Vergeltung

Auf der hoch im Gebirge gelegenen Poststation wurde der aus der Kreishauptstadt einen Tag um den anderen hin- und hergehende Eilwagen erwartet. Das Anlangen desselben war hier noch ein Ereignis, dem einige Bewohner des Ortes, auf der Poststation hin- und herschlendernd, mit Neugier entgegenzusehen pflegten.

So auch heute, wo indes das Interesse der anwesenden Gebirgsbewohner noch einen zweiten Gegenstand hier zu beobachten Anlaß fand. Ihre Aufmerksamkeit war geteilt zwischen dem ein wenig gesuchten, geschäftigen Treiben der beiden meist so müßigen Postbeamten und einem leichten Wagen, welcher vor dem Posthause hielt.

Ein derber, pausbäckiger Knecht stand vorn bei den mutigen Braunen, denen das geduldige Harren schwer zu werden schien, und am offenen Schlage lehnte eine Gestalt, welche die Aufmerksamkeit jedes Vorübergehenden auf sich ziehen mußte.

Sie war von wahrhaft riesigen Proportionen, die eine außergewöhnliche Körperstärke bekundeten. Der Mann ragte, wie einst Saul, um eines Kopfes Länge über alles Volk empor; seine breiten Schultern, nur von einer kurzen Tuchjacke bekleidet, der starke Nacken, welcher unverhüllt aus dem zurückgeschlagenen Hemdenkragen hervorsah, die hochgewölbte Brust, die gewaltigen Arme, welche die ganze Aermelweite ausfüllten, die kräftigen Schenkel, von einer engen Lederhose umschlossen, die sich in die weit heraufgezogenen Aufschlagestiefel verlor, bildeten eine beredte Warnung, mit dem Besitzer dieser Vorzüge nicht in eine feindselige Berührung zu kommen. Doch wurde diese Warnung bedeutend abgeschwächt durch einen Umstand, welcher zu der Furcht das Mitleid gesellen mußte: der Mann war blind. Zwei große, glanzlose Augen blickten starr unter den buschigen Brauen hervor; die ursprünglich weiße Hornhaut zeigte eine dunkle, körnige Färbung, und auch über die übrigen Gesichtsteile zog sich ein eigentümliches Blauschwarz, welches ihm ein beinahe schreckliches Aussehen verlieh.

Einer der beiden Postbeamten war unter den Eingang getreten.

»Wer ist der Herkules dort?« fragten die Dastehenden.

»Kennt ihr ihn nicht?« lautete seine Antwort. »Aber gehört habt ihr von ihm! Es ist der Goliath aus Rothenwalde.«

»Der Goliath?«

»Ja, der Bachbauer, den sie den Goliath heißen, weil ihn kein Mensch zu überwinden vermag. Der Waldschwarze hat ihm das Augenlicht hinweggeschossen.«

»Der Waldschwarze? Ah!«

Der Frager warf einen teilnehmenden Blick auf den Riesen und eilte dann hinweg. Das Posthorn schallte von fern, den nahenden Wagen ankündigend. Derselbe bog um die Ecke der Straße und hielt nach wenigen Augenblicken vor der Station. Der Bachbauer blieb am Wagen gelehnt, aber trotz der Verunstaltung seiner Züge konnte man in ihnen die Ungeduld erkennen, mit welcher er auf die umwogende Geschäftigkeit horchte.

»Kommt er noch nicht, Baldrian?« fragte er den Knecht.

»Habe noch nichts von ihm gesehen. Ich kenne ihn doch auch gar nicht,« antwortete dieser.

»Wirst ihn schon gleich kennen: Krauskopf, rote Backen, Sammetrock und lackierte Stulpenstiefel, rot und weiß Verbindungsband mit goldner Klunker auf der Weste und die grüne Studentenmütze hoch droben im Pfiff.«

»Ja, dort steht einer, der ist so lang und breit wie Ihr; Krauskopf und Stulpenstiefel, das ist richtig, hat er auch, aber Rock, Mütze, Band und Klunker, das wird nicht passen. Jetzt kommt er gerade auf uns herbei!«

Der junge Mann, welchen Baldrian meinte, war aus dem Postwagen gestiegen und hatte sich suchend auf dem Platze umgesehen. Als er kein bekanntes Gesicht erblickte, schritt er von dem Ausgange fort und gewahrte das Geschirr, bei welchem die beiden standen. Einen Moment lang verschärfte er seinen Blick; dann flog es wie ein heftiger Schreck über sein hübsches, jetzt tief erbleichendes Gesicht. In der nächsten Sekunde stand er vor dem Goliath.

»Vater!« rief er aus.

»Frieder!« antwortete der Riese.

Sie lagen sich in den Armen. Aus der Innigkeit der Umarmung konnte man auf die herzliche Liebe schließen, welche die beiden verband.

»Endlich, endlich bist wieder da, Frieder!« seufzte der Bauer auf. »Ich laß dich nun auch gar nimmer wieder fort. Nicht wahr, du bleibst, du böser Wandervogel?«

»Ja, Vater! Und wenn ich dich und die Mutter auch nicht gar so lieb hätte, ich müßte doch die Stelle des Bruders ausfüllen, der –«

»Laß gut sein jetzt, Frieder; das ist Zeit bis nachher, bis später!« Das Gesicht des Sprechers legte sich in düstere Falten. »Nicht wahr, hast nie gedacht, mich so zu finden wie heute?«

»Nie; ich kann dir gar nicht sagen, wie es mir das Herz zerreißt, das zu sehen, was zu lesen mir schon so entsetzlich war. Gebe Gott, daß noch Hilfe für deine lieben Augen möglich ist.«

»Nichts ist mehr möglich, gar nichts! Ich bin bei allen Doktoren und Professoren gewesen und habe um Hilfe gefleht wie ein Nestling, der zur Erde gefallen ist, aber umsonst. Komm; steige ein! Ich erzähle dir die Geschichte unterwegs.«

»Laß mich erst den Koffer besorgen!«

Nachdem dieser von dem Knechte geholt und auf dem Bock befestigt worden war, stiegen Vater und Sohn ein; die Braunen zogen an, und der Wagen rollte der nahen Landstraße zu, welche höher hinauf in das Gebirge führte.

Schweigend saßen sie nebeneinander. Der Bauer rang mit den finsteren Regungen seines Innern, mit denen er seit seiner Erblindung so viel und vergeblich gekämpft hatte und die sich von neuem mit doppelter Gewalt in ihm aufbäumten, da er sich verurteilt sah, auf den so lange entbehrten Anblick des geliebten Sohnes verzichten zu müssen. Und Frieder, wie der Gebirgler sich den Namen Friedrich gern zurechtlegt, konnte kein Auge von der Zerstörung wenden, welche dem Gesichte des Vaters den einst so freundlichen und intelligenten Ausdruck geraubt hatte. Es wallte in ihm von Gefühlen, welche ihm heiß und feucht in das Auge traten und ihm die Hände ballten, als müsse er den unheilvollen Urheber solcher Leiden zwischen ihnen zermalmen. Der Betreffende wäre in einer solchen Lage nichts weniger als zu beneiden gewesen; denn Frieder besaß, wie der Knecht vorhin ganz richtig bemerkt hatte, die Statur des Vaters und war diesem an jugendlicher Gewandtheit ja weit überlegen. Zwischen den Bergen rechnet man mehr mit den physischen Kräften als in der städtereichen Ebene, wo das geistige Vermögen den bevorzugten Faktor bildet.

»So, hast also den Brief erhalten?« fragte endlich der Bauer, als der Wagen schon längst die Stadt verlassen hatte und beinahe geräuschlos zwischen den bewaldeten Höhen dahinfuhr.

»Ja, ein fürchterlicher Brief!«

»Er war kurz, aber schlimm. Ich konnte ihn nicht aufsetzen, weil das Augenlicht nicht mehr vorhanden war, und so hat ihn die Mutter aufs Papier gesetzt, die mit der Feder nicht viel zu Wege gebracht hat.«

»Aber warum habt ihr mir nicht vorher gemeldet, daß der Bruder gestorben ist?«

»Gestorben? Ja, gestorben ist er, aber wie und woran? Ich habe es dir nicht kundgetan, weil ich dir das Leid auf etwelche Zeit ersparen wollte, und weil ich ganz andere Dinge im Kopfe trug, als Feder und Papier. Aber jetzt sollst du alles erfahren; jetzt mußt du alles wissen, denn jetzt bist du daheim, und der Mund kann sagen, was die Tinte nicht zu erzählen versteht.«

Des Sprechenden ausdrucksloses Auge starrte leer in die Weite; seine Lippen zitterten unter der Qual des Erlebten und doch nicht Ueberstandenen, und seine Hände drückten sich auf die hochgehende Brust, als wollte er den darin wütenden Schmerz gewaltsam niederdrücken. Dann fuhr er fort:

»Vom Waldschwarzen hast du gehört?«

»Nein! Ich war ja fünf volle Jahre von der Heimat abwesend, habe die Welt durchstreift und die ganze Zeit von zu Hause so wenig vernommen, bis die letzte Botschaft kam, welche mich veranlaßte, schleunigst heimzukehren.«

»So muß ich die Geschichte ganz von vorn anfangen. Du weißt von Kind her, daß vor vielen langen Jahren der ›Pascherkönig‹ mal hier in den Bergen sein Wesen trieb. Er hatte alle Wilderer und Schmuggler unter sich, die ihn nicht verrieten, weil sie selber nicht wußten, wer er eigentlich war, und weil sie die Strafe fürchteten, die er jedem gab, den er für seinen Feind hielt. Nachher ist es aber doch herausgekommen, wer er war. Später fand sich ein neuer Anführer für die Pascher. Er nannte sich den ›Grenzmeister‹. Wer ihm entgegentrat, den räumte er unerbittlich aus dem Wege. Es war eine Gnade, von ihm nicht getötet, sondern nur geblendet zu werden, damit man ihn nicht vor Gericht nachweisen könne. Dieser Wüterich ist aber trotz dieser grausamen Vorsicht doch entdeckt worden und hat ein schmählich Ende genommen. Weißt noch die Geschichte?«

»Ja. Die Schmuggelei ist eine von jenen Sünden, die vom Volke durch allerhand Trugschlüsse und Spitzfindigkeiten beschönigt werden, so daß man die Pascher mit dem Heldennimbus umgibt und vorzieht, ihnen allen möglichen Vorschub zu leisten, statt sie der wohlverdienten Strafe zu überliefern.«

»Hast recht, Frieder, und wenn es auf mich ankäme, so müßten sie alle am Stricke baumeln. Aber tue mir doch den Gefallen und sprich nicht so vornehm wie bisher, sondern rede die Sprache, die wir daheim sprechen, sonst kommst mir fremd vor, und ich weiß nicht, ob du auch wirklich der Frieder bist! Also gerade wie damals mit dem Grenzmeister ist’s auch jetzt mit dem ›Waldschwarzen‹, nur daß dieser noch viel schlimmer ist als jener. Was jetzt in einer Woche über die Grenze geschafft wird, das ist sonst in vielen Jahren nicht hinüber- und herübergekommen, und das Wild ist beinahe ganz ausgestorben, weil der Waldschwarze es hinwegputzt, gerade wie der Bauer die Fliegen. Ganz große Schmuggelzüge gehen hin und her; die Leute sind bewaffnet bis an die Zähne; der Grenzer, der es wagt, mit ihnen anzubinden, ist verloren, und wer ihnen unglücklicherweise begegnet, wird unschädlich gemacht, wie und womit, das siehst du an mir.«

»Schrecklich! Und die Obrigkeit, Vater?«

»Die Obrigkeit, ha, ha! Die gibt sich alle Mühe, aber vergebens. Sie versteht’s nicht! Hat sie mir das Auge beschützt? Kann sie mir das Licht zurückgeben in der Finsternis, die mich umgibt, wie das weite Meer den Mann, der am Strohhalm hängt? Wo soll man den Hauptmann der Pascher suchen, und wo soll man ihn greifen und packen? Niemand weiß, wer er ist und wo er wohnt; er ist nirgends und doch überall, und seine Leute sind ihm untertan und gehorsam aufs Wort und auf den Wink. Die Förster und die Grenzer haben sich zusammengetan und ihm Urfehde geschworen; er lacht sie alle miteinander aus. Niemand hat solche List und Stärke wie er; er ist der Fuchs und der Tiger zugleich; das ist der Grund, warum ihn keiner fängt.«

»Sollte es wirklich niemand geben, der ihm die Faust auf den Nacken legt, Vater?« fragte Frieder mit einem selbstbewußten Lächeln.

»Keinen! Die Bachbauern sind seit Menschengedenken ein stark Geschlecht gewesen, und auch ich habe mir auf meine Kraft viel zu gut gewußt. Der Feldbauer ist der einzige, der mir just gewachsen war, und doch sind wir unterlegen, dein Bruder Franz und ich! Freilich weiß ich nicht, auf welche Weise sie über mich gekommen sind, und bei mir sind es gar viele gewesen, sonst hätte meine Faust sich schon Raum verschafft.«

»Wie ist’s gekommen, Vater?«

»Das war so: Dein Bruder, der Franz, hatte stets gute Freundschaft gehalten mit dem Förster, und sie sind beide sehr oft miteinander auf die Pirsch gegangen. Eines Nachts nun kommen sie nicht wieder heim, und am Morgen findet man sie an einen Baum gebunden, der eine hüben, der andere drüben, und jeder tot, die Kugel in der Brust! Die Erde und das Gestrüpp waren ringsumher zerstampft und zertreten, als hätte ein gewaltiger Kampf stattgefunden, und in der Tasche steckte bei ihnen ein Zettel, darauf stand geschrieben: ›Zur Strafe vom Waldschwarzen‹. Als sie mir nachher den Franz herbeibrachten, ist mir’s gewesen, als ob mich einer mit der Keule erschlüge; ich habe alle Sinne verloren, mich eingeschlossen und nichts gewußt von dem, was um mich vorgegangen ist. Erst nach dem Begräbnis hat mich die Mutter wieder hervorgebracht, und ich bin hinausgegangen auf den Friedhof zu meinem Sohn, der tief unter der Erde gelegen hat, wo ihn mein Auge nicht erreichen konnte. Da habe ich das Gelübde getan, nicht zu ruhen und nicht zu rasten, bis der Waldschwarze unter mir liegt wie der Tiger unter dem Elefanten, der ihn mit einem einzigen Tritt vernichtet und zermalmt!«

Die letzten Worte waren pfeifend zwischen den knirschenden Zähnen hervorgestoßen worden, und über das Gesicht des Erzählers zuckte ein Grimm, der alle seine Glieder erbeben machte. Frieder hatte seine beiden Hände ergriffen.

»Vater,« rang es sich aus seiner hochgehenden Brust hervor, »grad so denke und fühle auch ich in diesem Augenblick, und was dir nicht gelungen ist, das werde ich um so sicherer erreichen; das schwöre ich dir. Hier hast du meine Hand darauf!«

»Du? Geh, Bub! Was denkst denn von dir und ihm? Du bist der kleine Student, der mir nicht an die Schulter reicht, und dem das Studium das Mark aus Leib und Seele genommen hat. Ich habe es nimmer gern gehabt, dich als hochgelehrt zu sehen; aber du hast gute Worte gegeben und die Mutter auch, und so ist euch euer Wille geschehen. Jetzt nun bin ich blind, und der Franz ist tot, und das Geschlecht der Bachbauerriesen stirbt aus. Ich war der stärkste von allen; darum nennt man mich den Goliath; wie aber wird man dich heißen, Knirps?«

Trotz der nichts weniger als lustigen Stimmung des Augenblicks zuckte ein heiteres Lächeln um das Bärtchen, welches die Lippen Frieders beschattete.

»Fünf Jahre, hast’s gehört, Vater, fünf volle Jahre war ich nicht daheim! Denkst nicht, daß ich in dieser Zeit ein wenig gewachsen bin?«

»Ein wenig, ja. Aber der echte Bachbauer wirst nicht sein; der Bücherwurm hat dir die Kraft verzehrt und die Courage dazu.«

»So werde ich wieder stark zu Haus; denn nun der Franz tot ist, nehme ich die Arbeit über mich. Der Bachhof steht mir höher als die Gelehrsamkeit, denn er ist ja meine Heimat, und die hält man hoch!«

»Frieder,« rief der Bauer entzückt, »so höre ich’s gern, und niemand wird sich mehr darüber freuen, als wie die Mutter! Du sollst das Auge werden, mit dem ich schaue, und wirst auch die Hand sein, mit der ich schaffe und arbeite. Habe Dank für dieses Wort!«

Ein kräftiger Händedruck, der jedem anderen zu einem Laut des Schmerzes veranlaßt hätte, besiegelte diesen Bund. Dann fuhr der Vater fort:

»Es ist nachher für mich eine gar regsame Zeit gewesen. Bei Tag habe ich im Hof und auf dem Feld geschafft, und bei Nacht bin ich hinaus in den Wald gegangen, den Haß im Herzen und die Büchse auf der Schulter. Ich habe gehorcht und gelauscht vom Abend bis zum Morgen und nichts gesehen und nichts erfahren, als daß die Nachbarn alle die Rache erkannt haben, die in mir kochte Tag und Nacht.«

Er atmete auf und fuhr dann fort:

»Nur einer hat kein Mitleid mit mir gehabt, sondern über mich gelacht und gespottet, der Feldbauer, der mein Rival gewesen ist von Jugend auf. Er trägt es mir noch heute nach, daß deine Mutter mich genommen hat und nicht ihn, und wo er es nur kann, da fügt er mir Verdruß und Krankheit bei. Die erste Frau hat er ins Grab geärgert, und die zweite, die er als Witwe bekommen hat, wird wohl das gleiche erleiden müssen. Mich dauert nur das arme Kind, die Martha, die er gar schlecht behandelt, weil er der Stiefvater ist, und dennoch ist sie das schönste und beste Mädel weit und breit. Sie ist trotz der Feindschaft ihres Vaters gekommen und hat der Mutter bei der Pflege geholfen, als ich unter Schmerz und Qual darniederlag. Das werde ich ihr nimmer vergessen, so lange ich lebend bin, denn ihr Wort und Trost war grad so mild und lind wie die Hand, mit der sie mir das Auge verbunden hat. Und ich habe ihn gebraucht, den Zuspruch und den Trost; denn es war, als hätte die Hölle in mir gebrodelt und gekocht, viel schlimmer noch als damals, als ich das Gelübde am Grabe tat!«

Er holte abermals tief Atem. Die Erinnerung stürmte tief auf ihn ein, und es dauerte lange, ehe er wieder ruhiger zu erzählen vermochte:

»Es war in einer Mondnacht, beinahe so hell wie der Tag, als ich drunten auf der Halte saß, wo sie vor langer Zeit den alten Stollen zugeschüttet haben. Da knackte es im Gebüsch, und als ich aufschaute, stand einer vor mir, breit und stark wie ein Herkules, bewaffnet bis an die Zähne und mit einer schwarzen Larve vor dem Gesicht.

»›Der Waldschwarze!‹ rief ich und sprang empor, um die Büchse anzulegen. Der aber sagte kein Wort, sondern legte den Finger an den Mund und pfiff. Ich wollte grad losdrücken, doch in demselben Augenblick wurde ich von hinten und von der Seite gefaßt und zu Boden gerissen. Sie sind über mich gefallen wie die Wölfe um das einzige Roß; ich schlug um mich, so viel ich konnte, schüttelte sie ab und sprang empor, wurde wieder niedergeworfen, und so ging der Kampf wohl zehn Minuten fort, bis ich endlich ermüdet war und gefesselt wurde. Es waren wohl an die zwanzig Mann, jeder mit der Maske vor dem Gesicht. Ein Tuch wurde mir um die Augen gelegt und ein Knebel mit Gewalt in den Mund gesteckt; dann ging es fort, wohin, weiß ich nicht. Halb getragen, halb gestoßen und geschoben, wurde ich über eine halbe Stunde weitergezerrt, bis es wie Strauch- und Dornzeug raschelte und ich eine Treppe hinuntersteigen mußte. Dort war’s feucht und kalt; ich wurde zu Boden gelegt, und dann begann mit leiser Stimme die Verhandlung über mich. Ich hörte nichts als das letzte Wort davon:

»›Es ist genug, daß der Franzel die Kugel bekam! Der Tod ist nicht so schlimm wie das andere und gibt auch keine größere Sicherheit. Er soll den Waldschwarzen nicht fangen; dafür wird gesorgt!‹

»Die Stimme kam mir bekannt vor, obgleich sie unter der Larve anders und auch nach Verstellung lautete; aber noch heute kann ich mir nicht sagen, wo ich sie schon vernommen habe. Ich hörte dann ein Geräusch, als werde ein Gewehr geladen, und dann nahm man mir die Binde vom Auge hinweg. Ich blickte auf; aber da blitzte und krachte es grad vor meinem Gesicht los, und ich brach zusammen wie vom Blitz erschlagen. Das Feuer vom Pulver nahm mir’s Augenlicht. Der Lauf war nur mit Pulver geladen; schau her, ich habe ein gut Teil davon noch heute im Auge und Gesicht! Das weitere kannst dir denken! Der Schmerz, den ich hatte, wurde verlacht und verhöhnt; man faßte mich an, schleppte mich empor und schaffte mich in das Dorf, wo ich endlich mit Gewalt die Fesseln herunterbrachte und dann auch den Knebel fortnahm. Der Nachtwächter kam herbei und führte mich nach Haus. Das ist die Geschichte, Frieder; das andere will ich nicht erzählen. Aber wenn ich schlafen geh‘, und wenn ich erwache, so ist mein einzig Gebet, daß der liebe Gott die Gnade und die Barmherzigkeit haben möge, den Waldschwarzen mir in die Hand zu führen. Das Gewehr taugt nichts mehr in meiner Hand, aber diese Hand, Frieder, diese Hand, wenn sie ihn erst ergriffen hat, sie läßt nicht wieder los; er mag sich winden wie eine Schlange und krümmen wie ein Wurm, sie hält ihn fest und malmt ihn zusammen wie Papier, das man zerknüllt und dann zur Erde wirft! Das ist mein höchster Wunsch, mein Verlangen immerfort. Der Waldschwarze ist mein Gedanke am Tage und mein Traum bei Nacht; jeder Bissen, den ich genieße, und jeder Schluck, den ich trinke, schmeckt nach ihm; jeder Laut, den ich vernehme, mahnt mich an ihn; ich habe weder Ruh, noch Rast und vermag nicht zu sterben, ehe ich weiß, daß er den Lohn bekommen hat!«

Obgleich der Wagen in raschem Trabe auf der Straße dahinrollte, hatte der Sprecher sich doch in demselben erhoben. Er streckte die muskulösen Arme aus, als könne er den Todfeind jetzt mit ihnen erfassen; die Faust öffnete und ballte sich abwechselnd, ein sprechendes Bild der Zermalmung, von welcher er gesprochen hatte. Seine Zähne mahlten hörbar aneinander; ihr Elfenbein blickte drohend zwischen den grimmig sich spaltenden Lippen hervor, und die Augen strebten starr aus ihren Höhlen, als wolle die leidenschaftlich angeregte Kraft des unverletzten Sehnerven den geblendeten Augapfel durchdringen, um auszublicken nach dem geheimnisvollen Dämon, der so viel Unglück verschuldet, so unversöhnlichem Hasse das Dasein gegeben hatte.

Frieder war in die Ecke zurückgesunken. Seine Glieder wurden nicht wie diejenigen des Vaters bewegt von der gewaltigen Gährung, welche auch in seinem Inneren herrschte. Aber in seinen Augen glühte es wie ein eingeschlossener Brand, welcher nur der geringsten Oeffnung bedarf, um vernichtend emporzulohen, und seine Lippen preßten sich zusammen unter dem Bestreben, diese Flamme zurückzuhalten und hinabzubringen in die Tiefe, wo er die glühenden Wasser kochen fühlte, wie in einem Vulkan, über dessen Krater eine purpurne Flamme schwebte, zum Zeichen, daß das Verderben in ihm wohnte.

Dem Knechte war kein einziges Wort der Unterhaltung entgangen. Dem guten Menschen stand das Wasser in den Augen. Er wußte, was sein Herr gelitten hatte und heute noch litt; das griff ihm in das Herz hinein. Und wie sehr er sich räusperte, wie oft er sich mit dem Aermel über das Gesicht fuhr, die Tropfen erneuerten sich immer wieder, so daß er endlich, zwischen Aerger und Beschämung kämpfend, auf die Braunen einhieb, daß sie förmlich auf der Straße dahinflogen. An einer Stelle, wo ein Vizinalweg von der Straße her in die Chaussee mündete; drehte er sich um und fragte:

»Gradaus oder links?«

»Fahre links ab. Wir kommen näher,« antwortete der Bauer, obgleich er den Weg nicht zu sehen vermochte.

Er wußte, welcher gemeint war; er war denselben früher selbst stets gefahren, um einen guten Bruchteil Zeit abzuschneiden. So ging es weiter. Der Wald lichtete sich zur offenen Heide, zwischen welcher das Geleis schmal und holperig dahinführte, und schon senkte sich der Weg herab zum Dorfe, als Baldrian sich nochmals nach rückwärts wandte:

»Dort kommt einer geritten. Es muß der Feldbauer sein!«

Er war gewohnt, dem Blinden jede Begegnung zu melden, damit dieser die Begrüßung nicht verfehle.

Der Reiter, welchen er meinte, kam ihnen in scharfem Trabe entgegen. Es war eine breite, nicht zu hohe, aber massive Gestalt, an welcher der nicht mehr zu junge Schimmel gerade genug zu tragen hatte. Dicht vor ihnen parierte er mitten auf dem Wege das Pferd, so daß auch Baldrian zum Halten gezwungen war.

»Holla, wer ist das?« rief er. »Das ist ja der Goliath mit dem Studenten, der in die weite Welt gegangen ist, weil ihn zu Hause niemand gern leiden mag! Fahrt seitwärts ab, damit anständige Leute vorüber können!«

»Ihr könnt uns eher ausweichen als wir Euch, Feldbauer,« meinte der Knecht. »Reitet ab!«

»Ich euch, Grünschnabel? Fällt mir gar nicht ein! Marsch auf die Seite, sonst helfe ich nach!«

Als Baldrian keine Miene machte, dem Gebote zu folgen, bekam der Schimmel die Sporen; der Reiter hielt im nächsten Augenblicke neben dem Wagen und zog dem Knechte mit der Peitsche einen kräftigen Hieb über das Gesicht.

»So, Halunke, da hast, was du brauchst, um ein andermal zu wissen, wer Meister ist, du oder ich!«

»Was ist das, Feldbauer?« fragte der Blinde. »Du wagst es, mein Gesinde zu schlagen! Könnte ich sehen, so wollte ich dir schon heimleuchten!«

»Du mir heimleuchten? Denkst vielleicht, ich fürchte mich vor dir? Da hast den Hieb grad so wie der Knecht!«

Der Feldbauer holte aus zum Schlage, kam aber nicht dazu. Mit einem gedankenschnellen Sprunge war Frieder aus dem Wagen und griff dem Schimmel in die Nüstern, daß er vorn emporstieg, und zwar so kerzengerade, daß der Reiter zu Boden fiel. Sofort kniete der junge Mann auf diesem, entriß ihm die Peitsche und bearbeitete ihn mit derselben scheinbar so mühelos, als habe er einen Schulknaben unter sich liegen.

»Frieder, Frieder, was machst du?« rief der Blinde angstvoll, welcher nicht anders glaubte, als daß die hörbaren Schläge dem Sohne galten.

»Ich lehr‘ ihn Achtung vor den Bachbauern, Vater. Habe keine Sorge um mich!« antwortete dieser.

Der Feldbauer strengte seine ganze Kraft an, sich emporzubäumen und den Gegner abzuwerfen; es gelang ihm nicht. Die tatendurstige Erbitterung, welche die Erzählung des Vaters in dem Herzen Frieders hervorgerufen hatte, war durch die diesem gewordene Beleidigung zum Ausbruche getrieben worden. Der Jüngling hielt die Arme des Feindes unter den Knieen fest, drückte ihm mit der Linken die Kehle wie zwischen einem Schraubstocke zusammen und ließ mit den unaufhörlich niedersausenden Peitschenhieben nicht eher nach, als bis er fühlte, daß die Widerstandskraft des Feldbauern vollständig erlahmt sei.

»So, du hast genug und bist gezeichnet für lange Zeit! Ich will dich lehren, den Knecht zu schlagen und den Vater zu schimpfieren. Die Peitsche nehme ich mit, zum Zeichen, daß der Student, den niemand leiden mag, weit über den Feldbauern kommt, der der Liebling ist vom ganzen Dorf. Willst sie wiederhaben, so kannst sie vom Bachhof holen; nachher sollst sie bekommen, aber anders nicht!«

Er gab dem Schimmel einen Schlag, daß dieser laut wiehernd das Weite suchte, und sprang, ohne den Ueberwundenen eines weiteren Blickes zu würdigen, schnell in den Wagen, der seinen Weg unverzüglich fortsetzte.

»Frieder!« stieß der Blinde vor Erstaunen hervor.

»Wunderst dich wohl, Vater? Der Feldbauer mag dir beinahe gewachsen sein, wie du vorhin gemeint hast, mir aber nicht! Willst mich nun noch den Knirps heißen?«

»Nun sicher nicht! Ich habe dich vor mir geschaut immer nur grad so, wie du vor fünf Jahren gewesen bist, und es ist wahr, du bist gewachsen, Frieder. Aber einen Feind hast dir erworben, der die Züchtigung niemals vergeben wird.«.

»Ich fürchte mich nicht und nehm’s mit zweien auf von seinem Schlag!«

Als der Wagen in den Bachhof, welcher der erste und größte des Dorfes war, einfuhr, stand die Bäuerin schon zum Empfange bereit.

»Komm her, Anna, und nimm den Sohn wohl an,« meinte der Blinde. »Er hat die grüne Mütze und die Klunker abgelegt und will für immer bei euch bleiben. Ich sage dir, daß er ein Bachbauer werden wird, wie es noch keinen gegeben hat, denn der Mensch ist ein Riese, noch stärker als der Goliath!«

II.

Es war am nächsten Sonntag. Der Gottesdienst ging zu Ende, und die Kirchgänger traten auf den Kirchhof heraus, um den gewohnten Umgang durch die Gräber zu halten und dabei die Neuigkeiten der vergangenen Woche zu besprechen. Die Stadt hat ihre Kränzchen und Brunnenversammlungen, das bayerische Dorf im Gebirge seine Spinnstuben und das sächsische seine Gottesackerversammlungen, auf welchen Mann und Weib, alt und jung Gelegenheit findet, sich auszusprechen über alles, was das Herz bedrückt oder die Neugier befriedigt. Zweierlei beschäftigte heute die Zungen ganz besonders: die Rückkehr des Bachfrieder, und der seltene Umstand, daß der Feldbauer nicht in der Kirche gewesen war. Daß beides im engen Zusammenhange stand, wußte man bereits, nur hielt man eine eingehende Erörterung für notwendig, aus welchem Grunde sich ein zahlreicher Kreis von Zuhörern um Baldrian, den Kutscher des Bachbauern, versammelte, welcher an der Kirchenmauer lehnte und mit wunderlichen Gestikulationen sein Erlebnis erzählte.

»Ja, es war nur eine halbe Stunde vorher, da hat ihn mein Bauer einen Knirps genannt, und er ist ganz still dazu gewesen. Jetzt auf einmal kommt er über den Feldbauer wie Simson über die Pharisäer, oder wie die Leute und das Dorf zur damaligen Zeit geheißen hat. Das war grad, wie wenn die Bulldogge über die Maus gerät; da gibt’s weder Widerstand noch Rettung; sie wird einfach zu Tode gebissen und dann aufgefressen.«

»Hat sich denn der Feldbauer nicht gewehrt?« fragte man.

»Gewehrt? Wo denkt Ihr denn hin? Gewollt hat er’s vielleicht, aber er ist ja gar nicht dazu gekommen, denn der Frieder ist so unverhofft und schnell über ihn hergefallen und hat auf ihm gelegen wie der Amboß auf der Mücke, daß er nur ein wenig mit den Beinen wackeln konnte, weiter nichts.«

In seinem Eifer gab der gute Baldrian der Sache etwas mehr Farbe, als unumgänglich nötig war.

»Ihr hättet nur das Gesicht sehen sollen, auf dem die Peitsche gearbeitet hat wie das Graupelwetter auf dem Dach. Da ist Hieb auf Hieb und Schlag auf Schlag gekommen, und die Schwiele, die ich hier über die Nase vom Feldbauer bekommen habe, hat mehr als hundert Prozent getragen. Der Feldbauer hat nachher auch gar nicht daran gedacht, sich nochmals an uns zu vergreifen, sondern ist langsam aufgekrabbelt und dem Schimmel nachgehinkt, als wir davonfuhren.«

»Also darum kommt er nicht in die Kirche, weil ihm das Gesicht gezeichnet ist. Ihm ist ganz recht geschehen, und nun wird er wohl nicht mehr so prahlig tun mit seiner Körperstärke, da er den Meister gefunden hat.«

»Er mag sich nur auch ferner fein hübsch in acht nehmen vor dem Frieder; den habe ich in den paar Tagen ganz genugsam kennen gelernt. Er ist so gut und fromm wie ein Lamm, aber wenn man ihn bei der Galle angreift, so mag man nur immer schnell um die Ecke springen. Ihr solltet nur mal sehen, wie lieb und lind er ist! Die Mutter hat er stets beim Kopf, und den Vater trägt er auf den Händen. Dazu greift er wacker an, wo es nur immer Arbeit gibt, und nämlich wie, das ist die Sache! Im Hof, da lag ein Klotz, der Bretter geben sollte; drei Männer konnten ihn kaum herschleppen; er aber hat ihn aufgenommen und vors Tor geschafft, als ob es ein Schaufelstiel sei oder so was Aehnliches. Den Stier nimmt er bei den Hörnern und drückt ihm den Kopf zu Boden, daß er sich nicht zu rühren vermag. Und bei dieser Gütigkeit und Stärke ist er gelehrt und geschickt, daß man sich nur wundern muß. Er hat nach Maschinen geschrieben und nach anderen Dingen, von denen unsereiner nicht mal den Namen kennt, und dem Bauer einen Plan über den Feldbau vorgelegt, nach dem das Land grad um die Hälfte mehr bringen muß als früher.

»Ja, klug ist er und geschickt dazu, sonst hätte er ja gar nicht die Universität überstanden!

»Das Dorf hat noch niemals einen so studierten Herrn und klugen Bauern gehabt, und wir müssen also stolz auf den Frieder sein, der bewiesen hat, daß es bei uns auch Leute gibt, die nicht auf den Kopf gefallen sind. Wie er heute die Orgel gespielt hat, so was Schönes ist hier noch gar nimmer gehört worden; der Kantor ist das reine Nichts gegen ihn. Seht, dort kommen sie beide vom Chor herab!«

Frieder wurde von allen seinen Bekannten, denen er bisher noch nicht begegnet war, mit Enthusiasmus begrüßt; er hielt sich aber nicht lange bei ihnen auf, sondern schritt dem stillen Winkel zu, wo sich die gelösten Grabstätten der Bachbauern befanden. Der Platz war von tief herabzweigenden Trauerweiden beschattet, unter denen eine Steinbank stand, deren Sitz mit weichem Moos bekleidet war. Als er die Zweige auseinanderschlug, fiel sein Blick auf ein Mädchen, welches hier gesessen hatte und sich jetzt in halber Verlegenheit erhob.

Er hatte sie schon in der Kirche bemerkt und sich von ihrer Erscheinung seltsam ergriffen gefühlt. Ihre hohe, schöne Gestalt war nicht mit dem hier in der Gegend üblichen, sondern mit dem jenseits der Grenze getragenen Festtagsgewande bekleidet. Der kurze, rot und weiß gestreifte Rock ließ einen hübsch gebauten Fuß frei; um die Taille befand sich eine seidene Schürze, deren zierlicher Schnitt es verriet, daß sie nicht für den gewöhnlichen Gebrauch gefertigt sei; unter dem dunklen Jäckchen blickte das sammetne Mieder hervor, dessen Ausschnitt nach der Landessitte das feingefaltete, blütenweiße Hemd freigab, welches sich in schmaler Krause um den schönen Hals legte. Von dem unbedeckten Kopfe hingen die mit einer einfachen Feldskabiose geschmückten Haare in zwei langen, dicken Zöpfen bis über die Hüften herab, und die Hände, welche jetzt das Gesangbuch umschlossen, schienen sich noch nie mit gröberer Hausarbeit beschäftigt zu haben. Wer ihr in das Gesicht blickte, hatte keine Zeit, sich bei der Betrachtung der einzelnen Teile desselben aufzuhalten, sondern fühlte sich sofort gefangen von dem Ausdrucke der Sanftmut und Herzensgüte, welcher über ihm ausgebreitet lag.

»Grüß Gott!« antwortete sie auf seinen Gruß und schlug die langen, verlegenen Wimpern langsam empor, die sich aber sofort wieder über das große, tiefblaue Auge senkten.

»Sei nicht bös über die Störung, die ich dir bereitet habe!« bat er. »Ich habe nicht gewußt, daß wer hier ist. Soll ich gehen?«

»Nein, bleibe nur, denn ich bin’s ja, die weichen muß!«

Sie schlug ihr Auge mit einem wie um Verzeihung bittenden Blicke wieder halb empor, und es war ihm, als müßte er die feinen Lider vollends heben, um dieses wunderbare Auge ganz und voll zu erblicken.

»Warum mußt du weichen? Bitte, sage es mir!« bat er.

»Weil dieser Ort nicht mir gehört, sondern dir.«

»So kennst mich wohl?«

»Ich sah dich gestern nach der Stadt reiten, als ich auf dem Felde war, und die Magd sagte mir deinen Namen.«

»So darf ich wohl auch wissen, wie der deinige lautet?«

»Martha.«

»Martha?« wiederholte er, selbst nicht wissend, ob freudig oder schmerzlich überrascht. »So bist wohl gar die Martha vom Feldhof?«

»Ja.«

Das eine Wörtchen kam nur langsam und in einem Tone über ihre zögernden Lippen, als müsse sie um Gnade bitten, daß sie die Tochter des Feldbauern sei. Er aber trat näher, ergriff ihre Hand und sagte:

»So bin ich dir unendlich viel Dank schuldig für die große Liebe und Barmherzigkeit, die du dem Vater und der Mutter erzeigt hast, Martha. Der liebe Gott mag’s lohnen, wir können’s nicht! Warum bist dieser Tage nicht zu uns hereingekommen?«

Sie schwieg.

»Darf ich’s nicht wissen?« fuhr er fort.

»Ich kann’s nicht sagen.«

»Und eine Ausrede magst auch nicht machen, denn das wäre eine Lüge, und dazu bist du zu brav und stolz, nicht wahr? Aber laß gut sein, Martha; ich weiß doch, was du nicht sagen willst! Der Vater hat dir’s verboten. Ist es so oder anders?«

Sie nickte nur mit dem Kopfe, schaute aber jetzt voll und groß zu ihm empor mit einem Blicke, in welchem er eine hinter der Verlegenheit verborgene Anklage zu lesen meinte.

»Hätte ich gewußt, was ich heute nun weiß,« entschuldigte er sich daher unwillkürlich, »so wäre der Angriff des Feldbauern nicht in der Weise abgewehrt worden, wie es geschehen ist. Aber sage, hat er dir schon auch vorher verboten, nach dem Bachhof zu gehen?«

»Ja.«

»Schaust, Martha, was ich meine! Und dennoch bist herüber gegangen? Warum bleibst alleweil jetzt davon? Die Mutter hat immer groß Sehnen nach dir, und du kannst ihr große Freude bereiten, wenn du bald mal vorsprechen magst. Darf ich ihr sagen, daß du kommen willst?«

»Ich weiß noch nicht!«

»So weiß ich jetzt, warum! Als ich nicht daheim war, hast den Bachhof besucht, nun ich aber nach Hause gekommen bin, bleibst hinweg. Ich allein bin die Schuld; du magst mich nicht leiden. Lebe wohl, Martha; das tut mir weh!«

Er ließ die Hand fahren und wandte sich zum Gehen.

»Frieder!« bat sie.

Er drehte sich wieder zu ihr herum. Sie sprach weiter:

»So habe ich’s nicht gemeint! Deine Eltern sind mir nicht gram, daß mein Vater solche Feindschaft hegt; denn ich kann ja nichts dafür. Von dir aber habe ich nicht gewußt, ob auch du so denkst wie sie; darum wollte ich erst sehen, ob ich auch darf vor dir!«

Er legte seine Hand auf die ihrige und entgegnete in beinahe leisem Tone:

»Das ist nur die halbe Offenheit! Ich bat dich, zu kommen, und dennoch gabst du zur Antwort: Ich weiß noch nicht! Fürchtest dich vor mir, Martha?«

Jetzt zuckte ein rasches Lächeln um ihren Mund, zwischen dessen Lippen die kleinen Zähne hervorblitzten, und ihr Blick traf den seinen mit voller Aufrichtigkeit.

»Ja, beinahe ganz sehr.«

»Warum?«

»Du bist der Mächtigste weit und breit, und dazu hast soviel Gelehrsamkeit studiert; soll man sich da nicht vor dir fürchten?«

»Wenn das nichts anderes bringt, als Furcht und Scheu, so möchte ich, daß ich nicht so mächtig wäre und ungeschickt dazu! Soll das so sein, Martha?«

»O nein, Frieder! Bleibe, wie du bist!«

»Aber dann wirst dich auch ferner fürchten und nicht kommen?«

»Ich werde mir die Angst abgewöhnen. Ich habe mir den Mann, der den Vater besiegt hat, ganz anders vorgestellt, recht wüst, rauh und hart, nicht so sanft und freundlich, wie du bist. Sage den Eltern, daß ich kommen werde!«

»Habe Dank! Nun gehe ich gern, denn ich weiß, daß ich dich wiedersehe!«

»Nein, laß mich gehen, und du bleibe! Du kamst zum Bruder, der unten liegt. Das ist ein fromm und heilig Recht, das ich dir nicht verkürzen darf!«

Sie reichte ihm die Hand und ging. Er bog die Zweige, welche sich hinter ihr geschlossen hatten, halb wieder auseinander und blickte ihr heimlich nach. An der Ecke der Kirche wandte sie sich einmal um, willenlos und ohne Absicht, wie man von einem inneren Impuls getrieben wird, der sich gegen jede Ausflucht sträubt. Er bemerkte es und sah mit einem stillen, innigen Lächeln vor sich nieder.

»Das ist also die Martha, von der die Eltern so viel Liebes und Gutes erzählen! Ich habe das alles gern geglaubt, doch nun ich sie gesehen und gesprochen habe, weiß ich, daß sie noch mehr und noch viel besser ist. So weit ich auch gewesen bin, eine solche Schönheit, mit solcher Herzenseigenschaft gepaart, habe ich noch nicht gesehen, und hier aus dem abgeschiedenen Dorfe hätte ich’s gar nimmermehr gesucht!«

Noch immer stand er und schaute nach der Ecke, hinter welcher sie verschwunden war.

»Und welch einen Vater hat dies engelsgleiche Gemüt! Wäre ich ihr vorher begegnet, so hätte er keine solche Lehre erhalten, die gleich auf ein- für allemal berechnet war. Freilich etwas zu stark bin ich dabei gekommen; das mag sein; aber der Grimm über den Waldschwarzen war da, und den Vater, der so viel erduldet hat, lass‘ ich nicht verhöhnen und nicht schlagen. Wer das beginnt, darf nicht auf Nachsicht rechnen. Ja, sie hat recht, ich bin sanft und freundlich, aber es gibt einen Punkt in mir, den man nicht anstoßen darf; das ist die Liebe zu Vater und Mutter und all den anderen Meinen!«

Sinnend sah er vor sich nieder, dann sagte er wieder halblaut:

»Daher ist dem Waldschwarzen die größte Rache geschworen, denn er hat diesen Punkt am stärksten angefaßt. Ich weiß, daß ich ihn finde; ich weiß, daß ich ihn ergreife; die Ahnung sagt es mir. Der Vater hat es falsch gemacht, denn er hat es alle Welt wissen lassen, daß er nach ihm jagt. Von mir aber soll’s niemand erfahren, was ich tue, selbst die Eltern nicht; denn sie würden große Sorge und Angst um mich empfinden, daß es mir so gehe wie dem Franz, der nun hier unter dem Hügel liegt. Aber er ist nicht tot; er ist nicht gestorben, sondern er lebt noch; er ist wieder erwacht in mir und wird den Mordblender zur Vergeltung bringen!«

Er brach einen kleinen Zweig von dem Lebensbaum, der auf dem Grabe stand, und steckte ihn an den Hut.

»Das ist die Kokarde, der ich diene, lieber, armer Bruder! Sie kommt nicht eher von ihrem Platz herunter, als bis meine Aufgabe erfüllt ist!«

Er verließ den Kirchhof und ging nach Hause, wo das Mittagsmahl schon seiner wartete. Nach demselben verließ er den Hof wieder, um sich in den Wald zu begeben. Er brauchte einige Spannhölzer für den Wagen und hatte vom Förster den Auftrag erhalten, sich die passenden Eichen- und Buchenstämmchen auszusuchen und zu bezeichnen.

Im Freien angekommen, schlug er unwillkürlich einen Umweg ein, um den Feldhof zu vermeiden, welcher eine Strecke vor dem Dorfe lag. Droben auf der Höhe, wo das Buschwerk begann, kamen ihm Schritte entgegen. Der Nahende war kein anderer als der Feldbauer. Als er Frieder erkannte, blieb er mitten auf dem Pfade stehen. Sein Gesicht trug noch die vollständigen Spuren der Züchtigung, die er von dem Jüngling erhalten hatte. Sie entstellten ihn mehr als bis zur Häßlichkeit, so daß ein Wegbleiben von der Kirche gar nicht zu verwundern war. Es mußte eine sehr dringliche Angelegenheit sein, die ihn in den Wald geführt hatte.

»Weiche aus, Bube,« kommandierte er; »heute geht’s anders als vorher!«

»Ja, heute weiche ich aus, aber nicht, weil Ihr’s gebietet, sondern aus ganz anderem Grunde,« antwortete Frieder.

»Den Grund kennt man schon! Leute unvermutet überfallen, das kann jeder, aber wenn er offen angeredet wird, da geht nur ein Lump oder Feigling auf die Seite.«

Frieder trat ruhig auf ihn zu, legte ihm die Hand schwer auf die Schulter und sah ihm mit blitzenden Augen in das blaurot angeschwollene Gesicht. Es lag dabei etwas in ihm, was der Bauer nicht zu erklären vermochte, ihn aber abhielt, den allerdings auch nur vielleicht beabsichtigten Kampf zu beginnen.

»Feldbauer, Ihr habt wohl kein Verständnis für andere und viel bessere Gründe, wegen deren man einer Rauferei ausweicht. Und was den Lump und Feigling betrifft, so kann nur ein solcher es unternehmen, einen Blinden, der sich nicht zu wehren vermag, mit der Peitsche traktieren zu wollen. Das muß ich Euch sagen, und nun gehabt Euch wohl!«

Der Bauer schob die Tabakspfeife, welche er bisher im Munde behalten hatte, schnell in die Tasche, faßte ihn am Arme und schrie ihn an:

»Ihr habt noch mehr verdient als die Peitsche, ihr alle beide. Nimm dich nur in acht, daß im dem Waldschwarzen nicht auch in die Hand gerätst, sonst wirst mich gar nimmer lange mehr sehen. Hier hast du den Trumpf drauf!«

Er schlug mit der Faust nach dem Gesicht Frieders, dieser aber parierte den Hieb und faßte dann die beiden Arme des Gegners mit einer Gewalt, daß dieser einen Laut des Schmerzes ausstieß.

»Feldbauer, ich habe Euch schon gezeichnet, und Ihr wißt es ganz genau, daß ich mich nicht vor Euch fürchte. Aber ich werde Euch doch aus dem Wege gehen, so gut ich kann, denn der Klügste gibt nach. Erhebt Ihr aber den Arm nur noch ein einziges Mal gegen mich, so schlage ich hin, wo sich’s gehört, und dann seid Ihr –«

Er ließ ihn los, um seinen Weg fortzusetzen. Die Ruhe des Waldes gab seiner Stimmung schon nach kurzer Zeit das verlorene Gleichgewicht wieder, und der Groll wich den freundlichen Regungen, welche die Begegnung mit Martha in ihm zurückgelassen hatte. Den Blick nachdenklich zur Erde gesenkt, gewahrte er plötzlich eine Schlange, welche sich quer über dieselbe schlängelte. Er folgte ihr zwischen die Büsche, um sie zu ergreifen, doch machte das hohe Heidekraut ihm das so schwierig, daß sie ihm zwischen einigen Steinen entkam, welche einen jener Witterstöcke bildeten, die man häufig in den auf felsigem Boden stehenden Wäldern findet. Er hob den ziemlich schweren Granit in die Höhe und gewahrte: – nicht die Natter, sondern einen Zettel, welcher auf dem plattgedrückten Boden lag. Auch ohne ihn aufzuheben, konnte er deutlich die mit Bleistift geschriebenen Worte lesen: »Beim alten Stollen um zwölf!«

Was war das? Er untersuchte den seltsamen Fund. Das Papier war weiß und sauber, als käme es erst aus dem Laden, und da der Boden hier ziemlich feucht war, so konnte es nur seit kurzer Zeit erst hier liegen. Er brachte den Zettel an seinen Ort zurück, gab dem Steine genau die frühere Lage und warf dann einen forschenden Blick auf die Umgebung.

Nur einige Schritte von ihm entfernt, hatte der Stößer eine Taube zerrissen; die Federn lagen auf dem Boden zerstreut und einige von ihnen in der unmittelbaren Nähe des Steines. Die letzteren waren im Gebrauch gewesen, wie sich gleich beim ersten Blick zeigte; es hatte jemand die Tabakspfeife mit ihnen gereinigt, wie sich aus dem Geruche erkennen ließ.

»Der Feldbauer!« stieg es in Frieder auf, und sofort folgte eine andere Ahnung, die ihm das Blut in die Schläfen trieb, so daß er es dort vernehmlich pulsieren fühlte.

»Nimm dich nur in acht, baß du dem Waldschwarzen nicht auch in die Hand gerätst, sonst wirst mich gar nimmer lange mehr sehen,« klang es ihm auf einmal wieder vor sein Ohr und …

Er konnte den Gedanken nicht ausdenken; ein leises Rascheln ließ sich aus der Richtung des Pfades her vernehmen, und er hatte kaum Zeit, sich unter einem jungen Tannenwuchs zu verbergen, so trat ein Mann zwischen den Büschen hervor, hob den Stein ein wenig, warf einen Blick auf den Zettel und verschwand dann so schnell, wie er gekommen war.

»Es ist so, wie ich dachte,« flüsterte Frieder in höchster Erregung. »Die Pascher haben den Bestellort hier. Ich bleibe da und warte, wer kommt!«

Er versteckte sich unter dem dichten Tannicht, daß er nicht bemerkt werden, aber selbst den Stein und seine Umgebung genau überblicken konnte. Er brauchte nicht lange zu warten, denn schon nach kurzem wiederholte sich die Szene, und nach Verlauf von einigen Stunden hatte er gegen zwanzig Personen gezählt, welche den Stein entfernt und den Zettel gelesen hatten; die meisten waren ihm fremd; aus seinem Dorfe befanden sich nur einige darunter, und diese wenigen waren sämtlich als mißtrauenerregende Kerle bekannt. Zwischen dem Erscheinen der einzelnen lagen fast regelmäßig zehn Minuten, und nicht ein einziges Mal geschah es, daß zwei zugleich erschienen; auch kamen und gingen sie nicht aus und nach derselben Richtung, sondern diese Richtung wurde immer rundum und nach den Himmelsgegenden eingehalten. Die Leute waren allem Anscheine nach höchst pünktlich und wohl diszipliniert, und der ganze Modus schien darauf berechnet zu sein, ein Zusammentreffen zwischen ihnen streng zu vermeiden, damit nicht einer den anderen erkenne.

Aus Besorgnis, sich zu verraten, verließ Frieder sein Versteck nicht eher, als bis die Dämmerung hereingebrochen war. Dann schlich er sich mit unhörbaren Bewegungen fort und erreichte unter Anwendung der größten Vorsicht das offene, weite Feld.

Zu Hause angekommen, teilte er den Eltern nicht das mindeste von der Entdeckung mit, zu welcher ihn die unschuldige Schlange geführt hatte. Er suchte so gleichgültig wie möglich zu erscheinen und ging nach dem Abendessen, um jede Gelegenheit zu einem verräterischen Worte zu vermeiden, in die Schenke, aus welcher er erst nach einigen Stunden heimkehrte. Eben wollte er die Pforte öffnen, als diese von innen aufgezogen wurde.

»Gute Nacht, Bachbäuerin!« hörte er grüßen.

»Gute Nacht, Martha. Laß dich ja bald wieder blicken!«

Es war die Tochter des Feldbauern, die sich von seiner Mutter verabschiedete. Als sie ihn gewahrte, sagte sie verlegen:

»Frieder! Wie hast mich doch erschreckt!«

»Warst bei den Eltern drin?« fragte er.

»Ja. Du siehst, daß ich bereits angefangen habe, die Furcht vor dir zu überwinden!«

»Wird’s auch vollständig gelingen?«

»Das kommt nicht bloß auf mich, sondern vielmehr auf dich an!«

»Wieso?«

»Das kannst du dir wohl nicht denken?«

»Vielleicht doch! Höre, Martha, ich werde immer so zu dir sein, daß die Furcht völlig verschwindet. Darf ich?«

»Ja.«

»Und kommst bald wieder her?«

»Sobald ich Zeit dazu finde.«

»Das machst du sehr recht. Bist du allein im Dorfe?«

»Ja, ganz allein, heute und allezeit. Ich habe niemand gesucht und also auch niemand gefunden, zu dem ich gehen und mit dem ich plaudern möchte, als nur deine Eltern, Frieder. Willst du das glauben?«

»Dir glaube ich alles, und wenn es noch so unglaublich klingt! Darf ich mitgehen bis hinaus zum Feldhof?«

»Ja!« sagte sie leise.

»So komm!«

Sie schritten nebeneinander, und ohne sich zu berühren oder ein Wort zu sprechen, dem Hofe zu. Es war beiden genug, daß sie beieinander waren. Er konnte nicht ablassen, wieder und immer wieder in ihr Angesicht zu blicken, welches im Mondlicht so zart und engelhaft aus der leichten Hülle blickte, die sie um den Kopf geschlungen hatte. Und sie konnte, wenngleich verstohlen, kein Auge abwenden von der mannhaften Gestalt, welche sich mit so rüstigen und zugleich eleganten Bewegungen an ihrer Seite hielt. Es war ihr, als könne sie so mit ihm gehen fort und immerfort, von einem Ort, von einem Land, von einem Erdteile zum andern, weit über die Erde hinaus, bis in den Himmel hinein, der mit ihm doppelte Seligkeit bieten müsse!

Unweit des Feldhofes blieben sie unter dem Schatten der Erlen, welche die Ufer des Baches bestanden, stehen.

»Hat dein Vater nicht gefragt, wohin du gehst, Martha?«

»Nein. Er geht des Abends Punkt acht Uhr zur Ruh‘ und schläft dann so fest und gern, daß er auch in der dringendsten Sache nicht geweckt werden darf. Drum weiß er nicht, ob ich bleibe oder gehe.«

»Aber die Mutter darf’s wissen?«

»Ja, und sie hat ihre Freude daran, wenn ich sage, ich gehe zu euch. Sie hat deine Mutter nur wenig getroffen, aber sie hält gar große Stücke auf sie und kann gar nicht begreifen, warum der Vater so großen Haß auf euch geworfen hat.«

»Das kannst du erfahren: Er hat meine Mutter nicht bekommen und kann darum sie und den Vater nicht leiden. Ich bin ihm in dem Walde begegnet, und er hat mich beschimpft und mit mir raufen wollen.«

»Hast mitgetan, Frieder?« fragte sie mit ängstlicher Schnelle.

»Nein! Ich habe an dich gedacht, den Schlag abgewehrt und bin dann fortgeeilt.«

»Frieder, willst mir was versprechen?«

»Ja, wenn sich’s mit meiner Ehre verträgt.«

»Bitte, gehe ihm aus dem Wege; tue mir’s zu liebe!«

»Ich werd’s tun; das habe ich ja um deinetwillen heute schon getan. Ich kann mir denken, daß ihr gar viel zu erdulden habt, und ich will euch nicht noch größeren Gram bereiten.«

»Ach ja, Frieder, wenn du wüßtest, wie der Vater ist! So hart, so finster, so ganz ohne Herz und Gemüt! Ich sage nur wenig, und das wenige sogar würde ich verschweigen, wenn’s mein rechter Vater wäre. Ich war noch jung, kaum aus der Schule, als er kam und die Mutter zur Frau begehrte. Ich konnte ihn nicht ansehen und meinen toten Vater nicht vergessen; darum habe ich geweint und gefleht, aber es hat nichts geholfen, denn der Oheim hat die Mutter gezwungen, ja zu sagen.«

»Gezwungen? Hat er das Recht und die Macht dazu?«

»Das Recht wohl nicht, aber die Macht. Er ist ein großer Kaufmann drüben über der Grenze, und der Feldbauer ist oft gekommen und hat große Rechnung mit ihm gehabt und viel Geld von ihm empfangen. Wir haben seit dem Tode des Vaters bei ihm gewohnt, und ich bin grad wie das Kind gewesen, bis mich der Bauer fragte, ob ich nun auch mal seine Tochter sein möchte. Ich habe mich gesträubt und die Mutter auch, der Oheim aber hat gemeint, er gehe zu Grunde, wenn sie es nicht tue. Der Bauer hat ihn bei der Hand gehabt, weshalb, das weiß ich heute noch nicht, und um den Oheim zu erretten, ist sie endlich mitgegangen. Nun hat sie nichts als Gram und Tränen, und ich bin so angst, daß sie es nicht verwinden kann. Frieder, ich habe in meinem Leben noch niemals wem ein Leid getan, aber den Vater, den Feldbauer, den – den – den verabscheue ich! Ja, ich verabscheue ihn, denn er kommt mir nicht anders vor, als der böse Geist, dem die Mutter und ich verschrieben sind, damit er uns statt Glück und Frieden nur Gram und Qual bereite!«

Sie gab sich ihren so lange zurückgehaltenen Gefühlen hin und merkte kaum, daß sie offener sprach, als es vorher ihre Absicht gewesen war. Ihre Worte hatten für Frieder einen geradezu kostbaren Wert, auch abgesehen von dem rückhaltlosen Vertrauen zu ihm, welches sie so deutlich bekundeten. Er ließ sie aussprechen, dann versuchte er den besten Trost, den er einem Charakter wie dem ihrigen zu geben vermochte.

»Weißt, Martha, daß auch die böseste Sache eine gute Seite besitzt?«

»Welche?«

»Die sehe ich ganz genau, sie steht vor mir.«

Sie blickte ihn fragend an.

»Wieso?«

»Du bist’s ja selber! Schau, wenn ein großes Leid ins Herz niedersteigt, so bleibt’s nicht leer und hohl, sondern es wächst in der Seele ein Krystall nach dem anderen und leuchtet hinauf und hinaus. Es sprießen tausend Blumen auf, die nicht verwelken und vergehen; aus jeder Träne wird eine Perle, und jeder Pulsschlag wirft einen Diamanten hervor. Der Pflug der Leiden tut dem Acker weh, aber die Ernte ist unsagbar reich und köstlich. Sie wächst und reift verborgen und tritt zu Tage, wenn sich die Liebe naht, um den Strahl auf sie zu werfen. Wer solch ein Herz besitzen darf, der gibt’s nicht hin für Millionen, denn jeder Blick, den es durchs Auge wirft, jedes Wort, das es durch die Lippen spricht, und jede Tat, die es mit der Hand beginnt, ist fromm und rein wie der Gedanke, der in ihm wohnt. Da ist nicht eine Spur von Falschheit, Trug und Täuschung; da gibt es nichts von Tand und Flitterwerk, das nur die Leerheit deckt und zur Verachtung führt, sondern alles ist echt und wahr und lauter. Gib mir dies Herz oder allen Reichtum, alle Macht und Ehre der Welt, so werfe ich das fort und nehme das Herz fest und laß mir’s nimmer rauben. Auch bei dir ist das Leid früh eingekehrt, und du hast bisher nur die schlimme Seite erkannt, ich aber sehe die reiche Ernte schon kommen und preise unendlich glücklich den, dessen Auge den Sonnenstrahl dir spenden darf!«

»Frieder!«

Sie sprach nur das eine Wort, aber der Atemzug, der es durch die Lippen trug, kam aus der tiefsten Tiefe ihres Innern und klang so voll und lang, als wolle er ihm ihre ganze Seele entgegenhauchen. Sie legte ihr tiefgesenktes Köpfchen an den nahen Erlenstamm. Er sah es nicht; er hörte es nicht; nur sein Herz sagte ihm, daß sie weine. Das war jene stille, innerliche Weise, in der sie auch den häuslichen Kummer so lange Zeit hindurch getragen hatte. Er ließ sie gewähren, bis sie das Köpfchen hob und ihm langsam die Hand entgegenstreckte.

»Lebe wohl, Frieder. Ich darf nicht wieder zu euch kommen!«

»Warum nicht?«

»Ich bin so klein, so gar nichts wert; die Perle und der Diamant ist mir versagt!«

»Denkst wirklich?«

»Ja, wahrhaftig!«

Da zog es ihm mit Macht die Hände empor, die er segnend auf ihr Haupt legte.

»O, bleib so klein und gering, dann bist so groß und herrlich! Aber wiederkommen mußt, sonst weiß ich nicht, was ich beginne. Willst, Martha?«

Der Ton dieser Bitte klang so unwiderstehlich, und ihr eigenes Herz mahnte so dringlich; sie nickte zustimmend.

»Wenn du gebietest, so muß ich folgen, Frieder. Gute Nacht!«

»Gute Nacht!«

Als er nach Hause kam, empfing ihn die Mutter mit sanftem Vorwurf.

»Warum kommst so spät, Frieder? Die Martha war da; konntest auch mal mit ihr sprechen.«

»Laß gut sein, Mutter, sie wird euch schon wieder besuchen. Dann bleibe ich zu Hause,« antwortete er lächelnd.

Sie gingen schlafen. Frieder wartete, bis es zu Hause ruhig war, dann nahm er aus dem Sekretär ein Etui, in welchem ein paar Doppelpistolen lagen. Er lud sie vorsichtig und steckte sie zu sich. Leise sprach er seine Gedanken für sich aus:

»Die Büchse paßt nicht zu solchem Gang, das lehrt die Geschichte mit dem Vater. Ich nehme hier diese Waffe; sie ist leicht zu führen und wird mich nicht verlassen, wenn ich sie brauchen muß. O, Martha, was bist doch für ein armes, armes Kind! Ich glaube, wenn der Zweig von meinem Hute herunter ist, so hast den Vater verloren. Aber sie soll niemals erfahren, daß sie ihn selbst verraten hat. Wie kommt der Feldbauer zu der Rechnung mit dem Kaufmann drüben und zu dem vielen Geld? Wie ist derselbe in seine Hände geraten, daß er ihm sogar die Schwägerin und die Nichte verkaufen mußte? Warum geht der Bauer stets punkt acht Uhr schlafen und ist dann selbst im Notfall nicht zu sprechen? …«

Er sann nach, dann sprach er weiter:

»Feldbauer, ich gehe dir aus dem Weg, aber den Waldschwarzen, den darf und muß ich suchen. Hab‘ acht, daß ich dich nicht dabei ertappe! Wärst du besser mit der Frau und dem Kind, so könntest vielleicht noch Gnade erhalten trotz des blinden Vaters. So aber hast die Nachsicht ganz verscherzt und sollst uns erlösen von der Rache und die Deinen von dem Unheil, das du über sie gebracht hast!«

Er verließ leise den Hof und schritt dem Walde in der Richtung des alten Stollen zu. Im freien Felde benutzte er jeden Strauch und jede andere Gelegenheit zur Deckung, um nicht gesehen zu werden, und im Forste spannte er seine Sinne auf das höchste an, um jede Begegnung zu vermeiden. Beim leisesten Geräusch trat er hinter einen Stamm, bis er die Ueberzeugung hegte, daß er ohne Sorgen weitergehen könne. So kam er nur langsam vorwärts, und es war bereits Mitternacht, als er die Taubgesteinhalde erreichte, auf deren Plateau der Stollen gemündet hatte.

Die Mündung war verbaut und verschüttet worden und so dicht von Gebüsch und Dornzeug umwachsen, daß ohne Säge oder Axt unmöglich zu ihr zu gelangen war. Er dachte:

»Hier sind sie nicht. Sie brauchen ein Versteck; das ist der Stollen, und weil sie hier nicht hineingelangen können, so muß der Eingang weiter oben sein.«

Er folgte der Richtung des unterirdischen Ganges und kam an eine Stelle, wo die Decke desselben eingebrochen war. Die dadurch entstandene, trichterförmige Vertiefung war ihm von früher sehr wohl bekannt, und er wußte ganz genau, daß das nachgestürzte Land keine in den Stollen führende Oeffnung freigelassen hatte. Doch war keine Stelle so wie diese zum Versteck geeignet, und die menschliche Hand konnte ja nachgeholfen haben, um dasselbe so sicher wie möglich zu machen.

Um den Rand des Trichters zog sich ein üppiges Hasel- und Pulverholzgesträuch, in welches er sich verbarg. Es war die höchste Zeit gewesen, denn kaum hatte er sich am Boden in eine bequeme Lage gebracht, so raschelte es ihm gegenüber, und eine Gestalt trat aus dem Dickicht, deren Gesicht mit einer dunklen Maske verhüllt war. Nachdem sie die Umgebung aufmerksam gemustert hatte, stieg sie die steile Böschung hinab und verschwand in dem unten herrschenden Dunkel, welches der seitwärts über den Bäumen stehende Mond nicht zu erhellen vermochte; ihr folgte bald eine zweite, eine dritte. Und es konnte noch nicht ein Uhr geschlagen haben, so hatte er wieder gegen zwanzig gezählt, wie am Nachmittage.

Jetzt herrschte eine geraume Weile tiefe Stille ringsumher; dann begann es sich unten wieder zu regen; einer nach dem andern stiegen die Männer aus dem Dunkel empor, der erste als Führer und Lauscher ohne Last, die andern aber alle mit schweren Paketen beladen, den Knotenstock in der Faust, das Messer an der Seite und die Büchse nach vorn über den Nacken gehängt. Nur einen Augenblick lang blitzte hinter dem letzten ein Lichtstrahl auf, welcher aus dem Stollen kam, dann war es wieder finster.

Als die Schritte der Schmuggler verschollen waren, erhob sich Frieder. Er hatte für heute genug erfahren und mußte jetzt von allem Weiteren absehen, da die Untersuchung des Trichters nur am Tage vorgenommen werden konnte.

»Waldschwarzer, deine Herrschaft ist bedroht! Dein größter Feind ist hinter dir her, und du entgehst ihm nicht, denn der Zweig am Hute bringt ihm Glück und Schutz!«

Dieselbe Vorsicht wie vorher anwendend, kehrte Frieder in das Dorf und zum Bachhof zurück.

III.

Eine volle Woche war vergangen; sie hatte Abwechslung in das Dorf gebracht. Die Kunde von der Ermordung Franzens und der Blendung seines Vaters war zur Behörde gelangt, welche einsah, daß mit den bisher verfügbaren Kräften dem Treiben der Verbrecher nur schwerlich Einhalt getan werden könne. Man beschloß daher, energische Maßregeln zu ergreifen, und schickte ein Kommando Soldaten in die Berge, um im Anschluß an das Forst- und Grenzpersonal dem Waldschwarzen, auf dessen Ergreifung, tot oder lebendig, ein namhafter Preis gesetzt wurde, das Handwerk zu legen. Frieder hatte sich früh morgens wieder in den Wald begeben, um den Trichter einer möglichst genauen Untersuchung zu unterwerfen, war aber nicht auf die geringste Spur eines verborgenen Einganges gekommen. Von da ging er zum Förster, um ihm die gestern ausgesuchten Spannhölzer zu bezahlen.

»Weißt auch, daß wir Besuch bekommen?« fragte dieser, als das Geschäft abgeschlossen war.

»Was für einen?«

»Einen gar willkommenen für unsere Mädels, – Militär.«

»Ah! Wozu?«

»Wegen des Waldschwarzen. Ich habe schon gestern die amtliche Benachrichtigung erhalten und war vorhin beim Ortsvorsteher, der es auch schon weiß und soeben die Quartierliste angefertigt hat. Zu uns nach Rothenwalde her kommen zwanzig Mann unter einem Feldwebel, der zum Feldbauer gelegt wird.«

»Zum Feldbauer? Warum zu dem?«

»Weil er da draußen möglichst unbeachtet wohnt und ihn nicht jedermann belauern kann. Er selber hat darum gebeten und kann also nicht ganz unbekannt hier sein.«

»Man wird wohl nur solche Leute herschicken, die in der Nähe zu Hause sind; das ist bei ihrer Aufgabe ein großer Vorteil, den man nicht versäumen darf.«

»Es wird doch nicht der Buschwebel sein? Der Brief war unterschrieben, daß man den Namen gar nicht lesen konnte.«

»Wer ist das, der Buschwebel?«

»Das ist der zweite Sohn vom Buschbauer in Steinertsgrün. Er ist der wildeste Bube gewesen im ganzen Gebirge und hatte sich mit seinem Vater so vollständig zerschlagen, daß er vor Aerger freiwillig zum Militär ging. Dazu hat er ganz gut gepaßt, immer lustig und fidel, leicht im Sinn, aber gewandt im Dienst und dazu ein hübscher Bursche, dem jeder gut sein muß, der die Wildheit nicht kennt, die still verborgen in ihm wohnt. Wenn’s aber darauf ankam, ist er drauf und dran gegangen, wie der böse Feind, und hat es auf diese Weise bis zum Feldwebel gebracht.«

»Darum nennt man ihn hier, den Namen und Grad zusammenfassend, den Buschwebel?«

»Ja, darum! Bei seinen Vorgesetzten ist er hochbeliebt, weil sie wissen, daß er gradwegs in die Hölle hinuntergeht, wenn sie ihn schicken, und darum hat man grad ihn und keinen andern zum Grenzdienst auserlesen. Mir ist dies gar nicht sehr genehm, denn ich weiß vorher, daß ich nicht gut mit ihm auskomme, und doch gebietet’s der Dienst, daß wir gar oft mit ihm verkehren.«

»So kennst ihn schon persönlich?«

»So ziemlich. Er steht in der Kreisstadt und kam nach Steinertsgrün auf Urlaub. Sein Vater ist jetzt stolz auf ihn und hat sich völlig mit ihm ausgesöhnt. Dort hat er mal die Martha vom Feldhof gesehen, die da Gevatter war, und ist ihretwegen herüber gekommen auf ein paar Tage. Da ist’s gar hoch hergegangen in der Schenke; das Mädel hat ihn nicht angesehen, und weil er da hat abziehen müssen, wird er jetzt die Gelegenheit ergreifen, den Versuch nochmals zu machen.«

»Das wird ihm der Feldbauer schon verleiden!«

»Wer weiß! Der Buschhof in Steinertsgrün, der mal unter zweien geteilt wird, ist seine sechzigtausend Taler wert unter Brüdern, und sodann kann man ja nicht in die Verhältnisse blicken, die bei solcher Sache den Vorschub leisten. Der Webel hat gewiß noch nicht verzichtet. Mich geht’s nichts an; die Hauptsache ist, daß wir den Waldschwarzen los werden, und dazu sind nun alle Zügel angespannt. Auch das Waffenverbot ist da. Wer mit Messer oder sonstigem Gewehr in Wald und Flur betroffen wird, kommt sofort unter Arretur, und greift er zur Waffe, wird er augenblicklich niedergeschossen.«

»Wie nun, wenn ich durch den Wald gehe und das Pistol bei mir trage zur Verteidigung, falls ich angegriffen werde?«

»So mußt du den Waffenpaß lösen. Doch willst das nicht, so bin ich ja da! Dein Bruder ist, als ich noch Substitut hier war, fast täglich mit uns ins Revier gegangen. Kannst’s auch so halten, und bist allein mal draußen, so verantworte ich das Gewehr.«

»Ich nehme das an, Förster, denn ohne Waffe gehe ich nicht in den Wald, des Hasses wegen, den der Waldschwarze auf uns geworfen hat.«

Zu Hause fand Frieder die Mutter schon beschäftigt, sich auf die unterdessen angesagte Einquartierung vorzubereiten. Der Bachhof bekam zwei Mann, die am anderen Tage eintrafen und eine Stube zugeteilt erhielten; der Feldwebel, der wirklich der Sohn des Buschbauers war, kam auf den Feldhof, und die übrigen wurden je nach dem Vermögen der Einwohnerschaft über das Dorf verteilt.

Von jetzt ab machte sich eine rege Geschäftigkeit im Orte bemerkbar. Der Buschwebel rasselte mit seinem Schlepper auf und ab, drehte den Schnurrbart und brüstete sich wie ein General; seine Untergebenen folgten diesem Beispiele, und die Bauern ergaben sich mit Vergnügen unter den militärischen Pantoffel, denn sie hofften von ihm Befreiung von dem Unwesen der Pascher und Wilderer und hatten dabei das ihnen so seltene Vergnügen, mit den Soldaten scherzen zu können.

Dabei muß allerdings gesagt werden, daß das Kommando in dienstlicher Beziehung seine volle Schuldigkeit tat. Der Tag war in regelmäßige Wachen geteilt, und es gab keinen Augenblick, in welchem die Grenze nicht unter der aufmerksamsten Aufsicht stand. Dieses hatte wenigstens den negativen Erfolg, daß der unbekannte Waldschwarze seine Manipulationen einstellte, vielleicht zu dem Zwecke, die Gegner erst gehörig kennen zu lernen und sie dabei einzuschläfern.

So war der Sonntag wieder gekommen, und es gab nach dem Gottesdienste auf dem Kirchhof doppelt so viel Gesprächsstoff als gewöhnlich. Frieder war keine neue Erscheinung mehr, und er konnte nach dem Grabe des Bruders gehen, ohne die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Was er halb gewünscht und halb geahnt hatte, das traf ein: Martha saß auf der Bank, gerade wie vor acht Tagen. Er hatte sie seit dem Sonntagabend nicht wieder gesehen und empfand über die Begegnung eine Freude, die sie deutlich in seinen Zügen lesen konnte.

»Martha, bist auch hier? Grüß Gott!« sagte er.

»Grüß Gott, Frieder! Ich dachte nicht, daß du sogleich zum Grabe kämst.«

Frieder lächelte glücklich bei dieser von weiblichem Zartgefühl diktierten Entschuldigung und bot ihr die Hand.

»Also gehst du bloß dahin, wo du meinst, daß ich nicht da bin! D’rum bist du auch die ganze Woche nicht zu uns hereingekommen!«

»Ich war nicht ein einziges Mal im Dorf. Ich konnte nicht fort wegen der Einquartierung, die uns gar sehr zu schaffen macht. Der Vater ist ganz ausgewechselt. Er geht erst spät schlafen und sitzt mit dem Feldwebel so fest bei Wein und Bier, daß ich nicht fort kann.«

»Also geht er nicht mehr um acht Uhr zur Ruhe?«

»Seit der Feldwebel da ist, nein. Heute hat er’s aber gleich früh gesagt, daß er wieder mal gehörig ausschlafen will. Der Feldwebel ist nicht da am Abend, denn es gibt einen Fang.«

»Wieso?«

»Einer seiner Soldaten hat in der Frühe auf dem Heimwege ein Billet gefunden, das in der Nacht ein Pascher verloren hat; darauf steht geschrieben, daß heute Punkt neun eine große Menge von Gütern bei der Schießhütte über die Grenze geschafft werden soll. Da will er nun alle seine Leute dort aufstellen und hat davon auch schon den Offizier benachrichtigt, der in Steinertsgrün im Quartier liegt.«

»So gedenkt er wohl den Waldschwarzen dort zu fangen?«

»Er ist ganz sicher darauf.«

»Ach so! Dann ist der Feldwebel ein gar kluger Bursche, wenn er den schon nach so kurzer Zeit ertappt, nach dem hier jahrelang trotz aller Mühe vergebens gefahndet worden ist! Aber paß auf, er kommt mit leeren Händen zurück!«

»Woher weißt du das?«

»Ich denke es mir,« antwortete er ausweichend.

»Ich wollte aber doch, er bekäme ihn gleich heute!«

»Warum?«

»Dann käme er wieder fort!«

»Das wünschest du wohl?«

»Von ganzem Herzen. Er ist so – so eigen mit mir, verfolgt mich Schritt für Schritt und weiß doch, daß ich dies nicht gern habe.«

»Woher soll er das wissen?«

»Ich hab’s ihm selbst gesagt. Er war schon einmal hier in Rothenwalde und hat es ganz gleich so getan, bis ich mir’s verbat und ihm ausgewichen bin.«

»Was sagt der Vater dazu?«

»Er gibt Vorschub bei dem Courmachen, und ich bekomme viel böse Worte, weil ich es mir nicht gefallen lasse. Er fängt schon an, Gewalt zu gebrauchen, denn er hat mir befohlen, heute nachmittag zum Tanz zu gehen. Der Feldwebel hat ihn darum ersucht.«

»Und was wirst du tun?«

»Ich weiß nicht; ich mag nicht hin, und dennoch muß ich wohl, wenn der Vater darauf besteht. Ich dachte, ich wollte dich treffen und deinen Rat hören.«

Sie bemerkte nicht, daß sie sich widersprach. Also war sie doch zum Grabe gekommen, weil sie Frieder hier zu finden hoffte.

»Warum den meinigen, Martha?«

»Weil er der beste ist, welchen ich finde,« antwortete sie einfach.

»So gehe nur immer hin; es wird dir nichts geschehen!«

»Aber wenn er mich zum Tanz auffordert?«

»Willst du wirklich nicht mit ihm tanzen?«

»Um keinen Preis!«

»So sagst du ihm, du seist schon versagt.«

»An wen?«

»An mich, Martha.«

»So wirst du auch dort sein?«

»Dir zu liebe. Oder willst du dich lieber an einen anderen versagen?«

»Nimmermehr! Ich habe nicht oft getanzt, und du bist der einzige, mit dem ich es wieder versuchen möchte. Nun aber muß ich fort; der Vater will das Mahl beizeiten haben.«

Sie ging. Er blieb gedankenvoll stehen.

»Wie schlau er seine Sache beginnt! Er macht den Feldwebel zutraulich und schiebt ihm sogar die Tochter zu, um sein Vertrauen zu erhalten und alles zu erfahren, was er vornimmt. Jetzt bleibt er auch vom Schlaf weg, weil der Waldschwarze gefeiert hat, und da dies nicht zu lange dauern darf, so hat er heute wieder einen Schlag beschlossen. Der Zettel ist mit Fleiß auf den Weg gelegt, um die Verfolger auf eine falsche Spur zu bringen, und während sie nach der Schießhütte gehen, wird das Gut ganz wo anders über die Grenze geschafft. Soll ich sie warnen? Nein, ich bin nicht ihr Spion und gehe meinen eigenen Weg. – Das Mittagsmahl hat er so in der Frühe bestellt, um heute eher als ein andermal zum Stein hinaufzukommen. Die ganze Woche hat nichts darunter gelegen, doch heute finde ich sicher ein Papier und habe dann auch die beste Gelegenheit, zu sehen, ob er es auch wirklich ist, der es darunter legt.«

Auch Frieder ging jetzt, schützte daheim einen unaufschiebbaren Gang vor, bat, ihm das Mittagessen aufzuheben, und begab sich auf einem noch weiteren Wege, als vor acht Tagen, in den Wald. Bei dem Stein angekommen, hob er ihn empor; es lag kein Zettel da, und nun verbarg er sich erwartungsvoll in seinem früheren Versteck.

Seine Vermutung bestätigte sich bald. Der Feldbauer kam, suchte erst vorsichtig, doch ohne den Lauscher zu bemerken, die Umgebung ab und legte dann ein Papier unter den Stein, worauf er sich schleunigst entfernte. Schnell war Frieder beim Granit, hob ihn empor und las: »Beim alten Stollen um neun Uhr.«

Was nun geschah, konnte er sich denken. Er verließ behutsam den Ort und ging nach Hause. Später besuchte er die Nachmittagskirche, um den Kantor an der Orgel abzulösen, und begab sich dann, als nach beendigtem Gottesdienste die jungen Leute zum Tanze gingen, in die Schenke.

Als er dort eintrat, war die Stube von den Soldaten und Ortsbewohnern so gefüllt, daß kaum noch ein leerer Platz zu finden war. Der Bewohner des Gebirges kann der Natur ihre jährlichen Spenden nur unter doppeltem Schweiße und saurer Mühe abringen; winkt ihm einmal das Vergnügen, so säumt er nicht, sondern gibt sich ihm ohne Zögern und Verweilen hin.

»Sind die Musikanten bald da?« fragte der Feldwebel, welcher am großen Tisch präsidierte, den Wirt. »Wie lange soll man hier warten, bis es losgeht? Wenn die Glocke erklingt, geht’s in die Kirche, und wenn der Tanz nicht sofort beginnt, werde ich läuten!«

»Sie kommen sogleich hinaus, und Mädels sitzen auch schon genug dabei,« lautete die Antwort.

»So trinkt aus, und kommt in den Saal!«

Frieder konnte sich denken, daß Martha nicht gleich beim Beginn zugegen sein werde; er placierte sich so, daß er ihr Kommen bemerken mußte, und wartete. Als er sie endlich erblickte, war sie nicht allein, sondern die Mutter befand sich bei ihr. Einige Minuten später erhob er sich und ging hinauf. Sie saßen an einem kleinen Seitentische allein, und eben brachte der Feldwebel einen Stuhl herbei, um an ihrer Seite Platz zu nehmen.

Noch eine Seite des Tisches war frei. Frieder schritt sofort hinzu, grüßte höflich und fragte:

»Ist’s erlaubt, mit Platz zu nehmen?«

»Nichts ist erlaubt,« erwiderte der Feldwebel. »Schaff‘ dich auf die Seite; es ist noch Raum genug im Saal!«

Frieder maß ihn mit gleichmütigen Augen vom Kopfe bis zu den Füßen.

»Mir scheint,« erwiderte er darauf, »Sie befinden sich nicht allein hier am Tische, Herr Feldwebel; die beiden Damen haben jedenfalls das gleiche Recht, über meine Frage zu entscheiden. Die Brüderschaft aber bringen Sie bei Ihresgleichen in Anwendung! Bei mir kommt sie an die unrechte Adresse!«

Er wiederholte seine Bitte vor den Frauen, und da diese zustimmend nickten, so winkte er dem Aufwärter, welcher eilig einen Stuhl herbrachte.

»Sind Sie schon für den nächsten Tanz versagt?« fragte er Martha.

»Nein.«

»Darf ich es wagen, darum zu bitten?«

»Gern.«

»Auch dann die übrigen?«

»Auch diese!«

»Dank! Ich werde Sie nicht ermüden, sondern von Ihrer Erlaubnis nur dann Gebrauch machen, wenn ich bemerke, daß Sie es wünschen.«

»Das geht nicht, das kann nicht gelitten werden!« fiel da der Feldwebel eifrig ein. Er kannte Frieder nicht, obgleich er von ihm gehört hatte, und war, da dieser in der Kleidung sich durch nichts auszeichnete, der Meinung, einen gewöhnlichen Bauernburschen vor sich zu haben. »Kein Mädel hat das Recht, sich für den ganzen Tag an einen einzigen zu versagen. Du hast den ersten Tanz, und den zweiten hole ich mir!«

»Ich bitte nochmals, das du hinwegzulassen, Herr Feldwebel! Sie hören, daß ich Ihnen Ihre Ehre gebe; verweigern Sie aber, hier an dieser Stelle anständig zu sein, so werde ich dafür sorgen, daß eine notwendige Aenderung eintritt!«

»Was, Kerl, du willst mich von hier wegjagen und hast dich doch selber nur hinzugedrängt? Soll noch vor dem Tanz das Geschlage losgehen, so ist’s am besten, es beginnt gleich. Gehe fort, sonst schlage ich dir das Seidel vor den Kopf!«

Er hatte sich erhoben und griff nach dem Bierglase. Mutter und Tochter sprangen erschrocken auf; Frieder aber blieb ruhig sitzen, lächelte vornehm und sagte gleichmütig:

»Es fällt mir nicht ein, mich an des Königs Rock zu vergreifen; werde ich aber zur Abwehr gezwungen, so kommt die Verantwortlichkeit nur auf Sie.« Und sich zu Martha und ihrer Mutter wendend, bat er: »Bleiben Sie nur immer ruhig sitzen! Es geschieht Ihnen nicht das geringste. Ich verstehe es schon, mit solchen Herren umzuspringen, die nicht zu wissen scheinen, was sie ihrer Kleidung schuldig sind.«

»Was? Umspringen willst du mit mir, dem Feldwebel, an den sich keiner wagt? Da hast du den Topf ins Gesicht!«

Er erhob das Glas zum Schlage. Im Nu aber hatte ihn Frieder beim Gürtel erfaßt, hob ihn hoch empor – ein lauter, vielstimmiger Schrei erscholl durch den ganzen Saal – der Feldwebel flog in einem weiten Bogen zum Fenster hinaus, dessen Flügel offen standen.

Der größte Teil der Soldaten eilte aus dem Saale und zur Treppe hinab, um nach ihrem Vorgesetzten zu sehen; die übrigen jedoch machten Miene, die Niederlage desselben zu rächen. Sie drangen auf Frieder ein. Dieser trat ihnen furchtlos entgegen.

»Wer noch durchs Fenster will, der komme herbei!« rief er.

Seine Augen blitzten, und seine Arme streckten sich drohend ihnen entgegen, von denen keiner ihm bis an das Kinn reichte. Sie stockten; die klugen Musikanten fielen mit einem lustigen Walzer ein, und wirklich verfehlten die Töne auch hier ihre Wirkung nicht; die Angreifenden zogen sich zurück und wurden durch die antretenden und bald sich drehenden Paare zerstreut. Einige Augenblicke später befand sich kein Soldat mehr im Saale; sie standen alle unten beim Feldwebel, welcher Kriegsrat mit ihnen hielt. Er war in die Zweige eines grad unter dem Fenster stehenden Baumes gestürzt und arg zerrissen und zerkratzt, innerlich aber nicht beschädigt worden.

»So etwas darf nur der Bachfrieder tun,« meinte er, die Spuren des Sturzes so viel wie möglich beseitigend. »Hätte ich gewußt, daß er es ist, so wäre ich vorsichtiger gewesen und hätte mich nicht unvermutet packen lassen. Jetzt muß ich nach Haus, um die andere Uniform anzuziehen; diese hier muß zum Schneider. Nachher aber komme ich wieder, und dann wird sich’s finden, was wir tun. Geht hinauf und wartet, bis ich zurückkehre!«

Frieder saß ruhig bei den Frauen und unterhielt sich gut mit ihnen. Die Feldbäuerin war zwar eine hohe, früher wohl kräftige Gestalt, jetzt aber hatte das Leid sie geschwächt und gebeugt und den bleichen, einst jedenfalls schönen Zügen seine tiefen Spuren eingegraben. Sie besaß eine über ihren jetzigen Stand weit hinausgehende Bildung, deren segensvolle Wirkung Frieder an der Tochter deutlich erkannt hatte. Sie war erfreut, einmal ein Gespräch führen zu können, welches bei dem einfachen Leben des Dorfes ihr einen seltenen Genuß bereitete.

Frieder bemerkte, daß die Soldaten zurückkehrten, sah auch die Blicke, welche sie ihm zuwarfen, und ahnte, daß der kaum beendete Streit eine Fortsetzung finden werde, doch ließ er die Frauen nichts davon merken. Eben wurde ein sanfter Dreher angefangen.

»Willst du tanzen, Martha?« fragte er, jetzt wieder in das trauliche ›du‹ und den heimischen Dialekt zurückfallend, was beides er in Gegenwart des Feldwebels aufgegeben hatte.

»Wenn dir’s recht ist, tanze ich gar nicht, Frieder. Ich habe hier kein Wohlgefallen daran und mag auch keinen Zank verschulden,« antwortete sie.

»Das ist mir grad lieb, Martha. Ich tanze auch nicht an solchem Ort und darf dir’s also noch viel weniger zutrauen. Ich habe vollauf Genüge an unserer Rede, die mich anmutet, als ob ich zu Hause sei bei der Mutter.«

Die Bäuerin wollte dieses herzlich gemeinte Kompliment beantworten, doch erstarb ihr schon das erste Wort auf den Lippen. Vorn an der Tür war der restaurierte Feldwebel erschienen und hinter ihm der Feldbauer. Der letztere hatte von dem ersteren alles erfahren, und nur die Wut über das Gehörte konnte ihn nach dem Aussehen seines Gesichtes herbeigetrieben haben. Er warf einen schnellen Blick im Saal umher, ließ dann einen Tisch in die Ecke stellen, vier Stühle dazu und trat zu den Seinen.

»Steht auf, und kommt herüber. Ich werde euch lehren, mit Lumpen zu verkehren!«

Die Frauen blickten erschrocken auf Frieder. Dieser winkte ihnen unbefangen lächelnd zu und sagte nur:

»Ich muß nun verzichten auf die Gesellschaft, aber auf das andere nicht, Martha. Brauchst Schutz, so bin ich da!«

»Der Schutz bin ich, du Laffe; du bist unnütz dazu. Kein Mensch wird dich gebrauchen,« fuhr ihn der Bauer an, indem er den Arm der Tochter ergriff und diese über den Saal mehr stieß als führte. »Hier, Feldwebel, hast du die Tänzerin, und wir wollen den sehen, der was dagegen hat.«

»So tanze ich gleich jetzt auf der Stelle! Vorwärts, Mädel, und aufgepaßt, Kameraden; wer stört, der fliegt hinaus!« erwiderte dieser, indem er Martha aus der Hand des Stiefvaters nahm und sie an die Spitze der Kolonne stellte, die zum Tanze bereit stand.

Ein halblautes Murren erhob sich unter den anwesenden Burschen, teils über die Behandlung des von allen respektierten Mädchens, und teils darüber, daß der Feldwebel sich nicht an dem ihm zugehörigen, hinteren Platz, sondern voran stellte. Martha warf einen bittenden Blick auf Frieder, der sich schnell erhoben hatte. Sie wollte lieber mit dem Verhaßten tanzen, als den Jüngling einer Gefahr aussetzen. Aber schon stand dieser in der Mitte des Saales und winkte der Musik Schweigen. Dann schritt er auf den Feldwebel zu und erklärte mit lauter Stimme:

»Die Tänzerin ist mein; ich habe sie engagiert. Bitte, Martha, deine Hand!«

Der Feldwebel hielt das Mädchen fest und zog sie einige Schritte zurück.

»Herbei, Soldaten, es geht los!« rief er.

Frieder trat zurück und wandte sich an die Dorfburschen.

»Wer hat Herz und hält zu mir? Herbei, wer was auf seine Tänzerin gibt und sich nicht verschimpfieren lassen will!«

Im Nu waren die Jacken herunter, und sämtliche jungen Leute standen bei ihm.

»Kellner, die Tür weit auf!« gebot Frieder und trat auf seinen Gegner zu.

»Jetzt gilt’s die Wahl, Herr Feldwebel! Sie haben den Krieg erklärt, und er mag losgehen: entweder bekomme ich meine Tänzerin oder« – er erhob mit deutlicher Bewegung den Arm – »erst durch das Fenster, jetzt durch die Tür!«

Die Soldaten sahen die nervigen Arme der Bauernburschen und die weit überlegene Zahl derselben; sie zogen sich langsam von dem Feldwebel zurück. Dieser bemerkte die Flucht; er erkannte, daß seine Partei trotz der Stärke des Feldbauers und auch seiner eigenen Unerschrockenheit den kürzeren ziehen werde, und ließ die Hand von Martha.

»Schön, so geht’s auch ohne Kampf,« meinte Frieder. »Wer blanke Knöpfe am Rocke hat und in fünf Minuten noch im Saal ist, wird exgeschafft. Ich will euch zeigen, was es heißt, sich unseren Mädels aufzuzwingen und dazu zum Kampf zu blasen! Vorwärts, angetreten zum Tanz!«

Die Musik fiel ein; er tanzte, trotzdem der Feldbauer es wehren wollte, mit Martha vor; die anderen folgten, und die Soldaten schlichen einer nach dem anderen aus dem Saal. Nur der Feldwebel blieb beim Feldbauer stehen. Als die gegebene Frist verlaufen war, trat Frieder zu ihm.

»Links schwenkt, marsch!«

Er faßte ihn beim Kragen. Da trat der Bauer an ihn heran. »Den läßt gehen, sonst hast’s mit mir zu tun!«

»Ich habe gesagt, daß ich dir aus dem Weg gehe, Feldbauer, doch komme mir nicht in den meinen! Der Feldwebel geht hinaus und damit basta!«

»Er bleibt hier! Und mein Mädel gibst her; es hat keiner ein Recht auf sie, als dem ich es gebe!«

»Was hast für ein Recht zu vergeben? Bist etwa der Vater oder Vormund?«

»Der Vater bin ich und befehle, daß sie kommt!«

»Der Stiefvater bist du, der Henker und Peiniger. Aber das sage ich dir, Feldbauer, wenn die Martha über dich klagt, daß du ihr den Streit entgelten lässest, so laß ich sie dir von der Obervormundschaft wegnehmen. Sie soll hier bei der Mutter sitzen, doch nur so lange es mir gefällt, nicht dir! Jetzt nochmals vorwärts!«

Der Feldwebel legte die Hand an den Degen und machte Miene, ihn zu ziehen, sofort aber flog er unter die bereitstehenden Burschen hinein; diese schoben ihn weiter, einer dem anderen zu, und er kam durch die Türe und zur Treppe hinab, ehe er nur den geringsten Widerstand zu leisten vermochte. Innerlich beschämt, doch ohne dies zu äußern, verließ er die Schenke, wo et zweimal nacheinander die schmachvollste Niederlage erlitten hatte, und begab sich nach seinem Quartiere. Als er am Bachhof vorüberging, schüttelte er drohend die Faust gegen denselben.

»Das werde ich dem Frieder gedenken! Er und der Waldschwarze, sie sind mir verfallen, der eine wegen der Liebe und der andere wegen der Ehre!«

Rache brütend saß er in der ihm eingeräumten Stube des Feldhofes, bis der Bauer mit Martha und ihrer Mutter nach Hause kam. Dieser hatte sich in dem Saale außerordentlich ruhig verhalten und kein Wort mit den Frauen gewechselt, sich auch auf dem Heimwege vollständig schweigsam gezeigt. Die Drohung Frieders, sich an die Obervormundschaft zu wenden, hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Ueberhaupt war es nicht die unvergleichliche Körperstärke des jungen Mannes allein, sondern in demselben Grade auch die geistige Ueberlegenheit desselben, was ihm imponierte, wenn er dies auch weder sich selbst noch einem anderen gegenüber Wort haben mochte.

»Nun, hast dein Wort schön gehalten!« meinte er, als der Feldwebel zu ihm in die Wohnstube trat. Die beiden hatten nicht lange gezaudert, Brüderschaft zu schließen. »Erst tust, als willst ihn fressen, und dann weichst zurück und läßt dich gar spedieren! Ihr Soldaten seid gar tapfere Leute, aber bloß mit der Zunge, nicht mit der Faust!«

»Sei still! Wo ist denn dein Beistand geblieben, den du mir versprochen hast? Als es zum Austrag kommen sollte, bist dagestanden, als ob dir die Ernte verhagelt wäre. Dir schadet’s nichts, wenn dein Gesicht ein paar Schwielen und Striemen weiter erhält; bei mir aber ist das anders. Was soll der Leutnant sagen, wenn ich gezeichnet ober vielleicht gar zum Dienst untauglich gemacht werde?«

»So stecke die Hände in die Hosentasche, und ich will dich in den Glasschrank setzen; da bist gut aufbewahrt! Aber nimm den Rat von mir, daß du die Sache zur Anzeige bringst. Man hat sich an des Königs Rock vergriffen, und da ist große Strafe darauf gesetzt!«

»Du redest wie ein Buch – aber was für eins! Die Martha hat sich versagt, und ich habe sie auf deine Aufmunterung nicht hergegeben, vielmehr meine Leute zum Kampfe gerufen. Ich allein bekomme die Schuld und muß nur noch froh sein, wenn ich nicht selber angezeigt werde. Und wer ist Schuld daran? Das Mädel und du! Sie ist in ihn vernarrt; das habe ich gleich gesehen, und du hast den großen Mund, aber die kleine Faust. So sind wir abgezogen wie der Fuchs, der den Schwanz im Eisen läßt!«

»In ihn vernarrt? Bist recht gescheit? Meine Tochter vernarrt in den Bachfrieder, dem ich das Gesicht und noch viel mehr verdanke? Das wäre mir die Lotterie, in der er die große Niete bekommt und anderes obendrein! Das weiß er auch, und das machst nur dir weiß, aber nicht mir!«

»Schon gut! Wirf sie ihm an den Hals und den Feldhof dazu. Der Feldwebel findet schon eine, die zu seinen 30 000 Talern paßt. Aber ich will mich mit dir gar nicht streiten; ich habe andere Dinge vor, denn wenn ich den Schwarzen fange, so bekomme ich die Prämie und steige ganz sicher zum Leutnant empor.«

»Dann bin ich der erste, der dir gratuliert,« meinte der Bauer mit zweideutigem Lachen. »Und dann wird auch die Martha anders sein; Herr Leutnant klingt doch noch ganz anders als Feldwebel. Mach‘ nur schnell! Vielleicht ergreifst ihn heute an der Schießhütte, wenn dir’s glückt!«

»Es wird schon glücken. Ich habe meine zwanzig Mann, und der Offizier kommt mit zwanzig, das macht vierzig, die Grenzer und die Jäger gar nicht gerechnet. Er muß unser werden! Jetzt gehe ich fort zum Rendezvous; ich habe nicht viel Zeit zu verlieren.«

»Zum Rangdewuh? Was ist das für ein Kerl?«

»Feldbauer, du bist ein Esel! Rendezvous ist französisch und heißt der Ort, wo man sich versammelt. Aber das kannst ja nicht wissen, weil ihr Bauern überhaupt die Klugheit nicht löffelweise verschlungen habt!«

Er ging. Der Bauer sah ihm durch das Fenster nach.

»Feldbauer, du bist ein Esel! So hat er gesagt. So ist’s gemeint! Ob er den Waldschwarzen auch wohl für einen Esel hält? Ich meine, der wird’s ihm zeigen, wer die Klugheit mit Löffeln verschlingt, er oder der Prahlwebel, der alles fangen will und sich doch vom Saal fortwerfen läßt!«

Der Feldbauer verzehrte sein Abendbrot und gab dann vor, schlafen zu gehen. –

Frieder hatte nach ihm den Saal verlassen und war, um nicht bemerkt und abgehalten zu werden, vom Garten aus ungesehen auf sein Zimmer gelangt. Dieses war ganz wie das Studierzimmer eines Gelehrten eingerichtet, auch die Möbel boten eine Bequemlichkeit, wie sie sonst auf dem Dorfe nicht gebräuchlich ist. Er zog sich um und steckte außer den Doppelpistolen noch eine Maske zu sich, die er aus dunklem Stoffe heimlich angefertigt hatte.

»Die Larve brauche ich heute, damit mein Gesicht nicht hell von der Umgebung absticht, und auch für den Fall, daß ich jemandem begegne. Der Waldschwarze darf nicht erfahren, daß ich ihm nachgehe, sonst läßt er mich bewachen, und der Anstand wird mir doppelt schwer gemacht.«

Es gelang ihm, den Hof wieder unbemerkt zu verlassen, und eine halbe Stunde später war er vor dem Trichter angelangt. Der Abend hatte bereits sein Dunkel über den Wald gelegt, doch spendete die Sichel des abnehmenden Mondes so viel Helle, daß man einige Schritte weit zu sehen vermochte. Er verbarg sich heute nicht am Rande des Einsturzes, sondern glitt die Senkung hinab bis an die Stelle, wo er das Licht hatte aufblitzen sehen. Dort gab es ein dichtes Himbeerstrauch- und Farrengewirr, in welches er sich verkroch. Die vorgebundene Maske machte unmöglich, sein helles Gesicht zu erkennen, und so fühlte er sich trotz der Verwegenheit seines Unternehmens vollständig sicher. Die Pascher mußten hart neben ihm den Eingang suchen, und da er tief am Boden lag, war anzunehmen, daß sich jede ihrer Bewegungen deutlich gegen den helleren Himmel abzeichnen werde.

Der erste kam und stieg hernieder. Nachdem seine Hand einen etwas höher liegenden Punkt berührt hatte, bückte er sich nieder, ein leises Rollen ließ sich hören, dann verschwand er, auf den Knieen kriechend, im Innern des Stollens. Frieder rührte sich nicht. Auch der zweite, der dritte und vierte kam – dasselbe Berühren der angegebenen Stelle und dasselbe langsame Verschwinden. So ging es beinahe eine Stunde fort, vom fünften bis zum neunzehnten, und selbst als dieser in das Versteck gekrochen war, veränderte der Lauscher seine Lage nicht, denn das geringste Geräusch konnte seine Anwesenheit verraten.

Beinahe die gleiche Zeit wie vor acht Tagen mußte er warten, ehe die dunklen Männer der Erde entstiegen. Hinter dem letzten leuchtete auch heute der helle Schein für einen Augenblick und ließ die Linien des Viereckes, welches der Eingang bildete, mit großer Bestimmtheit erkennen, dann schloß sich derselbe, die Schritte verklangen, und es herrschte tiefe Stille ringsumher.

Frieder wartete noch einige Zeit und stand dann schon im Begriff, sich zu erheben, als das Rollen nochmals erklang. Augenblicklich senkte er sich in seine vorige Lage zurück und hielt das Auge auf den sich wieder öffnenden Eingang gerichtet. Ein Mann kroch hervor und stellte sich unweit von ihm auf. Er trug, wie Frieder deutlich sah, langes, dunkles Haupthaar, welches bis auf die Schultern niederhing, und einen ebensolchen Vollbart, den die vorgebundene Maske nicht ganz zu verhüllen vermochte. In seinem Gürtel blitzte neben einigen Pistolenläufen eine offene Messerklinge, und mit der rechten Faust hielt er den oberen Lauf einer kurzen Stutzbüchse umschlossen.

Das war jedenfalls kein anderer als der Waldschwarze! Sollte Frieder ihn fassen? Sollte er ihn niederschießen? Ein Griff nach der Pistole hätte dazu genügt. Doch nein, sein ganzes Geheimnis mußte unverhüllt daliegen, ehe er ihn greifen wollte, und zwar ihn mit der ganzen verbrecherischen Genossenschaft.

»Es ist gut dunkel; das paßt, um mir den Spießer zu holen. Sie sind alle bei der Schießhütte, und ich kann sicher gehen!« murmelte der Vermummte, indem er sich anschickte, die Senkung zu ersteigen.

Als er fort war, richtete Frieder sich auf. »Ja, es ist der Feldbauer! Hätte ich nicht seine Stimme erkannt, die er hier nicht verstellte, weil er gemeint hat, allein zu sein, so hätte ich ihn gar nimmer erkannt, so gut war er verkleidet. Er geht wildern und kommt nach mehreren Stunden erst zurück, das ist gewiß. Jetzt bin ich ungestört und werde nicht warten bis morgen, sondern den Stollen sofort untersuchen. Er hat das Licht brennen lassen, es schien hinter ihm her, sonst dürfte ich’s nicht wagen.«

Er untersuchte nun den Verschluß mehr mit der Hand als mit dem Auge. Er bestand aus einem Steine, der jedenfalls auf Rollen ging, und war auf seiner Außenseite mit Moos bekleidet und über diesem von einer großblättrigen Pflanze bedeckt, welche es unmöglich machte, seine von der Umgebung gelösten Umrisse zu erkennen. Frieder versuchte, ihn nach innen zu bewegen, es gelang ihm nicht, trotz Anwendung aller seiner Kräfte. Daher erhob er sich wieder und prüfte die Stelle, nach welcher alle, auch zuletzt der Schwarze selbst, so auffällig gelangt hatten. Es war eine aus der Erde hervorstehende Wurzel, aber kalt und unbiegsam, jedenfalls, wie eine nähere Untersuchung ergab, aus Eisen künstlich nachgebildet und mit Naturfarbe bestrichen, so daß sie bei einer zufälligen Betrachtung nicht auffällig erschien.

Frieder versuchte, sie zu bewegen, es gelang. Sie war in der Gestalt eines Drehlings geformt, welcher sich durch eine Verbindungsstange in das Innere fortsetzte und dort voraussichtlich in einer Vorrichtung endete, welche das Schließen und Oeffnen bewerkstelligte. Jedenfalls bestand diese nur aus einer korrespondierenden Stange oder Schiene aus Eisen, welche sich, je nachdem man die Wurzel drehte, vor den Stein legte oder sich von demselben zurückzog.

Die Drehung bekam Frieder erst nach langem Probieren heraus; dann stellte er die Wurzel, rollte den Stein nach innen und kroch durch die jetzt entstandene Oeffnung, eine Pistole in der Hand, in den Stollen. Eine wohlgefüllte Tonlampe brannte am Boden, doch war, so weit ihr Schein reichte, kein lebendes Wesen zu bemerken. Der furchtlose junge Mann brachte den Stein wieder in seine vorige Lage und bemerkte auch die vermutete Eisenstange, welche er vorschob, um den Verschluß zu bewerkstelligen.

Dann nahm er die Lampe vom Boden auf und untersuchte den Stollen zunächst in der Richtung nach seiner verschütteten Mündung zu. Er fand nichts Bemerkenswertes und ging wieder zurück. Am Eingange jetzt vorüberschreitend, gelangte er an eine eingehauene Nische, in welcher mehrere Stufen aufwärts führten, doch war die früher jedenfalls über ihnen vorhandene Oeffnung vor kurzer Zeit, wie sich an dem Gemäuer erkennen ließ, wieder zugebaut worden.

»Das sind die Stufen, welche der Vater hinabgestiegen ist damals, und feucht und kalt ist’s auch; das stimmt. Hier ist die schwarze Tat geschehen, und hier wird auch meine Rache über sie kommen wie der Blitz, den man nicht vorher ahnt, und vor dem es kein Entrinnen gibt!«

Nicht weit davon entfernt gab es eine starke, eiserne Tür. Sie war geöffnet, doch hing in den Haspen ein großes, eisernes Vorlegeschloß. Der Raum hinter ihr war niedrig und eng, und das auf dem Boden liegende, faulige Stroh ließ ebenso wie der in der Ecke stehende, halbzerbrochene Wasserkrug vermuten, daß diese Höhlung als Gefängnis verwendet werde.

Frieder ging weiter und kam an eine Stelle, wo der Stollen künstlich erweitert worden war. Rohe Steinbänke standen ringsum, viele Nägel staken in den Wänden, und von der Decke hing eine Oellampe, deren Zylinder noch Wärme zeigte. Dies war allem Anscheine nach der Versammlungsort der Bande.

Von hier aus führte der Stollen in gerader Richtung unter der Erde fort, bis plötzlich eine querüberlaufende Mauer ein unübersteigliches Halt gebot. Frieder untersuchte Zoll für Zoll derselben, ebenso den Boden, die Decke und die Steinwände, fand aber nicht das mindeste, was auf einen versteckten Durchgang schließen ließ. Er klopfte, der Ton klang hohl. Der Gang setzte sich also jenseits fort, doch war es allerdings möglich, daß er von den Schmugglern nicht benutzt wurde.

»Aber wie ist der Waldschwarze in den Stollen gekommen? Beim Stein da vorn nicht, sonst hätte ich ihn ja bemerkt. Er muß noch einen Zugang haben, den er nur für sich benutzt. Heute ist’s zu spät, weiter zu forschen; ich werde die nächsten Tage dazu benutzen. Jetzt muß ich fort, sonst wage ich doch zu viel!«

Er ging zurück, setzte die Lampe auf derselben Stelle nieder, von welcher er sie aufgenommen hatte, schob die Eisenstange zurück, zog den Stein von der Oeffnung und stieg in das Freie. Nachdem er vermittelst der Wurzelkurbel den Eingang wieder verschlossen hatte, trat er den Weg nach Hause an. Er wußte sich vollständig sicher. Der Schwarze wilderte jedenfalls nicht in der Richtung des Dorfes, die Schmuggler waren nach der Grenze gegangen, und so hielt er es nicht für notwendig, seine Schritte unhörbar zu machen.

Soeben war er in die Nähe des Forsthauses gelangt, als er ein scharfes »Halt, steh‘, oder wir schießen!« vernahm, und zugleich sah er von vorn und der Seite mehrere Gewehrläufe auf sich gerichtet.

»Gut Freund! Was soll’s?« antwortete er, stehen bleibend.

»Wer bist?«

»Der Frieder vom Bachhof.«

»Ah,« vernahm er die Stimme des Feldwebels, »sind Sie es, Herr Goliath junior? Darf ich bitten, die Maske abzulegen?«

Frieder erschrak. Er dachte erst jetzt daran, daß er sie im Eifer der Nachforschung nicht vom Gesicht genommen hatte. Er band sie los. Der Feldwebel trat, während seine Leute die Gewehre noch immer im Anschlage hielten, auf ihn zu und sah ihm ins Gesicht.

»Ja, er ist es. Haben Sie Waffen bei sich?«

»Ja, Pistolen.«

»Geladen?«

»Geladen!«

»So, so! Da hätten wir ja einen von den Kerls, vielleicht gar den Herrn Urian, den Waldschwarzen selber. Her mit der Waffe und der Larve!«

Frieder wußte, daß der Feldwebel im Rechte handle, und übergab beides.

»Gut. Jetzt bist du mein Gefangener! Also darum ließ sich keine Fliege bei der Schießhütte sehen um neun Uhr, weil der Zettel falsch war und uns verleiten sollte. Unterdessen ist hier ein Putsch geschehen, und es ist nur gut, daß ich auf Patrouille ging, sonst wäre der Vogel glücklich heimgekommen. Wirst niemand mehr durchs Fenster werfen und nicht mehr oft mit der Martha tanzen, mein Bursche. Vorwärts, marsch!«

»Oho, so weit sind wir wohl nicht! Warum ich die Larve anlege, das ist meine Sache, und die Pistolen darf ich tragen.«

»Wer hat’s erlaubt?«

»Der Förster.«

»Das wird sich finden. Marsch vorwärts, sage ich, sonst brauche ich Gewalt!«

»Papperlapp, die Gewalt kennt man schon! Wie weit sie reichen darf, das weiß ich auch. Dort ist noch Licht im Forsthaus, und der Förster wird daheim sein. Jetzt gehe ich geradeswegs zu ihm, und Ihr dürft mitkommen. Wer mich aber anrührt, den schlage ich zu Pulver. Ihr kennt mich, und damit Punktum!«

Er ging auf das Forsthaus zu, und der Feldwebel folgte ihm mit den Seinen auf dem Fuße. Er getraute sich doch nicht, sich an dem ›Goliath junior‹ zu vergreifen. Der Förster war eben erst von der Schießhütte nach Hause gekommen und blickte allerdings verwundert auf, als er seinen Freund in solcher Begleitung bei sich eintreten sah.

»Frieder, du? Wie kommst du zu dieser Stunde zu mir?« fragte er.

»Er ist unser Gefangener,« schnitt der Feldwebel die Antwort ab. »Er gehört zu der Bande des Waldschwarzen.«

»Der Frieder? Sind Sie bei Sinnen, Herr Feldwebel?«

»Sogar sehr! Wir haben ihn auf der Tat ertappt.«

»Auf welcher Tat? Wie kann der Frieder zum Waldschwarzen gehören, der ihm den Bruder erschossen und den Vater geblendet hat?«

»Das geht mich nichts an! Er hatte eine Larve im Gesicht und geladene Pistolen bei sich, als wir ihn fanden.«

»Und hat Ihnen beides ohne Gegenwehr übergeben?«

»Die Gegenwehr hätte ihm nichts geholfen!«

»Das muß ich sehr bezweifeln, wie ich ihn kenne. Die Pistolen habe ich ihm erlaubt; er ist freiwillig mein Gehilfe im Forstwesen und darf in den Wald, wann und wie er will, bewaffnet oder nicht, ganz wie es ihm gefällt. Ich werde es verantworten.«

»Da kann ich nichts dagegen sagen. Aber die Larve?«

»Das ist seine Sache.«

»Oder auch nicht. Der Schwarze geht mit der Larve und seine Leute alle miteinander auch. Wer sich im Wald maskiert, wird arretiert.«

»Wo steht’s geschrieben?«

»Das versteht sich von selber! Er soll mich nicht umsonst aus dem Fenster und aus der Tür geworfen haben! Er bleibt Arrestant und wird aufs Gericht transportiert!«

»Also nicht wegen der Maske, sondern aus Rachsucht. Zeigen Sie mal die Pistolen und die Larve!«

Der Feldwebel reichte ihm beides hin. Der Förster nahm die Gegenstände und gab sie dem Freunde, welcher der Verhandlung lächelnd zugehört hatte, zurück.

»Hier hast du die Sachen, Frieder. Gehe nach Hause! Und wer etwas dagegen hat, der mag auch mich vor Gericht verlangen.«

»Halt!« gebot der Feldwebel. »Her mit dem corpus delicti! Es gehört mir und der Gefangene dazu!«

Da legte ihm Frieder die Hand auf die Schulter.

»Feldwebel, jetzt will ich auch einmal sprechen. Sie haben gehört, was der Förster sagt. Er bürgt für mich, und das ist mehr als genug, denn er und ich, wir sind jederzeit zu finden. Ich werde vielleicht doch noch wen durchs Fenster werfen und mit der Martha tanzen, wenn mir’s paßt. Jetzt gehe ich aber nach Hause, und wer nur die Miene verzieht, mich daran zu hindern, der wird sogleich sehen, was passiert. Ich lasse mich weder zur Schießhütte, noch ins Bockshorn jagen. Merkt’s, und nun gute Nacht!«

Er ging, und keiner getraute sich, ihm den Weg zu vertreten.

IV.

Der Feldwebel hatte doch die Anzeige gemacht und eingesandt, und die Folge davon war, daß Frieder vom Amte einen Bestellzettel erhalten hatte und heute in die Stadt geritten und im Verhör gewesen war. Dies schien einen für ihn befriedigenden Verlauf genommen zu haben, wie die Miene zeigte, mit welcher er das Pferd bestieg, um wieder heimzukehren.

Ein gut Teil über die Hälfte des Weges war zurückgelegt, und er gelangte an ein einsames Wirtshaus, welches mitten im Walde an der Straße lag. Ein hochbeladener Heuwagen hielt vor der Tür, und er erkannte das Gespann als das Eigentum des Feldbauern. Er konnte annehmen, daß derselbe Leute genug habe, um solche Fuhren nicht selbst unternehmen zu müssen; jedenfalls führte ein Knecht das Geschirr, und es war dann kein Grund vorhanden, auf den frischen Trunk zu verzichten, welchen er hier zu sich nehmen wollte.

Er stieg daher ab, befestigte die Zügel an das Staket und trat in die Stube. Er hatte sich getäuscht. Außer einigen Holzhauern, welche im Winkel ihr mageres Brot verzehrten, befanden sich der Feldbauer und einige Soldaten im Zimmer. Sie waren auf einem Patrouillendienst durch den Forst hier eingekehrt und wurden von dem sonst nicht sehr freigebigen Bauer auf das beste traktiert. Frieder setzte sich an einen besonderen Tisch, ließ sich sein Bier geben und wandte sich von den Anwesenden ab, dem Fenster zu.

»Trinkt, immer trinkt,« meinte der Feldbauer mit einem giftigen Blick auf den Neuangekommenen. »Ehrliche Leute, die ohne Larve sich sehen lassen, dürfen in das Wirtshaus gehen; andere aber soll man durch die Polizei fortweisen.«

»Was ist denn mit der Larve?« fragte der Wirt.

»Nichts weiter, als daß man die kleinen Spitzbuben hängt, die großen aber laufen läßt. Der Buschwebel hat einen gefangen, der die Maske und Pistolen getragen hat. Er gehört ganz sicher zum Waldschwarzen, hat sich aber gut herausgelogen und wagt es auch noch, bei Männern zu sitzen, die keine Mörder und Blender sind.«

»Wer ist es denn?«

»Ja, da fragst mich zu viel. Schau dich darnach um!«

»Ach so! Warst in der Stadt?« forschte der Wirt ablenkend.

»Ja, das Heu ist mir heuer verregnet, so daß ich mit meiner Ernte nicht reiche. Da es nun billig ist, wollte ich mir einen Vorrat holen.«

Frieder trank sein Bier, bezahlte und ging. Die Niederträchtigkeit seines Feindes war so ungeheuerlich, daß er sie kaum zu fassen vermochte. Als er an dem Wagen vorüberlenkte, durchzuckte ein sonderbarer Gedanke sein Gehirn.

»Ist dem Feldbauer wirklich sein Heu vernäßt, so daß er sich welches kaufen muß? Seine Wiesen tragen ja grad so gut wie die unseren, und der Feldhof hat doppelt so viel Futter als er verbrauchen kann. Und warum fährt er selber? Da steckt was dahinter, und er traktiert die Soldaten auch nicht umsonst, so viel ist gewiß. Ich muß ihn auf der Zeche belauschen, wenn er das Heu abladet!«

Die ›Zeche‹ war nämlich der Ort, an welchem der Feldbauer sein Heu aufbewahrte.

Frieder nahm den Braunen scharf in die Zügel und sah bald das Dorf vor sich liegen. Vor demselben und zwischen der Straße und dem Feldhof erblickte er Martha, welche am Ufer des Baches Wäsche netzte. Er konnte sich diese Gelegenheit, einige Worte mit ihr zu wechseln, nicht entgehen lassen und lenkte zu ihr hin.

»Gute Arbeit, Martha! Hast große Wäsche?« grüßte er.

»Ja, da gibt’s zu tun, Frieder. Aber welch ein Glück, daß der Vater nicht zu Hause ist!«

»Weshalb?«

»Es ist uns am Montag gar böse ergangen, Frieder, und so schlimm, wie da, ist er noch nie gewesen.«

»Wegen des Tanzes?«

»O nein. Von dem hat er kein Wort gesagt. Aber von dem, daß du dann im Wald gewesen bist mit den Pistolen und verlarvt.«

»Das weißt du auch schon?«

»Der Feldwebel hat es ihm gleich in der Frühe erzählt, und dann brach das Gewitter los. Frieder, das war schauderhaft! Der Vater hat gesagt, ich sei in dich – –«

»Du seist – – was denn, Martha?«

»Ich kann’s nicht sagen! Dann hat er mich beim Haar ergriffen und ebenso die Mutter, die mir mit Flehen zu Hilfe kommen wollte. Nachher –«

»Halt, Martha, erzähle nicht weiter, sonst reite ich zurück und zertrete ihn zu Brei und Staub, wo ich ihn finde. Ich weiß jetzt alles; das Maß läuft immer voller, und ist der letzte Tropfen hinein, so kommt die Flut, in der er untergeht!«

»Frieder, ich bitte gar schön, tue es nicht! Du bist ihm über; das wissen alle; aber es kann nichts draus werden als Kummer, Sorge und Unheil!«

»Bedauerst ihn vielleicht?«

»Es ist ja doch der Vater! Die Mutter wäre schon längst vom ihm, wenn nicht die Schande dabei wär‘. Sie hat ihn niemals lieb gehabt und wohl auch nimmer achten können, und ich, ich zittere, wenn ich ihn nur sehe. Aber der Zorn bringt schlimme Frucht, Frieder.«

»Wer sie säet, der wird sie ernten, Martha; das ist ein göttliches Gesetz, daran niemand das geringste zu ändern vermag. Ich habe ihn auch heute, erst vorhin wieder geflohen, als er mit mir beginnen wollte, doch, wo er mir das Herz antastet, da soll er nicht auf Nachsicht rechnen. Lieber laß ich mir den Hof wegbrennen, als den beleidigen, den meine Liebe umfangen hält! Was hast du gedacht, bei meinem Gange zum Walde?«

»Der Vater sagt, du seist der Waldschwarze; ich aber habe gleich das Richtige vernommen; du hilfst dem Förster, nicht wahr?«

»Der hat es mir bezeugt. Jetzt komme ich vom Gericht und habe den Freipaß für den Wald bei Tag und Nacht.«

»Und du wirst auch hinausgehen?«

»Warum sollte ich nicht?«

»Frieder, tu’s nicht! Es ist jetzt gar viel Gefahr im Walde, und selbst der Tapferste kann nicht sagen, ob er gut daraus hervorgeht. Es gibt ja Leute, um derentwillen du dich schonen mußt!«

»Hast recht, Martha! Aber es gibt auch einen Engel, der mich beschützt auf jedem Wege, den ich gehe!«

»Welcher ist das?«

»Du selbst!«

»Ich? Wo denkst du hin! Meinst wohl,« scherzte sie, »weil ich bei der Wäsche bin, wo man weiß und sauber geht!«

»Dann wärst du ja bloß der Wäschengel! Aber sage, warum legst du sie hier auf die Wiese und nicht in den Garten, wo es bequemer ist?«

»Wir haben dort kein Wasser. Der eine Brunnen wird repariert und der andere, den der Vater ganz allein gegraben hat, gibt keinen Tropfen, weil er in den Stollen gestoßen ist, der unter dem Hofe fortgeht. Wir dürfen davon gar nicht reden, sonst wird der Vater böse; er sagt, die Leute lachen ihn aus, wenn sie hören, daß er Wasser gesucht hat, da, wo keins zu finden ist.«

»Wie alt ist dieser Brunnen?«

»So alt, als ich auf dem Feldhofe bin. Er grub ihn gleich in der ersten Zeit und nur bei Nacht.«

»So weiß die Gemeinde gar nichts davon?«

»Nein, weil es zu viel Umstände macht. Nur die Mutter hat es gewußt und ich. Die Mündung ist in der Hinterkammer neben der Scheune, wozu er nie den Schlüssel herausgibt. Darum muß ich auf die Wiese.«

»Und das ist gut, Martha, sonst hätte ich dich jetzt nicht gesehen!«

»Wirst mich auch heute am Abend sehen, wenn ich es möglich machen kann. Er geht wieder um acht Uhr zur Ruhe.«

»Ja, komm, Martha! Wirst große Freude anrichten, und sollte ich nicht sofort daheim sein, so komme ich sicher noch, ehe du gehst. Lebe wohl!«

»Lebe wohl, Frieder!«

Sie blickte ihm nach, wie er dem Braunen die Sporen gab und mit eleganter Sicherheit auf demselben über die breiten Gräben setzte. Wie war er doch so ganz anders als die Männer, welche sie bisher kennen gelernt hatte, besonders aber als der Vater! Sie durfte ihm gar nicht erzählen, wie dieser sie und die Mutter am Morgen mißhandelt hatte. Es war noch viel ärger gewesen, als sie angedeutet hatte, und wenn sie auch den eigentlichen Grund nicht kannte, der den Feldbauer über den nächtlichen Gang Frieders in solche Wut versetzt hatte, sie wußte doch, daß diese Zornesergüsse wiederkehren würden, da es nicht in ihrer Absicht lag, dem wilden Manne das junge, emporsprossende Glück ihres Innern zu opfern.

Frieder kam nach Hause. Er mußte darüber lächeln, daß seit seinem Hiersein ihn der Waldschwarze fast mehr in Anspruch nahm als das Bachgut. Er war abermals gezwungen, den Feldbauer zu belauschen, und zwar ohne Verzug; er konnte daher den Eltern nur kurze Auskunft erteilen.

»Nun, wie war’s auf dem Amte?« fragte der Vater.

»Ganz, wie ich gedacht habe. Sie wollten alles wissen; ich habe ihnen bloß gesagt, daß ich mich gegen den Schwarzen maskiere. Dann mußte ich von euch erzählen und bekam darauf die Erlaubnis, zu tun, was ich für gut halte.«

»Ja, warum sagst du nicht, was dir begegnet ist im Walde? Wenigstens uns kannst du es doch erzählen. Wir sind so sehr erschrocken, als wir hörten, daß du es machst wie der Franz; wirst uns wohl auch so ein Herzeleid bringen, wie er. Was soll daraus werden?«

»Nichts anderes, als daß ich den Schwarzen fange, Vater! Darauf kannst du dich verlassen!«

»Ja, grad so wie der Franz und ich! Dann wirst du eines Tages am Baum gefunden, oder du kommst eines Morgens heim ohne Auge und Licht!«

»Vater, sorge dich nicht! Ich bin groß und alt genug, um zu wissen, ob ich sicher gehe.«

»Ich war’s auch!«

»Und grad jetzt weiß ich ganz genau, daß er mir nicht schaden kann. Er ist schon fast in meiner Hand.«

»Fast – in deiner Hand –?« Der Blinde sprang auf, und auch die Mutter trat hinzu. Sie hatte das Wort noch nicht ergriffen, weil der Vater ja auch ihre Gedanken aussprach. »Ist’s wahr, Frieder, sag‘ schnell, ist’s wirklich wahr?«

»So wahr, als ich vor euch stehe!«

»So rede, was ist’s? Schaffe ihn mir zur Stelle, rasch, damit ich ihn unter mir zerdrücke, wie der Funken zerstiebt unter dem Hammer, der Eisen zermalmt. Suche ihn, bringe ihn; ich will ihn, muß ihn haben, sofort, ohne Verzug!«

Ein einziger Augenblick hatte den alten Mann in eine Aufregung versetzt, die ihn alles andere vergessen ließ. Frieder suchte ihn zu besänftigen.

»Du sollst ihn haben, aber jetzt noch nicht. Es ist noch nicht die rechte Zeit dazu!«

»Die rechte Zeit ist stets da, ist immer da, auch jetzt! Oder weißt du noch nicht, wer’s ist?«

»Ich weiß es, aber ehe ich den Namen nenne, muß der Beweis vollständig sein und ohne Lücken. Drum habe noch einige Zeit Geduld! Du bist der erste, der ihn von mir empfängt, das will ich dir versprechen!«

Frieder ging. Hinter dem Dorfe, da, wo der Wald sich von der Höhe hernieder zu neigen begann, hatte man einst nach Erz gegraben. Der Ertrag war in der ersten Zeit lohnend gewesen, nach und nach aber so gesunken, daß man den Bau aufgegeben hatte. Noch heute trat die Taubgesteinhalde weit aus dem Berge hervor, um deren Rand sich eine rohe, hölzerne Umzäunung zog, zum Zeichen, daß der Zugang für den Unberufenen verboten sei. Der Platz gehörte nun zum Areal des Feldhofes, und der jetzige Bauer hatte an Stelle des kleinen, verwitterten Häuschens, welches das Mundloch des noch immer offenen Schachtes bedeckte, eine Scheune errichtet, angeblich, um sich bei der Heu- und Grummeternte am Berge die Mühe des Heimbringens zu ersparen. Der Ort wurde noch ›die Zeche‹ genannt. Niemand ging dort hinauf, um den Argwohn des gefürchteten Feldbauers nicht zu erregen.

Frieder richtete es so ein, daß er von der Forstseite die Halde erreichte und an die Wand der Scheune gelangte, wo man ihn vom Tale aus nicht bemerken konnte. Die Tür war verschlossen; das wußte er, doch kostete es ihm keine große Anstrengung, mit dem Messer einen Laden zu öffnen. Er stieg durch diesen in das Innere und verschloß ihn dann wieder. In einer Ecke der Scheune führte der Schacht in die Tiefe; seine Mündung war mit Brettern belegt. Der übrige Raum war zur Hälfte mit Heu bis unter das Dach angefüllt.

Frieder stieg hinauf und wühlte sich so zwischen die duftigen Bündel hinein, daß er vor Entdeckung sicher sein und doch alles überblicken konnte.

Der Feldbauer hatte bald nach Frieder die Schenke verlassen; jetzt hörte man die Räder seines Wagens knarren; er öffnete die Flügel des Tores und schob das umgelenkte Fuhrwerk rücklings in die Scheune. Die Pferde blieben unter dem Eingange stehen, der eine so geringe Breite besaß, daß niemand an ihnen vorüber Zutritt nehmen konnte.

Nachdem der Bauer die Läden einer raschen Besichtigung unterworfen hatte, legte er Jacke und Mütze ab, entfernte die Bretter von dem Mundloche und zog eine umfangreiche Seilrolle und einen Gegenstand hervor, dessen Zweck Frieder völlig unbekannt war. Er sollte nicht lange über denselben im unklaren bleiben.

Nachdem einige Bündel Heu vom Wagen genommen waren, zeigte sich, daß sie nur bestimmt gewesen waren, die eigentliche Ladung dem Auge zu entziehen. Diese bestand in Paketen, kleinen Fässern und Kisten, welche der Bauer mit einer Schnelligkeit ablud, die man seinem massiven Körperbau gar nicht zugetraut hätte. Dann zog er den rätselhaften Gegenstand herbei, welcher aus vier, oben in einem Gelenk vereinigten, unten aber sich ankerartig auseinander biegenden Eisenstäben bestand, befestigte ihn an das Seil, belud ihn mit einem Teile seiner Fracht und ließ ihn dann in den Schacht hinab.

Frieder mußte im stillen die Klugheit seines Gegners anerkennen, welcher eine Vorrichtung erfunden hatte, die das Abladen überflüssig und jede anderweitige Hilfe entbehrlich machte. Denn, war die Ladung unten angekommen, so stießen die Ankerarme auf den Boden, legten sich auseinander und warfen ihre Last von selbst ab; wurde die Vorrichtung dann wieder emporgezogen, so nahm sie ihre vorherige Gestalt an.

Auf diese Weise waren die Güter bald in dem Schachte verschwunden; der Feldbauer versteckte die beiden Gegenstände unter das Heu, bedeckte das Mundloch wieder, warf das noch vorhandene Futter vom Wagen und fuhr davon, nachdem er das Tor verschlossen hatte.

»Nun kenne ich das ganze Geschäft!« atmete Frieder tief auf. »Hier hält er die Einfuhr, ohne daß ein Mensch ein Wort davon erfährt oder mit einer Silbe daran denkt. Am Stollen ist die Ausfuhr durch die Pascher, die gar nicht wissen, woher die Päcke und Kisten kommen; und dazwischen ist der Brunnen, durch den er den Auf- und Abstieg nimmt, wenn man im Feldhof denkt, er schläft; dort muß er auch die Niederlage haben, und in der Mauer, die ich betrachtet habe, ist ein Loch, durch das er geht, obgleich ich’s nicht zu finden vermochte. Aber ich werde es noch entdecken, und zwar heute. Er geht wieder um acht Uhr schlafen, wie Martha sagte, und wenn ich auch nicht beim Stein gewesen bin, so weiß ich also demnach, daß seine Leute bestellt sind. Er hat den Zettel dazu wohl gleich in der Frühe besorgt, und jetzt steigt er durch den Brunnen, um die Güter bereit zu machen.«

Frieder öffnete den Laden und sprang hinaus. Offen lassen durfte er ihn auf keinen Fall, aber nur nach langer Mühe gelang ihm der Verschluß. An der Berglehne traf er ganz unerwartet mit dem Feldwebel zusammen, welcher von weiter oben aus dem Walde kam und solche Eile zu haben schien, daß er beinahe von ihm umgerannt worden wäre.

»Was läuft hier im Wege herum?« polterte jener mit hochgerötetem Gesicht, welches sich höhnisch verzog. »Bist ja mehr im Walde als zu Hause; aber ich werde dir gar bald das Spazierengehen verleiden!«

Frieder sah ihn groß an. War der Mann verrückt, daß er nach den Erfahrungen der letzten Zeit noch in diesem Tone sprechen konnte?

»Feldwebel, machen Sie kalte Umschläge; die Hundstage sind vor der Tür!« antwortete er.

»Ja, die Tage, wo man die Hunde an die Kette legt und ihnen den Beißkorb gibt. Wirst auch einen bekommen für dein Herumstreichen. Und das gar bald; ich sorge dafür!«

Er eilte weiter, geradeswegs auf den Feldhof zu. Vom Flur desselben aus erblickte er den Bauer, welcher eben den Schlüssel an die Brunnenstube steckte.

»Halt, Bauer, komm her!« rief er ihm zu.

»Was soll’s?« fragte dieser.

»Eine Neuigkeit, eine wichtige. Komm herauf in meine Stube, denn hier ist nicht der Ort dazu!«

Er schritt voran. Der Bauer folgte ihm halb erwartungsvoll, halb mißmutig. Er war von ihm in der dringendsten Beschäftigung gestört worden.

»Nun, Feldwebel, was gibt’s, daß ich hierher geschleppt werde?«

»Ich habe ihn; ich habe ihn fest!« antwortete der Gefragte, mit einer Miene im Zimmer hin- und herstolzierend, als habe er eine Schlacht gewonnen.

»Wen denn?«

»Ihn und seine ganze Sippschaft!«

»So sag‘ doch, wen?«

»Den Waldschwarzen!«

»Bist wohl nicht bei Trost?« fragte der Bauer, die Spannung seiner Züge so viel wie möglich beherrschend.

»Sogar sehr, ganz ungeheuer bin ich bei Trost! Habe ich dir’s nicht gesagt, Feldbauer, daß ich ihn fangen werde? O, man weiß schon, warum man grad mich hergeschickt hat! Und kaum bin ich hier, so ist er auch schon in die Falle geraten. Der Leutnant ist mir sicher, und mit der Martha – hm, hübsch ist sie, und bekommen tut sie auch etwas mit; aber ein Offizier muß auf Ambition halten. Wenn sie einen anderen will, so bekomme ich zehn dafür!«

»Aber so rede doch kein so dummes Zeug, Feldwebel, sondern sprich von der Leber weg! Du hast den Waldschwarzen? Wo denn?«

»Beim alten Stollen!«

Der Bauer schrak beinahe sichtbar zusammen.

»Beim alten Stollen! Hast ihn wohl schon dort?«

»Ja, wenigstens so gut, als hätte ich ihn schon! Dir kann ich’s erzählen, denn du bist der letzte, der ihn warnt! Aber halte den Mund, das sage ich dir! Also, ich gehe heute in den Wald. Ich hatte etwas viel gespeist, und es war große Hitze, so daß ich müde zu werden begann und es fürs beste hielt, mich ein wenig in das Moos zu legen. Das war dort auf der Höhe, wo die Steine auf der kleinen Lichtung liegen. Da krieche ich unter die Zweige, strecke mich aus und schlafe auch richtig ein. Ich weiß nicht, wie lange ich so gelegen bin, da wache ich auf einmal auf; es raschelt in dem Laub. Rasch blicke ich durch die Zweige, und was sehe ich? Rate einmal!«

»Nun?«

»Ein Mann steht bei dem Gestein, hebt einen Block in die Höhe, blickt darunter, läßt ihn wieder fallen und geht dann fort.«

»Was ist’s weiter?« meinte der Zuhörer so gleichgültig wie möglich.

»Was es weiter ist, das wirst du gleich hören! Ich bin noch nicht fertig, mir die Sache zurecht zu legen, da kommt noch einer, der dasselbe tut, und nach zehn Minuten wieder einer, und so geht es fort, bis ich endlich mich vor Neugierde nicht mehr zu halten vermag. Ich nehme also die Zwischenzeit gut wahr, springe hin, sehe nach, und was habe ich gefunden, he?«

»Nur heraus damit, ich bin doch nicht allwissend.«

»Unter dem Stein liegt ein Zettel, und darauf steht: ›Beim alten Stollen um zehn.‹ Was sagst du dazu?«

»Das ist ja ganz absonderlich!«

»Absonderlich bloß? Nein, noch viel mehr! Der Waldkönig gibt am Stein seine Bestellung auf; seine Leute kommen heute an den alten Stollen; ich habe unsere ganze Mannschaft zusammen und fange sie alle miteinander. Weißt, was das ist?«

»Glück, ungeheures Glück, und noch dazu im Schlaf, grad wie’s im Buch steht!« sagte der Bauer in halb ironischem Tone. »Aber, Feldwebel, nimm’s auch in acht, daß dir’s nicht wieder davonläuft!«

»Mir nicht, darauf kannst getrost Gift nehmen.«

»Hast den Zettel mitgenommen?«

»Fällt mir gar nicht ein! Hältst mich wohl für auf die Nase gefallen?«

»Nun, als Beweis.«

»Das Papier nützt mir nichts; die Pascher selber brauche ich, die will ich haben! Aber wenn ich ihnen den Zettel hinwegnehme, so wittern sie Verrat und kommen nicht.«

»Das mag wahr sein! Aber hast sie doch erkannt?«

»Keinen! Die in der Nähe wohnen, sind vielleicht schon dagewesen, noch ehe ich recht erwacht bin; doch das schadet nichts. Ich weiß, wo sie zu finden sind, und werde sie alle miteinander bekommen.«

»Aber nicht auf diese Weise, wie du vorhin sagtest.«

»Warum?«

»Am alten Stollen heißt’s, aber wo? An einem Punkt von ihm, oder an der Mündung?«

»Hm, ja, das weiß ich nicht.«

»Siehst! Nun nimmst die ganzen Soldaten mit, stellst sie auf, und grad wo die Schmuggler das Rendezvous haben, wie du sagst, da hast sie nicht beisammen. Und denkst etwa, der Waldschwarze ist so dumm und merkt nicht, daß ihr da seid? Er hat seine Spione in jedem Haus, und wenn keiner was sieht, das Gelaufe von euch wird doch bemerkt. Seine Leute kommen natürlich nicht anmarschiert wie ein Regiment Soldaten, sondern sie schleichen sich einer hübsch nach dem andern herbei; da kannst du warten, bis du sie bekommst.«

»Das klingt ganz richtig! Aber was soll ich tun?«

»Feldwebel, du mußt das ganz von selber wissen! Der Feldbauer ist ein Esel, das hast ja gesagt, nicht wahr? Wie kann er dir da sagen, was zu tun ist?«

»Hartkopf, der du bist! Das war ja nicht so schlimm gemeint. Du hast mehr von dem Waldschwarzen gehört als ich und kennst also seine Schliche noch besser. Sage, was würdest du tun an meiner Stelle?«

»Plaudern gar nicht, zu keinem Menschen.«

»Auch zum Leutnant nicht?«

»Erst recht nicht! Oder willst, daß er dir den Preis wegnimmt? Du mußt ihm ja gehorchen, auch wenn er die Sache so anstellt, daß nur er die Ehre davon hat.«

»Meiner Seele, du hast recht, Feldbauer! Ich muß die Sache erst ganz allein auf mich nehmen, und wenn ich den Ort genau kenne, sie so einrichten, daß ich den Offizier nicht brauche, nämlich so, daß der Fang so schnell kommt, daß ich keine Zeit habe, ihm vorher Meldung zu machen.«

»Jetzt wirst gescheit, Feldwebel! Niemand darf das geringste davon wissen, sondern du schleichst allein hinaus, leise und heimlich, daß dich keine Katze bemerkt, bis an den Stollen, an welchem du die Pascher sicher triffst. Ich denke mir schon den Ort, wo es ist.«

»Sag‘, wo?«

»Grad an der Mündung, wo auch der Bachbauer damals gesteckt hat, steht eine Birke, und gleich daneben geht ein Loch in die Erde. Es ist vom Gesträuch bewachsen, so daß man es gar nicht sieht, aber du wirst schon merken, wenn sie hineinkriechen.«

»Weißt’s genau?«

»Ganz und gar. Das Loch kenne ich schon lange, habe aber nicht daran gedacht, daß ein Versteck dahinter ist, in dem die Pascher sind.«

»Sollen sie’s etwa mit der Glocke in die Welt hineinläuten, wo sie stecken? Aber es ist gut, daß ich erst mit dir gesprochen habe! Nun ich einmal weiß, wo sie zu finden sind, können sie mir nimmer entgehen. Ich werde es schon so anfangen, daß ich den Leutnant nicht brauche. Am meisten freue ich mich auf den Bachfrieder, denn der ist dabei, das weiß ich ganz genau.«

»Wirklich? Woher?«

»Weil er auch da droben war und jedenfalls auch mit unter den Stein geblickt hat, nämlich als ich noch schlief. Ich habe ihn dann eingeholt, und er ist ganz verlegen dagestanden, als er mich erblickt hat. Was will er im Forst? Er ist Bauer und gehört auf den Acker oder in den Stall.«

»Ich an deiner Stelle machte kurzen Prozeß mit ihm. Sobald er mir begegnete, bekäme er die Kugel, und keine Katze miaute nach ihm. Ob er der Schwarze ist oder nicht, dabei ist er doch, und dann ist’s ja gleich, ob er ein wenig früher oder später vorgenommen wird.«

»Verdient hätte er’s; aber die Kugel ist nicht genug für ihn. Er muß ins Zuchthaus, das ist noch zehnmal schlimmer als der Tod. Nachher kann er darüber nachdenken, wer der stärkste ist, er oder ich. Aber weißt, Feldbauer, du kennst das Loch; geh‘ mit hinaus zum Stollen!«

»Was fällt dir ein! Mich geht die Sache ja gar nichts an. Ich bin nicht herbeikommandiert, um den Waldschwarzen zu fangen, und werde mich hüten, mir die Hand an ihm zu verbrennen. ›Was deines Amtes nicht ist, da laß den Vorwitz,‹ sagt das bekannte Sprichwort, und du hast ja selbst gemeint, ich hätte den großen Mund, aber die kleine Faust. Was kann ich dir da nützen?«

»Mach‘ keine Flausen! Was in der Hitze gesagt wird, kann vergessen werden. Und dein Schade wird’s auch nicht sein, wenn du mir beistehst auf den heutigen Abend.«

»Mein Vorteil auch nicht! Fürchtest dich vielleicht allein im Walde?«

»Ich? Der Feldwebel? Bist bei Sinnen?«

»Ja, mehr als du selber. Ich wette, du kommst nicht allein hinaus zum Stollen. Der Mut ist eine eigene Sache; er weicht gern aus dem Herzen und setzt sich auf die Zunge.«

»So mag’s bei dir sein, aber bei mir nicht. Ich gehe, und morgen wirst sogleich erfahren, was ich ausgerichtet habe.«

»Ich bin begierig darauf. Geh‘ nur beizeiten, und lauf nicht wieder fort, wenn’s anfängt, dich zu gruseln!«

Er verließ die Stube und ging nach dem Hofe, wo er den Brunnenraum öffnete und dann von innen wieder sorgfältig verschloß. Dabei sprach er mit sich selbst:

»Welch ein Glück, daß er nicht zu schweigen versteht! Hätte er im stillen die Anzeige gemacht, so wäre ich in eine saubere Tinte geraten! Mut hat er, das ist wahr, aber die Klugheit fehlt ihm dabei. Jetzt droht mir von ihm mehr Gefahr als vom Bachfrieder. Er kennt den Stein und das Geheimnis, und ich muß ihn zur Verschwiegenheit bringen. Das Blenden hilft nichts, entweder stirbt er oder – ja, oder er muß zur Gesellschaft übertreten. Das ist die einzige Wahl, die ich ihm lasse. Zu hart ist’s nicht für ihn, denn was hat er gesagt von der Martha? Er bekäme zehn andere an ihrer Stelle? Gut, er wird noch alle Finger nach ihr lecken und sie dennoch nicht erhalten. Sie war nur die Lockspeise und soll mir noch weit höher hinaus helfen. Heute halte ich Abrechnung mit ihm wegen des Esels, den er mir ins Gesicht geworfen hat. Es soll ihm wohl bekommen!«

Die Haspel, außer welcher nicht der kleinste Gegenstand in der Brunnenstube zu bemerken war, trug zwei Eimer, welche so an dem Seile befestigt waren, daß je einer von ihnen niederfuhr, wenn der andere in die Höhe ging. Der Feldbauer bestieg den oberen und ließ sich langsam hinab, indem er das den unteren tragende Seilende durch die Hände gleiten ließ. –

Der Feldwebel war in seiner ungewöhnlichen Aufregung zurückgeblieben. Er hatte keine Ahnung davon, daß er ein Spielball in der Hand dessen war, den er fangen wollte. Der Rat des Feldbauers schien ihm der beste, und er befolgte ihn um so genauer, als ihm sehr viel daran lag, seinen Mut zu beweisen.

Er konnte das Hereinbrechen des Abends kaum erwarten und machte sich, sobald es zu dunkeln begann, auf den Weg. Die Vorsicht, welche er anzuwenden hatte, ließ ihn nur langsam vorwärts kommen; doch erreichte er die verschüttete Mündung des Stollens noch vor dem neunten Glockenschlag. Er fand auch bald die alte Birke; es war die einzige, welche an dieser Stelle stand, und er bückte sich nieder, um nach dem angegebenen Loche zu forschen.

In diesem Augenblicke aber erhielt er einen Schlag auf den Kopf, der ihn sofort zu Boden streckte; eine Schlinge legte sich um seinen Hals; Hände und Füße wurden ihm zusammengebunden – er hatte das Bewußtsein verloren.

Als er erwachte, war es vollständig dunkel um ihn her, und es vergingen einige Minuten, ehe er sich auf das Geschehene besinnen konnte. Mit der Erinnerung kam ein fürchterlicher Grimm über ihn; er zerrte mit aller ihm zu Gebote stehenden Gewalt an den Fesseln, und als er diese Anstrengung fruchtlos fand, begann er laut zu rufen.

Seine Stimme mußte gehört worden sein, denn es dauerte nicht lange, so vernahm er das Rasseln eines Schlosses; eine Tür wurde geöffnet, und heller Lichtschein fiel auf das faulende Stroh, welches sein Lager bildete. Er befand sich in der Gefängnishöhlung, welche Frieder jüngst bemerkt hatte.

Draußen standen zwei tief verhüllte Männer; der eine von ihnen trug eine Laterne; der andere trat näher und löste den Strick, welcher die Füße des Gefangenen zusammenhielt.

»Vorwärts!« gebot er mit einem derben Tritte seiner schwerledernen Stiefel gegen des Feldwebels Beine, indem er ihn zugleich beim Kragen packte und in die Höhe zog. Dann stieß er ihn in den Gang und schob ihn vor sich her bis in die Erweiterung des Stollens, wo die Hängelampe unter einem dämpfenden Schirme hervor ein zweifelhaftes Licht verbreitete und eine bedeutende Anzahl finsterer Gestalten, wohlbewaffnet und mit der Maske versehen, rund auf den Bänken Platz genommen hatte. Einer von ihnen erhob sich und fragte:

»Feldwebel, weißt du, wo du bist?«

Seine Stimme klang dumpf unter der Maske hervor, so daß wohl jede Silbe zu vernehmen, an ein Wiedererkennen aber nicht zu denken war.

»Ja. Im Stollen bin ich, in der Räuberhöhle, hinterrücks überfallen und hereingeschafft. Aber das soll euch nicht gut bekommen; ich werde euch alle zusammen an den Galgen bringen oder aufs Schafott!« drohte er.

Ein durch die Larven gedämpftes, allgemeines Gelächter war die Antwort.

»Spare das Drohen und Aufschneiden,« meinte der vorige Sprecher. »Du bist nicht in der rechten Lage dazu. Du stehst vor Gericht und sollst das Urteil haben für die Mühe, die du dir mit uns gibst.«

»Vor Gericht? Ich kenne kein Gericht, das in solcher Weise abgehalten wird; ich protestiere dagegen; ich erkenn’s nicht an; ich will meine Freiheit haben!«

»Ob du protestierst oder nicht, das ist ganz gleich, und wenn das Urteil ausgeführt ist, mußt du’s schon anerkennen.«

»Das tue ich nicht! Ihr habt kein Recht, mich zu fangen; euch selber gehört der Strick und die Kugel; ihr seid Diebe, Mörder, Räuber!«

»Halt! Schau dich um, Feldwebel. Dort steht der Waldschwarze. Siehst das Pistol in seiner Hand? Sobald du noch ein einzig Wort sagst, das ihm nicht gefällt, bist eine Leiche. Dann schimpf‘, so viel du willst!«

Der Sprecher deutete nach dem Hintergrunde des Stollens. Dort stand hoch aufgerichtet die breite Gestalt des Pascheroberhauptes. Die langen Haare wallten bis auf den Nacken herab; der dunkle Bart quoll unter der Larve hervor; im Gürtel blitzten die Waffen, und die ausgestreckte Rechte hielt sich zum Losdrücken bereit.

Den Feldwebel überlief ein kalter Schauer. Sein ganzes heißblütiges Naturell sträubte sich gegen den Zwang, und doch mußte er einsehen, daß hier die einzige Rettung nur in der Ergebung zu suchen sei.

»So beginnt das Possenspiel; aber macht’s so kurz wie möglich!« rief er aus.

»Habe keine Sorge! Wir sind nicht an allzu große Länge gewöhnt! Also, du hast geschworen, den Waldschwarzen zu fangen, um Leutnant zu werden und den Preis zu erhalten, der auf seinen Kopf gesetzt ist? Weil das aber ein ganz vergebliches Beginnen ist, so wollen wir Mitleid mit dir haben und dir behilflich sein. Die Tresse, nach der du dich sehnst, sollst gleich bald erhalten, und auch den Preis, aber nicht in Silber und Gold, sondern in Hanf und Eisen; sieh her! Hier ist der Strick, und dort der Nagel! Da wirst abgetan, und morgen in der Frühe hängst du im Walde, und in der Tasche steckt der Zettel mit der Schrift: ›Zur Strafe vom Waldschwarzen!‹ Grad wie beim Bachfranzl und beim Förster!«

»Das ist Mord, das ist Totschlag, den ich nicht verschuldet habe!«

»Sei still! Weshalb bist du nach Rothenwalde versetzt? Warum liegst im Wald den ganzen Tag, und wozu bist heute an den Stollen gekommen? Du hast den Bestellort belauscht und mußt sterben! Der Tod macht alles stumm; dann sind wir sicher!«

Der Sprecher wandte sich zu den Paschern:

»Wer von euch für den Tod stimmt, der mag aufstehen!«

Alle ohne Ausnahme erhoben sich.

»Siehst, Feldwebel, wie’s um dich steht? Bete ein Vaterunser oder ein Ave Maria, ganz wie du willst, denn in zwei Minuten hängst an der Wand!«

Die Männer hatten sich nicht wieder gesetzt; sie umringten ihn drohend. Er fühlte zum ersten Male in seinem Leben die Angst vor dem Tode über sich kommen.

»Gibt’s keine Rettung, keine Hilfe weiter?« fragte er bebend.

»Keine!«

»Ich werde schweigen, ich werde euch nicht verraten!«

»Das versprichst wohl, aber zu halten, das vermagst nicht!«

»Ich schwör’s euch zu! Fordert den schlimmsten Eid; ich werde ihn willig leisten!«

»Dein Eid nützt uns nichts! Nur das Grab ist still und plaudert nichts. Komm her!«

Der Sprecher legte ihm die Schlinge wieder um die Beine. Ein Widerstand war unmöglich. Der Feldwebel hatte dem Tode mehrmals kalt in das Auge geschaut; das war im Felde gewesen, wo man mit ruhmglänzender Stirn und bewaffneter Faust gegeneinander anstürmt. Hier aber war das anders. Hier sollte er ohne Kampf und Ehre vom hinterlistigen Meuchelmörder überfallen werden! Seine ganze Natur bäumte sich dagegen auf, und kein Mittel schien ihm zu kostbar oder auch zu verwerflich, um sich zu retten. Er versuchte noch einmal die Festigkeit der Fesseln; seine Muskeln schwollen unter ihnen beinahe um das Doppelte, aber jene rissen nicht.

Man schleppte den Buschwebel zur Mauer; er fühlte die verhängnisvolle Schlinge um den Hals, und sein Blick fiel auf den Waldschwarzen, der zwar jetzt den Arm zurückgezogen hatte, sonst aber noch in der vorigen Haltung im Hintergrunde stand.

»Hilf mir, – rette mich!« rief er. »Warum bist der Hauptmann, wenn du nicht begnadigen darfst?«

»Das darf ich schon, wenn ich will! Denn ich bin der Hauptmann und der König und der Herrgott in Berg und Tal. Ich trotze dem Himmel und der Hölle, und wer vom Menschenvolk meine Pläne kreuzen möchte, der muß sterben. Wer mich fangen will, für den gibt’s keine Gnade!«

»Ich will dich nicht fangen. Ich werde mich um dich nicht mehr bekümmern; ich will so tun, als ob du gar nicht vorhanden wärst!«

»Das gilt nichts! Wenn du los sein willst, so mußt einen besseren Preis bezahlen!«

»Welchen?«

»Dich selber!«

»Wie meinst du das?«

»Tritt ein in die Gesellschaft!«

»Als Pascher? Nimmermehr!«

»Nicht als Pascher, sondern zum Schutz. Du trittst in meinen Dienst und schaffst mir Kunde von meinen Feinden.«

»Also Spion!«

»Nimm’s, wie du willst!«

»Das tue ich nicht!«

»Gut, hängt ihn auf!«

»Gnade! Gebt mir Bedenkzeit!«

Der Schwarze schien nachzudenken.

»Sollst sie haben,« entschied er dann, »aber morgen um diese Zeit hängst entweder oder bist unser Kamerad. Fort mit ihm!«

Er wurde wieder in sein Gefängnis abgeführt. Man gab ihm die Hände und Füße frei, befestigte ihn aber mittelst einer Kette an die Mauer. Den Inhalt seiner Taschen hatte man ihm schon vorher genommen. Nachdem für Wasser und Brot gesorgt worden war, schloß sich die Tür hinter ihm. Er blieb zurück, und zwar mit ganz anderen Gefühlen als diejenigen waren, mit denen er seinen heutigen Gang angetreten hatte.

V.

Noch ehe es völlig dunkel war, hatte sich Frieder wieder hinauf zur ›Zeche‹ begeben. Er trug ein ziemlich umfangreiches Paket bei sich, welches mehrere vollständig neue und sehr lange Leinen enthielt. Sie waren schwach, um nicht viel Raum wegzunehmen, aber er hatte sie erprobt und wußte, daß sie ihn halten würden.

Nach reiflicher Ueberlegung war er zu der Ansicht gekommen, daß er, um das Geheimnis des Waldschwarzen vollständig aufzudecken, auf der Zeche sein Heil versuchen müsse. In die Brunnenstube des Feldhofes zu gelangen, war ihm unmöglich, und das Eindringen durch den Einsturztrichter konnte kaum zu einem weiteren Resultate führen.

Zwar begab er sich jedenfalls in eine Gefahr, die um so größer war, als er sie noch nicht kannte und sie von mehreren Seiten auf ihn lauerte. Aber der Himmel hatte ihm bisher geholfen, so daß er auch jetzt sein Vertrauen auf denselben festhielt.

Mit einer kleinen Handsäge, die er mitgenommen hatte, schnitt er sich einige harte Stämmchen im Busche und lehnte sie unter den Laden der Zechenscheune beim Feldhofe. Nachdem er diesen geöffnet hatte und eingestiegen war, brachte er sie in das Innere, legte sie quer übereinander und verband sie an ihrem Berührungspunkte mit einem festen Stricke. Dann zog er einen Haken mit einer Rolle hervor, den er daran befestigte, und befand sich nun im Besitze einer Vorrichtung, die ihm mittelst der Leinen die Einfahrt ermöglichen mußte. Das Seil, dessen sich heute der Feldbauer zur Bergung seines Paschgutes bedient hatte, reichte nur einmal hinab und war für Frieder also unbrauchbar; doch hatte sich dieser die ungefähre Länge desselben gemerkt, um sie als Maßstab für seine Leinen zu nehmen.

Diese waren an ihren Enden so verbunden, daß die Verbindungsstellen ohne Stocken über die Rolle des Kolben laufen konnten, die Anwendung einer Vorsicht, welche nicht verabsäumt werden durfte. Frieder verschloß den Laden wieder, entfernte die Bretter von dem Mundloch, legte die Stämme darüber und schob die Leine über die Rolle. Dann zog er eine kleine Blendlaterne hervor, zündete sie an und befestigte sie über der Brust.

»Glück auf!« murmelte er, sich selbst ermunternd, und trat in die Schlinge, welche er sich für den Fuß angebracht hatte. Nicht bloß die Finsternis, nein, auch der Tod war es, der unter ihm lauerte! Die gähnende Tiefe grinste ihm entgegen, wie der Schlund eines ungeheuren Geschützes, welches in jedem Moment ihm ein sicheres Verderben entgegenspeien konnte. Der kleinste Zufall konnte Unheil bringen, doch der mutige Jüngling schüttelte alle ängstlichen Gedanken von sich ab, griff ruhig Fuß um Fuß der Leine ab und fühlte, als er deren Ende noch nicht erreicht hatte, den festen Boden unter sich.

Er sah sich um. Nicht weit von ihm führte ein zweites Mundloch abermals zur Tiefe; es war unbedeckt; und zu seiner Rechten ging der Stollen in horizontaler Richtung in die Erde hinein. Er folgte ihm. Die Schienen, auf denen man die ›Hunde‹ bewegt hatte, waren noch ziemlich wohl erhalten, ja, es hatte den Anschein, als seien sie auch jetzt noch benützt. Diese Beobachtung bestätigte sich, als er bei der Stelle anlangte, welche seiner Mutmaßung nach unter dem Feldhof liegen mußte; ein ›Hund‹ stand hier, noch mit einigen Fässern und Bündeln beladen, und unfern davon lag ein leerer Wassereimer am Boden, an ein Seil befestigt, welches in die Höhe ging.

Er leuchtete empor. Die Decke zeigte ein zirkelrundes Loch, dessen Höhe der Schein der Laterne nicht zu erreichen vermochte. Das war zweifellos der Brunnen, den der Feldbauer ganz allein von seinem Hofe aus gegraben hatte!

Frieder ging weiter. Er hatte eine geraume Strecke zurückzulegen, ehe er die Quermauer erreichen konnte, jenseits welcher er seine Nachforschung gehalten hatte, das wußte er. Darum beschleunigte er seine Schritte soviel wie möglich und gelangte endlich an eine Stelle, wo der Stollen zu einem Raume erweitert worden war, der, wie gleich der erste Blick belehrte, zur Warenniederlage benutzt wurde.

Hier lag alle mögliche Art von Schmuggelgut vom Boden bis zur Decke aufgespeichert; auch Waffen hingen an den Wänden, wohl für den Fall der Aushülfe, und an der einen Seite war ein Schränkchen angebracht, dessen Tür leicht zu öffnen war.

Frieder leuchtete hinein. Neben Geld und allerlei Wertsachen lagen einige Bücher; sie enthielten eine zwar von unkundiger Hand geführte, aber sehr genaue Buchführung über das geheimnisvolle Speditionsgeschäft des Waldschwarzen. Die Pascher und die Hehler waren mit Namen oder sonstwie kenntlich gemacht; die Bücher mußten ihnen verderblich werden, wenn sie in die Hand der Behörde gelangten – und der Feldbauer war doch nicht ganz so schlau, wie er es selbst von sich dachte!

Der Stollen führte weiter, doch nur wenige Ellen, dann stand Frieder an der Mauer, welche sein heutiges Ziel bildete. Er war auf eine schwierige und vielleicht gar resultatlose Untersuchung derselben vorbereitet gewesen, sah sich aber, allerdings nur zu seiner Freude, getäuscht, denn sobald der Schein der Laterne auf sie fiel, gewahrte er die Konstruktion, von welcher er an der anderen Seite keine Spur gefunden hatte.

Es war eine Drehwand, zwischen vier Rahmenbalken aufgeführt, welche so bearbeitet und angestrichen waren, daß sie an der Mündungsseite des Ganges ganz genau an die Wände desselben anschlossen und auch in Beziehung ihrer Farbe nicht von ihrer Umgebung abstachen. Ein hölzerner Riegel je hüben und drüben bewerkstelligte den Verschluß. Frieder schob den einen zurück und konnte nun mit einem verhältnismäßig leichten Druck die Mauer bewegen.

Der Waldschwarze hatte dies alles jedenfalls eigenhändig hergestellt. Welche Anstrengung und Ausdauer hatte es ihn aber gekostet, dem alten Stollen seine jetzige Einrichtung zu geben!

Jetzt hatte Frieder durch den Trichter das Freie am leichtesten und sichersten erreichen können, aber er mußte denselben Weg zurückmachen, um seine Anwesenheit nicht zu verraten. Die Scheidemauer war nur von dieser Seite zu öffnen und zu verschließen, und die im Schachte niederhängende Leine konnte nur allzu leicht zum Verräter werden.

Er kehrte also um und beeilte sich so viel wie möglich, die Ausfahrt zu erreichen. Er wußte nicht, zu welcher Stunde die Schmuggler heute bestellt waren, und er mußte daher einer Begegnung mit dem Waldschwarzen gewärtig sein.

Nur einem Manne von seiner riesenhaften Stärke war es möglich, sich in dem Schachte emporzuziehen, und als er später nach sorgfältiger Entfernung aller Spuren die Scheune verließ, atmete er auf wie nach einer Anstrengung, der nur wenig Menschen gewachsen waren, und die auch die kleinste seiner Fasern in Anspruch genommen hatte.

Bei den Eltern fand er Martha, die ihm beinahe verlegen die Hand reichte. Es war ja das erste Mal, daß sie mit ihm in Gegenwart der Seinen zusammentraf.

»Wo bist du schon wieder gewesen, Frieder?« forschte der Vater. »Ich hab‘ mich gefreut, daß du aus der Fremde gekommen bist, und geglaubt, dich immer bei mir zu haben; jetzt aber ist’s ganz anders. Du bist fast gar nie daheim, sondern gehst deine Wege, und wir bleiben zurück und mögen sehen, wie wir mit unserer Sorge fortkommen!«

»Laß gut sein, Vater! Das Herumstreichen hat bald ein Ende. Meine Aufgabe ist bald gelöst, und ihr sollt mich dann wieder ganz bei euch haben.«

»Ist’s wahr? Deine Aufgabe ist erfüllt, und du gehst nicht wieder in den Wald?«

»Ja! Nur ein einzig Mal noch muß ich hinaus, um die Schlinge zusammenzuziehen, die ich bisher gelegt habe. Dann ist’s genug.«

»Hast ihn schon drin, Frieder? Kann er auch nicht wieder heraus?«

»Nein, er steckt fest, so fest, daß ein Entrinnen unmöglich ist. Und für mich ist nicht die geringste Gefahr mehr vorhanden.«

»Darf ich’s auch glauben? Wir sind vor Sorge und Angst beinahe vergangen, seit wir wissen, daß du des Nachts hinausgehst, um den Waldschwarzen zu fangen.«

Martha hatte bisher dem Gespräch zugehört, ohne zu wissen, auf wen es sich bezog. Bei dem letztgenannten Namen aber fuhr sie erschrocken auf.

»Den Waldschwarzen willst du fangen?« fragte sie erblassend.

»Ja.«

»O, tue das nicht, Frieder! Er ist fürchterlich und wird sich grausam rächen.«

»Recht hast mit dem fürchterlich, Martha, doch seine Rache fürchte ich nicht. Der Stachel dazu ist ihm genommen.«

»Wenn auch! Weißt, was in der Bibel steht? Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr! Ueberlaß ihn dem lieben Gott, den kann er nicht betören und überwinden.«

Da trat der alte Bachbauer zu ihr und tastete seine Hand auf ihre Schulter.

»Martha, du sprichst, wie ein Weib reden muß, dem ein weich und zart Gemüt gegeben ist, in das der Haß und die Feindschaft noch nimmer hinabgestiegen sind. Aber blick‘ um dich her auf das Elend, das der Waldschwarze, der dem Gesetz und dem Kaiser und dem Herrgott trotzt, angerichtet hat; gehe hinaus auf den Kirchhof, wo der Franz in der kalten Erde gebettet liegt; schau her auf mein Angesicht, und du wirst anders denken. Wegen meiner hat sich nie ein Wurm gekrümmt; mein Herz ist mild und sanft; aber es hat eine Stelle, die ist wie Erz und Stein; die hat der Waldschwarze angegriffen, und nun bleibt sie hart und starr, bis ich mit ihm quitt geworden bin. Der Frieder ist der einzige, den ich habe, und seit ich weiß, daß er den Feind beschleicht, habe ich den Seelenkampf, denn jeder Augenblick kann mir die Kunde bringen von seinem Untergange. Aber nun er soweit vorgeschritten ist, darf er nimmer zurück; ich verbiet‘ es ihm, und er will’s auch selber nicht. Wir haben ein Recht auf den Waldschwarzen, und das soll uns niemand nehmen!«

»Gebt’s dennoch auf, Bachbauer; gib’s auf, Frieder! Denn solch ein Recht kommt nicht von Gott!« bat sie mit unverkennbarer Angst in Stimme und Miene.

»Und dennoch kommt’s von ihm! Du hast vorhin den Spruch gesagt, Martha, aber seine Bedeutung kennst gar nimmer. Die Rache kommt von Gott; er wird vergelten; aber er steigt nicht vom Himmel herab, um mit der Faust dreinzuschlagen, sondern er gebietet es uns, die Strafe zu vollstrecken. Ich habe seine Stimme gehört seit langer Zeit, aber ihr nicht Gehorsam leisten können. Soll ich ihr jetzt widerstreben, wo ich die Macht habe, Vergeltung auszuüben? Nein! Frieder, wirf mir den Waldschwarzen in diese beiden Hände, und ich will dich segnen all mein Leben lang; keine Macht, kein Reichtum und keine Bitte soll ihn befreien, und wie er kein Erbarmen gehabt hat mit uns, so soll auch ihm sein Recht werden, voll und unverkürzt, wie er’s verdient!«

»Ist er wirklich in deine Hand gegeben, Frieder?« fragte das Mädchen.

»Ja, er kann mir nicht den geringsten Widerstand leisten, wenn ich ihn fassen will.«

»Und kennst du auch seinen Namen?«

»Auch den!«

»Wer ist’s, Frieder? O, sag’s, ich bitte gar sehr!«

»Das kann ich heute noch nicht, doch bald sollst du es erfahren.«

»Aber gesehen hast ihn! Wie sieht er aus?«

»Stark und breit, im Gürtel Messer und Pistol, das Gesicht voller Bart und die Larve obendrauf; er ist gar furchtbar anzuschauen.«

»Was hat er für Haar?«

»Es ist dunkel und geht bis auf die Achsel hernieder.«

Sie stieß einen Schrei aus, schlug die Hände vor das Gesicht und sank auf einen Sessel nieder. Die Bäuerin eilte erschrocken herbei, und auch Frieder erfaßte bestürzt ihre Hände, um sie von dem Gesicht zu entfernen.

»Um Gottes willen, was gibt’s, was hast, Martha?« fragte er.

Sie ließ die Arme sinken und legte den Kopf schwer auf die Lehne des Stuhles. Ihr Atem ging schwer, ihre Lippen zuckten, und aus den halbgeschlossenen Wimpern rollten zwei große, schwere Tropfen über die todesbleichen Wangen herab.

»Frieder!« klang es müde zwischen den Lippen hindurch.

»Martha, sei stark; mache dein Herz frei, und sage, was dir fehlt. Du wirst gern Trost und Hilfe von uns erhalten!«

»Ich habe keinen Vater mehr!«

»Wie meinst das? Was weißt du von ihm?«

»Alles, alles weiß ich! O meine liebe, gute Mutter, das wirst nimmer überwinden; das kannst nicht verschmerzen, daran wirst untergehen und sterben, du und auch ich!«

Der Gedanke an die Mutter gab dem erstarrenden Pulse neues Leben; sie brach in ein herzerschütterndes Schluchzen aus. Die Bäuerin ließ sich an ihrer Seite nieder und zog das konvulsivisch bebende Mädchen liebevoll an sich.

»Weine nicht, Martha, sondern erzähle uns dein Leid. Du sollst nie und nimmer von uns verlassen sein.«

»O nein, ich kann’s nicht erzählen! Ihr würdet mich hassen und mich von Euch jagen, und das, ja, das wäre mir noch schlimmer als das andere!«

»Dich hassen und dich fortjagen, Martha? Was denkst von uns! Frage den Mann und frage den Frieder, ob die an so was denken!«

»Hier, nimm die Hand,« meinte mit gütiger Stimme der Bauer; »ich reiche sie dir hin als Stütze und Hilfe in jeder Not. Nur mußt reden, damit ich weiß, wie ich dir beispringen kann.«

»Und hier, auch meine Hand», Martha,« fügte Frieder hinzu. »Ich habe sie noch nie dem Unwürdigen gereicht, und du kannst dich in aller Not auf sie verlassen. Drum sage, warum hast keinen Vater mehr?«

»Du weißt’s ja auch!«

»Ich weiß nicht, ob du das Richtige meinst.«

»Es ist das Richtige, Frieder, und – ja, ich will’s sagen; es muß doch einmal heraus, und je eher, desto besser ist’s! Wißt Ihr, Bachbauer, wer der Waldschwarze ist?«

»Nein, der Frieder hat mir’s bisher nicht sagen wollen.«

»Er hat’s verschwiegen bloß um meinetwillen. Mein Vater ist’s! …«

»Dein – Vater ist’s? Der Feldbauer?«

Der Blinde ließ ihre Hand, die er in der seinen hielt, fallen und trat einige Schritte zurück. Ueber sein entstelltes Angesicht zuckte es wie eine plötzliche Erkenntnis; seine blinden Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen; seine Zähne bissen sich fest aufeinander; sein Fuß erhob sich, und seine Ellenbogen warfen sich empor, als wolle er sich auf den stürzen, von dessen Geheimnis so plötzlich der Schleier gerissen war.

»Ja, mein Vater, der Feldbauer! Nicht wahr, nun bin ich Euch verhaßt und verachtet und muß gehen?«

»Der – der – der also!« knirschte es zwischen den Lippen des Gefragten hervor. »Ich habe mir’s ja oft gedacht und konnte mir den Waldschwarzen gar nicht anders denken als in seiner Gestalt. Also er hat mir den Sohn gemordet! Er hat mir das Auge geraubt; er ist der Satan gewesen für das ganze Gebirge und hat Verderben gebracht über so viele ehrliche Leute, die sich nicht von ihm verlocken ließen! Frieder, ists wahr? Ist’s kein anderer?«

»Er ist’s, Vater!«

»So sei er verflucht, tausendmal, millionenmal! Die Erde kann ihn nicht länger tragen, und der Himmel mag ihn nimmer haben; hinunter in die Hölle mit ihm! Frieder, komm, reich‘ mir die Hand! Ich muß hinaus zum Feldhof, hinaus zu ihm; ich muß ihn zermalmen, zerdrücken; fort, fort, ich halt’s hier nimmer aus!«

Er streckte die Hand aus nach dem Sohne; sie wurde von einer anderen kleinen Hand erfaßt.

»Bachbauer!«

Die Arme Marthas umklammerten ihn, als könne sie dadurch das drohende Unheil von ihrem Heim abwenden.

»Was soll’s? Willst ihn vielleicht erretten? Habe ich nicht vorhin gesagt, daß keine Macht, kein Reichtum und keine Bitte ihm helfen soll? Er ist mein erster und letzter Gedanke bei Tag und Nacht; er hat mir mehr geraubt, als ihr wißt und versteht; mein Gemüt, meine Ruhe, meinen Frieden, mein Glück, meinen Hof, meine Welt mit allem, was darinnen ist, und auch euch selber. Es ist finster um mich und in mir; ich kann nichts sehen mit dem Auge des Leibes und kann nichts sehen mit dem Auge des Geistes. Was ich gekannt, ich hab’s vergessen und verloren, und kein einzig Bild ist mir von euch geblieben. Sagt, gibt’s größeren Raub auf der Erde? Gibt’s eine Strafe, die groß genug ist dafür?«

Da trat die Bäuerin zu ihm und nahm ihn bei der Hand. Sie kannte die Macht, die ihre Stimme über ihn hatte. Sie sprach:

»Komm, Vater, setze dich nieder! Der erste Gedanke ist nicht immer der beste. Und der Herrgott ist der Richter. Laß den Frieder erzählen und die Martha; dann wollen wir sehen, was du tust!«

»Ja, erzähle Frieder; heraus damit; ich brenne vor Begierde, zu wissen, wie du hinter seine Schliche gekommen bist!«

»Das werde ich tun, doch muß ich erst erfahren, wie Martha ihn erkannt hat. Magst es sagen, Martha?«

»Es muß ja sein! Der Vater sagte heute, daß er gleich nach dem Nachttisch schlafen gehen wollte, und ich nahm mir daher vor, euch zu besuchen. Ich wollte durch den Garten, weil da mein Gang vom Gesinde nicht bemerkt werden kann. Ich ging daher leise über den Hof und an der Brunnenstube vorüber. Es war Licht darin. Ich blickte hinein, und wen sah ich? Den Vater! Er glaubte uns drin noch alle beim Essen und hielt sich darum sicher vor Verrat. Er hatte die hohen Stiefel an und einen Gürtel um den Leib, in dem es von Waffen blitzte. Grad als ich an das Fenster trat, nahm er eine lange Perücke auf den Kopf und hing einen Bart um das Kinn. Dann band er die Larve vor das Gesicht und stieg in den Brunnen. Das ist’s, was ich bemerkt habe; es war genug für mich! Ich habe dabei gestanden, als hätte mich der Blitz geschlagen; die Füße sind mir gewesen wie Blei, das Herz wie Stein und der Kopf wie Eisen; und als ich dann gegangen bin, so habe ich gewankt wie ein Trunkener, dem die Glieder nicht gehorchen mögen.«

»Du armes Kind!« meinte mitleidsvoll die brave Bäuerin. »Darum warst so bleich und müde, als du herbeikamst.«

»Der Mensch ist nicht den kleinen Finger seines Kindes wert!« stimmte der Blinde bei, dessen Blut schon in weniger hohen Wogen ging. »So hat er sein Versteck im Brunnen?«

»Im Stollen, in den der Brunnen geht, Vater,« berichtete Frieder. »Weißt, der Stollen beginnt unten an der Zeche, führt unter dem Feldhof vorbei und mündet in den Wald, wo die Niederlage ist.

»Die Pascher,« fuhr Frieder fort, »sind gegen zwanzig Mann; sie steigen da, wo der Gang nicht weit von der Mündung eingestürzt ist, hinab, empfangen die Waren und tragen sie über die Grenze. Sie kennen bloß den unteren Teil des Stollens, und dort sind auch die Stufen, die du hinabgestiegen bist.«

»Warst denn darin?«

»Ja; da die Martha den Waldschwarzen kennt, kann ich nun alles erzählen!«

Er begann seinen Bericht, den er in größter Ausführlichkeit erstattete. Mehr als einmal ergriff die Mutter oder auch Martha seine Hand, wenn seine Erzählung eine Gefahr berührte, in welcher er sich befunden hatte. Das Mädchen vergaß den Vater und ihr eigenes Unglück und dachte nur an das fürchterliche Wagnis, welches den unerschrockenen Jüngling mehr als Freiheit und Leben hätte kosten können. Die Bäuerin hatte ganz die gleichen Empfindungen, und der Bauer saß da, scheinbar kalt und ruhig, während er doch jedes Wort des Erzählers verschlang und ein über das andere Mal tief aufatmete vor Erwartung des Kommenden, oder vor Stolz, einen Sohn zu besitzen, welcher der alten Tradition des Bachhofes solche Ehre machte.

Als dieser geendet hatte, herrschte eine ganze Weile tiefes Schweigen in der Stube. Der Vater war der erste, welcher es brach:

»Hast recht gehabt, Frieder! Die Schlinge ist gelegt; er kann uns nicht entgehen. Noch einmal mußt hinaus, und ich gehe mit; es ist keine Gefahr dabei, bei dem Fang muß ich zugegen sein. Kann ich auch nichts sehen, so kann ich’s doch hören, wie er sich krümmt und windet, und dann will ich vor ihn hintreten und ihm den letzten Stoß versetzen, der ihn gefangen gibt. Gleich morgen früh machst die Anzeige beim Feldwebel; der mag’s dem Offizier berichten, und dann kann der Tanz beginnen.«

»Gnade!« flehte Martha. »Habt Erbarmen mit mir und der Mutter! Wenn ihr ihn fangt, wird sie die Schande nicht überleben! Ich will euch dankbar sein, so lange ich lebe; ich will zu euch ziehen und eure Magd werden, die geringste in eurem Dienst, will euch alles am Auge absehen und euch auf den Händen tragen, so gut ich kann und vermag!«

»Gnade? Hat er Gnade mit mir gehabt oder Erbarmen? Die Gnade gegen ihn wäre ein Verbrechen, das uns an seiner Schuld teilnehmen ließ. Was geht dich und die Mutter der Waldschwarze an! Dem Feldbauer will ich um deinetwillen und ihretwegen all den Haß vergeben, den er auf mich geworfen hat; aber der Waldschwarze ist euch fremd; er hat sich in euer Haus hineingezwungen, und seine Sünde steigt hoch zum Himmel empor; sie schreit um Vergeltung wie das Blut Abels und kann nimmer gesühnt und vergeben werden. Das ganze Dorf weiß, wie ihr mit dem Feldbauer steht. Von seinem Tun wird nicht der geringste Vorwurf auf euch kommen, und alle Tore und Türen sind euch geöffnet, wo ihr anklopft. Wollt ihr noch länger hinsiechen und hinkriechen unter dem Unglück, das er euch bereitet? Werft es ab; das ist eure Pflicht und Schuldigkeit, und ihr werdet mir’s noch Dank wissen, daß ich ihn zertreten habe!«

Der Bachbauer erhob sich und ging in die Nebenstube. Der Goliath kannte sich und sein Herz, und er wußte ganz genau, daß er längeren Bitten unmöglich widerstehen konnte.

Martha weinte. Sie hatte viel gelitten, heute aber war der bitterste Tag ihres Lebens.

»Sei still,« tröstete die Mutter; »bis morgen ist noch lange Zeit, und ich kenne den Mann, der gar bärbeißig tut und vor der Bitte den Reißaus nimmt, weil er sie nicht versagen kann. Der Frieder wird schon helfen.«

»Soll ich, Martha?«

»O, tue es, Frieder, tu’s! Auf dich muß ich die einzige Hoffnung setzen, die mir noch möglich ist. Wirst sie erhören?«

»Dir tue ich alles zu lieb, was ich vermag. Ich werde mit dem Vater sprechen, und vielleicht läßt sich ein Ausweg finden, der das Land vom Waldschwarzen befreit, auch ohne daß der Feldbauer dabei zur Sprache kommen muß.«

»Mach’s möglich, Frieder, und ich will dir’s danken, so lange ich lebe und Atem habe!«

Sie schickte sich an, den Heimweg anzutreten.

»Darf ich mitgehen, Martha?« fragte er.

»Ja; ich bitte drum.«

Als sie die Stube verlassen hatten, trat der Bauer wieder herein.

»Warum gingst fort, Vater?« fragte die Bäuerin.

»Weil mir’s die Martha angetan hat und ich ihr nichts abschlagen kann. Sie hat so einen Schick und so eine Stimme, daß man tun muß, was sie bittet. Ich glaube gar, sie könnte mich herumbringen, den Waldschwarzen laufen zu lassen!«

»Und das magst wohl nicht?«

»Auf keinen Fall!«

»Dann strafst nicht ihn allein, sondern auch die Seinen, und zwar viel schlimmer noch als ihn. Er geht ins Zuchthaus: da tut ihm niemand was zu leid; sie aber müssen jede Stunde von der Schande hören, die auf ihnen lastet.«

»Das wollen wir abwarten, Frau! Ich nehme sie in den Schutz, und wer sie nur mit dem kleinsten Laut, mit dem stillsten Blick beleidigt, der hat’s mit mir zu tun. Sie beide sind Goldes wert, und ich bin neugierig, ob der Frieder nicht das Auge auftut. Ein Mädel wie die Martha gibt’s nimmer wieder!«

Die beiden, von denen hier die Rede war, gingen schweigend dem Feldhofe zu. An der Stelle, wo sie schon einmal gestanden hatten, hielt Martha die Schritte an.

»Gute Nacht, Frieder!« sagte sie.

»Warum so schnell, Martha?«

»Hast nicht gehört, was dein Vater sagte? ›Er sei verflucht, tausendmal, millionenmal!‹ Das ruht nun auch auf mir. Das Mörderkind darf nicht bei rechtschaffenen Leuten stehen. Geh fort von mir, Frieder, und auch ich will gehen, so weit meine Füße mich tragen!«

»Zürne dem Vater nicht! Er ist gar arg verletzt; aber sein Zorn dauert nicht ewig, und der Fluch kam nur aus zornigem Herzen. Die Mutter versteht’s gar gut, ihn langsam weich zu stimmen, und ich wette, sie ist schon dabei. Ein Mörderkind bist nicht; das darfst nicht glauben! Der Feldbauer ist dir fremder als der fremdeste Mensch, und du hast nicht den geringsten Teil an ihm!«

»Er ist der Mann meiner Mutter; das mußt bedenken, Frieder. Und wenn das Gericht kommt und ihn fortnimmt, so stirbt sie, und ich sterbe mit ihr.«

Ihre Worte klangen nach jenem stillen, einwärts gekehrten Weinen, welches tieferen Eindruck macht, als laut hinausgeschluchzter Schmerz.

»Das wäre mir das Fürchterlichste, das mir begegnen könnte! Dein Leben ist mir werter als das meinige, und für dein Glück wollte ich gern das Schwerste erleiden!«

Er hatte ihre Hände gefaßt, und sie hörte an dem leisen Beben seiner Stimme, daß seine Worte keine Unwahrheit enthielten.

»Sprich nimmer so. Ich darf dir doch nicht wert sein, Frieder!«

»Wer kann’s verbieten, wenn du’s sein willst? Kein König und kein Kaiser!«

»Du selber!«

»Ich? Wäre jeder Stein im Gebirge eine Tat, die auf dem Gewissen des Waldschwarzen liegt, und jeder Baum im Wald das Zeichen eines Verbrechens, das er begangen hat, so käme mir dennoch kein solch Verbot in den Sinn. Und wenn alle Welt auf dich zeigte, und niemand etwas von dir wissen möchte um seinetwillen, ich würde dich ehren, mehr als mich selber, und dich verteidigen gegen jede Silbe, die wider dich erklingt.«

»Ist’s möglich, Frieder?« hauchte sie.

»Willst’s glauben?«

»O, wenn ich dürfte!«

»Du darfst!«

Er legte ihr die Hände auf das volle, weiche Haar und zog ihr Köpfchen herzinnig an die Brust.

»Martha, ich habe dich lieb, so lieb, wie ich dir’s nimmermehr sagen kann. Als ich dich sah, habe ich von Anbeginn gewußt, daß meine Seele zu dir gehört allezeit und immerdar. Du bist das Köstlichste, was ich kenne, das Herrlichste, was ich mir erwünschte, und all mein Leben lang möchte ich nichts tun, als nur dir zeigen, wie heilig und wie teuer du mir bist. Bitte, sage es, willst mein eigen sein, Martha?«

Die Worte erklangen in jenem unwiderstehlichen Tone, dessen die menschliche Stimme nur einmal im Leben fähig ist. Martha hatte keine Worte der Erwiderung, aber sie konnte nicht anders, sie mußte ihre Arme um seinen Hals legen und ihren Kopf fest, fest an die starke Brust lehnen, in der so reiche Liebe wohnte. Er bog sich herab und blickte ihr in das große, klare Auge.

»Nicht so still, Martha! Sage mir ein Wort, ein einziges Wort! Bist mir gut?«

»Ja!«

Er vernahm das Wörtchen kaum, aber es erfüllte ihn mit unendlicher Seligkeit.

»So sollst hier an meinem Herzen sein, so lange es klopft und schlägt, und den Strahl empfinden, der das Leid in Freude und Seligkeit verkehrt!«

Sie standen noch lange still und wortlos beieinander, Hand in Hand und Blick in Blick getaucht, und als sie endlich schieden, schien es, als ob sie sich kaum voneinander zu trennen vermöchten.

»Schlafe wohl, Martha, und glaube, es wird alles noch gut.«

»Schlafe wohl, Frieder; ich vertraue auf dich und Gott, der helfen wird.«

Der Jüngling fand seine Eltern noch wach. Sie wußten, daß sie nur spät die Ruhe finden würden, und hatten auf ihn gewartet.

»Bist gar lange weggeblieben, Frieder,« meinte die Mutter. »Die Martha wollte dich wohl gleich ganz behalten?«

»Ja, Mutter, sie mich und ich sie. Wir geben einander nimmer wieder her.«

»Was sagst, Bub‘?« fragte der Vater. »Ist’s wahr?«

»Ja. Die Martha wird meine Frau trotz Feldbauer und Waldschwarzen. Ist euch’s recht?«

»Von ganzem Herzen!« riefen beide, indem sie seine Hände ergriffen, und der Bauer fügte hinzu: »Eine größere Freude konntest uns gar nie bereiten! Und der Feldbauer? – – Ja, was wird denn nun mit dem? Darf ich den eigenen Schwäher ins Gefängnis liefern?«

»Vater, was er an uns getan, das kann vergeben werden; aber wir sind nicht die einzigen, und wenn er frei geht, droht noch viel Gefahr. Mich dünkt’s fast ein Verbrechen, wenn wir ihn laufen lassen, und doch kann ich der Martha kein solch Herzeleid antun und ihrer Mutter auch nicht. Ich gehe hinaus zu ihm und rede ihm ins Gewissen. Will er sich bekehren, so ist’s gut; will er aber nicht, so ist’s die Schuldigkeit, die Landplage auszurotten.«

»Das klingt mir aus der Seele, Frieder! Ich will ertragen, was nicht mehr zu ändern ist und ihm seine Schuld nicht mehr anrechnen, und wenn er besser wird, so kann dich niemand zwingen, den Schwiegervater anzuzeigen. Geht er aber nicht in sich, so bist’s Gott schuldig und der ganzen Welt, ihn unschädlich zu machen. Aber nicht du sollst zu ihm, sondern ich selber gehe. Gebe ich die Rache auf, nach der ich mich gesehnt, so lange als ich im Finstern wandle, so will ich’s wenigstens sein, der ihm das Entweder – Oder nach dem Feldhof bringt.«

»Du, Vater? Das geht ja nicht!« meinte Frieder, und auch die Bäuerin erhob lauten Widerspruch; er aber schnitt ihre Einrede dadurch ab, daß er sich erhob.

»Gut, gut, ich weiß alles, was ihr sagen wollt, aber ich weiche nicht ab von meiner Forderung. Ich bin noch immer der Goliath, wißt ihr’s, und habe keinen Grund, mich vor dem Waldschwarzen zu fürchten, wenn er vor mir steht. Ich gehe hinaus; dabei bleibt’s, und nun gute Nacht!«

VI.

Am anderen Morgen lief eine Nachricht durch das Dorf, welche selbst die Unbeteiligten in nicht geringe Aufregung versetzte. Der Buschwebel wurde vermißt. Der Leutnant war schon am frühen Morgen in dienstlicher Angelegenheit in Finsternberg gewesen und nach dem Feldhofe gegangen, um seinen Untergebenen aufzusuchen. Dort hatte er in Erfahrung gebracht, daß dieser gestern abend in den Wald gegangen und bis jetzt noch nicht zurückgekehrt sei. Eine Befragung der Soldaten hatte ergeben, daß er während der Nacht keinen der ausgestellten Posten inspiziert habe, und es ließ sich also vermuten, daß ihm schon am frühen Abend ein Unglück zugestoßen sei. Aus diesem Grunde wurden alle verfügbaren Personen in den Wald beordert, um denselben nach dem Vermißten abzusuchen, und gegen Mittag schon brachte einer von ihnen die Dienstmütze des Feldwebels.

Sie hatte an der verschütteten Mündung des Stollens gelegen und trug die deutlichen Spuren eines kraftvollen Hiebes, der auf den Kopf ihres Trägers geführt worden war. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr; der Feldwebel war in die Hände des Waldschwarzen geraten und entweder bereits tot, oder er wurde an einem verborgenen Orte in Gefangenschaft gehalten.

Der Offizier zog darum auch die in der Umgegend stehende Mannschaft herbei, um nichts unversucht zu lassen, der Person oder der Leiche des Verlorenen wieder habhaft zu werden; das sämtliche Forst- und Grenzpersonal wurde in Alarm versetzt, und selbst eine Menge Zivilisten requiriert, um ja nicht aus Mangel an Kräften eine Spur unentdeckt zu lassen.

Die Nachbarn standen vor dem Dorfe auf der Gemeindewiese und teilten sich ihre Vermutungen mit, als ein neues Ereignis ihre Aufmerksamkeit erregte. Die Pforte des Bachhofes öffnete sich, und der Bauer trat heraus. Er trug die Sonntagsjacke und wurde von dem Jungknechte geführt, welcher den Weg nach dem Felde einschlug.

»Der Bachbauer geht nach dem Feldhof? Der jüngste Tag ist vor der Tür; schlagt drei Kreuze und werft die Hände über dem Kopf zusammen!« meinte einer.

»Wart’s erst ab, ob er auch wirklich hinein geht; er kann ja auch vorüber wollen!« antwortete ein anderer.

»Siehst denn nicht, daß er grad nach dem Tor einbiegt? Jetzt tritt er ein. Was mag er beim Feldbauern wollen?«

»Das wirst schon noch erfahren, denn wenn die beiden zusammenkommen, da schallt’s im ganzen Dorfe zurück!«

»Ist wer im Hof?« fragte Frieders Vater, als er das Tor hinter sich hatte, seinen Führer.

»Ja, ein paar Knechte und Mägde, die uns ganz verwundert anschaun. Und dort kommt grad auch die Tochter unter die Tür.«

»Gib ihr den Wink, und führ‘ mich hin.«

Martha erbleichte vor Schreck, als sie ihn erblickte, doch wartete sie, bis er vor ihr stand.

»Grüß Gott, Martha! Ist der Vater daheim?« fragte er.

»Ja, er hält den Mittagsschlaf,« antwortete sie.

»So wecke ihn, und führe mich einstweilen in die Stube! Bleib‘ hier im Hof,« wandte er sich dann an den Knecht, »bis ich deiner wieder bedarf!«

Sie nahm ihn bei der Hand und leitete ihn in die Stube, wo sich auch die Bäuerin befand, die ebenso erschrak, wie vorher die Tochter.

»Ihr wollt zum Bauer?« fragte sie erstaunt nach gewechseltem Gruße.

»Ja, zu ihm. Ein gar seltener Besuch, nicht wahr?«

»So selten, daß ich beinahe Angst bekomme.«

»Vor mir oder vor ihm?«

»Vor Euch nicht, Bachbauer. Wer brav und recht handelt, braucht sich nicht vor Euch zu fürchten.«

»Das will ich meinen! Und grad darum werft Eure Angst hinaus, denn niemand hat so wenig Grund dazu wie Ihr. Ich komme in einer Sache, die gar gut und löblich ist, und wenn’s so geht, wie ich denke, so bringe ich Frieden und Freundlichkeit.«

Martha war unterdessen gegangen, um den Vater zu wecken. Sie kehrte zurück, um sein Erscheinen anzukündigen, und hatte noch nicht ausgesprochen, so stand er bereits hinter ihr.

»Oho, wer ist denn das? Der Goliath, der nicht lernen will, rechtschaffenen Leuten aus dem Weg zu gehen? Jetzt kommt er gar noch auf den Feldhof und verpestet mir die frische Luft. Mach‘ dich von hinnen, sonst gebrauche ich mein Hausrecht und setze dich hinaus!« rief er höhnend aus.

»Das wirst nicht tun. Ich bin heute eine heilige Person, die selbst der ärgste Feind nicht anzutasten wagt,« antwortete der andere.

»So! Bist etwa als heilige Blindekuh in den Kalender gesetzt worden?«

»Den Spott vergeb‘ ich dir. Du denkst, du hast ihn billig, aber glaube mir, er ist eine teure Ware! Ich komme mit dir zu reden, mit dir ganz allein. Hast keine Stube für dich?«

»Für mich? Der ganze Hof ist mein, also brauchst für die Stube nicht bang zu sein. Doch darfst nicht denken, daß ich mir von dir die Vorschrift geben lass‘. Deine Heiligkeit ist nicht weit her, das weiß ich ganz genau, und was du mir zu sagen hast, kann jeder andere hören.«

»Es ist nur für dich allein, und dein eigenes Interesse will, daß es niemand höre.«

»Mach‘ keine Fabelei! Entweder sprichst oder gehst, das ist mein Bescheid. Ich wüßte nicht, was du dem Feldbauer für Heimlichkeiten zu sagen hättest. – Bleibt da!« gebot er den Frauen, welche Miene machten, sich zurückzuziehen. »Nun heraus damit, und so kurz wie möglich! Was bist für eine heilige Personage geworden?«

»Ich bin als Freiersmann auf den Feldhof gekommen.«

»Als Freiersmann? Ein blinder Brautwerber? Das müßte einen schönen Ehestand geben! Willst etwa die Düngermagd für deinen Studenten haben? Nimm sie hin, und schau, daß ich dich nun los werde.«

»Halb hast recht geraten; der Frieder ist’s, der mich schickt, doch nicht um die Magd, obgleich das keine Schande sein würde, wenn sie brav ist und ihre Sache versteht.«

»So wüßte ich weiter nicht, wen du begehrst. Ich brenne vor Neugierde; sag‘ rasch, wem solch ein Glück beschert werden soll.«

Er setzte sich mit einer Miene auf den Stuhl, als erwarte er eine vergnügte Unterhaltung. Martha war bleich geworden, und die Bäuerin zitterte beinahe vor Sorge um das Kommende. Der Bachbauer war der einzige, der seinen Gleichmut bewahrte.

»Feldbauer, es ist Feindschaft zwischen uns gewesen schon seit langer, langer Zeit; du weißt wohl, warum. Ich habe sie nicht begonnen und brauch‘ sie also auch nicht zu enden; doch die Unversöhnlichkeit bringt nichts als Unheil, und darum bin ich gekommen, um dir die Hand zum Frieden zu reichen.«

»So, also das willst? Meinst, ich bin ein Bettelbube, dem man den Pfennig hinwirft, der nichts gilt? Ich brauche deine Hand und deinen Frieden nicht; ich habe Hand genug, und den Frieden schaff‘ ich mir schon selber, zum Beispiel, wenn du ihn mir jetzt störst. Der, den du mir bringst, ist Bachgutfrieden; der paßt nicht auf den Feldhof. Und bezahlen soll ich ihn doch auch, nicht wahr? Was willst du dafür?«

»Den – den Feldwebel!«

Der Spott seines Gegners hatte die mühsam festgehaltene Ruhe des Bachbauern erschüttert. Seine Antwort enthielt den ersten Pfeil, den er versendete.

»Den Feldwebel? Bist verrückt?« rief der Feldbauer.

»Nein! Rufe den Leutnant her, so will ich ihm sagen, wo der Feldwebel steckt und wer ihn herausgeben kann! Merk‘ dir eins, Feldbauer, ich komme, um in Ruhe mit dir zu reden; zeigst du Vernunft, so bleibe ich das Kind, mit dem sich sprechen läßt; bist aber widerhaarig, so bin ich der Goliath, der keinen fürchtet, obgleich er blind ist, selbst den Waldschwarzen nicht, der den Bachgutfrieden nicht gebrauchen kann!«

Der Feldbauer war erbleicht, doch faßte er sich schnell und stand vom Stuhle auf.

»Bachbauer,« donnerte er, »wahre deine Zunge, sonst schlage ich den Goliath nieder, so lang und so groß er ist!«

»Das tust nicht Feldbauer, denn auf die Faust kannst dich nicht verlassen; das hast ja wohl gemerkt. Stecke lieber die Perücke auf und den Bart, binde die Larve vor und schieß‘ mir das Pulver in die Augen; das bringst besser zu Wege, grad so gut, wie der Waldschwarze da unten im Stollen.«

Auch er hatte sich erhoben; der Haß hatte bei den borstigen Reden seines Todfeindes wieder die Oberhand über ihn gewonnen; er blitzte aus jedem seiner Züge; er grollte aus seinem Tone; er streckte und reckte sich in jeder seiner Muskeln. Der Feldbauer hatte Miene gemacht, sich auf ihn zu stürzen, sank aber unter der Wucht der gegen ihn geschleuderten Anklagen in den Stuhl zurück. Der Bachbauer hörte diesen krachen.

»So ist’s recht! Setze dich nieder, und höre mich an; dann magst tun, was dir beliebt!«

Auch er nahm wieder Platz.

»Du kennst den Frieder. Er ist ein Bursche, dem es keiner in keinem Stücke gleichtut. Das ist die Summe von ihm; im einzelnen brauch‘ ich weiter nichts zu sagen. Er hat die Martha lieb und –«

»Die Martha?« brauste der andere auf, doch beherrschte er sich wieder. »Sprich weiter, Bachbauer; dann kommt auch die Summe von mir!«

»Also er hat die Martha lieb und sie ihn auch. Sie ist ein Mädel, fünfzig Feldhöfe wert, so daß ich gegen seine Wahl nicht das mindeste einzuwenden habe. Du bist nun zwar weder der Vater noch der Vormund und hast nicht über sie zu bestimmen; aber weil ich Versöhnung will, komme ich dennoch zu dir, um dir die Sache vorzutragen. Gib dein Wort dazu, und es soll alles vernichtet sein, was zwischen uns so wild und wirr emporgewachsen ist!«

»Bist fertig?«

»Ja.«

»So kommt jetzt mein Bescheid; er lautet: Fort, hinaus!«

»Ich meine – –«

»Nichts hast zu meinen! Hinaus!«

»Bleibe ruhig, Feldbauer!«

»Hinaus! Gehst oder nicht?«

Er war aufgefahren und auf den Bachbauer zugetreten. Jetzt faßte er ihn am Arme.

»Vater!« rief Martha voller Angst und eilte herbei.

Auch die Mutter wagte sich in die Nähe und hob bittend ihre Hände empor.

»Habt keine Sorge um mich,« mahnte jetzt in ernster Ruhe der Blinde. »Bleibt still an eurem Platz!«

»Ja, macht euch fort, sonst fliegt auch ihr hinaus! Also vorwärts, Geselle, sonst mache ich dir Beine!« schrie der Feldbauer.

»Wagst wirklich den Goliath anzutasten? Hinweg mit der Hand!« befahl da der Bachbauer.

Als diesem Gebote nicht sofort Folge geleistet wurde, streckte er die Arme aus. Im Nu wurde der Gegner ergriffen, emporgehoben und mit solcher Wucht zu Boden geschmettert, daß er die Besinnung verlor.

Die Frauen stießen einen Schreckensruf aus und warfen sich bei ihm nieder. Der Blinde stand stolz und hochaufgerichtet da und lächelte.

»Er hat genug, nicht wahr?« fragte er.

»Mein Gott, Bachbauer, er ist tot!« rief die Frau.

»Nein, tot ist er nicht, ich kenne meinen Griff. Sollte er tot sein, so hätte ich etwas weiter ausgelangt. Doch sagt, Feldbäuerin, ist Euch der Frieder recht?«

»Er ist mir der Liebste von allen, die ich kenne.«

»So seid getrost, es wird Euch nichts geschehen! Und sollte etwas kommen, wobei Ihr Hilfe von nöten habt, so schickt hinaus zu uns; sie wird Euch gern gebracht!«

Er schritt an dem Besinnungslosen vorüber, dem Ausgange zu. Das noch zitternde Mädchen faßte seine Hand und geleitete ihn in den Hof, wo ihn der Knecht empfing.

»Vergiß nicht, Martha, daß dir der Bachhof offen steht. Leb‘ wohl!«

Der Bachbauer ging. Wie gern hätte sie an seiner Seite den Feldhof verlassen und gleich in diesem Augenblicke den verheißenen Schutz in Anspruch genommen; aber sie mußte an der Seite der Mutter ausharren, die ihrer schwachen Hilfe und ihres Trostes bedurfte.

Als sie wieder in die Stube trat, begann sich der Bauer zu regen. Er blickte einige Zeit wie abwesend um sich her, dann kam ihm das verlorene Bewußtsein wieder. Mit einem Sprunge war er auf den Füßen.

»Wo ist er, der Halunke, der mich in meinem Hause geschlagen hat? Ihr habt ihm geholfen, ihr –«

Er streckte schon die Arme aus, sich an der Frau und der Tochter zu vergreifen, da zog ein Gedanke sie ihm zurück.

»Hierher, Martha, hierher kommst du, und stehst Rede und Antwort auf das, was ich dich frage!« befahl er.

Sie folgte der Weisung und nahm allen ihren Mut zusammen.

»Du steckst mit dem Bachfrieder unter einer Decke und hast ihn scharmiert?« fragte er sie.

Sie schlug die Augen zu Boden.

»Gut, ich sehe schon, wie’s steht. Bist wohl gar bei ihm im Bachhof gewesen?«

»Ja.«

»Und hast gewußt, daß der Alte heute kommen werde?«

»Nein.«

»Ihr habt vom Waldschwarzen gesprochen? Was weißt du von ihm?«

Sollte sie verraten, daß der Geliebte alles wisse? Nein, es könnte sein Untergang sein. Also antwortete sie nur:

»Ich habe ihn gesehen.«

»Du? Wo?«

»In der Brunnenstube.«

Sie sah ihm fest in die Augen. Er konnte seinen Schreck nicht verbergen und fuhr einen Schritt zurück.

»Wer ist’s?« fragte er, indem sein Auge lauerte.

»Du selber!«

Da, wo die Mutter stand, erscholl ein tiefer Seufzer. Das Entsetzen hatte ihr sogar den Schrei versagt. Sie lag an der Erde.

»O, mein Gott, die Mutter stirbt!« rief das Mädchen aus.

Sie wollte hin zu ihr. Er hielt sie fest.

»Laß sie liegen! Sie ist zäh wie die Katze und macht die Augen ganz von selber auf. Nun weiß ich auch, warum der Bachbauer von der Perücke und der Larve geredet hat. Du hast ihm alles erzählt?«

»Ja.«

»Also steht’s so! Du hast dich an den Lumpen, den Frieder, so verhängt und deinen eigenen Vater an ihn verraten! Ich sollte dich bei den Haaren ergreifen und – Aber nein, ich werd’s nicht tun; du und deine Mutter, ihr seid den Griff nicht wert. Gehe hin zu ihr, und wenn sie erwacht, so kommst du mit ihr hinauf in meine Stube!«

Er ging voran. Droben angekommen, wanderte er mit langen Schritten erregt im Zimmer auf und ab.

»Waldschwarzer, dein Reich geht zu Ende, so schnell und plötzlich, wie du es nimmer geglaubt hast! Noch ist’s Zeit; noch wissen sie nicht alles, und ich werde die Maßregeln so ergreifen, daß ich alles noch rette, was ich erworben habe. Will er Anzeige machen, so mag er’s tun; ich bin zu Ende, noch ehe sie kommen. Und wie nun, wenn ich ihn hinhalte, bis ich fertig bin? Ja, das ist das beste. Die Weiber müssen hinab! Da können sie nicht plaudern, und ich fahre zum Schwäher, jenseits der Grenze, der mir den Hof abkauft. Er hat ihn längst begehrt und kann ihn gleich bezahlen, wenn ich mit ihm Abrechnung halte. Morgen bringe ich ihn mit; wir versammeln die Leute, wozu ich den Zettel gleich nachher lege; er übernimmt das ganze Geschäft und mag dann tun, was er will. Dann gehe ich in die Welt und lache der klugen Leute, die alle Finger nach mir strecken und doch nichts greifen als die Luft.«

Er begann sich umzuziehen.

»Der Feldwebel mag stecken, bis ich zurückkehre; vielleicht darf er gar nimmer wieder heraus. Und der Bachfrieder, ja, mit dem habe ich noch eine Furche zu ackern, bei der ihm Hören und Sehen vergehen soll. Was hat er nach mir zu spionieren? Ist er Soldat oder Jäger oder Grenzer? Er hat ein unberufen Amt übernommen, und ich werde ihm dafür die Löhnung zahlen bis zum letzten Heller. Ich weiche nicht eher aus dem Ort, bis er dasselbe Gesicht hat wie der Goliath; das bin ich mir und dem Nachfolger schuldig!«

Jetzt führte Martha die Mutter her. Beide blieben unter der Tür stehen und sprachen kein Wort.

»Wir verreisen. Macht euch fertig, und nehmt Speise mit für einen Tag oder zwei,« befahl er. »In einer Viertelstunde wird angespannt.«

»Wohin, Vater?« fragte Martha.

»Das geht euch nichts an; das ist meine Sache!«

»Auf zwei Tage? Und wir alle drei? Willst den Hof verwaist zurücklassen?«

»Halte den Mund, und tue, was ich befehle,« herrschte er sie an; »du hast die Suppe eingebrockt und kannst sie nun auch auslöffeln!«

Sie gingen.

»Was hat er vor?« fragte die Mutter.

»Ich weiß nicht, aber nichts Gutes; das ist sicher. Mir ist’s auch gleich, Mutter! Seinetwegen darfst dich nicht vergrämen und verjammern; er ist’s nicht wert. Sei stark; tue mir’s zuliebe! Weißt nicht, was der Bachbauer gesagt hat? Der Vater mag verreisen, wohin er will; ich packe meine Sachen und gehe zum Bachhof. Kommst mit?«

»Nein. Das gäbe einen Skandal, wie er nicht größer gedacht werden kann. Harre aus bei mir, Martha; vielleicht hilft Gott, daß alles noch gut wird!«

»So will ich bei dir bleiben; aber das tue ich: Ich schicke zum Frieder und lasse ihm sagen, daß der Vater uns wegzwingt und nicht sagt, wohin. Darf ich?«

»Ja, tue es; doch laß nichts davon merken!«

Martha erteilte ihren Auftrag einem Tagelöhner, der nicht so leicht wie das Hausgesinde vermißt werden konnte. Der alte Mann konnte sich trotz ihrer Mahnung nicht sofort von seiner Arbeit trennen und machte sich dann nur langsam aus den Weg. Er traf Frieder im Hofe des Bachgutes beschäftigt.

»Recht, daß ich dich gleich finde,« berichtete er. »Die Martha läßt dir schnell sagen, daß der Bauer sie mit der Mutter auf den Wagen packt und fortschaffen will.«

»Wohin?«

»Das hat er nicht gesagt. Sie müssen Speise für zwei Tage mitnehmen.«

»Und wann geht’s fort?«

»Sogleich. Das Geschirr stand schon bereit, als ich ging.«

»Jetzt sogleich, wo es bereits dunkelt?«

Er eilte hinaus auf die Straße und schritt eine Strecke auf ihr hin, bis er den Feldhof erblicken konnte. Aus dem geöffneten Tore desselben rollte in diesem Augenblicke der Wagen mit dem Bauer vorn auf dem Bocke und den Frauen auf dem Innensitze. Der erstere hatte sein Augenmerk auf die mutigen Pferde gerichtet, welche ihm zu schaffen machten, und hielt das Gesicht von dem Dorfe abgewandt. Frieder benutzte dies, trat hinter dem Straßenbaume, der ihn verbarg, hervor und winkte. Sein Zeichen wurde von Martha, welche ihr Taschentuch erhob, beantwortet. Er eilte zurück und gebot dem Knechte, schleunigst zu satteln; dann ging er zu den Eltern.

»Soeben schleppt der Feldbauer die Martha mit ihrer Mutter fort. Sie wissen nicht, wohin, und haben zu mir gesandt. Ich muß sehen, was er mit ihnen tut, und reite ihm nach!«

Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte er auf sein Zimmer, warf sich in andere Kleider und lenkte schon nach wenigen Augenblicken zum Tore hinaus. Die Geliebte sollte ihm entrissen werden; er mußte ihr folgen und gab dem Braunen die Sporen. Im Galopp flog dieser die Straße dahin; der Wald war in kaum einer Minute erreicht, und hier, wo die Chaussee in schnurgerader Richtung allmählich bergan stieg, sah er trotz der heranbrechenden Dunkelheit das Geschirr des Feldbauern in ziemlicher Ferne vor sich.

»Er fährt nach der Grenze. Vielleicht schafft er sie zum Kaufmann hinüber, mit dem er das Geschäft macht. Ich reite nur langsam, denn er darf mich nicht bemerken.«

Er ließ das Pferd im Schritt gehen, und erst, als die Verfolgten jenseits der Höhe verschwunden waren, nahm er die Zügel zum scharfen Trab empor. Auf dem Höhepunkt angekommen, wo rechts und links ein paar schlecht befahrene Holzwege in den Forst abzweigten und die Straße sich wieder abwärts senkte, vermochte er, soweit sein Auge die Dämmerung durchdringen konnte, den Wagen nicht mehr zu erkennen.

»Er hat’s eilig und ist scharf gefahren. Vorwärts, ich darf ihn nicht aus dem Auge verlieren!«

Eine Viertelstunde verging, das nächste Dorf lag vor ihm, und noch hatte er die Erstrebten nicht erreicht. Bei der Chausseegeldeinnahme hielt er an.

»Ist hier ein Wagen vorüber, Fuchs und Schimmel angespannt?« fragte er den Einnehmer.

»Nein,« antwortete dieser.

»Ganz gewiß nicht?«

»Ganz sicher nicht. Ich bin seit einer Stunde nicht vom Fenster weggekommen.«

Frieder zog den Braunen herum und jagte zurück.

»Er hat eine Schelmerei vor und ist in einen von den beiden Waldwegen eingelenkt!«

Als er die Höhe wieder erreichte, stieg er ab, um die Wege zu untersuchen. Es war nun mittlerweile dunkel geworden; das Licht des Zündholzes reichte zu seinem Zwecke nicht; er trat zu einer knorrigen Kiefer, welche niedrig und verwachsen am Waldesrande stand, und fand glücklicherweise an den Knospenstellen mehrerer Zweige einige von Insektenstichen erzeugte Harzäpfel. Rasch war einer derselben in Brand gesetzt, und bei dem breitlodernden Lichte sah er deutlich die schmalen Spuren der Wagenräder, welche rechts von der Straße in den Forst hineinführten und von den älteren, tiefer und breiter gehenden Geleisen der hier verkehrenden Holzfuhrwerke zweifellos zu unterscheiden waren.

»Was hat er hier gewollt? Der Weg geht auf der Höhe bis hin zur Zeche, und kein anderer zweigt sich von ihm ab. Ich muß ihm folgen, aber das Pferd wird mich verraten. Hier anbinden und zurücklassen darf ich’s nicht. Ich reite in Karriere nach Hause, geb’s ab und springe den Berg hinauf zur Zeche; das ist das Beste, was ich zu tun vermag.«

Er stieg wieder auf, um diesen Vorsatz auszuführen. Da war es ihm, als vernehme er den unbewachten Knall einer vorsichtig geführten Peitsche.

»Was ist das? Kommt er vielleicht zurück?«

Ein dumpfer Ton ließ sich hören, als ob ein Wagenrad an eine aus dem Wege hervorstehende Wurzel stoße. Schnell war er wieder von dem Tiere herunter, zog es zwischen die nächsten Bäume, verhüllte ihm mit dem Taschentuche die Nüstern und versuchte, es durch Streicheln zur möglichsten Ruhe zu bewegen. Es gelang; der Braune gab keinen Laut von sich, als der Wagen hart an seinem Herrn und ihm vorüberging und dann in die Straße einlenkte.

»Das war er. Ich habe ihn ganz genau erkannt; er fährt nach der Grenze. Aber wo sind die Frauen? Sie waren nicht darin. Er hat ihnen ein Leid getan, das ist sicher! Und statt ihnen zu Hilfe zu kommen, habe ich beinahe eine Stunde versäumt mit Umweg und Forschung nach der Spur! Es muß was ganz Absonderliches sein, sonst hätte er nicht das Wagnis unternommen, heute, wo der Wald von Soldaten wimmelt, gar mit dem Fuhrwerk der Gefahr zu trotzen.«

Noch im Zweifel mit sich selbst, vernahm er jetzt ein lautes Rascheln, welches sich der Straße näherte. Einige Soldaten sprangen, als hätte er sie durch die soeben gemachte Erwähnung gerufen, über den Graben und traten, als sie ihn erblickten, mißtrauisch auf ihn zu.

»Wer da?« fragte einer von ihnen.

»Gut Freund! Kennt Ihr mich?« antwortete er.

Der Anrufende war einer von den beiden, welche auf dem Bachhofe im Quartier lagen.

»Der junge Herr mit dem Pferd!« meinte er. »Ist was am Zeug gerissen?«

»Nein. Ich will noch zum Förster und mag mit dem Gaul doch nicht in den Wald; der Hafer sticht ihn heute, und er könnte mir Dummheiten machen. Ihr geht doch nicht nach dem Dorf?«

»Wir sind grad drüber! Soll ich das Pferd mitnehmen?«

»Ja. Sagt dem Vater, daß ich bald nachkomme. Ist der Feldwebel gefunden?«

»Nein. Den braucht Ihr nicht wieder durchs Fenster zu spedieren!«

Sie gingen mit dem Braunen ab. Er konnte ihnen das Pferd getrost anvertrauen; seine Stärke hatte ihn in Respekt gesetzt, und die gute Pflege des Bachhofes war nach der unliebsamen Tanzaffäre das beste Mittel zur allmählichen Aussöhnung gewesen.

Er betrat den Holzweg, welchem er folgte, ohne etwas Auffallendes zu bemerken. Auf der Zechenhalde angelangt, stieg er auf die gewöhnliche Weise in die Scheune; er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß dieser Ort mit dem Verschwinden der zwei Frauen in Verbindung stehe.

Als er einen von den mitgenommenen Holzäpfeln in Brand gesteckt hatte, gewahrte er eine kleine Blendlaterne, welche an einem Nagel hing.

»Er ist hier gewesen und hat die Laterne zurückgelassen, weil er sie nicht braucht. Mir ist’s gerade recht, denn ohne sie könnte ich nichts beginnen!«

Er brannte sie an und untersuchte nun das Innere der Scheune. Auf den ersten Blick schien alles in dem gewöhnlichen Stande zu sein, doch bald fiel ihm ein Seilende auf, welches unter dem Heu hervorblickte. Er entfernte die Bündel und gewahrte nun, was ihm bei seinen bisherigen Besuchen dieses Ortes entgangen war! Ein vollständiges Haspelwerk befand sich unter dem Heu und dabei ein Fahrstuhl, beides vielleicht war kaum vor einer halben Stunde in Gebrauch gewesen. Er sah sich um nach einer Spur von der Geliebten, einem Bande, einer Schleife, wie der Romanschreiber es so gern seinen Helden finden läßt; es war nichts zu bemerken. Nun schaffte er die Haspel über das Mundloch, hing den Fahrstuhl ein, stieg auf und ließ sich hinab.

Es ging schneller und sicherer als mit der primitiven und immer unzuverlässigen Vorrichtung, deren er sich das letzte Mal bedient hatte.

Unten angekommen, stand er eben im Begriff, in den Stollen einzubiegen, als er einen Laut vernahm, der sich aus der Tiefe des zweiten Schachtes hervorzuringen schien. Er kniete an der Oeffnung, welche er heute ebenso unbedeckt fand wie letzthin, nieder und rief hinab:

»Ist wer da unten?«

Eine Antwort erfolgte, deren Laute er nicht zu unterscheiden vermochte.

»Martha!«

Er legte das Ohr auf den Boden, und jetzt war es ihm, als ob er seinen Namen rufen höre. Nun leuchtete er hinab und entdeckte zwei eiserne Haken, aber die Fahrt, welche an ihnen befestigt gewesen war, fehlte. Wenn die Frauen wirklich unten waren, wie hatte der Feldbauer sie hinabgebracht? Er schritt ein Stück in den Stollen hinein, um irgend einen Anhalt zu finden, und hatte sich nicht getäuscht. Die vermißte Fahrleiter lag am Boden. Sie war entfernt worden, um den Gefangenen, die günstigenfalls nur einen Teil des Schachtes zu ersteigen vermochten, die Flucht abzuschneiden. Er hing sie ein, erprobte sorgfältig ihre Festigkeit und stieg dann hinab. Die Fahrt stieß an eine zweite, diese an eine dritte, und so kam er langsam, aber ohne Aufenthalt immer weiter hinab, bis er ganz vernehmlich hörte:

»Frieder, bists, oder ist’s ein anderer?«

»Martha, ich bin’s!«

Ein Jubelruf erschallte, und als er den Boden unter sich fühlte, schlangen sich zwei Arme um ihn.

»Ich habe deinen Wink gesehen und darum gewußt, daß du kommen werdest!«

Dann verließen sie ihre bis auf das äußerste abgespannten Kräfte, sie sank auf den feuchten, moderigen Boden nieder neben der regungslosen Mutter, welche von dem, was bei ihr geschah, nicht das mindeste zu wissen schien.

Er untersuchte sie. Sie lebte, aber ihr Puls ging kaum bemerkbar, und alle an sie gerichteten Worte hallten erfolglos an ihr Ohr.

»Martha, wie seid ihr herabgekommen?« fragte er das Mädchen.

Sie konnte unter dem jetzt ausbrechenden Schluchzen nicht antworten.

»Weine nicht, Martha, sondern sei stark um der Mutter willen, sonst weiß ich nicht, was ich mit euch beginnen soll!«

Sie faßte sich mit Gewalt und berichtete ihm folgendes:

»Er sagte, wir würden verreisen, und gebot, Speise mitzunehmen für zwei Tage, hier liegt sie neben der Mutter in dem Tuch. Dann sind wir gefahren, bis es dunkel war und wir vor der Zeche hielten. Da hat er die Scheune geöffnet und uns hineingestoßen. Was nun gefolgt ist, kann ich nicht erzählen. Wir wollten nicht hinab, bis er das Messer zog und uns die Wahl ließ zwischen Gehorsam und Tod. Von da an hat die Mutter keinen Laut getan und ist wie tot gewesen bis jetzt. Ich habe dann in dem furchtbaren Loch herniedersteigen müssen, und die Mutter hat er sich auf den Rücken gebunden und herabgetragen. Dann ging er wieder hinauf und hat gesagt, daß er morgen wiederkommen werde. Ich habe erst bei der Mutter gelegen und geweint, daß mir der Atem verging; dann mußte ich an dich denken, Frieder, und ich habe die Hände gerungen und gebetet, daß der liebe Gott deine Schritte herbeilenken möge, damit du uns findest und befreiest.«

»Er hat sie gelenkt, Martha, und nun lass‘ ich dich nicht wieder von mir fort, damit du nicht wieder in die Hände des Wüterichs gerätst, der kein Gefühl und kein Erbarmen kennt. Er hat Angst gehabt, daß du plaudern würdest, und euch gefangen genommen. Aber das soll die letzte Karte sein, die er spielt; sobald er zurückkehrt, ist’s mit ihm aus, und wenn der liebe Gott vom Himmel käme, um Gnade von mir zu erflehen. Er hat’s verwirkt. Ich habe ihm Verzeihung geben wollen; er aber hat sie verschmäht, den Vater verhöhnt und dich mißhandelt und gar mit dem Messer bedroht. Das ist der Punkt in mir, mit dem nicht zu spaßen ist. Er hat mit der Sünde gespielt, und sie mag ihn verschlingen!«

Er leuchtete in dem Raume umher.

»Wie nun, wenn hier die böse Luft vorhanden wäre? Dann lägst du tot mit der Mutter hier, und ich – Martha, ich risse ihm jedes Glied stückweise vom Leibe herunter! Komm herauf; ich kann dich keine Minute länger hier unten sehen.«

Die Fahrt war noch fast neu. Der Waldkönig hatte sie jedenfalls unlängst erst angefertigt, und man konnte sich ihr unbesorgt anvertrauen. Die Furcht vor dem Messer des Vaters hatte Martha die Kraft gegeben, den gefährlichen Weg zurückzulegen; jetzt stärkte sie das Vertrauen auf die Nähe des Geliebten. Von ihm unterstützt, gelangte sie hinauf in den Stollen. Er ließ sie hier auf kurze Zeit allein und kehrte zur Mutter zurück. Was der Feldbauer vermocht hatte, mußte auch ihm gelingen; er brachte die Besinnungslose wohlbehalten empor. Sie schlug für einen kurzen Augenblick die Augen auf; ihr Blick fiel auf zwei geliebte Gesichter; ein müdes Lächeln ging über ihre bleichen Züge; dann schloß sie die Augen wieder. Frieder zog seine Jacke aus und legte sie ihr unter den Kopf.

»Wir dürfen sie nicht allein lassen; das Loch ist in der Nähe. Getraust dich, ein paar Minuten hier im Finstern zu sein, bis ich wiederkehre, Martha?« fragte er.

»Es ist so schaurig hier unter der Erde, Frieder. Mußt denn fort?«

»Ja. Ich muß den Buschwebel suchen.«

»So denkst, auch der ist hier?«

»Ja, wenn er noch lebt. Ich gehe an die Höhle, von der ich dir und den Eltern erzählt habe. Hier hast Zündholz und Harzäpfel; sie reichen wohl, bis ich wiederkehre.«

»Frieder, geh‘ nicht fort! Ich habe so Angst, daß dir was Böses begegnet.«

»Sei ohne Sorge! Ich bin heute ganz sicher.«

Er hob die Fahrt wieder aus und legte sie an dieselbe Stelle, wo er sie gefunden hatte; dann folgte er dem Stollen. Dabei beeilte er sich so viel wie möglich, um die Geliebte nicht lange in Ungewißheit zu lassen. Auf der ganzen Strecke fand er nichts Bemerkenswertes; an der Mauer angekommen, schob er einen Riegel zurück; sie folgte einem Drucke, und er schlich sich jetzt an die wohlverschlossene Tür des Gefängnisraumes. Eine Kette klirrte im Innern. Er durfte den Gefangenen nicht befreien, weil dessen Abwesenheit den Verdacht der Schmuggler erregen konnte, und ebensowenig wollte er mit ihm sprechen, bevor alle Maßregeln zur Ergreifung der Verbrecher getroffen waren. Eine Unvorsichtigkeit des Feldwebels konnte alles vereiteln. Aber wissen mußte er doch, wer der Gefangene sei. Er führte einen einzigen raschen Schlag gegen die Tür.

»Wer ist draußen? Macht auf! Ich hab’s ja tausendmal gerufen und gebrüllt, daß ich den Spion machen will, wenn Ihr mich nicht hängt!« rief es von innen.

Frieder hatte genug gehört. Es war die Stimme des Feldwebels, und seine Worte enthielten eine kurze, aber deutliche Beschreibung dessen, was er während seiner Gefangenschaft erfahren hatte. Er kehrte in den Vorratsraum zurück, schob den Riegel vor und eilte zu Martha. Diese empfing ihn mit den Worten:

»Wie lange bist fort geblieben, Frieder! Ich habe viel Furcht gehabt; das Licht hat nicht gelangt, und die Mutter ist wie tot. Ach Gott, was wird noch alles geschehen?«

»Habe guten Mut, Martha! Schau, hier ist der Fahrstuhl. Zusammen können wir nicht empor; hernieder ist’s leichter gewesen. Die Mutter muß zuerst hinauf. Willst warten?«

»Ja.«

Er legte die Bäuerin in den Stuhl, stieg selbst hinein und zog an. Oben angelangt, bettete er die Besinnungslose auf das weiche Heu und kehrte zurück, um auch Martha heraufzubringen. Trotz seiner Stärke fühlte er sich von der Arbeit und der Aufregung ermüdet. Er mußte ausruhen, ehe er daran ging, das Innere der Scheune in Ordnung zu bringen. Als dies geschehen war, öffnete er den Laden und half dem Mädchen hinaus. Dann reichte er ihr die Mutter zu, deren bewußtloser Zustand alles ungemein erschwerte, und folgte dann selbst nach.

»Gott sei Dank; jetzt erst ist’s glücklich vorüber. Komm nach dem Bachhof, Martha!«

»Soll ich nicht nach Hause, Frieder?«

»Nie wieder und heute erst ganz und gar nicht! Der Bauer muß denken, ihr seid noch immer im Schacht, und damit er die Befreiung nicht erfährt, darf euch kein Mensch sehen, bis alles zu Ende gegangen ist.«

Frieder hob die Feldbäuerin empor, nahm sie in die Arme wie ein Kind und stieg, gefolgt von der Geliebten, mit ihr den Berg hinab. Glücklich und ungesehen in der Nähe des Bachhofes angelangt, blieb er stehen, um für einen Augenblick zu verschnaufen; da tauchte eine in einen Mantel gehüllte Gestalt vor ihm auf; der Hahn einer Pistole knackte, und eine befehlende Stimme gebot:

»Halt, steht! Wer seid Ihr?«

Frieder erkannte den Leutnant, welcher eine ganz besondere Veranlassung haben mußte, hier so nahe am Dorf und in eigener Person Patrouillendienst zu verrichten.

»Der Bachbauer, Herr Leutnant. Haben Sie ein wenig Zeit?«

»Vielleicht. Warum?«

»Bitte, kommen Sie mit herein in den Hof. Ich habe Ihnen Wichtiges mitzuteilen!«

»So! Wer ist das Frauenzimmer, und wen haben Sie hier auf dem Arme?«

»Das werden Sie drin erfahren; hier ist nicht der Ort dazu.«

»So gehen Sie voran; ich werde folgen!«

Die Bachbäuerin schlug vor Verwunderung die Hände über dem Kopfe zusammen, als sie die Kommenden bemerkte.

»Du lieber Herrgott, Frieder, wen bringst denn da?«

»Die Martha mit ihrer Mutter, die ganz von Besinnung ist. Tue sie schnell ins Bett, und schicke den Knecht mit dem Wagen in die Stadt zum Doktor! Aber niemand, als er und wir, darf wissen, daß sie und der Leutnant hier sind.«

Seinem Gebote wurde sofort Folge geleistet. Der Knecht fuhr schleunigst nach der Stadt, nicht anders glaubend, als der Bachbauer sei plötzlich unwohl geworden; die Kranke wurde in weiche Federn gebettet, und Martha ließ es sich nicht nehmen, bei ihr zu bleiben. Die anderen aber sahen mit Ungeduld den Aufklärungen entgegen, welche sie von Frieder zu erwarten hatten.

VIII.

Die Feldbäuerin war erwacht; der Arzt hatte erklärt, ihr Schwächezustand sei eine Folge langer, innerer Seelenleiden, aufs höchste gesteigert durch den heute über sie hereingebrochenen Jammer. Er hatte die größte Ruhe und Schonung befohlen, vor jeder Aufregung gewarnt und stärkende Arzneien verschrieben. Jetzt lag sie da, glücklich lächelnd über die reiche Liebe, die ihr aus vielen Augen entgegenstrahlte. Sie war hart an der Grenze des Lebens hingestreift, hatte das Rauschen des Todes vernommen und fühlte ihre Seele von der früheren Schwäche befreit.

»Frieder!« lispelte sie.

Er neigte sich zu ihr nieder.

»Ist er wieder da?«

»Nein,« antwortete er.

»Ich gebe ihn in deine Hand. Das Gesetz hat größeres Recht auf ihn als ich. Doch sprich nicht mehr von ihm!«

Er neigte zustimmend das Haupt und kehrte in die Stube zurück, wo der Leutnant beim Vater saß. Beide schienen sich schnell zusammengefunden zu haben; der Offizier hatte sich eine Pfeife angesteckt und qualmte dem Blinden ins Gesicht, daß es paffte; dieser schien sich dieser Intimität höchlich zu freuen und überhaupt in einer Stimmung zu sein, wie man sie seit langer Zeit nicht an ihm bemerkt hatte.

»Ist die Stube für die Martha in Ordnung, Frieder?« fragte er.

»Ja, zwei; eine für sie und eine für ihre Mutter.«

»Sorge nur, daß ihnen nichts fehlt! Hat auch der Herr Leutnant noch Tabak und gehörig zu trinken?«

»Es ist für alles aufs beste gesorgt,« antwortete dieser selbst.

»Der Knecht gibt doch tüchtig Hafer, daß die Braunen gut aushalten?«

»Ich freue mich auf den Ritt,« versicherte der Offizier. »Er bringt mich mit einem Male zum Ziele, wo ich geglaubt hatte, noch monatelang im Dunkeln tappen zu müssen. Der Feldwebel hat die Schwierigkeiten nur erhöht und vermehrt, anstatt mir von Nutzen zu sein. Ihnen zum Beispiel,« wandte er sich zu Frieder, »muß ich gestehen, daß eine Art Verdacht gegen Sie gehegt wurde. Sie waren maskiert und bewaffnet im Walde gesehen worden und heute wieder zu Pferde dort gewesen, wo jeder andere es sich angelegen sein ließ, daheim zu bleiben.«

»Grad darum war der Verdacht doch eigentlich ausgeschlossen. Wer sich unsicher fühlte, blieb daheim; wer ein gutes Gewissen hatte, konnte sich sehen lassen. Doch da hängt der Knecht die Laterne heraus; das ist das Zeichen, daß gesattelt ist.«

»Er wird doch nicht aufpassen, wer mit aufsitzt?« fragte der Blinde. »Meine Leute sind gut und treu; aber besser ist besser, und vor Austrag der Sache darf niemand erfahren, was heute im Bachhof vorgegangen ist.«

»Laß mich sorgen, Vater! Der Herr Leutnant geht durch die Pforte voran und steigt erst auf der Straße zu Pferde. Ist’s gefällig?«

Der Genannte legte die Pfeife weg und nahm Abschied. Er gewann unbemerkt die Straße und hörte bald Frieder hinter sich hergetrabt kommen. Als dieser ihn erreichte, schwang er sich auf. Es war längst Mitternacht vorüber; die Erde lag in tiefer Ruhe, und nur hier und da funkelte ein einsames Licht vom dunklen Himmel herab.

»Wissen Sie, daß ich mich beinahe vor Ihnen fürchten möchte?« fragte der Offizier.

»Warum?« lächelte Frieder.

»Weil in Ihrem Körper eine solche Masse von Elementarkraft aufgespeichert liegt. Der Name Goliath gehört schon Ihrem Vater mit vollem Recht zu eigen, Ihnen aber noch viel mehr. Wäre diese physische Stärke nicht mit so viel geistigem Vermögen gepaart, so könnten Sie wirklich gefährlich werden, und ich darf Gott danken, daß ich mich in Ihnen geirrt habe.«

»Der Waldschwarze konnte ich doch unmöglich sein; er trieb sein Wesen doch schon lange, bevor ich in der Heimat war.«

»Das ist schon richtig; aber Sie konnten sich seit Ihrer Rückkehr mit ihm verbündet haben. Ihr Auftreten dem Feldwebel und seinen Leuten gegenüber, das Umherschleichen im Walde, die Maske, die Pistolen, Ihr heutiger, fingierter Besuch beim Förster, das alles war für mich Grund, in der Nähe des Bachhofes selbst auf Ihre Rückkehr zu warten. Ich war zwar bewaffnet, waren Sie aber wirklich derjenige, für den ich Sie hielt, ich hätte wohl keinen leichten Stand gehabt. Wer einen Kerl wie den Buschwebel durch das Fenster wirft, dem ist auch wohl zuzutrauen …«

»Daß er einen Leutnant zerbricht,« fiel Frieder scherzend mit einem Blicke auf die schlanke Gestalt seines Gefährten ein.

»Pardon, mein Lieber,« lachte dieser; »so weit wäre es denn doch wohl nicht gekommen, sintemalen unser oberster Kriegsherr seine Offiziere weder aus der Porzellanfabrik noch aus der Glasbläserei zu beziehen pflegt. Ich hätte mich auch ein wenig gewehrt, wie man zu tun pflegt, wenn es einem an den Kragen geht. Doch Scherz beiseite! Wie stark ist die Bande des Schwarzen?«

»Gegen zwanzig Mann.«

»Und sie gehen stets gut bewaffnet?«

»Mit Büchse und Messer.«

»Und im Vorratsraume befinden sich auch noch Gewehre?«

»Eine ziemliche Zahl.«

»So werden wir wohl einen harten Stand bekommen.«

»Ich fange sie ganz allein, wenn’s verlangt wird.«

»Oho! Dazu reicht wohl selbst Ihre Riesenstärke nicht aus.«

»Warum nicht? Es kommt ganz darauf an, wie man’s beginnt.«

»Nun, wie?«

»Erst tue ich den Schwarzen ab; das ist nicht schwer, und sodann stelle ich mich vor den Eingang und gebe jedem, wenn er kommt, so viel, daß er genug hat. Aber solch eine Anstrengung ist ja gar nicht notwendig, und ich gebe auch zu, daß es nicht so glatt geht, wie man sich die Sache ausgedacht hat. Wir reiten zum Herrn Amtshauptmann, dem ich den Waldschwarzen mit seiner ganzen Bande in die Hände gebe; er mag tun, was er fürs beste hält. Will er ihn billig, so bin ich dabei, und will er ihn auf der Tat abfangen, so soll es auch da nicht an mir fehlen.«

»Das will ich gern glauben! Sie hätten statt der Feldhacke die Waffe wählen sollen; wir hätten einen ausgezeichneten Kameraden in Ihnen gefunden. Wenn ich bedenke, daß alle unsere Mühe vergebens gewesen ist, während es Ihnen, dem einzelnen, gelang, ein festes, unzerreißbares Netz um die fürchterlichen Menschen zu schlingen, so möchte ich vor jeden anderen treten, nur nicht vor den Amtshauptmann!«

»Gottes Wille, Herr Leutnant, und Geschicklichkeit!«

»Meinetwegen! Ja, die geschickte Ausnutzung gab erst allem den Wert. Der Feldwebel ist auch am Stollen gewesen, grad wie Sie; aber Sie sind Meister der Situation, während er in der Falle steckt. Er ist brauchbar, aber ein Poltron, und hat die empfangene Lehre verdient.«

Das Gespräch stockte jetzt; man hatte das Dorf erreicht und mußte am Schlagbaume halten. Es kam auch nicht wieder in regem Fluß, bis man zur Amtsstadt gelangte, wo sich eben die Türen der Gasthöfe öffneten, um den über Nacht gebliebenen, früh munteren Fuhrleuten die Abfuhr zu gestatten.

Sie stiegen an einem derselben ab, übergaben die Pferde und nahmen einen warmen Frühtrunk zu sich. Dann begaben sie sich in das Amts-Hauptmannschaftsgebäude, wo sie den Chef wecken ließen. Er empfing sie mit finsterer Miene.

»Ist Ihre Angelegenheit von solcher Wichtigkeit, daß Sie mich im Schlafe stören?« fragte er.

»Wir haben den Waldschwarzen fest.«

Diese wenigen Worte des Offiziers brachten den hellsten Sonnenschein auf dem Gesichte des Beamten so plötzlich hervor, daß keiner der beiden sich eines Lächelns zu erwehren vermochte.

»Was Sie sagen, mein bester Herr Leutnant! Ich darf natürlich an der Wahrheit Ihrer Versicherung nicht den mindesten Zweifel hegen?«

»Der allerdings wenig oder gar nicht gerechtfertigt sein dürfte. Der Schmuggler befindet sich zwar noch nicht in unseren Händen, da wir es vorgezogen haben, vorher die Befehle des Herrn Amtshauptmanns zu vernehmen, aber es bedarf wirklich nur dieser letzteren, um ihn mit seiner ganzen Bande der Gerechtigkeit zu übergeben.«

»Sie liefern damit einen dankbaren Beweis Ihrer Umsicht, und ich nehme keinen Anstand, zu bemerken, daß man vollständig überzeugt war, die Ihnen gewordene Aufgabe den besten Händen anvertraut zu haben.«

»Denen es aber leider erst von jetzt an gestattet sein wird, an der Aktion teilzunehmen. Hier dieser Herr hat ganz allein, ohne jede Beihilfe und aus eigenem Antriebe die Aufgabe gelöst, während ich bis heute noch nicht den mindesten Fortschritt zu verzeichnen vermochte.«

»Ah!« machte erstaunt der Beamte, indem er die Nase hob und Frieders Person, die er erst jetzt zu bemerken schien, einer näheren Betrachtung unterwarf. »Der Name wurde mir genannt; ich vergaß ihn wieder; bitte, Herr Leutnant, stellen Sie mir den Mann einmal vor!«

Frieder, den diese Art und Weise belustigte, ließ es gar nicht dazu kommen. Er trat rasch einige Schritte vor.

»Ich bin der Bachfrieder aus Rothenwalde, Herr Amtshauptmann, und mein Vater ist der Goliath, den man im ganzen Gebirge nicht anders als mit diesem Namen nennt.«

»So, so!« meinte der Angeredete, dessen kleine, schmächtige Gestalt bei dem so unerwarteten und energischen Nähertreten der reckenhaften Figur Frieders wie erschrocken zurückgefahren war. »Den Goliath kenne ich. Der Waldschwarze hat ihn geblendet und seinen ältesten Sohn erschossen.«

»Grad darum ist der Schwarze mir verfallen. Wollt Ihr ihn haben? Ich bringe ihn her.«

»Du bist ganz der rechte Sohn des Goliath, wie’s scheint. Ja, ja, Rauchfleisch und Kartoffelklöße tun auf dem Lande Wunder. Geist ist nicht nötig, wenn nur der Körper gut gedeiht.«

»Grad umgekehrt wie in der Stadt, wo der Körper nicht nötig ist, wenn nur der Geist bis in die Wolken wächst, nicht wahr, Herr Amtshauptmann?«

Er legte dem Männchen die Hand auf die Achsel und blickte mit unwiderstehlicher Freundlichkeit auf ihn hernieder. Der Gefragte trat, um dieser Berührung zu entgehen, noch einen Schritt zurück und wandte sich an den Offizier:

»Wollen Sie Ihren Bericht beginnen, Herr Leutnant? Bitte, nehmen Sie Platz!«

»Darf ich ersuchen, diese Aufforderung an meinen Freund zu richten? Er ist in der Angelegenheit vollständig au fait, während ich mich dessen nicht rühmen kann.«

»Ihr Freund?« klang die verwunderte Frage. »Ich liebe eine kurze, sachgemäße Darstellungsweise, zu welcher dem Landbewohner die nötige Schule fehlt.«

»Ich bitte dennoch,« fiel hier Frieder im besten Hochdeutsch ein, indem er sich gemächlich in den Sessel legte, »um Ihre freundliche Erlaubnis zu der Beweisführung, daß Rauchfleisch und Kartoffelklöße keine schlechten Lehrmittel sind, wenn man ihre Wirkung mit dem Besuche einiger Universitäten unterstützt. Ich werde dabei so kurz und sachgemäß wie möglich verfahren.«

Er begann. Der Amtshauptmann, welcher sich trotz seiner Würde von dem Vorgange einigermaßen betreten fühlte, ließ ihn gewähren. Seine Aufmerksamkeit wurde zur Spannung, welche von Sekunde zu Sekunde wuchs, bis er seine Bewunderung nicht mehr zurückzuhalten vermochte.

»Sie sind ja ein ganz erstaunlicher Charakter, dem man die größte Anerkennung zollen muß! Warum führen Sie diejenigen, welche mit Ihnen verkehren, durch Ihre Sprache und Gewandung irre?«

»Das Gewand paßt genau zu dem Berufe, den ich jetzt den meinigen nenne, und die Sprache des Gebirges hat dasselbe Recht wie jede andere. Ich habe als Kind mich in ihr ausgedrückt, werde noch heute so von den Meinen am besten verstanden, und ich werde sie beibehalten, so lange ich mit Menschen verkehre, die sie sprechen und verstehen. Doch zurück zur Sache!«

Er nahm den unterbrochenen Bericht wieder auf und führte ihn trotz seines bedeutsamen und aufregenden Inhaltes bis zu Ende. Jetzt sprang der Amtshauptmann empor.

»Er ist es also wirklich, der Feldbauer, und wir haben ihn sicher, ganz sicher! Sie haben sich schon jetzt den Preis verdient und werden ihn nebst einer höheren Anerkennung auch sofort nach Habhaftwerdung des Schwarzen erhalten.«

»Er wird angenommen,« entgegnete Frieder, jetzt wieder in seine frühere Sprechweise zurückfallend, »doch nicht für mich, sondern für die Armen im Orte, denen ich ihn bescheren werde. Nun bitte ich um die Befehle, die wir jetzt brauchen.«

Der Amtshauptmann sammelte sich; dann sagte er:

»Vergegenwärtigen wir uns zunächst die Situation! Der Waldkönig hat seinen Versteck in dem sogenannten Stollen, welcher an drei Orten zugängig ist, an der ›Zeche‹, durch den Brunnen und vom Einsturzkessel aus. Die Bande kennt bloß diesen letzteren Punkt, wenigstens ist dies sehr wahrscheinlich der Fall; sie wäre also am leichtesten zu überwältigen durch eine Aufstellung im Innern, welche jeden einzelnen Ankömmling empfängt und bezwingt. Das Oberhaupt der Schmuggler fühlt sich nicht mehr sicher und ist jedenfalls nur zu dem Zwecke verreist, das Geschäft aufzugeben, und dann Person und Errungenschaft in Sicherheit zu bringen. Daß der Feldbauer dies möglichst beschleunigen wird, steht außer allem Zweifel. Ich vermute sogar, daß er sich nach einem Notkäufer für den Feldhof umsieht, und dies kann möglicherweise der Kaufmann sein, dem er die Ware liefert. Ich nehme an, daß er heute zurückkehrt und diesen Herrn gleich mitbringt. Sein erstes wird sein, sich zu überzeugen, ob im Stollen noch alles in Ordnung ist, und in dieser Beziehung ist es ganz vortrefflich gehandelt, daß Sie sich dem Feldwebel nicht gezeigt haben. Er stand bei dem Feldbauer im Quartier, und ich wette, daß dieser so schlau gewesen ist, ihn als Hörrohr zu benutzen. Wer weiß, aus welchem Grunde er dann von ihm in die Falle gelockt wurde; wir werden dies jedenfalls noch erfahren. Was nun die Frauen betrifft, so konnten diese allerdings unmöglich in ihrer verzweifelten Lage gelassen werden, doch kann ihr Verschwinden den Waldschwarzen aufmerksam machen, und es wird also nötig sein, ihn sofort bei seiner Ankunft zu empfangen.«

»Das dürfen wir nicht,« bemerkte Frieder. »Es geht nicht ohne Aufsehen vorüber, und dadurch werden seine Leute gewarnt. Er ist ein harter Geselle, dem es ganz gleich ist, ob die Frauen eine Stunde länger im Schacht stecken oder nicht; er tut sicher erst das Geschäft ab, ehe er zu ihnen geht; sie sind ihm sonst im Wege. Ueberdies habe ich den Proviant im Schacht gelassen, und unten sind so viele Gänge, daß sie sich gar leicht verlaufen können. Das wird er denken, wenn er sie nicht findet.«

»Das klingt allerdings wahrscheinlich; halten wir also diese Ansicht fest. Täuscht uns die Vermutung nicht, so kehrt er heute nach Rothenwalde zurück und wird seine Leute für den Abend nach dem gewöhnlichen Versammlungsorte bestellen. Eine Prüfung des Steins wird darüber Sicherheit geben. Von den drei Angriffspunkten, die uns dann zu Gebote stehen, scheint mir die Zeche der vorteilhafteste zu sein. Oder nicht, Herr Leutnant?«

»Jedenfalls. Man fährt dort ein, läßt den Brunnen für den Waldschwarzen frei und besetzt den Trichter nur von außen, wobei man den Schmugglern ungehinderten Eingang gestattet, ihnen aber den Ausgang verwehrt.«

»Ganz richtig. Wir sind also in der Hauptsache gleicher Meinung. Sie werden allerdings den Angriff leiten, mir aber gestatten, dabei gegenwärtig zu sein. Ich nehme einen meiner Assessoren mit, um den Tatbestand gleich an Ort und Stelle aufnehmen zu lassen. Es wird ein Abenteuer sein, auf welches ich mich freue. Nur wäre es wünschenswert, die Oertlichkeit schon vorher kennen zu lernen. Wird das zu ermöglichen sein?« fragte er, sich an Frieder wendend.

»Sehr leicht, wenn der Feldbauer nicht vorher zurückkehrt, und ich rate darum, so bald wie möglich aufzubrechen.«

»Ich stimme bei,« meinte der Leutnant. »Die Einzelheiten, um welche es sich noch handelt, können und müssen ja den Umständen gemäß bestimmt werden.«

»Wohl! Geben Sie mir Frist zu einem kurzen Frühstück, während dessen ich die laufenden Geschäfte stellvertretenden Händen übergeben und den Assessor benachrichtigen werde. Dann bin ich bereit. Sind Sie mit Fuhrwerk versehen?«

»Nein, wir sind nur beritten. Vielleicht darf ich bemerken, daß es geraten sein wird, alles Aufsehen zu vermeiden und darum den Weg vereinzelt zurückzulegen, womöglich auch bezüglich der Kleidung Auffälligkeiten zu vermeiden.«

»Das versteht sich wohl von selbst, Herr Leutnant. Geben wir uns ein Rendezvous, wo wir uns treffen, ohne bemerkt zu werden!«

»Eine Strecke vor der Stadt,« bemerkte Frieder, »steht eine einsame Waldschenke. Ist diese passiert, geht links ein Richtweg ab. Dürfen wir Sie auf demselben erwarten?«

»Gut. Ich werde den Wagen schon vor der Schenke verlassen und ihn zurückschicken. Das übrige wird sich dann finden.«

Er gab mit der Hand das Entlassungszeichen und begleitete die Männer bis an die Tür. Sie begaben sich in den Gasthof zurück, den sie erst verließen, als sie den Amtshauptmann vorbeifahren sahen. Unweit der Stadt schon überholten sie mit den raschen Braunen die Beamten, denen sie bald weit vorankamen.

»Eine allerliebste, kleine Episode das, mit dem Rauchfleisch und den Kartoffelklößen, nicht wahr?« lachte der Leutnant.

Frieder nickte vergnügt.

»Sie gestatten doch nachträglich, daß ich Sie als meinen Freund bezeichnet habe?«

»Ich danke Ihnen dafür! Es schien eine Ueberraschung zu sein für den Herrn Bureaukraten. Aber darf ich vielleicht vorschlagen, uns zu trennen? Es ist besser, wenn niemand uns beisammen sieht. Sie reiten über das Feld an den Bachhof und binden das Pferd an den Zaun. Am Buschrand bei der Zeche treffen wir nachher wieder zusammen.«

»Ich stimme bei; adieu bis dahin!«

Er ließ dem Braunen die Zügel schießen und flog davon. Frieder verließ bald darauf die Straße, um die Heimat auf Waldwegen zu erreichen. Als er dort ankam, fand er das Pferd bereits vor. Martha war allein in der Stube.

»Bist schon wieder da? Nun geht’s doch noch über den Vater her!« sagte sie.

»Er will’s nicht anders. Wir haben getan, was wir konnten, vielleicht auch noch mehr, und sind nun ohne alle Schuld an ihm. Wirst’s ertragen können, Martha?«

»Bei dir, ja, sonst nicht! Aber bange ist mir um die Mutter.«

»Die Stütze wird ihr nicht fehlen. Ist sie wohler?«

»Ja, aber sprechen mag sie nicht.«

Er rief die Eltern und gab ihnen kurzen Bescheid, versah sich mit dem nötigen Licht und begab sich dann zur Zechenhalde, wo der Leutnant schon auf ihn wartete. Sie suchten miteinander den Richtweg auf und trafen auf der Stelle, wo Frieder den Feldbauer mit der Peitsche gezüchtigt hatte, mit dem Amtshauptmann und seinem Begleiter zusammen. Beide gingen auf das allereinfachste gekleidet, so daß jeder, der sie nicht persönlich kannte, sie für einfache Bürgers- oder Handwerksleute halten mußte.

»Der Feldbauer ist noch nicht zurück. Ich ging über den Feldhof, angeblich, um mich nach dem Buschwebel zu erkundigen,« berichtete der Leutnant.

»So bleibt uns freie Hand. Vorwärts, wir fahren ein!« sagte der Amtshauptmann.

»Wollen wir nicht erst zum Stein gehen, um nach der Bestellung zu sehen?« meinte Frieder.

»Ja, richtig. Das ist das Notwendigste!«

Frieder ging voran. Sie gelangten, ohne jemandem zu begegnen, an die Stelle.

Die Zeit, in welcher die Schmuggler nachzusehen pflegten, war noch nicht da. Frieder hob den Granit empor.

»Am alten Stollen um zehn,« las er.

Die anderen traten hinzu, um sich zu überzeugen.

»Er hat gestern bei der Fahrt von der Zeche gewiß den Zettel hierhin gelegt. Anders ist’s nicht möglich.«

»Also um zehn Uhr,« nickte der Amtshauptmann. »Da bleibt uns genugsam Zeit für alle Vorbereitungen. Jetzt weiter, meine Herren!«

Der Zettel war unberührt geblieben; Frieder senkte den Stein und ging wieder voran, nach der Halde zurück. Hier langte der Beamte in die Tasche und brachte einen Bund Schlüsselhaken zum Vorschein.

»Sie sehen, ich bin mit dem Nötigen versehen und werde Sie nicht durch den Laden bemühen.«

Das Tor wurde geöffnet; sie traten ein. Frieder brannte die Laterne an. Die Herren griffen mit zu; die Haspel wurde über die Mündung gebracht und paarweise langte man unten im Stollen an.

Dieser wurde auf das sorgfältigste in Augenschein genommen, ohne daß man die Lage irgend eines Gegenstandes veränderte. An der Gefängniszelle zog der Amtshauptmann seine Schlüsselhaken wieder hervor und öffnete. Das Licht, welches in den engen Raum fiel, ließ die vier Männer im Dunkeln und blendete den Gefangenen.

»Seid ihr endlich da?« fragte er. »Führt mich zum Schwarzen.«

»Haben Sie so große Sehnsucht nach ihm?« fragte der Offizier.

Jetzt erkannte der Feldwebel seinen Vorgesetzten, obgleich dieser die Uniform abgelegt hatte und in Zivilkleidern ging.

»Der Herr Leutnant!« rief er freudig erschrocken. Er wollte sich emporrichten; der Raum gab es aber nicht zu.

»Ja, ich bin es! Und hier an meiner Seite befindet sich der Herr Amtshauptmann, der von Ihnen zu wissen begehrt, auf welche Weise Sie in eine solche Lage gerieten.«

»Ich – ich wollte den Waldschwarzen fangen.«

»Sehr lobenswert! Doch das wollten wir alle, ohne deshalb in eine gleiche Situation zu kommen! Erzählen Sie!«

»Ich habe den Bestellort entdeckt, wo der Waldschwarze seine Zettel niederlegt.«

»Ah! Wo ist das?«

»Droben im Walde in einer kleinen Lichtung, Die Zettel liegen unter dem Steine.«

»Weiter!«

»Er hatte die Bande an den Stollen bestellt, und ich ging, sie zu belauschen.«

»Ohne mir vorher Notiz von Ihrer Entdeckung zu machen, die doch jedenfalls so wichtig war, daß Sie dies zu tun gezwungen waren?«

»Ich – ich wollte mich vorher überzeugen, ob der Zettel auch wirklich Wahrheit enthielt.«

»Wie fingen Sie das an?«

»Ich schlich mich zur angegebenen Zeit nach dem Stollen, erhielt aber gleich im nächsten Augenblick einen Schlag, der mich betäubte. Als ich erwachte, lag ich hier. Ich wurde dann vor die Pascher geführt und von ihnen zum Tode verurteilt. Ich war gefesselt und konnte mich nicht wehren. Schon lag der Strick um den Hals, und ich stand unter dem Nagel, da – da –«

»Nun – –?«

»Da wurde mir das Leben geschenkt.«

»Aber doch wohl nicht bedingungslos?«

»Ich sollte Mitglied werden,« antwortete er zögernd.

»Ah, jedenfalls in Form eines Spions, was?«

»Ja. Ich schlug es rund ab. Lieber sollten sie mich hängen!«

»Wirklich? Dann wären Sie auch gehängt worden und steckten nicht wohlbehalten hier im Verließ. Wollen Sie wohl die Wahrheit sagen? Der Waldschwarze befindet sich, wie Sie wohl gleich bei unserem Erscheinen geahnt haben, in unserer Gewalt und wird uns Aufklärung geben, wenn Sie dieselbe verweigern.«

»Ich – ich bat um Bedenkzeit, aber nur um Zeit zu gewinnen.«

»Schön. Haben Sie vielleicht gesehen, wer den Schlag auf Sie führte?«

»Nein.«

»Oder einen von den Männern erkannt?«

»Nein. Sie trugen Masken.«

»Machten Sie jemandem Mitteilung von Ihrer Entdeckung des Zettels?«

»Nein. Der Herr Leutnant waren ja der erste und einzige, dem ich das schuldig war! Es kam kein Wort davon über meine Lippen.«

»So? Nun, Feldwebel, Sie lügen, denn Sie haben mit dem Feldbauer darüber gesprochen.«

»Nur andeutungsweise,« versuchte sich der Feldwebel zu rechtfertigen.

»Nein, ausführlich! Und er hat Ihnen den Rat gegeben, die Meldung zu unterlassen und sich allein zum Stollen zu begeben. Ist es so oder nicht?«

»Ja,« gestand der Großsprecher jetzt kleinlaut.

»So sind wir nun im klaren. Ich will jetzt nicht untersuchen, was die von Ihnen erbetene Bedenkzeit für ein Resultat ergeben hätte; Sie empfinden schon jetzt die Folgen Ihres dienstwidrigen Verfahrens und werden auch weiter an ihnen zu leiden haben. Ich will Ihnen nur bemerken, daß Ihre Plauderhaftigkeit den Feldbauer oder den Waldschwarzen gleich vom ersten Augenblicke unseres Hierseins an in den Stand gesetzt hat, von allen unseren Schritten unterrichtet zu sein. Vernehmen Sie meinen strengen Befehl: Sie bleiben hier in Ihrer gegenwärtigen Lage; der Waldschwarze wird mit den Seinen kommen und Sie nach Ihrem Entschlusse fragen. Sie weisen sein Ansinnen entschieden zurück und ergeben sich dann in alles, selbst das Schlimmste, was man Ihnen androht. Wir werden im entscheidenden Augenblick zur Hilfe bereit sein. Nur eine strenge Befolgung dieser Verordnung kann uns Ihre Fehler in einem milderen Lichte erscheinen lassen.«

Er warf einen fragenden Blick auf den Amtshauptmann. Dieser nickte zustimmend und verschloß die Tür wieder. Auch der Eingang durch den Trichter, sowie die Umgebung des letzteren wurden in genauen Augenschein genommen.

Hierauf kehrte man zurück und stieg auch in den zweiten Schacht hinab, um zu sehen, ob sich dort unten etwas Bemerkenswertes finden lasse. Es zeigten sich mehrere Gänge, die alle außer einem ›vor Ort‹ abgebrochen waren. Dieser eine wurde verfolgt. Die verhältnismäßig gute Luft, welche sich in demselben befand, ließ vermuten, daß er auf irgend eine Weise mit der Oberwelt in Verbindung stehe. Er war sehr alt und teilweise verfallen, aber immer noch gangbar und mündete, wie sich endlich nach langer, mühevoller Wanderung zeigte, mitten in die senkrecht abfallende, verwitterte und vielfach zerklüftete Hinterwand eines alten, längst verfallenen Steinbruches. Hier hatte der Waldschwarze ein Zeichen seiner Anwesenheit zurückgelassen; ein eiserner Haken war in den Stein geschlagen und an diesen eine Strickleiter befestigt, welche zusammengerollt am Boden lag, jedenfalls aber lang genug war, um bis auf die Sohle des Steinbruches hinabzureichen.

»Dies ist wohl nur für den Fall der Flucht angebracht, wenn diese oben nicht mehr möglich sein sollte,« meinte der Amtshauptmann. »Kennen Sie den Bruch?«

»Ja,« antwortete Frieder. »Er liegt mitten im Forst, und es können Jahre vergehen, ehe ein Mensch dahin kommt. Ich meine auch, daß es für uns geratener sein wird, hier aufzusteigen, als droben im Schacht einzufahren; der Einstieg ist hier viel leichter als dort.«

Dem stimmten die anderen bei, und es wurde beschlossen, den Angriff von hier statt von der Zeche aus zu unternehmen. Dann stiegen sie vorsichtig wieder zu Tage und begaben sich auf wenig begangenen Wegen und einzeln zum Bachhofe.

*

Es war gegen Abend, als der Wagen des Feldbauern von der Straße nach dem Hofe einbog. Einer seiner Vertrauten, ein Knecht, hatte ihn bemerkt und eilte herbei, um die Pferde in Empfang zu nehmen.

»Ist was passiert?« fragte der Bauer.

»Nein. Alles in Ordnung!«

»Also gar nichts Neues?«

»Im Hof nicht, aber im Dorf. Das Militär zieht ab.«

»Warum?« klang überrascht die Frage.

»Sie müssen zum Manöver ins Niederland und kommen erst in vierzehn Tagen wieder. Der Leutnant ist schon da aus Steinertsgrün mit seinen Leuten, um die hiesige Truppe abzuholen; dann geht’s nach der Stadt, um mit dem Nachtzuge abzufahren.«

»Ohne den Waldschwarzen!« lachte der Bauer mit einem verständnisvollen Blick auf den langen, hageren Herrn, der mit ihm ausgestiegen war. »Schau, da kommen sie wirklich schon!«

Einen Tambour voran, welcher kräftig auf dem Kalbfelle wirbelte, marschierte das kleine Detachement, vom Leutnant kommandiert, aus dem Dorfe heraus, begleitet von einer Anzahl leidtragender Dorfjungen, welche den so plötzlichen Abschied der Söhne des Mars nicht gut verwinden konnten.

»Sie wollten einen holen, haben aber statt dessen einen da gelassen;« kicherte der Hagere. »Deine Sorge war ganz ohne allen Grund!«

»Das denkst bloß! Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wir sind auf vierzehn Tage sicher, und das auch nur vielleicht, dann aber geht die Hetze wieder los. Es bleibt dabei, ich mache mich davon.«

»Die Bäuerin mit der Tochter ist wohl nicht dabei?« erkundigte sich eine nähertretende Magd.

»Geht’s dich was an? Tue deine Sache, und bekümmere dich nicht um ungelegte Eier!«

Sie traten ein, saßen lange in leise geführtem, angelegentlichem Gespräch beieinander und benutzten dann einen unbewachten Augenblick, um nach der Brunnenstube zu gehen. Von hier aus ließen sie sich in den Stollen hinab, in welchen der Bauer unverweilt hineinschritt.

»Willst nicht erst nach den Weibern sehen?« fragte der andere.

»Fällt mir nicht ein. Morgen geht’s fort; dann hole ich sie herauf; jetzt aber habe ich keine Zeit, auf ihr Lamentieren zu achten.«

In der Niederlage angekommen, öffnete er den Schrank und zog die Bücher hervor, welche von dem anderen einer sorgfältigen Prüfung unterworfen wurden, wobei sie nicht bemerken konnten, daß einige hundert Schritte von ihnen entfernt bewaffnete Gestalten dem unteren Schachte entstiegen.

Frieder befand sich an ihrer Spitze. Er war gleich zurückgeblieben und hatte ihnen jetzt die Strickleiter zugeworfen. Ueber das, was bevorstand, war er zu Hause allen Erörterungen ausgewichen. Vielleicht hätte der Vater trotz seiner Blindheit gar gewünscht, bei der Affäre gegenwärtig zu sein, ein Verlangen, das Frieder bei der Schwierigkeit des Unternehmens nicht erfüllen konnte.

Jetzt war sowohl die ›Zeche‹, als auch der Einsturztrichter von Militär und Forst- und Zollbeamten wohl besetzt; auch um den Feldhof hatte man in einigem Abstand eine Kette gezogen, und im Stollen stand eine hinreichende Anzahl Soldaten, um den Paschern gewachsen zu sein. Der Abzug der Soldaten aus dem Dorfe war nur eine Finte gewesen.

Frieder schlich leise voran, hinter ihm zunächst der Leutnant und der Amtshauptmann mit dem Assessor.

Es war zehn Uhr, und die Entscheidung nahte. Sie gelangten so weit an den Vorratsraum heran, daß sie jedes Wort der beiden Sprechenden verstanden.

»Nun, machst mit?« fragte der Feldbauer. »Mich brennt’s an den Fersen, und deshalb habe ich dir viel Vorteil gelassen bei dem Handel. Meine Bedingungen kennst.«

»Ja, ich bin dabei; das Geschäft steht gut,« lautete die Antwort.

Sie schlugen ein.

Dann legte der Bauer die Bücher wieder in den Schrank zurück und zog ein Paket hervor.

»Das übrige tun wir später ab; jetzt müssen wir zu den Leuten, die schon längst gewartet haben. Hier hast alles, was wir brauchen!«

Sie legten Perücken und Bärte an, banden Larven vor und hüllten sich in unkenntlich machende Kleidungsstücke. Dann schob der Waldschwarze den Riegel zurück, blies die Laterne aus, welche ihnen bis jetzt geleuchtet hatte, und schlüpfte zwischen der sich bewegenden Mauer und der Stollenwand hindurch. Der andere folgte.

Die bereits vollständig versammelten Pascher erhoben sich bei ihrem Erscheinen. Ihre Gesichter waren nicht zu sehen, aber ihren Bewegungen konnte man die Befremdung darüber entnehmen, daß ihr Oberhaupt in Begleitung erschien. Da sprach der Schwarze:

»Ich habe euch bestellt, Leute, nicht um der gewöhnlichen Ursache willen, sondern aus einem anderen Grund. Ich trete heute zurück vom Geschäft und gebe euch an meiner Stelle einen anderen Anführer. Hier steht er. Er wird euch stets so unbekannt bleiben wie ich, aber stets auch so gut auf euren Vorteil sehen wie ich. Die Aenderung kann nicht leicht und schnell geschehen; sie muß zuvor gar reiflich von uns besprochen werden. Darum wird heute ein Rat abgehalten, bei dem ein jeder seine Meinung sagt.«

Die Schmuggler steckten überrascht die Köpfe zusammen; die Nachricht schien keinen guten Eindruck auf sie gemacht zu haben. Nach längerem Flüstern trat einer vor und sagte:

»Waldschwarzer, denkst etwa, du kannst uns verhandeln wie eine Herde Schafe oder Rinder, die sich’s ruhig gefallen läßt, wenn man ihr einen anderen Hirten gibt? Wir wollen …«

»Was ihr wollt, könnt ihr nachher sagen. Vielleicht trete ich nicht vollständig aus und gebe euch diesen nur als Stellvertreter. Ich habe euch doch gesagt, daß euer Vorteil garantiert werden soll, und ihr könnt versichert sein, daß ich nicht anders als mit eurer Zustimmung handeln werde.«

Das schien sie einigermaßen zu beruhigen.

»Und was wird mit dem Feldwebel?« fragte einer.

»Der kommt zunächst dran; aber es wird anders, als es ausgedacht war. Solange das Kommando hier war, konnte er nützen; jetzt ist’s weg, und er kann uns nur Schaden bringen. Er kennt den Stein und den Stollen; er merkt vielleicht auch, wer ihn herbeigelockt hat; er muß sterben, sonst sind wir von jetzt an keine Stunde mehr sicher. Seid ihr’s zufrieden?«

»Ja,« klang es dumpf und hohl wie zu schaurigem Gericht.

»Holt ihn heraus!«

Er gab den Schlüssel zu der Gefängnistür aus der Tasche; der Feldwebel wurde herbeigebracht.

»Buschwebel, wie hast du dich entschieden?« fragte ihn der Schwarze.

»Ich kann nicht auf eure Wünsche eingehen.«

»Gut, das verkürzt die Sache. Paß auf, wenn ich drei sage, drücke ich los.«

Er zog das Pistol aus dem Gürtel und erhob den Arm. Zwei der Pascher hielten den Gefesselten.

»Eins – zwei …«

»Halt – ergebt euch!« erscholl es da im Hintergrunde des Raumes, und in demselben Augenblicke wurde der Waldschwarze von zwei eisernen Armen gepackt. Frieder war herbeigesprungen und hielt ihn fest, daß er sich nicht zu rühren vermochte. An seiner Seite stand der Leutnant, den gezogenen Degen in der Hand, und über die ganze Breite des Raumes starrten den Versammelten drohende Gewehrläufe entgegen.

»Fort durch das Loch!« brüllte der Feldbauer, indem er sich unter dem Griffe Frieders vergeblich wand.

Die Pascher gehorchten dem Rufe. Sie stürzten, einer immer den andern drängend und hindernd, der Trichteröffnung zu. Der vorderste riß den Stein zurück und warf sich auf den Boden, um hindurchzukriechen.

»Halt, sonst schieße ich!« schallte es ihm entgegen.

Er fuhr zurück.

»Draußen steht der Kessel voll Grenzer!« rief er erschrocken.

»Laß los, sonst schieß‘ ich!« schäumte der Feldbauer.

Er rang den einen Arm empor und richtete den Lauf der Pistole über die Achsel hinweg auf Frieder; dieser riß den drohenden Arm zurück. Der Schuß krachte, die Kugel flog hart an dem Gesicht des Waldschwarzen vorüber, und der Blitz des Pulvers zuckte ihm in die Augen.

Einen fürchterlichen Schmerzensschrei ausstoßend, vereinigte der Feldbauer seine ganzen Kräfte zu einem gewaltigen Rucke. Der Hagere faßte in diesem Augenblicke nach Frieder; dieser mußte sich gegen ihn wenden; der Feldbauer kam frei und stürzte sich, halbgeblendet, mitten unter die Gegner. Der gewaltige Anprall warf diese auseinander; er erreichte die offenstehende Wand und schnellte den Stollen entlang dem Brunnen zu. Frieder erhob die Faust. Mit einem einzigen Schlage derselben schmetterte er den Hageren zu Boden und sprang dem Waldschwarzen nach. Dieser hörte die Schritte hinter sich; zum Aufgang durch den Brunnen blieb ihm keine Zeit übrig. Er eilte weiter, riß die Fahrt von der Erde auf, zerrte sie zum Schachte und hob sie ein.

»Steh‘, Waldschwarzer, der Frieder kommt!« donnerte es hinter ihm.

»Schau, ob du mich bekommst, Halunke!« antwortete jener grimmig.

Er schwang sich in das Mundloch. Aber der Schreck der Ueberraschung, die Angst vor den Verfolgern, der Schmerz in den geblendeten Augen und die Heftigkeit der Flucht verwirrten ihn. Sein Fuß glitt von der Sprosse, seine Hände griffen fehl; mit einem fürchterlichen Schrei stürzte der Waldschwarze in den Schlund hinab! … Frieder vernahm den Schrei und das polternde, dumpfe Geräusch des Falles; er hatte hier nichts mehr zu tun und eilte zurück. Die Pascher hatten die Gefährlichkeit und Nutzlosigkeit eines jeden Widerstandes erkannt und sich ergeben. Man war eben daran, sie zu binden. Der Hagere, welcher sich wieder emporgerafft hatte, sträubte sich dagegen am längsten. Er schrie:

»Ich protestiere gegen diese Behandlung. Ich gehöre nicht zu diesem Volk, sondern bin unschuldig hereingebracht worden.«

»Versuchen Sie keine Verteidigung; sie nützt Ihnen nichts!« gab der Amtshauptmann zur Antwort. »Wir waren ungesehene Zeugen Ihrer Verhandlung mit dem Feldbauer. Der neue Waldschwarze darf nicht auf Nachsicht rechnen, und Ihre Bücher werden uns wohl vollständig Auskunft geben über das ›Geschäft‹.«

»Wo ist der Feldbauer?« rief der Leutnant, welcher die Fesselung der Gefangenen überwachte, Frieder entgegen.

»In den Schacht gestürzt! Das Gericht Gottes hat ihn ereilt. Er hat sich selber geblendet und liegt nun zerschellt da unten, wo er die Frauen hinabgezwungen hatte.«

Die Bande des Feldwebels wurden nun auch beseitigt. Frieder war so rücksichtsvoll gewesen, den Entschluß des früheren Gegners, in den Dienst des Waldschwarzen zu treten, zu verschweigen.

Die Pascher wand man einzeln durch den Brunnen empor; sie wurden sofort unter Militärbegleitung an das Gerichtsamt abgeliefert. Der Amtshauptmann blieb mit dem Assessor zurück, um seinen Pflichten vollauf Genüge zu tun.

Die Nachricht von dem Geschehenen brachte eine ungeheure Aufregung im Dorfe hervor. Trotz der späten Stunde versammelte sich alt und jung, groß und klein auf der Gemeindewiese, um die Gefangenen abziehen zu sehen.

Die Nachricht, wer der Waldschwarze gewesen sei, steigerte die bisher gegen den Feldbauer gerichtete unfreundliche Gesinnung zum vollsten Grimme, und hätte er sich bei den Gefangenen befunden, er wäre sicherlich gelyncht worden. Ganz anders allerdings klang es, als Frieder aus dem Feldhof trat, um sich nach Hause zu begeben. Er war der große Held des Ereignisses und wurde beinahe auf den Händen nach dem Bachgute getragen.

»Endlich bist du wieder da!« empfing ihn der Vater. »Das war eine entsetzliche Ewigkeit, seit du fortgegangen bist. Draußen hat der Lärm gewährt schon über eine Stunde, und ich sehe nichts, ich weiß nichts und möchte doch vor Erwartung und Angst um dich an der Wand emporlaufen! Wie ist’s gegangen?«

»Gut. Nicht ein Tropfen Blut ist geflossen, und wir haben sie alle bekommen. Hört!«

Er stattete den atemlos lauschenden Eltern seinen Bericht ab.

»Hätte ich nur eine Viertelstunde zu sehen vermocht,« rief der Blinde am Schlusse desselben, »ich gäbe fünf Jahre vom Leben dafür hin! So aber muß ich alles versäumen, worauf meine Sehnsucht ging so lange Zeit. Doch eines muß ich haben! Wo liegt der Waldschwarze?«

»Im Feldhof. Man hat ihn heraufgeschafft; er ist zerschellt und zerschmettert, daß man sich vor ihm graut.«

»So führst mich hin zu ihm. Die Rache ist zu Ende; der Herrgott hat’s geschafft. Aber meine Hand muß es fühlen, ob’s auch wahr ist. Dann will ich seiner gedenken als eines Toten, dem man verzeiht um der Seinen willen.«

Frieder suchte nun Martha auf. Sie befand sich bei der Mutter und sprang bei seinem Erscheinen empor, um sich an seine Brust zu werfen.

»Gott sei Dank, daß du lebst! O, was habe ich gelitten, seit du fort bist! Ich habe dich nicht anders gesehen als tot, gemordet vom – von dem, den du fangen willst!« …

Die Kranke richtete sich langsam empor.

»Ist’s vorüber, Frieder?« fragte sie.

»Ja. Besser als zu vermuten war. Er wird nicht mit Verhör und Gefangenschaft gemartert werden, – er ist tot, hinabgestürzt in den Schacht.«

Daß der Oheim mit ergriffen worden sei, verschwieg Frieder ihr jetzt noch. Sie legte sich zurück und faltete die Hände.

»Was Gott tut, das ist wohlgetan, so will ich denken und mich von nun an nur an eurem Glück erfreuen!« – –

Das Militärkommando verließ, dieses Mal nicht bloß zum Schein, nach einigen Tagen die Gegend. Viele Familien gerieten ins Elend dadurch, daß ihr Ernährer ein Mitglied der Schmugglerbande gewesen war, gegen welche eine außerordentlich verwickelte und langwierige Untersuchung eingeleitet wurde, die mit der Verurteilung aller Beteiligten endete.

Der Feldhof steht noch; er ist in fremde Hände übergegangen. Die unterirdischen Gänge wurden verschüttet, die Brunnen ausgefüllt und jede Spur von der dunklen Residenz des Waldschwarzen vernichtet; aber sein Andenken bleibt an dem Hofe haften und wird niemals von ihm zu trennen sein.

Wer heute den Bachhof besucht, darf versichert sein, alle Zeichen eines rechten Glückes vorzufinden. Der Goliath lebt noch als ein rüstiger Greis, den der Verlust des Augenlichtes nicht hindert, fröhlich mit den Seinigen zu sein. Auch die Bäuerin ist noch derselbe milde, freundliche Charakter wie früher, und ihrem Einflusse ist es zum größten Teile zuzuschreiben, daß Marthas Mutter die Tage des schwersten Leidens glücklich überstanden hat. Frieder ist der tüchtigste und angesehenste Mann der Umgebung und seine Frau ein Engel für jeden Hilfsbedürftigen. Das kleine Töchterchen, welches an ihrer Hand durch das Gras des Gartens zappelt, ist bis auf die großen, blauen Augen ganz ihr Ebenbild, und der Junge, welcher, auf dem Baume sitzend, beide mit Kirschen bombardiert, gibt alle Hoffnung, daß das Geschlecht der Riesen vom Bachhofe auch ferner gedeihen werde.

In der Wohnstube hängt unter Glas und Rahmen der Lebensbaumzweig, den Frieder am Grabe seines Bruders an den Hut gesteckt und erst nach vollendetem Werke wieder heruntergenommen hatte.

Der Buschwebel hat den Abschied nehmen müssen und ist mit seinem Erbteile in die Fremde gegangen. Niemand weiß etwas Näheres über ihn. – – –

 

 

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