Viertes Kapitel – Die Zigeuner

In Lille hatten die Leute beim Regiment mich nur unter einem jener Kriegsnamen gekannt, wie man sie zu dieser Zeit gewöhnlich führte, und sie waren durchaus nicht erstaunt, daß ich jetzt Rousseau hieß. Ich brachte die Tage mit meinen Kameraden im Café oder auf dem Fechtboden zu. Aber alles das war nicht sehr einträglich, und ich stand eines Tages wieder ohne jeden Pfennig Geld da. Da sprach ein täglicher Besucher des Cafés, den man wegen seines regelmäßigen Lebens den Rentier nannte, mich an. Er hatte mir schon ein paar Gefälligkeiten erweisen, mit denen er sonst gegen jedermann sehr sparsam war. Nun schlug er mir vor, mit ihm zu reisen.

Reisen, das war schon gut; aber in welcher Eigenschaft? Ich stand nicht mehr in dem Alter, um mich als Hanswurst oder als Kammerdiener von Affen und Bären betätigen zu können, und ich glaube, das hätte auch niemand gewagt, mir anzubieten. Ich fragte also meinen neuen Protektor bescheiden nach den Funktionen, die ich denn bei ihm zu versehen hätte. „Ich bin ein umherziehender Arzt,“ sagte mir der Rentier, dem sein dichter Backenbart und seine braune Gesichtsfarbe ein seltsames Aussehen gaben. „Ich behandele geheime Krankheiten mit einem unfehlbaren Rezept. Ich befasse mich auch mit Tierkrankheiten. Erst neulich habe ich die Pferde einer Schwadron vom dreizehnten Jägerregiment kuriert, die der Regimentstierarzt schon aufgegeben hatte.“ Nun, ich zauderte nicht lange. Wir verabredeten, uns am anderen Morgen um fünf Uhr zu treffen und abzureisen.

Ich war pünktlich da. Mein Mann sah sich meinen Koffer an, den ein Dienstmann trug, und sagte, ich brauchte ihn nicht, da wir nur drei Tage abwesend seien und den Weg zu Fuß machen würden. Ich schickte also meine Sachen ins Wirtshaus zurück, und wir begannen ziemlich schnell zu marschieren, denn wir mußten, wie mir mein Führer sagte, noch fünf Meilen vor Mittag zurücklegen. Wir kamen auch wirklich um die Mittagszeit an einer abgelegenen Pächterswohnung an. Er wurde mit offenen Armen aufgenommen, und man nannte ihn Herrn Caron, während ich ihn doch unter dem Namen Christian kennen gelernt hatte. Er sprach mit dem Pächter einige Worte, und der ging in sein Zimmer und kam mit mehreren Geldbeuteln zurück, in denen Sechsfrankentaler waren, die er alle auf dem Tisch aufzählte. Mein Chef nimmt sie, prüft sie alle, einen nach den anderen, mit einer Aufmerksamkeit, die mir gemacht erschien; legt hundertfünfzig von ihnen zur Seite, zählt die gleiche Summe in verschiedenen Geldstücken dem Pächter auf und gibt ihm noch sechs Kronen darauf. Ich verstand nichts von diesem Geschäft, das überdies in flämischem Dialekt, den ich nur sehr unvollkommen sprach, abgemacht wurde. Ich war daher sehr erstaunt, als Christian mir nach Verlassen des Pachthofes drei Kronen gab und mir sagte, ich solle auch meinen Teil am Gewinn haben. Ich konnte nicht ersehen, wo denn der Gewinn lag, und das bemerkte ich ihm auch. „Das ist mein Geheimnis,“ antwortete er mir mit mysteriöser Miene, „du wirst es später erfahren, wenn ich zufrieden mit dir bin.“ Ich entgegnete, wegen meiner Verschwiegenheit könne er ganz ruhig sein, denn ich wisse ja wahrhaftig nichts, außer daß er Taler gegen andere Münzen einwechsele. Da sagte er mir, gerade das müsse man verschweigen, um der Konkurrenz aus dem Wege zu gehen. Ich ließ mir das gesagt sein und nahm das Geld, ohne recht zu wissen, wie die Sache sich verhalte. Vier Tage lang machten wir solche Abstecher auf verschiedene Pachthöfe, und jeden Abend bekam ich zwei bis drei Kronen. Christian, den man nur Caron nannte, war in dieser Gegend von Brabant sehr bekannt; aber nur als Arzt: denn obgleich er überall seine Wechselgeschäfte betrieb, so begann das Gespräch doch immer zuerst mit Krankheiten von Menschen oder Tieren. Ich merkte auch bald, daß er im Rufe stand, er könne Verhexungen, die man den Tieren angetan habe, haben.

Ein Vorschlag, den er mir machte, als wir in ein Dorf eintraten, mußte mich in die Geheimnisse seiner Magie einweihen. „Kann ich mich auf dich verlassen?“ fragte er, indem er ganz plötzlich stehen blieb. „Ganz sicher,“ antwortete ich, „aber ich müßte noch wissen, worum es sich handelt …“ „Dann hör’ zu und sieh dir das an …“ Er nahm nun aus einem Geldgurt vier viereckige Päckchen, wie sie die Apotheker machen, die irgendwelche Drogen zu enthalten schienen. Dann sagte er mir: „Du siehst jene vier Pachthöfe da, die in einiger Entfernung voneinander liegen. Du mußt dich da von der Rückseite einschleichen und dabei aufpassen, daß niemand dich sieht; … du gehst in den Stall und wirfst das Pulver von jedem Päckchen in den Futtertrog … vor allem paß gut auf, daß man dich nicht sieht … das übrige ist meine Sache!“ Ich machte Einwürfe: man konnte mich im Augenblick, wo ich über den Zaun stieg, ertappen, mich festhalten und mir peinliche Fragen vorlegen. Ich schlug es ihm daher trotz der Aussicht auf das Geld direkt ab. Alle Beredsamkeit Christians scheiterte an meinem Entschluß. Ich sagte ihm sogar, ich würde ihn auf der Stelle verlassen, wenn er mir nicht seinen wahren Stand und das Geheimnis des Geldwechselns, das mir mordsmäßig verdächtig schien, mitteilte. Diese Erklärung schien ihn sehr in Verlegenheit zu setzen und er dachte dran, sich aus der Sache zu ziehen, indem er mir eine, wie man bald sehen wird, halbe Beichte ablegte.

„Ein Vaterland,“ sagte er, „habe ich nicht. Meine Mutter wurde im vorigen Jahr in Temesvar gehängt; sie gehörte zu einer Bande von Zigeunern, die an den Grenzen von Ungarn und des Banats herumzogen, als ich in einem Karpathendorf zur Welt kam … Ich sage Zigeuner, um mich dir verständlich zu machen, denn das ist nicht unser Name. Unter uns nennt man sich Romamichel[1], in einer Sprache, die wir niemanden lehren dürfen; ebenso dürfen wir auch nicht allein reisen, das alles ist uns verboten. So kommt es, daß man uns immer in Trupps von fünfzehn bis zwanzig sieht. Wir haben Frankreich lange Zeit durchstreift, um Zauber und Verwünschungen zu heben; aber dieser Beruf ist heutzutage heruntergekommen. Der Bauer ist zu fein geworden; wir haben uns auf Flandern beschränken müssen, dort sind die Leute weniger freigeistig, und die Verschiedenheit der Geldsorgen macht’s, daß wir unsere Künste aufs schönste anwenden können … Ich selbst war seit drei Monaten in besonderen Angelegenheiten nach Brüssel abgeordnet worden; aber ich habe alles zu Ende gebracht; in drei Tagen treffe ich auf der Messe von Mecheln wieder mit der Bande zusammen … Du mußt dir nun überlegen, ob du mich dorthin begleiten willst! … Du kannst uns sehr nützlich sein … aber mach’ auf keinen Fall Kindereien mehr!“

Halb in der Verlegenheit, ein Unterkommen zu finden, halb in der Neugier, das Abenteuer bis ans Ende zu treiben, willigte ich ein, mit Christian zu gehen, wußte aber immer noch nicht, worin ich ihm nützlich sein konnte. Am dritten Tag kamen wir in Mecheln an, und von dort sollten wir ja nach Brüssel zurückkehren. Als wir die Stadt durchquert hatte, machten wir endlich in der Vorstadt Louvain halt vor einem Hause vom allerelendesten Aussehen; die schwärzlichen Mauern waren von tiefen Rissen durchfurcht und an den Fenstern ersetzten zahlreiche Strohwische die zerbrochenen Scheiben. Es war Mitternacht; ich konnte das alles beim Mondschein wahrnehmen, denn wir mußten wohl eine halbe Stunde dastehen und warten, bis endlich eines der allerscheußlichsten alten Weiber, die ich je gesehen habe, kam und öffnete. Man führte uns dann in eine weite Halle, wo dreißig Individuen, Männer und Weiber, rauchten und tranken, über- und untereinander, in Ausschweifungen und widerlichen Stellungen beieinander. Unter ihren blauen, mit roten Stickereien verzierten Kitteln trugen die Männer jene Westen von marineblauem Samt mit Silberknöpfen, wie man sie bei den andalusischen Maultiertreibern sieht; die Kleider der Frauen waren alle von greller Farbe. Es waren bösartige Gesichter unter ihnen, trotzdem war man auf einem Feste. Der eintönige Schall der baskischen Trommel mischte sich unter das Geheul zweier Hunde, die an die Tischfüße angebunden waren, und das alles begleiteten seltsame wilde Gesänge, die man doch für Leichenpsalmen hätte nehmen können. Tabakrauch und Holzkohlenqualm erfüllten diese Höhle, und man konnte nur mit Mühe durch den Dunst wahrnehmen, wie inmitten des Raumes eine Frau in einem Scharlachturban einen wilden Tanz ausführte und die laszivsten Stellungen darbot.

Sowie man uns erblickte, wurde das Fest unterbrochen. Die Männer kamen herbei, um Christian die Hand zu drücken, die Frauen küßten ihn; dann wandten sich aller Augen auf mich, und ich befand mich gar nicht wohl dabei. Man hatte mir von Zigeunern eine Menge Geschichten erzählt, die nicht sehr dazu dienten, mich zu beruhigen. Sie konnten doch aus meinen Skrupeln irgendeinen Verdacht schöpfen und mich aus der Welt schaffen, ohne daß irgendein Mensch geahnt hätte, was mit mir geschehen war, denn niemand konnte mich in diesem Schlupfloch vermuten. Meine Unruhe wurde so stark, daß sie Christian auffiel. Er suchte mich ganz zu beruhigen, indem er mir sagte, daß wir hier bei der „Herzogin“ seien, und ganz in Sicherheit. Immerhin zwang mich mein Hunger, am Mahle teilzunehmen. Der Krug mit Genever füllte und leerte sich so oft, daß ich das Bedürfnis fühlte ins Bett zu kommen. Beim ersten Wort, das ich Christian davon sagte, führte er mich in einen anstoßenden Raum, wo schon einige Zigeuner auf dem frischen Stroh schliefen. Ich konnte hier nicht groß den feinen Mann machen; trotzdem fragte ich aber doch meinen Chef, warum er, den ich immer hatte ein gutes Nachtlager wählen sehen, sich diesmal ein so schlechtes nähme? Er antwortete mir, daß man in allen Städten, wo es ein Haus für Romamichels gäbe, genötigt sei, dort zu wohnen; sonst würde man als falscher Bruder angesehen und dementsprechend vom Rat des Stammes bestraft. Die Frauen und die Kinder teilten übrigens selbst dieses Soldatenlager; und man merkte an dem Schlaf, der sie bald überfiel, daß ihnen diese Art der Nachtruhe vertraut war.

Bei Tagesanbruch war jedermann schnell auf den Beinen, und es wurde große Toilette gemacht. Hätten meine Schlafgenossen nicht diese prononcierten Züge gehabt, diese Haare, so schwarz wie Jade, diese ölig-kupferfarbene Haut, so hätte ich sie kaum wiedererkannt. Die Männer waren als reiche holländische Pferdehändler gekleidet, sie hatten schwere lederne Gürtel an, wie sie die Marktleute von Poissy tragen. Die Frauen waren bedeckt mit Schmucksachen aus Gold und Silber, und trugen das Kleid der Bäuerinnen von Zeeland. Selbst die Kinder, die ich doch noch ganz in Lumpen gesehen hatte, waren reinlich angezogen und hatten ein ganz anderes Aussehen. Bald verließen alle das Haus und schlugen verschiedene Richtungen ein, um nicht gemeinsam auf dem Marktplatz anzukommen. Auf dem Marktplatz war unterdessen schon eine große Menge von Landleuten versammelt. Als Christian sah, daß ich mich anschickte, mit ihm zu gehen, sagte er mir, er habe mich den ganzen Tag nicht nötig, ich könne gehen, wohin ich wolle; am Abend sollten wir uns wieder bei der „Herzogin“ treffen. Dann drückte er mir einige Kronen in die Hand und verschwand.

Da er mir an diesem Morgen gesagt hatte, daß ich noch nicht gezwungen sei, zusammen mit der Truppe zu wohnen, so mietete ich mir zuerst in einem Wirtshaus ein Bett. Dann, da ich nicht wußte, wie ich die Zeit totschlagen sollte, ging ich und sah mir die Messe an. Kaum hatte ich den Marktplatz ein paarmal überschritten, als ich fast mit der Nase auf einen ehemaligen Offizier des Landsturms, namens Malgaret, stieß, den ich in Brüssel gekannt hatte, wo er im türkischen Café ziemlich verdächtige Spiele spielte. Nach den ersten Begrüßungen fragte er mich nach den Ursachen meines Aufenthalts in Mecheln. Ich erzählte ihm ein Märchen, darauf erzählte auch er mir eines über die Gründe seiner Reise. Und wir waren beide zufrieden, denn jeder glaubte, den anderen hinters Licht geführt zu haben. Wir nahmen einige Erfrischungen, dann kehrten wir auf den Meßplatz zurück, aber überall, wo sich eine Ansammlung von Menschen bildete, begegneten mir einige Kostgänger der „Herzogin“. Da ich meinem Kameraden gesagt hatte, daß ich keine Menschenseele in Mecheln kenne, so wendete ich den Kopf ab, um nicht von ihnen erkannt zu werden. Es hätte mir zwar keine allzu große Sorge gemacht, einzugestehen, daß ich solche Bekanntschaften hatte, aber mein Kamerad war ein viel zu durchtriebener Geselle, als daß man ihn hätte täuschen können. „Hm,“ sagte er mir, „hier sind Leute, die Sie sehr aufmerksam ansehen …“ und dabei blickte er mir forschend ins Gesicht. „Sollten Sie sie vielleicht zufällig kennen? …“ Ohne den Kopf zu wenden, antwortete ich, daß ich sie nie gesehen hätte und daß ich nicht einmal wüßte, wer sie sein könnten. „Wer sie sind,“ erwiderte mein Kamerad, „wer sie sind, will ich Ihnen sagen …; immer unter der Voraussetzung, daß Sie es nicht wissen … Es sind Diebe!“ – „Diebe!“ rief ich … „Was wissen Sie davon? …“ „Das was Sie selbst gleich wissen werden, wenn Sie mit mir gehen; denn ich möchte wetten, wir werden nicht zu weit zu gehen brauchen, um sie arbeiten zu sehen … Da, sehen Sie nur hin!“

Ich sah mir die Gruppe an, die vor einer Menagerie stand; und da nahm ich ganz deutlich wahr, wie einer der falschen Pferdehändler einem dicken Viehhändler die Börse stahl, die der Viehhändler einen Augenblick später ganz harmlos in allen seinen Taschen suchte. Der Zigeuner trat dann in einen Juwelierladen, wo schon zwei angebliche Zeeländerinnen sich befanden, und mein Kamerad versicherte mir, daß er erst wieder herauskommen würde, wenn er irgendeine der Preziosen eskamotiert habe, die er nun vom Juwelier sich vorlegen lasse. Wir verließen darauf unseren Beobachtungsposten, um zusammen essen zu gehen. Gegen das Ende der Mahlzeit sah ich meinen Tischgenossen zum Plaudern aufgelegt, und ich drang in ihn, mir genau zu sagen, wer die Leute seien, die er mir gezeigt habe; ich versicherte, trotzdem der Schein gegen mich sei, kenne ich sie nur sehr flüchtig. Endlich entschloß er sich zu reden:

„Vor einigen Jahren saß ich einige Monate im Gefängnis (Rasphuys) von Gent; dort lernte ich einige Mitglieder der Bande kennen, die wir hier eben in Mecheln getroffen haben; wir waren damals Zellengenossen. Da man mich für einen ausgelernten Dieb hielt, so besprach man ohne Mißtrauen alle Kunstgriffe, und ich bekam alle möglichen Aufklärungen über ihr sonderbares Leben. Diese Leute kommen aus Gegenden an der Moldau, wo hundertfünzigtausend von ihnen vegetieren wie die Juden in Polen, ohne daß sie je eine andere Stellung dort annehmen können, als die des Henkers. Ihr Name wechselt mit den Ländern, die sie durchstreifen. In Deutschland heißen sie Zigeuner, in England Gypsies, das heißt Ägypter, in Italien Zingari, Gitanos in Spanien und Bohémiens in Frankreich und Belgien. Sie durchziehen ganz Europa und üben die bösartigsten und gefährlichsten Gewerbe aus. Man sieht sie Hunde scheren, wahrsagen, Kessel flicken, zerbrochenes Geschirr wieder ganz machen; vor den Kneipentüren machen sie eine abscheuliche Musik, sie handeln mit Hasenfellen, wechseln fremdes Geld, das außer Kurs geraten ist.

Sie verkaufen auch Arzeneien gegen die Krankheiten der Tiere; und, um mehr Kundschaft zu kriegen, schicken sie vorher einen Genossen in die Bauernhöfe, der unter dem Vorwande, Einkäufe zu machen, sich in die Ställe schleichen muß und Drogen ins Futter wirft, von denen die Tiere krank werden. Dann kommen sie mit ihren Heilmitteln und werden mit offenen Armen aufgenommen: da sie die Natur der Krankheit kennen, so neutralisieren sie sie leicht, und der Bauer weiß nicht, wie er dann seine Dankbarkeit bezeugen soll. Aber das ist noch nicht alles. Bevor sie den Hof verlassen, fragen sie den Pächter, ob er nicht Krontaler von dem und dem Jahr und dem und dem Gepräge habe; und dabei versprechen sie, solche Taler mit einem Aufgeld einzuwechseln. Der Bauer ist gleich sehr dafür eingenommen, wie alle Leute, die nur selten und schwer Gelegenheit haben, bares Geld zu verdienen, und so beeilt er sich, seine Taler vor ihnen aufzuzählen. Was geschieht? Sie finden immer ein Mittel, einen Teil des Geldes zu mausen. Und was das Unglaublichste ist, man hat sie schon mehrmals den gleichen Trick im selben Hause ungestraft wiederholen sehen. Nun das Bösartigste bei der Sache: sie benutzen die Umstände und ihre Ortskenntnis, um den Brandräubern anzugeben, wo sie abgelegene Höfe mit Geld antreffen, und mit welchen Mitteln es ihnen gelingt, hineinzukommen. Und diese Brandräuber halten die Füße ihrer Opfer so lange ans Feuer, bis sie den Versteck des Geldes erfahren. Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß die Zigeuner dann ihren Anteil am Schmaus bekommen.“

Malgaret gab mir noch viele Aufklärungen über die Zigeuner, und ich fühlte mich entschlossen, sogleich eine so gefährliche Gesellschaft zu verlassen.

Während Malgaret mir das erzählte, blickte er von Zeit zu Zeit durch das Fenster, an dem wir saßen. Plötzlich rief er aus: „Ach, Donnerwetter! Da ist ja mein Mann aus dem Rasphuys von Gent!“ Ich sehe hin und erkenne Christian, der mit einer sehr geschäftigen Miene schnell vorbeiging. Ich konnte einen Ruf des Erstaunens nicht zurückhalten. Nun hatte es Malgaret, der meine Verwirrung über seine Entdeckung benutzte, leicht, mich dazu zu bringen, ihm meine Beziehungen zu den Zigeunern zu erzählen. Da er mich fest entschlossen sah, die Zigeuner künftighin zu meiden, so schlug er mir vor, ihn nach Courtrai zu begleiten, er habe dort einige ganz nette Spielchen zu erledigen, wie er sich ausdrückte. Ich holte aus meinem Wirtshause meine paar Sachen ab und machte mich mit meinem neuen Kameraden auf den Weg. Aber in Courtrai trafen wir die Leute nicht, die Malgaret dort zu finden gehofft hatte, und an Stelle ihres Geldes ging das unsrige flöten. Wir gaben die Hoffnung auf, die Leute anzutreffen und kehrten wieder nach Lille zurück. Ich besaß noch hundert Frank; mit denen spielte Malgaret in Lille auf gemeinsame Rechnung; er verlor sie zusammen mit seinem eigenen Gelde. Später erfuhr ich, daß er sich mit seinem Gegner verbündet hatte, um mich auszuziehen.

In dieser Not nahm ich meine Zuflucht zu meinen Bekanntschaften. Einige Fechtmeister, denen ich einige Worte über meine übele Lage gesagt hatte, gaben zu meinen Gunsten eine Fechtvorstellung, die mir ungefähr hundert Taler eintrug. Diese Summe schützte mich wieder für einige Zeit vor Not, und ich fing nun an, mich an öffentlichen Orten und Bällen herumzutreiben. Damals ließ ich mich in eine Verbindung ein, deren Umstände und Folgen über das Geschick meines ganzen übrigen Lebens entschieden haben. Nichts ist jedoch einfacher, als der Anfang dieser Episode meiner Geschichte.

Eines Tages begegne ich auf einem Ball einer galanten Frau, mit der ich bald auf bestem Fuße stehe; Francine schien mir sehr zugetan zu sein, und sie beteuerte mir jeden Augenblick ihre Treue, was sie jedoch nicht abhielt, öfters heimliche Besuche von einem Hauptmann des Geniekorps zu empfangen. Eines Tages überrasche ich die beiden in dem Moment, wie sie gerade in einem Hotel allein miteinander zu Nacht speisen. Von Wut gepackt, falle ich mit Faustschlägen über das bestürzte Paar her. Francine, ganz zerzaust, ergreift die Flucht, aber ihr Partner bleibt auf dem Platz. Gegen mich wird Klage erhoben, ich werde arretiert und ins Gefängnis abgeführt. Aber während der Untersuchungshaft erhalte ich häufig Besuche von Frauen meiner Bekanntschaft, die es sich zur Aufgabe machen, mich zu trösten. Francine erfährt dies, ihre Eifersucht erwacht, sie verabschiedet den unglückseligen Hauptmann, steht von der Klage ab, die sie mit ihm gegen mich eingereicht hatte, und läßt mich um die Erlaubnis bitten, mich besuchen zu dürfen. Ich begehe wirklich die Schwäche, es ihr zuzugestehen. Aber die Richter erhalten Kenntnis davon, und nun halten sie die Zerbläuung des Hauptmanns für eine zwischen mir und Francine abgekartete Falle: Ich werde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.

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