Turgenjew

Die Zeit nach dem Tode Lermontows, die vierziger Jahre, bedeuten in der russischen Literatur eine Periode der Gärung und Klärung. Die Gesellschaft mußte erst die ihr in so rascher Reihenfolge geschenkten Dichtungen Puschkins und seiner Plejade, Gribojedows, Gogols, Lermontows verdauen und sich zugleich in den vom Westen her eindringenden neuen Einflüssen zurechtfinden. Schiller und Goethe waren schon früher bekannt und dank den Übersetzungen Shukowskijs der russischen Literatur gleichsam einverleibt worden. Nun war das Interesse der Russen für die neuere deutsche Philosophie erwacht: Schelling und Hegel beherrschten die Geister. Von französischen Einflüssen war der der George Sand am stärksten. Von Engländern las man statt Byron – W. Scott, Cooper, Dickens und Thackeray. Die russische Gesellschaft lernte allmählich nicht nur genießen, sondern auch nachdenken: ästhetische und nationale Probleme traten immer mehr in den Vordergrund. So entstand die russische Kritik, deren wichtigster Repräsentant Wissarion Bjelinskij (1814-1848) war, ein Abgott der freiheitlichen russischen Gesellschaft während des ganzen 19. Jahrhunderts. Er wurde hauptsächlich wegen seiner sozialistischen Schwärmereien verherrlicht; anfangs war er aber Hegelianer und hatte die Werke Gogols und Puschkins fast ausschließlich vom Standpunkte der reinen Kunst aus gewertet. Namentlich seine meisterhaften Aufsätze über Puschkin trugen nicht wenig dazu bei, daß der große Dichter in den späteren Jahrzehnten der Herrschaft der Tendenzliteratur sich uneingeschränkt behaupten konnte. Noch in seinen letzten Lebensjahren schrieb Bjelinskij: »Die Kunst muß vor allen Dingen Kunst sein; dann erst darf sie den Geist und die Tendenz der Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit ausdrücken.« Vor seinem frühen Tode hat er die ersten Schritte eines neuen Großen verfolgen dürfen: Turgenjews erste Erzählungen aus dem Zyklus Aufzeichnungen eines Jägers, die den Anfang einer neuen russischen Literatur bedeuten, erschienen ein Jahr vor dem Tode Bjelinskijs in der Zeitschrift »Ssowremennik« und wurden von ihm freudig begrüßt.

Iwan Ssergejewitsch Turgenjew wurde 1818 geboren: er war also nur um neunzehn Jahre jünger als Puschkin, um neun Jahre jünger als Gogol und um vier Jahre jünger als Lermontow. Er entstammte einem sehr alten russischen Adelsgeschlecht, das schon eine Reihe hervorragender Männer hervorgebracht hatte. In Orjol, im Herzen Großrußlands geboren, genoß er die damals in vornehmen Familien übliche Erziehung und beherrschte als Kind die deutsche und französische Sprache viel besser als die russische. Schon mit fünfzehn Jahren kam er auf die Moskauer, später auf die Petersburger Universität; hier studierte er Philosophie und mit besonderem Eifer klassische Philologie. Nach Beendigung der Universität (1838) ging Turgenjew zum Abschluß seiner Studien nach Berlin. Das Schiff, mit dem er fuhr, verbrannte vor Travemünde, und er entging mit knapper Not dem Tod (wie schon früher einmal als vierjähriges Kind in Bern, wo er in den Bärengraben stürzte). In Berlin studierte er die Hegelsche Philosophie. 1841 kehrte er nach Rußland zurück und kam in Moskau mit den Kreisen der ›Slawophilen‹ in Berührung; so nannte sich die eben im Entstehen begriffene Richtung, die alles Westeuropäische und selbst die Reformen Peters des Großen verwarf und die Rückkehr zum unverfälschten Moskowitertum predigte. Turgenjew, der, wie er selbst sagte, »mit dem Kopf ins deutsche Meer untergetaucht war«, trat gleich zu Anfang in schärfste Opposition gegen die Slawophilen (zu denen damals sehr bedeutende Männer wie die Brüder Aksakow und Chomjakow zählten) und blieb sein Leben lang ein ›Westler‹. Seine ersten schriftstellerischen Versuche erschienen 1841. Für den jüngeren Zeitgenossen Puschkins und Lermontows war es charakteristisch, daß er mit Versen anfing. Seine Gedichte waren zwar herzlich unbedeutend, erregten aber das Interesse Bjelinskijs. Der Dichter und der Kritiker lernten einander kennen, und der Verkehr erwies sich als für beide Teile segensreich. 1846 erschien Turgenjews erstes Prosawerk, die Novelle Andrej Kolossow, der im folgenden Jahre die Erzählungen Der Kampfhahn und Drei Bildnisse folgten. Das Verseschreiben gab er nun auf und verfaßte während seines ganzen ferneren Lebens nur noch zwei oder drei Gelegenheitsgedichte. Die erste Hälfte der Aufzeichnungen eines Jägers entstand im Ausland, in Paris, wohin sich Turgenjew begeben hatte, mit der Absicht, nie wieder nach Rußland zurückzukehren. Aber schon nach zwei Jahren kehrte er in die Heimat zurück und schrieb in Moskau und auf seinem Erbgute die übrigen Erzählungen der Aufzeichnungen, die dann 1852 als Buch erschienen und Turgenjew zum beliebtesten und berühmtesten Schriftsteller machten. Die Aufzeichnungen handeln nicht etwa speziell von Jagden, sondern von russischen Bauern und russischer Landschaft, mit denen der Jäger Turgenjew auf seinen Streifen in Berührung kommt. So einfache und natürliche Schilderungen des Volkes und der Natur hatte es in der russischen Literatur noch nicht gegeben; es sind weder Pastorale im Stile des 18. Jahrhunderts, noch homerische Übertreibungen eines Gogol: es ist klassischer und edler Realismus, vom Zauber feinsinnigen Naturempfindens und schlichter Güte durchleuchtet. Die große Bedeutung des Werkes beruhte darauf, daß es die russische Gesellschaft zum erstenmal auf den leibeigenen Bauern und seine verkannte Menschlichkeit aufmerksam machte; in diesem Sinne wirkte das Buch wie Onkel Toms Hütte. Aber Turgenjew war zu sehr Künstler, um die Tendenz zu unterstreichen: sie drängt sich nirgends auf, man spürt sie kaum. Die Wirkung der Aufzeichnungen auf die Zeitgenossen war dennoch so stark, daß der Zensor, der sie passieren ließ, abgesetzt wurde. Die Regierung wandte dem Dichter ihre besondere Aufmerksamkeit zu und benützte seinen in einer Zeitung veröffentlichten Brief auf den Tod Gogols als Gelegenheit, um Turgenjew auf sein Erbgut zu verbannen. Hier verbrachte er die Jahre 1852–1854, um dann wieder ins Ausland zu gehen, wo sein ganzes weiteres Leben mit geringen Unterbrechungen verlief.

Turgenjew war kein ›Emigrant‹, wie mancher andere Russe, der seine Heimat aus Protest gegen die russischen Zustände verlassen hatte. Sein ganzes Leben war der Anbetung einer Frau, der berühmten Sängerin Pauline Viardot-Garcia, die er 1845 zu Petersburg kennengelernt hatte, geweiht, und er vermochte die Ketten, die ihn an sie fesselten, nie zu zerreißen. Bis zum Ausbruche des deutsch-französischen Krieges lebte er mit der Familie Viardot fast dauernd in Baden-Baden, wo er viel mit deutschen Dichtern und Künstlern verkehrte (darunter mit Paul Heyse, Auerbach, Bodenstedt, Menzel); nur in den Sommermonaten kam er ab und zu auf sein Gut in Rußland. Ende 1870 verließ er aber Deutschland, das ihm als zweite Heimat galt, und ging mit den Viardots nach Paris, das ihm zur dritten und letzten Heimat wurde. Die Sängerin lebte übrigens in glücklicher Ehe mit dem Schriftsteller und Übersetzer Louis Viardot, und Turgenjews Leidenschaft blieb unerwidert; er reiste ihr überall nach, glücklich, mit ihr die gleiche Luft zu atmen, und seine tief tragische Liebe war reiner Minnedienst. Minnesänger war Turgenjew nicht nur im Leben, sondern auch in seiner Dichtung: fast sein ganzes Werk ist ein Minnesang, ein Lied der triumphierenden Liebe (so heißt eine seiner Novellen) auf die russische Frau. Mereshkowskij nennt ihn in einem seiner schönsten Aufsätze »Dichter der ewigen Jungfräulichkeit«: sein ganzes Wesen handelt von Liebe, wo aber »das göttliche Ungeschehnis« zur Wirklichkeit wird, stirbt die Schönheit, und die Frau verdorrt bei lebendigem Leibe wie die schöne Lukerja in der Erzählung Lebendige Reliquie (in den Aufzeichnungen eines Jägers).

Fast alle Novellen und Romane Turgenjews entstanden im Ausland, nicht in russischer Luft, was ihm von seinen Gegnern zum Vorwurf gemacht wurde. Dostojewskij riet ihm einmal, sich ein Fernrohr anzuschaffen, um das wirkliche russische Leben aus der Ferne besser sehen zu können. Einige gingen so weit, ihn für einen nichtrussischen Dichter zu erklären (während die französischen Kritiker ihn halb für Frankreich beanspruchten). Das Nichtrussische an ihm ist aber lediglich das Fehlen jeder gewollten Tendenz, vielleicht auch sein Minnesängertum. Er war wohl vom Geiste westeuropäischer Kultur durchdrungen, behielt aber dabei bis an sein Ende die Seele eines echten russischen Grandseigneurs. Er diente der reinen Kunst wie Puschkin und war dabei nicht weniger Russe als dieser. Auch in einer anderen Beziehung ist er ein Nachfolger Puschkins: fast alle seine Werke sind eine Apotheose des russischen jungen Mädchens, das Puschkin in seiner Tatjana als erster verherrlicht hatte. An erster Stelle ist hier die Lisa im Adelsnest (1859) zu nennen, und sogar der überzeugte Gegner Turgenjews, Dostojewskij, stellte dieses wunderbare Mädchen der Puschkinschen Tatjana an die Seite. Eine ähnliche Gestalt steht im Mittelpunkte eines jeden seiner Romane: Rudin (1856), Am Vorabend (1860), Rauch (1867), Neuland (1877). Auch Assja in der Novelle gleichen Namens (1858) ist in dieser Reihe zu nennen. Charakteristisch ist, daß die männlichen Helden sämtlich gegen die weiblichen abfallen, wie Onjegin gegen Tatjana. Sie sind alle »überflüssige Menschen«, Schwächlinge, Phrasenhelden, hohl, innerlich verlogen und keiner Tat fähig (die gleichen Männer kehren übrigens nach fünfzig Jahren bei Tschechow wieder). Man ist beinahe versucht, Turgenjew eine bewußte Tendenz zuzuschreiben, eine Idee, die erst in unserem Jahrhundert (1920) von Mereshkowskij ausgesprochen worden ist: Rußland ist das Land der absoluten Weiblichkeit.

Nur einmal tritt bei Turgenjew ein Mann der Tat auf, und dieser Mann, der Nihilist Basarow im Roman Väter und Söhne, repräsentiert nicht nur das verneinende, sondern auch das zerstörende Prinzip. Väter und Söhne ist nicht nur der bedeutendste Roman Turgenjews, sondern eines der vollkommensten Werke der gesamten, nicht nur der russischen Romanliteratur. Wie tendenziös der Titel auch klingt, entbehrt das Werk doch jeder gewollten Tendenz. Die Väter, zu denen auch der junge Kirssanow zählt, sind die gleichen überflüssigen, tatenlosen Menschen wie alle Männer Turgenjews, aber die Söhne bedeuten keinen wirklichen Fortschritt und keine Gesundung der Gesellschaft. Da haben die Väter wenigstens den Vorzug der Tradition, die sie poetisch verklärt. Zu den ›Söhnen‹ gehört übrigens neben dem düsteren Tatmenschen Basarow auch Eudoxie Kukschina, eine ergötzliche Karikatur im Gogolschen Stile auf die emanzipierte Frau. Sie ist die einzige lächerliche Frauengestalt bei Turgenjew. Die einzigen Lichtpunkte in dieser ganzen Gesellschaft sind wieder zwei Frauen: die Aristokratin Odinzowa und die Bäuerin Fenitschka, und alle beide unterliegen dem robusten Tatmenschen Basarow. Der Aufbau des Romans ist meisterhaft; Licht und Schatten, Komisches und Ernstes, Alltägliches und Tragisches sind mit einem wunderbaren Gefühl für Maß verteilt. Die letzten Seiten: der grauenhafte Tod Basarows, Pawel Petrowitschs schönes Verblühen auf der Brühlschen Terrasse zu Dresden und der ergreifende Schlußakkord am Grabe, das keines Menschen und keines Tieres Fuß betritt, das nur die Vögel bei Sonnenaufgang besuchen, – diese Seiten gehören zum Schönsten in der russischen Literatur. Der Roman erschien 1862 und entfesselte einen wahren Sturm: die ›Väter‹ und die ›Söhne‹ fühlten sich gleichermaßen verletzt und schrieben Turgenjew Tendenzen zu, an die er nicht im entferntesten gedacht hatte: die Väter rechneten ihn zu den Nihilisten, und die Söhne erklärten, er sei seinen einst freiheitlichen Prinzipien untreu geworden und ins Lager der Dunkelmänner übergegangen. Der Führer der russischen Emigranten im Auslande, Herzen, kündigte ihm die Freundschaft. Das alles regte Turgenjew so auf, daß er sich entschloß, die Schriftstellerei ganz aufzugeben. Aber 1867 erschien ein neuer Roman von ihm – Rauch, der ebenso erregte Auseinandersetzungen hervorrief wie Väter und Söhne; diesmal ließen aber die Angriffe Turgenjew kalt. Der Rauch fällt übrigens gegen die Väter und Söhne merklich ab, und Turgenjews letzter Roman Neuland (1877), der beinahe wirklich tendenziös ist, bedeutet einen weiteren Abstieg. Der Mißerfolg dieses letzten Romans, der wiederum mißverstanden wurde, bewog ihn, keine weiteren Romane zu schreiben. In seinen letzten sechs Jahren schuf er nur noch Novellen.

Wachsende Entfremdung von der russischen Gesellschaft, die ihm doch weit mehr bedeutete als jede andere, veranlaßte Turgenjew, 1879 nach Rußland zurückzukehren, um sich, wie er selbst sagte, »mit der russischen Jugend auszusöhnen«. In Moskau und in Petersburg wurden ihm auch Ehrungen zuteil wie noch keinem Schriftsteller vor ihm. Die Puschkinfeier zu Moskau 1880, der er beiwohnte, war beinahe zu einer Turgenjewfeier geworden: sein Ruhm stand nun wie der von Puschkin endgültig gesichert da. Nach Paris zurückgekehrt, begann er zu kränkeln. Die Ärzte vermochten keine Diagnose zu stellen, das Leiden wurde indes immer schlimmer und qualvoller, und Turgenjew erlag ihm am 3. September 1883 in Bougival bei Paris. Die Krankheit erwies sich nach der Sektion als Krebs der Wirbelsäule.

Turgenjew schuf zwar einen der vollkommensten Romane der Weltliteratur, aber sein eigenstes Gebiet, auf dem er in der ganzen russischen Literatur keinen Nebenbuhler hat, ist die Novelle. Das rein Künstlerische kommt in seinen Novellen mehr zur Geltung als in den Romanen. Sie sind alle vollkommen und abgerundet wie Puschkinsche Gedichte. Erotische Motive wiegen vor. Wie in den Romanen stehen im Mittelpunkte der Handlung meistens Frauen und Mädchen, berückende poetische Geschöpfe: Assja in der Novelle gleichen Namens ist wohl die schönste dieser Gestalten. Die erotischen Probleme sind manchmal recht kompliziert, wie in der längeren Novelle, eigentlich einem kleinen Roman, Erste Liebe (1860), wo Vater und Sohn das gleiche junge Mädchen lieben. In der Erzählung Frühlingswogen (1871) tritt die russische Frau als wollüstiges Spinnenweibchen auf, dem der willenlose Held zum Opfer fällt. In diesem Werk finden wir schon das heimliche Grauen vor den Abgründen des Lebens, das die späten Novellen Turgenjews auszeichnet. In anderen Erzählungen kehren die ländlichen Motive der Aufzeichnungen eines Jägers wieder; Mumu, die Geschichte eines stummen Leibeigenen und seines Hündchens, ist wohl die ergreifendste unter ihnen. Schließlich gibt es bei Turgenjew eine ganze Reihe von Novellen, in denen er die Welt des Übersinnlichen streift. Die erste von ihnen, Gespenster, schrieb er schon 1863. In seinen letzten Jahren, nach dem Mißerfolg des Romans Neuland, schrieb er fast ausschließlich Novellen dieser Art. Auch sein letztes Werk, die Novelle Klara Militsch, die er ein Jahr vor seinem Tode schrieb, gehört dazu. Turgenjews übersinnliche Geschichten, namentlich die letzten, sind von keinen westeuropäischen (E. T. A. Hoffmann) oder russischen (Gogol) Vorbildern beeinflußt: sie entspringen nicht der Lust am Phantastischen, noch dem Bestreben, den Leser gruseln zu machen, sondern einem tiefen Glauben an die Möglichkeit anderer Welten. Dabei fürchtete er, spiritistischer Tendenzen beschuldigt zu werden, und dies bewog ihn, den ursprünglichen Titel seiner Novelle Nach dem Tode in Klara Militsch abzuändern. Das Übersinnliche ist aber niemals aufdringlich, und dem skeptischen Leser wird noch immer die Möglichkeit offen gelassen, für die Vorgänge auch eine natürliche Erklärung zu finden: die schwarze Locke, die man in Aratows zusammengeballter Rechten nach dem Ohnmachtsanfall fand, bei dem die Verstorbene erschienen war, kann er ja auch zwischen den Blättern ihres Tagebuches gefunden haben.

Turgenjew versuchte sich auch als Dramatiker, aber seine Stücke, mit Ausnahme des Schauspiels Ein Monat auf dem Lande, sind ebenso belanglos wie seine Lyrik. Hervorragend sind dagegen seine Übersetzungen, Novellen von Flaubert und Bruchstücke aus Goethe. In seinen letzten Lebensjahren schrieb Turgenjew wieder Gedichte; aber nicht in Versen: es sind seine berühmten Gedichte in Prosa, die der Vierundsechzigjährige 1882 mit dem Untertitel Senilia in einer Monatsschrift veröffentlichte und die in einer wunderbaren Hymne auf die russische Sprache ausklingen.

Dem Westeuropäer, namentlich dem Deutschen, der den Inbegriff des Russentums in Dostojewskij sieht, wird Turgenjew als der am wenigsten russische Dichter erscheinen. Ebenso wie die Menschen nur die eine, der Erde zugewandte Seite des Mondes kennen, so kennt der Westen nur die eine Seite der russischen Literatur: die chaotische, zyklopische. Der Weg zum Verständnis der anderen Seite – der abgeklärten, olympischen, harmonischen – führt über Puschkin, und sie bleibt dem Nichtrussen in ihren Tiefen so lange verschlossen, als er Puschkin nicht kennt. Turgenjew ist, wie wir schon sagten, ebenso russisch wie Puschkin. Er ist nicht Schüler der Franzosen, für den er vielfach gehalten wird, und seine Kunst ist der der Franzosen entgegengesetzt. Turgenjew zitierte in seiner Festrede auf Puschkin zu Moskau folgende an ihn gerichtete Worte Mérimées, eines der wenigen Westeuropäer, die Puschkin kannten: »Eure Dichter suchen vor allen Dingen die Wahrheit, und die Schönheit kommt dann ganz von selbst; die unsrigen gehen aber einen entgegengesetzten Weg: sie streben vor allem nach Effekt, Esprit und Glanz, und wenn sich dabei die Gelegenheit bietet, die Wahrscheinlichkeit nicht zu verletzen, so nehmen sie unter Umständen das mit in den Kauf.« Weiter hatte Mérimée zu Turgenjew gesagt: »Bei Puschkin erblüht die Poesie ganz von selbst auf eine wunderbare Weise aus der nüchternsten Prosa.« Diese Worte gelten auch für den Puschkin der russischen Prosa – Iwan Ssergejewitsch Turgenjew.

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