Von Perlin nach Berlin – 2. Kap.

2. Perlin.

Das Pastorenhaus in Perlin war alt, hatte schon den dreissigjährigen Krieg überstanden und trug noch ein Strohdach. Es passte nicht mehr in die Zeit und in der Nähe wurde ein funkelnagelneues Haus errichtet aus rothen Ziegeln mit einem thurmartigen Vorbau für die Treppe und einem flachen sogenannten dornschen Dache. Es sah  für die damalige Zeit und für ein Pastorenhaus sehr vornehm aus und wurde später von Fremden oft für »das Schloss« gehalten, was uns natürlich mit grossem Stolze erfüllte. Doch vorher schon, ehe dies neue Haus vollendet war, sorgte der junge Pastor dafür, dass die ansehnlichen Räume, die darin für eine Pastorin vorgesehen waren, nicht leer stehen sollten. Der Gutsverwalter Dimpfel des Grafen B., dem das grosse Gut Perlin gehörte, hatte ganz in der Nähe auf dem Pachtgute Progress eine Schwester, die an den Pächter Römer verheirathet und in dieser Ehe ausser mit vier hünenhaften Söhnen auch mit drei Töchtern gesegnet war. Als nun mein zukünftiger Vater dort mit dem Verwalter Dimpfel seinen Besuch machte fand er diesen Verkehr so angenehm, dass er solchen Besuch öfter wiederholte. Er ritt dabei auf einem Fuchs, der ihn, wie meine Mutter erzählt, oftmals in sausender Eile an’s Ziel brachte, oft aber auch höchsteigene Ansichten entwickelte  und dann durchaus nicht vom Hofe oder an einem Blatte Papier vorbei wollte, das am Wege lag. Es mochte auch wohl sein, dass mein Vater dieses irdische Pferd weniger beherrschte als den Pegasus, der noch nie vor einem Blatte Papier scheu geworden ist. Es kam dann im Lauf der Zeit so weit, dass der junge Pastor die Frau Römer bat ihm Gelegenheit zu geben, ihre zweite Tochter Johanna unter vier Augen zu sprechen. Es war am zweiundzwanzigsten September 1840, als diese Frau ihr Schicksal, dereinst meine Grossmutter zu werden, dadurch besiegelte, dass sie ihrer Tochter den Auftrag gab, Herrn Pastor Seidel doch den Rosenstrauch im Garten zu zeigen, der trotz der herbstlichen Zeit in voller Blüthe stand. An dieser freundlichen Naturerscheinung nahmen die jungen Leute grosses Intresse und besichtigten sie lange und gründlich. Es wird vermuthet, dass im Laufe dieser Besichtigung auf den Wangen des Fräuleins Johanna Römer vier neue Rosen aufgeblüht  sind, erst zwei weisse und dann zwei dunkelrothe, aber gewiss ist, dass sie, als sie zurückkam, den Entschluss gefasst hatte, eine Frau Pastorin zu werden.

Am 8. Oktober des Jahres 1841 war die Hochzeit. Das junge Paar hauste noch ein halbes Jahr unter dem alten Strohdach, siedelte dann im nächsten Frühjahr in das neue schöne Haus über und dort, am 25. Juni 1842 kam ich zur Welt, genau an demselben Tage, an dem zwanzig Jahre früher der alte E. T. A. Hoffmann die Augen schloss. Bei der Taufe wurde mir als dem ältesten Sohne, wie es nun schon Familiengebrauch geworden war, der Rufname Heinrich zuertheilt, jedoch erhielt ich ausserdem noch eine Menge anderer, und wenn ich mit allen zugleich vorfahre, so macht es den Eindruck, als wenn ein Güterzug durch eine ebene Wiesenlandschaft dampft. Man prüfe selbst, wie es sich ausnimmt: Heinrich Friedrich Wilhelm Karl Philipp Georg Eduard Seidel.

Wie alle Erstgeborenen war ich natürlich  ein unbegreifliches Wunderkind und zeigte Eigenschaften, die man kaum jemals, solange die Welt steht, an einem Geschöpfe so zarten Alters in solcher Vollendung zu bemerken Gelegenheit hatte. Zwei von diesen Geistesblitzen, die etwa aus meinem zweiten Jahre stammen, sind mir später oft erzählt worden. Auf die Frage: »Wo is Papa?« hätte ich stets geantwortet: »Hinnen löppt’e!« Ferner: hätte ich einen Topf, einen Teller oder sonst etwas zerschlagen, hätte ich mich nachdenklich vor die Trümmer gestellt mit der verwunderten Frage: »Wen hett dat dahn?« und dann mit grosser Bestimmtheit selbst geantwortet. »Dat hett ick dahn!« Man sieht aus diesen wenigen erhaltenen Beispielen, dass auch meine nächsten Vorfahren nicht frei waren von jener lieblichen Milde und rührenden Anspruchslosigkeit den Geistesäusserungen ihres Erstgebornen gegenüber, die fast allen jungen Eltern zur freundlichen Zierde gereichen soll.

Meine erste wirkliche Erinnerung stammt aus dem Anfang meines vierten Jahres und hat es mit einem beträchtlichen Gegenstande zu thun, einem Elefanten nämlich, der damals in einer benachbarten kleinen Stadt für Geld gezeigt wurde. Viel mehr aber als das unförmliche ausländische Ungethüm erfreute mich ein kleiner Pony, der dem Elefanten unter dem Bauche und zwischen den Beinen durchlief und ihm zugesellt war, wie dem mächtigen Fallstaff der winzige Page, um gegen ihn abzustechen. Ich glaube, es war bei dieser selben Gelegenheit, wo sich mir ein zweites kleines Erlebniss für die Dauer eingeprägt hat. Die städtischen Strassenjungen waren ein Geschlecht, das ich mit einem Gemisch von Grauen und Hochachtung zu betrachten gewohnt war. Die ausserordentliche Sicherheit ihres Auftretens, die edle Frechheit, mit der sie mich besahen und Kritik an mir übten, die grossartige Ueberlegenheit, die sich in allen ihren Reden und Handlungen kundgab  – ich hatte gesehen, dass sie sogar die Macht des Gesetzes nicht achteten und einen Polizeidiener verhöhnten – kurz alles dies erzeugte in mir eine achtungsvolle Scheu, die mit einiger Furcht durchtränkt war. Als ich nun mit meinen Eltern an einem Wassergraben entlang zu irgend einem Festplatze ging, kam ein echtes Exemplar dieser Gattung, die Hände in den Hosentaschen und die Mütze im Nacken tragend, an uns vorüber. Da ich nahe an der Kante des Grabens ging, sagte er im Vorbeigehen zu mir mit einem Wohlwollen, das ich diesem gehärteten Geschlecht von jugendlichen Heroen niemals zugetraut hätte: »Du fall man nich in’n Graben.« – Diese Herablassung hob und rührte mich zugleich, und obgleich ich diesen Jüngling nie wiedergesehen habe, so habe ich ihm seinen Edelmuth doch niemals vergessen. Noch jetzt ertappe ich mich manchmal bei den Gedanken, dass ich wohl wissen möchte, was aus ihm geworden ist. Wäre er ein  Schuster geworden, so würde ich meine Stiefel bei ihm machen lassen.

Aus etwas späterer Zeit haben sich mir zwei Ereignisse eingeprägt, bei deren einem ich mich als vermeintlicher Held, bei dem anderen aber ohne Frage als das Gegentheil eines solchen benommen hatte. Ich mochte etwa sechs Jahre alt sein, als ich in einen Haufen Glasscherben fiel und mir den Rücken der linken Hand so stark verletzte, dass ich noch jetzt die deutliche Narbe davon trage. Ich lief zu meiner Mutter, die mir die heftig blutende Wunde mit Wasser auswusch und mich verband. Dabei lobte sie mich sehr, dass ich gar nicht geweint habe. Dieses Lob muss mir wohl zu Kopfe gestiegen sein, denn ich erinnere mich, dass ich nachher eine ganze Weile vor dem Spiegel stand, um mir solchen Helden recht genau zu betrachten.

Da ich entschlossen bin, mich in diesen Blättern der Wahrhaftigkeit zu befleissigen, so will ich auch die zweite Geschichte  nicht verschweigen, obwohl ich wenig Ruhm sondern nur das Gegentheil dadurch gewinnen kann. Sie wird zeigen, welch‘ hässlicher kleiner Dämon in der Brust eines sonst gut gearteten Kindes auftauchen kann. Mein Vater hatte eine Zeit lang grosse Noth, seine geliebten Blumenbeete vor meinen jungen Geschwistern Werner und Frieda zu schützen, die damals wie ich denke drei und zwei Jahre alt waren. Diese kleinen Berserker hatten sich gewöhnt Alles abzureissen, was ihnen vor die Finger kam, und hatten so oft Strafe dafür bekommen, dass sie endlich anfingen durch Schaden klug zu werden. Als wir uns nun einmal an einem schönen Frühlingsabende alle drei in der Nähe eines schönen Hyacinthenbeetes befanden, da plagte mich der Teufel, dass ich niederhockte und mit der Hand eine stattliche Hyacinthe hin und her wackelte, als wollte ich sie pflücken. Kaum sahen die beiden Kleinen, was der grosse Bruder that, so erwachten die mühsam  unterdrückten Instinkte in ihnen aufs Neue, sie stürzten sich jauchzend auf das Blumenbeet und rissen sich ganze Hände voll der schönsten Hyacinthen ab. Ich aber ging sofort hin und klänte sie an, wie man in Mecklenburg sagt, oder wie der Berliner sich ausdrückt: ich petzte. Bei dem nun folgenden peinlichen Verhör fielen höchst bedenkliche Streiflichter auf mich, und die ganze Schändlichkeit meines heimtückischen Verfahrens kam heraus. Ich erinnere mich noch ganz genau der peinlichen Spannung, die mich beherrschte, während die nöthigen Knöpfe an dem hinderlichen Kleidungsstücke gelöst wurden, und als nun im Angesicht der sinkenden Frühlingssonne ein furchtbares Strafgericht über mich hereinbrach, war ich fest überzeugt, dies vollkommen verdient zu haben. Ich habe überhaupt während meiner ganzen Kindheit nie die entsetzliche Bitterkeit des Gefühles kennen gelernt, ungerecht gestraft zu werden, sondern immer die Empfindung gehabt,  dass Soll und Haben in dieser Hinsicht zu meinen Gunsten abschlössen. Kinder haben oft ein sehr feines Gerechtigkeitsgefühl und so hat mir der Umstand, dass ich bei einer Gelegenheit nicht genug Strafe bekommen hatte, mehr Qual bereitet als jede Züchtigung, die mir sonst geworden ist. Ich hatte meinen drei Jahre jüngeren Bruder Werner mit einem Stück Fischbein geschlagen und zwar so, dass ich es durch Zurückbiegen an seine Hand schnellen liess, was bekanntlich sehr weh thut. Er schrie nach der Mutter; diese kam und schlug mich zur Strafe mit dem dünnen Fischbein ein paar Mal einfach über die Hand, was ich natürlich garnicht fühlte. Aber in der Seele that es mir weh, und eine unendliche Rührung überkam mich über die Güte und den Edelmuth meiner Mutter, die mich so nach der besseren Seite hin verkannte. Ich verkroch mich tief ergriffen in einen Winkel, wo meine Thränen unaufhaltsam flossen. Noch nach Jahren konnte ich  diesen Eindruck nicht verwinden und tiefe Rührung ergriff mich stets, wenn mir dieser kleine Vorgang wieder einfiel. Hätte sie mich auf dieselbe schmerzhafte Weise gestraft, wie ich gesündigt hatte, so wären wir quitt gewesen und niemals wäre mir meine Mutter aus diesem Anlass in einem so engelhaft erhabenen Lichte erschienen, wie es nun der Fall war.

In Perlin verblieb mein Vater bis zu meinem neunten Jahre, bis Anfang 1852, und diese Zeit erscheint mir in meiner Erinnerung als die eines ungetrübten Glückes. Der Ort war aber auch ein richtiges Kinderparadies. An das neuerbaute geräumige Haus schloss sich ein sehr grosser Garten mit unzähligen Obstbäumen und Beerensträuchern. Er enthielt viele Lauben und dichte Gebüsche, in denen man einsam hausen und Robinson und Einsiedler spielen konnte, und in der Nähe des Hauses bildete er einen Winkel,  die sogenannte Kapellenecke; hier schloss sich unmittelbar, nur durch eine niedrige Feldsteinmauer getrennt, der Kirchhof an wie eine Fortsetzung des Gartens. Ich betrachtete ihn auch so und spielte gern zwischen den verwilderten Gräbern und unter den riesigen Linden an seinem Eingange und stieg gar oft auf den alten grau bemoosten Glockenstuhl neben der Kirche, um die Glocken zu bewundern, die für mich etwas von lebenden Wesen hatten. Die kleine Landkirche war aus Findlingsblöcken und Ziegeln von grossem Format erbaut und an den gothischen Fenstern ihres Chores nisteten Hunderte von Schwalben, deren kugelige Nester die Linien der Architektur begleiteten, und deren unablässiges Ab- und Zufliegen, Schwirren und Schrillen mir noch heute vor Auge und Ohr steht. In der Nähe unseres Gartens, in einer Gruppe von Bäumen und Gebüsch lag die gräfliche Grabkapelle, für mich ein Ort von stillen Schauern umweht. Denn dort ruhte die  junge Gräfin ganz allein in einem von verdorrten Kränzen bedeckten Sarge. Ich erinnere mich nicht, sie noch lebend gesehen zu haben, allein mein Vater erzählte von ihrer Anmuth, Schönheit und Güte, und ich konnte dann lange ihr Bild betrachten, das in seinem Zimmer hing, oder mit dem Gesicht ans Gitter gedrückt in die dämmerige Kapelle starren und wunderlichen Gedanken nachhängen.

Ich hatte von Kind an einen Hang zum einsiedlerischen Leben und erinnere mich nicht aus jener Zeit an viele Gespielen unter den Dorfkindern. Nur eines flachshaarigen Jungen gedenke ich, der mich, als ich etwa acht Jahre alt war, an einem kühlen Herbsttage dazu verführte, barfuss zu gehen, wie er, und dabei aus einer Schilfrohrpfeife Kartoffelkraut zu rauchen. Als ich nachher mit grosser Begeisterung von diesen mannhaften Thaten erzählte, ward der Umgang mit diesem Jünglinge eingeschränkt. Ich weiss nicht, ob dieser derselbe war, der mir einmal  eine Schilderung von einer Delikatesse entwarf, die er in einer Stunde ausschweifender Phantasie sich als das Höchste ausgemalt hatte: »Denk di mal«, sagte er, »ierst Brot, äwer nich to dick, un denn fett Bodder up, un dor Speck up, un up den Speck Pannkoken, un denn wedder Bodder un denn wedder Speck und denn wedder Pannkoken, un noch’n poormal so – ick segg di, Paster-Heinerich, dat smeckt fein!« Nun, das glaubte ich schon, aber dass er solchen kostbaren und verwickelten Leckerbissen schon einmal erhalten hätte, wie er mir einreden wollte, das bezweifelte ich ein wenig, obwohl er schwor: »Dei Hahn sall mi hacken, wenn’t nich wohr is!«

Ich lernte früh lesen und benutzte diese Kenntniss, um den Inhalt jedes Buches, das ich bekommen und bewältigen konnte, mit einer wahren Gier zu verschlingen. Später, als ich schon längst erwachsen war, habe ich von den verschiedensten Leuten, die mich als Kind  gesehen hatten, den Ausspruch gehört: »Ja, ich erinnere mich Ihrer noch sehr wohl, Sie lagen immer auf den Knieen vor einem Stuhle und lasen.« Von dieser Lieblingsstellung bei solchem Geschäfte hatte ich ordentlich Schwielen an den Knieen. Ein Buch, das mich durch irgend einen bildnerischen Schmuck oder durch irgend einen Satz, den ich darin erschnappt hatte, anzog, wich, auch wenn ich es nicht zu lesen bekam, jahrelang nicht aus meiner Vorstellung. So erinnere ich mich, dass unter einer Ansichtssendung zu Weihnachten ein Buch war, dessen Titelbild einen jungen Menschen zeigte, der sich durch Rauch und Flammen an einem Stricke herabliess. Ich bekam es nicht zu lesen, aber wie wundervoll musste ein Buch sein, das solche Bilder hatte! Jahrelang war es einer meiner sehnlichsten Wünsche, es möchte mir einmal wieder vorkommen, doch erst nach langer Zeit, als wir schon in der Stadt wohnten, fiel es mir durch Zufall in die Hände. Es  stellte sich heraus, dass es höchst langweilig war.

Mein Vater hatte sich einmal eine hübsch illustrirte Ausgabe von Tausendundeiner Nacht geliehen. Er gab mir in seiner Gegenwart die Bilder zu besehen, aber ich sollte nicht darin lesen. Hätte er geahnt, welche Tantalusqualen er mir dadurch schuf, so hätte er mir das Buch gar nicht in die Hände gegeben. Ich denke noch jetzt oftmals an die Marter, die es mir bereitete. Was bedeutete nun wieder dies wunderbare phantastische Bild? Wie mit Polypenarmen kam es aus den schwarzen Druckzeilen hervor und zog meine Augen an sich, und ehe ich selber es recht wusste, las ich auch schon: »Da spaltete sich auf einmal die Mauer, und es kam aus der Oeffnung ein schönes Mädchen heraus, von hübschem Wuchse, oval gebildeten Wangen, ohne Tadel, die Augen mit Kohle bemalt; sie hatte ein Oberkleid von Atlas an mit Kreisen aus ägyptischen Blumen, kostbare Ringe an  den Ohren und am Arme, und in der Hand trug sie ein indisches Rohr. Sie steckte das Rohr in die Pfanne und sagte mit wohltönender Stimme: ›O, Fisch, hältst du dein Versprechen?‹« … Mein Vater, dem es auffiel, dass ich so lange nicht umblätterte, sah dann mit einemmal von seiner Arbeit auf und sagte: »Heinrich, du liest doch nicht?« Mit einem unterdrückten Seufzer musste ich dann wieder umschlagen, und erst viele Jahre später erfuhr ich, wie diese Geschichte weiterging.

Mein Vater hatte eine Gemeindebibliothek angelegt, und in dieser fand ich manche Bücher, die mir unvergleichliches Vergnügen bereiteten, so die vorzüglichen Erzählungen von Karl Stöber, insbesondere »Das Elmthäli«, dann Hebels »Schatzkästlein« und dergleichen gute Volksbücher. Die allergrösste Wirkung auf mich machte aber eine Erzählung, von der ich sonderbarer Weise weder den Titel noch den Verfasser weiss und von deren Inhalte ich nur eine dunkle Vorstellung  habe. Ich glaube, es erstickte ein kleines Mädchen im Heu und eine Mutter wurde darüber wahnsinnig. Diese Geschichte habe ich wohl an die dreissig Mal mit immer gleicher wollüstiger Wehmuth gelesen und Ströme von Thränen dabei vergossen. Ich gäbe viel darum, wenn ich dieses Buch einmal wieder lesen könnte.

Diese vorstehenden Sätze fanden sich auch in einer kürzeren Skizze meines Lebens, die 1889 im »Daheim« veröffentlicht wurde. Der Erfolg war überraschend. Ich bekam darauf hin nicht allein etwa ein Dutzend Briefe, die mir alle richtig den Titel des gesuchten Buches angaben, sondern auch von dem damaligen Pastor in Perlin, Herrn Radloff, dasselbe Exemplar zugeschickt, das ich als Kind gelesen hatte. Ferner schenkte mir eine Enkelin des Verfassers ein Exemplar der fünften Auflage dieses kleinen Werkes: »Bei Gott ist kein Ding unmöglich« von Gotthilf Heinrich von Schubert.

Dadurch nun kam ich in die Lage  diese Geschichte wieder lesen zu können und fand, was ich schon halb vermuthet hatte, dass sie auch nicht annähernd so ergreifend auf mich wirkte wie damals in der Kinderzeit. Uebrigens war es auch kein Mädchen, sondern ein kleiner Knabe, der im Heu erstickte. Mir fiel die Stormsche Strophe ein:

»Wir harren nicht mehr ahnungsvoll
Wie sonst auf blaue Märchenwunder;
Wie sich das Buch entwickeln soll,
Wir wissen’s ganz genau jetzunder«.

Und wenn es erlaubt ist, sich selber zu citiren; mein eigenes Gedicht »Das Lesen« kam mir in den Sinn, wo es am Schlusse heisst:

… Einmal nur, ach einmal,
So denk‘ ich oft, wenn müde und verdrossen
Mein Auge jetzt durch Bücherzeilen schweift,
Und all‘ die kleinen Teufel kritisch meckern,
Ach einmal nur möcht‘ so ich lesen können,
Wie damals in der gläub’gen Kinderzeit.

Noch eine andere Erzählung, die ebenfalls in diese Volksbibliothek eingereiht war, bot ein ganz besonderes Interesse,  da ihr Schauplatz mein Geburtsdorf war, zur Zeit des Dreissigjährigen Krieges. Auf dem Boden des Schlosses in Perlin hatte man eine alte Handschrift gefunden, die ein Protokoll enthielt, das einer der früheren Besitzer des Gutes, ein Herr von Lützow hatte aufnehmen lassen. Es enthielt die Aussagen eines alten Bauern über die Schicksale des Dorfes im Dreissigjährigen Kriege und den Zustand, in den es schliesslich gerathen war. Daraus ging hervor, dass in dem grossen und wohlhabenden Dorfe nur noch sieben Personen übriggeblieben waren, die alle in dem Pfarrhause, dem einzigen, das noch erhalten war, bei dem alten Pastor Dörnerg wohnten. Ausserdem hauste in der Nähe auf einer verlassenen Glashütte noch eine Person von verruchter Gemüthsart, Namens Fieke Roloff. So hiess sie nach dem Küster des Dorfes, denn sie war ein Findelkind und von den Küsterleuten aufgezogen worden, hatte sich aber bald auf die schlechte Seite gelegt, war, als der Küster,  um den Schrecknissen des Krieges zu entgehen, nach Ostpreussen entfloh, im Dorfe geblieben und hatte sich in der verlassenen Glashütte eingenistet. Nun kam Fritz Kienhorst, ein im Kriege verwildertes Dorfkind zurück, brachte Verwirrung und Unfrieden in die kleine, um ihren Pastoren geschaarte Gemeinde und verbündete sich schliesslich mit Fieke Roloff und zwei anderen bösartigen Gesellen, um den im Keller des Pfarrhauses eingemauerten Schatz des Gutsherrn zu rauben. Durch die rechtzeitige Dazwischenkunft des ebenfalls aus dem Kriege zurückkehrenden Dorfkindes Balthasar Scharfenberg aber ward die Sache vereitelt, die Tugend siegte, und alle bösen Gesellen erhielten ihren verdienten Lohn.

Mein Vater, der sich dies Schriftstück zur Ansicht ausgebeten hatte, studirte es mehrfach mit grossem Interesse durch und schickte es dann auf das Schloss zurück. Dort blieb es in der Bedientenstube liegen, und als man später danach  fragte, war es verschwunden. Nun machte sich mein Vater daran, aus dem Gedächtnisse den Inhalt dieses Schriftstückes wieder aufzuzeichnen, und daraus entstand schliesslich die Volkserzählung: »Balthasar Scharfenberg oder ein mecklenburgisches Dorf vor 200 Jahren«. Das war nun eine Geschichte, wohlgeeignet in mir lebendig zu werden, denn alle Orte, die dort erwähnt wurden, waren mir gut bekannt. Zwar das alte Pfarrhaus stand nicht mehr, aber mein Vater hatte noch darin gewohnt, und im Keller hatte man ihm die Nische gezeigt, wo damals der Schatz eingemauert gewesen war. Einer von den Perliner Bauern hiess Scharfenberg, war ein direkter Nachkomme jenes Mannes und wohnte in demselben Gehöft, das dieser sich, als ruhigere Zeiten kamen, wieder aufgebaut hatte. Auf der Stelle, wo die Glashütte gestanden hatte, war jetzt Ackerland, jedoch beim Pflügen kamen immer noch buntfarbige Schlacken und Glasbutzen zum Vorschein, und wir Kinder sammelten  sie, denn sie erschienen uns wie ehrwürdige Alterthümer. Einmal zeigte mir mein Vater auch die fichtenbewachsene Halbinsel am See, wo der schwarze Peter, einer jener Raubgesellen, auf der Flucht ins Wasser sprang, um sein Leben durch Schwimmen zu retten, jedoch elend ertrank. Das Merkwürdigste in Bezug auf diese Geschichte erlebte ich aber später, als ich in Hannover das Polytechnikum besuchte. Wir hatten in unserer Verbindung einen jungen Mann aus Ostpreussen, Namens Roloff. Dieser fragte mich eines Tages: »Du, hat nicht dein Vater eine Geschichte geschrieben: Balthasar Scharfenberg?« »Jawohl«, sagte ich. Da fuhr er fort: »In der Geschichte kommt doch ein Küster Roloff vor, der nach Ostpreussen auswandert. Sieh mal, das ist mein Vorfahr.«

Da ich nun einmal vom Lesen handele, das in meiner Kindheit und Jugend eine grosse Rolle spielt, so muss ich noch eines anderen Dichters gedenken, der damals  grossen Einfluss auf mich gewann. Das war Robert Reinick, dessen köstliches ABC-Buch mir mein Vater geschenkt hatte und dessen herrlicher Jugendkalender alljährlich auf meinem Weihnachtstische lag. Wenn ich später in meinem Leben an die vierzig Märchen oder märchenartige Geschichten geschrieben habe, so ist Robert Reinick daran nicht ohne Schuld gewesen. Besonders die »Schilfinsel«, die ich ungezählte Male las, entzückte, rührte und ergriff mich stets aufs Neue. Wer meine »Wintermärchen« (Glogau, Flemming) aufschlägt, der wird in der »schwimmenden Insel« und in »Erika« die Spuren dieser kleinen Geschichte wiederfinden. Fast ebenso entzückte mich das mehr heitere Märchen »Rübezahls Mittagstisch« mit den köstlichen kleinen Bildern. Insonderheit den alten bemoosten und bewachsenen Felsblock mit den winzigen Figürchen darauf konnte ich mir stundenlang betrachten. Der grösste Theil des Inhalts dieses unvergleichlichen Jugendkalenders  und noch einiges Andere befindet sich in »Robert Reinicks Märchen-, Lieder- und Geschichtenbuch«, einem der besten Kinderbücher, die wir besitzen, und oft vertiefe ich mich noch jetzt in seinen Inhalt und gedenke dabei der Tage meiner Kindheit.

Robert Reinick ist nicht alt geworden und ich erinnere mich noch genau, wie mein Vater eines Tages im Februar 1852 aus der Zeitung aufblickte und zu mir sagte: »Du, Heinrich, Robert Reinick ist gestorben«. Der Tod selbst machte nach Kinderart keinen besonderen Eindruck auf mich und nur mittelbar trat mir dies Ereigniss näher durch den Gedanken: »Nun giebt’s keinen Jugendkalender mehr!«

Mehr noch als alles andere trug dazu bei, meine schon sowieso leichtbewegliche Phantasie anzuregen, eine unverheirathete Schwester meines Vaters, Tante Therese, die mit ihrer Mutter in dem benachbarten  Städtchen Wittenburg wohnte und uns alljährlich in Perlin besuchte. Sie hatte eine besondere Gabe zu fabuliren, und auf unseren Spaziergängen lebten wir stets in irgend einer erträumten Welt. Ich erinnere mich, dass wir einmal, während die untergehende Sonne durch die Bäume schien, in einem kleinen Wäldchen auf gefällten Stämmen sassen. Natürlich befanden wir uns nicht an einem Orte, der nur eine halbe Stunde von dem mecklenburgischen Kirchdorfe Perlin entfernt war, sondern ganz wo anders, in dem ungeheuren amerikanischen Urwalde nämlich. Denn wir waren Ansiedler und beriethen uns sehr sorgfältig, wie wir unser Blockhaus bauen und was wir in unserm Garten pflanzen wollten. Das wunderliche Phantasieleben, das wir mit einander führten, habe ich in meiner Erzählung »Der schwarze See« (Bd. IX d. ges. Schr.) ausführlicher dargestellt. Meine Tante wusste eine Menge Geschichten zu erzählen, die sie gelesen, erlebt oder erdacht hatte, und  da ich mit dergleichen nicht zu sättigen war, so kann man sich denken, wie ich an diesem Borne sog.

Eine von diesen Geschichten hiess »Die schwarze Blume« und hat sich mir so eingeprägt, dass ich den Inhalt noch jetzt wiedergeben kann. Ein sehr schönes Mädchen war wegen irgend einer That von einer bösen Fee verwünscht worden, als Abzeichen auf der Stirn eine schwarze Blume zu tragen, deren Anblick Jedermann mit Grauen und Entsetzen erfüllte. Nur am Sonntage war sie davon befreit. Desshalb lebte das Mädchen die Woche über in der Verborgenheit oder wagte sich höchstens in einen dichten schwarzen Schleier gehüllt in der Dämmerung oder Nacht auf die Strasse, des Sonntags aber mischte sie sich unter die Menschen und entzückte dann Jedermann durch ihre Schönheit. So sah sie ein junger Prinz und verliebte sich sehr in sie. Sie aber widerstand seinen Werbungen, weil sie wusste, er würde beim Anblick der  schwarzen Blume sich vor ihr entsetzen. Jeden Sonntagabend, wenn es dunkel ward, entschwand sie ihm plötzlich und trotz aller Nachforschungen vermochte der Prinz nicht zu entdecken, wo sie sich die Woche über aufhielt. Darüber wurde seine Liebe immer stärker und die ganze Woche war ihm nur ein Harren auf den Sonntag. So war schon fast ein Jahr vergangen, da erschallte einmal an einem Freitag grosses Wehgeschrei durch die Stadt und man rief sich zu, der Prinz sei von einer giftigen Schlange gebissen worden und müsse sterben. Plötzlich drängte sich durch den Haufen der rathlosen Hofbeamten und Aerzte ein schwarz verschleiertes Mädchen, warf sich über den Prinzen hin und sog ihm das Gift aus dem Munde. Und diesem, dem schon die Blässe des Todes das Antlitz bedeckte, rötheten sich auf’s Neue die Wangen, seine fast erloschenen Augen fingen an zu glänzen und er richtete sich kräftig empor. Das Mädchen wollte sich still entfernen,  der Prinz aber griff nach ihrem Schleier und dieser blieb in seiner Hand. Ergebungsvoll senkte das Mädchen die Augen, aber kein Schreck malte sich in den Zügen des Prinzen, sondern nur eitel sonnige Freude. Denn durch diese That war der Fluch von ihr genommen und ihre Stirn strahlte, obwohl es Freitag war, in dem reinsten Silberglanze. Natürlich war dann eine grosse Hochzeit und sie lebten lange und glücklich bis an ihr seliges Ende.

Zuweilen besuchte ich meine Tante in Wittenburg auf längere Zeit, wo ich dann von ihr und der Grossmutter sehr verzogen wurde. In dieser Stadt gefiel es mir stets sehr wohl, nur an dem Schützenhause ging ich nicht gern vorbei, denn das war für mich ein Ort des Grauens. Ich hatte als Kind eine heftige Abneigung gegen den Knall der Gewehre, wie überhaupt gegen alle überlauten Geräusche. Das mochte wohl der erste Grund sein, dann aber hatte ich eine fürchterliche Angst vor dem Schützenkönig, der mir  oft in den schrecklichsten Angstträumen erschienen war als ein mordlustiger Tyrann in der Art des Königs von Dahomey mit dem Motto »Blut muss fliessen knüppeldick«. Traum und Wachen waren mir so in eins geflossen, dass ich stundenlang darüber nachgrübelte, warum wohl in der guten Stadt Wittenburg solch ein entsetzliches Scheusal geduldet würde. Nur mit Furcht und Zittern ging ich an dem Hause vorbei, hinein hätten mich auch die lockendsten Versprechungen nicht gebracht.

Da war es denn doch besser in Perlin, wo nur lauter gute Leute wohnten, die sich alle bemühten gegen Paster-Heinerich freundlich zu sein und ihm nicht in grässlichen Träumen vorkamen, mochten sie nun geringen oder hohen Standes sein. Könige gab es da zwar nicht aber doch den alten Grafen B., dem das Gut gehörte und der in einem stattlichen Hause wohnte, das von einem schönen Park umgeben war und das Schloss genannt wurde. Zwar  ich habe es als Kind nie für ein richtiges Schloss aestimirt, denn solches musste nach meiner Ansicht eine Fülle von Thürmen und schön gezierten Giebeln haben wie z. B. das Schweriner, und dies in Perlin war doch nur ein recht stattliches Haus mit einem Kofferdach.

Der alte Graf B. war ein stiller friedlicher Mann, der Niemandem etwas that und ausschliesslich für sein Diner lebte, denn er war ein grosser Feinschmecker und bezog allerlei Delikatessen aus Hamburg zum Theil durch Eilboten. Den ganzen Vormittag über und des Abends genoss er fast garnichts als ein Tässchen Kaffee, Bouillon oder Thee und einige Bisquits und sparte seine ganze Kraft auf das Mittagessen, das um vier Uhr stattfand und zu dem er sich durch planmässige Spaziergänge Appetit erzeugte. Mein Vater, der öfters dort eingeladen war, pflegte später zu sagen, er habe beim Grafen B. an einem Wochentage besser gespeist als beim Grossherzog von  Mecklenburg an einer Festtafel. Ich bewahre noch eine freundliche Erinnerung an die geräumige Schlossküche, wo es so lieblich duftete und schneeweiss gekleidete Köche in bläulichem Gewölk wie Opferpriester ihres Amtes walteten.

Nach dem Schlosse zu kommen trachteten wir Kinder sehr, denn dort war Alles wie aus einer besseren Welt. Der alte Graf, die alte Gräfin und ihre Tochter Gräfin Klara waren natürlich höhere Wesen, sie liessen es uns aber nicht fühlen und waren gütig gegen uns. Auf der grossen kühlen Diele des Schlosses, die mit weissen und schwarzen Marmorfliesen gepflastert war, befand sich ein Schrank, der eine ganz besondere Anziehungskraft auf uns ausübte. Wenn wir bemerkten, dass es zu diesem Schranke hinging – und sein Besuch gehörte stets zum Programm, wenn wir einmal dort waren – folgten wir der alten Gräfin stets mit liebevoller Hingabe. Er enthielt allerlei Süssigkeiten und Näschereien, er war gewissermassen ein  Dessert-Schrank, und insbesondere erinnere ich mich gewisser kleiner Bisquit-Pantöffelchen, die auf der Zunge zerschmolzen und ganz bezaubernd nach Vanille schmeckten. Wenn ich meine offene Meinung sagen darf, so bin ich der Ansicht, dass es so köstliche Dinge, wie dieser Schrank enthielt, heutzutage garnicht mehr giebt.

Das Zimmer der Gräfin Klara erschien mir immer als ein besonderes Heiligthum. Schon der feine Duft, der dort herrschte, hatte etwas feierlich Stimmendes und dann war dort ein Schrank mit vier Glaswänden, der so viele kleine Zierlichkeiten und köstliche Dinge enthielt, dass man stundenlang daran zu besehen hatte. Von allem, was er enthielt, habe ich merkwürdiger Weise nichts behalten, ich weiss nur noch, dass es wunderbar war.

Ausserdem war noch ein Kind im Hause, die Tochter jener jungen Gräfin, die so allein in der Kapelle auf dem Kirchhofe ruhte. Der junge Graf hatte sich  wieder verheirathet; er lebte auf einem benachbarten Gute und hatte die Tochter erster Ehe seiner Schwester Klara überlassen, die das Kind zärtlich liebte und sich nicht von ihm zu trennen vermochte. Sie hiess Lila, und wenn ich an sie denke habe ich immer den Eindruck von einem blass violetten Seidenstoff. Sie war ein zartes Kind, und da man fürchtete, sie möge den Keim der Krankheit in sich tragen, der ihre Mutter erlegen war, so ward sie aufs Aeusserste behütet. Für uns war sie nolimetangere und nur wenn wir uns ganz unnatürlich gesittet und artig betrugen, durften wir einmal mit ihr in demselben Zimmer sein und zusehen wie sie spielte. Sie hatte natürlich die herrlichsten Sachen und ich erinnere mich noch eines kleinen wunderbaren Männchens mit beweglichen Gliedmassen, das die Stufen einer Treppe hinab Kobold schoss und dabei seine Arme und Beine so natürlich setzte wie ein Mensch. Dies erschien mir als der Gipfel menschliche Kunst.  Doch auch für uns kamen aus diesem Schlosse allerlei schöne Dinge, denn der junge Graf und seine Schwester waren als Kinder nicht solche Berserker gewesen wie wir und die Spielsachen, die sie damals benutzt hatten, standen alle noch wohl erhalten auf dem Boden. Dort wurde jeden Weihnachten etwas für uns hervorgesucht und so kamen wir zu einer schonen Laterna magika, deren roth geblümter Kasten mir noch deutlich vor Augen steht und womit ich mich an manchem Winterabend auf unserer weiss getünchten Diele vergnügte. Auch ein anderes Spielwerk, das mir später nie wieder begegnet ist, kam dort her. In einem schwarzen Kasten befand sich eine um eine senkrechte Spitze drehbare Trommel, die von innen erleuchtet werden konnte und dann zugleich durch den aufsteigenden heissen Luftstrom der Lichter vermöge eines metallenen Windrades in Bewegung gesetzt wurde. Ueber diese Trommel konnte man verschiedene andere schieben z. B. eine  buntfarbig gestreifte. Dann setzte man in die eine offene Seite des Kastens Papptafeln ein, in die durch kleine runde Löcher allerlei Bilder eingezeichnet waren, Blumensträusse, Tempel, Vasen und dergleichen. Wenn nun hinter diesen Bildern die buntgestreifte Trommel sich drehte, so flimmerten sie gar lieblich in stets wechselnden Farben. Oder man schob einen Rahmen von Oelpapier ein und liess dahinter die Hexentrommel sich drehen, in der allerlei greuliche Blocksberghexen ausgeschnitten waren, die dann als weisse gespenstige Gestalten vorüberzogen. Dies Spielwerk habe ich lange gehabt und mir stets neue Variationen dazu ausgedacht. Wenn ich später auf den Gedanken gekommen bin Maschinenbauer zu werden, so glaube ich fast, dass durch diese kleine Maschine der erste Anstoss zu dieser Berufswahl gegeben worden ist.

Am besten gefiel es uns aber von den Schlossbewohnern, dass wir in jedem Jahre nach Weihnachten zum Plündern des  Tannenbaumes eingeladen wurden. Der gräfliche Tannenbaum trug natürlich ganz andere Wunderdinge als der unsere, der ausser mit Aepfeln, Nüssen und Pfefferkuchen nur noch mit etwas billigem Naschwerk und mit einigen grossen Zuckerpuppen behangen war. Diese Puppen von solider Bauart aus festem weissen Zucker, farbig bemalt und geziert mit köstlichen goldenen und bunten Flittern, die gleich Edelsteinen glänzten, giebt es jetzt auch nicht mehr. Sie waren kostbare Stücke, wurden gleich Heiligthümern verehrt und jedesmal nach Weihnachten in die Sekretairschublade gelegt und für das nächste Fest aufbewahrt. War man sehr artig gewesen, so konnte man sie auch in der Zwischenzeit einmal besehen. So hatten sie schon viele Jahre ehrenvoll gedient. Wir Kinder aber wurden älter und ruchloser und an einem Weihnachten wurden sie, als sie noch am Tannenbaum hingen, angebissen und ihnen die Erde abgegessen, auf der sie standen, wodurch die kleinen Stöcke  zum Vorschein kamen, die gleichsam ihre Knochen bildeten und Ihnen ihren sittlichen Halt verliehen. Wir mochten uns wohl sagen, dass da ihr Beruf darin bestand, zu hängen, ihnen diese Erde nicht von wesentlichem Nutzen sein konnte. Ausserdem war sie von besonders dickem Zucker und sehr wohlschmeckend. Durch dieses Verfahren jedoch wurden diese Puppen in ihrem Aussehen so grausam geschändet, dass ferner mit ihnen kein Staat mehr zu machen war. Sie wurden nach der Plünderung des Tannenbaumes uns überantwortet und wir verzehrten den langjährigen Zucker mit vielem Behagen.

Was nun meinen Bildungsgang in dieser Zeit betrifft, wenn man ein so pomphaftes Wort für eine so einfache Sache anwenden darf, so lernte ich, wie schon gesagt, früh lesen. Ob bei meiner Mutter oder bei Küster Sandberg weiss ich nicht mehr, aber die Dorfschule habe ich in der ersten  Zeit besucht. Zur Schule musste ich über den Kirchhof gehen. Sie befand sich in einem alten Hause mit Strohdach. Zuerst kam man auf einen schwarz geräucherten Flur, wo sich der Heerd befand und durch die geöffneten Oberflügel der Hausthür der Rauch ging und die Schwalben aus und ein schossen. Rechts war das Schulzimmer und links die Wohnstube des Küsters Sandberg. Hatte mich dieser einmal gestraft, was wohl vorkam, denn für das Lernen in der Schule habe ich in meinem ganzen Leben kein Talent gehabt so nahm er mich nach Schluss der Stunde regelmässig mit in sein Zimmer. Dort standen auf einer Kommode einige Schautassen und aus der einen davon erhielt ich dann ein ganz kleines Stück Kandieszucker, ob als Aequivalent für die ausgestandene Strafe, oder damit ich zu Hause nichts sagen sollte, weiss ich nicht.

Wir hatten einige Pensionäre, die mein Vater unterrichtete, und später nahm ich auch an solchem Unterricht theil. Zuletzt  wurde zur Aushilfe ein Seminarist als Lehrer angestellt, und ich erinnere mich sehr genau, wie dieser kleine freundliche junge Mann bei uns eintraf. Ich war natürlich dabei, als er seinen Koffer auspackte, und interessirte mich für jedes neue Ding, das da zum Vorschein kam. Endlich holte er einen länglichen, in Papier gewickelten Gegenstand hervor, wickelte ihn aus, und siehe da, es war ein Ende spanischen Rohrs. Du liebe Zeit, in der Umgegend wuchsen ja unzählige Haselbüsche, aber er hatte wohl gedacht, jeder richtige Mann führt sein Handwerkszeug bei sich. Als er den Stock beiseite legte, sagte er mit freundlichem Lächeln zu mir: »Nun, den werde ich wohl nie brauchen.« Trotz dieser liebenswürdigen und optimistischen Aeusserung betrachtete ich das Erziehungsinstrument mit Misstrauen, und etwas wie dunkle Zukunftsahnung rieselte mir den Rücken entlang.

Aus der letzten Zeit meines Aufenthaltes in Perlin stammen auch meine  ersten Erinnerungen an politische Ereignisse, deren Wiederklang aber nur wie ein fernes Summen in die Einsamkeit unseres abgelegenen Dorfes drang. Es kam ein wandernder Fremdling mit einer Drehorgel und einer furchtbaren Mordgeschichte, die auf eine grosse Leinwandtafel gemalt war und von ihm mit heiserer Stimme und einem langen Rohrstocke beweglich explizirt wurde. Ausserdem hatte er aber auch noch »vier schöne neue Lieder, gedruckt in diesem Jahr« und ich höre es noch wie er mit furchtbarer Inbrunst sang:

»Schleswig-Holstein stammverwandt,
Wanke nicht, mein Vataland!«

Seitdem sang das ganze Dorf dieses Lied. Später ritt auch einmal Oesterreichische Kavallerie durch. Wir Kinder standen mit zwei Dienstmädchen auf dem hochgelegenen Kirchhofe und sahen die weissgekleideten Reiter unten vorbeiziehen. Sie warfen den Mädchen Kusshände zu und riefen sie an: »Schöne Minka«, worüber  diese sich fast zu Tode kichern wollten. Es ist ihnen gewiss eine Erinnerung für’s Leben gewesen. Als wir vor dieser Zeit bei meiner Grossmutter zu Besuch waren, die unterdes das Gut Bredentin bei Güstrow gepachtet hatte, war dort wegen der Unruhen im Lande ein Gensdarm einquartiert. Er war sehr gutmüthig und spielte gern mit uns Kindern. Wegen seiner tiefen Schwärmerei für Lederkäse wurde er nur »die Kässchandarre« genannt. Dies sind meine Kindheitseindrücke vom Jahre 1848 und vor der Schleswig-Holsteinschen Erhebung.

Ich war schon über neun Jahre alt geworden und eines Morgens gerade beschäftigt schwarzes Brot in meine heisse Milch zu brocken, als mein Vater das Wort ergriff und uns mit bewegter Stimme mittheilte, wir würden nun bald Perlin verlassen und nach der Residenzstadt Schwerin ziehen, da er dorthin an die Nikolaikirche berufen worden sei. Obgleich sonst Kinder alles Neue mit Jubel  begrüssen, so ergriff mich doch wohl der Ton, mit dem der Vater dieses vorbrachte, so, dass einige Thränen in meine heisse Milch fielen. Auch später dachte ich nicht mit Freude an diese Uebersiedelung, denn es ward mir bald klar, was wir verlieren würden, ohne ähnliches dafür einzutauschen. Dort würden wir keine Kühe haben, keine Schweine, Gänse und Enten, höchstens einige Hühner. Auch unsere beiden hübschen Littauer Pferdchen Peter und Liese mussten verkauft werden, und ich konnte dann nicht mehr mit dem Vater über Land fahren, fremde Pastoren und Gutsherren zu besuchen und allerlei Abenteuer zu erleben. Nun erschienen mir alle die kleinen Annehmlichkeiten, die das Landleben bietet, in glänzendem Lichte. Es gab so vieles, von dem man Abschied nehmen musste, aber am meisten that es mir doch leid um unseren schönen grossen Garten, wo ich jeden Baum und jeden Strauch persönlich kannte und in jedem Winkel zu Hause war. Welch ein Füllhorn  köstlicher Gaben war er aber auch für uns. Die Stachelbeeren, die er bot, waren von uns vier Kindern nicht zu bewältigen und in guten Jahren streute er so viel rothe und gelbe Pflaumen aus, dass sie waschkörbeweise an die Schweine verfüttert werden mussten, weil dergleichen Obst in der abgelegenen Gegend gar keinen Werth hatte. Manche Bäume erntete ich ganz allein ab, weil sich niemand um sie kümmerte. Am meisten schätzte ich aber die Früchte, die bei der Ernte an den Bäumen vergessen oder übersehen wurden, dort vollständig ausreiften und dann nach und nach einzeln von selber abfielen. Diese erschienen mir immer ganz besonders köstlich und wohlschmeckend. Zur Zeit der Obsternte baute ich mir dann aus Ziegeln und Brettern in einem abgelegenen Gebüsch sogenannte »Muddelkisten«, wo ich wie ein Geizhals meine Schätze aufspeicherte. Unser Garten grenzte an zwei Seiten an den Schlosspark und dort war an dem ganzen Reisigzaune entlang Gebüsch  gepflanzt, darunter viele mächtige Haselnusssträuche, die ihre Zweige zu uns hinüber streckten und im Herbste war es dann ein köstlicher Sport, die abgefallenen Nüsse aufzusuchen, die sauber, braun und glänzend zwischen dem welken Laube lagen. Welch eine Fülle von kleinen Freuden bot uns nicht der Lauf des Jahres auf dem Lande, aber es half nichts, von alledem mussten wir Abschied nehmen, und kurz vor unserer Abreise ward sogar Phylax verschenkt, unser getreuer alter Haushund, mit dem ich aufgewachsen war. Ein befreundeter Pastor wollte ihn an sich nehmen und kam in einer Glaskutsche, um ihn abzuholen. Aber kaum hatte man den Hund hineingelockt und die Thür geschlossen, so sprang er auch schon mit einem mächtigen Satze durch die klirrende Glasscheibe wieder hinaus und ausser sich vor Freude über seine Befreiung an uns in die Höhe. Aber es half ihm nichts, er wurde in einen Sack gesteckt und musste trotz seines jammervollen Gewinsels  doch mit. Es war herzzerreissend. Man hat das treue Thier in dem neuen Wohnorte an die Kette gelegt, weil es sonst nicht geblieben wäre, und dort ist es bald aus Gram gestorben.

An einem Tage, da der Regen unablässig vom Himmel strömte, ward der Umzug bewerkstelligt, und von nun ab that sich eine neue Welt vor mir auf. Aber die alte vergass ich nie, ich hatte lange Heimweh nach ihr, und noch jetzt gedenke ich ihrer, wer weiss wie oft.

Hold Erinnern schwebt mir vor,
Wie um Fensterbogen
An dem alten Kirchenchor
Tausend Schwalben flogen.

Schwalben rings ohn‘ Unterlass
In den Lüften wiegend,
Wo ich schöne Märchen las
Zwischen Gräben liegend.

Jene grüne Einsamkeit
Ist schon lang versunken,
Wo ich in der Kinderzeit
Poesie getrunken.

Doch, wenn heut die Schwalben schrein,
Die im Licht sich schwenken,
Meiner Kindheit Morgenschein
Muss ich still gedenken.

Denn die Sehnsucht dauert fort
Nach der Jugend Bäumen,
Und noch immer wandl‘ ich dort
Nachts in meinen Träumen.

Ja, wohl hundert Mal im Laufe der Jahre bin ich dort im Traum umhergewandelt. Aber immer mit dem Gefühl, dass ich dort nicht mehr hingehöre und mit der stillen Furcht, was wohl der jetzige Besitzer sagen würde, wenn er mich in seinem Eigenthum träfe. Aber niemals kam Jemand. Zuweilen ging ich in solchem Traume in das Haus, um mir zuvor die Erlaubniss zu erbitten die geliebten Stätten meiner Kindheit besichtigen zu dürfen, allein obwohl ich Stimmen hörte in der Ferne und das Schlagen von Thüren, so durchwanderte ich doch die sämmtlichen Räume ohne Jemand zu finden, oder wenn ich dort Menschen antraf, so sahen sie mich nicht, als sei ich Luft. Dieser Traum ist nicht wiedergekehrt, nachdem er einmal eine besonders wunderliche und neue Form angenommen hatte. Als ich in das Haus trat, war ich erstaunt Alles dort  prachtvoll verändert zu finden, so dass ich zu der Meinung kam, der jetzige Prediger müsse wohl ein sehr reicher Mann sein. Die Möbel waren mit köstlichem Schnitzwerk bedeckt und überall schimmerten seidene Vorhänge und farbige Teppiche aus dem Orient. Als ich in das Speisezimmer trat, stand da ein mit dem feinsten Linnen gedeckter Tisch mit den Resten einer reichen Mahlzeit; in den zierlich geschliffenen Kelchen der Kristallgläser blinkten die Neigen köstlicher Weine und überall herrschte jene unnachahmliche Unordnung, die eine von der Tafel aufstehende Gesellschaft hinterlässt. Es war aber Niemand dort zu sehen oder zu hören, nur in einer Ecke plätscherte zwischen Blattpflanzen ein kleiner Springbrunnen. Ich ging nun hinaus in den Garten, aber auch dort war Alles ganz sonderbar verändert. Man hatte dort prächtige, von hellem Marmor schimmernde Museen erbaut mit glänzenden Thüren aus vergoldeter Bronze. Ein alter Mann führte  mich dort umher und ich fand alle diese Räume angefüllt mit köstlichem Geräth, aus Gold, Silber und seltenen Steinen. Da waren Kunstwerke aus Perlmuttermuscheln, Strausseneiern, Bernstein und geschnitztem Lack und allerlei Naturseltenheiten, merkwürdige Vogelnester und seltsam gefärbte Eier, schimmernde Erzstufen und angeschliffene Kristalldrusen. Ich war auch nicht allein dort, sondern, da es Sonntag war, so war eine Menge von Landvolk herbeigeströmt, wanderte halb scheu vor der ungewohnten Pracht durch die Säle und starrte auf die meist unverständlichen Dinge hin, die sie umgaben. Ich aber hätte gern statt dessen meinen alten lieben und wohlbekannten Garten wieder gehabt, allein seitdem ist er aus meinen Träumen verschwunden.

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