schön. Dies ist, wie ich glaube, meine erste Berührung mit der Kunst.

Erst später hat Herr Jakobsohn seinen eigentlichen Beruf entdeckt, als er darauf kam einen Klosterhof mit Schnee zu malen, der gefiel und bald verkauft wurde. Er hat dann immerfort Klosterhöfe mit Schnee gemalt, immer dasselbe mit kleinen Variationen, rothes Gemäuer, weissen Schnee und violette Luft. Als ich viel später nach Berlin kam, sind mir von ihm in mehreren Ausstellungen hintereinander noch solche Bilder begegnet.

Von den Schmetterlingen, den leichten und luftigen Wesen verfiel ich, wohl nach dem Gesetz des Kontrastes auf die Steine, durch welche Anregung weiss ich nicht mehr.

Obwohl nun in Mecklenburg anstehendes Gebirge kaum vorhanden ist mit Ausnahme  des Gypses bei Lübtheen, des Pläners bei Dietrichshagen an der Ostsee und der Kreide an verschiedenen Orten, sowie des berühmten Sternberger Kuchens, der aber, obwohl einheimisch, nicht mehr an seiner ursprünglichen Lagerstätte gefunden wird, so ist das Land doch ungemein steinreich durch die riesigen Massen der nordischen Gerölle, Geschiebe und Findlingsblöcke, die an manchen Orten so mächtig und häufig sind, dass sie der Gegend einen Gebirgscharakter verleihen. Obwohl nun seit Menschengedenken daraus Kirchen, Scheunen, Häuser, Strassen und Chausseen gebaut worden sind, so ist in den reicher bedachten Gegenden doch noch kaum eine Abnahme zu spüren, alle Gärten und Felder sind dort mit zum Theil uralten Steinmauern eingezäunt, viele frühere Wasserlöcher sind mit den vom Felde beseitigten bis zum Rande angefüllt und an wüsten Plätzen liegen sie zu mächtigen Haufen gestapelt. Auch Versteinerungen werden im Lande in Menge gefunden.  Ich betrieb auch diese Sache natürlich in knabenhafter Weise und glaubte oft Schätze zu besitzen, wo ich nur Werthloses eingesammelt hatte. Insbesondere als ich erfuhr, dass man in Gneiss und Granit oft Granaten eingesprengt findet, begann ich alle Chausseesteinhaufen nach solchen Steinen zu durchsuchen, die ich für sehr werthvoll hielt, obwohl diese dunkel rothbraune undurchsichtige Sorte von Granaten garnicht geschätzt wird. An einer Stelle, wo man Steine gesprengt hatte, fand ich auch eine Menge von Gneissstücken, die von Granaten roth punktirt oder zuweilen mit ausgebildeten kleinen Kristallen besetzt waren. Ich schleppte Alles nach Hause obwohl ich mehrmals desswegen gehen musste. Später entdeckte ich bei einem meiner Onkel auf dem Lande, dass in dem Fundamente seines neuen Schweinehauses eine grosse Anzahl von Granitblöcken vermauert waren, die sich ganz gespickt zeigten mit Granaten bis zur Kartoffelgrösse. Mir erschienen dies  sehr pomphafte Untermauerungen für ein Bauwerk, das so niederen Zwecken diente, und wie oft habe ich davor gestanden, nachgrübelnd, wie ich wohl an diese Schätze gelangen könnte. Der grosse Garten desselben Landgutes war von einer Feldsteinmauer eingefasst und dort fand ich damals ein wohl acht Pfund schweres Stück Granit, das ziemlich grosse Bergkristalle enthielt. Das war natürlich eine grosse Kostbarkeit für mich und ich schleppte den Stein über vier Meilen weit im Tornister nach Hause, obwohl mir seine scharfe Kante den Rücken wund rieb. Diese Leidenschaft ging aber schliesslich vorüber wie alle anderen und die Steine wurden später gegen Muscheln allmählich umgetauscht. Jedoch kann ich noch heute nicht an einem Haufen geklopfter Chausseesteine vorübergehen, ohne ihn prüfend zu mustern.  Der Zusammenhang mit dem Landleben wurde in dieser ganzen Zeit nicht unterbrochen. Meine Grossmutter hatte, als sie von Pogress fortzog, das ziemlich grosse und sehr fruchtbare Gut Bredentin bei Güstrow gepachtet und dorthin zog die ganze Familie in den Hundstagsferien. Der älteste Sohn meiner Grossmutter, Adolf Römer, ein Junggeselle, bewirthschaftete das Gut und ausserdem lebte dort Tante Luise, die jüngste Schwester meiner Mutter. Mein Onkel war ein grosser und sehr starker Mann von strenger und harter Gemüthsart und unterschied sich dadurch und durch sein Aussehen von seinen anderen drei Brüdern, mit deren keinem er eine Aehnlichkeit besass. Er sah aus, wie er hiess, nämlich wie ein alter Römer. Sein mächtig gewölbter Schädel war ganz blank und nur von einem schmalen Kranze heller Haare umgeben. In dem glatt rasirten Gesichte standen über einer stark gebogenen Nase zwei hellgraue scharfe Augen und der festgeschlossene, einem  Spalte gleichende Mund öffnete sich gern zu tadelnden, spöttischen oder ironischen Bemerkungen. Abgesehen von der Fülle seines Leibes war Alles scharf an ihm. Das mochte wohl seinen Grund mit in einer harten Jugenderziehung gehabt haben. Er war bei einem sehr strengen Prediger in Pension gewesen, wo die einzige Erholung von der Schule in angestrengter Gartenarbeit bestanden hatte, und zur Ermunterung der Stock nicht geschont worden war. Kein Wunder, dass mein zum Träumen und Nichtsthun geneigtes Wesen ihm aufs Aeusserste missfiel, und ich ihm ebenfalls sorgfältig aus dem Wege ging. Er war ein sehr schneidiger Mann, stand unglaublich früh auf und war den ganzen Tag in seiner grossen Wirthschaft thätig. Da er sich oft lange Zeit, wegen der hohen Ansprüche, die er machte und die nicht jeder zu erfüllen die Fähigkeit oder Neigung hatte, ohne Inspektor oder Lehrlinge behalf, so kann ein Kenner landwirthschaftlicher Verhältnisse sich schon vorstellen,  was er auf einem Gute von nahezu 2000 Morgen schweren Bodens zu thun hatte. In schroffem Gegensatz zu seinem ganzen Wesen stand eine kleine Schwäche für Süssigkeiten und Kuchen, von denen er grosse Mengen verzehrte. Als er später einmal die Pariser Weltausstellung besucht hatte, brachte er viele Pfunde Praliées mit, von denen er noch lange zehrte.

Charakteristisch für ihn war folgender Zug: Wenn mein Bruder Werner und ich einmal mit ihm ausfuhren und einem von uns wurde der Hut abgeweht, so fiel es ihm garnicht ein darum anzuhalten. Konnte man mit dem glücklich wieder erlangten Hute den Wagen in schnellstem Laufe noch wieder erreichen, war es gut, sonst musste man einfach wieder nach Hause gehen.

Er war nicht ohne geistige Interessen, hielt den Kladderadatsch und die Illustrierte Zeitung und hatte für einen Landmann eine ganz stattliche Bibliothek, unter deren Büchern sich auch manche belletristische  Werke, wie die von Dickens befanden. Da aber dieser Theil seiner Bibliothek sich in einem verschlossenen Schranke befand, so konnte ich keinen Nutzen daraus ziehen, denn ihn darum zu bitten wagte ich nicht. Aber es gab dort noch manches andere zu lesen und mein erster Gang war gewöhnlich, wenn ich vor allen Dingen den Garten und den Stand der Stachelbeeren und Sommerscheiben besichtigt hatte, zu einer Kleiderkammer, wo auf einem Sims eine Menge Jahrgänge des Pfennig-Magazins, des Stammvaters aller unserer illustrierten Zeitschriften, lagen. Besonders anziehend für mich waren darin die Holzschnitt-Nachbildungen Hogarthscher Kupferstiche wie: »die Biergasse und das Brantweingässchen«, »die Wahl«, »die Punschgesellschaft«, »der Dichter in der Noth« und andere. Stundenlang konnte ich sitzen und diese Bilder betrachten, bis ich alle ihre vielen Einzelheiten fast auswendig wusste.  Auf einer Bodenkammer, wo es nach Flachs und Backobst roch, und zu der wir aus dem zuletzt genannten Grunde unsere Grossmutter sehr gern begleiteten, fanden sich eine Reihe von Kinderbüchern aus alter Zeit, die aber für mich, der sonst alles mögliche Gedruckte verschlang, fast alle ungeniessbar waren. Insonderheit »Gumal und Lina« von Lossius, ein dreibändiger Roman für Kinder, der zur Zeit unserer Grossmütter ganz aussergewöhnlich verbreitet war, widerstand allen meinen Angriffen, und ich habe dies einst berühmte Buch, obwohl ich die siebente Auflage von 1827 besitze, noch immer nicht gelesen. Da hielt ich mich lieber an das kleine Bücherbrett meiner Tante, auf dem ich eine damals viel verbreitete Anthologie aus deutschen Klassikern fand, sowie als bestes für mich eine sehr gute Ausgabe von Andersens Werken, soweit sie damals erschienen waren. Diese wurden nun jedes Jahr einmal durchgelesen. Doch das Lesen war an diesem Orte nicht die  Hauptsache. Da war erstens der grosse Garten mit seinem selbst für uns sehr leistungsfähigen Kinder unerschöpflichen Schätzen an Stachelbeeren. Die Sommerscheiben wurden gerade um diese Zeit reif und blieben, da diese Aepfel nicht sehr geschätzt wurden, ganz uns überlassen, die wir sie zu würdigen wussten. Da war der flache Hofteich, auf dem wir uns in einem grossen Wassertroge spazieren fuhren, da war die Meierei oder das Milchenhaus, wie man in Mecklenburg sagt, mit der Buttermaschine und dem kühlen saubergescheuerten Keller, in dem unzählige Milchsatten standen, denn die Milch von gegen hundert Kühen wurde dort täglich zu Butter und mächtigen Lederkäsen verarbeitet, da war auf dem Dache des Milchenhauses eine weitere Merkwürdigkeit, das Wahrzeichen von Bredentin, eine Windmühle mit fünf Flügeln, dergleichen ich nie in meinem Leben anderswo gesehen habe. Eine fernere Eigenthümlichkeit an ihr war, dass sie  ungemein viel Wind brauchte, um in Gang zu kommen und desshalb nur in stürmischen Zeiten zum Schrotmahlen benutzt werden konnte. Auf diesem Gute waren noch einige andere sozusagen prähistorische Maschinen, wie man sie jetzt wohl so primitiv nirgend mehr in Deutschland sieht. Am meisten Eindruck machte mir die Pumpe am Viehhause, die durch einen zweipferdigen Göpel getrieben wurde und die Kühe mit Wasser versorgte. Das plumpe Bauwerk mit einem Gestänge aus Holz und Eisen trug oben ein kugelförmiges Gegengewicht, womit es wie ein alter Riese mit dem Kopfe nickte und dazu ein schauriges Quietschen und dumpfes Stöhnen vollführte. Sie kam mir vor wie ein dämonisches Wesen, das einem starken Zauber gehorchend, widerwillig niedere Dienste thut. Diese Pumpe stand im sogenannten Hellergarten, der von einem riesigen mit Dornen gekrönten Reisigzaun umgeben, uns aber für gewöhnlich nicht zugänglich war. Denn dort zog mein  Onkel an den langen Südostwänden des Viehhauses und einer anderen grossen Scheune Wein, Spalierkirschen, Aprikosen und Pfirsiche. Besonders diese gediehen dort köstlich und in Menge, waren jedoch ein Obst, das zwar mein Onkel ausserordentlich schätzte, dessen er aber uns nicht für würdig hielt. In dem Viehhause, bei den Schweinen, in den geräumigen Pferdeställen trieben wir uns natürlich gern herum. Ueberall nisteten hier in Menge die zierlichen Rauchschwalben auf Balken und Vorsprüngen, erfüllten die Bäume mit Zwitschern und krausem Gesang und schossen durch Fenster und Thüren fleissig aus und ein.

Mindestens einmal in der Ferienzeit kam es vor, dass der Onkel mit einigen Leuten zum Fischen ausfuhr, denn nach seinem Prinzip, Alles auszunutzen, was sich ausnutzen liess, hatte er die vielen Teiche, oder sogenannten Sölle, die sich auf dem Felde fanden, mit Karauschen,  Schleihen und anderen Fischen besetzt. Am reichlichsten gediehen die Karauschen in dem Hofteiche, der viel Nahrung hatte. Sie hatten sich dort so vermehrt, dass ein Zug mit der Wade in dem kleinen Teiche mehrere gefüllte Eimer ergab. Da sie wegen der zu grossen Menge nur klein blieben, so wurden öfters einige Eimer voll mitgenommen, um andere Teiche damit zu besetzen. Mein Bruder und ich nahmen an solchen Fahrten natürlich mit Wonne Theil und halfen beim Ziehen des Netzes. Kamen wir dabei bis an den Bauch in’s Wasser und gingen nachher unbekümmert mit »qwutschenden« Stiefeln herum und liessen uns das Zeug auf dem Leibe wieder trocknen, so waren wir der Anerkennung des Onkels gewiss. Einmal hatte er es als eine Unmännlichkeit hingestellt, wenn Jungens überhaupt Strümpfe trügen. Das liess ich mir nicht zweimal gesagt sein und erst gegen Weihnachten, als wir schon zum Schlittschuhlaufen gingen, kam es heraus, dass ich von den  Hundstagsferien ab strumpflos in meinen Stiefeln gesteckt hatte.

Bredentin lag in keiner schönen Gegend und Wald sah man an einigen Stellen nur fern am Horizont dämmern. Nur bei dem benachbarten Gute Karow war ein kleines Gehölz und einer jener allmählich zuwachsenden Seen, der reich an Wassergeflügel sein sollte, aber dahin kamen wir nicht, weil mein Onkel dorthin keinen Verkehr hatte. Und doch war die Gegend nicht ohne Reiz, besonders an den üppigen Wiesenthälern, wo sich lange Reihen von alten Kopfweiden hinzogen und mein Onkel an passenden Stellen kleine aber dichte Gehölze von Weiden und anderen Bäumen angepflanzt hatte. Besonders war es ein Teich in der Nähe des Hofes, wo ich mich gern aufhielt. Ein fast undurchdringliches Weidendickicht umgab ihn zur Hälfte, Schilf und Rohrbomben säumten sein Ufer und ein kleines, im Sommer nur  spärlich fliessendes Wässerchen durchströmte ihn. Dort war ein Paradies der grünen Wasserfrösche, die in mächtigem Bogen in den schwarzen Teich plumpten, wenn ich mich näherte. Diese Frösche wurden von einem Könige beherrscht, der an einer stark versumpften Stelle des Teiches seine Residenz hatte. Vielleicht war es auch nur ihr Kantor, dessen tiefem Bass man aus ihren abendlichen Gesängen immer deutlich heraushören konnte, allein ich hielt ihn für den König, denn ein solches majestätisches Thier hatte ich vorher nie erblickt, habe auch nachher nie seines Gleichen gesehen. Er war mindestens doppelt so gross wie die grössten seiner Unterthanen, sah vornehm und weise aus und hatte in seinem Benehmen eine Würde, die sich zu seinem Range wohl schickte. Ich war natürlich von dem brennenden Wunsche beseelt, ihn zu besitzen und da ich gehört hatte, man könnte Frösche angeln, so machte ich mir eine Angel, deren Haken aus einer umgebogenen Stecknadel  bestand und mit einem rothen Läppchen geködert war. Als ich diese Vorrichtung dem Froschkönig vor der Nase tanzen liess, erregte sie die allerhöchste Aufmerksamkeit und Sr. Majestät geruhten gnädigst darnach zu schnappen. Ich lüftete ihn auch wirklich an der Angel etwa einen Fuss hoch, dann fiel er wieder ab und sah sehr beleidigt und verwundert aus, wie Jemand, den man in seinen innersten Gefühlen gekränkt hat. Noch einmal bewegte ich ihn zum Zuschnappen, aber wiederum vergeblich. Dann war es aus mit seinem Vertrauen und als ich nun wieder das rothe Läppchen verlockend um seine Nase tanzen liess, drehte er sich mit einer Geberde erhabener Verachtung herum und zeigte mir sein stattliches Hintertheil. Ich habe diesen Frosch viele Jahre lang gekannt und seitdem immer die Verpflichtung gefühlt ihn als das wunderbarste Geschöpf seiner Art, das mir vorgekommen ist, der Nachwelt zu überliefern. Dies ist hiermit geschehen.  Eine andere Anziehung für uns bildete der sogenannte »grosse Graben«, einer jener ungemein breiten und tiefen Entwässerungskanäle aus den Zeiten, da man die Drainage noch nicht kannte und mit grosser Landverschwendung diese mächtigen Gräben zog. Denn obwohl die eigentliche Wasserrinne die gewöhnliche Breite nicht überschritt, so lag sie doch so tief, dass wegen der schrägen Böschungen seiner Wände, der Graben an manchen Stellen zwanzig bis dreissig Fuss breit war. Im Sommer war er fast ganz wasserlos und dann ein wahres Füllhorn der mannigfachsten Blumen. Sass man in ihm, so war man ganz aus der Welt, rings nur nickten tausende von Blumen und spielten unzählige Schmetterlinge. Libellen schössen in reissendem Fluge darüber hin und standen dann plötzlich wieder wie angenagelt in der Luft; man hörte in der Stille das Schwirren ihrer Flügel. Von oben schaute das reifende Korn hinein, wogte im sanften Winde und wisperte seinen Sommergesang;  fern schlugen die Wachteln, die Grillen zirpten und Gold- und Grauammern zwirnten ihr eintöniges Lied. Dort habe ich manchen Kindertraum geträumt.

An einer einsamen Stelle, wo dieser Graben eine sanfte Anhöhe durchschnitt und zwei Wiesen mit einander verband, hatte mein Onkel die hohen schrägen Ufer mit Weiden und Pappeln bepflanzen lassen. Dort stand auch im hohen Sommer auf der Sohle immer Wasser und hier fand in späterer Zeit mein jüngerer Bruder Hermann, der ein fanatischer Vogelfreund von seiner frühesten Kindheit an war, das unzweifelhafte Nest einer Beutelmeise. Es war über dem Wasser an einem Weidenzweige frei aufgehängt und der länglichrunde Beutel hatte in der oberen Hälfte seitlich einen kurzen röhrenförmigen Eingang. Mein Bruder hat das Nest noch lange gehabt und ich habe es selbst öfter bei ihm gesehen. Leider hatten er sowohl wie ich damals nicht die volle Einsicht von der grossen Bedeutung dieses Fundes  und wir versäumten ihn zu veröffentlichen oder das Nest einem anerkannten Ornithologen vorzulegen. Später ist es verloren gegangen und mit ihm der einzige Beweis für das Vorkommen der Beutelmeise in Mecklenburg. Ein sogenanntes Unikum ist wieder einmal spurlos verschwunden und obwohl für meinen Bruder und mich kein Zweifel besteht, dass wir damals ein wirkliches Nest der Beutelmeise vor uns hatten, so können wir den Beweis dafür doch nicht mehr führen.

Noch lieber als nach Bredentin reisten wir beiden ältesten Brüder Werner und ich zu einem jüngeren Sohne meiner Grossmutter, Wilhelm Römer, der das Gut Kneese bei Gadebusch gepachtet hatte, und das Schweinehaus mit den kostbaren Granaten-Fundamenten besass. Dieser war ganz das Gegentheil von Onkel Adolph und besonders in seinen jungen Jahren war: »Leben und leben lassen!« seine Devise.  Wir besuchten ihn meist in den Michaelisferien und machten den vier Meilen langen Weg gewöhnlich zu Fusse mit dem Ränzel auf dem Rücken. Wenn wir dann auf den Hof kamen und der alte Kettenhund am Viehhause durch wüthendes Gebell und einen wahnsinnigen Kriegstanz an seiner Kette, so wie die beiden Teckel durch heftiges Kläffen uns angekündigt hatten, da sehe ich noch immer meinen riesigen, über sechs Fuss hohen und dreihundert Pfund schweren Onkel vor mir, wie er angethan mit einem kurzen sogenannten Stepprocke und auf dem Kopfe einen alten in’s Gelbe verschossenen Jägerhut die Treppe der Veranda herab kommt und uns entgegen wandelt. Wie er dann uns mit einem: »Gun Dag Jungs!« begrüsst und sich nach seiner Gewohnheit mächtig die Hände reibt. Das Händereiben war überhaupt ein Römerscher Gebrauch und ist durch Erbschaft auch auf mich und meine Geschwister übergegangen. Am stärksten darin war aber dieser Onkel  Wilhelm. Wenn eine Sache ihn recht erfreute und bewegte, so setzte er sich sogar manchmal dazu in einen kurzen Trab und konnte also händereibend über seinen halben Hof laufen.

Dann begrüssten wir unsere Tante Emma, die so klein wie mein Onkel gross war und wenn sie zusammen gingen auf einen Schritt ihres Mannes immer zwei machte. In der Nachbarschaft führte das Ehepaar desshalb den passenden Namen: »Maus und Löwe.«

»So, nu kommt man rein!« sagte mein Onkel dann, das Vesperbrot steht schon da.« Wenn wir dann an dem mit guten Sachen reich besetztem Tische sassen, pflegte er wohl zu sagen, wenn meine Tante das Rauchfleisch oder den kalten Braten vornahm: »Snied ehr ’n ollig Stück af Emma, nich so ’n Finzel!« und wenn wir nach der langen Wanderschaft es uns tüchtig schmecken liessen, rieb er sich die Hände vor Vergnügen. Das war ein anderer Empfang als in Bredentin, wo Onkel  Adolf uns mit einem Inquisitorblick und einer sarkastischen Bemerkung begrüsste und, wenn es mal was besonders Gutes bei Tisch gab, uns mit der Bemerkung zum Zugreifen aufmunterte: das sei eigentlich viel zu schade für uns.

Kneese hatte für uns Knaben den ungeheuren Vorzug, dass wir dort Alles »durften«, sogar auf die Jagd gehen. Ich habe dort manchen Abend auf dem Anstand gesessen, während die Dämmerung sich niedersenkte, allerdings meist ohne jeden Erfolg, denn ich hatte keinen Anlauf und die noch dazu in der Gegend nicht gerade häufigen Hasen kamen stets an einer anderen Stelle heraus, als wo ich mich befand, und verhöhnten mich aus der Ferne durch fröhliches Männchenmachen. Freilich Rehe gab es dort genug, aber die durfte ich nicht schiessen, da mein Onkel zur höheren Jagd die Berechtigung nicht hatte. Die Rehe, die dort aus grossherzoglichem Revier austraten, wo sie sehr geschont wurden, waren unglaublich  frech. Einer meiner Vettern, der bei meinem Onkel die Wirthschaft lernte, erzählte allen Ernstes, eines Abends habe ihm so ein unverschämter Rehbock in die Flinte hineingerochen. Da ihm der Pulvergeruch nun wohl nicht sympathisch gewesen wäre, so habe er lange vor ihm gestanden und immerfort geschreckt, als wolle er ihn ausschelten. »Ich konnt‘ das Beest garnicht wieder loswerden!« schloss er diese merkwürdige Geschichte. Mein Bruder Werner hatte mehr Glück und kam öfter einmal bei beginnender Dunkelheit auf den Hof, einen stattlichen Hasen mit grossem Stolze an den Löffeln tragend. Doch schoss ich auch nichts, so war es doch schön für mich an den stillen Abenden am Waldrande zu sitzen, vor mir die grüne Wiese hier und da durch ein röthliches äsendes Reh belebt. Man sah doch immer etwas, z. B. einen Fuchs, der gegen den hellen Himmel wie ein Schattenbild mit niederhängender Lunte über einen benachbarten Hügel schlich, oder man  lauschte auf die vielfachen geheimnissvollen Stimmen des Waldes. Nun wurde ein leises Knistern und Rascheln des Laubes wie von vorsichtigen Schritten hinter mir vernehmlich und da plötzlich stand seitlich von mir ein Rehbock am Rand der Wiese. Er sicherte eine Weile, zog dann ruhig weiter und senkte den Kopf zum Aesen nieder. Welch prächtiges Gehörn er hatte! Ich zirkelte mit den Augen, die Stelle des Blattes aus, wo er getroffen werden musste. Der war mein, wenn ich nur gedurft hätte, das war aber leider etwas von dem Wenigen, was ich nicht »durfte.« Einmal, als ich schon im Sommer in Kneese war, sass ich am Rande eines üppig mit Hopfen berankten Erlenbruches versteckt und hatte das Glück eine Ricke mit zwei Kitzchen zu betrachten, die dicht vor mir in dem hohen Wiesengrase äste. Die kleinen zierlichen Thierchen spielten um sie herum und kamen mir so nahe, dass ich sie mit der Flinte hatte berühren können. Ich sass still wie eine Mauer,  um die reizende Gesellschaft nicht zu verscheuchen, doch da die Mücken und die abscheulichen Blindfliegen sehr an mir thätig waren und mich von allen Seiten fleissig anzapften, so musste ich doch wohl einmal eine Bewegung gemacht haben, denn plötzlich fasste die Alte, die bis dahin ruhig geäst hatte, mich in’s Auge. Nach Art der Rehe, wenn sie etwas Auffälliges oder Verdächtiges bemerken, tauchte sie einige Male stossweise mit dem Kopfe auf und nieder, dann stampfte sie mit dem Vorderlaufe auf, ein zirpendes Warnungspfeifen, und die ganze zierliche Gesellschaft stürmte durch das hohe Gras davon.

In dieser Gegend war viel Buchenwaldung und nicht weit von Kneese lag der schöne vielzipflige Schalsee mit seinen bewaldeten buchtenreichen Ufern. Dort gab es eine Stelle, wo ein bei stiller Luft abgefeuerter Schuss dreizehnmal erkennbar zurückgeworfen wurde und dann noch als anhaltender Donner an fernen Waldvorsprüngen  verhallte. Dort streiften wir ebenfalls umher mit dem etwa gleichaltrigen Sohne des Försters und versuchten die wilden Tauben auf ihren Standbäumen zu beschleichen oder schossen auf einer sumpfigen Wiese nach den schreienden und im Winde sich schwenkenden Kiebitzen.

Schön war es auch, mit dem Jäger des Försters die Dohnensteige zu begehen und ihm zu helfen beim Auslösen der gefangenen Krammetsvögel, die wie kleine arme Sünder am Galgen in den dreieckigen Dohnen hingen. Im herbstlichen Walde war es so still, nur zuweilen schnickte ein Rothkehlchen oder eine Schaar Meisen zog mit leisem: »Sit, sit!« vorüber. Ueberall aus dem feuchten Waldboden thaten sich die Pilze hervor, hier leuchteten wie Scharlach die Fliegenschwämme, dort standen in Schaaren die Elfenbeinpilze glänzend wie weisses Porzellan und von alten Baumstumpfen schimmerte der Schwefelkopf in Menge zu gelben Klumpen  geballt. Bald ging es durch gemischten jungen Laubwald, den der Herbst mit allen seinen Farben geziert hatte, bald durch finstre Fichten-Stangenschonung, wo es dunkel und still war und man lautlos auf der weichen Nadeldecke einherschritt. Dort flog mir einmal eine aufgeschreckte grosse Eule, die in dem engen Gange den Ausweg nicht finden konnte fast an den Kopf. Wie angenehm aufregend war das Voraus spähen nach den gefangenen Vögeln, wenn ein neuer langer Gang sich öffnete, den man weithin übersehen konnte. Freilich zuweilen hing auch nur ein Kopf mit blutigem Hälschen in der Schlinge, da ein vorüber schnürender Fuchs in kühnem Sprunge sich den leckren Bissen abgepflückt hatte, was natürlich den Jäger jedesmal zu einem herzhaften Fluch auf den rothen Räuber veranlasste, zuweilen aber auch baumelte dort trübselig ein zierliches Rothkehlchen, deren sich leider alljährlich nicht wenige in den für die Drosseln bestimmten Schlingen zu  fangen pflegen. Doch, wer in seiner Kindheit mit Jägern und Landleuten umgeht, der wird nicht zur Sentimentalität erzogen und so dachte ich mir dabei weiter nichts, als, das wäre nun einmal so.

Der Art waren die mannigfachen Vergnügungen, die uns Kneese bot und da zu dem Allen noch ein ausgedehnter Obstgarten kam, der seine herbstlichen Schätze für uns aufthat, und auch, wie der unsterbliche Karl Butterregel in Immermann’s Münchhausen sagt für »fernerweitige gute Verköstigung« gesorgt war, so kann man sich denken, dass wir mit diesem Ferienaufenthalte wohl zufrieden waren.

Um so weniger wollte nach solcher Freiheit natürlich der Schulzwang schmecken. Doch wusste ich mir auch dort allerlei Erheiterung zu verschaffen und vertrieb mir die Zeit durch vergnügliche Allotria. In Quarta und Tertia schrieb ich sozusagen  den Kladderadatsch der Klasse und alles, was nur in der Schule oder im Unterricht vorkam, ward auf der Stelle illustrirt oder in Versen und Prosa parodirt und karrikirt. In diesen Jahren hatte ich vorzugsweise Sinn für das Komische und Burleske. Alte Jahrgänge der »Fliegenden Blätter«, »Düsseldorfer Monatshefte« oder »Kladderadatsch-Kalender« wurden mit Eifer immer von Neuem durchstudirt und wie mir das burleske Gedicht Lichtenbergs über die Belagerung von Gibraltar gefiel, habe ich vorhin schon erwähnt. Besonders lustig schien mir die Stelle, wo von der Erschütterung der umliegenden Provinz durch den Kanonendonner bei Gibraltar die Rede ist, so dass dadurch die merkwürdigsten Zustände eintraten:

»Die Pendeluhr’n zu Malaga
Die wollten nicht mehr gehen.
Und in ganz Andalusia
Wollt keine Mausfall‘ stehen.
Die Schornstein selbst seh’n rund herum
Sich schon nach Menschenköpfen um,
Um sich darauf zu stürzen.«

Oder wie die Schiesslöcher der schwimmenden Batterien mit den Kanonen darin geschildert werden:

»An jeder Vorderseite sass
Ein Schiessloch an dem andern;
In jedem Schiessloch noch ein Loch,
Das war fürwahr! fast grösser noch,
Als erstgedachtes Schiessloch.«

Ueber solche Spässe konnten unsere Urgrossväter lachen, dass ihnen die Zöpfe wackelten. Und ich muss sagen, sie sind mir immer noch viel lieber als die fade Wortwitzelei, die heutzutage von manchen für Humor ausgegeben wird. In der Bibliothek meines Vaters fand ich Karl Malsz, »Volkstheater in Frankfurter Mundart«, ein Buch, das ich immer wieder las, und da ich mich in diesen Blättern der Wahrheit befleissigen will, muss ich sagen, dass die damals weitverbreiteten »Musenklänge aus Deutschlands Leierkasten« mehr Eindruck auf mich machten als nach den Gesetzen der Aesthetik vielleicht zulässig ist. Doch darf ich mich wohl damit trösten, dass ein Hauptästhetiker, der alte Vischer  in dieser Sammlung mit Beiträgen vertreten ist, die zu den herzhaftesten des tollen Buches gehören.

Ich vermuthe – denn Alles aus dieser Zeit ist verloren gegangen – dass die meisten meiner damaligen Hervorbringungen nach solchen »berühmten Mustern« gearbeitet waren und die wenigen Spuren davon, die sich in meinem Gedächtniss noch vorfinden, scheinen das zu bestätigen. Zuerst zeichnete ich nur Karrikaturen, die ich mit Unterschriften versah, aus den Unterschriften wurden allmählich kleine Texte oder Gedichte. Im Lauf der Zeit nahm das Literarische immer mehr Ausdehnung an und schliesslich verschwanden die Bilder ganz. Ich hatte auch mein Publikum und war darin sehr bescheiden, denn ich war mit einem einzigen Leser zufrieden und strebte nicht nach Massenverbreitung. Die Bilder der ersten Periode sammelte ein gutmüthiger Mitschüler, der schliesslich einen ganzen Packen davon hatte, die Zettel und Heftchen der zweiten  Periode nahm der jüngste Sohn des Direktors an sich und besass schliesslich auch einen ziemlichen Stapel solchen Blödsinns. Ich selbst behielt nichts; es war mir ehrenvolle Anerkennung genug, wenn Jemand das Zeug haben wollte und es sogar aufhob. Später als ich schon von der Schule abgegangen war, erzählte mir der Sohn des Direktors, der »Alte« sei zufällig über diese Schriften gekommen und läse zuweilen darin, wobei er sich vor Lachen ausschütten wolle und erklärt habe, es sei viel Witz darin. Das schien mir zwar sehr ehrenvoll, ich konnte aber nicht umhin, den alten Herrn für sehr genügsam zu halten. An eine der Bildergeschichten erinnere ich mich noch. Sie stellte die Schicksale dar, die mein Mitschüler Peter Albert durch seine ungeheuer grosse silberne Uhr, eine sogenannte »Butterbüchse« erlitt. Wie er vom Alpdrücken geplagt wurde, als er sie einmal zufällig des Nachts auf der Bettdecke hatte liegen lassen, wie er allmählich sich verkrümmte, da sein  Wachsthum durch die gewaltige Last der Uhr an der linken Seite zurückblieb, wie er in’s Wasser fiel und sich trotz seiner Schwimmkunst nur mit Mühe retten konnte, weil das Gewicht der Uhr ihn immer wieder auf den Grund zog, und was dergleichen knabenhafte Scherze mehr sind. Ja, ich muss mit Beschämung gestehen, dass ich mich selbst nicht scheute, meinen vermeintlichen Witz an körperliche Gebrechen zu hängen. Eine Anzahl meiner Mitschüler hatte sich eines Winters auf den ausgedehnten Eisflächen der Schweriner Seen verirrt und war nach allerlei Fährlichkeiten erst spät in der Nacht wieder in’s Haus gekommen. Da nun der Anführer bei diesem Ausfluge eine sehr schiefe Nase hatte, so erklärte ich am nächsten Tage in einem wohlgebauten Distichon diese Irrfahrt für ganz natürlich, da der Führer immer seiner Nase nachgegangen sei und sich in Folge dessen fortwährend im Kreise herum bewegt hätte.

Zum Helden verschiedener Dichtungen  wählte ich eine stadtbekannte Persönlichkeit, den allzeit betrunkenen Böttcher Maass, der zuweilen von einer johlenden Heerde von Strassenjungen verfolgt durch die Stadt taumelte. Zuerst liess ich ihn nach der Weise des allbekannten Herrn Urian auf Reisen gehen und ihn die wunderlichsten Abenteuer erleben. Ich weiss noch, ich schrieb dies Gedicht in der Zeit vor der Nachmittagsschule in der Schlafstube meiner Eltern auf einer sogenannten Waschkommode. Das Dichten ging mir damals noch fixer von der Hand als jetzt. Später holte ich aus zu einem längeren Epos, die »Maassiade« genannt, in dem sich Herr Maass in allen möglichen Wissenschaften und Künsten versucht und dabei ungeheuren Blödsinn zu Stande bringt. Dann gründete ich ein Blatt, das den Namen »Variatio delectat« führte und wöchentlich erscheinen sollte. Den Leitartikel bildete ein langes Gedicht: »Die Belagerung von Magdeburg«, aus dem mir noch zwei Strophen in der Erinnerung  haften. Nachdem die Greuelthaten der Eroberer genugsam geschildert worden sind, heisst es:

»Aber den entmenschten Siegern
Ist dies Alles ganz egal;
Auf den Trümmern todter Leichen
Speisen sie jetzt sauren Aal!«

Am Schluss wird Tilly den Erinnyen übergeben mit dem Ausruf:

»Tilly, Tilly, grauser Feldherr!
Weh, wie wird es dir ergehn!
Oftmals noch wird das Gewimmer
Todter um dein Lager stehn?«

Ausserdem enthält diese erste Nummer den Anfang eines blödsinnigen Romans, von dessen Fortsetzung ich keine Ahnung hatte, einige kleinere Sachen und eine Menge von verrückten Inseraten. Eine weitere Nummer ist nie erschienen und somit gleicht das erste und einzige von mir herausgegebene Blatt der berühmten »Aeolsharfe«, von der auch weiter nichts existirt als die Nr. 8 des dritten Jahrganges. Auch das Fragment eines fürchterlichen Trauerspiels entstand, angeregt durch  das Marionettenstück von Karl Malsz: »Prinz Ferdinand von Rolpotonga oder der durch Liebe, Eifersucht und Jalousie gar grässlich um’s Leben gekommen seiende Prinz«. Mein Stück führte den Titel: »Prinz Sternkobold oder das karrirte Ungeheuer« und fing damit an, dass der verbannte Prinz Sternkobold in einer Einöde auf dem Nachtstuhl sitzend einen ungeheuren Monolog hält. Später kommt eine Scene vor, wo der »König« des Stückes eine ganze Schaar von Verschwörern vor sich rufen lässt, ihnen eine Standpauke hält und ihnen dann allen höchsteigenhändig die Köpfe abschlägt. Hernach setzt er sich auf den Leichenhaufen und spricht voll tiefer Empfindung:

»Froh zu sein, gebraucht man wenig,
Und wer froh ist, ist ein König!«

Von einem andern Stück: »Prinz Butterkuchen« existirte nur die Schlussscene, die etwa so lautete:

(Eine Felshöhle, in der Prinz Butterkuchen ermordet liegt. Der König mit Gefolge tritt auf. Das Gefolge murmelt.)

Der König. Was murmelt ihr, Gefolge?

Einer aus dem Gefolge: Sehr Murmeliges hat sich hier ereignet. Dort in der Höhle Hintergrunde liegt Prinz Butterkuchen und schwimmt in seinem Blut!

Der König. Er schwimmt? Verhasste Fertigkeit! Und todt sagt ihr?!

Ein Andrer. Sehr todt geruht der Prinz zu sein. Seht ihr denn an der Decke nicht das Loch, wo seine Seele durchgefahren ?

Der König. Das Loch? Für seine grosse Seele ist es viel zu eng. Und todt sagt ihr? Prinz Butterkuchen ist nie todt genug, noch tödter soll er sein, ich will am tödtesten ihn wissen.

(Er durchbohrt ihn fünf- bis sechsmal mit seinem Dolche.)

Das Gefolge. Nun ist er todt genug, nicht tödter kann er sein, um niemals wieder aufzuleben!

Aus diesen wenigen Proben, die sich  in meinem Gedächtnisse erhalten haben, wird man sehen, wie gut es war, dass aus dieser Zeit kindischer Freude am Burlesken und Blödsinnigen Alles der Vernichtung anheim gefallen ist.

Im Grunde hatte ich aber eine ungemeine Hochachtung vor wirklicher Dichtung und wagte mich nur darum nicht an ernsthafte Stoffe, weil ich dies für ungemein schwer hielt. Insbesondere gute lyrische Gedichte hatten für mich etwas von Wunder und Geheimniss, ich staunte sie an und begriff nicht, wie es möglich sei, dass ein Mensch dazu gelangen könne, die Musik seines Innern also in klingende Worte zu bringen.

Am meisten begeisterten mich damals Uhland, Heine und Andersen, die in meiner Knabenseele friedlich nebeneinander wohnten und später habe ich zu thun gehabt, mich von dem Einfluss der beiden letzten wieder zu befreien. Denn Dichter, die sich auf so markante Art »räuspern« und »spucken« wie Heinrich  Heine und der dänische Märchendichter Andersen reizen junge, noch unselbständige Geister am meisten zur Nachahmung. So begegnet man denn noch heute den Unarten Heinrich Heines in unserer neuesten Literatur und sobald eine junge Dame sich hinsetzt, ein Märchen zu schreiben, darf man fast sicher sein, dass sie alle die kleinen Mätzchen des alten Hans Christian Andersen getreulich nachmachen wird. Freilich das Gute des grossen Lyrikers Heinrich Heine nachzubilden ist sehr schwer und auch unter den Märchen aus jener Zeit, da der dänische Dichter sich noch nicht selber nachahmte, sind Perlen, die noch lange ihren sanften Schimmer verbreiten werden.

Cooper und Walter Scott hatte mein Vater mir aus seiner Bibliothek schon früh in die Hände gegeben, ich las aber auch, oder verschlang vielmehr verschiedene Romane von Bulver, die ich ebenfalls dort fand, von denen besonders »Nacht und Morgen« einen solchen Eindruck auf mich  machte, dass ich den Roman gleich noch einmal durchpflügte. Was sonst noch in der Zeit bis zu meinem siebzehnten Jahre auf mich einwirkte, waren der Gil Blas, der Don Quijote, Immermanns Münchhausen, Paul und Virginie, Tristram Shandy, Gullivers Reisen, noch jetzt eines meiner Lieblingsbücher, aus dem ich unendlich viel gelernt habe und E. T. A. Hoffmann, für dessen Schriften ich noch immer eine grosse Vorliebe besitze. Goethe trat mir erst später näher und für Schiller konnte ich nie die warme Begeisterung empfinden, die sonst diesem Alter eigenthümlich ist und besonders zur Zeit meiner Jugend noch sehr verbreitet war. Den Preis von allen aber trug damals Uhland davon, dessen Gedichte ich in meiner Jünglingszeit stets in der Tasche trug und so oft las, dass ich noch jetzt viele Stellen daraus auswendig weiss. In seinem Stil war auch mein erstes ernsthaftes Gedicht geschrieben, von dem ich weiss und das merkwürdiger Weise aus Opposition entstanden ist. Ich  trug mich damals mit mancherlei Plänen zu ernsthaften Gedichten, führte sie aber nicht aus, da ich solche Dinge zu bewältigen mir nicht zutraute. Morgens beim Kaffee pflegte ich meiner Schwester Frieda von solchen Ideen zu erzählen und sprach ihr auch einmal von einem gefangenen kranken Sänger, der sich noch einmal aufrafft und sein letztes Lied singt von der gefangenen Nachtigall und ebenso wie diese dann todt zu Boden sinkt. Meine Mutter, die dabei ab und zu ging, hörte das und sagte: »Ach du redest immer nur und führst nie etwas aus!« Das stachelte mich an, das Gedicht noch an demselben Tage niederzuschreiben. Die letzten beiden Strophen lauteten:

»Die Harfe sinket nieder,
Der Sänger hält sie nicht,
Sie stürzet auf die Erde
Die Harfe – sie zerbricht.

Von ihr ein leises Klingen
Durch das Gefängniss zieht –
Der Sänger hört‘ es nimmer –
Er sang sein letztes Lied!«

Das Gedicht besitze ich noch, habe aber das jugendlich-sentimentale Gestammel niemals drucken lassen.

Schwerin hatte stets ein gutes Theater und als ich 12 Jahre alt war, erlaubte mir mein Vater in die »Zauberflöte« zu gehen. Das war ein grosses Ereigniss, denn ich war noch nie in einem Theater gewesen. Zwar in meinem siebenten Jahre etwa hatte ich in Wittenburg Marionetten gesehen. Ein wunderschönes Stück wurde gespielt, in dem eine gefangene Prinzessin vorkam, die immer, wenn sie die Hände erhob, mit ihren Ketten klirrte, dass es einem das Herz zerschnitt. Sie war wunderschön und hatte viele Fährlichkeiten erlebt, unter anderem einen grausigen Seesturm, den sie so deutlich schilderte, dass ich die haushohen Wellen und das schwankende Schiff vor mir sah. Ich konnte nur nicht begreifen, warum solche schöne Sachen hinter den Koulissen gemacht wurden, wo  sie keinem Zuschauer zu Gute kamen. Den Seesturm hätte ich für mein Leben gern gesehen. Später als das Stück aus war, kam eine kleine Negerin, die trefflich tanzen konnte und mit unbegreiflicher Geschicklichkeit einen schwarzen Stab in die Höhe warf und wieder auffing. Fast graulich aber war es anzusehen, wie dann ein komischer Mann, der ebenfalls ungemein gelenkig zu tanzen verstand, in fünf Stücke auseinander ging, indem Arme, Beine und Rumpf sich in possierliche kleine Männerchen verwandelten. Ueber solche fast unglaubliche Wunder hatte ich dann noch lange gegrübelt und von ihnen geträumt. Nun aber sollte ich ein Stück sehen von lebendigen Menschen gespielt, die noch dazu sangen. Eine fürchterliche Schlange sollte darin vorkommen und Löwen, Affen und Mohren und Geschöpfe, die halb Vogel, halb Mensch waren. Durch Feuer und Wasser gingen die Menschen in dem Stück und was man mir sonst noch alles erzählt hatte. Ich war natürlich sehr rechtzeitig  zur Stelle und stand in dem finstern Parterre als das Theater noch halb dunkel war und nur der geheimnissvolle Vorhang, durch den zuweilen ein leises Wallen ging in sanftem Dämmer vor mir lag. Ein eigenthümlicher Duft, der allen Theatern gemeinsam ist, herrschte dort und ich wunderte mich nur, dass die Besucher, die sich nach und nach einfanden, so gar nichts Feierliches an sich hatten, mit einander von alltäglichen Dingen plauderten und an die Stühle gelehnt neugierig mit Opernguckern die Ränge musterten. Auch die Musiker, die dann einer nach dem andern ihre Plätze einnahmen, schienen mir wenig von der Feierlichkeit des Ortes erfüllt zu sein; sie boten sich Priesen an, schnupften mit grosser Umständlichkeit und sahen sehr gleichgültig und geschäftsmässig aus. Dann ging ein eigenthümliches Weben und Wirken im Orchester los. Die feinen Pizzikato-Töne gestimmter Geigen mischten sich mit Flötenläufen und den sanften Tönen des Horns, und zuweilen quäckte  es wie mit komischen Ferkelstimmen dazwischen. Dann wurden die metallischen Tone der Kesselpauken laut, und ein gedämpftes Knurzen der Kontrabässe machte sich bemerkbar, zuweilen übertönt von dem fast menschlichen Gesange eines Cellos. Das war wohl noch nicht die eigentliche Musik, aber es weckte grosse Erwartungen. Unterdessen hatte sich das Haus gefüllt und das wunderliche Getöse im Orchester war immer stärker geworden. Plötzlich ging es wie ein Blitz über den Vorhang und es wurde ganz hell. Mit einmal stand dann dort ein schwarzer Mann, von dem man gar nicht wusste, wo er hervorgekommen war und der plötzlich mit einem Stäbchen aufklopfte. Im Orchester wurde es todtenstill und dann – o wie feierlich – setzten die Posaunen ein. Die Zauberflöte gefiel mir; wie ein wunderbarer Traum aus einer höheren Welt zog dies seltsame Märchen an mir vorüber. Doch hatte ich auch manches auszusetzen. Insonderheit die Schlange missfiel mir, ich  hatte sie mir schrecklicher und wilder gedacht. Nun aber kam sie auf dem Bauche dahergerutscht wie ein ungeheurer grüner Spickaal und kaum hatten die drei Damen sie nur mit den Speeren angerührt, so zuckte sie noch ein oder zweimal kränklich mit dem Schwanze und war todt. Die Königin der Nacht mochte ich garnicht leiden. Aussehen that sie ja ganz nett in ihrem schwarzen sternbesäeten Kleide, wenn sie nur das Singen hätte lassen wollen. Potz Blitz! Wie konnte sie quinkeliren und wie lange dauerte es immer, ehe sie fertig war! Am besten gefiel mir, wie später das alte zahnlose braune Mütterchen sich mit einemmale in die junge reizende Papagena verwandelte.

Ich bin nachher natürlich noch oft ins Schweriner Theater gegangen und jedesmal wenn ich Weinpunsch rieche, fällt mir dieses Kunstinstitut wieder ein. Denn der Duft nach diesem guten Getränk füllte stets die Restauration und verbreitete sich von dort weithin. Das muss schon in  allen Zeiten so gewesen sein, wie ich aus Heines Harzreise schliesse. Denn bei der Schilderung der grossen Kneiperei auf dem Brocken heisst es: »Ein gemüthlicher Mecklenburger, der seine Nase im Punschglase hatte, und selig lächelnd den Dampf einschnupfte, machte die Bemerkung, es sei ihm zu Muthe, als stünde er wieder vor dem Theaterbüffet in Schwerin«. Man darf annehmen, dass Heine dies nach dem Leben beobachtet hat, denn wie würde er sonst gerade auf das ihm ganz fremde Schwerin verfallen sein. Ob es dort wohl jetzt noch so gut nach Punsch riecht? Ich glaube kaum, denn dies poetische Getränk wird nun auch dort wohl schon längst dem alleinseligmachenden Biere zum Opfer gefallen sein. Ich unterschätze ja dieses Getränk durchaus nicht, aber seine poetischen Qualitäten sind nur dürftig. Der beste Beweis ist, dass wir in dem so unermesslich reichen feuchten Theile unserer Literatur nur sehr wenige Lieder haben, die dem Biere gewidmet sind. Dem Punsch  aber hat sogar Schiller einen Hymnus gewidmet und selbst der ärmste Poet, über dessen Lippen nur Dünnbier geht, huldigt in seinen Liedern dem Wein, insonderheit dem Muskateller, den er zwar nie gesehen und noch weniger getrunken hat, der aber seit den ältesten Zeiten als ein wahrer Musterreim auf Keller sich bei den Poeten des höchsten Ansehens erfreut.

Eines Abends, als mein Bruder Werner, der damals wohl dreizehn oder vierzehn Jahre alt sein mochte, und ich im Bette lagen und wir noch ein wenig plauderten, sagte dieser plötzlich: »Du, Heinrich, ich will mich nun auch verlieben. Sie thun es alle.«

»Weisst du denn schon in wen?« fragte ich.

»Ja«, sagte er und nannte den Namen, »morgen früh fang‘ ich an!« Dann drehte er sich gegen die Wand und schlief ein. Pünktlich und gewissenhaft erfüllte er am  anderen Morgen sein Versprechen und ist noch lange mit dieser so sonderbar hervorbrechenden Liebe geneckt worden.

»Sie thun es alle«, hatte er gesagt und ich konnte mich davon nicht ausschliessen. Sie hiess Helene, war drei Jahre jünger als ich und wohnte den drei Gebrüdern Jenning, die in Schwerin die Schule besuchten, gerade gegenüber. Der mittlere dieser Brüder, Fritz Jenning, war mein Freund und Klassengenosse und so konnte ich, wenn ich ihn besuchte, die schönen Gefühle der Liebe und Freundschaft gleichzeitig pflegen. Der Freundschaft, indem ich von seinem Tabak rauchte, und der Liebe, indem ich unausgesetzt zu der schönen Helene hinüberstarrte. Sie hatte eine hübsche Stimme und ist später auch Sängerin geworden; einzelne Töne ihres Gesanges, die zuweilen über die Strasse zu mir herüber flatterten, begeisterten mich und da ich damals gerade für Hoffmann und besonders für die musikalisch exaltirten seiner Schriften schwärmte, so gab  ihr diese Eigenschaft natürlich einen erhöhten Zauber. Helene war durchaus entzückend, die Art, wie sie den Kopf trug, wie sie ging, stand oder sich bewegte, oder sich auf der Bank vor ihrem Hause mit einem kleinen Nachbarskinde beschäftigte und es küsste, alles war unvergleichlich. Wie unermesslich zu beneiden war dieses Kind und hatte doch keine Ahnung davon. Einmal streifte ich im Vorübergehen mit dem Oberarm ihre Schulter und noch wochenlang zehrte ich in der Erinnerung von diesem Ereigniss und fühlte an meinem Arm eine sanfte beseligende Wärme. O holde Thorheit!

Fortwährend träumte ich natürlich davon, wie ich sie aus grossen Gefahren befreite. Sie wohnte zwar zu ebener Erde, aber für das eine dieser Traumbilder musste ich sie unbedingt in den dritten Stock versetzen. Das Haus brennt. Plötzlich erscheint an einem der obersten Fenster eine helle zärtliche Gestalt, die Arme flehentlich nach Hülfe ausgebreitet. Ein Schrei  des Entsetzens, ein dumpfes Gemurmel der Menge; es ist zu spät. Da bricht sich ein Jüngling Bahn durch das Volk, der Jüngling bin ich. Leitern werden zusammengebunden und schwanken durch die Luft empor. Ha, der Tollkühne! Er ist verloren! Doch siegreich durch Flammen und Rauch mit wehenden Haaren und blitzenden Augen steigt er empor; eine zarte Last sinkt in seine Arme und abwärts geht es unter dem Jauchzen des begeisterten Volkes. Ein Dankesblick aus zärtlichen blauen Augen, und bescheiden verschwindet der Jüngling in der Menge.

Oder die Geliebte wandelt am Frühlingsmorgen beim Duft der Rosen und dem Gesange der Nachtigallen durch die blühenden Fluren. Ich stellte mir diese Scene immer an einem Wege vor, dessen Bezeichnung und Lage eigentlich etwas an sich hatte, das jede Phantasie im Keime zu morden geeignet war. Der Weg hiess nämlich »die Schlafmützenallee« und zog  sich am »faulen See« entlang. Doch das machte mir nichts aus.

Also die Geliebte wandelt. »Plötzlich aus des Waldes Duster« brachen zwei Strolche hervor; einer genügte meinem Heldenmuthe nicht. Was wollen sie? Sie wollen ihr was thun! Ihr das Portemonnai wegnehmen – sie küssen – sie entführen – oder sonst sich ungebildet gegen sie benehmen. Aber ich bin in der Nähe. Sausend wie eine fliegende Kanonenkugel jage ich den Abhang hernieder, schmettere den einen durch die Wucht meines Anpralles zu Boden und renne dem anderen mit dem Kopf vor den Magen, also dass er, in seinen heiligsten Gefühlen verletzt, umstülpt und die Sohlen gegen den Zenith kehrt. Dann, ohne mich um die hingestreckten beiden Scheusale weiter zu kümmern, trete ich einen Schritt näher und sage, die Hand aufs Herz legend, mit weltmännischer Gewandtheit: »Mein Fräulein, ich schätze mich glücklich, Ihnen diesen kleinen Dienst geleistet zu haben!«  Worauf sie antwortet: »Mein Retter, wie soll ich Ihnen danken?« Aber plötzlich erblasst sie und ruft: »Was sehe ich? Sie bluten!«

»Es ist nichts!« erwidere ich mit feierlicher Leichtfertigkeit und trete einen Schritt zurück. Aber sie lässt sich nicht hindern, sie drückt das zarte Tüchlein, das so süss duftet, auf die Wunde, und eine kostbare Thräne rinnt über ihre zarte Wange – und so weiter.

Dies waren meine wachen Träume, aber auch durch meine nächtlichen schwebte ihre schlanke Gestalt. In einem solcher Träume wanderte ich durch die Zimmer und Hallen eines prächtigen Schlosses. Niemand war in den einsamen Bäumen, als der Sonnenschein, der in breiten Strömen durch die hohen Fenster eindrang. Als ich in einen mächtigen Saal trat, kam mir von dessen anderem Ende mit schwebendem Schritt die Auserwählte entgegen. Sie trug ein glattes schwarzes Seidenkleid und streckte mir freundlich lächelnd die Hand  hin. Wir sprachen kein Wort dabei und gingen Hand in Hand durch viele Säle und Gemächer. Die Thüren öffneten sich von selbst, wenn wir nahten und die Treppen schwebten wir hinauf, indem wir mit den Fussspitzen die Stufenkanten leise berührten. Unsere Schritte waren lautlos; nur das zarte Knistern und Rauschen des Seidenzeuges vernahm ich fortwährend. Endlich, nachdem wir schon sehr hoch gestiegen waren, that sich eine letzte Thür auf und wir traten in ein Thurmgemach, das ganz von hellem Licht und reiner Luft erfüllt war. Dort setzten wir uns auf eine schmale Holzbank und sahen in das weite Land und in die klare leuchtende Ferne, und bei alledem, war mir zu Muth, als schwimme das Herz in meiner Brust in eitel Sonnenschein. Nach einer Weile beugte sich das schöne Mädchen mit einer lieblich geheimnissvollen Miene sanft an mein Ohr und in der Erwartung dessen, was sie mir zuflüstern würde, erwachte ich plötzlich zu meinem grossen Leidwesen.  Ich habe sehr oft darüber nachgedacht, was sie wohl gesagt haben würde, wenn ich nicht so zur Unzeit erwacht wäre.

So viel Liebreiz konnte natürlich nicht unbeachtet bleiben und ich hatte, wie ich jetzt allerdings glauben möchte, nur in meiner Einbildung, an die vier oder fünf Nebenbuhler, die ich mit den Blicken eines eifersüchtigen Türken beobachtete. Damals schrieb ich ein phantastisches Märchen, in dem diese Nebenbuhler eine überaus klägliche Rolle spielten. Ich weiss nur noch, dass ich sie in diesem Phantasiestück auf Kaping’schen Hengsten reiten liess, die als die Nebenbuhler sich vor der Geliebten stolz damit sehen lassen wollten, elend mit ihnen zusammenbrachen und sie dem Gelächter preisgaben. Herr Kaping war ein ehrsamer Fuhrherr und Ackerbürger, der mit einer Anzahl von lebensmüden Rossen die städtische Abfuhr besorgte. Um diese Pferde und ihre sprichwörtliche Elendigkeit hatte sich ein ganzer Sagenkreis gewoben; man behauptete z. B. steif und  fest, den einen dieser Hengste habe Herr Kaping auf einer Auktion für 36 Schillinge (2 Mark 25 Pf.) gekauft.

Das Phantasiespiel dieser Liebe, denn mehr war es nicht, und ich habe nie im Leben ein Wort mit Helene gesprochen, dauerte noch anderthalb Jahre, nachdem ich die Schule verlassen hatte, bis ich im Alter von achtzehn Jahren nach Hannover ging. Damals kurz vor meiner Abreise setzte ich dieser holden Thorheit ein Denkmal, indem ich am Pinnower See, nicht weit von der sogenannten steinernen Bank unsere beiden Namen unter einander in eine Buche schnitt. Wenn der Baum seitdem nicht gefällt worden ist, werden sie wohl noch dort zu lesen sein, denn der glatte Stamm der Buche bewahrt solche Schriftzüge wohl an die hundert Jahre und länger. So mancher gewinnt demnach mehr Unsterblichkeit durch eine Buche als durch ein Buch.

In der Tertia übten die »Alten« eine sehr strenge Tyrannei und kein »Neuer« durfte es wagen, vor Ablauf des ersten halben Jahres in der Zwischenstunde sich von seinem Platze zu begeben und sich in der Schulstube zu bewegen. Das war ein den »Alten« vorbehaltenes Recht und der »Neue« gewann dies nach der genannten Zeit nicht ohne Weiteres, sondern erst nach den harten Prüfungen der sogenannten Einweihung. Er musste dreimal Spiessruthen laufen, ehe er den Ritterschlag erhielt. Gegen Ende des ersten halben Jahres begannen diese Feierlichkeiten. Die Alten stellten sich mit Linealen und geknoteten Taschentüchern auf und der für die Einweihung reif gehaltene »Neue« musste dreimal die Klasse herum durch ihre Reihen laufen, während tüchtig auf ihn losgedroschen wurde. Hatte er diese Prüfung bestanden, so musste er vor dem Primus niederknien und dieser schlug ihn mit dem langen Klassenlineal zum Ritter. Es ging dabei nicht ohne Rohheit her,  doch fügten die Meisten sich widerstandslos in diese durch ihr Alter geheiligten Gebräuche. Nur zwei widersetzten sich zu meiner Zeit. Der eine, ein riesenstarker Junge vom Lande war durch die vereinigten Klassen-Herkulesse nicht von der Stelle zu bringen und musste auf seinem Platze verdroschen werden. Der andere aber, dessen Ehrgefühl sich gegen diese Behandlung auf’s Aeusserste sträubte, war nicht mit solchen Kräften begabt und wurde von zwei der stärksten »Alten« trotz seines Sträubens zur Exekution durch die Klasse geschleppt, ein widerlicher Anblick, den ich nie vergessen werde. Ich fügte mich nach dem Rezept des alten Nüssler: »Wat sall einer derbei dauhn!« und da ich nicht unbeliebt war, kam ich glimpflich ab.

Aber obwohl ich nun im nächsten halben Jahre selber zu den »Alten« gehörte, sollte ich doch nicht lange Nutzen aus dieser erhöhten Lebensstellung ziehen. Denn das Maass meiner Sünden war voll und meinem  Vater wurde mitgetheilt, er solle mich lieber freiwillig von der Schule nehmen, es würde doch nichts mit mir. Da fragte es sich nun, was ich werden sollte und da ich einmal einen Bergkadetten in seiner hübschen Uniform gesehen hatte, der in Schwerin zu Besuch war, und da ich vom Bergmannsleben überhaupt eine sehr romantische Vorstellung hatte, so war ich bald entschieden. War doch auch Theodor Körner ein Bergmann gewesen, und dieser war in Schwerin der populärste Dichter, denn nicht weit davon, bei dem Dorfe Rosenberg, war er gefallen und ebenfalls in der Nähe, bei dem Dorfe Wöbbelin, lag er begraben. Alljährlich wurde an beiden Orten der Tag seines Todes, der in die schönste Sommerszeit fiel, festlich begangen. Aber dieser Plan scheiterte, denn bei näherer Erkundigung stellte sich heraus, dass für das Bergfach eine höhere Vorbildung erforderlich sei.

In der letzten Zeit hatte ich mich viel mit Physik und Chemie beschäftigt, mir  verschiedene Apparate gebaut und das Haus mit allerlei übelriechenden Experimenten verstänkert. Ich hatte in unserem geräumigen Hause ein eigenes kleines Zimmer für diesen Zweck, wo man dergleichen Unfug ungestört treiben konnte. Mein in diesen Dingen mir sehr überlegener Genosse war mein Mitschüler Hans Tischbein, ein Abkömmling der weitverzweigten Künstlerfamilie dieses Namens, zu der auch der sogenannte Goethe-Tischbein gehörte. Hans Tischbein hatte von Kind auf ein merkwürdiges Talent zu mechanischen Dingen und baute sich damals Elektrisirmaschinen, Telegraphen-Apparate, galvanische Batterien und dergleichen, die sich dadurch auszeichneten, dass sie erstens ausgezeichnet arbeiteten und zweitens ein merkwürdig geschicktes Aussehen hatten. Die unscheinbarsten Dinge wusste er zu verwenden und Alles sah an seinem Orte richtig aus, als könne es garnicht anders sein. In früherer Zeit hatte er einmal einen Pistolenlauf aus Blei  gegossen, ihn mit einem Handgriff versehen und eine Drückervorrichtung dazu gemacht, wodurch man brennenden Zunder auf das Zündloch tupfen konnte, worauf das Ding losging, wenn es geladen war. Ich wünschte nun ebenfalls einen solchen Lauf zu giessen, allein er wollte mir die Methode nicht mittheilen und meinte, ich würde das auch nie herausbringen. Das weckte meinen Ehrgeiz und ich legte mich auf’s Erfinden. Nach einiger Zeit brachte ich ihm den von mir gegossenen Lauf einer etwa sechs Zoll langen Kanone. Da theilte er mir seine Methode mit und siehe, sie war gegen meine komplizierte so einfach, dass ich mich schämte, darauf nicht verfallen zu sein. Er hatte ausserdem noch vielerlei Talente, malte und zeichnete sehr hübsch und spielte mehrere Instrumente fast ohne Anleitung. Er war auch mein erster Komponist, setzte ein von mir verfasstes unglaublich unbeholfenes Liebeslied an Helene in Musik und sang es zur Guitarre. Er wollte wie sein früh verstorbener  Vater Baumeister werden und im nächsten Herbst nach Hannover auf das Polytechnikum gehen. Ich glaube, dass er es war, der mich auf den Gedanken brachte, mich dem Maschinenbau zuzuwenden. Es war damals die Zeit, wo das Studium der technischen Fächer anfing, sich mehr auszubreiten, und es war noch nicht wie jetzt durch allerlei Berechtigungs-Zäune eingeengt. Ausserdem muss ich gestehen, dass es etwas Verlockendes für mich hatte, auf diese Art trotz alledem zu einem richtigen Studentenleben zu gelangen. Als es bekannt wurde, dass ich von der Schule abgehen wolle, begegnete mir, wer weiss wie oft, die Frage: »Gehst du nu bi dei Stüer oder bi dei Post?« Denn das war in solchem Falle das Gewöhnliche. Ausserdem konnte man noch Kaufmann, Landmann oder Seemann werden. Wenn ich dann antwortete: »Ick warr Maschinenbuger«, so erregte das stets grosse Verwunderung, denn dies war damals in dem fast industrielosen Mecklenburg  ein noch ganz ungebräuchliches Fach.

Um Ostern 1859 wurde ich konfirmirt und trat dann auf ein Jahr als Lehrling in die Schweriner Lokomotiv-Reparaturwerkstätte ein, um die praktischen Arbeiten meines zukünftigen Berufes kennen zu lernen. Dort habe ich nicht viel gelernt und durch das, was meine ungeschickten Hände verdarben, wohl mehr Schaden als Nutzen gestiftet. Nur in der Formerei ging es besser, weil mir diese Art Arbeit sehr gefiel. In den stillen hohen Räumen war es so behaglich, zumal wenn die Sonne durch die trüben Fenster auf den schwarzen Sand schien und in den hellen Lichtstreifen tausend Stäubchen flimmerten. Da lag man auf der Erde und putzte an den Formen herum, und dabei plauderte man mit dem Meister, der weit herumgekommen war, bis nach Holland und nach Italien, oder unterhielt sich mit dem Arbeitsmann der Giesserei, der ein Original war und in der Weise des Sancho Pansa zu philosophiren  liebte. Zu einem andern Lehrling sagte er einmal: »Ja, Sei hebben’t gaud. Sei arbeiten hier nu so’n beten, un nahst gahn Sei up dei hogen Schaulen, un denn ward’n Sei so’n Herr un denn reisen Sei in’t Bad!«

So ungefähr dachte er sich unsere Karriere. Ach, leider war sie nicht so einfach! Hübsch war es auch, wenn dann am Sonnabend gegossen wurde; es war mir immer ein Fest, wenn der Ofen angestochen wurde und das flüssige Eisen wie glühende Milch, funkelnde Sterne von sich sprühend, in die eisernen Tragepfannen lief. Wenn dann die Masse in die Oeffnungen der bereitstehenden Formkasten eingegossen wurde, war es mein Amt, mit einer eigens dazu geformten Eisenstange die schwimmenden Schlacken zurückzuhalten, dass sie nicht mit in die Form liefen und sehr wichtig kam ich mir vor, wenn wir einmal dabei Zuschauer hatten, wie es öfter vorkam.

Nach Beendigung dieser Lehrzeit nahm  ich ein halbes Jahr lang Privatunterricht in der Mathematik, und schrieb bei meinem Vater Aufsätze, deren Stoff ich mir beliebig wählen durfte. Diese Aufsätze, drei an der Zahl, die alle verloren gegangen sind, bezeichnen meine ersten Versuche auf dem Gebiete der Erzählung. Der erste schildert wie einige junge Turner eine Wanderfahrt unternehmen und dabei in ein kleines Städtchen gerathen. In der Nacht bricht Feuer aus und die Jünglinge eilen sofort an den Unglücksschauplatz, wo sie Alles in Verwirrung finden. Sie aber bemächtigen sich der Situation und arbeiten mit Riesenkraft an der Spritze. Der gewandteste von ihnen erklettert unter hoher Lebensgefahr das Dach eines benachbarten Hauses und von dort gelingt es ihm durch geschickte Handhabung der Spritze das Feuer in unglaublich kurzer Zeit zu löschen. Dem Danke entziehen sie sich eiligst, und in ihrer Bescheidenheit wandern sie, um den ihnen zugedachten Ovationen zu entgehen, in aller Herrgottsfrühe weiter. Von der  Höhe sehen sie noch einmal auf die Stadt zurück, die friedlich in dem ersten Morgensonnenschein daliegt. Von dem Schauplatz ihrer nächtlichen Heldenthaten steigt noch immer ein leichter weisslicher Rauch empor. Sie aber schwenken die Hüte zum Abschied und wandern weiter in die schöne Welt.

Ich träumte damals viel vom Reisen und so wurde in dem zweiten Aufsatz eine Wanderfahrt in’s Gebirge beschrieben. Diese aber blieb Fragment, denn als ich mit grosser Anschaulichkeit, wie ich meinte, den Marsch durch die Ebene an einem heissen Tage geschildert hatte und nun die Gebirgsfahrt beginnen sollte, ging mir die Puste aus, denn ich hatte nie ein Gebirge gesehen. Mir fällt dabei der hübsche Witz ein, mit dem einmal Jemand eine frühere, der Natur abgewandte, sogenannte ideale Richtung der deutschen Malerei verspottet hat, »Wenn«, sagt er, »ein Franzose ein Kameel malen will, so geht er in den Jardin des plantes oder er reist  gar nach Afrika und studirt das Kameel von allen Seiten und zeichnet und malt ganze Skizzenbücher voll Kameele. Der Deutsche aber hat das Alles nicht nöthig, es schöpft es einfach aus der Tiefe seines Gemüthes«.

Da nun wahrscheinlich mein Gemüth nicht tief genug war, um ein ganzes Gebirge daraus zu schöpfen, so hörte ich einfach auf.

Bei dem dritten dieser Aufsätze holte ich gar zu einer Novelle aus und da ich gerade unter dem Bannkreise E.T.A. Hoffmanns stand und ganz besonders für seine phantastische Geschichte den goldenen Topf schwärmte, so war der Held meiner Erzählung natürlich ebenfalls ein Student und hiess, wenn ich mich recht erinnere, auch Anselmus. Er ist am Ende seiner Studien angelangt und sucht eine Stellung als Hauslehrer. Der Student Anselmus ist zwar ein gelehrtes Haus aber über die Maassen ungeschickt und unordentlich. Mit Behagen wird das Tohuwabohu  geschildert, das auf seiner »Bude« herrscht und wie in dieses wüste Durcheinander, als der Student sich gerade in einem unbeschreiblichen Negligee befindet, ein überaus fein lakirter Bedienter tritt und ihm ein duftendes Briefchen überreicht von der Baronin Soundso, die einen Lehrer für ihr einziges Söhnchen sucht. Anselmus ist überglücklich, und da er sich noch am selben Tage vorstellen soll, so bereitet er sich auf den Besuch sorgfältig vor, wobei er die jammervollsten Defekte an seinem schwarzen Anzug entdeckt. Nachdem er nun mit Dinte ihm etwas nachgeholfen hat, bleibt aber noch immer ein schändliches Loch unter der Achsel, aus dem das weisse Hemd hervorlugt, und er studirt sich nun vor dem Spiegel die Stellungen ein, die ihm erlaubt sind, wenn diese Schande nicht zum Vorschein kommen soll. Darnach, zu Ehren dieses freudigen Ereignisses, und um seinen Muth ein wenig zu beleben, trinkt er unterwegs in einer Konditorei ein Gläschen  köstlichen Likörs, mit dem er sich in seiner Ungeschicklichkeit einen grossen Fleck auf das weisse Vorhemd macht, den er nun auch erst noch zu verdecken hat, was die Anzahl der ihm erlaubten Bewegungen natürlich noch weiter mindert. Mit diesem verwirrenden Aermelloch- und Likörfleck-Bewusstsein wird er bei der Baronin vorgelassen, doch sein Herz erleichert sich, als er sie in einem fast gänzlich verdunkelten Zimmer vorfindet. Denn die Dame ist augenleidend und hält sich stets in einem grün verhangenen Zimmer auf mit grünen Teppichen, Möbeln, Tapeten und Vorhängen, ja selbst das Söhnlein ist grün gekleidet, um ihren Augen nicht wehe zu thun. Der Student Anselmus, gedeckt von der grünen Dämmerung, übertrifft sich selbst, er bringt die feinsten und zierlichsten Redensarten zu Stande, gefällt der Baronin und sieht sich schliesslich unter den angenehmsten Bedingungen am Ziele seiner Wünsche. Doch als er nun, immer noch eingedenk seiner Schäden,  mit fest an den Leib geschlossenem Arme und den Hut auf Herz und Likörfleck gedrückt, sich rückwärts hinauskomplimentiren will, rennt er in seinem Ungeschick gegen ein Glasschränkchen mit kostbarem Porzellan und venetianischen Gläsern. Ein furchtbarer Krach, die Baronin sinkt in Ohnmacht, der Sprössling schreit, und den Tod im Herzen, Alles, auch seine Hoffnungen, in Trümmern hinter sich lassend, rennt der unglückselige Anselmus hinaus.

Mit wie fröhlichem Leichtsinn begann man damals so eine Geschichte in der Hoffnung, der liebe Gott würde schon weiter helfen, und fernere Abenteuer würden einem schon einfallen. Aber ach, die erwartete Hülfe blieb aus und es fiel mir durchaus nichts weiter ein, so dass die Geschichte von den Abenteuern des Studenten Anselmus ebenfalls Fragment blieb.

Zu jener Zeit waren in Schwerin mehrere junge Leute, die sich dem Studium technischer Fächer widmen wollten, und unter diesen verkehrte ich, ausser mit dem schon genannten Tischbein, besonders mit zweien, die ebenfalls später in Hannover studiren wollten. Der eine hiess Karl Graff, stammte aus Grabow und war ein zu allerlei Humoren und tollen Einfällen aufgelegter junger Mann; er konnte ungemein »mall« sein, wie man in Mecklenburg sagt. Er wollte das Baufach studiren und ich glaube Niemand traute ihm damals zu, dass er je etwas Besonderes leisten würde. Trotzdem ist er am schnellsten von uns allen zur Anerkennung gelangt. Er wandte sich bald nach vollendetem Studium dem aufblühenden Kunstgewerbe zu und ward in sehr kurzer Zeit Hofrath und Professor in Dresden, wo er noch jetzt lebt.

Der andere hiess Karl Haack und hatte sich der Chemie zugewendet. Ihm, dem Sohne eines wohlhabenden Wagenfabrikanten,  standen die Mittel zur Verfügung, deren Mangel mich in meinen Experimenten und Versuchen nie zu etwas Rechtem kommen liessen. Er besass ein wohleingerichtetes chemisches Laboratorium und in der Wagenfabrik liess er sich alle möglichen physikalischen Apparate bauen. Ich fand sein Dasein beneidenswerth, denn Alles, was bei mir nur Traum bleiben musste, ward bei ihm liebliche Erfüllung. Was war mein eines, mühsam zusammengestümpertes Daniell’sches Element z. B. gegen seine stattliche Batterie und seinen vortrefflichen Induktionsapparat. Als er diesen einmal gerade in Gang gebracht hatte, kam Fritz Fahrenheim zum Besuch. Haack hatte eben die beiden metallenen Handgriffe durch lange übersponnene Dräthe mit dem Apparat verbunden und auf den Tisch gelegt und da er noch aus einem entlegenen Zimmer etwas herbeiholen wollte, sagte er zu Fahrenheim, dessen Vorwitz er kannte: »Fritz, dat du mir die Griffen nich in die  Hand nimmst – denn süss gifft dat’n Mallühr«. Damit ging er hinaus. Fritz Fahrenheim wurde natürlich mit dämonischer Gewalt zu den Griffen hingezogen; er betrachtete sie eingehend und konnte garnichts Besonderes an ihnen finden. Endlich konnte er nicht mehr widerstehen und tippte den einen der Griffe vorsichtig mit dem Zeigefinger an. Es geschah ihm garnichts und kühner geworden nahm er den Griff in die Hand, ohne dass sich irgend etwas ereignete. Da er nun wusste, dass Karl Haack mit seinen Sachen sehr eigen zu sein pflegte, so kam er zu der Meinung, dieser habe ihn nur in Furcht setzen wollen, um ihn von seinem Apparate abzuhalten, und sofort hatte er auch schon den zweiten Griff in der anderen Hand. Nun aber war die Leitung hergestellt, und das schmerzhafte unheimliche Schüttern des elektrischen Wechselstromes ergoss sich durch den Körper des Vorwitzigen. Entsetzt wollte er die Griffe von sich werfen, allein das ging nicht, sondern nur  noch fester krampften sich durch die Wirkung des elektrischen Stromes die fliegenden Hände an das glatte Metall. Da überkam ihn das Grauen und die Angst vor dem Unerklärlichen, er fiel vor Schreck auf den Rücken und brüllte, an Armen und Beinen fliegend, ganz unmenschlich um Hülfe. Karl Haack eilte natürlich sofort herbei, befreite ihn aber nicht eher, als nachdem er sich über die schrecklichen aber verdienten Folgen leichtsinnigen Vorwitzes eindringlicher Moral entäussert hatte. Fritz Fahrenheim aber begegnete von dieser Zeit ab elektrischen Apparaten jeder Art mit Misstrauen.

In genialer Weise fing mein Freund Karl Haack mit dieser Vorrichtung auch einige Strassenjungen, die sich gewöhnt hatten an der Hausthürglocke seines Vaterhauses einen mächtigen Riss zu thun und dann schnell zu entfliehen. Durch ein besonders anhaltendes zeterndes Klingeln gab es sich kund, wenn ein solcher Fisch an der Angel sass. Dann kam Karl Haack  mit einem spanischen Röhrchen heraus und ermahnte ihn zur Tugend. Dieses Motiv habe ich später in einer kleinen Erzählung »Der Gartendieb« mit Glück verwendet.

Doch nicht allein seine physikalischen, sondern auch seine chemischen Kenntnisse benutzte Karl Haack zu allerlei Allotriis und destillirte unter Anderem in seiner grossen Glasretorte auch ein sehr vortreffliches dunkelgrünes, starkes Getränk, das ich aus gewissen Gründen gar wohl in meiner Erinnerung behalten habe. Als damals nämlich wie alljährlich am 26. August bei dem Orte Rosenberg das Körnerfest gefeiert werden sollte, machten wir, Karl Haack und ich, und noch vier andere Bekannte uns auf, um uns an dieser Feier zu betheiligen, und dafür hatte der angehende Chemiker zu männlicher Erquickung für unterwegs eine grosse Flasche jener ominösen grünen Flüssigkeit gestiftet. Da wir nun wohl alle miteinander an dergleichen starkes Getränk nicht gewöhnt  waren, so geriethen wir dadurch in eine so ausgelassene Stimmung, dass wir, wie ich fürchte, der Körnerfeier nicht zur Zierde gereicht haben. Als wir auf dem Rückwege durch das Dorf Lankow kamen, verfielen wir darauf, dem Schulmeister, der vor seiner Hausthür stand, ein Ständchen zu bringen. Während wir dort nun gar lieblich sangen, und der brave Pädagoge uns mit finsterem Ernste betrachtete, kamen aus dem Hause sechs oder sieben Kinder eins nach dem andern hervor, stellten sich in eine Reihe neben ihren Vater und sahen ebenfalls stumm und ernst auf uns hin. Wir aber sangen unbeirrt unsere schönsten Lieder, zählten zwischendurch die Kinder, was wir für einen vortrefflichen Witz hielten, und zogen dann vergnügt weiter.

Am zweiten Tage nachher aber hatten diese mannhaften Thaten ein verdriessliches Nachspiel. Es kam ein Abgesandter zu mir, der mir mittheilte, unser heiteres Benehmen an jenem Tage habe die Aufmerksamkeit  eines Mannes auf sich gezogen, der für die Zeitung arbeite und dieser trage sich mit der Absicht, unsere Abenteuer, insbesondere das mit dem Schulmeister, mit all ihren pikanten Details und mit Nennung sämmtlicher Namen der Oeffentlichkeit zu übergeben, damit auch weitere Kreise Erheiterung dadurch gewönnen. Ein Zeitungsschreiber könne solchen schönen Stoff nicht unfruktifizirt liegen lassen, denn er sei darauf angewiesen, und dergleichen hübsche Geschichten passirten nicht alle Tage. Da eine dunkle Empfindung ihm aber sage, manchem von uns würde ein solches Hervortreten an die Oeffentlichkeit gegen das Gefühl sein, so liesse er anfragen, wie wir es in diesem Falle zu halten gedächten. Er für sein Theil sei bereit gegen eine Entschädigung von im Ganzen drei Thalern auf den literarischen Ruhm zu verzichten, den er möglicher Weise aus dieser Angelegenheit ziehen könne.

Ich hatte im Verlauf dieser Verhandlung  einen tödtlichen Schrecken bekommen, der Nachsatz aber nahm den Druck wieder von meinem Herzen, und mit grosser Erleichterung bezahlte ich den halben Thaler, der auf meinen Antheil kam. Dies war meine erste Berührung mit der Presse.

Karl Haack studirte zuerst in Hannover Chemie und ging dann nach Göttingen, wenn ich nicht irre. Später wandte er sich der Photographie zu und hatte lange Zeit ein bekanntes Atelier in Wien. Er erfand ein Verfahren Faksimile-Druckplatten von Zeichnungen auf photographischem Wege herzustellen und nach dieser Methode sind einzelne der Werke von Wilhelm Busch ausgeführt worden.

Zu einem meiner früheren Mitschüler, Walter Flemming, der die Schule weiter besuchte und Mediziner werden wollte, fühlte ich mich besonders hingezogen, weil er meine literarischen Neigungen theilte und an meinen damaligen schwachen Versuchen Interesse nahm. Wir  waren uns schon als Kinder näher getreten, als sein Vater noch dirigirender Arzt der Irrenheilanstalt Sachsenberg bei Schwerin war. Mein Vater fuhr alle vierzehn Tage hinaus, um dort zu predigen und nahm mich dann öfter mit, was immer ein Fest für mich war, denn ich spielte während der Zeit mit Walter Flemming, oder wir trieben uns in dem grossen obstreichen Garten der Anstalt herum und manchmal hielten wir uns auch in dem kleineren ummauerten Theile des Gartens auf, wo die Irren sich im Freien bewegten. Diese machten mir damals keinen besonderen Eindruck, nur fiel es mir auf, dass die einen viel lebhafter und andere wieder viel stiller waren als gewöhnliche Menschen. Nur einmal, als wir durch den grossen Garten gingen, drängte es sich mir auf, dass wir uns in einem Irrenhause befanden. Wir begegneten einer Dame mit starrem Gesichtsausdruck, die von einer Wärterin begleitet, sich im Freien erging. Sie mochte nun  wohl sich für die Vernünftige und uns für die Irren halten, denn so lange sie uns sehen konnte, rief sie uns mit gellender Stimme zu: »Ihr Narren! Ihr seid ja Narren!« Sie wurde von der Wärterin sanft nach dem Hause hingeleitet, doch in der Thür drehte sie sich noch einmal um und rief so laut sie konnte: »Ihr seid ja Narren!« Dieser Ruf gellt mir noch heute im Ohr.

Doch das waren vergangene Zeiten, jetzt wohnte der Medizinalrath Flemming mit seiner Familie schon lange in Schwerin in einem freundlichen Hause mit hübschem Garten und ich fühlte mich dort besonders wohl, denn dort interessirte man sich lebhaft für Wissenschaft, Kunst und Literatur und man kam mir freundlich entgegen, was nicht immer der Fall war bei einem so rauhen Schäflein, für das ich damals wohl allgemein gehalten wurde. Ich empfand es tief, dass Walter Flemming mich auch nach dem Abgange von der Schule ferner seines Umganges würdigte,  denn ich hielt grosse Stücke auf ihn, auf sein Urtheil und sein poetisches Talent und es war mir damals klar, dass wenn aus einem von uns einmal ein wirklicher Dichter werden sollte, nicht ich das sein würde. Als ich noch in Tertia war, hatten wir als deutschen Aufsatz einmal die Aufgabe, ein Stück aus dem Ovid im Versmasse des Originals wiederzugeben. Walter Flemming und ich hatten das am besten gemacht und sein Aufsatz wurde der Klasse vom Lehrer vorgelesen. Er hatte dieselbe Neigung für das Burleske wie ich, und mein »Prinz Sternkobold« war damals eigentlich nur entstanden, weil mich Walter Flemmings Trauerspiel »König Schulze« dazu angeregt hatte. Doch nun legte ich ihm auch die ernsthaften Gedichte, die jetzt entstanden, vor, aus seinem Urtheile Belehrung ziehend, und ich kann darum wohl sagen, Walter Flemming ist mein erster Kritiker gewesen. Dies Verhältniss setzte sich durch unsere Studienzeit und länger fort und einer meiner  ersten Gänge war immer zu ihm, wenn ich einmal wieder nach Schwerin kam. Später hatten wir keine Gelegenheit mehr uns zu sehen und erst in neuerer Zeit haben wir in gemeinsamer Erinnerung an die fernen Jugendtage uns brieflich einander wieder genähert. Er ist jetzt Professor der Anatomie in Kiel.

So in solchen Bethätigungen und Bestrebungen gingen die anderthalb Jahre dahin und im Herbst 1860 reiste ich dann, achtzehn Jahre alt, nach Hannover, um das Polytechnikum zu besuchen.

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