Telegin und Pawlowna

Es ist nun schon eine ganze Reihe von Jahren her, daß etwa vierzig Werst von unserer Besitzung auf seinem Erbgute Suchodol ein entfernter Verwandter meiner Mutter lebte; er war in seiner Jugendzeit Gardeoffizier gewesen, hatte dann, da er ein ziemliches Vermögen befaß, als es ihm beim Militär nicht mehr gefiel, seinen Abschied nehmen und sich der Bewirthschaftung seines Gutes widmen können – und hieß Alexis Sergejewitsch Telegin.

Da er niemals sein Haus verließ, so kam er natürlich auch nicht zu uns auf Besuch; mich aber schickten meine Eltern zweimal in jedem Jahre zu ihm, um ihm, als dem ältesten Familienmitglied, eine Aufmerksamkeit zu erweisen. Anfänglich machte ich diese Besuche in Gesellschaft meines Erziehers, später allein. Der alte Herr nahm mich immer mit ausnehmender Freundlichkeit bei sich auf, und gewöhnlich dehnte sich mein Besuch so aus, daß ich gleich drei bis vier Tage bei ihm blieb.

Als ich ihn kennen lernte, war er bereits ein Greis; bei meinem ersten Besuche in Suchodol zählte ich erst zwölf Jahre, während er schon ein Siebziger war. Sein Geburtsjahr fiel zusammen mit dem letzten Regierungsjahr der Kaiserin Elisabeth.

Er lebte ganz allein mit seiner Gattin Melania Pawlowna, die etwa zehn Jahre jünger als er selbst sein mochte. Aus ihrer Ehe waren zwei Töchter entsprossen, diese waren aber Beide schon seit langen Jahren verheirathet und kamen nur höchst selten einmal auf das Gut; zwischen ihren Eltern und ihnen war, wie das russische Sprichwort sagt, eine schwarze Katze hindurchgelaufen, und daher mochte es wohl auch kommen, daß Alexis Sergejewitsch nur in ganz vereinzelten Fällen seine Kinder erwähnte.

Ich sehe im Geiste noch immer das alte Gebäude vor mir, das aber trotz aller seiner Eigenthümlichkeiten doch so recht den Eindruck eines Herrensitzes machte, wie ihn unsere Steppenjunker lieben. Das Haus war nur einstöckig, hatte aber gewaltige Plattformen und Galerien; zu Anfang dieses Jahrhunderts war es aus kolossal dicken Fichtenstämmen aufgerichtet worden. Aus den ehemaligen Schisdrinski’schen Wäldern, von denen heute auch nicht mehr die kleinste Spur übrig geblieben ist, waren die Baumriesen herbeigeschafft worden. Das Haus war sehr geräumig und enthielt eine Unmasse Zimmer und Kammern, die allerdings, um die Wahrheit zu sagen, durchgängig sehr niedrig und auch ziemlich dunkel waren. Um den Winterfrost nach Möglichkeit fern zuhalten, hatte man nur äußerst kleine Fensteröffnungen in den Wänden angebracht. Nach dem allgemeinen Gebrauche – jetzt muß man allerdings sagen: nach dem damaligen allgemeinen Gebrauche, war das Herrenhaus von allen Seiten von Dienerwohnungen und Wirtschaftsgebäuden umgeben. Auch ein Garten war in nächster Nähe, und wenn er auch nur klein war, so enthielt er doch einzelne Bäume mit ausgezeichnetem Obst – hier wuchsen die saftigsten Aepfel und die schmackhaften Birnen ohne Kerne.

Zehn Werst im Umkreise erstreckte sich die einförmige, ebene Steppe; fettes, schwarzes Erdreich, ohne die geringste Abwechselung, keinen einzigen hervorragenden Gegenstand konnte das Auge erblicken, so weit es auch in der Runde streifte – keinen Baum, nicht einmal einen Kirchthurm. Nur weit, weit hinten am Horizont gewahrte man die Umrisse einer Windmühle mit durchbrochenen Flügeln.

Alle Räume des Hauses waren mit altmodischen, einfachen, an Ort und Stelle angefertigten Möbeln angefüllt. Eigenthümlich nahm sich im Salon ein in der Nähe des Fensters befindlicher Meilenstein aus mit folgender Inschrift: »Wenn du diesen Salon achtundsechzig Mal durchschreitest, hast du eine Werst zurückgelegt; wenn du siebenundachtzig Mal von der äußersten Ecke dieses Salons bis zur rechten Ecke des Billards gehst, so hast du ebenfalls eine Werst zurückgelegt« u. s. w.

Was aber Jedem, der dem Herrenhause zum ersten Male einen Besuch abstattete, am allermeisten auffiel, das war die große Menge von Bildern, die ringsum an allen Wänden hingen; es waren zum größten Theil Werke von Meistern aus der sogenannten älteren italienischen Schule – Landschaften, mythologische und religiöse Darstellungen. Da aber alle Gemälde außerordentlich nachgedunkelt hatten – zum großen Theil hatte sich sogar die einst glatte Fläche der Leinwand geworfen – so konnte das Auge nichts unterscheiden, als einzelne fleischfarbene Flecke, hier und da wohl auch eine rothe Draperie, die um einen unsichtbaren Rumpf geschlungen sein mochte, einen dem Anschein nach in der Luft schwebenden Bogen, einen zerzausten Baum mit fast blau erscheinendem Laube, oder auch die Brust einer Nymphe, dem Deckel einer Suppenterrine vergleichbar; oder wohl auch eine zerschnittene Melone mit ihren schwarzen Kernen, einen Turban mit Feder oberhalb eines Pferdekopfes, oder endlich das Bruchstück einer Apostelfigur, ein zimmetfarbenes Bein mit kräftiger Wade und dicken, nach oben gerichteten Zehen.

Den Ehrenplatz im Salon nahm das lebensgroße Portrait der Kaiserin Katharina II. ein, eine Kopie des bekannten Lampi’schen Bildes. Es war der Gegenstand der besonderen Verehrung, ja – man kann ohne Uebertreibung fast sagen: der Anbetung und Vergötterung Seitens des Hausherrn. Von den Decken hingen Kronleuchter von Bronze mit gläsernem Aufputz herab, die alle sehr klein und auch sehr staubig waren.

Alexis Sergejewitsch Telegin war ein kleines, untersetzt gebautes, rundliches Männchen mit vollem, etwas blassem, aber doch recht angenehmem Gesicht, schmalen Lippen und mit dichten Brauen über den kleinen, äußerst lebhaft blickenden Augen. Die wenigen Haare, die ihm noch geblieben waren, pflegte er nach hinten über zu kämmen. Erst im Jahre 1812 hatte er aufgehört, das Haar zu pudern. Seine Kleidung bildete unabweislich ein grauer Mantel mit drei auf die Schulter fallenden Kragen, eine gestreifte Weste, hirschlederne Beinkleider, dunkelrothe Saffianstiefel mit herzförmigem Ausschnitt und Quasten am oberen Schäftenrand; außerdem trug er ein weißes baumwollenes Tuch um den Hals geschlungen, ein Jabot, Manschetten und endlich zwei große englische Uhren – in jeder Westentasche befand sich eine. Für gewöhnlich hielt er in der rechten Hand eine emaillirte Tabacksdose mit spanischem Taback; die Linke stützte sich auf einen Stock, dessen silberner Knopf vom langen Gebrauche so abgerieben war, daß er ordentlich glänzte.

Telegins Stimme war näselnd und dünn; er lächelte beständig. Sein Lächeln hatte einen freundlichen Ausdruck, aber auch etwas Herablassendes und einen leisen Beigeschmack von Selbstgefälligkeit. Dünn und fein, wie sein Sprechen, hörte sich auch sein Lachen an. Er hatte die Lebensart aus der Zeit der Kaiserin Katharina beibehalten, und deshalb war er in höchstem Maße höflich und artig; auch alle seine Bewegungen waren langsam und wie abgemessen und abgerundet. Die Schwäche seiner Füße hinderte ihn daran, zu gehen; er konnte nur mit kleinen Schritten von einem Sessel zum andern trippeln, und auf diesen ließ er sich dann wieder nieder, oder vielmehr er fiel in den Sessel, der weich und elastisch wie ein Kissen war.

Telegin machte, wie ich schon erzählt habe, keine Besuche und hatte auch mit seinen Nachbarn fast gar keinen Verkehr, obgleich er die Gesellschaft und Geselligkeit liebte, denn er war von Natur etwas redselig, um nicht geschwätzig zu sagen. An Gesellschaft fehlte es in seinem Haufe auch nie; da fanden sich mehrere Nikanor Nikanoritsche, Sebastej Sebastejewitsche, Fidulitsche, Michailowitsche u. s. w. – lauter verarmte Landjunker. Sie lebten unter seinem Dache und trugen zum Theil sogar die von ihm abgelegten Mäntel und Beinkleider. Im andern Theile des Hauses lebte eine hübsche Anzahl heruntergekommener Edelfrauen; sie trugen Kattunkleider, dunkle Tücher und hielten ihre baumwollenen Arbeitsbeutel zwischen den zusammengepreßten knöchernen Händen – das waren nun wieder die verschiedenen Awdolia’s, Pelagia’s u.s.w. Alexis Sergejewitsch war so gastfrei, daß an seinem Tische fast niemals weniger als fünfzehn Personen vereint waren.

Unter all‘ diesen, die hier aus Mitleid und Erbarmen ernährt wurden, traten besonders Persönlichkeiten durch ihre Eigenart hervor: ein Zwerg, der den Beinamen Janus oder der Zweigesichtige führte, dänischer oder, wie Einige behaupteten, jüdischer Abstammung, und ferner der verrückte Fürst L.

Im Gegensatz zu den Sitten und dem Gebrauche der damaligen Zeit diente der Zwerg durchaus nicht etwa dem Hausherm als ein Gegenstand des Amüsements oder als Narr. Gerade das Gegentheil war der Fall; Janus war immer schweigsam, sah finster und verdrossen darein, zog die Augenbrauen zusammen, runzelte die Stirn und knirschte mit den Zähnen, sobald irgend Jemand sich einfallen ließ, eine Frage an ihn zu richten. Alexis Sergejewitsch nannte ihn »den Philosophen« und hatte in gewissem Sinne sogar Hochachtung vor ihm. Bei Tisch wurden, sobald die Herrschaft und die Gäste bedient waren, die einzelnen Schüsseln ihm zuerst vorgesetzt.

»Gott hat ihn heimgesucht,« pflegte Telegin zu sagen; »das war der göttliche Wille. Um so weniger darf ich oder ein Anderer noch wagen, ihm zu nahe zu treten.«

»Warum halten Sie ihn denn eigentlich für einen Philosophen?« fragte ich einst. Janus konnte mich nicht leiden; sobald ich mich ihm nur näherte, wurde er ärgerlich und brummte mit heiserer Stimme: »Laß mich in Frieden, aufdringlicher Mensch!«

»Weshalb soll er, Gott behüte, kein Philosoph sein?« antwortete mir Telegin. »Beachte doch nur einmal, mein Junge, wie gut er zu schweigen versteht.«

»Und weshalb nennt man ihn den Zweigesichtigen?«

»Deshalb, mein Junge, weil er ein Gesicht nur nach außen zeigt – und nach diesem beurtheilt Ihr ihn natürlich, Ihr Naseweise. Er hat aber noch ein anderes Gesicht, das ist sein wirkliches. Dieses verbirgt er. Ich kenne es einzig und allein, und ich liebe ihn deswegen auch, denn dieses zweite Gesicht ist ein gutes Gesicht. Du siehst z.B. hin, und nimmst doch nichts wahr; ich aber, ich sehe und erkenne Alles, was in ihm vorgeht, auch wenn er kein Wort spricht. Ich erkenne es sofort, wenn er mit mir unzufrieden ist. Er ist sehr streng, aber er hat immer Recht. Du, mein Bürschchen, kannst das natürlich nicht begreifen, aber glaube es nur, wenn es ein so alter Mann sagt, wie ich es bin.«

Die wirkliche Geschichte des Zwerges Janus – woher er stammte, auf welche Weise er zu Telegin ins Haus gekommen war – blieb aller Welt ein Geheimniß. Dagegen war die Geschichte des Fürsten L. uns Allen wohl bekannt.

Er stammte aus einer reichen und sehr angesehenen Familie, war im Alter von zwanzig Jahren nach Petersburg gekommen und in ein Garderegiment eingetreten. Gleich beim ersten großen Empfange im Schlosse bemerkte ihn die Kaiserin Katharina; sie blieb vor ihm stehen, und indem sie mit dem Fächer auf ihn deutete, sagte sie laut zu einem Herrn ihres Gefolges: »Sieh doch nur, Adam Wassiljewitsch, welch‘ ein hübscher Mensch das ist. Man glaubt wirklich, eine Puppe vor sich zu haben.«

Dem armen jungen Mann drehte sich Alles vor den Augen im Kreise herum. Kaum war er in seiner Wohnung wieder angelangt, als er auch schon den Wagen anspannen ließ, und nachdem er das Band des Annenordens angelegt hatte, fuhr er in der Stadt spazieren mit der Miene und den Manieren Eines, der bereits der erklärte Günstling geworden.

»Fahr‘ über Alle hinweg!« schrie er seinem Kutscher zu. »Hörst Du wohl? Du sollst über Alle hinwegfahren, die mir nicht ausweichen!«

Das wurde natürlich zur Kenntniß der Kaiserin gebracht. Die Folge davon war, daß der junge Mann für toll erklärt und zweien seiner Brüder zur Bewachung übergeben wurde. Diese machten auch nicht viel Federlesens, brachten ihn aufs Land, schlossen seine Füße mit Ketten an einander und sperrten ihn in ein steinernes Gewahrsam. Da sie das Vermögen des Bedauernswerthen für sich selbst haben wollten, so hielten sie ihn auch dann noch gefangen, als er schon längst wieder zur Vernunft gekommen war. Schließlich war er so lange, unter dem Verdacht wahnsinnig zu sein, festgehalten worden, bis er thatsächlich den Verstand verlor.

Dieser niederträchtige Streich brachte ihnen aber keinen Vortheil. Fürst L. überlebte seine Brüder und nach zahllosen Schwierigkeiten und Scheerereien kam er endlich, halb durch Zufall, unter die Vormundschaft Telegins, der auf irgend eine Weise mit ihm verwandt war. Er war ein dicker, vollkommen kahlköpfiger Mann mit langer, spitzer Nase und blauen aus dem Kopfe hervorstehenden Augen. Er hatte das Sprechen mit der Zeit vollkommen verlernt und stieß nur unartikulirte Laute aus. Aber zum Singen hatte er bis ins hohe Alter eine treffliche, silberhell klingende Stimme sich bewahrt und russische Volkslieder trug er wirklich entzückend vor. Beim Singen brachte er auch jedes einzelne Wort vollkommen klar und wohllautend zum Ausdruck.

Von Zeit zu Zeit hatte er Anfälle von Tobsucht und dann war er wahrhaft schrecklich. Er stellte sich dann in eine Ecke, drehte das Gesicht der Wand zu und stieß, während sein Gesicht roth und schweißbedeckt war und sogar die Glatze dunkelroth erschien, ein gellendes Lachen aus, stampfte mit den Füßen und befahl, irgend Jemanden – wahrscheinlich hatte er dabei seine Brüder im Sinn – aufs Allerstrengste zu bestrafen.

»Schlage!« brüllte er auf, während ein Lachanfall ihn fast zu ersticken drohte. »Peitsche ohne Erbarmen darauf los! Schlage! Schlage diese Ungeheuer, meine Feinde! Gut so, gut so, immer noch kräftiger!«

Am Vorabende von des Fürsten Tod trug sich etwas zu, was Alexis Sergejewitsch in höchsten Schrecken versetzte. Blaß und sehr still trat der Tolle in das Zimmer meines Onkels, verneigte sich tief, dankte für das Obdach und alle die Unterstützungen, die ihm in diesem Hause zu Theil geworden waren und bat dann, zu einem Geistlichen zu schicken, denn der Tod sei ihm genaht – er habe ihn schon gesehen; deshalb sei es jetzt auch an der Zeit, von Allen Abschied zu nehmen und an sein Seelenheil zu denken.

»Du hast den Tod gesehen?« murmelte ganz entsetzt Telegin, der zu gleicher Zeit aufs Höchste erstaunt war, denn er hatte noch niemals zuvor Jenen in so zusammenhängender Weise reden hören. »Wie sah er denn aus? Trug er eine Sense?«

»Nein,« erwiderte Fürst L. »Es war einfach ein altes, mit einer Jacke bekleidetes Weib. Es hatte nur ein einziges Auge – mitten auf der Stirn. Ein solches Auge bekommt man in aller Ewigkeit nicht zum zweiten Male zu sehen.«

Wirklich starb Fürst L. am nächsten Tage, und zwar starb er bei vollständiger Klarheit des Geistes, nachdem er mit dem Geistlichen gesprochen und sich von allen Hausgenossen verabschiedet hatte.

»Auch ich werde so sterben,« sagte Telegin zuweilen. Und ziemlich ähnlich ging es in der That bei seinem Tode zu; doch das werde ich später erzählen. Vorerst wollen wir zu unserm eigentlichen Gegenstande zurückkehren.

Mit seinen Nachbarn unterhielt Telegin, wie ich schon sagte, nur äußerst geringfügigen Verkehr, und auch sie mochten ihn nicht besonders leiden; sie bezeichneten ihn als einen Sonderling, als stolz, spöttisch und sogar als einen »Martinisten«, womit sie einen Menschen bezeichnen wollten, der die Pflichten, welche er der Obrigkeit gegenüber hatte, nicht anerkennen wollte.

Die Leute hatten dabei bis zu einem gewissen Grade sogar Recht. Alexis Sergejewitsch hatte fast siebzig Jahre hintereinander auf seiner Besitzung Suchodol verlebt und war dabei zu den Behörden, zu der Verwaltung und zum Gericht fast in gar keine Beziehung getreten.

»Das Gericht ist für die Räuber geschaffen, die Verwaltungsbehörden sind wegen der Soldaten da,« pflegte er zu sagen. »Gott sei Dank bin ich aber weder Räuber noch auch Soldat.«

Ein Sonderling war der alte Herr in mancher Beziehung ganz entschieden; aber eben so sicher ist, das seinem Wesen alles Niedrige und Kleinliche fremd war.

Ich habe niemals genau erfahren können, welcher Art eigentlich seine politischen Anschauungen waren – wenn es überhaupt gestattet ist, einen so modernen Ausdruck auf die damalige Zeit und einen ihrer Vertreter anzuwenden. Alles in Allem genommen, war er ein Aristokrat und zwar noch mehr Aristokrat als das, was man in Rußland gemeiniglich mit »großer Herr« zu bezeichnen pflegt. Einigemale gab er seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß Gott ihm keinen Sohn und Erben geschenkt habe, »um das Geschlecht zu Ehren zu bringen und die Familie zu erhalten.« An der Wand seines Zimmers hing in einem vergoldeten Rahmen der sehr verzweigte Stammbaum der Telegins; es waren da eine Menge Kreise zwischen die Blätter gezeichnet, daß es aussah, als hingen Aepfel von den Zweigen herab.

»Wir Telegins,« sagte er, »sind ein altes Geschlecht, das sein Bestehen schon in der grauen Vorzeit nachweisen kann. Aber so viel wir unserer auch waren, niemals sah man Einen von uns sich in den Vorzimmern der Großen herumdrücken. Nie hat sich ein Telegin auf dem Treppenflur des Czarenpalastes die Beine müde gestanden, niemals sich eine Gnadenstelle ausgebeten, niemals einen Schmuck getragen, den er erbeten hätte, niemals in Moskau oder in Petersburg intriguirt. Wir blieben immer hübsch daheim. Jeder saß auf seiner Scholle – wir liebten unser Nest und blieben ihm treu. Wir sind Eingesessene, mein Junge! Ich selbst habe zwar in der Garde gedient, aber auch das hat, Gott sei Dank, nicht lange gedauert.«

Alexis Sergejewitsch hatte eine an Schwäche grenzende Vorliebe für die gute alte Zeit.

»Damals war man viel freier, viel selbstständiger und würdiger, das kann ich auf mein Ehrenwort versichern. Aber seit dem Jahre eintausendachthundert –« (weshalb gerade von diesem Jahre an, hat er niemals näher erklärt), »aber seit diesem Jahre hat das Militärhandwerk die Oberhand gewonnen. Die Herren Soldaten setzten sich damals Federbüsche aus Hahnenschwänzen auf den Kopf und glichen nun selbft Hähnen. Sie reckten den Hals, daß sie gar nicht mehr sprechen, sondern nur noch krächzen konnten und dabei rissen sie die Augen auf, daß sie ihnen förmlich aus dem Gesichte herausquollen. Einmal kommt solch ein Polizeikorporal zu mir und sagt: ›Euer Hochwohlgeboren‹ – damit wollte er mir wahrscheinlich imponiren; als ob ich nicht selbst wüßte, daß ich ein Edelmann bin – also er sagt: ›Euer Hochwohlgeboren, ich habe mit Ihnen ein Geschäft abzuwickeln.‹ Ich aber erwiderte ihm: ›Verehrter Herr, machen Sie sich vor allen Dingen erst die Knöpfe an Ihrem Rockkragen auf, denn Sie könnten unversehens niesen – und wissen Sie, was dann passirt? Dann müssen Sie zerspringen, wie eine Granate – Gott soll Sie davor bewahren. Und ich werde dann wohl gar für Ihren Tod verantwortlich gemacht.‹ Und trinken können diese Herren Militärs, das geht ins Unglaubliche. Ich lasse ihnen immer von meinem donischen Champagner reichen, denn ob Champagner oder Pontac – ihnen fließt Alles gleich leicht und schnell durch die Kehle. Wozu also erst noch lange einen Unterschied machen? Und dann haben sie noch eine neue Erfindung gemacht, den Lutschbeutel, an dem sie immer saugen – ich meine die Tabackspfeife. Solch ein Soldat steckt sich den Lutschbeutel in den großen Mund unter den borstigen Schnurrbart, stößt dann den Dampf durch Nase, Mund und selbst durch die Ohren aus und glaubt dann Wunder welch großer Held zu sein. Sogar meine Schwiegersöhne, von denen der Eine doch Senator ist und der Andere so etwas, was man, glaube ich, Kurator nennt, saugen an diesen neumodischen Lutschbeuteln und glauben dabei, Menschen mit ganz gesunden Sinnen zu sein.«

Genau wie gegen den Rauchtabak hatte Alexis Sergejewitsch auch eine tiefe Abneigung gegen Hunde, ganz besonders gegen die kleinen.

»Wenn Du ein Franzose bist,« sagte er, »so magst Du meinetwegen solch ein Vieh um Dich haben. Du läufst, Du springst – hierhin – dorthin – und es folgt Dir immer nach, es springt, den Schwanz in die Höhe gerichtet, immer um Dich herum. Aber was sollen wir Russen mit solcher Bestie anfangen?«

Von der Kaiserin Katharina sprach er immer mit wahrer Begeisterung und in sehr wohlgesetzter Redeform, sogar mit gesuchten Ausdrücken.

»Ein Halbgott war sie, kein gewöhnliches Menschenkind! Betrachte nur einmal, mein Junge, dieses Lächeln,« fuhr er fort, indem er respektvollst auf das Lampi’sche Porträt deutete, »dann wirst Du mit mir darin übereinstimmen, daß sie ein Halbgott gewesen. Einmal in meinem Leben bin ich so glücklich gewesen, gewürdigt zu werden, dieses Lächeln in Wirklichkeit zu schauen und in meinem Herzen wird, so lange ich lebe, der Eindruck nicht verwischt werden, den ich davon empfangen.«

Dann theilte er mir Anekdoten aus dem Leben Katharina’s mit und zwar waren dies meistens solche, die ich nirgends sonst weder gehört noch gelesen habe. Hier eine derselben:

Alexis Sergejewitsch gestattete Niemandem, auch nur die leiseste Anspielung auf die bekannten Schwächen der großen Kaiserin zu machen. »Man hat ja schließlich auch nicht das Recht,« pflegte er dabei zu sagen, »über diese erhabene Frau so zu urtheilen, wie über gewöhnliche Menschen.« Eines Morgens saß sie bei der Toilette in ihren Pudermantel gehüllt und ließ sich die Haare kämmen. Was glaubt man wohl, das dabei geschah? Die Kammerfrau fährt mit dem Kamme durch das Haar und dabei springen die elektrischen Funken aus demselben und sprühen nach allen Seiten. Sofort ließ die Kaiserin den Leibarzt Rodgerson, der an diesem Tage gerade Dienst hatte, zu sich rufen und sagte zu ihm: >Ich weiß sehr wohl, daß man wegen gewisser Vorkommnisse mich verurtheilt. Aber siehst Du hier die Funken? Sie rühren von der mir innewohnenden Elektrizität her. Nun, bei meiner Natur und Komplexion wirst Du, da Du doch Arzt bist, begreifen, wie Unrecht man mir thut, wenn man mich verurtheilt. Man sollte doch vorher mich und mein Wesen genau kennen lernen.«

Das folgende Ereigniß hatte sich unauslöschlich in Telegins Gedächtniß eingeprägt.

Eines Tages, er war damals kaum sechzehn Jahre alt, hatte er die Wache im inneren Schloßhofe. Plötzlich geht die Kaiserin an ihm vorüber; er macht Honneur und »sie« – Alexis Sergejewitsch rief das jedesmal in freudigstem Ton und mit strahlendem Gesicht – »sie lächelte über meine Jugend, meinen Eifer und hatte die Gnade, mir ihre Hand zum Kusse zu reichen, dann mich auf die Backe zu klopfen und mich zu fragen, wer ich sei, woher ich stamme, welcher Familie ich angehöre und dann –« hier stockte die Stimme des Alten vollkommen – »dann – dann befahl sie mir, ich solle meine Mutter in ihrem Namen grüßen und ihr danken, daß sie ihre Kinder so gut erzogen habe. Ob ich in diesem Augenblicke schon im Himmel oder noch auf Erden weilte, und wohin die hohe Frau sich zu entfernen geruhte, ob sie in die Wolken sich erhob oder sich in einen anderen Flügel des Gebäudes begab, das kann ich noch zu dieser Stunde nicht mit Gewißheit angeben.«

Wiederholt hatte ich schon versucht, den Alten über jene nun schon so weit hinter uns liegenden Zeiten auszufragen und dies ganz besonders über die Personen, welche sich in der Umgebung der Kaiserin befanden. Aber meistens wich er der Beantwortung solcher Fragen aus.

»Wozu soll man so viel vom Vergangenen erzählen?« sagte er. »Es regt nur unnütz Denjenigen auf, der die Zeiten mit durchlebt hat. Man erzählt von den Tagen, da man selbst noch jung war, während man heute kaum noch einen einzigen Zahn im Munde hat. Das muß man übrigens sagen: die alten Zeiten waren doch schön! Nun, wir wollen nicht weiter darüber reden. Was aber nun jene Menschen anbetrifft, auf welche Du junger Bösewicht die Rede gebracht hast – Du meinst doch sicherlich die Günstlinge, die Schranzen? Höre einmal! Du hast doch wohl gewiß schon einmal im Wasser eine Blase aufsteigen sehen? So lange sie ganz ist, kann man sie in den schönsten Farben schimmern sehen – roth, blau, gelb flimmert es, kurz, es gleicht dem Regenbogen und den Brillanten. Aber nach ganz kurzem Verweilen platzt die Blase und dann findest Du auch nicht die mindeste Spur mehr weder von ihr noch auch von ihrem schönen Farbenspiel. Da hast Du mit kurzen Worten die Geschichte jener Menschen.«

»Und Potemkin?« fragte ich einmal.

Alexis Sergejewitsch nahm eine ernste Miene an.

»Potemkin, Gregor Alexandrowitsch, war ein Staatsmann, ein Gottesgelehrter, ein Zögling Katharina’s – man möchte fast sagen: ihr Kind. Aber genug davon, mein Junge!«

Telegin war ein sehr frommer Mann, und obwohl es für ihn mit großen körperlichen Beschwerden verbunden war, besuchte er doch regelmäßig die Kirche. Von Aberglauben war nichts an ihm zu finden; er machte sich über Vorzeichen, bösen Blick und ähnliche Albernheiten, wie er es nannte, lustig; dennoch aber hatte er es nicht gern, wenn ihm ein Hase über den Weg lief und eine Begegnung mit dem Geistlichen war ihm niemals angenehm. Das hinderte ihn aber durchaus nicht, den Popen in jeder Hinsicht respektvoll entgegenzukommen; er ließ sich von ihnen den Segen ertheilen und küßte ihnen dafür auch die Hand – aber in ein Gespräch ließ er sich nicht gern mit ihnen ein.

»Es geht ein gar zu starker Duft von ihnen aus,« erklärte er mir einmal, »und ich Sünder bin nicht im Stande, das auf die Dauer zu ertragen. Sie haben so lange Haare, die sie mit Oel voll schmieren. Diese ziehen sie dann nach allen Seiten auseinander und glauben wohl gar noch, mir dadurch ihren Respekt zu bezeugen; während des Gespräches stöhnen und seufzen sie auch fortwährend – ich weiß nicht, thun sie es aus Verlegenheit oder meinen sie, daß sie mir damit einen besondern Gefallen erweisen. Dann haben sie auch die Gewohnheit, uns an unsere Todesstunde zu erinnern. Ich aber, komme es nun, wie es mag, ich habe noch Lust zu leben. Uebrigens mußt Du, mein Junge, das, was ich Dir hier sage, nicht weiter plaudern. Achte und ehre den geistlichen Stand; nur Dummköpfe haben keine Hochachtung vor ihm. Ich bin eben ein alter Mann, und deshalb lade ich auch die Schuld auf mich, häufig Unsinn zu schwatzen.«

Wie alle Edelleute jener Zeit besaß auch Alexis Sergejewitsch Telegin nur eine sehr mittelmäßige Bildung, aber bis zu einem gewissen Grade war er selbst schuld an diesem Mangel und zwar durch seine Lektüre. Die einzigen Bücher, die er überhaupt las, waren russische Werke aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts. Neuere Schriftsteller fand er kraftlos und ohne Form. Wenn er las, stand neben ihm auf einem Tischchen eine silberne Kanne, die mit einem eigenthümlichen, mit Pfeffermünze gewürzten Kwaß gefüllt war, und der scharfe Geruch drang bis in die entferntesten Räume des Hauses. Beim Lesen setzte er eine große Brille mit runden Gläsern auf die Nasenspitze. In der letzten Zeit las er übrigens noch weniger, als sonst; er begnügte sich damit, gedankenvoll über die Einfassung der Brille hinweg auf das Buch zu starren, dabei zog er die Augenbrauen in die Höhe, bewegte die Lippen und seufzte von Zeit zu Zeit. Eines Tages traf ich ihn, als er ein Buch auf den Knieen hielt und weinte; das überraschte mich, wie ich offen gestehen muß, ganz ungemein. Er erzählte mir nun, daß er sich an folgende Verse erinnert hätte:

»O Menschenkind, wie unselig bist Du!
Niemals findest auf Erden Du Ruh‘.
Du hast nur Ruhe auf dieser Welt,
Wenn Dein Körper zu Staub im Grabe zerfällt.
Auch diese Ruh‘ mag uns trübselig erscheinen;
Der Todte schlafe – der Lebende soll weinen.«

Die Verse hatten einen gewissen Kornitsch-Kornitzky, einen fahrenden Poeten, zum Verfasser, den Alexis Sergejewitsch in seinem Hause aufgenommen hatte, weil er ihm als ein feinfühliger und zart besaiteter Mensch erschienen war. Der Dichter trug Schuhe mit Schnallen und Schleifen, sprach im kleinrussischen Dialekt und seufzte häufig, wobei er die Augen zum Himmel aufschlug. Zu diesen Vorzügen kam noch der weitere, daß Kornitsch- Kornitzky, der in einem Jesuiten-Kollegium erzogen war, sehr gut französisch sprach, während der Hausherr es nur »verstand«. Aber nachdem er sich eines schönen Tages in der Schenke einen selbst für russische Verhältnisse ungewöhnlichen Rausch geholt hatte, legte der so zartbesaitete Mensch eine unglaubliche Rohheit an den Tag. Dem Kammerdiener Telegins schlug er Arme und Beine entzwei, prügelte den Koch, zwei zufällig des Weges kommende Wäscherinnen und einen im Hause arbeitenden Tischler weidlich durch, zerschlug eine große Anzahl Fensterscheiben und brüllte dabei fortwährend: »Diesen russischen Taugenichtsen, diesen niederträchtigen Ungläubigen werde ich schon zeigen, was sie werth find!«

Welch eine Kraft kam bei dieser Gelegenheit in dem so schwächlich und kränklich aussehenden Sängersmann zum Vorschein! Acht Männer konnten ihn nur mit Mühe und Noth bewältigen. Nach diesem Auftritt hatte die Geschichte aber auch ein Ende; Telegin ließ den Dichter zum Hause hinauswerfen, jedoch nicht ohne ihn vorher – die Sache trug sich im Winter zu – zur Abkühlung so, wie ihn Gott geschaffen hatte, in den Schnee stecken zu lassen.

»Ja,« pflegte Alexis Sergejewitsch Telegin zuweilen zu sagen, »meine Zeit ist vorüber. Einstmals war ich ein gutes Pferd, aber nun bin ich lahm. Siehst Du wohl, ich habe sogar Dichter auf meine Kosten unterhalten, ich habe Gemälde und Bücher zusammengekauft. Die Gänse auf meinem Gute waren mindestens ebenso gut als die Muchanowski’schen, und meine Tauben waren von seltenster Race, alle so hübsch lehmfarben. Ich hatte Alles und war von Allem Liebhaber, nur nicht von Hunden. Die Hunde haßte ich Zeit meines Lebens gerade so, wie die Trunkenbolde. Ich konnte manchmal sehr heftig und auch wüthend werden, denn ich wollte durchaus immer die Telegins als Erste in jeder Beziehung glänzen sehen. Und welch prächtiges Gestüt hatte ich seiner Zeit! Was meinst Du wohl, mein Junge, woher meine Pferde stammten? Aus den berühmten Gestüten des Czaren Iwan Alexejitsch, des Bruders Peters des Großen. Du kannst es mir aufs Wort glauben. Alle meine Hengste waren dunkelbraun. Mähnen hatten sie bis ans Knie und ihre Schwänze reichten bis zur Erde herab; sie sahen fast wie Löwen aus. Und das ist nun Alles gewesen! Alles ist verschwunden, Gras ist darüber gewachsen. O Eitelkeit der Eitelkeiten, Alles ist eitel! Wozu hilft aber alles Klagen und Bedauern? Jedem Menschen ist die Grenze seines Wirkens vom Schicksal genau vorgeschrieben. Man kann schließlich nicht höher fliegen, als der Himmel ist; man kann nicht im Wasser leben und kann auch seinem Geschick nicht entgehen, eines Tages in die Erde gesenkt zu werden. Wir wollen aber bis dahin noch leben, so gut es eben geht.«

Und dabei lächelte der brave Alte wieder und nahm eine Prise von seinem spanischen Taback.

Die Bauern liebten ihn. Sie sagten: »Er ist ein guter Herr und geräth nicht bei jeder Gelegenheit in Zorn.« Aber auch sie verglichen ihn, wie er selbst es that, mit einem spattlahmen Gaul. Früher beaufsichtigte Telegin Alles selbst; er ritt auf die Felder, ging in die Mühle und in die Butterkammer. Er unterließ auch nie, einen Blick in die Bauernhäuser zu werfen. Sein roth ausgeschlagenes Gefährt, eine sogenannte Reitdroschke, war allgemein bekannt und ebenso das davor gespannte Pferd, ein mächtiges Thier mit großem Stern auf der Stirne, vom Volksmund „die Laterne“ genannt. Das Pferd stammte aus den oben erwähnten berühmten Gestüten und Telegin lenkte es selbst, indem er die Enden der Zügel um seine Fäuste schlang. Als der Alte nun aber das siebzigste Jahr erreicht hatte, bekümmerte er sich um die Wirthschaft nicht mehr, sondern übergab die Verwaltung seines gesammten Besitzthums dem Beamten Antig, den er insgeheim ein Wenig fürchtete, und den er, in Erinnerung an die Voltaire’sche Epoche, Mikromegas nannte, oder auch einfacher: Blutigel.

»Nun, Blutigel, was gibt’s Neues? Hast Du Scheuer und Tennen hübsch angefüllt?« pflegte er zu fragen, wobei er Jenem lächelnd gerade in die Augen sah.

»Alles, was ich habe, danke ich Ihrer Gnade,« antwortete Antig harmlos.

»Ach was – Gnade! Nimm Dich vor mir in Acht, Mikromegas. Wage es nicht, meine Bauern, auch wenn es nicht vor meinen Augen geschieht, auch nur mit einem Finger zu berühren. Wenn sich meine Bauern beklagen, dann – sieh Dir einmal diesen Rohrstock hier an – dann kannst Du nähere Bekanntschaft mit ihm machen.«

»Ihr Rohrstock, Väterchen Alexis Sergejewitsch, kommt mir auch ohnedies nie aus dem Gedächtniß,« erwiderte Antig-Mikromegas, sich langsam den Bart streichend.

»Um so besser, vergiß ihn nie!«

Und dann lachten der Gutsherr und sein Verwalter sich gegenseitig freundlich an.

Sein Gesinde und ganz besonders seine Leibeigenen, die er gern als sein »Volk« bezeichnete, behandelte Telegin mit großer Güte. »Siehst Du, lieber Neffe, man muß doch bedenken, daß diese Leute nichts, aber gar nichts ihr Eigen nennen, als höchstens das Kreuz an ihrem Halse und auch das ist nur von Kupfer. Es fällt ihnen nicht ein, nach fremdem Besitze ein Verlangen zu hegen. Soll man gegen solche Leute nicht sehr wohlwollend sein?«

Ganz abgesehen davon, daß zu jener Zeit noch Niemand an die Frage von der Aufhebung der Leibeigenschaft auch nur im Entferntesten dachte, konnte diese Frage Alexis Sergejewitsch durchaus nicht beunruhigen. Er regierte über sein »Volk« mit großer Ruhe und Nachsicht, aber er verurtheilte die schlechten Gutsbesitzer aufs Nachdrücklichste und nannte sie »Feinde ihrer eigenen Gesellschaftsklasse«. Im Allgemeinen, so behauptete er, kann man die Leibeigenen in drei Gruppen eintheilen: In Vernünftige, von denen es ziemlich wenig giebt; in Liederliche, davon man mehr als genug hat, und drittens in solche, die für nichts Verständniß haben und die nicht wissen, was sie wollen und sollen – und von dieser Sorte giebt es so Viele, daß man damit die Teiche ausfüllen und die Gräben zuschütten kann. Wer aber seine Unterthanen hart und grausam behandelt, der versündigt sich vor Gott und Menschen.

Ja, die Leibeigenen hatten ein treffliches Leben bei Alexis Sergejewitsch, wenigstens soweit sie in unmittelbarer Nähe des Herrenhauses lebten; die in größerer Entfernung Wohnenden hatten es schon nicht mehr so gut, trotz des Rohrstockes, mit welchem der Mikromegas wiederholentlich bedroht wurde.

Das Hofgesinde bestand aus einer fast unzählbar großen Menge von Leuten; die Meisten von ihnen waren alt, gebrechlich, mürrisch, mit gebeugtem Rücken und eingeknickten Knieen. Sie trugen langschößige Nankingkaftans und verbreiteten einen penetranten säuerlichen Geruch um sich. Von den Frauen, die zur Dienerschaft gehörten, vernahm man nichts als das Auftreten der nackten Füße und das Rauschen der faltigen Röcke.

Der erste Kammerdiener hieß Irinarch. Wenn Telegin ihn bei seinem Namen rief, zog er die einzelnen Silben endlos auseinander: I–ri–na–a–arch! Die Andern nannte er einfach: Kleiner! Mein Bürschchen! Oder auch: Du da, der ja auch zu meinem Volke gehört! Glocken und Klingelzüge konnte er nicht leiden. »Man glaubt immer, wenn man so etwas hört, man ist – Gott behüte – in einer Herberge.« Was mich immer äußerst in Erstaunen setzte, war der Umstand, daß, so oft auch Alexis Sergejewitsch seinen Kammerdiener rief, dieser sofort erschien, wie aus der Erde gestampft; die Hacken aneinander, die Hände auf dem Rücken haltend, so stand er vor seinem Herrn und blickte ihn mit mürrischer, fast feindseliger Miene an. Und welch ein eifriger, treuer Diener war er doch!

Telegin war freigebig, fast über seine Kräfte hinaus, aber er hatte es nicht gern, daß man ihn als Wohlthäter pries. «Wieso, mein lieber Herr, bin ich denn ein Wohlthäter? Nicht Ihnen, sondern nur mir selbst habe ich etwas Gutes erwiesen.« Wenn er zornig oder auch nur aufgebracht war, sprach er Alle mit »Sie« an, statt mit dem sonst von ihm gebrauchten vertraulichen »Du«.

»Wenn ein Bettler Dich um ein Almosen angeht,« pflegte er zu sagen, »so gieb ihm einmal, gieb ihm zweimal, gieb ihm auch dreimal. Wenn er dann zum vierten Male kommt, so gieb ihm wieder, sage dabei aber: ›Du könntest auch einmal eine andere Arbeit versuchen, Brüderchen, als bloß um milde Gaben ansprechen.‹«

»Aber wie dann, Onkel, wenn der Bettler nun noch zum fünften Male kommt?«

»Nun, dann gieb ihm eben zum fünften Male.«

Wenn Kranke zu ihm kamen und seine Hilfe in Anspruch nahmen, so ließ er sie auf seine Kosten kuriren, obwohl er in die Kunst der Ärzte kein großes Vertrauen setzte und für sich selbst niemals einen holen ließ.

»Meine selige Mutter,« pflegte er zu erzählen, »heilte alle Krankheiten mit Provencer-Oel, in das sie Salz schüttete; sie gab es sowohl innerlich, als auch zum Einreiben und immer hatte sie den besten Erfolg zu verzeichnen. Man muß aber auch wissen, was meine selige Mutter für eine Frau war! Sie war noch zur Zeit Peter des Ersten geboren – danach mag man urtheilen!«

Telegin war durch und durch ein echter Russe; er liebte nur russische Speisen und russische Lieder. Nur die Harmonika konnte er als begleitendes Instrument nicht leiden; sie war ja eine »Fabrik-Erfindung«. Er sah dem Reigen der jungen Mädchen gern zu, ebenso dem Tanze der Frauen. In seiner Jugend war er, wie man sich erzählte, ein guter Sänger und ein leidenschaftlicher Tänzer. Er nahm gern Dampfbäder, diese mußten aber so heiß sein, daß Irinarch, der ihn beim Baden bediente und ihn dabei mit Birkenruthen strich (bekanntlich lassen sich die Russen mit solchen Ruthen so lange schlagen, bis alle Blätter von den Zweigen heruntergeschlagen sind), ihn ferner mit Bast frottirte und mit Tuchlappen massirte – daß dieser brave Irinarch jedesmal, so oft er roth wie eine neue kupferne Statue aus dem Badezimmer kam, sagte: »Na, dieses Mal bin ich, Irinarch Tolobäjew, der Knecht Gottes, noch mit heiler Haut davon gekommen. Wie wird mir’s aber beim nächsten Male ergehen?«

Alexis Sergejewitsch sprach unsere schöne russische Sprache etwas nach Art der Altvorderen, aber geschmackvoll, rein und ohne sie mit Ausdrücken aus fremden Sprachen zu vermischen; hin und wieder streute er Lieblingsworte in seine Rede, z. B. »Auf meine Ehre! Gott soll mir verzeihen! Wie dem auch immer sei« – und ähnliche mehr.

 

Wir haben nun aber genug von ihm erzählt und wollen nun auch ein Wenig über Telegins Gattin, Melania Pawlowna, plaudern.

Melania Pawlowna war in Moskau geboren und ihre große Schönheit hatte ihr den Beinamen »La Vénus de Muscou« eingebracht. Als ich sie kennen lernte, war sie bereits eine alte, abgemagerte Frau, mit feinen, aber ausdrucklosen Gesichtszügen; ihr Mund war klein und zwei Reihen schiefer Zähnchen, wie Hasenzähne aussehend, füllten ihn. Auf der Stirne trug sie eine Menge kleiner Löckchen und ihre Augenbrauen waren offenbar gefärbt. Auf dem Kopfe trug sie stets eine in Pyramidenform aufsteigende Haube mit rosafarbigen Bändern; im Übrigen bestand ihr Anzug aus fußfreiem, weißem Kleide, pflaumenfarbigen Schuhen mit rothen Absätzen und einem hohen Kragen um den Hals; über dem Kleide trug sie ein Mieder von blauem Atlas, das aber an der rechten Schulter nur lose befestigt war, so daß es fast wie ein Umhang aussah. Das war genau dieselbe Toilette, welche sie am St. Peterstage des Jahres 1789 getragen hatte. An diesem Tage war sie, damals noch unverheirathet, mit einigen Verwandten nach dem Chodinski’schen Felde hinausgegangen, um dem berühmten Faustkampfe beizuwohnen, den der Graf Orlow veranstaltete.

»Und der Graf Alexis Gregorinwitsch –« (du lieber Himmel, wie oft habe ich sie diese Geschichte erzählen hören!) – »der Graf bemerkte mich, näherte sich uns, verneigte sich sehr tief und den Hut in beiden Händen haltend, sagte er zu mir: ›Du wunderbare Schönheit, weshalb lassest Du den Ärmel Deines Mieders so frei um Deine schöne Schulter hängen. Willst Du Dich etwa auch im Faustkampfe mit mir messen? Meinetwegen! Aber das sage ich Dir von vornherein: Wenn Du mich besiegst, ergebe ich mich und bin Dein Gefangener‹. Das hörten Alle, die um uns standen, mit an und wunderten sich sehr.«

Seit jenem Tage trug sie nun unausgesetzt dieselbe Toilette.

»Damals aber hatte ich noch nicht solche Haube auf dem Kopfe. Damals trug ich einen Hut à la bergère de Trianon, und obwohl mein Haar gepudert war, schimmerte es doch wie Gold – wie Gold schimmerte es durch den Puder hindurch.«

Melania Pawlowna war, wie man bei uns zu sagen pflegt, »dumm bis zur Heiligkeit«. Sie schwätzte alles Mögliche und über alles Mögliche, ohne wohl selbst recht zu wissen, was ihr Alles aus dem Munde kam; am meisten aber sprach sie über Orlow. Orlow war und blieb, so kann man wohl sagen, der interessanteste Punkt ihres Lebens.

Gewöhnlich segelte sie ins Zimmer, denn als gehen konnte man diese Art der Bewegung nicht mehr bezeichnen; den Kopf bewegte sie dabei regelmäßig auf und nieder, wie ein Pfau. In der Mitte des Zimmers blieb sie stehen, streckte auf sonderbare Weise einen Fuß vor, faßte mit zwei Fingern den Saum des herabgelassenen Ärmels – (diese Stellung mochte wohl einst Orlow besonders gefallen haben) und blickte im Kreise umher, mit dem nachlässigen Stolze eines Siegers (das war ja bei solcher Schönheit dann selbstverständlich). Manchmal flüsterte sie dann noch: »Aber was soll’s denn?« gerade als ob ein cavalier soupirant sie in zudringlicher Weise mit feinen Komplimenten verfolge – dann zuckte sie die Achseln und ging wieder, mit den Absätzen fest auftretend, aus dem Zimmer.

Gleich ihrem Gatten schnupfte auch sie spanischen Taback; sie nahm ihn mit einem goldenen Löffelchen aus einer ganz kleinen Dose und von Zeit zu Zeit, ganz besonders aber wenn ein Fremder zugegen war, hob sie eine Doppellorgnette – nicht etwa zu den Augen, sondern zur Nase, denn sie sah von Natur ganz ausgezeichnet; sie benutzte nur die Gelegenheit, um die kleine weiße Hand mit den zierlich erhobenen Fingerchen recht zu zeigen.

Wie oft hat mir Melania Pawlowna ihre Hochzeit beschrieben, die in der Kirche zur Himmelfahrt gefeiert worden war. Wie schön hatte die Kirche ausgesehen und ganz Moskau war zugegen! War das ein Gedränge! Vierspännige Equipagen, vergoldete Wagen, Läufer – der Läufer des Grafen Semadowsky gerieth sogar unter die Räder einer Karosse!

»Der Bischof selbst traute uns, und wie rührend war die Predigt, die er dabei gehalten! Alle weinten, und wohin ich auch blicken mochte, ich sah überall Thränen, nichts als Thränen. Und die Pferde des General-Gouverneurs waren tigerfarben, und welch eine Menge Blumen hat man bei der Gelegenheit sehen können. Alles war wie mit Blumen übersäet! Ein sehr, sehr reicher Fremder hat sich bei dieser Hochzeit erschossen, aus unerwiderter Liebe. Auch Graf Orlow wohnte der Feier bei. Er näherte sich meinem Mann, beglückwünschte ihn und nannte ihn den Glücklichsten von allen Sterblichen. Jawohl, den Glücklichsten von allen Sterblichen nannte er ihn, Du dummer Junge! Und als Antwort darauf machte mein neuer Gatte seine schönste Verbeugung und wedelte mit seinem Federhute auf dem Fußboden immer von links nach rechts, als wollte er sagen: ›Erlaucht, jetzt ist zwischen Ihnen und meiner Gattin eine Grenzlinie gezogen, die Sie niemals überschreiten dürfen.‹ Und Orlow, Alexis Gregoriewitsch Orlow begriff das auch sofort und lobte meinen Mann dafür. O, welch ein ausgezeichneter Mensch war dieser Graf! Einmal, es war schon nach meiner Verheirathung, waren Alexis und ich von ihm zu einem Balle eingeladen worden; er trug wunderbar schöne Brillantknöpfe. Ich konnte mich nicht enthalten meine Bewunderung darüber zu äußern und zu sagen: ›Welch herrliche Knöpfe haben Sie da, Herr Graf!‹ da ergriff er sofort ein Messer, das auf dem Tische lag, schnitt einen der Knöpfe ab, überreichte ihn mir und sagte: ›Ihre schöne Augen, mein Täubchen, sind hundertmal herrlicher, als die prächtigsten Brillanten. Treten Sie gefälligst einmal vor den Spiegel und vergleichen Sie!‹ Das that ich auch, und er stellte sich neben mich und sagte: ›Nun, wer hat Recht?‹ Und dabei konnte er seine Blicke gar nicht von mir abwenden. Mein Mann, Alexis Sergejewitsch, wurde dabei sehr verwirrt; ich bemerkte das aber und sagte zu ihm: ›Alexis, ich bitte Dich, beunruhige Dich nicht; Du solltest mich doch besser kennen.‹ Und er antwortete: ›Sei Du nur ruhig, Melania. Diese selben Brillanten trage ich jetzt im Medaillon um das Bild von Alexis Gregoriewitsch. Du wirst es wohl schon gesehen haben, mein Junge; ich trage es bei Festtagen am Georgsbande an der Schulter. Denn er war ein tapferer Held, ein echter und rechter St. Georgs-Ritter; er hat die türkische Flotte verbrannt.«

Trotz dieser kleinen Schwächen war aber Melania Pawlowna ein ausgezeichnetes Geschöpf; sie war ungemein leicht zufrieden zu stellen. »Sie macht Niemandem das Leben schwer, wie dies wohl andre Frauen thun,« sagten die Kammermädchen von ihr.

Eine wahre Leidenschaft entwickelte Melania Pawlowna für alle süßen Speisen, und eine alte Frau, die ausschließlich zum Einmachen der Früchte angestellt war und die man deshalb die Zuckerfrüchtefrau nannte, brachte ihr wohl zehnmal im Laufe des Tages einen kleinen chinesischen Teller, auf dem bald in Zucker eingekochte Rosenblätter, bald Berberitz in Honig, bald auch Ananas-Sorbet sich befand.

Die alte Dame fürchtete das Alleinsein, wegen der schrecklichen Gedanken, die sich ihr dann nur zu bald einstellten, und so befand sie sich denn fast fortwährend in einem Kreise von Leuten, die bei ihr das Gnadenbrod aßen, und die sie unausgesetzt bat: »Aber so sprecht doch nur! Erzählt mir doch irgend etwas! Seid ihr denn bloß dazu gut, um dazusitzen und die Stühle zu wärmen?« Und dann fingen die Leute an zu plaudern und zu reden, daß es sich anhörte, als wenn Kanarienvögel zwitscherten.

Da sie ebenso fromm wie ihr Gatte war, hatte sie auch eine große Neigung zum Beten. Weil sie nun aber, wie sie selbst eingestand, nicht gelernt hatte die Gebete geläufig zu lesen, unterhielt sie eigens zu diesem Zwecke eine arme Frau, die Wittwe eines Diakonus, die, wie sie sagte, »gar so appetitlich zu beten verstand. Niemals blieb sie stecken.« Und das muß man sagen, diese Diakonswittwe konnte wirklich mit unvergleichlicher Fertigkeit beten; unaufhaltsam floß ihr der Strom der Worte von den Lippen, und sie machte nicht einmal eine Pause, um Athem zu holen. Melania Pawlowna saß dabei, hörte zu und erbaute sich daran.

Noch eine andere arme Wittwe war zu ihren Privatdiensten angestellt, und zwar mußte sie der Frau des Hauses in der Nacht Märchen erzählen. »Aber nur alte Märchen,« sagte Melania Pawlowna; »ich will nur solche hören, die ich schon von früher kenne, denn die neuen sind doch alle nur ausgedacht.«

So unbesonnen die alte Dame im Grunde war, so hatte sie doch auch wieder ihre Vorurtheile und Bedenken; die seltsamsten Launen und Ideen tauchten zuweilen in ihrem Kopfe auf. So konnte sie zum Beispiel den Zwerg Janus nicht leiden, denn sie hatte den Glauben, es könnte ihm eines schönen Tages einfallen, plötzlich laut zu rufen: Wißt ihr, wer ich bin? Ich bin ein Fürst aus der Steppe und ihr Alle müßt mir unterthan sein! Zuweilen fürchtete sie auch, der Zwerg könnte in einem Anfall von Trübsinn ihr das Haus über dem Kopf anzünden.

Melania Pawlowna war ebenso freigebig, wie ihr Gatte, aber sie gab niemals Geld; sie fürchtete, sich dabei die Händchen zu beschmutzen. Sie reichte den Bedürftigen Tücher, Ohrringe, Kleider und Bänder, oder sie schickte vom Tische ein Stück Mehlspeise, ein Stück Braten und ein Glas Wein. An Festtagen liebte sie es, die Bauerfrauen zu bewirthen; nach dem Essen bat sie die Leute zu tanzen, und sie selbst stellte sich dann hin und stampfte im Takt mit den Absätzen der Schuhe.

Alexis Sergejewitsch wußte sehr wohl, daß seine Frau geistig sehr beschränkt war, aber von Beginn seiner Ehe an that er, als glaube er seine Gattin habe eine sehr scharfe Zunge und ließe sich gern in moquanten und spöttischen Redensarten gehen. Sobald sie gar zu sehr schwatzte, drohte er ihr mit dem Finger und sagte: »O, dieses Züngelchen! Diese kleine Lästerzunge! Wieviel wird sie in jener Welt abzubüßen haben! Man wird sie dort mit einer glühenden Nadel durchstoßen.« Durch diese Worte fühlte sich Melania Pawlowna aber nicht im Geringsten gekränkt; es machte ihr im Gegentheil eine heimlische Freude, so etwas zu hören und sie schien dabei zu denken: Kann ich dafür, daß ich nun einmal von Hause aus so geistreich bin?

Sie betete ihren Mann an und während ihres ganzen Lebens blieb sie das Musterbild einer treuen Gattin, obwohl auch sie einen »Gegenstand« gehabt hatte. Es war dies ein junger Neffe von ihr gewesen, ein Husar, der, wie sie sich einbildete, ihretwegen in einem Duell gefallen war, glaubwürdigeren Nachrichten zufolge aber in einer Kneipe einen Schlag mit einem Knotenstock erhalten hatte und an den Folgen dieses Angriffes gestorben war. In einer geheimen Schublade ihres Arbeitstisches verbarg sie das in Aquarellmanier ausgeführte Portrait dieses »Gegenstandes«, und sie erröthete jedesmal bis zu den Ohren, so oft sie den Namen »Kapiton«, so hatte der Husar nämlich geheißen, aussprach. Telegin nahm dann eine ärgerliche Miene an, drohte wieder mit dem kleinen Finger und sagte: »Dem Pferd auf freier Wiese und der Frau im Hause darf man nicht trauen. O, wenn ich nur von diesem Kapiton hören muß, befällt mich ein Zorn –« Dann bebte Melania Pawlowna am ganzen Körper und rief: »Aber Alexis, das ist sündhaft von Dir! Hast Du denn gar kein Schamgefühl? Als Du noch jung warst, hast Du sicherlich auch mit manchen Damen scharmuzirt – ich bin davon überzeugt –«

»Nun, schon gut, schon gut, Melaniuschka,« unterbrach sie dann lächelnd ihr Gatte. »Dein Kleid ist weiß. Deine Seele aber ist noch weißer.«

»Noch weißer, Alexis! Ganz gewiß, noch weißer!«

»O, dieses Züngelchen! Auf mein Ehrenwort dieses Züngelchen!« rief dann Alexis wieder und drückte ihr dabei zärtlich die Hand.

Telegin starb im Alter von achtundachtzig Jahren und zwar im Jahre 1848, dessen Ereignisse wohl auch ihn mächtig erregt hatten. Sein Tod war von seltsamen Nebenumständen begleitet. Am Morgen fühlte er sich noch recht wohl und behaglich, obwohl er schon seit einiger Zeit seinen Sessel überhaupt nicht mehr verlassen hatte. Plötzlich rief er seine Frau.

»Meine liebe Melaniuschka, komm‘ doch einmal her!«

»Was giebt’s denn, Alexis?«

»Meine Todesstunde ist gekommen, mein Täubchen! Das giebt es!«

»Gott sei Dir gnädig, Alexis Sergejewitsch, wie kommst Du darauf?«

»Wie? Vor allen Dingen darf man in keiner Beziehung unbescheiden sein. Und dann: Seit dem frühesten Morgen betrachte ich nun schon meine Füße, aber diese Füße sind mir völlig fremd, ich kenne sie gar nicht; auch diese Hände, diese Brust, sie gehören nicht mir. Das kann doch nichts Anderes heißen, als daß ich einem Andern seinen Platz streitig mache. Schicke doch zum Popen, mein Herz, bringe mich in mein Bett, von dem ich mich wohl nicht wieder erheben werde.«

»Obgleich Melania Pawlowna in große Bestürzung gerieth, brachte sie den Greis doch zu Bett und ließ dann den Popen holen.

Telegin beichtete, nahm das Abendmahl, verabschiedete sich von seinen Hausgenossen und schlummerte dann ein. Melania Pawlowna hatte neben seinem Lager Platz genommen.

»Alexis!« schrie sie plötzlich. »Schließe die Augen nicht! Jage mir nicht solchen Schrecken ein! Empfindest Du denn Schmerzen?«

Der Greis richtete den Blick auf seine Gattin.

»Nein – ich – ich habe keine Schmerzen, nur – das – Athmen wird mir – schwer.«

Nachdem er dann einige Zeit geschwiegen hatte, fuhr er fort:

»Siehst Du, Melania, nun ist das Ende des Lebens herangekommen. Erinnerst Du Dich noch, mein Herz, als wir Hochzeit machten? Welch ein stattliches Paar waren wir doch!«

»Ja – gewiß – Alexis, Du mein liebster Schatz!«

Wieder machte der Greis eine Pause.

»Melaniuschka, wir wollen uns in jener Welt wiederfinden, nicht wahr?«

»Ich werde zu Gott darum bitten, mein lieber Alexis!« erwiderte die alte Frau und die Thränen liefen ihr dabei über die Wangen. »Weine doch nicht! Sei nicht so thöricht. Ich bin überzeugt, der liebe Gott macht uns dort oben wieder jung, und wir werden uns wieder zu einem Paar vereinigen.«

»Gewiß, Alexis, er wird uns wieder jung machen.«

»Dem lieben Gott ist Alles möglich,« nahm Telegin wieder das Wort. »Er kann Wunder thun – vielleicht macht er Dich dann sogar vernünftig. Nun, nun, mein liebes Herz, ich scherzte ja nur; gieb mir Dein Händchen, damit ich es küsse.«

»Und Du gieb mir Deine Hand!«

Und die beiden Alten küßten einander die Hände.

Nach und nach wurde Telegin ruhiger und endlich entschlummerte er wieder. Melania Pawlowna blickte ihn mit innigster Zärtlichkeit an und wischte mit den Fingerspitzen die Thränen ab, die sich unter den Wimpern hervorstahlen. So vergingen zwei Stunden.

»Schläft er?« fragte eine flüsternde Stimme.

Es war die alte Frau, die so gut zu beten verstand. Sie hielt sich hinter Irinarch, der unbeweglich wie eine Statue auf der Thürschwelle stand und die Augen unverwandt auf seinen verscheidenden Herrn gerichtet hielt.

»Er schläft,« antwortete Melania Pawlowna ebenfalls im Flüsterton.Plötzlich aber schlug Alexis Sergejewitsch die Augen auf.

»Meine treue Lebensgefährtin,« stammelte er mehr, als daß er sprach, »mein liebes Weib, auf den Knieen möchte ich Dir danken, für all die Liebe und Herzlichkeit, die Du mir erwiesen hast. Aber wie könnte ich mich erheben? So komm her zu mir, daß ich Dich segne.«

Die Greisin näherte sich und beugte sich zu ihm herab, aber die Hand, welche er eben zum Segen erhoben hatte, fiel kraftlos auf die Decke herab. Alexis Sergejewitsch hatte zu leben aufgehört.

Die beiden Töchter langten mit ihren Gatten im Elternhause noch zeitig genug an, um dem Begräbniß des Vaters beiwohnen zu können. Weder die Eine, noch die Andere von ihnen hatte Kinder. In seinem Testament hatte Telegin der Töchter gedacht, obwohl er auf seinem Sterbebette ihrer mit keinem Worte Erwähnung gethan hatte. »Mein Herz ist ihnen verschlossen,« hatte er mir einst gesagt, und da ich seine Herzensgüte kannte, so war ich über diese Worte natürlich sehr erstaunt. Aber es ist schwer, über ein zwischen Eltern und Kindern bestehendes Verhältniß zu urtheilen. »Eine große Schlucht fängt mit einem kleinen Spalte an,« hatte eines Tages Alexis Sergejewitsch gesagt, als das Gespräch auch wieder auf seine Töchter gekommen war. »Eine Wunde heilt wieder zu und wenn sie noch so groß war; aber hackst Du Dir ein Nagelglied vom Finger ab, es wächst niemals wieder.

Ich hatte den Eindruck, als ob sich die Töchter ihrer Eltern, die ja allerdings etwas altmodisch und sonderlich waren, schämten.

Einen Monat später war auch Melania Pawlowna aus der Reihe der Lebenden geschieden. Seit dem Todestage ihres Gatten ging sie wie ihrer Sinne kaum noch mächtig herum; sie erhob sich mechanisch, sie kleidete sich mechanisch an, legte aber niemals ein Schmuckstück an. Bevor man sie jedoch in den Sarg legte, hüllte man sie in ihr blaues Kleid und auch das Medaillon mit Orlows Portrait gab man ihr mit ins Grab, jedoch ohne die Brillanten. Diese nahmen die beiden Töchter, und zwar unter dem Vorwande, mit ihnen das Bild der Verewigten zu schmücken. In Wirklichkeit aber schmückten sie ihre eigenen werthen Personen damit.

Die beiden liebenswürdigen Alten stehen in der Erinnerung noch so deutlich vor mir, als sähe ich sie lebendig, und für alle Zeiten werde ich ihnen die liebevollste Erinnerung bewahren.

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