Tim ist tot

Shorty trat nach einer Taube, die den Randstein entlang trippelte. Fröstelnd schlug er den Kragen seiner dünnen Jacke hoch, vergrub die Hände in den Taschen und sagte dann: „Tim ist tot.“

„Hab’s gehört,“ sagte Boston Jim und zündete sich eine Zigarette an.

„Er hätte es nich tun sollen.“

„Was?“

„Versuchen, Fat Man Jack reinzulegen.“

„Das hat er getan?“ staunte Boston Jim.

„Hat er,“ nickte Shorty.

„Um wie viel ging’s denn?“

„Keine Kohle.“

„Was dann?“

„Ein Gedicht.“

Boston Jim riss die Augen auf. „Ein Gedicht?“

„Ja-ah,“ sagte Shorty bedächtig, „ein Gedicht.“

„Wie ist das denn gegangen?“

„Vor zwei Tagen war’s, glaube ich, da wuchtete Fat Man seine hundertachtzig Pfund sechs Treppen hoch zu Tims Dreckloch von Bude ganz oben unterm Dach – mit eins A Aussicht auf ’ne Menge Dachpappe, baufällige Kamine und dreckige Hinterhöfe und so weiter – na ja, du kennst seine Absteige ja.“

Boston Jim nickte beifällig.

„Keine Ahnung, was der da wollte. Vielleicht hatte er mal wieder ’nen miesen kleinen Job für Tim, den sonst keiner von seinen Jungs erledigen wollte. Möglich auch, dass Tim bei ihm mal wieder zu sehr in der Kreide stand. Egal, ’nen Höflichkeitsbesuch mit Teetrinken und Kekseknabbern wird’s jedenfalls nich gewesen sein. Fat Man walzt jedenfalls schnaufend und aus dem letzten Loch pfeifend rein in das Rattenloch, und sein Blick fällt sofort auf dieses Gedicht – das hängt da an der Wand, auf sauberem weißen Papier, ordentlich gerahmt, hinter Glas – ein paar Zeilen nur. Fat Man liest’s, kriegt langsam seine Puste wieder und kommt dann zum Geschäftlichen. Und wie das dann erledigt ist und er schon wieder gehen will, bleibt er noch mal vor dem Gedicht stehen und fragt: „Von wem ist das?“

„Hast du was übrig für Gedichte?“ kräht Tim.

Fat Man grunzt irgendwas und sagt: „Das ist gut, das seh ich auf den ersten Blick. – Also von wem?“

Tim ziert sich, wenigstens kam’s dem Fat Man so vor. Dann dämmert’s, und er sagt: „Sag bloß, von dir.“

Tim macht „mhm“.

„Kann ich’s haben?“

„Wozu brauchst du ein Gedicht?“ Tim ist sicher nich der Hellste, aber das war mal ’ne richtig gute Frage von ihm.

Fat Man sagt nichts, starrt ihn nur abwartend an. Und wenn der einen so anstarrt, dann gibt’s eigentlich nur eine Antwort. Das wusste Tim auch. Er zuckt die Achseln, lässt einen langen Seufzer hören und sagt: „Was soll’s?“

Darauf hat Fat Man nur gewartet, er grabscht sich das Gedicht, klemmt sich’s unter den Arm, und weg isser, mit Holterdipolter die Treppe runter.

Tim glotzt die leere Stelle an der Wand mit dem einsamen, rostigen Nagel an und kratzt sich am Schädel, in dem nur die eine Frage schmerzt: „Was will Fat Man Jack mit einem Gedicht?“ Für ihn ist das so was wie ein Welträtsel – und für nicht wenige andere auch, die den Vorzug – oder das Pech – haben, Fat Man Jack zu kennen.“

„Okay,“ sagte Boston Jim. „Wenn Fat Man Jack was gefällt, dann nimmt er sich’s einfach. So weit, so gut. Aber ich hab noch nie gehört, dass er sich was aus Büchern oder sogar aus Gedichten machen würde.“

„Ich auch nicht,“ stimmte Shorty zu. „Haste mal ’ne Fluppe für mich?“

Boston Jim hielt ihm ein zerdrücktes Zigarettenpäckchen hin und gab ihm Feuer.

Nachdenklich versuchte Shorty Rauchkringel in den beißend kalten Nordwind zu blasen. „Bis hierher habe ich die Story von Tim. Und den Rest hat mir dann die Lizzy erzählt.“

„Die neue Biene vom Fat Man?“

„Genau die.“

Shorty rauchte, und Boston Jim wartete. „Bei sich zuhause schnappt Fat Man sich sofort Hammer und Nagel und hängt das Gedicht direkt überm Fernseher auf, wo er es von seinem Sessel immer im Blick hat. Dann lässt er sich in selbigen Sessel plumpsen, schraubt sich eine Zigarre in den Mundwinkel und sagt: „So!“ Lizzy geht näher ran und studiert die paar Zeilen. Kann aber nix Besonderes daran finden. Sie fragt: „Von wem?“

„Kennste nich,“ grunzt Fat Man. „Und wenn er auch in seinem ganzen beschissenen bisschen Leben nichts weiter zustande gebracht hat, als dieses Gedicht, dann hat es sich gelohnt. Das hat Stil, da steckt viel Wahrheit drin. Und das alles nur mit diesen paar Worten. Genial.““

„Worum ging’s denn eigentlich dabei?“

„Die Lizzy meint, um ’nen Tiger im Zoo oder so. Das Ganze muss eine Saite in ihm zum Klingen gebracht haben. Vielleicht kam’s ihm ja so vor, als hätte Tiny Tim damit den Deckel angehoben und ihn einen Blick ins Getriebe des Lebens tun lassen. Jedenfalls war da irgendwas drin, was wichtig war für ihn – mächtig wichtig. Goldene Worte sozusagen. Und er schien riesig stolz zu sein, dass er den Mann persönlich kannte, von dem sie stammten. Obwohl Tiny Tim bei ihm ansonsten natürlich nicht mehr Ansehen hatte als eine Küchenschabe.“

„Der Tim war ’ne Analfistel,“ stellte Boston Jim ungerührt fest, schnippte seinen Zigarettenstummel in den Rinnstein und blickte bewundernd einer dunklen Limousine nach, die wummernd vorbeirollte.

„Ja, wahrscheinlich. Aber jetzt ist er ’ne tote Analfistel.“

„Du hast mir immer noch nich gesagt, wie’s passiert ist?“

„Also, die Lizzy konnte nicht viel anfangen mit dem ganzen Dunst und auch nicht damit, dass er den Dichter persönlich kannte. Aber das war Fat Man egal, er war eben hin und weg, als ob der Blitz in ihn eingeschlagen hätte. Gestern Abend dann, Fat Man war gerade mal kurz aus dem Zimmer, und Lizzy guckt den Film, der gerade im Fernsehen kommt, da lesen die da doch genau dieses Gedicht vor. Muss also wirklich ’n gutes Gedicht sein, wenn sie es sogar in ’nem Film bringen. Und sie sagen auch den Namen von dem, der’s gemacht hat – Reelkie oder so ähnlich, is nich von hier, kennste den zufällig?“

„Nee, mit Gedichtemachern kenn ich mich nich so aus, egal ob die von hier sind oder nich.“

„Hätteste in der Schule mal nich so oft blau gemacht, dann könnte man noch was lernen von dir,“ knurrte Shorty. „Also, der Name von Tiny Tim war’s jedenfalls nich. Und wie Fat Man wieder ins Zimmer kommt, schüttet die Lizzy sich aus vor Lachen und sagt ihm, dass er sich mit dem Gedicht bescheißen lassen hat.“

Da ist der Fat Man erst ganz weiß geworden und dann ganz rot. Und dann hat er das Gedicht von der Wand gerissen und ist damit aus dem Haus gestürmt.

„Zu Tim natürlich,“ folgerte Boston Jim.

Shorty nickte. „Und was dann genau passiert ist, das weiß nur Fat Man Jack allein. Vielleicht ist Tim vor Angst aus dem Fenster gesprungen, als er hörte, wie er die Treppe heraufgeschnauft kam. Vielleicht wollte er sich auch über die Dächer davonmachen und ist dabei abgestürzt. Oder Fat Man hat ihn tatsächlich eigenhändig vom Dach geschmissen. Jedenfalls haben sie ihn verhaftet und eingelocht.“

„Dabei hat ihm der Tim doch gar nicht gesagt, dass das Gedicht von ihm ist.“

„Wenigstens nich direkt. Und sein Name stand auch nich drunter.“

Boston Jim zündete sich eine neue Zigarette an. „Tja, aber er hat Fat Man Jack einen schönen Traum kaputt gemacht, vielleicht den einzigen, den er je hatte.“

„So sieht’s aus. Scheint da auf eine verborgene sentimentale Ader bei ihm gestoßen zu sein, von der niemand was wusste.“

Boston Jim schniefte und erkundigte sich geschäftsmäßig: „Wer kümmert sich eigentlich um Tims Begräbnis – hatte ja wohl keine Verwandten mehr.“

Shorty wieherte kurz. „Gott sei Dank! Noch mehr von seiner Sorte, das wäre ja nich zum Aushalten gewesen.“

„Schon, schon,“ meinte Boston Jim ernst. „Hat uns wirklich nich viel Freude gemacht, dieses Frettchen mit seinen dauernden linken Touren. Aber irgendwie hat er doch auch dazu gehört. Und da sollte man ihn doch anständig unter die Erde bringen.“

Shorty richtete einen fragenden Blick auf ihn.

„Heute haben wir Dienstag, da kommen die Jungs abends in Barneys Biertempel zusammen. Wir könnten doch mal den Hut rumgehen lassen, damit’s wenigstens für ’nen ordentlichen Grabstein reicht.“

Shorty dachte nach. „Und was schreiben wir drauf?“

„Och, das is doch gar nich so schwer,“ grinste Boston Jim. „Wir schreiben ganz einfach und in goldenen Lettern darauf:

Hier ruht Tiny Tim

 DIE POESIE HAT IHN UMGEBRACHT.“

 

[Falls Sie es noch nicht erraten haben, ̣um dieses Gedicht ging es hier].

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