Unterm Tannenbaum

Ei­ne Däm­mer­stun­de

Es war das Ar­beits­zim­mer ei­nes Be­am­ten. Der Ei­gen­tü­mer, ein Mann in den Vier­zi­gern, mit scharf aus­ge­präg­ten Ge­sichts­zü­gen, aber mil­den, licht­blau­en Au­gen un­ter dem schlich­ten, hell­blon­den Haar, saß an ei­nem mit Bü­chern und Pa­pie­ren be­deck­ten Schreib­tisch, da­mit be­schäf­tigt, ein­zel­ne Schrift­stü­cke zu un­ter­zeich­nen, wel­che der da­ne­ben­ste­hen­de al­te Amts­bo­te ihm über­reich­te. Die Nach­mit­tags­son­ne des De­zem­ber be­leuch­te­te eben mit ih­rem letz­ten Strahl das gro­ße schwar­ze Tin­ten­faß, in das er dann und wann die Fe­der tauch­te. End­lich war al­les un­ter­schrie­ben.

“Ha­ben Herr Amts­rich­ter sonst noch et­was?” frag­te der Bo­te, in­dem er die Pa­pie­re zu­sam­men­leg­te.

“Nein, ich dan­ke Ih­nen.”

“So ha­be ich die Eh­re, ver­gnüg­te Weih­nach­ten zu wün­schen.”

“Auch Ih­nen, lie­ber Erd­mann.”

Der Bo­te sprach ei­nen der mit­tel­deut­schen Dia­lek­te; in dem To­ne des Amts­rich­ters war et­was von der Här­te je­nes nörd­lichs­ten deut­schen Volks­stam­mes, der vor we­ni­gen Jah­ren, und dies­mal ver­geb­lich, in ei­nem sei­ner al­ten Kämp­fe mit dem frem­den Nach­bar­vol­ke ge­blu­tet hat­te. – Als sein Un­ter­ge­be­ner sich ent­fern­te, nahm er un­ter den Pa­pie­ren ei­nen an­ge­fan­ge­nen Brief her­vor und schrieb lang­sam dar­an wei­ter.

Die Schat­ten im Zim­mer fie­len im­mer tie­fer. Er sah nicht die schlan­ke Frau­en­ge­stalt, die hin­ter ihm mit lei­sen Schrit­ten durch die Tür ge­tre­ten war; er be­merk­te es erst, als sie den Arm um sei­ne Schul­ter leg­te. – Auch ihr Ant­litz war nicht mehr jung; aber in ih­ren Au­gen war noch je­ner Aus­druck von Mäd­chen­haf­tig­keit, den man bei Frau­en, die sich ge­liebt wis­sen, auch noch nach der ers­ten Ju­gend fin­det. “Schreibst du an mei­nen Bru­der?” frag­te sie, und in ih­rer Stim­me, nur et­was mehr ge­mil­dert, war die­sel­be Klang­far­be wie in der ih­res Man­nes.

Er nick­te. “Lies nur selbst!” sag­te er, in­dem er die Fe­der fort­leg­te und zu ihr em­por­sah.

Sie beug­te sich über ihn her­ab; denn es war schon däm­me­rig ge­wor­den. So las sie, lang­sam wie er ge­schrie­ben hat­te:

“Ich bin wie­der ge­sund und ar­beits­fä­hig – glück­li­cher­wei­se; denn das ist die Not der Frem­de, daß man den Bo­den, wor­auf man steht, sich in je­der Stun­de neu er­schaf­fen muß. So schlecht es im­mer sein mag, dar­in habt Ihr es doch gut da­heim; und wer wä­re nicht gern ge­blie­ben, wenn er nur ein Stück Brot und je­nes un­ent­behr­li­che ‘sanf­te Ru­he­kis­sen’ des al­ten Sprich­worts sich hät­te er­hal­ten kön­nen.”

Sie leg­te schwei­gend die Hand auf sei­ne Stirn, wäh­rend er, der ih­ren Au­gen ge­folgt war, das Blatt um­wand­te. Dann las sie wei­ter:

“Der gu­ten und klu­gen Frau, die Du vo­ri­ge Weih­nach­ten bei uns hast ken­nen ler­nen, bin ich so glück­lich ge­we­sen, durch die Ver­mitt­lung ei­nes Ver­gleichs mit ih­rem Guts­nach­barn ei­nen­wirk­li­chen Dienst zu leis­ten; der schö­ne, so sehr von ihr be­gehr­te Wald ist seit kur­zem end­lich in ih­ren Be­sitz ge­langt. Hät­ten wir mor­gen für Dei­nen Freund Har­ro nur ei­ne Tan­ne aus die­sem Wal­de; denn hier ist vie­le Mei­len in die Run­de kein Na­del­holz zu fin­den. Was aber ist ein Weih­nachts­abend oh­ne je­nen Baum mit sei­nem Duft voll Wun­der und Ge­heim­nis?”

“Aber du”, sag­te der Amts­rich­ter, als sei­ne Frau ge­le­sen hat­te, “du bringst in dei­nen Klei­dern den Duft des ech­ten Weih­nachts­abends!” Sie lang­te lä­chelnd in den Schlitz ih­res Klei­des und leg­te ein gro­ßes Stück brau­nen Weih­nachts­ku­chen vor ihm auf den Tisch. “Sie sind eben vom Bä­cker ge­kom­men”, sag­te sie, “prob‘ nur; dei­ne Mut­ter backt sie dir nicht bes­ser!”

Er brach ei­nen Bro­cken ab und prüf­te ihn ge­nau; aber er fand al­les, was ihn als Kna­ben dar­an ent­zückt hat­te; die Mas­se war glas­hart, die ein­ge­roll­ten Stück­chen Zu­cker wohl zer­gan­gen und kan­diert. “Was für gu­te Geis­ter aus die­sem Ku­chen stei­gen”, sag­te er, sich in sei­nen Ar­beits­stuhl zu­rück­leh­nend; “ich se­he plötz­lich, wie es da­heim in dem al­ten stei­ner­nen Hau­se Weih­nacht wird. – Die Mes­sing­tür­klin­ken sind wo­mög­lich noch blan­ker als sonst; die gro­ße glä­ser­ne Flur­lam­pe leuch­tet heu­te noch hel­ler auf die Stuck­schnör­kel an den sau­ber ge­weih­ten Wän­den; ein Kin­der­strom um den an­de­ren, sin­gend und bet­telnd, drängt durch die Haus­tür; vom Kel­ler her­auf aus der ge­räu­mi­gen Kü­che zieht der Duft des Ge­bäcks in ih­re Na­sen. das dort in dem gro­ßen kup­fer­nen Kes­sel über dem Feu­er pras­selt. – Ich se­he al­les; ich se­he Va­ter und Mut­ter – Gott sei ge­dankt, sie le­ben bei­de! Aber die Zeit, in die ich hin­ab­bli­cke, liegt in so tie­fer Fer­ne der Ver­gan­gen­heit! – Ich bin ein Kna­be noch! – Die Zim­mer zu bei­den Sei­ten des Flurs sind er­leuch­tet; rechts ist die Weih­nachts­stu­be. Wäh­rend ich vor der Tür ste­he, hor­chend, wie es drin­nen in dem Knit­ter­gold und in den Tan­nen­zwei­gen rauscht, kommt von der Hof­trep­pe her­auf der Kut­scher, ei­ne Stan­ge mit ei­nem Wachs­lich­tend­chen in der Hand. – ‘Schon an­zün­den, Thoms?’ Er schüt­telt schmun­zelnd den Kopf und ver­schwin­det in die Weih­nachts­stu­be. – Aber wo bleibt denn On­kel Erich? – Da kommt es drau­ßen die Trep­pe hin­auf; die Haus­tür wird auf­ge­ris­sen. Nein, es ist nur sein Lehr­ling, der die lan­ge Pfei­fe des ‘Herrn Rats­ver­wand­ters’ bringt; ihm nach quillt ein­neu­er Strom von Kin­dern; zehn klei­ne Keh­len auf ein­mal stim­men an: ‘Vom Him­mel hoch, da komm’ ich her!’ Und schon ist mei­ne Groß­mut­ter mit­ten zwi­schen ih­nen, die al­te, ge­schäf­ti­ge Frau, den Spei­se­kam­mer­schlüs­sel am klei­nen Fin­ger, ei­nen Tel­ler voll Ge­bäcks in der Hand. Wie blitz­schnell das ver­schwin­det! Auch ich er­wi­sche mein Teil da­von, und eben kommt auch mei­ne Schwes­ter mit dem Kin­der­mäd­chen, fest­lich ge­klei­det, die lan­gen Zöp­fe frisch ge­floch­ten. Ich aber hal­te mich nicht auf; ich sprin­ge drei Stu­fen auf ein­mal die Trep­pe nach dem Hof hin­ab.”

Es war all­mäh­lich dun­kel ge­wor­den; die Frau des Amts­rich­ters hat­te lei­se ei­nen Ak­ten­stoß von ei­nem Stuhl ent­fernt und sich an die Sei­te ih­res Man­nes ge­setzt.

“Drü­ben in dem Sei­ten­ge­bäu­de ist das Ar­beits­zim­mer mei­nes Va­ters. Auf die Vor­die­le dort fällt heu­te kein Licht­schein aus dem Tür­fens­ter der Schrei­ber­stu­be; der al­te Tau­send­künst­ler ist von mei­ner Mut­ter drin­nen bei den Weih­nachts­ge­heim­nis­sen an­ge­stellt. Aber ich tap­pe mich im Dun­keln vor­wärts; denn ge­gen­über in sei­nem Zim­mer hö­re ich die Schrit­te mei­nes Va­ters. Er ar­bei­tet schon nicht mehr. Ich öff­ne lei­se die Tür; wie deut­lich se­he ich ihn vor mir, ihn selbst und das gro­ße, ver­räu­cher­te Ge­mach, in dem der har­te Schlag der al­ten Wand­uhr pickt! Mit ei­ner fei­er­li­chen Un­ru­he geht er zwi­schen den mit Pa­pie­ren be­deck­ten Ti­schen um­her, in der ei­nen Hand den Mes­sin­gleuch­ter mit der bren­nen­den Ker­ze, die an­de­re vor­ge­streckt, als sol­le jetzt al­les Stö­ren­de fern­ge­hal­ten wer­den. Er öff­net die Schub­la­de sei­nes klei­nen Steh­pults und nimmt die gro­ße gol­de­ne Ta­ba­tie­re aus der Fisch­haut­kap­sel, einst ein Ge­schenk der Ur­groß­mut­ter an ih­ren Bräu­ti­gam, dann nach des Ur­groß­va­ters To­de ei­ne Eh­ren- und Ver­trau­ens­ga­be an ihn. Aber er ist noch nicht fer­tig; aus dem Geld­körb­chen wer­den blan­ke Sil­ber­mün­zen für die Dienst­bo­ten her­vor­ge­sucht, ei­ne Gold­mün­ze für den Schrei­ber. ‘Ist On­kel Erich schon da?’ fragt er, oh­ne sich nach mir um­zu­se­hen. – ‘Noch nicht, Va­ter! Darf ich ihn ho­len?’ – ‘Das könn­test du ja tun.’ Und fort ren­ne ich durch das Wohn­haus auf die Stra­ße, um die Ecke am Ha­fen ent­lang, und wäh­rend ich drun­ten aus der Däm­me­rung das Pfei­fen des Win­des in den Tau­en der Schif­fe hö­re, ha­be ich das al­te Gie­bel­haus mit dem Vor­bau er­reicht. Die Tür wird auf­ge­ris­sen, daß die Klin­gel weit­hin durch Flur und Pe­sel schallt. – Vor dem La­den­tisch steht der al­te Kom­mis, der das De­tail­ge­schäft lei­tet. Er sieht mich et­was gräm­lich an. ‘Der Herr ist in sei­nem Kon­tor’, sag­te er tro­cken; er liebt die wil­de, na­se­wei­se Ran­ge nicht. Aber, was geht’s mich an. – Fort mach’ ich hin­ten zur Hof­tür hin­aus, über zwei klei­ne fins­te­re Hö­fe, dann in ein ural­tes selt­sa­mes Ne­ben­ge­bäu­de, in wel­chem sich das Al­ler­hei­ligs­te des On­kels be­fin­det. Oh­ne Un­fall kom­me ich durch den en­gen dun­keln Gang und klop­fe an ei­ne Tür. – ‘Her­ein!’ Da sitzt der klei­ne Herr in dem fei­nen, brau­nen Tuch­rock an sei­nem mäch­ti­gen Ar­beitspult; der Schein der Kon­tor­lam­pe fällt auf sei­ne freund­li­chen klei­nen Au­gen und auf die mäch­ti­ge Fa­mi­li­en­na­se, die über den frisch­ge­stärk­ten Va­ter­mör­dern hin­aus­ragt. – ‘On­kel, ob du nicht kom­men woll­test?’ sa­ge ich, nach­dem ich Atem ge­schöpft ha­be. – ‘Wol­len wir uns noch ei­nen Au­gen­blick set­zen!’ er­wi­dert er, in­dem sei­ne Fe­der sum­mie­rend über das Fo­li­um des auf­ge­sch­la­ge­nen Haupt­buchs hin­ab­glei­tet. – Mir wird ganz be­hag­lich zu Sin­ne, ich wer­de nicht ein biß­chen un­ge­dul­dig; aber ich set­ze mich auch nicht; ich blei­be ste­hen und be­se­he mir die Eng­lands- und West­in­di­en­fah­rer des On­kels, de­ren Bil­der an der Wand hän­gen. Es dau­ert auch nicht lan­ge, so wird das Haupt­buch herz­haft zu­ge­klappt, der Schlüs­sel­bund ras­selt und: ‘Sieh so’, sagt der On­kel, ‘fer­tig wä­ren wir!’ Wäh­rend er sein spa­ni­sches Rohr aus der Ecke langt, will ich schon wie­der aus der Tür; aber er hält mich zu­rück. ‘Ah, wart’ doch mal ein we­nig! Wir hät­ten hier wohl noch so et­was mit­zu­neh­men.’ Und aus ei­ner dun­keln Ecke des Zim­mers holt er zwei wohl­ver­sie­gel­te, ge­heim­nis­vol­le Päck­chen. – Ich wuß­te es wohl, in sol­chen Päck­chen steck­te ein Stück leib­haf­ti­gen We’hnach­tens; denn der On­kel hat­te ei­nen Bru­der in Ham­burg, und er trat nicht mit lee­ren Hän­den an den Tan­nen­baum. So nie ge­se­he­nes, mär­chen­haf­tes Zu­cker­zeug, wie er mit­ten in der Be­sche­rung noch mir und mei­ner Schwes­ter auf un­se­re Weih­nacht­stel­ler zu le­gen pfleg­te, ist mir spä­ter nie­mals wie­der vor­ge­kom­men.

Bald dar­auf stei­ge ich an der Hand des On­kels die brei­te Stein­trep­pe zu un­se­rem Hau­se hin­auf. Ein paar Au­gen­bli­cke ver­schwin­det er mit sei­nen Päck­chen in die Weih­nachts­stu­be; es ist noch nicht an­ge­zün­det, aber durch die halb­ge­öff­ne­te und rasch wie­der ge­schlos­se­ne Tür glit­zert es mir ent­ge­gen aus der noch drin­nen herr­schen­den ah­nungs­vol­len Däm­me­rung. Ich schlie­ße die Au­gen, denn ich will nichts se­hen, und tre­te in das ge­gen­über­lie­gen­de, fest­lich er­leuch­te­te Zim­mer, das ganz von dem Duft der brau­nen Ku­chen und des heu­te be­son­ders fein ge­misch­ten Tees er­füllt ist. Die Hän­de auf dem Rü­cken mit lang­sa­men Schrit­ten geht mein Va­ter auf und nie­der. ‘Nun, seid ihr da?’ fragt er ste­hen­blei­bend. – Und schon ist auch On­kel Erich bei uns; mir scheint, die Stu­be wird noch ein­mal so hell, da er ein­tritt. Er grüßt die Groß­mut­ter, den Va­ter; er nimmt mei­ner Schwes­ter die Tas­se ab, die sie ihm auf dem gel­bla­ckier­ten Brett­chen prä­sen­tiert. ‘Was meinst du’, sag­te er, in­dem er sei­nen Au­gen ei­nen be­denk­li­chen Aus­druck zu ge­ben sucht, ‘es wird wohl heu­te nicht viel für uns ab­fal­len!’ Aber er lacht da­bei so tröst­lich, daß die­se Wor­te wie ei­ne gol­de­ne Ver­hei­ßung klin­gen. Dann, wäh­rend in dem blan­ken Mes­sing­kom­fort der Tee­kes­sel saust, be­ginnt er ei­ne sei­ner klei­nen Er­zäh­lun­gen von den Be­ge­ben­hei­ten der letz­ten Ta­ge, seit man sich nicht ge­se­hen. War es nun der An­kauf ei­nes neu­en Spa­zier­stocks oder das un­glück­li­che Zer­bre­chen ei­ner Mund­tas­se, es floß al­les so sanft da­hin, daß man ganz da­von er­quickt wur­de. Und wenn er gar ei­ne Pau­se mach­te, um das bis­her Er­zähl­te im be­hag­lichs­ten Ge­läch­ter nach­zu­ge­nie­ßen, wer hät­te da nicht mit­ge­lacht! Mein Va­ter nimmt ver­geb­lich sei­ne kri­ti­sche Pri­se; er muß end­lich doch mit ein­stim­men. Dies harm­lo­se Ge­plau­der – es ist mir das erst spä­ter klar ge­wor­den – war die Art, wie der tä­ti­ge Ge­schäfts­mann von der Ta­ges­ar­beit aus­ruh­te. Es klingt mir noch lieb in der Er­in­ne­rung, und mir ist, als ver­stän­de das jetzt nie­mand mehr. – Aber wäh­rend der On­kel so er­zählt, steckt plötz­lich mei­ne Mut­ter, die seit Mit­tag un­sicht­bar ge­we­sen ist, den Kopf ins Zim­mer. Der On­kel macht ein Kom­pli­ment und bricht sei­ne Ge­schich­te ab; die Tür und die ge­gen­über­lie­gen­de Tür wer­den weit ge­öff­net. Wir tre­ten zö­gernd ein; und vor uns, zu­rück­ge­strahlt von dem gro­ßen Wand­spie­gel, steht der bren­nen­de Baum mit sei­nen Flit­ter­gold­fähn­chen, sei­nen wei­ßen Net­zen und gol­de­nen Ei­ern, die wie Kin­der­träu­me in den dun­keln Zwei­gen hän­gen.”

“Paul”, sag­te die Frau, “und wenn wir ihn noch so weit her­bei­schaf­fen soll­ten, wir müs­sen wie­der ei­nen Tan­nen­baum ha­ben. Der ar­me Jun­ge hat sich selbst ei­nen Weih­nachts­gar­ten ge­baut; er ist­nur eben wie­der fort, um Moos aus dem Ei­chen­wäld­chen zu ho­len.”

Der Amts­rich­ter schwieg ei­nen Au­gen­blick. – “Es tut nicht gut, in die Frem­de zu ge­hen”, sag­te er dann, “wenn man da­heim schon am ei­ge­nen Herd ge­ses­sen hat. – Mir ist noch im­mer, als sei ich hier nur zu Gas­te, und mor­gen oder über­mor­gen sei die Zeit her­um, daß wir al­le wie­der nach Hau­se müß­ten!”

Sie faß­te die Hand ih­res Man­nes und hielt sie fest in der ih­ri­gen, aber sie ant­wor­te­te nichts dar­auf.

“Ge­denkst du noch an ei­ne Weih­nach­ten?” hub er wie­der an. “Ich hat­te die Stu­den­ten­jah­re hin­ter mir und leb­te nun noch ein­mal, zum letz­ten­mal, ei­ne kur­ze Zeit als Kind im el­ter­li­chen Hau­se. Frei­lich war es dort nicht mehr so hei­ter, wie es einst ge­we­sen; es war Un­ver­geß­li­ches ge­sche­hen, die al­te Fa­mil­len­gruft un­ter der gro­ßen Lin­de war ein paar­mal of­fen ge­we­sen; mei­ne Mut­ter, die un­er­müd­lich tä­ti­ge Frau, ließ oft mit­ten in der Ar­beit die Hän­de sin­ken und stand re­gungs­los, als ha­be sie sich selbst ver­ges­sen. Wie un­se­re al­te Mar­g­ret sag­te, sie trug ein Käm­mer­chen in ih­rem Kopf, drin spiel­te ein to­tes Kind. – Nur On­kel Erich, frei­lich ein we­nig grau­er als sonst, er­zähl­te noch sei­ne klei­nen freund­li­chen Ge­schich­ten, und auch die Schwe­ster und die Groß­mut­ter leb­ten noch. Da­mals war je­ner Weih­nachts­abend; ein jun­ges, schö­nes Mäd­chen war zu der Schwes­ter auf Be­such ge­kom­men. Weißt du, wie sie hieß?” – “El­len”, sag­te sie lei­se und lehn­te den Kopf an die Brust ih­res Man­nes.

Der Mond war auf­ge­gan­gen und be­leuch­te­te ein paar Sil­ber­fä­den in dem brau­nen sei­di­gen Haar, das sie schlicht ge­schei­telt trug, schmuck­los in ei­ner Flech­te um den Schild­platt­kamm ge­legt.

Er strich mit der Hand über dies noch im­mer sel­ten schö­ne Haar. “El­len hat­te auch be­schert be­kom­men”, sprach er wei­ter; “auf dem klei­nen Ma­ha­go­ni­ti­sche la­gen Ge­schen­ke von mei­ner Mut­ter und was von ih­ren El­tern von drü­ben aus dem Schwes­ter­lan­de her­über­ge­schickt war. Sie stand mit dem Rü­cken ge­gen den bren­nen­den Baum, die Hand auf die Tisch­plat­te ge­stützt; sie­stand schon lan­ge so; ich se­he sie noch” – und er ließ sei­ne Au­gen ei­ne Wei­le schwei­gend auf dem schö­nen Ant­litz sei­ner Frau ru­hen – “da war mei­ne Mut­ter un­be­merkt zu ihr ge­tre­ten; sie faß­te sanft ih­re Hand und sah ihr fra­gend in die Au­gen. – El­len blick­te nicht um, sie neig­te nur den Kopf; plötz­lich aber rich­te­te sie sich rasch auf und ent­floh ins Ne­ben­zim­mer. Weißt du es noch? Wäh­rend mei­ne Mut­ter lei­se den Kopf schüt­tel­te, ging ich ihr nach; denn seit ei­nem klei­nen Zank am letz­ten Abend wa­ren wir­ver­trau­te Freun­de. El­len hat­te sich in der Ofen­ecke auf ei­nen Stuhl ge­setzt; es war fast dun­kel dort; nur ei­ne­ver­ges­se­ne Ker­ze mit lan­ger Schnup­pe brann­te in dem Zim­mer. ‘Hast du Heim­weh, El­len?’ frag­te ich. – ’Ich weiß es nicht!’ – Ei­ne Wel­le stand ich schwei­gend vor ihr. ‘Was hast du denn da in der Hand?’ – ‘Willst du es ha­ben?’ – Es war ei­ne Bör­se von dun­kel­ro­ter Sei­de. Wenn du sie für mich ge­macht hast’, sag­te ich; denn ich hat­te die Ar­beit in den Ta­gen zu­vor in ih­ren Hän­den ge­se­hen und wohl be­merkt, wie El­len sie, so­bald ich nä­her­kam, in ih­rem Näh­käst­chen ver­schwin­den ließ. – Aber El­len ant­wor­te­te nicht und gab mir auch nicht ihr An­ge­bin­de. Sie stand auf und putz­te das Licht, daß es plötz­lich ganz hell im Zim­mer wur­de. ‘Komm’, sag­te sie, ‘der Baum brennt ab, und On­kel Erich will noch Zu­cker­zeug be­sche­ren!’ Da­mit weh­te sie sich mit ih­rem Schnupf­tuch ein paar­mal um die Au­gen und ging in die Weih­nachts­stu­be zu­rück, und als wir dann spä­ter am Poch­brett sa­ßen, war sie die Aus­ge­las­sens­te von al­len. Von mei­nem Weih­nachts­ge­schenk war wei­ter nicht die Re­de. – Aber weißt du, Frau?” – Und er ließ ih­re Hand los, die er bis da­hin fest­ge­hal­ten. “Die Mäd­chen soll­ten nicht so ei­gen­sin­nig sein; das hat mir da­mals kei­ne Ruh’ ge­las­sen; ich muß­te doch die Bör­se ha­ben, und dar­über -”

“Dar­über, Paul? – Sprich nur dreist her­aus!”

“Nun, hast du denn von der Ge­schich­te nichts ge­hört? Dar­über be­kam ich nun auch noch das Mäd­chen in den Kopf.”

“Frei­lich”, sag­te sie, und er sah bei dem hel­len Mond­schein in ih­ren Au­gen et­was blit­zen, das ihn an das über­mü­ti­ge Mäd­chen erin­ner­te, das sie einst ge­we­sen, “frei­lich weiß ich von der Ge­schich­te, und ich kann sie dir auch er­zäh­len; aber es war ein Jahr spä­ter, nicht am Weih­nachts-, son­dern am Neu­jahrs­abend, und auch nicht hü­ben, son­dern drü­ben.”

Sie räum­te das Tin­ten­faß und ei­ni­ge Pa­pie­re bei­sei­te und setz­te sich ih­rem Man­ne ge­gen­über auf den Schreib­tisch. “Der Vet­ter war bei El­lens El­tern zum Be­such, bei dem al­ten präch­ti­gen Kirch­spiel­vogt, der da­mals noch ein star­ker Nim­rod war. – El­len hat­te noch nie­mals ei­nen so schö­nen und lan­gen Brief be­kom­men als den, wor­in der Vet­ter sich bei ih­nen an­ge­mel­det; aber so gut wie mit der Fe­der wuß­te er mit der Flin­te nicht um­zu­ge­hen. Und den­noch, tat es die Land­luft oder der schö­ne Ge­wehr­schrank im Zim­mer des Kirch­spiel­vogts, es war nicht an­ders, er muß­te al­le Ta­ge auf die Jagd. Und wenn er dann abends durchnäßt mit lee­rer Ta­sche nach Hau­se kam und die Flin­te schwei­gend in die Ecke setz­te – wie be­hag­lich er­gin­gen sich da die Sti­chel­re­den des al­ten Herrn! – ‘Das heißt Mal­heur, Vet­ter; aber die Ha­sen sind heu­er al­le wild ge­ra­ten!’ – Oder: ‘Mein Her­zens­jun­ge, was soll die Dia­na ein­mal von dir den­ken!’ Am meis­ten aber – du hörst doch, Paul?”

“Ich hö­re, Frau.”

“Am meis­ten plag­te ihn die El­len; sie setz­te ihm heim­lich ei­nen Stroh­kranz auf, sie band ihm ei­nen Gän­se­flü­gel vor den Flin­ten­lauf; ei­nes Vor­mit­tags – weißt du, es war Schnee ge­fal­len – hat­te sie ei­nen Ha­sen, den der Knecht ge­schos­sen, aus der Spei­se­kam­mer ge­holt, und ei­ne Wei­le dar­auf saß er noch ein­mal auf sei­nem al­ten Fut­ter­platz im Gar­ten, als wenn er leb­te, ein Kohl­blatt zwi­schen den Vor­der­läu­fen. Dann hat­te sie den Vet­ter ge­sucht und an die Hof­tür ge­zo­gen. Siehst du ihn, Paul? da­hin­ten im Kohl; die Löf­fel gu­cken aus dem Schnee!’ ­Er sah ihn auch; sei­ne Hand zit­ter­te. Still, El­len! Sprich nicht so laut! Ich will die Flin­te ho­len!’ Aber als kaum die Tür nach des Va­ters Stu­be hin­ter ihm zu­klapp­te, war El­len schon wie­der in den Schnee hin­aus­ge­lau­fen, und als er end­lich mit der ge­la­de­nen Flin­te her­ansch­lich, hing auch der Ha­se schon wie­der an sei­nem si­che­ren Ha­ken in der Spei­se­kam­mer. – Aber der Vet­ter ließ sich ge­dul­dig von ihr pla­gen.”

“Frei­lich”, sag­te der Amts­rich­ter und leg­te sei­ne Ar­me be­hag­lich auf die Leh­ne sei­nes Ses­sels, “er hat­te ja die Bör­se noch im­mer nicht!”

“Drum auch! Die lag noch un­an­ge­rührt dro­ben in der Kom­mo­de, in El­lens Gie­bel­stüb­chen. Aber – wo die El­len war, da war der Vet­ter auch; heißt das, wenn er nicht auf der Jagd war. Saß sie drin­nen ­an ih­rem Näh­tisch, so hat­te er ge­wiß ir­gend­ein Buch aus der Pol­ter­kam­mer ge­holt und las ihr dar­aus vor; war sie in der Kü­che und back­te Waf­feln, so stand er ne­ben ihr, die Uhr in der Hand, da­mit das Ei­sen zur rech­ten Zeit ge­wen­det wür­de. – So kam die Neu­jahrs­nacht. Am Nach­mit­tag hat­ten bei­de auf dem Ho­fe mit des Va­ters Pis­to­len nach gol­de­nen Ei­ern ge­schos­sen, die El­len vom Weih­nachts­baum ih­rer Ge­schwis­ter ab­ge­schnit­ten; und der Vet­ter hat­te un­ter dem Hän­de­klat­schen der Klei­nen zwei­mal das gol­de­ne Ei ge­trof­fen. Aber war’s nun, weil er am an­de­ren Ta­ge rei­sen muß­te, oder war’s, weil El­len fort­lief, als er sie vor­hin al­lein in ih­rem Zim­mer auf­ge­sucht hat­te – es war gar nicht mehr der ge­dul­di­ge Vet­ter – er tat kurz und un­wirsch und sah kaum noch nach ihr hin. – Das blieb den gan­zen Abend so; auch als man spä­ter sich zu Tisch setz­te. El­lens Mut­ter warf wohl ein­mal ei­nen fra­gen­den Blick auf die bei­den, aber sie sag­te nichts dar­über. Der Kirch­spiel­vogt hat­te auf an­de­re Din­ge zu ach­ten, er schenk­te den Punsch, den er ei­gen­hän­dig ge­braut hat­te; und als es drun­ten im Dor­fe zwölf schlug, stimm­te er das al­te Neu­jahrs­lied von Jo­hann Hein­rich Voß an, das nun ge­treu­lich durch al­le Ver­se ab­ge­sun­gen wur­de. Dann rief man ‘Pro­sit Neu­jahr!’ und schüt­tel­te sich die Hän­de, und auch El­len reich­te dem Vet­ter ih­re Hand; aber er be­rühr­te kaum ih­re Fin­ger­spit­zen. – So war’s auch, da man sich bald dar­auf gu­te Nacht sag­te. – Als das Mäd­chen dro­ben al­lein in ih­rem Gie­bel­stüb­chen war – und nun merk’ auf, Paul, wie ehr­lich ich er­zäh­le! – da hat­te sie kei­ne Ruh’ zum Sch­la­fen; sie­setz­te sich still auf die Kan­te ih­res Bet­tes, oh­ne sich aus­zu­klei­den und oh­ne der klin­gen­den Käl­te in der un­ge­heiz­ten Kam­mer zu ach­ten. Denn es kränk­te sie doch; sie hat­te dem Men­schen ja nichts zu­leid’ ge­tan. Frei­lich, er hat­te sie ges­tern noch ge­fragt, ob sie den Ha­sen nicht wie­der im Kohl ge­se­hen, und sie hat­te da­zu den Kopf ge­schüt­telt. – War es et­wa das, und wuß­te er denn, daß er den Ha­sen schon vor drei Ta­gen selbst hat­te mit ver­zeh­ren hel­fen? – Sie woll­te den schö­nen Brief des Vet­ters ein­mal wie­der le­sen. Aber als sie in die Ta­sche lang­te, ver­miß­te sie den Kom­mo­den­schlüs­sel. Sie ging mit dem Lich­te hin­ab in die Wohn­stu­be, und von dort, als sie ihn nicht ge­fun­den, in die Kü­che, wo sie vor­hin ge­wirt­schaf­tet hat­te. Von all dem Sie­den und Ba­cken des Abends war es noch warm in dem gro­ßen dun­keln Rau­me. Und rich­tig, dort lag der Schlüs­sel auf dem Fens­ter­brett. Aber sie stand noch ei­nen Au­gen­blick und blick­te durch die Schei­ben in die Nacht hin­aus. – So hell und weit dehn­te sich das Schnee­feld; dort un­ten zer­streut la­gen die schwar­zen Stroh­dä­cher des Dor­fes; un­weit des Hau­ses zwi­schen den kah­len Zwei­gen der Sil­ber­pap­peln er­kann­te sie deut­lich die gro­ßen Krä­hen­nes­ter; die Ster­ne fun­kel­ten. Ihr fiel ein al­ter Reim ein, ein Zau­ber­spruch, den sie vor Jahr und Tag von der Toch­ter des Schul­meis­ters ge­lernt hat­te. Hin­ter ihr im Hau­se war es so stil­lund leer; sie schau­er­te; aber trotz des­sen wuchs in ihr das Ge­lüs­te, es mit den un­heim­li­chen Din­gen zu ver­su­chen. So trat sie zö­gernd ein paar Schrit­te zu­rück. Lei­se zog sie den ei­nen Schuh vom Fu­ße, und die Au­gen nach den Ster­nen und tief auf­at­mend sprach sie: ‘Gott grüß’ dich, Abend­stern!’ – Aber was war das? Ging hin­ten nicht die Hof­tür? Sie trat ans Fens­ter und horch­te. – Nein, es knarr­te wohl nur die gro­ße Pap­pel an der Gie­bel­sei­te des Hau­ses. – Und noch ein­mal hub sie lei­se an und sprach:

 ‘Gott grüß’ dich, Abend­stern!

Du scheinst so hell von fern,

Über Os­ten, über Wes­ten,

Über al­le Krä­hen­nes­ten.

Ist ei­ner zu mein Lieb­chen ge­bo­ren,

Ist ei­ner zu mein Lieb­chen er­ko­ren,

Der komm’, als er geht,

Als er steht,

In sein täg­lich Kleid!’

 Dann schwenk­te sie den Schuh und warf ihn hin­ter sich. Aber sie war­te­te ver­ge­bens; sie hör­te ihn nicht fal­len. Ihr wur­de selt­sam zu­mu­te, das kam von ih­rem Vor­witz! Welch un­heim­lich Ding hat­te ih­ren Schuh ge­fan­gen, eh’ er den Bo­den er­reicht hat­te? – Ei­nen Au­gen­blick noch stand sie so; dann mit dem letz­ten Rest­chen ih­res Mu­tes wand­te sie lang­sam den Kopf zu­rück. – Da stand ein Mann in der dun­keln Tür, und es war Paul; er war rich­tig noch ein­mal auf den un­glück­li­chen Ha­sen aus­ge­we­sen!”

“Nein, El­len”, sag­te der Amts­rich­ter, “du weißt es wohl; das war es denn doch dies­mal nicht; er hat­te nur, wie du, auch kei­ne Ruh’ ge­fun­den; – aber nun hielt er den klei­nen Schuh des Mäd­chens in der Hand; und El­len hat­te sich am Herd auf ei­nen Stuhl ge­setzt, mit ge­schlos­se­nen Au­gen, die Hän­de ge­fal­tet vor sich in den Schoß ge­streckt. Es war kein Zwei­fel mehr, daß sie sich ganz ver­lo­ren gab; denn sie wuß­te wohl, daß der Vet­ter al­les ge­hört und ge­se­hen hat­te. – Und weißt du auch noch die Wor­te, die er zu ihr sprach?”

“Ja, Paul, ich weiß sie noch; und es war sehr grau­sam und we­nig edel von ihm. ‘El­len’, sag­te er, ‘Ist noch im­mer die Bör­se nicht für mich ge­macht?’ – Doch El­len tat ihm auch dies­mal den Ge­fal­len nicht; sie stand auf und öff­ne­te das Fens­ter, daß von drau­ßen die Nacht­luft und das gan­ze Stern­ge­fun­kel zu ih­nen in die Kü­che drang.”

“Aber”, un­ter­brach er sie, “Paul war zu ihr ge­tre­ten, und sie leg­te still den Kopf an sei­ne Brust; und noch hö­re ich den sü­ßen Ton ih­rer Stim­me, als sie so, in die Nacht hin­aus ni­ckend, sag­te: ‘Gott, grüß’ dich, Abend­stern!’”

 Die Tür wur­de rasch ge­öff­net; ein kräf­ti­ger, et­wa zehn­jäh­ri­ger Kna­be trat mit ei­nem bren­nen­den Licht ins Zim­mer. “Va­ter! Mut­ter!” rief er, in­dem er die Au­gen mit der Hand be­schat­te­te. “Hier ist Moos und Efeu und auch noch ein Wa­chol­der­zweig!”

Der Amts­rich­ter war auf­ge­stan­den. “Bist du da, mein Jun­ge?” sag­te er und nahm ihm die Bo­ta­ni­sier­trom­mel mit den heim­ge­brach­ten Schät­zen ab.

Frau El­len aber ließ sich schwei­gend von dem Schreib­tisch her­ab­glei­ten und schüt­tel­te sich ein we­nig wie aus Träu­men. Sie leg­te bei­de Hän­de auf ih­res Man­nes Schul­tern und blick­te ihn ei­ne Wei­le voll und herz­lich an. Dann nahm sie die Hand des Kna­ben. “Komm, Har­ro”, sag­te sie, “wir wol­len Weih­nachts­gär­ten bau­en!”

Der Weih­nachts­abend be­gann zu däm­mern. – Der Amts­rich­ter war mit sei­nem Soh­ne auf der Rück­kehr von ei­nem Spa­zier­gan­ge; Frau El­len hat­te sie auf ein Stünd­chen fort­ge­schickt. Vor ih­nen im Grun­de lag die klei­ne Stadt; sie sa­hen deut­lich, wie aus al­len Schorn­s­tei­nen der Rauch em­por­stieg; denn da­hin­ter am Ho­ri­zont stand feu­er­far­ben das Abend­rot. – Sie spra­chen von den Groß­el­tern drü­ben in der al­ten Hei­mat; dann von den letz­ten Weih­nach­ten, die sie dort er­lebt hat­ten.

“Und am Vor­abend”, sag­te der Va­ter, “als Knecht Ru­precht zu uns kam mit dem gro­ßen Bart und dem Quer­sack und der Ru­te in der Hand!”

“Ich wuß­te wohl, daß es On­kel Jo­han­nes war”, er­wi­der­te der Kna­be, “der hat­te im­mer so et­was vor!”

“Weißt du denn auch noch die Wor­te, die er sprach?”

Har­ro sah den Va­ter an und schüt­tel­te den Kopf.

“Wart’ nur”, sag­te der Amts­rich­ter, “die Ver­se lie­gen zu Haus in mei­nem Pult; viel­leicht be­komm’ ich’s noch bei­sam­men!” Und nach ei­ner Wei­le fuhr er fort: “Ent­sin­ne dich nur, wie erst die drei Ru­ten­hie­be von drau­ßen auf die Tür fie­len, und wie dann die rau­he borsti­ge Ge­stalt mit der gro­ßen Ha­ken­na­se in die Stu­be trat!” Dann hub er lang­sam und mit lei­ser Stim­me an:

 “Von drauß’ vom Wal­de komm’ ich her;

Ich muß euch sa­gen, es weih­nach­tet sehr!

All­über­all auf den Tan­nen­spit­zen

Sah ich gol­de­ne Licht­lein sit­zen.

Und dro­ben aus dem Him­mels­tor

Sah mit gro­ßen Au­gen das Christ­kind her­vor.

Und wie ich so strolcht’ durch den dich­ten Tann,

Da rief’s mich mit hel­ler Stim­me an:

‘Knecht Ru­precht’, rief es, ‘al­ter Ge­sell,

He­be die Bei­ne und spu­te dich schnell!

Die Ker­zen fan­gen zu bren­nen an,

Das Him­mels­tor ist auf­ge­tan,

Alt’ und Jun­ge sol­len nun

Von der Jagd des Le­bens ein­mal ruhn;

Und mor­gen flieg’ ich hin­ab zur Er­den,

Denn es soll wie­der Weih­nach­ten wer­den!’

Ich sprach: ‘O lie­ber Her­re Christ,

Mei­ne Rei­se fast zu En­de ist;

Ich soll nur noch in die­se Stadt,

Wo’s ei­tel bra­ve Kin­der hat.’

‘Hast denn das Säck­lein auch bei dir?’

Ich sprach: ‘Das Säck­lein, das ist hier:

Denn Ap­fel, Nuß und Man­del­kern

Fres­sen from­me Kin­der gern.’

‘Hast denn die Ru­te auch bei dir?’

Ich sprach: ‘Die Ru­te, die ist hier:

Doch für die Kin­der nur, die schlech­ten,

Die trifft sie auf den Teil, den rech­ten.,

Christ­kind­lein sprach: ‘So ist es recht,

So geh mit Gott, mein treu­er Knecht!,

Von drauß’ vom Wal­de komm’ ich her;

Ich muß euch sa­gen, es weih­nach­tet sehr!

Nun sprecht, wie ich’s hier­in­nen find’!

Sind’s gu­te Kind, sind’s bö­se Kind?

Aber”, fuhr der Amts­rich­ter mit ver­än­der­ter Stim­me fort, “ich sag­te dem Knecht Ru­precht:

 ‘Der Jun­ge ist von Her­zen gut,

Hat nur mit­un­ter was trot­zi­gen Mut!’”

 “Ich weiß, ich weiß!” rief Har­ro tri­um­phie­rend; und den Fin­ger ein­por­he­bend, und mit lis­ti­gem Aus­druck setz­te er hin­zu: “Dann kam so et­was -”

‘,Was dich in gro­ßes Ge­schrei brach­te; denn Knecht Ru­precht schwang sei­ne Ru­te und sprach:

 ‘Heißt es bei euch denn nicht mit­un­ter:

Nie­der den Kopf und die Ho­sen her­un­ter?”

“O”, sag­te Har­ro, “ich fürch­te­te mich nicht; ich war nur zor­nig auf den On­kel!”

Über der Stadt, die sie jetzt fast er­reicht hat­ten, stand nur noch ein fah­ler Schein am Him­mel. Es dun­kel­te schon; aber es be­gann zu schnei­en; lei­se und em­sig fie­len die Flo­cken, und der Weg schim­mer­te schon weiß zu ih­ren Fü­ßen.

Va­ter und Sohn wa­ren ei­ne Wei­le schwei­gend ne­ben­ein­an­der her­ge­gan­gen. – “Am Abend dar­auf”, hub der Amts­rich­ter wie­der an, “brann­te der letz­te Weih­nachts­baum, den du ge­habt hast. Es war da­mals ei­ne be­weg­te Zeit; so­gar das Zu­cker­werk zwi­schen den Tan­nen­zwei­gen war krie­ge­risch ge­wor­den: un­se­re gan­ze Ar­mee, Sol­da­ten zu Pfer­de und zu Fuß! – Von al­le­dem ist nun nichts mehr üb­rig!” setz­te er lei­ser und wie mit sich sel­ber re­dend hin­zu.

Der Kna­be schien et­was dar­auf er­wi­dern zu wol­len, aber ein an­de­res hat­te plötz­lich sei­ne Ge­dan­ken in An­spruch ge­nom­men. – Es war ein gro­ßer bär­ti­ger Mann, der vor ih­nen aus ei­nem Sei­ten­we­ge auf die Land­stra­ße her­aus­kam. Auf der Schul­ter ba­lan­cier­te er ein lan­ges stan­gen­ar­ti­ges Ge­päck, wäh­rend er mit ei­nem Tan­nen­zweig, den er in der Hand hielt, bei je­dem Schritt in die Luft peitsch­te. Wie er vor­über­ging, hat­te Har­ro in der Däm­me­rung noch die gro­ße ro­te Ha­ken­na­se er­kannt, die un­ter der Pelz­müt­ze hin­aus­rag­te. Auch ei­nen Quer­sack trug der Mann, der an­schei­nend mit al­ler­hand ecki­gen Din­gen an­ge­füllt war. Er ging rasch vor ih­nen auf.

“Knecht Ru­precht!” flüs­ter­te der Kna­be, “he­be die Bei­ne und spu­te dich schnell!”

Das Ge­wim­mel der Schnee­flo­cken wur­de dich­ter, sie sa­hen ihn noch in die Stadt hin­ab­ge­hen; dann ent­schwand er ih­ren Au­gen; denn ih­re Woh­nung lag ei­ne Stre­cke wei­ter au­ßer­halb des To­res.

“Frei­lich”, sag­te der Amts­rich­ter, in­dem sie rüs­tig zu­schrit­ten, “der Al­te kommt zu spät; dort un­ten in der Gas­se leuch­te­ten schon al­le Fens­ter in den Schnee hin­aus.”

End­lich war das Haus er­reicht. Nach­dem sie auf dem Flur die be­schnei­ten Über­klei­der ab­ge­tan, tra­ten sie in das Ar­beits­zim­mer des Amts­rich­ters. Hier war heu­te der Tee ser­viert; die gro­ße Ku­gell­am­pe brann­te, al­les war hell und auf­ge­räumt. Auf der sau­be­ren Da­mast­ser­vi­et­te stand das fein­la­ckier­te Tee­brett mit den Ge­burts­tags­tas­sen und dem ru­bin­ro­ten Zu­cker­gla­se; da­ne­ben auf dem Fuß­bo­den in dem Kom­fort von Ma­ha­go­ni­stäb­chen mit blan­kem Mes­sing­ein­satz koch­te der Kes­sel, wie es sein muß, auf ge­hö­rig durch­ge­glüh­ten Torf­koh­len; wie da­heim einst in der gro­ßen Stu­be des al­ten Fa­mi­li­en­hau­ses, so duf­te­ten auch hier in dem klei­nen Stüb­chen die brau­nen Weih­nachts­ku­chen nach dem Re­zept der Ur­groß­mut­ter. – Aber wäh­rend die Mut­ter ne­ben­an im Wohn­zim­mer noch das Fest be­rei­te­te, blie­ben Va­ter und Sohn al­lein; kein On­kel Erich kam, ih­nen fei­ern zu hel­fen. Es war doch an­ders als da­heim.

Ein paar­mal hat­te Har­ro mit be­schei­de­nem Fin­ger an die Tür ge­pocht, und ein lei­ses “Ge­duld!” der Mut­ter war die Ant­wort gewe­sen. End­lich trat Frau El­len selbst her­ein. Lä­chelnd – aber ein lei­ser Zug von Weh war doch da­bei – streck­te sie ih­re Hän­de aus und zog ih­ren Mann und ih­ren Kna­ben, je­den bei ei­ner Hand, in die hel­le Weih­nachts­stu­be.

Es sah freund­lich ge­nug aus. Auf dem Ti­sche in der Mit­te, zwi­schen zwei Rei­hen bren­nen­der Wachs­ker­zen, stand das klei­ne Kunst­werk, das Mut­ter und Sohn in den Ta­gen vor­her sich selbst ge­schaf­fen hat­ten, ein Gar­ten im Ge­schmack des vo­ri­gen Jahr­hun­derts mit glatt­ge­scho­re­nen He­cken und dun­keln Lau­ben; al­les von Moos und ver­schie­de­nem Win­ter­grün zier­lich zu­sam­men­ge­stellt. Auf dem Tei­che von Spie­gel­glas schwam­men zwei wei­ße Schwä­ne; da­ne­ben vor dem chi­ne­si­schen Pa­vil­lon stan­den klei­ne Her­ren und Da­men von Pa­pier­maché in Pu­der und Kon­tu­schen. – Zu bei­den Sei­ten la­gen die Ge­schen­ke für den Kna­ben; ei­ne schar­fe Lu­pe für die Kä­fer­samm­lung, ein paar bun­te Mün­che­ner Bil­der­bo­gen, die nicht feh­len durf­ten, von Schwind und Ot­to Speck­ter; ein Buch in ro­tem Halb­franz­band; da­zwi­schen ein klei­ner Glo­bus in schwar­zer Kap­sel, au­gen­schein­lich schon ein al­tes Stück. “Es war On­kel Erichs letz­te Weih­nachts­ga­be an mich”, sag­te der Amts­rich­ter; “nimm du es nun von mir! Es ist mir in die­sen Ta­gen aufs Herz ge­fal­len, daß ich ihm die Freu­de, die er mir als Kind ge­macht, in spä­te­rer Zeit nicht ein­mal wie­der ge­dankt – nun ha­ben sie mir den al­ten Herrn im letz­ten Herbst be­gra­ben!”

Frau El­len leg­te den Arm um ih­ren Mann und führ­te ihn an den Spie­gel­tisch, auf dem heu­te die bei­den sil­ber­nen Arm­leuch­ter brann­ten. Auch ihm hat­te sie be­schert; das ers­te aber, wo­nach sei­ne Hand lang­te, war ein klei­nes Licht­bild. Sei­ne Au­gen ruh­ten lan­ge dar­auf, wäh­rend Frau El­len still zu ihm em­por­sah. Es war sein el­ter­li­cher Gar­ten; dort un­ter dem Ahorn vor dem Lust­hau­se stan­den die bei­den Al­ten selbst, das noch dunk­le vol­le Haar sei­nes Va­ters war deut­lich zu er­ken­nen.

Der Amts­rich­ter hat­te sich um­ge­wandt; es war, als such­ten sei­ne Au­gen et­was. Die Lich­ter an dem Moos­gärt­chen brann­ten knis­ternd fort; in ih­rem Schein stand der Kna­be vor dem auf­ge­sch­la­ge­nen Weih­nachts­buch. Aber dro­ben un­ter der De­cke des ho­hen Zim­mers war es dun­kel; der Tan­nen­baum fehl­te, der das Licht des Fes­tes auch dort hin­auf­ge­tra­gen hät­te.

Da klin­gel­te drau­ßen im Flur die Glo­cke, und die Haus­tür wur­de pol­ternd auf­ge­ris­sen. “Wer ist denn das?” sag­te Frau El­len; und Har­ro lief zur Tür und sah hin­aus.

Drau­ßen hör­ten sie ei­ne rau­he Stim­me fra­gen: “Bin ich denn hier recht beim Herrn Amts­rich­ter?” Und in dem­sel­ben Au­gen­blick wand­te auch der Kna­be den Kopf zu­rück und rief: “Knecht Ru­precht; Knecht Ru­precht!” Dann zog er Va­ter und Mut­ter mit sich aus der Tür.

Es war der gro­ße bär­ti­ge Mann, der den bei­den Spa­zier­gän­gern vor­hin ober­halb der Stadt be­geg­net war; bei dem Schein des Flur­lämp­chens sa­hen sie deut­lich die ro­te Ha­ken­na­se un­ter der be­schnei­ten Pelz­müt­ze leuch­ten. Sein lan­ges Ge­päck hat­te er ge­gen die Wand ge­lehnt. “Ich ha­be das hier ab­zu­ge­ben!” sag­te er, in­dem er auch den schwe­ren Quer­sack von der Schul­ter nahm.

“Von wem denn?” frag­te der Amts­rich­ter.

“Ist mir nichts von auf­ge­tra­gen wor­den.”

“Wollt Ihr denn nicht nä­her­tre­ten?”

Der Al­te schüt­tel­te den Kopf. “Ist al­les schon be­sorgt! Habt gu­te Weih­nacht bei­ein­an­der!” Und in­dem er noch ein­mal mit der gro­ßen Na­se nick­te, war er schon zur Tür hin­aus.

“Das ist ei­ne Be­sche­rung!” sag­te Frau El­len fast ein we­nig schüch­tern.

Har­ro hat­te die Haus­tür auf­ge­ris­sen. Da sah er die gro­ße dunk­le Ge­stalt schon weit­hin auf dem be­schnei­ten We­ge hin­aus­schrei­ten.

Nun wur­de die Magd her­bei­ge­ru­fen, de­ren Be­sche­rung durch die­ses Zwi­schen­spiel bis jetzt ver­zö­gert war; und als mit ih­rer Hil­fe die ver­hüll­ten Din­ge in das hel­le Weih­nachts­zim­mer ge­bracht wa­ren, knie­te Frau El­len auf dem Fuß­bo­den und be­gann mit ih­rem Trenn­mes­ser die Näh­te des gro­ßen Pa­ckens auf­zu­lö­sen. Und bald fühl­te sie, wie es von in­nen her­aus sich dehn­te und die im­mer schwä­cher wer­den­den Ban­de zu spren­gen streb­te; und als der Amts­rich­ter, der bis­her schwei­gend da­bei­ge­stan­den, jetzt die letz­ten Hül­len ab­ge­streift hat­te und es auf­recht -vor sich hin­ge­stellt hielt, da war’s ein gan­zer mäch­ti­ger Tan­nen­baum, der nun nach al­len Sei­ten sei­ne ent­fes­sel­ten Zwei­ge aus­brei­te­te. Lan­ge schma­le Bän­der von Knit­ter­gold rie­sel­ten und blitz­ten über­all von den Spit­zen durch das dunk­le Grün her­ab; auch die Tan­näp­fel wa­ren gol­den, die un­ter al­len Zwei­gen hin­gen.

Har­ro war in­des nicht mü­ßig ge­we­sen, er hat­te den Quer­sack auf­ge­bun­den; mit leuch­ten­den Au­gen brach­te er ei­nen fla­chen, grün­la­ckier­ten Kas­ten ge­schleppt. “Horch, es rap­pelt!” sag­te er. “Es ist ein Schub­fach drin!” Und als sie es auf­ge­zo­gen, fan­den sie wohl ein Schock der feins­ten wei­ßen Wachs­kerz­chen.

“Das kommt von ei­nem ech­ten Weih­nachts­mann”, sag­te der Amts­rich­ter, in­dem er ei­nen Zweig des Bau­mes her­un­ter­zog, “da sit­zen schon über­all die klei­nen Blech­lam­pet­ten!”

Aber es war nicht nur ein Schub­fach in dem Kas­ten; es war auch oben­auf ein Klötz­chen mit ei­nem Schrau­ben­gang. Der Amts­rich­ter wuß­te Be­scheid in die­sen Din­gen; nach ei­ni­gen Mi­nu­ten war der Baum ein­ge­schro­ben und stand fest und auf­recht, sei­ne grü­ne Spit­ze fast bis zur De­cke stre­ckend. – Die al­te Magd hat­te ih­re Schüs­sel mit Äp­feln und Pfef­fer­nüs­sen ste­hen las­sen; wäh­rend die an­de­ren drei be­schäf­tigt wa­ren, die Wachs­ker­zen auf­zu­ste­cken, stand sie ne­ben ih­nen, ein le­ben­di­ger Kan­de­la­ber, in je­der Hand ei­nen bren­nen­den Arm­leuch­ter em­por­hal­tend. – Sie war aus der Hei­mat mit her­über­ge­kom­men und hat­te sich von al­len am schwers­ten in den Brauch der Frem­de ge­fun­den. Auch jetzt be­trach­te­te sie den stol­zen Baum mit miß­traui­schen Au­gen. “Die gol­de­nen Ei­er sind denn doch ver­ges­sen!” sag­te sie.

Der Amts­rich­ter sah sie lä­chelnd an: “Aber, Mar­g­ret, die gol­de­nen Tan­näp­fel sind doch schö­ner!”

“So, meint der Herr? Zu Hau­se ha­ben wir im­mer die gol­de­nen Ei­er ge­habt.”

Dar­über war nicht zu strei­ten; es war auch kei­ne Zeit da­zu. Har­ro hat­te sich in­des­sen schon wie­der über den Quer­sack her­ge­macht. “Noch nicht an­zün­den!” rief er, “das Schwers­te ist noch dar­in!”

Es war ein fest ver­na­gel­tes höl­zer­nes Kist­chen. Aber der Amts­rich­ter hol­te Ham­mer und Mei­ßel aus sei­nem Ge­rät­käst­chen; nach ein paar Schlä­gen sprang der De­ckel auf, und ei­ne Fül­le wei­ßer Pa­pier­spä­ne quoll ih­nen ent­ge­gen. – “Zu­cker­zeug!” rief Frau El­len und streck­te schüt­zend ih­re Hän­de dar­über aus. “Ich wit­te­re Mar­zi­pan! Setzt euch; ich wer­de aus­pa­cken!”

Und mit vor­sich­ti­ger Hand lang­te sie ein Stück nach dem an­de­ren her­aus und leg­te es auf den Tisch, das nun von Va­ter und Sohn aus dem um­hül­len­den Sei­den­pa­pier her­aus­ge­wi­ckelt wur­de.

“Him­bee­ren!” rief Har­ro. “Und Erd­bee­ren, ein gan­zer Strauß!”

“Aber siehst du es wohl?” sag­te der Amts­rich­ter. “Es sind Wald­erd­bee­ren; so wel­che wach­sen in den Gär­ten nicht.”

Dann kam, wie le­bend, al­ler­lei Ge­zie­fer; Hor­nis­sen und Hum­meln, und was sonst im Son­nen­schein an stil­len Wald­plät­zen um­her­zu­sum­men pflegt, zier­lich aus Dra­gant ge­bil­det, mit gold­be­stäub­ten Flü­geln; nun ei­ne Ho­nig­wa­be – die Zel­len moch­ten mit Li­kör ge­füllt sein -, wie sie die wil­de Bie­ne in den Stamm der hoh­len Ei­che baut; und jetzt ein gro­ßer Hirsch­kä­fer, von Scho­ko­la­de, mit­ge­sperr­ten Zan­gen und aus­ge­brei­te­ten Flü­gel­de­cken. “Cer­vus lu­ca­nus!” rief Har­ro und klatsch­te in die Hän­de.

An je­dem Stück war, je nach der Grö­ße, ein licht­grü­nes Sei­den­bänd­chen. Sie konn­ten der Lo­ckung nicht wi­der­ste­hen; sie be­gan­nen schon jetzt den Baum da­mit zu schmü­cken, wäh­rend Frau El­lens Hän­de noch im­mer neue Schät­ze ans Licht för­der­ten.

Bald schweb­te zwi­schen den lm­men auch ei­ne Schar von Schmet­ter­lin­gen an den Tan­nen­spit­zen; da war der Him­beer­fal­ter, die sil­ber­blaue Daph­nis und der oli­ven­far­bi­ge Wald­ar­gus, und wie sie al­le hei­ßen moch­ten, die Har­ro hier ver­ge­bens auf­zu­ja­gen ge­sucht hat­te. – Und im­mer schwe­rer wur­den die Päck­chen, die eins nach dem an­de­ren von den eif­ri­gen Hän­den ge­öff­net wur­den. Denn jetzt kam das Ge­schlecht des grö­ße­ren Ge­flü­gels; da kam der Dom­pfaff und der Bunt­specht, ein Paar Kreuz­schnä­bel, die im Tan­nen­wald da­heim sind; und jetzt – Frau El­len stieß ei­nen leich­ten Schrei aus – ein gan­zes Nest voll klei­ner schnä­be­lauf­sper­ren­der Vö­gel; und Va­ter und Sohn ge­rie­ten mit­ein­an­der in Streit, ob es Gold­hähn­chen oder jun­ge Zei­si­ge sei­en, wäh­rend Har­ro schon das klei­ne Heim­we­sen im dich­tes­ten Tan­nen­grün ver­barg.

Noch ein Wald­be­woh­ner er­schien; er muß­te vom Bu­chen­re­vier her­über­ge­kom­men sein; ein Eich­hörn­chen von Mar­zi­pan, in hal­ber Le­bens­grö­ße, mit er­ho­be­nem Schweif und klu­gen Au­gen. “Und nun ist’s al­le!” rief Frau El­len. “Aber nein, ein schwe­res Päck­chen noch!” Sie öff­ne­te es und ver­barg es dann eben­so rasch wie­der in bei­den Hän­den. “Ein Pracht­stück!” rief sie. “Aber nein, Paul; ich bin edel­mü­ti­ger als du; ich zeig’s dir nicht!”

Der Amts­rich­ter ließ sich das nicht an­fech­ten; er brach ihr die nicht gar zu ernst­lich ge­schlos­se­nen Hän­de aus­ein­an­der, wäh­rend sie la­chend über ihn weg­schau­te.

“Ein Ha­se!” ju­bel­te Har­ro, “er hat ein Kohl­blatt zwi­schen den Vor­der­pföt­chen!”

Frau El­len nick­te: “Frei­lich, er kommt auch eben aus des al­ten Kirch­spiel­vogts Gar­ten!”

“Har­ro, mein Jun­ge«, sag­te der Amts­rich­ter, in­dem er dro­hend den Fin­ger ge­gen sei­ne Frau er­hob; “ver­sprich mir, die­sen Ha­sen zu ver­spei­sen, da­mit er gründ­lich aus der Welt kom­me!”

Das ver­sprach Har­ro.

Der Baum war voll, die Zwei­ge bo­gen sich; die al­te Mar­g­ret stöhn­te, sie kön­ne die Leuch­ter nicht mehr hal­ten, sie ha­be gar kei­ne Ar­me mehr am Lei­be.

Aber es gab wie­der neue Ar­beit. “An­zün­den!” kom­man­dier­te der Amts­rich­ter; und die klein und gro­ßen Weih­nachts­kin­der stan­den mit hei­ßen Ge­sich­tern, klet­ter­ten auf Sche­mel und Stüh­le und lie­ßen nicht ab, bis al­le Ker­zen an­ge­zün­det wa­ren.

Der Baum brann­te, das Zim­mer war von Duft und Glanz er­füllt; es war nun wirk­lich Weih­nach­ten ge­wor­den.

Ein we­nig mü­de von der un­ge­wohn­ten An­stren­gung saß der Amts­rich­ter auf dem So­fa, nach­sin­nend in den ge­gen­über­hän­gen­den gro­ßen Wand­spie­gel bli­ckend, der das Bild des bren­nen­den Bau­mes zu­rück­strahl­te.

Frau El­len, die ganz heim­lich ein we­nig auf­zu­räu­men be­gann, woll­te eben die ge­leer­te Kis­te an die Sei­te set­zen, als sie wie in Ge­dan­ken noch ein­mal mit der Hand durch die Pa­pier­spä­ne streif­te. Sie stutz­te. “Un­er­schöpf­lich!” sag­te sie lä­chelnd. – Es war ein Star von Scho­ko­la­de, den sie her-vor­ge­holt hat­te. “Und, Paul”, fuhr sie fort, “er spricht!”

Sie hat­te sich zu ihm auf die So­fal­eh­ne ge­setzt, und bei­de la­sen nun ge­mein­schaft­lich den be­schrie­be­nen Zet­tel, den der Vo­gel in sei­nem Sch­na­bel trug: “Ei­nen Wald- und Weih­nachts­gruß von ei­ner dank­ba­ren Freun­din!”

“Al­so von ihr!” sag­te der Amts­rich­ter. “Ihr Herz hat ein gut Ge­dächt­nis. Knecht Ru­precht muß­te ei­nen tüch­ti­gen Weg zu­rück­le­gen; denn das Gut liegt fünf gan­ze Mei­len von hier.”

Frau El­len leg­te den Arm um ih­res Man­nes Na­cken. “Nicht wahr, Paul, wir wol­len auch nicht un­dank­bar ge­gen die Frem­de sein?”

“Oh, ich bin nicht un­dank­bar – aber – “

“Was denn aber, Paul?”

“Was mö­gen drü­ben jetzt die Al­ten ma­chen!”

Sie ant­wor­te­te nicht dar­auf; sie gab ihm schwei­gend ih­re Hand.

“Wo ist Har­ro?” frag­te er nach ei­ner Wei­le.

Har­ro war eben wie­der ins Zim­mer ge­tre­ten; aus ei­ner Schach­tel, die er mit sich brach­te, nahm er ei­ne klei­ne ver­bli­che­ne Fi­gur und be­fes­tig­te sie sorg­fäl­tig an ei­nen Zweig des Tan­nen­baums. Die El­tern hat­ten es wohl er­kannt; es war ein Stück von dem Zu­cker­zeug des letz­ten hei­mat­li­chen Weih­nachts­baums; ein Dra­go­ner auf schwar­zem Pfer­de in lan­gem, grau­blau­em Man­tel. Der Kna­be stand da­vor und be­trach­te­te es un­be­weg­lich; sei­ne gro­ßen blau­en Au­gen un­ter der brei­ten Stirn wur­den im­mer fins­te­rer. “Va­ter”, sag­te er end­lich, und sei­ne Stim­me zit­ter­te, “es war doch scha­de um un­ser schö­nes Heer! – Wenn sie es nur nicht auf­ge­löst hät­ten – ich glau­be, dann wä­ren wir wohl noch zu Hau­se!”

Ei­ne laut­lo­se Stil­le folg­te, als der Kna­be das ge­spro­chen. Dann rief der Va­ter sei­nen Sohn und zog ihn dicht an sich her­an. “Du kennst noch das al­te Haus dei­ner Groß­el­tern”, sag­te er, “du bist viel­leicht das letz­te Kind von den un­se­ren, das noch auf den gro­ßen über­ein­an­der­ge­türm­ten Bo­den­räu­men ge­spielt hat; denn die Stun­de ist nicht mehr fern, daß es in frem­de Hand kom­men wird. Ei­ner dei­ner Ur­ah­nen hat es einst für sei­nen Sohn ge­baut. Der jun­ge Mann fand es fer­tig und aus­ge­stat­tet vor, als er nach mehr­jäh­ri­ger Ab­we­sen­heit in den Han­dels­städ­ten Frank­reichs nach sei­ner Hei­mat zu­rück­kehr­te. Bei sei­nem To­de hat er es sei­nen Nach­kom­men hin­ter­las­sen, und sie ha­ben dar­in ge­wohnt als Kauf­her­ren und Se­na­to­ren oder, nach­dem sie sich dem Stu­di­um der Rech­te zu­ge­wandt hat­ten, als Bür­ger­mei­ster oder Syn­di­zi ih­rer Va­ter­stadt. Es wa­ren an­ge­se­he­ne und wohl­den­ken­de Män­ner, die im Lauf der Zeit ih­re Kraft und ihr Ver­mö­gen auf man­nig­fa­che Wei­se ih­ren Mit­bür­gern zu­gu­te kom­men lie­ßen. So wa­ren sie wur­zel­fest ge­wor­den in der Hei­mat. Noch in mei­ner Kna­ben­zeit gab es un­ter den tüch­ti­ge­ren Hand­wer­kern fast kei­ne Fa­mi­lie, wo nicht von den Vor­el­tern oder El­tern ei­nes in den Di­ens­ten der Un­se­ri­gen ge­stan­den hät­te; sei es auf den Schif­fen oder in den Fa­bri­ken oder auch im Hau­se selbst. – Es wa­ren das Ver­hält­nis­se des ge­gen­sei­ti­gen Ver­trau­ens; je­der rühm­te sich des an­de­ren und such­te sich des an­de­ren wert zu zei­gen; wie ein Er­be lie­ßen es die El­tern ih­ren Kin­dern; sie kann­ten sich al­le, über Ge­burt und Tod hin­aus, denn sie kann­ten Art und Ge­schlecht der Jun­gen, die ge­bo­ren wur­den, und der Al­ten, die vor ih­nen da­ge­we­sen wa­ren.” – Der Amts­rich­ter schwieg ei­nen Au­gen­blick, wäh­rend der Kna­be un­be­weg­lich zu ihm em­por­sah. “Aber nicht al­lein in die Hö­he”, fuhr er fort, “auch in die Tie­fe ha­ben dei­ne Vor­el­tern ge­baut; zu dem stei­ner­nen Hau­se in der Stadt ge­hör­te die Gruft drau­ßen auf dem Kirch­hof; denn auch die To­ten soll­ten noch bei­sam­men sein. – Und selt­sam, da ich des in­ne ward, daß ich fort muß­te: mein ers­ter Ge­dan­ke war, ich könn­te dort den Platz ver­feh­len. – Ich ha­be sie mehr als ein­mal of­fen ge­se­hen; das letz­te­mal, als dei­ne Ur­groß­mut­ter starb, ei­ne Frau in ho­hen Jah­ren, wie sie den Un­se­ri­gen ver­gönnt zu sein pfle­gen. – Ich ver­ges­se den Tag nicht. Ich war hin­ab­ge­stie­gen und stand un­ten in der Dun­kel­heit zwi­schen den Sär­gen, die ne­ben und über mir auf den ei­ser­nen Stan­gen ruh­ten; die gan­ze al­te Zeit, ei­ne erns­te schweig­sa­me Ge­sell­schaft. Ne­ben mir war der To­ten­grä­ber, ein eis­grau­er Mann. Aber einst war er jung ge­we­sen und hat­te als Kut­scher, den schwar­zen Pu­del zwi­schen den Kni­en, die Rap­pen mei­nes Groß­va­ters ge­fah­ren. – Er stand an ei­nen ho­hen Sarg ge­lehnt und ließ wie lieb­ko­send sei­ne Hand über das schwar­ze Tuch des De­ckels glei­ten. ‘Dat is min ole Herr!’ sag­te er in sei­nem Platt­deutsch. ‘Dat weer en gu­de Mann!’ – Mein Kind, nur dort zu Hau­se konn­te ich sol­che Wor­te hö­ren. Ich neig­te un­will­kür­lich das Haupt; denn mir war, als fühl­te ich den Se­gen der Hei­mat sich leib­haf­tig auf mich nie­der­sen­ken. Ich war der Er­be die­ser To­ten; sie selbst wa­ren zwar da­hin­ge­gan­gen; aber ih­re Gü­te und Tüch­tig­keit leb­te noch, und war für mich da und half mir, wo ich sel­ber irr­te, wo mei­ne Kräf­te mich ver­lie­ßen. – Und auch jetzt noch, wenn ich – mir und den Mei­nen nicht zur Freu­de, aber ge­trie­ben von je­nem ge­heim­nis­vol­len Weh – auf kur­ze Zeit zu­rück­kehr­te, ich weiß es wohl: dem sich dann al­le Hän­de dort ent­ge­gen­streck­ten, das war nicht ich al­lein.”

Er war auf­ge­stan­den und hat­te ei­nen Fens­ter­flü­gel auf­ge­sto­ßen. Weit­hin dehn­te sich das Schnee­feld; der Wind saus­te; un­ter den Ster­nen vor­über jag­ten die Wol­ken; dort­hin, wo in un­sicht­ba­rer Fer­ne ih­re Hei­mat lag. – Er leg­te fest den Arm um sei­ne Frau, die ihm schwei­gend ge­folgt war; sei­ne licht­blau­en Au­gen lug­ten scharf in die Nacht hin­aus. “Dort!” sprach er lei­se; “Ich will den Na­men nicht nen­nen; er wird nicht gern ge­hört in deut­schen Lan­den; wir wol­len ihn still in un­se­rem Her­zen sp­re­chen, wie die Ju­den das Wort für den Al­ler­hei­ligs­ten.” Und er er­griff die Hand sei­nes Kin­des und preß­te sie so fest, daß der jun­ge die Zäh­ne zu­sam­men­riß.

Noch lan­ge stan­den sie und blick­ten dem dun­keln Zu­ge der Wol­ken nach. – Hin­ter ih­nen im Zim­mer ging laut­los die al­te Magd um­her und hü­te­te sorg­sa­men Au­ges die all­mäh­lich nie­der­bren­nen­den Weih­nachts­ker­zen.

EN­DE

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