Vierzehntes Kapitel – Ins Unbekannte

Noch nie hatte ich mich so unglücklich gefühlt, wie seit meiner Einlieferung ins Bagno von Toulon. Mit vierundzwanzig Jahren war ich mit den abscheulichsten Verbrechern zusammengepfercht und mußte in steter Berührung mit ihnen zu stehen – unter einem Haufen Verpesteter zu leben, wäre mir lieber gewesen. Noch nie hatte ich mich in einer Lage befunden, in der mir eine Flucht dringender erschienen war. Alle meine Gedanken beschäftigten sich mit der Möglichkeit eines Entkommens. Die verschiedenartigsten Pläne kamen mir in den Kopf, aber Pläne allein genügten mir nicht. Zur Ausführung mußte ich auf einen günstigen Moment warten, bis dahin war Geduld das einzige Mittel gegen meine Leiden.

An meine Bank waren auch ein paar gewerbsmäßige Diebe angeschmiedet, die bereits mehrere Fluchtversuche gemacht hatten; durch sie wurde auch ich also viel schwerer bewacht als üblich. Die Stockmeister konnten aus ihren Zelten, die wenige Schritte von uns lagen, unsere leisesten Bewegungen übersehen. Der älteste unter ihnen, der alte Mathieu, hatte Luchsaugen und besaß eine solche Menschenkenntnis, daß er auf den ersten Blick wußte, ob man ihn hintergehen wollte. Dieser alte Fuchs war gegen sechszig, aber seine robuste Konstitution schien des Alters zu spotten. Nichts machte ihm mehr Freude, als wenn er von den zahlreichen Stockhieben erzählte, die er austeilte oder austeilen ließ. Er lag im ewigen Krieg mit den Galeerensklaven, und keiner ihrer Schliche blieb verborgen. Sein Mißtrauen ging so weit, daß er selbst dort Verschwörungen sah, wo es keine gab.

Man kann sich denken, daß es nicht leicht war, einen solchen Cerberus einzuschläfern. Ich versuchte jedoch seine Gunst zu erhaschen, – ein Unternehmen, das noch keinem geglückt war. Aber bald sah ich ein, daß ich mir nicht leere Hoffnungen vorgegaukelt hatte: sein Wohlwollen wuchs zusehends. Mathieu redete mich einige Male an. Das war ein Zeichen, wie die Alten sagten, daß er mich gut leiden mochte. Ich konnte es also schon wagen, eine Bitte vorzubringen.

Eines Tages bat ich ihn um die Erlaubnis, Kinderspielzeug aus dem Holz verfertigen zu dürfen, das die Sträflinge mir von ihren Arbeitsplätzen mitbrachten. Er willigte ein, unter der Bedingung, ich müsse mich „vernünftig“ benehmen. Am nächsten Morgen machte ich mich gleich an die Arbeit. Meine Kameraden arbeiteten aus dem Groben, ich führte die Feinheiten aus. Der alte Mathieu fand meine Arbeit hübsch. Als er sah, daß ich Gehilfen hatte, äußere er sogar seine Befriedigung darüber.

„Bravo!“ rief er, „so ein Zeitvertreib gefällt mir gut. Ihr solltet euch alle so beschäftigen; das würde euch zerstreuen, und mit dem Gewinn der Arbeit könnten ihr euch manche Annehmlichkeit verschaffen.“

In wenigen Tagen war die Zelle in eine Werkstatt verwandelt, vierzehn Mann saßen mit dem größten Eifer bei der Arbeit, alle von demselben Wunsch beseelt, sich die Langeweile zu vertreiben und etwas Geld zu gewinnen. Wir hatten stets fertige Ware. Die Sträflinge, die in die Stadt zur Arbeit gingen, verkauften sie uns und verschafften uns neues Rohmaterial. Einen Monat lang blühte der Handel; jeden Tag hatten wir reichliche Einnahmen. Aber bald kam der Moment, wo die Fabrikation aus Mangel an Absatz eingestellt werden mußte. Toulon war mit Spielzeug aller Art überschwemmt – wir mußten die Hände in den Schoß legen.

Da ich nichts Besseres anzufangen wußte, simulierte ich Schmerzen in den Beinen und kam ins Spital. Der Arzt, an den mich Mathieu als seinen Schützling empfohlen hatte, glaubte, ich sei nicht imstande zu gehen. Er war einer derjenigen Jünger Aeskulaps, die glauben, eine barsche Behandlung gehöre zu ihrem Beruf; aber im Grunde war er sehr human und hatte besonders für mich viel übrig. Der Oberchirurg hatte ebenfalls eine Zuneigung für mich gefaßt. Er vertraute mir selbst seine Verbandsbüchse an: ich zupfte Scharpie, bereitete die Umschläge vor, kurz, ich machte mich nützlich. Meine Diensteifrigkeit fand auch Gefallen, selbst der Aufseher der Krankenabteilung machte sich ein Vergnügen daraus, mir gefällig zu sein; und dabei gab es niemanden, der diesen Herrn Lhomme (so hieß der Mann) an Härte übertraf. Man nannte ihn scherzweise auch Ecce Homo, denn früher hatte er mit Gebetbüchern gehandelt. Obwohl dieser Lhomme ein sehr gefährliches Individuum war, so war er über mein Betragen ganz entzückt und mehr noch über die Flaschen Wein, die ich ihm zukommen ließ: er wurde zusehends menschlicher.

Als ich gewiß war, ihm keinen Argwohn mehr einzuflößen, lud ich meine Batterien. Ich hatte mir bereits eine schwarze Perücke und einen schwarzen Backenbart verschafft; außerdem hatte ich in meinem Strohsack ein Paar alte Stiefel versteckt. Aber das war erst die Kopf- und die Fußbekleidung. Zur Ergänzung meiner Toilette rechnete ich stark auf den Oberchirurgen, der die Gewohnheit hatte, Überzieher, Hut, Stock und Handschuhe auf mein Bett zu legen.

Eines Morgens war er gerade mit einer Armamputation beschäftigt. Lhomme assistierte ihm bei der Operation, die am anderen Ende des Saales stattfand. Die Gelegenheit zu einer Verkleidung war herrlich. Ich beeile mich auch, sie auszunützen. In meiner neuen Kleidung begebe ich mich an die Tür; hier muß ich an einem Haufen Unterwärter vorbeigehen. Ich riskiere es mit frecher Stirn, und schon glaube ich mich außer Gefahr, als ich Rufe vernehme: „Haltet ihn, haltet ihn! Es ist ein Sträfling, er will flüchten!“

Ich hatte höchstens noch zwanzig Schritte bis zum Tor; ohne die Fassung zu verlieren, verdoppele ich meine Schritte. Als ich an der Schildwache vorbeikomme, sage ich, indem ich auf eine Person deute, die gerade im Begriff ist, nach der Stadt zu gehen: „Schnell hinter mir her! Dieser Mensch ist eben aus dem Spital geflüchtet!“

Diese Geistesgegenwart hätte mich vielleicht retten können, aber beim Passieren des Gittertores fühle ich, daß jemand mich an der Perücke zieht. Ich drehe mich um und erblicke den Herrn Lhomme. Ich füge mich und lasse mich von ihm ins Bagno zurückbringen. Dort werde ich an die doppelte Kette gelegt.

Ich hoffte wenigstens recht bald wieder meine Spielzeugfabrik aufnehmen zu dürfen, aber Mathieu widersetzte sich dem, und ich war zur Untätigkeit gezwungen. Zwei Monate verstrichen, ohne daß die geringste Änderung in meiner Lage eingetreten wäre.

Einmal nachts konnte ich nicht schlafen. Plötzlich ging mir einer jener glücklichen Gedanken auf, auf die man nur im Dunkeln kommt. Ich weckte Jossas und teilte ihn ihm mit. Es handelte sich natürlich wie immer um ein Fluchtprojekt. Jossas findet die Idee vorzüglich und rät mir, sie nur ja durchzuführen.

Als eines Morgens der Galeerenkommissar während der Runde an mir vorbeikam, bat ich ihn um eine Privatunterredung.

„Was wünschest du?“ fragte er. „Hast du eine Klage vorzutragen? Sprich, mein Sohn, sprich offen, ich werde dir Gerechtigkeit widerfahren lassen.“

Durch diese Milde ermutigt rief ich: „Ach, bester Herr Kommissar, nicht ich, sondern mein Bruder ist aus dem Bagno von Brest geflüchtet. Mein Unglück ist, daß ich ihm ähnlich sehe … Ich weiß, daß es nicht in Ihrer Macht steht, den Beschluß des Gerichtshofes zu ändern, aber eine Gnade können Sie mir doch erweisen. Aus Vorsicht hat man mich in die Abteilung der Verdächtigen gesteckt; hier befinde ich mich inmitten einer Horde von Dieben und Roheitsverbrechern. Ich beschwöre Sie, werfen Sie mich in den dunkelsten Kerker, legen Sie mir die schwersten Ketten an, tun Sie mit mir, was Sie wollen, aber lassen Sie mich nicht hier!“

Während dieser Rede erstarrten die Sträflinge vor Staunen; sie konnten es gar nicht fassen, wie einer ihrer Kameraden die Kühnheit hatte, sie offen zu schmähen. Der Kommissar selbst wußte nicht, was er von diesem sonderbaren Ausfall halten sollte. Er schwieg, aber ich sah es ihm an, er war tief gerührt. Ich warf mich ihm zu Füßen und rief mit Tränen in den Augen:

„Haben Sie Erbarmen mit mir! Wenn Sie mir meine Bitte abschlagen, wenn Sie mich in diesem Saal zurücklassen, so werden Sie mich nie mehr sehen.“ Diese letzten Worte hatten den nötigen Erfolg. Der Kommissar war ein guter Mann. Er ließ mich in seiner Gegenwart losschmieden und in die Abteilung derjenigen, die zur Arbeit gehen, bringen.

Man kettete mich mit einem gewissen Salesse zusammen, einem Gascogner, der so boshaft war, wie es ein Sträfling nur sein kann. Als wir das erstemal unter vier Augen waren, fragte er mich, ob ich durchzubrennen beabsichtigte. „Ich denke gar nicht daran,“ antwortete ich, „ich bin ja ganz glücklich darüber, daß man mich zur Arbeit gehen läßt“

Nur Jossas kannte mein Geheimnis; er bereitete alles zu meiner Flucht vor. Bürgerliche Kleider wurden mir verschafft; ich trug sie unter der Sträflingskleidung, so daß nicht einmal mein Nachbar es merkte. Ein Schraubbolzen kam an meine Ketten an Stelle des genieteten Bolzens; ich war zum Aufbruch gerüstet. Am dritten Tage, nachdem ich den Saal Nummer drei verlassen hatte, begebe ich mich, bevor ich zur Arbeit gehe, zum Aufseher und lasse mich visitieren.

„Mach’, daß du fortkommst, Lümmel!“ rief Vater Mathieu, „jetzt ist nicht die Zeit dazu.“

Ich komme in die Seilerwerkstatt. Der Ort scheint mir günstig. Ich sage meinem Kameraden, ich müßte meine Notdurft verrichten. Er deutet mich auf einen Holzhaufen, hinter dem ich mich verbergen könnte. Kaum habe ich ihn aus dem Gesicht verloren, so schraube ich meinen Bolzen ab, werfe den roten Kittel von mir und entfliehe in der Richtung nach dem Hafen. Dort wurde gerade die Fregatte „Muiron“ ausgebessert, die unter anderen Bonaparte und sein Gefolge aus Ägypten zurückgebracht hatte. Ich steige an Bord und frage nach dem Schiffszimmermann, der, wie ich wußte, im Spital krank lag. Der Küchenmeister, an den ich mich wende, hält mich für einen Matrosen von der neuen Mannschaft. Ich erhalte ihn in diesem Irrtum; um ihn noch darin zu bekräftigen, fange ich mit ihm in der Auvergner Mundart eine Unterhaltung an, denn an seiner Aussprache merke ich, daß er aus der Auvergne ist. Aber ich stehe wie auf glühenden Kohlen, denn zwei Schritte von uns arbeiten vierzig Sträflinge. Jeden Augenblick kann ich erkannt werden.

Endlich geht ein Boot nach der Stadt ab; ich werfe mich hinein, ergreife die Ruderstange und rudere wie ein alter Matrose. Bald sind wir in Toulon. Nur darauf bedacht, das Freie zu gewinnen, eile ich an ein Tor; aber niemand darf durch ohne eine grüne Karte, die von der Stadtverwaltung ausgestellt wird. Man verweigert mir den Durchgang. Während ich auf Mittel sinne, diese Maßregel zu umgehen, vernehme ich drei Kanonenschüsse, die das Signal meiner Flucht bedeuten. Ein Schauer erfaßt mich vom Kopf bis zu den Zehen. Schon sehe ich mich in der Gewalt der Stockmeister und der Bagnomiliz, schon glaube ich mich vor dem Kommissar, den ich so schmählich hintergangen habe – ich bin gefangen, ich bin verloren! Unter diesen furchtbaren Gedanken entferne ich mich in aller Eile und begebe mich an die Wälle.

Sobald ich mich an einem einsamen Ort weiß, gehe ich langsam vor mich hin wie ein Mann, der sich etwas überlegt. Auf einmal redet mich eine Frau im provenzalischen Dialekt an und fragt mich, wieviel Uhr es sei. Ich antworte, ich wisse es nicht. Sie schwätzt mit mir über dieses und jenes und endet schließlich damit, daß sie mir vorschlägt, sie zu begleiten. „Ich wohne wenige Schritte von hier,“ fügt sie hinzu, „niemand wird uns sehen.“

Die Gelegenheit, einen Zufluchtsort zu finden, war zu schön, als daß ich sie mir hätte nehmen hätte. Ich komme mit meiner Begleiterin in eine Art Dachkammer, ich lasse einige Erfrischungen kommen. Während wir plaudern, ertönen wieder drei Kanonenschüsse.

„Oho!“ ruft das Mädchen mit zufriedener Miene, „das ist schon der zweite, der heute entspringt.“

„Was,“ sage ich zu ihr, „das macht dir wohl Spaß, schönes Kind? Du möchtest wohl auch die Belohnung kriegen?“

„Ich? Nun, da kennst du mich aber schlecht!“

„Tja!“ entgegne ich. „Fünfzig Franken sind auch nicht von Pappe. Ich versichere dir, wenn einer dieser Halunken in meine Hände fiele…“

„Pfui, Sie sind abscheulich,“ ruft sie, indem sie mich von sich zurückstößt. „Ich bin zwar nur ein armes Mädchen, aber nie würde Cölestine solches Geld verdienen mögen!“

Sie spricht diese Worte mit so viel Leidenschaft, daß ich nicht mehr an ihrer Aufrichtigkeit zweifle. Jetzt zögere ich nicht mehr und vertraue ihr mein Geheimnis an. Kaum erfährt sie, daß ich ein Galeerensträfling bin, so ist ihre Teilnahme grenzenlos.

„Mein Gott!“ ruft sie, „wie sind sie alle zu bedauern, ich möchte sie alle retten; einigen habe ich auch wirklich schon geholfen.“ Dann nach einer kurzen Überlegung sagt sie: „Ich werde folgendes tun. Ich habe einen Geliebten, der eine grüne Karte hat, ich geh’ morgen zu ihm, nehme die Karte, du kannst sie benutzen, und wenn du außerhalb der Stadt bist, legst du sie unter einen Stein, den ich dir bezeichnen werde. Aber hier sind wir nicht an einem sicheren Ort, ich will dich lieber auf mein Zimmer mitnehmen!“

In ihrem Zimmer sagte sie, sie müßte mich einen Augenblick allein lassen. „Ich will nur meinen Geliebten benachrichtigen,“ sprach sie. „Ich bin gleich wieder da.“

Die Frauen können sich so gut verstellen, daß ich trotz all ihrer Aufrichtigkeit Verrat witterte. Kaum war Cölestine unten, so sprang ich ihr die Treppe nach.

„Ach!“ rief das Mädchen, „du hast wohl Angst? Wenn du mir nicht traust, so komm mit mir mit.“

Ich hielt es für richtiger mitzukommen. Kaum hatten wir einige Schritte auf die Straße getan, als uns ein Leichenzug entgegenkam.

„Folge dem Zuge und du bist gerettet,“ flüsterte mir meine Beschützerin zu und verschwand, ehe ich Zeit hatte, ihr zu danken.

Ich mischte mich unter das große Gefolge und damit es so aussähe, als ginge ich mit dem Leichenzug, knüpfte ich mit einem alten Seemann eine Unterhaltung an. Cölestine hatte mich nicht getäuscht. Bald hatte ich die Stadtmauern hinter mir und weinte fast vor Freude. Ich spielte jedoch die Komödie bis zu Ende. Auf dem Friedhof angelangt, trat ich mit den anderen an den Rand des Grabes, und nachdem ich eine Handvoll Erde auf den Sarg geworfen hatte, trennte ich mich von der Gesellschaft und schlug einen Nebenweg ein.

So ging ich lange, ohne Toulon aus dem Gesicht zu verlieren. Gegen fünf Uhr abends bemerkte ich am Waldrand einen Mann mit einer Flinte. Da er ziemlich gut gekleidet war und eine Jagdtasche trug, hielt ich ihn zuerst für einen Jäger, aber aus seiner Weste blickte eine Pistole hervor, und ich fürchtete, er könnte einer der Leute sein, die auf Galeerensträflinge Jagd machten. Aber ich ging absichtlich auf ihn zu und fragte ihn nach dem Wege nach Aix.

„Suchen Sie einen Nebenweg oder die Landstraße?“ fragte er mit einem besonderen Ausdruck.

„Das ist mir gleich,“ antwortete ich mit geheuchelter Ruhe.

„Folgen Sie diesem Weg, und Sie kommen auf den Gendarmerieposten. Wenn Sie nicht gerne allein reisen, können Sie dort Gesellschaft finden.“

Bei dem Worte „Gendarmerie“ fühlte ich, wie ich erblaßte. Der Fremde merkte die Wirkung seiner Worte.

„Aha!“ rief er. „Ich merke, es liegt Ihnen nicht viel daran, die Landstraße einzuschlagen. Schön, wenn Sie nicht sehr eilig sind, so will ich Sie gerne bis Pourières begleiten, von dort haben Sie nur noch zwei Meilen bis Aix.“

Er zeigte eine zu gute Lokalkenntnis, als daß ich nicht seine Gefälligkeit ausnutzen wollte. Ich beschloß auf ihn zu warten. Ohne seinen Platz zu verlassen, wies er mich aufs Gehölz, wo er mich, wie er sagte, bald abholen würde. Zwei Stunden stand er noch so auf Posten, dann kam er zu mir.

„Aufgestanden!“ rief er.

Ich stand auf und folgte ihm. Als ich mich noch mitten im Waldinnern zu befinden glaubte, standen wir auf einmal am Saum des Waldes, fünfzig Schritte von einem Hause entfernt, vor dem Gendarmen saßen. Beim Anblick ihrer Uniformen begann ich zu zittern.

„Was haben Sie denn?“ rief mir mein Führer zu. „Fürchten Sie etwa, ich würde Sie verraten? Wenn Sie Angst haben, so haben Sie hier etwas zu Ihrer Verteidigung.“ Und er bot mir seine Pistolen an, ich schlug sie aber aus.

Wir schlugen eine andere Richtung ein und entfernten uns bald. Nach einer Stunde Weges näherte sich mein Führer einem Baume und tastete mit den Händen den Stamm ab; ich merkte, daß er Kerben suchte, die mit dem Messer darin gemacht waren.

„Sehr gut!“ rief er mit einer Zufriedenheit, deren Ursache ich mir nicht erklären konnte. Dann zog er aus seiner Jagdtasche ein Stück Brot, teilte es mit mir und gab mir aus seiner Flasche zu trinken. Das Mahl kam mir sehr gelegen, denn ich war ganz erschöpft. Trotz der Dunkelheit gingen wir so schnell, daß ich müde wurde: meine Beine, die lange Zeit außer Übung waren, taten mir weh. Als es auf einer Dorfuhr drei schlug, erklärte ich, ich könnte nicht weiter gehen.

„Pst!“ rief mein Begleiter, indem er sich bückte und das Ohr an die Erde legte. „Horchen Sie wie ich. Mit dieser verwünschten polnischen Legion muß man stets auf der Hut sein. Haben Sie nichts gehört?“

Ich antwortete, daß ich Schritte von Menschen gehört zu haben glaubte.

„Ja,“ sagte er, „sie sind’s. Rühren Sie sich nicht, oder wir sind verloren.“

Kaum hatte er das gesagt, als auf das Gebüsch, wo wir versteckt lagen, eine Patrouille zukam.

„Seht Ihr etwas?“ sagte man ganz leise.

„Nichts, Herr Sergeant.“

„Verdammt! Es ist stockduster. Der Donner mag diesen Hundsfott erschlagen. Nun treiben wir uns die ganze Nacht im Walde herum, wie die Wölfe … Ah, wenn ich diesen Herrn Roman, diesen Kerl, oder einen seiner Leute erwische …“

Mir war bei der Sache nicht ganz wohl.

„Haben Sie Furcht?“ fragte mich mein Gefährte.

„Jetzt wäre wohl nicht die Zeit dazu,“ antwortete ich.

„Nun, dann folgen Sie mir! Da haben Sie meine Pistolen. Wenn ich schieße, drücken Sie ebenfalls ab, damit die vier Schüsse nur einen einzigen bilden … Es ist Zeit … Feuer!“

Die vier Schüsse wurden losgedrückt, und wir jagen aus aller Leibeskraft davon, ohne verfolgt zu werden. Die Furcht, in einen Hinterhalt zu fallen, hatte die Soldaten zurückgehalten. Wir laufen aber immer weiter. Endlich kamen wir an ein einsames Bauernhaus, und der Unbekannte sagte zu mir: „Nun wird’s Tag, aber jetzt sind wir auch in Sicherheit.“

Er stieg über den Gartenzaun, schob die Hand in eine Baumhöhle und holte einen Schlüssel hervor. Er schloß das Haus auf, und wir traten ein.

Eine eiserne Lampe, die am Kamin hing, beleuchtete ein einfaches, ländliches Mobiliar. Nur sah ich in der Ecke ein Fäßchen stehen, das ein Pulverfaß zu sein schien, auch lagen auf einem Bort Patronenpakete. Neben Frauenkleidern auf einem Stuhl und einem großen schwarzen Hut, wie ihn die Bäuerinnen in der Provence zu tragen pflegen, lag eine Frau und schlief; ihr starkes Atmen drang bis zu uns. Mit raschem Blick sah ich mich um. Unterdessen hatte mein Begleiter aus einer alten Truhe eine Ziegenlende, Zwiebel, Öl und eine Flasche Wein gebracht und lud mich zum Essen ein, dessen ich auch sehr benötigte. Als ich fertig war, daß heißt, als auf dem Tische nichts mehr übrig war, führte er mich in eine Art Heuschober und sagte, ich sei dort vollkommen in Sicherheit. Darauf verließ er mich; ich streckte mich auf dem Heu nieder und verfiel in tiefen Schlaf.

Als ich erwachte, schloß ich nach der Höhe der Sonne, daß es gegen zwei Uhr nachmittags war. Eine Bäuerin, wahrscheinlich dieselbe, deren Kleidung ich in der Nacht im Zimmer sah, steckte, durch meine Bewegungen aufmerksam gemacht, den Kopf in die Öffnung des Schobers und sagte in ihrem Dialekt:

„Rühren Sie sich nicht, es wimmelt überall von Grünzeug!“

Ich verstand zwar nicht, was sie unter „Grünzeug“ verstand, aber ich merkte, daß das nichts Gutes bedeutete.

Gegen Abend kam mein Unbekannter von gestern wieder zu mir. Nach einigen Worten fragte er mich direkt, wer ich sei, woher ich komme und wohin ich gehe. Ich war auf diese Fragen vorbereitet und antwortete, ich sei vom „Ocean“ desertiert, – einem Schiffe, das damals auf der Reede von Toulon lag, – und wolle nach Aix, um mich von dort in meine Heimat zu begeben. „Gut,“ sagte mein Wirt, „ich weiß nun, wer Sie sind. Aber wofür halten Sie mich denn?“

„Die Wahrheit zu sagen, hielt ich Sie zuerst für einen Feldhüter, dann glaubte ich, Sie seien Anführer einer Schmugglerbande, aber nun weiß ich gar nicht mehr, was ich von Ihnen halten soll.“

„Sie sollen es sogleich erfahren … Die Leute in unserer Gegend sie tapfer, aber sehen Sie, man mag nicht aus Zwang Soldat sein … Die ganze Gegend von Pourières weigerte sich, die Militärpflicht zu erfüllen, dann kamen Gendarmen, man leistete Widerstand, auf beiden Seiten gab es Tote; alle Einwohner, die am Gefecht teilgenommen haben, verbargen sich in den Wäldern, um sich der gerichtlichen Verfolgung zu entziehen. So vereinigten sich sechzig von uns unter der Anführung von Roman und der Brüder Bisson aus Tretz. Wenn Sie bei uns bleiben wollen, soll es uns recht sein, denn ich habe heute nacht gesehen, daß Sie ein tapferer Bursche sind, und wie mir scheint, stehen Sie mit den Gendarmen auch nicht auf dem besten Fuß … Wir haben alles, was wir brauchen, und in Gefahr sind wir nicht … Die Bauern halten uns auf dem laufenden über alles, was vorgeht, und liefern uns mehr Lebensmittel, als wir brauchen … Wollen Sie zu uns halten?“

Ich glaubte, diesen Vorschlag nicht ablehnen zu dürfen, und ohne über die etwaigen Folgen nachzudenken, nach ich die Einladung an.

Ich verbrachte noch zwei Tage in dem Bauernhaus, am dritten versah mich mein Gefährte mit einem Karabiner und zwei Pistolen, und wir machten uns auf den Weg. Nach einigen Stunden Marsches über waldumwachsene Berge kamen wir in ein anderes größeres Bauernhaus; das war Romans Hauptquartier. Ich wartete ein Weilchen an der Tür, während mein Gefährte mich anmeldete. Bald kam er zurück und führte mich in eine Scheune, wo etwa vierzig Leute um einen Mann versammelt waren, den man nach seiner halb bürgerlichen, halb bäuerlichen Kleidung für einen reichen Landmann hätte halten können. Ich wurde ihm vorgestellt.

„Es freut mich, Sie zu sehen,“ sagte er zu mir, „man hat mir von Ihrem Mut erzählt. Wenn Sie die Gefahren mit uns teilen wollen, so werden Sie bei uns Freundschaft und Freiheit finden. Wir kennen Sie nicht, aber ein Mann von Ihrem Aussehen findet überall Freunde. Alle anständigen mutigen Leute halten zu uns, denn wir geben ebensoviel auf Rechtschaffenheit wie auf Mut.“

Die beiden Brüder Bisson und darauf alle anderen gaben mir den Bruderkuß. So war ich in dieser Gesellschaft aufgenommen; ihr Anführer legte ihr einen politischen Zweck bei. In Wirklichkeit aber ließ Roman anfangs nur die Postwagen mit den Staatsgeldern anhalten, dann aber auch die Reisenden ausplündern.

Am Tage nach meiner Ankunft schickte mich Roman mit sechs anderen Männern in die Gegend von Saint-Maximin. Ich wußte nicht, um was es sich handeln würde. Gegen Mitternacht gelangten wir an den Saum eines Wäldchens, das die Landstraße durchschnitt, und legten uns in einem Graben in Hinterhalt. Romans Leutnant, Bisson von Tretz, befielt tiefstes Stillschweigen. Bald vernehmen wir das Gerassel eines Wagens. Er fährt an uns vorbei. Bisson streckt behutsam den Kopf hervor.

„Das ist der Postwagen aus Nizza,“ sagt er … „aber hier ist nichts zu machen, da sind mehr Dragoner drin, als Warenballen.“

Er gab den Befehl zum Rückzug, und wir kehrten in das Bauernhaus zurück. Als Roman uns mit leeren Händen ankommen sah, rief er mit einem Fluch: „Morgen soll es ihm aber heimgezahlt werden!“

Ich konnte mir also über die Gesellschaft, unter der ich lebte, keine Illusionen mehr machen: ich befand mich unter den Wegelagerern, die die ganze Provence unsicher machten. Wenn ich wieder gefaßt würde, so blieb mir, als entsprungenem Sträflinge, nicht einmal die Hoffnung auf Begnadigung, wie den anderen Leuten, die bei uns waren. In dem Moment, da mir meine Lage klar war, beschloß ich, zu fliehen. Ich war aber erst kürzlich in die Bande aufgenommen worden, und so war es wahrscheinlich, daß man mich stets im Auge behielt. Konnte mein Wunsch, mich zurückzuziehen, nicht Argwohn erregen? Roman konnte mich am Ende für einen Spion halten und mich erschießen lassen … Tod und Schande drohten mir von allen Seiten.

So mochte ich mich elf Tage unter den Banditen befunden haben, als ich eines Nachts durch einen ungewöhnlichen Lärm geweckt wurde. Man hatte einem unserer Kameraden eine ziemlich gespickte Börse gestohlen, – daher kam der Skandal. Da ich die kürzeste Zeit dabei war, so fiel natürlich der Verdacht auf mich. Der Bestohlene beschuldigte mich, und die ganze Bande stimmte mit ein. Ich beteuerte meine Unschuld, aber es wurde dennoch beschlossen, mich zu durchsuchen. Ich hatte in den Kleidern geschlafen; nun begann man mich auszukleiden. Wie groß war aber das Erstaunen der Banditen, als sie auf meinem Hemde … das Geleerenzeichen entdeckten!

„Ein Galeerensträfling …!“ rief Roman. „Ein Sträfling unter uns … Das kann nur ein Spion sein …Schlagt ihn tot … Knallt ihn nieder!“

Schon hörte ich die Gewehre laden …

„Einen Augenblick!“ rief der Anführer, „zuerst muß er das Geld wiedergeben! …“

„Gewiß,“ sagte ich, „das Geld sollen Sie haben, aber zuerst müssen Sie mir eine Unterredung unter vier Augen gewähren.“

Roman willigte ein. Er glaubte, ich wollte ihm Geständnisse machen. Aber als ich mich mit ihm allein sah, beteuerte ich aufs neue meine Unschuld und nannte ihm ein Verfahren, den Dieb zu entdecken, ein Verfahren, das ich bereits bewährt gefunden hatte. Roman trat wieder unter die Leute mit soviel Strohhalmen in der Hand, als Personen anwesend waren.

„Aufgepaßt!“ rief er, „wer den längsten Halm zieht, der ist der Dieb.“

Die Halme wurden gezogen, jeder zeigt den seinigen vor … Ein einziger darunter ist kürzer als alle übrigen. Er gehört einem gewissen Joseph aus Oriolles.

„Du bist der Dieb?“ sagt Roman zu ihm. „Alle Strohhalme waren gleich lang, du hast den deinigen kürzer gemacht und hast dich selbst verraten.“

Sofort wurde Joseph durchsucht und das gestohlene Geld wurde in seinem Gürtel gefunden. Ich war vollkommen rehabilitiert. Roman selbst bat mich um Entschuldigung, aber zugleich erklärte er, ich könnte nicht weiter zu seiner Truppe gehören. „Es ist jammerschade,“ fügte er hinzu, „aber Sie begreifen doch selbst: ein Galeerensklave …“

Er sprach den Satz nicht zu Ende, drückte mir fünfzehn Louisdors in die Hand und nahm mir das Versprechen ab, vor Ablauf von fünfundzwanzig Tagen nichts von dem, was ich gesehen hatte, zu erzählen.

Und ich war verschwiegen.

 

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