Tschertopchanow und Nedopjuskin

An einem heißen Sommertag kehrte ich einmal in einem einfachen Bauernwagen von der Jagd heim; Jermolai duselte neben mir sitzend und nickte fortwährend mit dem Kopf. Die schlafenden Hunde wurden unter unseren Füßen wie Leichen herumgerüttelt. Der Kutscher verscheuchte fortwährend mit seiner Peitsche die Bremsen von den Pferden. Der weiße Staub folgte als leichte Wolke dem Wagen.
Wir kamen in ein Gebüsch. Der Weg wurde holpriger, die Räder fingen an, die Äste zu streifen. Jermolai fuhr auf und sah sich um . . . „Eh!“ sagte er, „hier muß es ja Birkhühner geben. Wollen wir absteigen.“ Wir hielten und traten ins Gesträuch. Mein Hund stieß auf eine Birkhuhnbrut. Ich schoß und wollte schon das Gewehr von neuem laden, als plötzlich hinter mir ein lautes Krachen ertönte und sich mir, die Büsche mit den Händen auseinanderschiebend, ein Reiter näherte, „Erlauben Sie die Frage,“ begann er in hochmütigem Tone, „mit welchem Rechte Sie hier jagen, verehrter Herr?“ Der Unbe­kannte sprach ungewöhnlich rasch, abgerissen und durch die Nase. Ich sah ihm ins Gesicht: mein Lebtag hatte ich nie etwas Ähnliches gesehen. Liebe Leser, stellen Sie sich einen kleinen blonden Menschen vor mit einem roten Stupsnäschen und un- ge­wöhnlich langem rotem Schnurrbart. Eine spitze persische Mütze, mit himbeerfarbenem Tuch besetzt, bedeckte ihm die Stim bis zu den Augenbrauen. Er trug einen gelben, abgetragenen Tscherkessenrock mit schwarzen plüschenen Patronenhülsen auf der Brust und verschossenen silbernen Tressen an allen Nähten; über die Schulter hing ihm ein Horn, im Gürtel steckte ein Dolch. Der magere Rotfuchs mit gebogener Nase taumelte unter ihm wie betrunken; zwei magere Windhunde mit krummen Beinen sprangen zwi­schen seinen Hufen. Das Gesicht, der Blick, die Stimme, jede Bewegung und das ganze Wesen des Unbekannten atmeten eine wahnwitzige Kühnheit und einen maßlosen, un­erhörten Hochmut; seine blaßblauen gläsernen Augen schweiften umher und schielten wie bei einem Betrunkenen; er warf den Kopf in den Nacken, blähte die Backen, schnaubte und zuckte mit dem ganzen Körper gleichsam im Überfluß seiner Würde – genau wie ein Truthahn. Er wiederholte seine Frage. „Ich wußte nicht, daß das Schießen hier verboten ist“, antwortete ich.
„Verehrter Herr,“ fuhr er fort, „Sie sind hier auf meinem Grund und Boden.“
„Wenn Sie wollen, entferne ich mich.“
„Gestatten Sie die Frage,“ entgegnete er; „habe ich die Ehre, mit einem Edelmanne zu sprechen?“
Ich nannte meinen Namen.
„In diesem Falle wollen Sie nur weiter jagen. Ich bin selbst Edelmann und freue mich, einem Edelmann dienen zu können . . . Ich heiße übrigens Pantelej Tschertopchanow.“
Er beugte sich vor, stieß einen Schrei aus und schlug sein Pferd auf den Hals; das Pferd schüttelte den Kopf, bäumte sich, schwenkte auf die Seite ab und trat einem der Hunde auf die Pfote. Der Hund begann durchdringend zu winseln. Tschertopchanow brauste und zischte auf, schlug das Pferd auf den Kopf, zwischen die Ohren, sprang schneller als der Blitz vom Sattel, untersuchte die Pfote des Hundes, spuckte auf die Wunde, stieß den Hund mit dem Fuß in die Seite, damit er nicht mehr winsele, ergriff das Pferd an der Mähne und setzte den Fuß in den Steigbügel. Das Pferd warf den Kopf empor, hob den Schweif und stürzte sich seitwärts in die Büsche; er folgte ihm auf einem Fuße hüpfend. Schließlich sprang er doch in den Sattel, schwang wie rasend die Reitpeitsche, stieß ins Horn und sprengte davon. Ich hatte mich von meinem Erstaunen über das un­erwartete Erscheinen Tschertopchanows noch nicht erholt, als plötzlich aus dem Ge­büsch fast geräuschlos ein dicker Mann von etwa vierzig Jahren auf einem schwarzen Pferdchen erschien. Er hielt an, zog eine grünlederne Mütze vom Kopfe und fragte mich mit einer feinen, weichen Stimme, ob ich nicht einem Reiter auf einem Rotfuchs be­gegnet sei. Ich antwortete, ich hätte wohl einen solchen gesehen.
„Nach welcher Seite beliebte es dem Herrn zu reiten?“ fuhr er in demselben Tone fort, ohne die Mütze aufzusetzen.
„Dorthin.“
„Ich danke Ihnen ergebenst.“
Er schnalzte mit den Lippen, schlug das Pferdchen mit den Beinen in die Flanken und trabte langsam in die von mir angegebene Richtung. Ich blickte ihm nach, bis seine ge­hörnte Mütze hinter den Zweigen verschwand. Dieser neue Unbekannte glich seinem Vorgänger in keiner Beziehung. Sein aufgedunsenes und kugelrundes Gesicht drückte Schüchternheit, Gutmütigkeit und sanfte Demut aus; die ebenfalls gedunsene und runde, von blauen Adern durchzogene Nase verriet einen Wollüstling. Auf seinem Kopfe war vorn kein einziges Härchen übriggeblieben, hinten hingen aber noch einige dünne blon­de Strähnen; die wie mit einem scharfen Schilfblatt geschlitzten Äuglein zwinkerten freundlich; süß lächelten seine roten und saftigen Lippen. Er trug einen Überrock mit einem Stehkragen und Messingknöpfen, ziemlich abgetragen, aber reinlich; seine tu­chene Hose war in die Höhe gerutscht; über dem gelben Besatz der Stiefel waren seine vollen Waden zu sehen.
„Wer ist das?“ fragte ich Jermolai.
„Der da? Tichon Iwanytsch Nedopjuskin. Er wohnt bei Tschertopchanow.“
„Ist er arm?“
„Gar nicht reich; aber auch Tschertopchanow hat keine roten Heller.“
„Warum wohnt er dann bei ihm?“
„Ja, sie sind Freunde. Der eine macht ohne den anderen keinen Schritt . . . Wie es im Sprichworte heißt: wohin das Pferd mit seinem Huf, dorthin auch der Krebs mit seiner Schere . . .“
Wir kamen aus dem Gebüsch heraus; plötzlich schlugen neben uns zwei Jagdhunde an, und ein großer, dicker Hase schoß über den schon ziemlich hohen Hafer dahin, und hinter den Hunden sauste auch Tschertopchanow einher. Er schrie nicht, er hetzte nicht, er rief den Hunden nichts zu: er keuchte und rang um Atem; aus seinem offenen Munde kamen zuweilen abgerissene, sinnlose Laute; er sprengte mit aufgerissenen Augen daher und schlug das unglückliche Pferd grausam mit der Reitpeitsche. Die Windhunde kamen heran . . . der Hase duckte sich, wandte sich scharf um und rannte an Jermolai vorbei in die Büsche . . .
Die Windhunde liefen weiter. „Gib acht, gib acht“, stammelte mühevoll wie ein Stotterer der vor Aufregung ersterbende Jäger: „Liebster, gib acht!“ Jermolai schoß. . . der verwundete Hase purzelte wie ein Kreisel über das glatte, trockene Gras, sprang empor und schrie jämmerlich unter den Zähnen des herbeigeeilten Hundes. Die anderen Hunde kamen sofort herbei.
Tschertopcbanow flog wie ein Raubvogel vom Sattel, zog seinen Dolch, lief breitbeinig zu den Hunden, entriß ihnen unter wütenden Flüchen den zerfetzten Hasen und stieß ihm mit verzerrtem Gesicht den Dolch bis ans Heft in den Hals … stieß ihn hinein und fing zu jodeln an. Am Waldsaume erschien Tichon Iwanytsch. „Ho-ho-ho-ho-ho-ho-ho!“ schrie Tschertopchanow zum zweitenmal . . . „Ho-ho-ho-ho!“ wiederholte ruhig sein Freund.
„Eigentlich sollte man im Sommer nicht jagen“, bemerkte ich zu Tschertopchanow, auf den zerstampften Hafer zeigend.
„Es ist mein Feld“, antwortete Tschertopchanow atemlos.
Er weidete den Hasen aus, band ihn an den Sattel und verteilte die Pfoten unter die Hunde.
„Ich schulde dir eine Ladung“, sagte er nach der Jägerregel zu Jermolai. „Ihnen aber, mein Herr,“ fügte er mit der gleichen abgerissenen, scharfen Stimme hinzu, „danke ich.“
Er stieg in den Sattel.
„Gestatten Sie die Frage . .. ich vergaß . . . Ihren Namen und Familiennamen.“
Ich nannte noch einmal meinen Namen.
„Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Sollten Sie Gelegenheit haben, so keh­ren Sie bitte bei mir ein . . . Wo ist aber dieser Fomka, Tichon Iwanytsch?“ fuhr er er­regt fort: „Wir haben ohne ihn den Hasen erlegt.“
„Sein Pferd ist unter ihm gestürzt“, antwortete Tichon Iwanytsch mit einem Lächeln.
„Wie, gestürzt? Orbassan gestürzt? Pfu, pfüt! . . Wo ist er, wo ist er?“
„Dort, hinter dem Walde.“
Tschertopchanow gab seinem Pferde mit der Reitpeitsche eins auf die Schnauze und sprengte wie der Wind davon.
Tichon Iwanytsch verbeugte sich vor mir zweimal – für sich und für seinen Freund – und trabte ihm ins Gebüsch nach.
Diese beiden Herrn hatten meine Neugierde stark erregt . . . Was mochte wohl die beiden so verschiedenen Naturen mit Banden unzertrennlicher Freundschaft an- ein­anderfesseln? Ich zog Erkundigungen ein und erfuhr folgendes:
Pantelej Jeremejitsch Tschertopchanow galt in der ganzen Umgegend als ein gefährli­cher, verrückter und hochmütiger Mensch und als Raufbold der schlimmsten Sorte. Er hatte ganz kurze Zeit in der Armee gedient und „Unannehmlichkeiten halber“ seinen Abschied mit dem Rang bekommen, der Anlaß zu dem Ausspruch gibt, das Huhn sei kein Vogel*. Er stammte aus einer alten, einst reichen Familie; seine Vorfahren hatten prächtig, nach Steppenart gelebt, das heißt sie nahmen Geladene und Ungeladene bei sich auf, fütterten sie zum Zerspringen, verabfolgten den fremden Kutschern je eine Tschetwert Hafer für jede Troika, hielten sich Musikanten, Sänger, Possenreißer und Hunde, bewirteten das Volk an Feiertagen mit Branntwein und Bier, reisten im Winter mit eigenen Pferden in schwerfälligen Kutschen nach Moskau, saßen aber oft auch monatelang ohne einen Groschen Geld und lebten von Hausgeflügel. Der Vater Pantelej Jeremejitschs hatte das Gut schon in einem arg ruinierten Zustand geerbt;
auch er genoß seinerseits sein Leben und hinterließ seinem einzigen Erben Pantelej das verpfändete Dörfchen Bessonowo mit fünfunddreißig mannlichen und sechsundsiebzig weiblichen leibeigenen Seelen und vierzehn und ein Achtel Desjatinen schlechten Landes in der Wildnis Kolobrodowo, über deren Besitz sich jedoch in den Papieren des Verstorbenen keinerlei Urkunden vorfanden. Der Verstorbene hatte sich, man muß es zugeben, auf eine höchst seltsame Weise ruiniert: „die wirtschaftliche Berechnung“ hatte ihn zugrundegerichtet. Nach seiner Ansicht ziemte es einem Edelmann nicht, von Kaufleuten, Bürgern und ähnlichem Raubgesindel“, wie er sie nannte, abhängig zu sein; dar- um führte er bei sich allerlei Werkstätten und Handwerke ein: „so ist es anständiger und auch vorteilhafter,“ pflegte er zu sagen, „das ist die wirtschaftliche Berechnung!“ An diesem verderblichen Gedanken hielt er bis an sein Ende fest; er richtete ihn auch zugrunde. Dafür war ihm das Leben eine Freude. Keine einzige Laune versagte er sich. Unter anderen Einfällen kam er einmal auf die Idee, sich nach eigenen Berechnungen eine so große Familienkutsche zu bauen, daß sie trotz der vereinten Bemühungen der zusammengetriebenen Bauernpferde des ganzen Dorfes und deren Besitzer gleich am ersten Abhang umstürzte und zertrümmert wurde. Jeremej Lukitsch (Panteiejs Vater hieß Jeremej Lukitsch) ließ auf jenem Abhange einen Gedenkstein errichten, machte sich aber darüber weiter keine Gedanken.
Es fiel ihm auch ein, eine Kirche zu bauen, natürlich ohne Hilfe eines Architekten. Er verbrannte einen ganzen Wald zum Ziegelbrennen, legte ein mächtiges Fundament, das für eine Gouvemementskathedrale gereicht hätte, führte die Mauern auf und begann die Kuppel zu wölben; die Kuppel stürzte ein. Er baute sie von neuem, sie stürzte wieder ein; er baute sie zum drittenmal, die Kuppel fiel zum drittenmal auseinander. Da wurde Jeremej Lukitsch nachdenklich: es geht hier nicht mit rechten Dingen zu, es ist wohl verfluchte Hexerei im Spiel . . . und er gab plötzlich den Befehl, alle alten Weiber im Dorfe durchzupeitschen. Man peitschte die alten Weiber durch, konnte aber die Kuppel doch nicht aufführen. Er begann, die Bauernhäuser nach einem neuen Plan umzubauen, alles aus wirtschaftlicher Berechnung: er stellte je drei Höfe zu einem Dreieck zusammen und errichtete in der Mitte eine Stange mit einem angemalten Starenhäuschen und einer Flagge. Jeden Tag erfand er etwas Neues, bald kochte er aus Pestwurzblättern Suppen, bald schnitt er den Pferden die Schweife ab, um daraus Mützen für seine Leib­eigenen zu machen, bald wollte er statt Flachs Brennesseln anbauen, bald Schweine mit Pilzen füttern . . . Einmal las er in den „Moskauer Nachrichten“ einen Artikel des Char­kower Gutsbesitzers Chrjak-Chrupjorskij über den Nutzen der Sittlichkeit im Bauern­leben und befahl gleich am nächsten Tage allen Bauern, den Artikel des Charkower Gutsbesitzers auswendig zu lernen. Die Bauern lernten den Artikel aus- wendig; der Herr fragte sie, ob sie verstünden, was da geschrieben wäre. Der Verwalter antwortete, wie sollten sie das nicht verstehen? Um die gleiche Zeit ordnete er an, alle seine Un­tertanen der Ordnung und der wirtschaftlichen Berechnung wegen zu nummerieren und jedem die Nummer an den Kragen zu nähen. Bei der Begegnung mit dem Herrn pflegte jeder Bauer schon aus der Ferne rufen: „Die Nummer so und so kommt!“ Worauf der Herr freundlich antwortete: „Geh mit Gott!“
Aber trotz der Ordnung und der wirtschaftlichen Berechnung geriet Jeremej Lukitsch allmählich in eine äußerst schwierige Lage: er begann seine Dörfer erst zu verpfänden und dann auch zu verkaufen; den letzten Urahnensitz, das Dorf mit der unvollendeten Kirche, verkaufte schon der Staat, zum Glück nicht mehr zu Lebzeiten Jeremej Lu­kitschs – er hätte diesen Schlag nicht überstanden –, sondern zwei Wochen nach seinem Ableben. So war es ihm vergönnt, in seinem eigenen Hause, in seinem Bette, umgeben von seinen Leuten und unter Aufsicht seines Arztes zu sterben; dem armen Pantelej blieb aber nur das kleine Gut Bessonowo.
Pantelej erfuhr von der Krankheit des Vaters beim Militär, mitten in der schon erwähn­ten „Unannehmlichkeit“. Er war eben ins neunzehnte Lebensjahr getreten. Von Kind an hatte er das Elternhaus nicht verlassen und war unter der Leitung seiner Mutter Wassilissa Wassiljewna, einer herzensguten, aber vollkommen stumpfsinnigen Frau als verzogenes Muttersöhnchen aulgewachsen. Sie allein hatte sich mit seiner Erziehung beschäftigt; Jeremej Lukitsch war ganz von seinen wirtschaftlichen Sorgen in Anspruch genommen und hatte keine Zeit dafür. Allerdings bestrafte er einmal seinen Sohn eigen­händig dafür, weil er den Buchstaben „rzy“ wie „arzy“ aussprach, aber an jenem Tage hatte Jeremej Lukitsch einen tiefen, heimlichen Kummer; sein bester Hund war gegen einen Baum gerannt und den Verletzungen erlegen. Die Bemühungen Wassilissa Wassiljewnas um die Erziehung Panteiejs beschränkten sich übrigens auf eine einzige schmerzvolle Anstrengung: im Schweiße ihres Angesichts hatte sie für ihn einen verab­schiedeten Soldaten aus dem Elsaß, einen gewissen Bierkopf als Erzieher engagiert, vor dem sie bis zu ihrem Tode wie ein Espenblatt zitterte: „Nun,“ dachte sie sich, „wenn er mir kündigt, bin ich verloren! Was soll ich dann anfangen? Wo soll ich einen andern Lehrer finden? Diesen schon habe ich mit vieler Mühe der Nachbarin weggeschnappt!“ – Bierkopf machte sich als gewitzter Bursche seine Sonderstellung sofort zunutze: er trank in einem fort und schlief vom Morgen bis zum Abend. Nach Beendi­gung der „wissenschaftlichen Ausbildung“ trat Pantelej in den Dienst. Wassilissa Wassiljewna war nicht mehr am Leben. Sie war ein halbes Jahr vor diesem wichtigen Ereignis vor Schreck gestorben; sie sah im Traume einen weißen Menschen auf einem Bären reiten. Jeremej Lukitsch folgte bald seiner besseren Hälfte nach.
Pantelej eilte bei der ersten Kunde von der Krankheit des Vaters Hals über Kopf zu ihm. Wie groß war aber das Erstaunen des ehrerbietigen Sohnes, als er sich plötzlich aus einem reichen Erben in einen Bettler verwandelt sah! Nur wenige Menschen sind im­stande, eine so plötzliche Wendung zu ertragen. Pantelej wurde hart und wild. Aus einem ehrlichen, freigebigen und guten, wenn auch unberechenbaren und hitzigen Men­schen verwandelte er sich in einen hochmütigen Raufbold, gab jeden Verkehr mit sei­nen Nachbarn auf – vor den Reichen schämte er sich, die Armen verachtete er – und be­handelte alle, selbst die vorgesetzten Behörden mit unerhörter Frechheit: Ich bin eben ein Edelmann! Einmal hätte er den Kreispolizisten beinahe niedergeschossen, weil der mit der Mütze auf dem Kopfe zu ihm ins Zimmer getreten war. Die Behörden sahen ihm ihrerseits natürlich auch nichts nach und gaben es ihm bei jeder Gelegenheit zu fühlen; aber sie hatten vor ihm doch einige Angst, denn er war ein schrecklicher Hitzkopf und forderte einen gleich nach dem zweiten Worte zu einem Zweikampf auf Messer. Bei der geringsten Widerrede begannen Tschertopchanows Augen unruhig umherzuschweifen und seine Stimme versagte . . .
„Ah, wa-wa-wa-wa“, stammelte er, „und wenn es mich auch den Kopf kostet!“ Dann war er imstande, die Wände hinaufzuklettern! Aber abgesehen davon war er ein makel­loser Mensch und in keine anrüchige Sache verwickelt. Selbstverständlich besuchte ihn niemand . . .
Dabei war er gutmütig und in seiner Weise auch hochherzig: er konnte keine Unge­rechtigkeit oder Unterdrückung selbst gegen Fremde ertragen. Für seine Bauern trat er mit Leib und Seele ein. „Wie?“ pflegte er zu sagen, indem er sich wütend auf den Kopf schlug: „Meine Leute anrühren? Ich will nicht Tschertopchanow heißen, wenn . . .“
Tichon Iwanytsch Nedopjuskin konnte nicht auf seine Herkunft so stolz sein wie Pantelej Jeremejitsch. Sein Vater stammte von Einzelhofbauern ab und erlangte erst nach vierzigjährigen Diensten den Adel. Der Vater Nedopjuskins gehörte zu den Men­schen, die das Unglück mit einer Erbitterung verfolgt, die wie persönlicher Haß aus­sieht. Ganze sechzig Jahre lang, von der Geburt bis zum Tode, kämpfte der arme Mensch mit allen möglichen Nöten, Krankheiten und Schicksalsschlägen, die den kleinen Leuten eigentümlich sind; er plagte sich furchtbar ab, aß sich nicht satt, gönnte sich keinen Schlaf, bückte sich vor jedermann, verzagte und quälte sich, zitterte um jede Kopeke, wurde wirklich „unschuldig“ aus dem Dienste gejagt und starb schließlich auf einem Dachboden oder in einem Keller, ohne für sich und seine Kinder ein Stück Brot erarbeitet zu haben: das Schicksal hatte ihn wie einen Hasen auf der Treibjagd totge­hetzt. Er war ein guter und ehrlicher Mensch, nahm aber doch Bestechungsgelder an – von zehn Kopeken bis zu zwei Silberrubel einschließlich. Nedopjuskin hatte eine mage­re und schwindsüchtige Frau gehabt und auch Kinder; zum Glück waren diese alle jung gestorben mit Ausnahme Tichons und einer Tochter Mitrodora, mit dem Zunamen „Kaufmannsparade“, die nach vielen traurigen und komischen Abenteuern einen verab­schiedeten Gerichtsschreiber heiratete. Herr Nedopjuskin Vater hatte noch bei Lebzeiten seinen Sohn Tichon als einen nicht-etatmäßigen Schreiber in einer Kanzlei unterge­bracht, aber Tichon nahm gleich nach dem Ableben des Vaters seinen Abschied. Die ewige Unruhe, der qualvolle Kampf gegen Kälte und Hunger, das Jammern der Mutter, die Anstrengungen und die Verzweiflung des Vaters, die rohen Verfolgungen seitens des Hauswirtes und des Krämers, dieser ganze tägliche, ununterbrochene Kummer erzeugte in Tichon eine unbeschreibliche Schüchternheit: bei dem bloßen Anblick eines Vorgesetzten zitterte und erstarb er wie ein gefangenes Vögelchen. Er gab den Dienst auf. Die gleichgültige, vielleicht auch spöttische Natur gibt den Menschen verschiedene Fähigkeiten und Neigungen ein, ohne sich nach ihrer Stellung in der Gesellschaft und nach ihren Verhältnissen zu richten; mit der ihr eigenen Sorge und Liebe formte sie aus Tichon, dem Sohne eines armen Beamten, ein empfindsames, faules, sanftes, empfindli­ches Geschöpf, das ausschließlich für den Genuß geboren schien und mit einem außer­ordentlich feinen Geruchsinn und Geschmack begabt war . . . sie formte ihn, vollende­te ihn aufs sorgfältigste und stellte es ihrer Schöpfung anheim, mit Sauerkraut und faulen Fischen heranzuwachsen. Diese Schöpfung wuchs heran und begann, was man so nennt, zu „leben“. Nun ging der Spaß erst richtig los. Das Schicksal, das den Nedopju­skin-Vater ununterbrochen gepeinigt hatte, machte sich nun an den Sohn: es hatte wohl Geschmack daran gefunden. Aber gegen Tichon ging es anders vor: es peinigte ihn nicht, sondern spielte mit ihm. Es brachte ihn kein einziges Mal zur Verzweiflung, zwang ihn nicht, die beschämenden Qualen des Hungers zu kosten, aber es trieb ihn durch ganz Rußland, aus Welikij-Ustjug nach Zarewo-Kokschaisk, aus der einen ernied­rigenden und lächerlichen Stellung in die andere; bald beförderte es ihn zum „Ma­jordomus“ bei einer zänkischen und gallsüchtigen Wohltäterin, bald machte es ihn zum Kostgänger bei einem reichen, geizigen Kaufmann, bald ernannte es ihn zum Vor­steher der Hauskanzlei eines glotzäugigen, nach englischer Art zurechtgestutzten Guts­besitzers, bald erhob es ihn zu einem halben Haushofmeister und halben Spaßmacher bei einem Liebhaber der Hetzjagd, . . . Mit einem Wort, das Schicksal ließ den armen Tichon den ganzen bitteren und giftigen Trank einer untergeordneten Existenz Tropfen für Tropfen trinken. In seinem Leben hatte er genug den schweren Launen, der verschlafenen und boshaften Langeweile der müßigen Gutsbesitzer gedient . . . Wie oft hatte er in seinem Zimmer, nachdem er einem Rudel von Gästen als Spielball gedient und von ihnen „mit Gott“ entlassen war, vor Scham verbrennend, mit kalten Tränen der Verzweiflung in den Augen, geschworen, sich gleich am nächsten Morgen heimlich aus dem Staube zu machen, sein Glück in der Stadt zu versuchen und wenigstens eine Schreiberstelle zu finden oder aber auf der Straße Hungers zu sterben. Aber erstens gab ihm Gott keine Kraft, zweitens war er zu schüchtern, und drittens: wie findet man eine Stelle, wen bittet man darum? „Man wird mir keine geben“, flüsterte zuweilen der Un­glückliche, sich in seinem Bette von der einen Seite auf die andere wälzend: „Man wird mir keine geben!“ Und am andern Tage trug er wieder sein Joch. Seine Stellung war um so qualvoller, als selbst die fürsorgliche Natur sich nicht die Mühe gegeben hatte, ihn auch nur mit einem winzigen Anteil jener Fähigkeiten und Anlagen zu begaben, ohne die das Amt eines Spaßmachers fast unmöglich ist. Er verstand z. B. nicht, bis zum Um­fallen in einem gewendeten Bärenpelze zu tanzen oder in unmittelbarer Nähe ge­schwungener Hundepeitschen Witze und Komplimente zu machen; wenn man ihn nackt einem Frost von zwanzig Grad aussetzte, erkältete er sich zuweilen; sein Magen ver­daute weder mit Tinte und sonstigem Zeug vermischten Wein noch gehackte Fliegen­schwämme und Täublinge mit Essig. Gott allein weiß, was aus Tichon geworden wäre, wenn der letzte seiner Wohltäter, ein reichgewordener Branntweinpächter, in einer lus­tigen Stunde nicht den Einfall gehabt hätte, in seinem Testament folgenden Zusatz zu machen: „Dem Sjosja (alias Tichon) Nedopjuskin vermache ich aber zum ewigen und erblichen Besitz das von mir wohlerworbene Dorf Besselendejew mit allen Ap­pertinenzien.“ Einige Tage später wurde der Wohltäter beim Verzehren einer Sterlettsuppe vom Schlage gerührt. Es entstand ein Lärm, das Gericht trat ein und ver­siegelte, wie es sich gehört, die Hinterlassenschaft. Die Verwandten kamen zusammen, öffneten das Testament, lasen es und schickten nach Nedopjuskin. Nedopjuskin erschi­en. Der größte Teil der Versammelten wußte, welches Amt Tichon Iwanytsch bei sei­nem Wohltäter bekleidet hatte; man empfing ihn mit lauten Ausrufen und spöttischen Glückwünschen: „Der Gutsbesitzer, da ist er, der neue Gutsbesitzer!“ schrien die üb­rigen Erben. – „Da kann man wirklich sagen,“ fiel ein bekannter Spaßvogel und Witz­bold ein, „da kann man wirklich sagen. . . das ist wirklich . . . was man so nennt. . . ein Erbe!“ Und alle platzten vor Lachen. Nedopjuskin wollte an sein Glück lange nicht glauben. Man zeigte ihm das Testament, er errötete, kniff die Augen zusammen, fuch­telte abwehrend mit den Händen und begann zu schluchzen. Das Lachen der Versamm­lung wurde zu einem lauten, eintönigen Gebrüll. Das Dorf Besselendejewka zählte nur zweiundzwanzig leibeigene Seelen; niemand neidete es ihm, warum sollte man also nicht seinen Spaß haben? Nur ein Erbe aus Petersburg, ein würdiger Herr mit grie­chischer Nase und höchst vornehmem Gesichtsausdruck, Rostislaw Adamytsch Stoppel, konnte sich nicht beherrschen: er rückte seitwärts zu Nedopjuskin heran und sah ihn hochmütig über die Schulter hinweg an. „Soviel ich sehen kann, mein Herr,“ sagte er verächtlich und wegwerfend, „haben Sie beim verehrten Fjodor Fjodorowitsch das Amt eines Spaßmachers, sozusagen eines Dieners bekleidet?“ Der Herr aus Petersburg be­diente sich einer unerträglich deutlichen, scharfen und genauen Sprache. Der fassungs­lose und aufgeregte Nedopjuskin verstand die Worte des ihm unbekannten Herrn nicht, aber alle ändern verstummten sofort; der Witzling lächelte herablassend. Herr Stoppel rieb sich beide Hände und wiederholte seine Frage. Nedopjuskin hob erstaunt die Augen und riß den Mund auf. Rostislaw Adamytsch blinzelte verächtlich mit den Augen.
„Ich gratuliere Ihnen, mein Herr, ich gratuliere“, fuhr er fort. „Freilich darf man wohl sagen, daß nicht jedermann geneigt wäre, sich sein Brot auf diese Weise zu verdienen; aber: de gustibus non est disputandum, das heißt: ein jeder nach seinem Geschmack . . . Nicht wahr?“
In der hinteren Reihe winselte jemand ganz unanständig vor Erstaunen und Entzücken.
„Sagen Sie,“ fiel Herr Stoppel ein, „welchem Talent insbesondere haben Sie Ihr Glück zu verdanken? Nein, schämen Sie sich nicht, sagen Sie es; wir sind ja hier alle unter uns, sozusagen en famille! Nicht wahr, meine Herren, wir sind doch en famille?“
Der Erbe, an den sich Herr Stoppel zufällig mit seiner Frage gewandt hatte, verstand leider kein Französisch und beschränkte sich daher auf ein leichtes, beifälliges Räuspern. Ein anderer Erbe, ein junger Mann mit gelblichen Flecken auf der Stirn, bestätigte dagegen hastig: „Wui, wui, selbstverständlich.“
„Sie können vielleicht“, begann Herr Stoppel von neuem, „auf den Händen, die Füße sozusagen nach oben gerichtet, gehen?“
Nedopjuskin blickte trübsinnig um sich – alle Gesichter lächelten gehässig, alle Augen glänzten vor Vergnügen.
„Oder verstanden Sie vielleicht wie ein Hahn zu krähen?“
Schallendes Gelächter erhob sich ringsum und verstummte sofort, von der Erwartung des Kommenden erstickt.
„Oder konnten Sie vielleicht mit der Nase . . .“
„Hören Sie auf.“ unterbrach plötzlich den Rostislaw Adamytsch eine laute und scharfe Stimme. „Wie schämen Sie sich nicht, den armen Menschen zu quälen!“
Alle sahen sich um. In der Tür stand Tschertopchanow.
Als Neffe vierten Ranges des seligen Branntweinpächters hatte auch er eine Einladung zum Familienkongreß bekommen. Während der Verlesung des Testaments hatte er sich – wie immer – hochmütig abseits von den andern gehalten.
„Hören Sie auf!“ wiederholte er und warf den Kopf stolz in den Nacken.
Herr Stoppel wandte sich rasch um. Als er einen ärmlich gekleideten, unansehnlichen Menschen sah, fragte er halblaut seinen Nachbar (denn Vorsicht kann nie schaden):
„Wer ist das?“
„Tschertopchanow, kein großes Tier“, antwortete ihm jener ins Ohr.
Kostislaw Adamytsch setzte eine hochmütige Miene auf.
„Was haben Sie zu kommandieren?“ sagte er durch die Nase, mit den Augen blinzelnd. „Was sind Sie für ein Tier, wenn ich fragen darf?“
Tschertopchanow flammte auf wie Pulver von einem Funken. Die Wut benahm ihm den Atem.
„Ds-ds-ds-ds“, zischte er, wie wenn man ihn würgte, und donnerte plötzlich; „Wer ich bin? Wer ich bin? Ich bin der Edelmann Pantelej Tschertopchanow, mein Ururgroßvater hat dem Zaren gedient, und wer bist du?“
Rostislaw Adamytsch erbleichte und trat einen Schritt zurück. Eine solche Abfuhr hatte er nicht erwartet.
„Ich ein Tier! Ich ein Tier . . . Oh, oh, oh!“
Tschertopchanow ging auf ihn los; Stoppel sprang it großer Erregung zurück, die Gäste stürzten dem aufgebrachten Gutsbesitzer entgegen.
„Wir schießen uns, wir schießen uns, gleich hier auf der Stelle, über ein Schnupftuch!“ schrie der rasende Panteiej. „Oder bitte mich um Verzeihung und auch ihn . . .“
„Bitten Sie doch um Verzeihung“, stammelten die aufgeregten Erben rings um Stoppel. „Er ist ja verrückt und kann einen erdolchen!“
„Verzeihen Sie, verzeihen Sie, ich habe nicht gewußt,“ stammelte Stoppel, „ich habe nicht gewußt . . .“
„Bitte auch ihn um Verzeihung!“ brüllte der unerbittliche Panteiej.
„Entschuldigen auch Sie“, fügte Rostislaw Adamytsch hinzu, sich an Nedopjuskin wendend, welcher selbst wie im Fieber zitterte.
Tschertopchanow beruhigte sich, ging auf Tichon Iwanytsch zu, nahm ihn bei der Hand, blickte frei um sich und verließ, als er keinem Blicke begegnete, inmitten tiefsten Schweigens zusammen mit dem neuen Besitzer des wohlerworbenen Dorfes Besselendejewka das Zimmer.
Von diesem Tage an trennten sie sich nicht mehr. (Das Dorf Besselendejewka lag nur acht Werst von Bessonowo entfernt.) Die grenzenlose Dankbarkeit Nedopjuskins ging bald in eine andachtsvolle Unterwürfigkeit über. Der schwache, sanfte, in Geldsachen nicht ganz saubere Tichon beugte sich in den Staub vor dem furchtlosen und uneigen- nützigen Panteiej. „Eine Kleinigkeit!“ dachte er manchmal bei sich. „Er spricht mit dem Gouverneur und blickt ihm dabei gerade in die Augen . . . bei Gott, gerade in die Augen!“ . . .
Er bewunderte ihn ganz sinnlos, bis zur Erschöpfung aller Seelenkräfte und hielt ihn für einen ungewöhnlichen, klugen und gelehrten Menschen. Man muß wohl sagen: wie schlecht auch Tschertopchanows Erziehung war, im Vergleich mit der Erziehung Ti­chons konnte sie immer noch eine glänzende genannt werden. Tschertopchanow las allerdings nur wenig Russisch und verstand schlecht Französisch, – so schlecht, daß er einmal auf die Frage eines Schweizer Hofmeisters „Vous parlez francais, monsieur?“ antwortete: Sche verstehe nicht“, und nach einiger Überlegung hinzusetzte: „pas“; – aber er wußte immer noch, daß es auf der Welt einmal einen Voltaire, einen höchst beißenden Schriftsteller, gegeben, und daß Friedrich der Große, König von Preußen, sich auf militärischem Gebiete ausgezeichnet habe. Von russischen Schriftstellern ach­tete er Derschawin und liebte Marlinskij: seinen besten Hund nannte er nach einem der Helden Marlinskij s Ammalat Beck . . .
Einige Tage nach meiner ersten Begegnung mit den beiden Freunden begab ich mich nach Bessonowo zu Panteiej Jeremejitsch. In der Ferne war sein kleines Häuschen sicht­bar; es stand auf einer kahlen Stelle, eine halbe Werst vom Dorfe entfernt, ganz einsam, wie ein Habicht auf einem Acker. Das ganze Gut Tschertopchanows bestand aus vier altersschwachen, Holzgebäuden verschiedener Größe, und zwar aus dem Wohnhause, einem Pferdestalle, einem Schuppen und einem Dampfbade. Jeder Bau stand für sich; von einem Zaune oder Tore war nichts zu sehen. Mein Kutscher hielt ratlos vor einem halbverfaulten und verschütteten Brunnen. Neben dem Schuppen zerrten einige magere und struppige junge Windhunde an einem Pferdekadaver herum – wahrscheinlich war es Orbassan; einer von ihnen hob seine blutige Schnauze, bellte in großer Eile und fing wieder an, an den entblößten Rippen zu nagen. Neben dem Pferde stand ein Bursche von etwa siebzehn Jahren, mit gedunsenem, gelbem Gesicht, barfuß und als Lakai ge­kleidet; er sah wichtig auf die seiner Aufsicht anvertrauten Hunde und schlug die aller­gierigsten ab und zu mit der Hetzpeitsche.
„Ist der Herr zu Hause?“ fragte ich.
„Das weiß Gott allein!“ antwortete der Bursche „Klopfen Sie einmal an.“
Ich sprang aus dem Wagen und trat auf die Treppe des Wohnhauses.
Die Behausung des Herrn Tschertopchanow bot einen sehr traurigen Anblick: die Bal­ken waren geschwärzt und hatten sich geworfen, der Schornstein war eingestürzt, die Ecken waren verfault und eingesunken; die kleinen Fenster mit den dunkelgrauen Fens­terscheiben blickten unsagbar trübsinnig unter dem zottigen, herabhängenden Dach her­vor: manche alte Bettlerinnen haben solche Augen. Ich klopfte an; niemand antwortete mir. Aber hinter der Tür hörte ich die scharf gesprochenen Worte: „As, buki, wedi; paß auf, du Narr!“ sprach eine heisere Stimme. „As, buki, wedi, glagolj . . . aber nein! Glagolj, dobro, jestj! Jestj!* . . . Nun, Dummkopf!“
Ich klopfte zum zweitenmal.
Die gleiche Stimme rief: „Tritt ein! Wer ist da?“
Ich trat in ein kleines leeres Vorzimmer und erblickte durch die offene Tür Tschertop­chanow selbst. Er saß in einem bucharischen Schlafrock voller Fettflecke, einer furcht­bar weiten Pluderhose und einem roten Käppchen auf einem Stuhl, drückte mit der einen Hand einem jungen Pudel die Schnauze zusammen und hielt mit der anderen ein Stück Brot dicht über dessen Nase.
„Ah!“ sagte er mit Würde und ohne sich vom Platz zu rühren: „Freue mich sehr über Ih­ren Besuch. Bitte sehr, Platz zu nehmen. Ich mühe mich gerade mit Vensor ab . . . Ti­chon Iwanytsch,“ fügte er hinzu, die Stimme erhebend, „komm bitte her! Es ist Besuch da.“
„Sofort, sofort“, antwortete aus dem Nebenzimmer Tichon Iwanytsch: „Mascha, gib mir die Halsbinde her.“
Tschertopchanow wandte sich wieder Vensor zu und legte ihm das Stück Brot auf die Nase. Ich sah mich um. Das Zimmer enthielt außer einem Ausziehtisch voller Buckel, mit dreizehn Beinen verschiedener Länge und den vier durchgesessenen Rohrstühlen keinerlei Möbel; die vor sehr langer Zeit geweißten Wände mit blauen, sternförmigen Flecken waren an vielen Stellen abgebröckelt; zwischen den Fenstern hing ein zer­schlagener trüber Spiegel in einem riesengroßen, mahagonifarbenen Rahmen. In den Ecken standen Pfeifenrohre und Gewehre; von der Decke hingen dicke, schwarze Spinngewebe herab.
„As, buki, wedi, glagolj, dobro“, sprach langsam Tschertopchanow und schrie plötzlich wie rasend auf: „Jestj! Jestj! Jestj! . . . So ein dummes Vieh!.. Jestj!“
Der unglückliche Pudel zitterte aber nur und wagte nicht, das Maul zu öffnen; er fuhr fort, mit schmerzhaft eingezogenem Schwanz zu sitzen, verzog die Schnauze und zwin­kerte und blinzelte traurig mit den Augen, als wollte er sagen: „Gewiß, ganz wie Sie wünschen!“
„Friß doch! Hier!“ wiederholte der unerbittliche Gutsbesitzer.
„Sie haben ihn eingeschüchtert“, bemerkte ich.
„Dann fort mit ihm!“
Er gab ihm einen Fußtritt. Der Ärmste erhob sich still, ließ das Stück Brot von der Nase fallen und zog sich, wie auf den Zehen, tiefgekränkt ins Vorzimmer zurück. Und in der Tat: ein fremder Mensch macht zum erstenmal seinen Besuch, er aber wird so be­handelt.
Die Tür des Nebenzimmers knarrte leise, und Herr Nedopjuskin trat freundlich grüßend und lächelnd herein.
Ich stand auf und verbeugte mich.
„Lassen Sie sich nicht stören ? lassen Sie sich nicht , stören“, stammelte er.
Wir setzten uns. Tschertopchanow ging ins Nebenzimmer.
„Sind Sie schon lange hier in unserer gesegneten Gegend,“ begann Nedopjuskin mit weicher Stimme. Er hüstelte in die vorgehaltene Hand und hielt die Finger des An­standes halber vor den Mund.
„Seit zwei Monaten schon.“
„So, so.“
Wir schwiegen eine Weile.
„Ein angenehmes Wetter heute“, fuhr Nedopjuskin fort und sah mich so dankbar an, als hinge das schöne Wetter von mir ab. „Das Getreide, kann man wohl sagen, steht vortrefflich.“
Ich neigte bejahend den Kopf. Wir schwiegen wieder. „Pantelej Jeremejitsch hat gestern zwei Hasen gehetzt,“ sagte nicht ohne Anstrengung Nedopjuskin, der offenbar das Gespräch beleben wollte. „Ja, zwei sehr große Hasen.“
„Hat Herr Tschertopchanow gute Hunde?“
„Ja, wunderbare Hunde!“ entgegnete Nedopjuskin freudig: „Man kann wohl sagen, es sind die besten Hunde im Gouvernement. (Er rückte näher zu mir heran.) Aber was! Pantelej Jeremejitsch ist solch ein Mensch: was er sich nur wünscht, was ihm nur ein­fällt, eh man sich‘s versieht, ist es schon fertig und brühwarm da. Panteleji| Jeremejitsch ist, ich sage Ihnen . . .“
Tschertopchanow trat ins Zimmer. Nedopjuskin lächelte, verstummte und wies auf ihn mit den Augen, als wollte er sagen: Hier, überzeugen Sie sich selbst. Wir begannen ein Gespräch über die Jagd.
„Wollen Sie, daß ich Ihnen meine Meute zeige?“ fragte mich Tschertopchanow und rief, ohne meine Antwort abzuwarten, nach Karp.
Ein kräftiger Bursche in einem grünen Nankingkaftan mit blauem Kragen und Livree­knöpfen trat herein.
„Befiehl Fomka,“ sagte Tschertopchanow kurz, „Ammalat und Ssaiga hereinzubringen, aber in Ordnung, verstehst du?“
Karp lachte mit dem ganzen Gesicht, gab einen unartikulierten Laut von sich und ging hinaus. Fomka kam schön gekämmt und zugeknöpft und in Stiefeln mit den Hunden. Höflich bewunderte ich die dummen Tiere (alle Windhunde sind außerordentlich dumm). Tschertopchanow spuckte Ammalat direkt in die Nasenlöcher, was übrigens dem Hunde nicht das geringste Vergnügen zu bereiten schien. Auch Nedopjuskin strei­chelte Ammalat rückwärts. Wir fingen wieder zu plaudern an. Tschertopchanow wurde allmählich ganz sanft und hörte auf, sich zu brüsten und zu schnauben; sein Gesichts­ausdruck veränderte sich. Er blickte mich und Nedopjuskin an. . .
„Eh!“ rief er plötzlich aus: „Was soll sie dort allein sitzen? Mascha! Du, Mascha! Komm mal her!“
Im Nebenzimmer rührte sich jemand, aber eine Antwort kam nicht.
„Ma-a-scha,“ wiederholte Tschertopchanow freundlich, „komm doch her. Fürchte dich nicht.“
Die Tür ging leise auf, und ich erblickte eine Frau von etwa zwanzig Jahren, groß und schlank, mit einem dunklen Zigeunergesicht, gelbbraunen Augen und einem pechschwarzen Zopf; die großen weißen Zähne leuchteten zwischen den vollen und roten Lippen. Sie trug ein weißes Kleid; ein blauer Schal, am Halse mit einer goldenen Nadel festgesteckt, bedeckte zur Hälfte ihre feinen, rassigen Arme. Sie machte zwei Schritte mit der scheuen Unbeholfenheit einer Wilden, blieb stehen und senkte das Gesicht.
„Hier, ich stelle Ihnen vor,“ sagte Pantelej Jeremejitsch, „meine richtige Frau ist sie eigentlich nicht, aber so gut wie eine Frau.“
Mascha errötete leicht und lächelte verlegen. Ich verneigte mich vor ihr besonders tief. Sie gefiel mir sehr. Die feine Adlernase mit den offenen, halb durchsichtigen Flügeln, der kühne Schwung der hohen Augenbrauen, die blassen, ein wenig eingefallenen Wangen, alle ihre Gesichtszüge drückten launische Leidenschaftlichkeit und sorglose Ausgelassenheit aus. Unter dem geflochtenen Zopfe liefen zwei glänzende Haarsträhnen den breiten Hals herab, – ein Zeichen von Rasse und Kraft.
Sie trat ans Fenster und setzte sich. Ich wollte ihn Verlegenheit nicht noch vergrößern und begann ein Gespräch mit Tschertopchanow. Mascha wandte etwas die Kopf und musterte mich mit verstohlenen, wilden und schnellen Blicken. Ihre Blicke waren so schnell wie ein Schlangenstachel. Nedopjuskin setzte sich zu ihr und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie lächelte wieder. Bein Lächeln runzelte sie leicht die Nase und hob die Oberlippe was ihrem Gesicht etwas von einer Katze und vielleicht auch von einer Lö­win verlieh …
„Oha, du bist ein .Rührmichnichtan‘“, dachte ich mir, indem ich meinerseits verstohlen ihre biegsame Taille, die eingefallene Brust und die eckigen, raschen Bewegungen be­obachtete.
„Was glaubst du, Mascha“, fragte Tschertopchanow, „man sollte doch dem Gast etwas vorsetzen, wie?“
„Wir haben Eingemachtes“, antwortete sie.
„Nun, gib das Eingemachte her, bei dieser Gelegenheit, auch den Schnaps. Hör‘, Ma­scha,“ rief er ihr nach, „bring auch die Gitarre!“
„Wozu die Gitarre? Ich werde nicht singen.“
„Warum nicht?“
„Ich will nicht.“
„Unsinn, du wirst schon wollen, wenn . . .“
„Was?“ fragte Mascha, schnell die Brauen runzelnd.
„Wenn man dich darum bittet“, sprach Tschertopchanow den Satz nicht ohne Verlegen­heit zu Ende.
„Ach so!“
Sie ging hinaus, kehrte bald mit dem Eingemachten und mit dem Schnaps zurück und setzte sich wieder ans Fenster. Auf ihrer Stirn war noch eine Runzel zu sehen; die beiden Augenbrauen hoben und senkten sich wie die Fühler einer Wespe . . . Haben Sie schon einmal bemerkt, Leser, was für ein böses Gesicht so eine Wespe hat? Nun, dachte ich mir, es wird ein Gewitter geben. Das Gespräch wollte nicht richtig in Fluß kommen; Nedopjuskin war gänzlich verstummt und lächelte gespannt; Tschertopchanow keuchte, errötete und glotzte; ich hatte schon die Absicht, mich zu empfehlen . . . Mascha erhob sich plötzlich, öffnete das Fenster, steckte den Kopf hinaus und rief wütend einem vor­übergehenden Bauemweibe zu: „Aksinja!“ Das Weib fuhr zusammen, wollte sich um­drehen, glitt aber aus und fiel schwer zu Boden. Mascha warf sich zurück und begann laut zu lachen; auch Tschertopchanow lachte; Nedopjuskin piepste vor Vergnügen. Wir wurden alle lebendig. Das Gewitter hatte sich durch einen einzigen Blitz entladen . . . die Luft war nun rein.
Eine halbe Stunde später hätte uns niemand wiedererkannt; wir plauderten und tollten wie die Kinder. Mascha war ausgelassener als alle. Ihr Gesicht war blaß geworden, die Nasenlöcher hatten sich gebläht, der Blick war leuchtender und zugleich dunkler ge­worden. Die Wilde war entfesselt. Nedopjuskin humpelte auf seinen dicken und kurzen Beinchen hinter ihr her wie ein Enterich hinter einer Ente. Selbst Vensor kam unter der Bank im Vorzimmer hervorgekrochen, blieb eine Weile auf der Schwelle stehen, sah uns an und begann plötzlich zu springen und zu bellen.
Mascha flog flink wie ein Vögelchen ins andere Zimmer hinüber, brachte die Gitarre, warf sich den Schal von den Schultern, setzte sich rasch und stimmte ein Zigeunerlied an. Ihre Stimme klang und zitterte wie ein gesprungenes Glasglöckchen, sie schwoll an und erstarb . . . Es wurde dabei so süß und so bange ums Herz. – „Ai, brenne, glüh und sprich!“ . . . Tschertopchanow fing an zu tanzen. Nedopjuskin stampfte und strampelte mit den Füßen. Mascha war ganz Bewegung und bog sich wie Birkenrinde im Feuer: die feinen Finger liefen hurtig über die Saiten, der braune Hals hob sich langsam unter der doppelten Bernsteinkette. Bald verstummte sie, sank erschöpft hin und zupfte lustlos an den Saiten; Tschertopchanow blieb stehen, zuckte nur mit einer Achsel und tänzelte auf eine Fleck, während Nedopjuskin wie ein PorzeIIanchinese mit dem Kopfe wa­ckelte; bald sang sie wieder aus voller Kehle wie eine Wahnsinnige, richtete sich auf und reckte Brust, Tschertopchanow hockte sich wieder bis zur Erde nieder, sprang bis an die Decke, drehte sich wie ein Kreis und schrie: „Schneller! . .“
„Schneller, schneller, schneller, schneller!“ wiederholt Nedopjuskin.
Spät am Abend verließ ich Bessonowo.

FORTSETZUNG: s. DAS ENDE TSCHERTOPCHANOWS

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