Vierundzwanzigstes Kapitel – Der Einbruch

In einer so großen Stadt wie Paris gibt es eine Unmenge widerlicher Spelunken, wo sich allerhand trübes Gesindel zu treffen pflegt. Um diese Gestalten zu treffen und zu überwachen, besuchte ich die berüchtigsten Orte bald unter diesem, bald unter jenem Namen; ich wechselte sehr oft die Kleidung wie eine Person, die es nötig hat, dem Auge der Polizei zu entgehen. Alle Diebe, die ich gewöhnlich traf, hätten darauf Gift genommen, daß ich zu ihnen gehöre. Sie waren überzeugt, daß ich von der Polizei gesucht werde und hätten sich für mich in Stücke reißen mögen. Sie schenkten mir nicht nur volles Vertrauen, sondern sie hatten mich gern. Sie hielten mich über ihre Pläne auf dem laufenden, und wenn sie mich nicht daran teilnehmen ließen, so geschah das nur deshalb, weil sie fürchteten, mir, als entsprungenem Galeerensträflinge, zu schaden. Jedoch waren nicht alle so rücksichtsvoll, wie man bald sehen wird.

Ich war einige Monate in meinem Amte, als der Zufall mich eines Tages mit Saint-Germain zusammenführte, demselben Saint-Germain, dessen Besuche mich so oft in Jammer und Not versetzt hatten. In seiner Gesellschaft war ein gewisser Boudin, den ich früher als Restaurateur in der Rue des Prouvaires kennen gelernt hatte; ich wußte von ihm soviel wie man von einem Wirt weiß, bei dem man hie und da einkehrt. Boudin erkannte mich sofort und redete mich mit einer Vertraulichkeit an, die ich nicht zu erwidern geneigt war.

„Habe ich Ihnen denn etwas getan,“ sagte Boudin zu mir, „daß Sie nicht mit mir sprechen wollen?“

„O nein, aber ich habe gehört, daß Sie Spitzel sind.“

„Weiter nichts! Jawohl, ich war einer, gewiß. Aber wenn Sie den Grund davon wüßten, würden Sie es mir gewiß nicht übelnehmen.“

„Gewiß,“ sagte Saint-Germain, „du kannst es ihm nicht übelnehmen. Boudin ist ein guter Junge, und ich stehe für ihn ein wie für mich selbst. Im Leben gibt es Fälle, die man nicht voraussehen kann. Wenn Boudin die Stelle eines Spitzels angenommen hatte, so geschah es nur, um seinen Bruder zu retten. Schließlich kannst du’s dir doch selbst denken, wenn er’s schlecht meinte, hätte er mich nicht zum Freunde.“

Ich fand Saint-Germains Bürgschaft ausreichend, und hatte gegen Boudin nichts mehr einzuwenden.

Natürlich erzählte mir Boudin alles, was er seit seinem letzten Verschwinden, das mir soviel Vergnügen bereitete, getrieben hatte. Nachdem er mir alle Achtung vor meinem Entkommen ausgedrückt hatte, erzählte er mir, daß er seit meiner Verhaftung seine frühere Stellung wiedergewonnen habe; aber bald habe er sie wieder verloren und sei zu den alten Kunstgriffen zurückgekehrt. Ich erkundigte mich dach Blondy und Duluc. „Mein Freund,“ sagte er, „die beiden Komplicen, die mit mir zusammen den Fuhrmann niedergemacht haben, hat man in Beauvais hingerichtet.“

Als ich erfuhr, daß diese beiden Schurken endlich ihre verdiente Strafe bekommen hatten, konnte ich mein Bedauern kaum unterdrücken, daß der Kopf ihres Kumpans nicht auf demselben Schafott gefallen sei.

Wir leerten zusammen einige Flaschen und freuten uns. Beim Verabschieden merkte Saint-Germain, daß ich ziemlich ärmlich gekleidet war, und fragte mich, was ich treibe. Ich sagte: nichts, und er versprach mir, bei einer günstigen Gelegenheit an mich zu denken. Ich bemerkte, daß ich selten ausgehe, aus Furcht, entdeckt zu werden, so daß wir uns vielleicht nicht so bald wiedersehen würden.

„Du kannst mich sehen, wenn du willst,“ sagte er darauf. „Bitte besuche mich doch.“ Ich versprach es ihm, und er gab mir seine Adresse, ohne nach der meinigen zu fragen.

Jeden Tag machte ich neue Entdeckungen. Die Gefängnisse füllten sich mit Personen, die lediglich durch mich aufgegriffen waren, und trotzdem hatte keiner auch nur im entferntesten die Idee, ich könnte der Angeber gewesen sein. Ich verstand es so einzurichten, daß von außen wie von innen alles gedeckt war.

Als ich eines Tages auf den äußeren Boulevards umherlief, stieß ich auf Saint-Germain; Boudin war wieder bei ihm. Sie luden mich zum Essen ein, ich nahm die Einladung an, und beim Dessert taten sie mir die Ehre an und machten mir den Vorschlag, als dritter an einem Raubmord teilzunehmen. Es handelte sich darum, zwei Greise, die mit Boudin in einem Hause in der Rue des Prouvaires wohnten, ins Jenseits zu befördern. Obwohl mir bei dem Vorschlag der beiden Lumpen recht übel wurde, so segnete ich doch das Schicksal, daß sie mir zugeführt hatte. Zuerst hatte ich gegen die Mittäterschaft scheinbar Bedenken, aber dann tat ich so, als ob ich mich von ihnen überzeugen ließe, und es wurde ausgemacht, daß man den günstigen Augenblick zur Ausführung der Tat abwarten sollte. Das war also abgemacht, und ich verabschiedete mich von Saint-Germain und seinem Freunde. Um dem Verbrechen zuvorzukommen, zögerte ich keinen Augenblick, Herrn Henry zu benachrichtigen. Dieser wollte nähere Auskunft erhalten und bestellte mich zu einer mündlichen Besprechung zu sich. Er wollte sich vergewissern, ob ich wirklich zur Tat aufgefordert worden sei, oder ob ich sie am Ende in übermäßigem Diensteifer selbst angestiftet habe.

„Bedenken Sie wohl,“ sagte Henry zu mir, „die größte Geißel der Gesellschaft ist der Provokateur. Ohne Anstifter würden nur die Starken Verbrechen begehen, denn nur die Starken erfassen das Verbrechen. Die Schwachen werden mitgerissen, werden aufgereizt. Um sie in den Abgrund zu stürzen, braucht man oft nur die richtige Triebfeder in ihren Leidenschaften oder in ihrer Eitelkeit ausfindig zu machen; aber derjenige, der diese Mittel anwendet, ist etwas Fürchterliches! Er ist der Einzige, der Strafe verdient hat, und ihn allein sollte sie treffen. Lieber sollte die Polizei ganz untätig sein, als zu solchen Mitteln greifen.“

Ferner sagte er zu mir:

„Die Polizei ist ebenso dazu da, den Verbrechen vorzubeugen, als die Verbrecher zu fangen. Lieber vorher eingreifen als nachher.“

Gemäß Henrys Anweisungen ließ ich keinen Tag vergehen, ohne Saint-Germain und seinen Freund Boudin zu sehen. Da der geplante Streich viel Geld einbringen sollte, so glaubte ich, eine gewisse Ungeduld durchblicken lassen zu dürfen.

„Nun! Wann geht’s an die Arbeit?“ fragte ich jedesmal, wenn wir zusammen waren.

„Wann?“ erwiderte Saint-Germain. „Das Obst ist noch nicht fallreif. Wenn es so weit ist, wird uns unser Freund schon benachrichtigen,“ fügte er hinzu, auf Boudin weisend.

Schon waren wir einige Male zusammengetroffen, und noch war nichts entschieden. Ich richtete wieder einmal meine übliche Frage an sie.

„Jetzt ist’s soweit,“ antwortete Saint-Germain. „Morgen. Wir erwarten dich zur Beratung.“

Es wurde eine Zusammenkunft außerhalb von Paris verabredet. Ich stellte mich pünktlich ein, ebenso Saint-Germain.

„Höre,“ sagte er zu mir, „wir haben uns die Sache überlegt. Sie kann jetzt nicht gemacht werden, aber wir wollen dir etwas anderes vorschlagen, überleg’s dir und sag’ ganz offen: ja oder nein. Aber bevor ich dir mit der Sache herausrücke, will ich gestehen, was uns gestern jemand erzählt hat: Ein gewisser Carré, der dich im Untersuchungsgefängnis kennen gelernt hat, behauptet, du seist nur entlassen worden, weil du Geheimagent der Polizei bist.“

Bei dem Wort „Geheimagent“ fühlte ich mich dem Ersticken nahe. Aber ich faßte mich sofort, und Saint-Germain mußte wohl nichts gemerkt haben, denn er wartete ruhig auf meine Antwort. Meine Geistesgegenwart, die mich nie verläßt, machte, daß ich bald die nötige Antwort fand.

„Ich bin gar nicht überrascht,“ sagte ich zu ihm, „daß man mich für einen Polizeiagenten hält. Ich kenne die Quelle dieses Gerüchtes. Du weißt, ich sollte nach Bicêtre zurückgebracht werden; ich bin unterwegs durchgebrannt und blieb dann in Paris, weil ich sonst nirgends hingehen konnte. Man muß eben sehen, wie man fertig wird. Ich muß mich leider verborgen halten, daher verkleide ich mich so oft, aber manchmal werde ich doch von jemanden erkannt, zum Beispiel von denjenigen, mit denen ich intimer zusammengelebt habe. Und wie leicht kann unter denen einer sein, der Interesse daran hätte, mich auszuliefern? Nun, um ihnen die Lust dazu zu nehmen, sage ich solchen, die ich für fähig halte, mich zu denunzieren, ich sei Geheimagent.“

„So ist’s recht,“ rief Saint-Germain. „Ich glaube dir, und um dir einen Beweis meines Vertrauens zu geben, will ich dir sagen, was wir heute abend vorhaben. An der Ecke von der Rue d’Enghien und der Rue Hauteville wohnt ein Bankier. Sein Haus liegt in einem großen Garten, der unseren Plan und unsere Flucht begünstigen muß. Heute geht der Bankier aus. Der Geldschrank, in dem sich viel Gold und Silber, ebenso wie viel Banknoten befinden, wird nur von zwei Personen bewacht. Wir haben nun beschlossen, uns heute abend über ihn herzumachen. Bis jetzt sind wir zu dritt, du kannst der vierte sein. Wir haben auf dich gerechnet. Wenn du dich weigerst, bekräftigst du die Ansicht, du seist ein Spitzel.“

Da ich Saint-Germains Hintergedanken nicht kannte, so ging ich mit viel Eifer auf seinen Vorschlag ein. Boudin und er schienen mit mir zufrieden zu sein. Bald kam der dritte, den ich nicht kannte; es war ein Droschkenkutscher namens Debenne, ein biederer Familienvater, der sich durch die Elenden hatte verführen lassen. Man begann von diesem und jenem zu reden. Ich hatte unterdessen schon einen Plan ausgedacht, wie ich mich bei der Tat verhaften lassen würde. Aber wie groß war mein Erstauen, als Saint-Germain, in dem Moment, als die Zeche bezahlt werden sollte, sich mit folgenden Worten an uns wandte:

„Meine Freunde, wenn es sich um den Kopf handelt, kann man nie vorsichtig genug sein. Heute wagen wir ein Spiel, das ich nicht gerne verloren haben möchte. Damit das Glück auf unserer Seite ist, habe ich folgendes beschlossen, und ich bin überzeugt, daß ihr mit mir einverstanden sein werdet: erst gegen Mitternacht können wir uns vor das betreffende Haus begeben. Boudin und ich dringen ins Innere, ihr bleibt im Garten, um uns im Notfall beizuspringen. Wenn das Geschäft gelingt, bringt es uns soviel ein, daß wir einige Zeit davon ruhig leben können. Aber wichtig für unsere gegenseitige Sicherheit ist’s, daß wir uns bis zur Ausführung der Tat nicht mehr trennen.“

Diese Schlußworte wurden sogar noch wiederholt, da ich sie nicht verstanden zu haben heuchelte. Diesmal, sprach ich zu mir selbst, weiß ich wirklich nicht, wie ich mich aus der Affäre ziehen soll. Welches Mittel ergreifen? Saint-Germain war ein Mann von seltener Verwegenheit, geldgierig und stets bereits, Blut zu vergießen, wenn es um Geld ging.

Es war noch nicht gegen zehn Uhr morgens; bis Mitternacht war also noch lange Zeit. Ich hoffte, daß sich während dieser Zeit eine Gelegenheit bieten würde, die Polizei zu benachrichtigen. Inzwischen ging ich auf Saint-Germains Vorschlag ein und erhob nicht den geringsten Einwand gegen diese Vorsichtsmaßregeln, die die beste Bürgschaft für die Treue eines jeden gewähren mußte.

Es wurde ausgemacht, daß wir alle zu ihm in die Rue Saint-Antoine gehen sollten; eine Droschke brachte uns vier vors Haus. Dort führte er uns in ein Zimmer, wo wir uns bis zum Moment der Abreise aufhalten sollten. Zwischen vier Mauern eingepfercht, allein mit diesen Banditen, wußte ich nicht, welchen Heiligen ich anflehen sollte. Einen Vorwand vorzuschützen, um hinauszugehen, war unmöglich; Saint-Germain wäre sofort dahinter gekommen und beim leisesten Verdacht war er imstande, mich niederzuknallen. Was tun? Ich fügte mich in mein Schicksal, mochte kommen, was kommen sollte. Ich konnte nichts Besseres tun, als mit guter Miene zum bösen Spiel bei den Vorbereitungen zum Verbrechen helfen, die sofort begannen. Man bringt Pistolen herbei, und untersucht sie, um sie zu putzen und zu laden; Saint-Germain bemerkt ein paar darunter, die ihm unbrauchbar erscheinen und legt sie beiseite.

„Während ihr die Batterien abmontiert,“ sagte er zu uns, „werde ich mal diese ‚Schweinsfüße‘ umtauschen.“ Und damit will er sich entfernen.

„Einen Augenblick,“ rufe ich, „laut unserer Verabredung darf niemand ohne Begleitung den Raum verlassen“

„Richtig,“ antwortet er. „Man soll seine Verabredungen halten. Also komm mit mir.“

„Und diese Herren?“

„Wir schließen sie hier ein.“

Gesagt, getan. Ich gehe mit Saint-Germain. Wir kaufen Kugeln, Pulver und Feuersteine, die schlechteren Pistolen werden gegen gute eingetauscht und wir kehren zurück. Nun werden die Vorbereitungen beendet. Dennoch muß ich zittern, als ich sehe, mit welcher Ruhe Boudin zwei Tischmesser wetzt. Es war widerwärtig.

Unterdessen geht die Zeit dahin. Eine Stunde verrinnt, und ich sehe keine Rettungsmöglichkeit. Ich gähne, räkele mich, tue, als ob ich mich langweilte und werfe mich endlich aufs Bett wie zum Schlafen. Nach wenigen Minuten scheine ich von dieser Tatlosigkeit ganz ermüdet zu sein und merke, daß die anderen ebenso matt sind wie ich.

„Wie wäre es, wenn wir etwas tränken?“ sagt Saint-Germain.

„Famose Idee,“ rufe ich und springe auf. „Ich habe zu Hause einen Korb vorzüglicher Burgunder. Wenn Sie wollen, kann ich ihn holen lassen.“

Alle sind hocherfreut, und Saint-Germain schickt seinen Portier zu Annette, damit sie mit dem Wein herkomme. Man macht aus, ihr nichts zu erzählen, und während man sich auf meinen Wein freut, werfe ich mich wieder aufs Bett und kritzle mit einem Bleistift folgende Worte:

„Wenn du von hier fortgehst, verkleide dich und verlasse uns, das heißt Saint-Germain, Boudin und mich, nicht mehr. Aber hüte dich, erkannt zu werden, ferner hebe alles auf, was ich fallen lasse, und bringe es hin.“

Dieser kurze Hinweis genügte: Annette hatte bereits ähnliche erhalten; ich wußte, daß sie den Sinn verstehen würde.

Bald erschien Annette mit dem Korb Wein. Ihr Erscheinen machte alle wieder munter; alle machten ihr Komplimente. Was mich anbetrifft, so küßte ich sie erst beim Weggehen und steckte ihr dabei den Zettel zu. Wir nahmen nun ein opulentes Mahl ein, und dann erbot ich mich, mit Saint-Germain das Terrain zu besichtigen, um auf alle Fälle gesichert zu sein. Die Vorsicht war nur natürlich, und Saint-Germain wunderte sich nicht darüber; aber ich hatte vorgeschlagen, einen Wagen zu nehmen, Saint-Germain hielt’s für richtiger, zu Fuß zu gehen. An Ort und Stelle angelangt, merkte ich mir genau die Gegend, damit ich sie leicht wieder angeben konnte. Dann sagte Saint-Germain, wir müßten schwarzen Krepp kaufen, um uns das Gesicht zu verhüllen. Wir gingen ins Palais Royal, und während er in einen Laden tritt, schütze ich ein Bedürfnis vor und schließe mich in einem Klosett ein. Dort habe ich Zeit genug, um alle Angaben aufzuschreiben, vermittels deren die Polizei das Verbrechen verhüten könnte.

Saint-Germain, der mich immer möglichst im Auge behielt, führte mich in eine Kneipe, und wir tranken dort einige Flaschen Bier. In dem Moment, da wir in die Wohnung zurückkehren wollen, erblicke ich Annette, die auf mich wartet. Jeder andere hätte sie unter ihrer Verkleidung nicht erkannt. Als ich gewiß bin, daß sie mich gesehen hatte, lasse ich, während ich ins Hause gehe, den Zettel fallen, und überlasse mich meinem Schicksal.

Es ist mir schwer, alle Schrecken zu beschreiben, die ich durchgemacht habe, während ich auf den Augenblick des Aufbruchs wartete. Trotz der Anweisungen, die ich gegeben hatte, fürchtete ich, sie könnten zu spät kommen, und schon würde das Verbrechen begangen sein. Durfte ich allein es wagen, Saint-Germain und seine Genossen zu verhaften? Das wäre ein unnützer Versuch gewesen! Und wer stand mir dafür, daß, falls das Verbrechen begangen würde, ich nicht verurteilt und als Mitwisser bestraft würde? Ich wußte, daß in manchen Fällen die Polizei ihre Agenten preisgegeben hatte; manchmal wiederum konnte sie das Gericht nicht verhindern, sie für schuldig zu erklären.

Ich befand mich in dieser qualvollen Situation, als Saint-Germain mich beauftragte, Debenne zu begleiten. Sein Wagen sollte an der Straßenecke warten, damit er die Gold- und Silbersachen aufnehmen konnte. Wir gehen hinunter. Beim Verlassen des Hauses sehe ich wieder Annette, die mir Zeichen macht, daß meine Botschaft ausgerichtet ist. In diesem selben Moment fragt mich Debenne, wo wir ihn treffen sollten. Ich weiß nicht, welcher gute Genius mir den Gedanken eingab, diesen Unglücklichen zu retten. Ich hatte gemerkt, daß er im Grunde nicht bösartig war. Er schien zum Verbrechen eher aus Not und durch üble Ratschläge, als aus Neigung getrieben worden zu sein. Und so bezeichnete ich ihm eine ganz andere Stelle, als jene, die mir angegeben war. An der Ecke des Boulevard Sant-Denis traf ich Saint-Germain und Boudin wieder. Es war erst halb elf. Ich sagte, der Wagen werde erst in einer Stunde bereit sein, ich hätte Debenne angewiesen, sich an der Ecke der Rue du Faubourg-Poissonière aufzuhalten und auf das verabredete Signal zu warten. Ich meinte, der Wagen könne Verdacht erregen, wenn er allzu nahe plaziert sei, daher hätte ich es für besser gehalten, ihn in einiger Entfernung zu halten; sie billigten diese Vorsicht durchaus.

Es schlägt elf. Wir trinken ein Glas in der Rue du Faubourg-Saint-Denis und begeben uns zu der Wohnung des Bankiers. Boudin und sein Komplize schmauchen ihre Pfeifen weiter; ihre Ruhe flößt mir Entsetzen ein. Endlich sind wir an dem Pfosten angelangt, der uns als Leiter dienen sollte. Saint-Germain verlangt mir die Pistolen ab. In diesem Moment durchzuckte mich der Gedanke, er habe alles erraten und wollte mich niedermachen. Ich gebe sie ihm, aber ich hatte mich geirrt: er öffnet die Zündpfanne, tut neues Pulver hinein und gibt sie mir zurück. Dann nimmt er dieselbe Operation bei seinen Pistolen und denen Boudins vor, klettert als erster den Pfosten hinauf, und beide schwingen sich, immer noch die Pfeife im Munde, in den Garten. Ich muß ihnen folgen. Oben, auf der Mauer erwachen alle meine Befürchtungen wieder: wird die Polizei Zeit zum Überfall haben? Wird Saint-Germain dir nicht zuvorgekommen sein? Das sind die Fragen, die ich an mich selbst richtete, das sind meine Zweifel. In dieser fürchterlichen Ungewißheit fasse ich endlich den Entschluß, das Verbrechen zu verhindern, sollte ich auch im ungleichen Kampfe erliegen.

Saint-Germain, der mich immer noch rittlings auf der Mauer sitzen sieht, wird ungeduldig über meine Langsamkeit und ruft: „So komm doch herunter!“ Kaum hat er die Worte zu Ende gesprochen, als plötzlich eine Schar Menschen über ihn herfällt. Er und Boudin leisten erbitterten Widerstand. Von beiden Seiten wird geschossen, Kugeln pfeifen, aber nach einem Kampf von wenigen Minuten hat man die beiden Mörder.

Einige Agenten wurden bei diesem Scharmützel verwundet, ebenso Saint-Germain und sein Getreuer. Ich, als bloßer Zuschauer, vermied jede Gefahr; um jedoch meine Rolle bis zu Ende zu spielen, sank ich auf das Schlachtfeld hin, als ob ich tödlich verwundet worden wäre. Einen Augenblick darauf warf man eine Decke über mich und so wurde ich in ein Zimmer getragen, wo sich schon Boudin und Saint-Germain befanden. Dieser letztere schien meinen Tod sehr zu beklagen, er vergoß Tränen, und man mußte ihn mit Gewalt verhindern, sich über den vermeintlichen Leichnam zu werfen.

Ich erinnere mich kaum eines Vorfalls in meinem Leben, der mir mehr Freude bereitet hätte, als die Gefangennahme dieser beiden Verbrecher. Ich gratulierte mir dazu, die Gesellschaft von zwei Schurken befreit zu haben, während ich mich zugleich glücklich pries, den Kutscher Debenne, den sie mitgerissen hatten, ihrem Los entzogen zu haben. Aber bei all meiner Genugtuung seufzte ich doch über mein Schicksal, das mich fortwährend vor die Alternative stellte: entweder selbst das Schafott zu besteigen oder andere es besteigen zu lassen.

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

<< Dreiundzwanzigstes Kapitel – SpitzelFünfundzwanzigstes Kapitel – Schlupfwinkel >>
Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]