Tamango

Der Kapitän Ledoux war ein tüchtiger Seebär. Als einfacher Matrose hatte er angefangen und es bald bis zum Steuermannsmaat gebracht. Bei Trafalgar war ihm die linke Hand durch einen herumschwirrenden Balkensplitter wüst zugerichtet worden; er wurde sie mit ärztlicher Kunst ganz los und in der Folge nebst guten Zeugnissen aus dem Dienst verabschiedet. Die Muße wollte ihm wenig behagen, und sowie sich Gelegenheit bot, wieder aufs Wasser zu kommen, ging er, als Zweiter Offizier, auf einen Kaper. Die blanken Silberlinge, die er sich aus etlichen guten Prisen fischte, ermöglichten es ihm, sich Fachbücher anzuschaffen und in der Theorie der Seefahrerei, die er praktisch schon vollkommen handhabte, letzte Kenntnisse zu sammeln. Mit der Zeit erkletterte er die Kommandobrücke eines Loggerkapers, der drei Kanonen und sechzig Mann Besatzung hatte; und alle Küstenfahrer von Jersey können noch heut ein Lied singen von seinen Taten. Der Friedensschluß war für ihn ein schwerer Schlag; während des Krieges hatte er sich ein kleines Vermögen zusammengestapelt, das er auf Kosten der Engländer noch aufzustocken gedachte. Nun sah er sich genötigt, seine Dienste friedlichen Kauffahrern anzutragen; und da er als Mann von Entschlußkraft und Erfahrung bekannt war, vertraute man ihm auch ohne weiteres ein Schiff an. Seit der Negerhandel verboten war und es, für diese Art von Geschäft, nun nicht nur darauf ankam, die Wachsamkeit der französischen Hafenzöllner zu täuschen, was nicht sonderlich schwer war, sondern auch – und dazu gehörte schon etwas mehr Waghalsigkeit – den englischen Kreuzern aus der Kiellinie zu gehen, wurde der Kapitän Ledoux zu einem unbezahlbaren Manne für die Ebenholzhändler*.

Sehr im Gegensatz zur Mehrzahl seiner Berufsgenossen, die wie er lange Zeit auf untergeordnetem Posten ihren sturen Dienst schoben, hegte er keineswegs jene tiefe Abscheu vor Neuerungen und war durchaus nicht jenem Geiste des Weiterwurstelns verfallen, wie ihn die ändern nur allzuoft in die höheren Grade mitschleppen. Der Kapitän Ledoux war im Gegenteil der erste gewesen, der seinem Reeder die Verwendung eiserner Behälter zur Wasseraufnahme und -frischhaltung anempfahl. Bei ihm an Bord waren die Handschellen und Ketten, mit denen Fahrzeuge für Neger stets eingedeckt sind, nach einem neuen Muster angefertigt und sorgfältig durch einen Lackanstrich gegen den Rost geschützt. Was ihm aber unter den Sklavenhändlern die größte Ehre eintrug, das war der von ihm höchstpersönlich geleitete Bau einer eigens für diese Art Handelsfracht bestimmten Brigg, eines schnittigen Seglers, der, schlank und lang wie ein Kriegsschiff, immerhin eine sehr beträchtliche Zahl Schwarze in sich aufnehmen konnte. Er taufte das Schiff: »Die Hoffnung«. Er wünschte ausdrücklich, daß die ineinandergeschachtelten Zwischendecks nicht über die Höhe von drei Fuß vier Zoll – oder, wenn man so will, 1,10 Meter – hinaufreichten, da, wie er angab, dieser Spielraum vernünftig großen Negern gestatte, bequem zu sitzen; und wozu brauchten sie sich zu erheben?

»Sind sie erst mal in den Kolonien«, sagte Ledoux, »dann werden sie sowieso noch übergenug auf den Beinen sein.«

Die Schwarzen, die, mit dem Rücken der Schiffswand zu, in zwei gleichlaufenden Reihen aneinandergeschichtet wurden, ließen hüben und drüben zwischen ihren Füßen einen schmalen Platz frei, der in allen ändern Sklavenschiffen nur als Durchgang diente. Ledoux kam auf den Gedanken, in diesem Zwischenraum weitere Neger zu verstauen, rechtwinklig zu den ändern. Auf die Weise faßte seine Brigg an die zehn Schwarze mehr als ein anderes Schiff von gleichem Tonnengehalt. Strenggenommen hätte man noch mehr davon drin unterbringen können; aber Menschlichkeit ist ja wohl am Platze, und auch einem Nigger muß man denn schon, zumal für eine mehr als sechswöchige Überfahrt, sein Tummelplätzchen von fünf mal zwei Fuß im Geviert belassen: »Denn schließlich«, so rechtfertigte Ledoux seinem Reeder gegenüber diese seine freisinnige Maßnahme, »sind die Leute mit schwarzer Haut, aufs Ganze gesehen, auch wohl so ähnliche Wesen wie die Weißen.«

Die »Hoffnung« stach, wie abergläubische Beobachter der Ereignisse hinterher feststellten, an einem Freitage von Nantes aus in See. Die Beamten der Hafenaufsicht, die aufs gewissenhafteste die Brigg durchsucht hatten, waren dabei nicht auf sechs große Kisten gestoßen, die bis obenhin voll waren mit Ketten, Handschellen und jenen Eisen, die, ich weiß nicht recht warum, »Barren der Gerechtigkeit« heißen. Die Herren vom Hafenamt äußerten auch keinerlei Erstaunen über den ungeheuren Wasservorrat, den die »Hoffnung« an Bord hatte, die, den Papieren zufolge, nur nach dem Senegal ging, um dort Handel mit Holz und Elfenbein zu treiben. Es stimmt, die Überfahrt ist nicht lang; aber schließlich kann ein bißchen Mehr an Vorsichtsmaßnahmen auch nie schaden. Wenn überraschenderweise Windstille einträte, wo käme man da hin ohne Süßwasser?

Die »Hoffnung« lief also eines schönen Freitags, wohlgetakelt und wohlversehen mit allem, aus. Ledoux hätte vielleicht etwas standfestere Masten noch lieber gesehen;

immerhin, solange die Brigg unter seiner Führung segelte, hatte er keinerlei Anlaß, sich über sie zu beklagen. Die Überfahrt zur afrikanischen Küste ging glücklich und rasch vonstatten. Im Joale-Fluß, glaube ich, ging er vor Anker, in einem Augenblick, als die englischen Kreuzer gerade auf diesen Küstenstrich nicht besondere Acht gaben. Im Nu waren einheimische Händler bei ihm an Bord. Die Gelegenheit konnte nicht günstiger sein; Tamango, ein berühmter Krieger und Seelenverkäufer, hatte eben einen ganzen Haufen Sklaven an die Küste gebracht und war dabei, sie zu Marktpreisen loszuschlagen, als Mann, der die Macht und die Mittel dazu hat, den Markt jederzeit prompt mit Ware zu beliefern, sowie nur irgendwelche Nachfrage nach den Artikeln seines Handelszweigs spürbar wird.

Der Kapitän Ledoux ließ sich an Land setzen und stattete Tamango seinen Besuch ab. Er traf ihn an in einer eiligst für ihn erstellten Strohhütte, in Gesellschaft seiner beiden Weiber, dazu einiger Zwischenhändler und Sklaventreiber. Tamango hatte sich zum Empfang des weißen Kapitäns in Gala geworfen. Er steckte in einem alten blauen Uniformrock, auf dem noch die Korporals-Tressen glitzerten; hüben und drüben von jeder Schulter aber hingen ihm darüber hinaus zwei goldene Epauletten, die, an nur je einem Knopf festgemacht, nach vorn und nach hinten herunterbaumelten. Da er kein Hemd auf dem Leibe hatte und der Rock für einen Kerl von seinem Wuchse etwas kurz war, kam zwischen dem Weiß der Aufschläge und seiner Unterhose aus Guinealeinen ein beträchtlicher Streifen schwarzer Haut zum Vorschein, der wie ein breiter Leibgurt aussah. Ein gewaltiger Reiterschleppsäbel hing ihm an einem Strick von der Hüfte, und in den Fingern hielt er eine schöne doppelläufige Büchse englischer Herkunft. In dieser Ausstattung stach der afrikanische Held seiner Meinung nach den elegantesten Stutzer von Paris oder London glatt aus.

Der Kapitän Ledoux sah ihn sich eine Weile schweigend von oben bis unten an, während Tamango, sich reckend und streckend wie ein Grenadier bei der Besichtigung vor einem fremden General, den Eindruck auskostete, den er auf den Weißen zu machen meinte. Ledoux, der ihn mit prüfenden Kennerblicken bei sich abgeschätzt hatte, drehte sich darauf zu seinem »Zweiten« um und sagte zu ihm:

»Der muntere Brocken da ist unter Brüdern mindestens seine dreitausend Franken wert, wenn ich den heil und ganz nach Martinique hinkriegte.«

Sie nahmen Platz, und ein Matrose, der sich in der Stammessprache der Jolof etwas auskannte, machte den Dolmetscher. Nach dem Austausch der üblichen Höflichkeiten brachte ein Schiffsjunge einen Korb voll Branntweinflaschen an; man trank einander zu, und der Kapitän verehrte Tamango, um ihn in gute Stimmung zu versetzen, ein hübsches kupfernes Pulverhorn mit dem Bildnisse Napoleons. Als das Geschenk mit gebührenden Dankbezeigungen in Empfang genommen war, vertauschte man allerseits den Sitz unterm Strohdach mit einem schattigen Platz im Freien, ohne die Schnapsbuddeln aus dem Auge zu lassen, und Tamango gab das Zeichen, die Sklaven vorzuführen, die er feilzubieten hatte.

Sie kamen daher in langer Reihe, krummgebogen vor Mattigkeit und vor Angst, und einem jeden steckte der Hals in einer mehr als sechs Fuß langen Gabel, deren Doppelzinken am Nacken mit einem Querholz zugepflockt waren. Soll sich ein solcher Trupp in Gänsemarsch setzen, dann nimmt einer von den Treibern den Gabelstiel des vordersten Sklaven auf die Achsel; der seinerseits belädt sich mit der Gabel des folgenden; der zweite nimmt die Gabel des dritten Schwarzen auf, und so einer nach dem ändern, die Reihe durch. Handelt es sich darum, haltzumachen, dann rammt der Rottenführer das spitze Ende seines Gabelstiels in die Erde, und die ganze Kolonne steht. Man sieht ohne weiteres ein, daß nicht leicht daran zu denken ist, sich seitwärts in die Büsche zu schlagen oder aus der Reihe zu tanzen, wenn einem ein sechs Fuß langer dicker Knüppel am Halse hängt.

Bei jedem Sklaven, der an ihm vorüberzog, Mann wie Weib, zuckte der Kapitän die Achseln, fand die Kerle schmächtig, die Weiber zu alt oder zu jung und ließ sich in Verwünschungen aus über die Vermanschung der schwarzen Rasse.

»Alles kommt herunter«, sagte er, »früher war das ganz anders. Da waren die Weibsbilder ihre fünf Fuß sechs Zoll hoch, und von den Kerlen hätten vier allein das Gangspill einer Fregatte gedreht, um den Großanker zu lichten.«

Während er noch herummäkelte, traf er immerhin eine erste Wahl unter den stämmigsten und ansehnlichsten Schwarzen. Für die da könnte er den üblichen Satz zahlen; aber was den übrigen Ramsch dort angehe, den nehme ( nur bei bedeutendem Preisnachlaß. Tamango seinerseit war nach Kräften bemüht, auch sein Schäfchen ins trockene zu bringen, hob seinen Handelsartikel in den Himmel, jammerte über den Mangel an Menschenware und die Gefährlichkeit des Geschäfts. Zum Schluß forderte er ich weiß nicht was für einen Gesamtpreis für die Sklaven mit denen der weiße Kapitän seine Brigg zu befrachten gedachte.

Als der Dolmetscher Tamangos Angebot französisch wiedergab, schien Ledoux vor Erstaunen und Entrüstung hintenüber kippen zu wollen; dann zerquetschte er zwischen den Zähnen ein paar schauerliche Flüche und erhob sich dabei, als wolle er jedes weitere Verhandeln mit einem so hirnverbrannten Menschen abbrechen. Da hielt ihn Tamango fest; nur mit der größten Mühe brachte er ihn dazu, daß er sich wieder setzte. Eine frische Flasche wurde entstöpselt, und das Hinundherfeilschen begann von neuem. Jetzt war die Reihe an dem Schwarzen, die Vorschläge des Weißen wahnwitzig und verrückt zu Enden. Es wurde gebrüllt, es wurde lange hin und her gestritten, und es wurde dabei unheimlich viel Schnaps gesüffelt; aber das Feuerwasser rief bei den beiden Verhandlungspartnern eine durchaus verschiedene Wirkung hervor. Je mehr der Franzose trank, desto mehr verringerte er seine Angebote ;je mehr der Afrikaner in sich hineingoß, desto mehr ließ er schwimmen von seinen Forderungen.Auf die Art kam man, wie beim Korb auf den Boden, mit dem Handel auf festen Grund. Schlechtes Baumwollzeug, Schießpulver, Feuersteine, drei Vierteltonnen Feuerwasser, fünfzig pfuscherhaft überholte Schießprügel wurden gegen einhundertundsechzig Sklaven eingetauscht. Um das Handelsabkommen rechtskräftig zu machen, schlug der Kapitän in die Hand des mehr als halbvollen Schwarzen ein, und im Handumdrehen waren die Sklaven den französischen Matrosen übergeben, die eiligst drangingen, ihnen ihre hölzernen Joche abzunehmen, um ihnen dafür Halseisen und stählerne Handschellen anzulegen: ein handgreiflicher Beweis für die Überlegenheit der europäischen Zivilisation.

Etwa dreißig Sklaven blieben übrig: Kinder, Greise, schwächliche Weiber. Das Schiff war voll. Tamango, der mit diesem Ausschuß nichts anzufangen wußte, bot sie dem Kapitän an, das Stück für eine Flasche Feuerwasser. Das Angebot war verführerisch. Ledoux erinnerte sich, in Nantes bei der Aufführung der »Sizilianischen Vesper« gesehen zu haben, wie da eine erkleckliche Masse dicker und fetter Leute sich in einen schon randvollen Zuschauerraum hineinquetschten und, dank der Nachgiebigkeit des menschlichen Körpers, selbst für ihre Sitzflächen noch Platz fanden. Er suchte sich unter den dreißig Sklaven die zwanzig schlanksten aus. Da ging Tamango weiter herunter und verlangte nur mehr ein Glas Feuerwasser für jeden der übrigbleibenden zehn. Ledoux überlegte, daß Kinder in den öffentlichen Verkehrsmitteln bloß die Hälfte zahlen und auch bloß einen halben Platz brauchen. Er übernahm also noch drei Kinder; jedoch erklärte er entschieden, jetzt lade er sich nicht einen einzigen Schwarzen weiter auf. Tamango, der merkte, daß er die sieben Sklaven auf dem Halse behielt, packte seine Büchse und legte auf das Weib an, das vornan stand: es war die Mutter der drei Kinder.

»Kauf!« schrie er zum Weißen hin, »oder ich schieß‘ sie tot; ein Gläschen Feuerwasser oder ich knalle!«

»Und was soll ich mit der, Teufel noch mal?« gab Ledoux zurück.

Tamango gab Feuer, und die Sklavin fiel tot hin.

»Los, an den zweiten!« brüllte Tamango und ging in Anschlag auf einen ganz gebrechlichen Alten: »ein Glas Feuerwasser oder …«

Eine seiner Frauen riß ihm den Arm herum, und der Schuß ballerte ins Blaue hinein. In dem Wackelgreis, dem ihr Herr und Gebieter den Garaus machen wollte, hatte sie im letzten Augenblick den »Guiriot«, den weisen Zauberer, wiedererkannt, der ihr vorausgesagt hatte, sie werde Königin werden.

Tamango, den der Fusel rasend gemacht hatte, verlor seine letzte Beherrschung, als er sich in seinem Wollen gehemmt und aufgehalten sah. Roh hieb er mit Büchsenkolben auf sein Weib ein; dann drehte er sich zu Ledoux um:

»Da!« schnaufte er. »Ich schenk‘ dir diese Frau!«

Sie war hübsch. Ledoux sah sie sich schmunzelnd an; dann nahm er sie bei der Hand:

»Für die findet sich schon noch ein nettes Plätzchen!« sagte er.

Der Dolmetscher war ein Menschenfreund. Er drückte Tamango eine Pappschachtel voll Tabak in die Hände und lotste ihm dafür die sechs noch übrigen Sklaven ab. Er befreite sie von ihren Gabeln und ließ sie laufen, wohin sie wollten. Im Nu machten sie sich aus dem Staube, der eine dahin, der andre dorthin, allesamt reichlich ratlos allerdings, wie sie in ihre heimischen Gefilde zurückgelangen sollten, die an die zweihundert Meilen von der Küste weg lagen.

Inzwischen sagte der Kapitän dem Tamango Adjüs und kümmerte sich sehr darum, seine Ladung so rasch wie möglich an Bord zu bringen. Es war nicht rätlich, lange auf dem Fluß liegenzubleiben; die Engländer konnten wieder aufkreuzen, und er wollte denn am ändern Morgen in See stechen. Tamango, für sein Teil, torkelte irgendwohin ins Gras und schlief da im Schatten seinen Branntweinrausch aus.

Als er wieder aufwachte, segelte das Schiff schon flußabwärts davon. Tamango, dessen Hirn vom Zechgelage des vergangenen Tages noch ganz benommen war, rief nach seinem Weibe Aysché. Ihm wurde der Bescheid, sie habe leider sein Mißfallen erregt und er habe sie deswegen dem weißen Kapitän geschenkt, der sie auf sein Schiff mitgenommen habe. Als er das hörte, hämmerte sich Tamango wie von Sinnen gegen die Stirn, packte dann seine Büchse und stürzte schnurstracks auf dem nächsten Wege – denn der Fluß machte einige Windungen, ehe er sich ins Meer ergoß – zu einer kleinen Bucht hin, die etwa eine Wegstunde vor der Mündung sich auftat. Dort hoffte er ein Kanu zu finden, mit dem er die Brigg noch erreichen konnte, deren Fahrt sich wegen der Krümmungen des Flußlaufs in die Länge ziehen mußte. Er hatte sich nicht verschätzt: ihm blieb tatsächlich noch Zeit, in ein Kanu hineinzuspringen und das Sklavenschiff einzuholen.

Ledoux war überrascht, als er ihn sah, und noch mehr, als er hörte, er wolle seine Frau wiederhaben.

»Geschenkt ist geschenkt!« erwiderte er kurz.

Und er drehte ihm den Rücken. Der Schwarze ließ nicht locker und erbot sich, einen Teil der Tauschgegenstände wiederherzugeben. Der Kapitän lachte und meinte, Aysché sei ein erstklassiges Frauchen und er wolle sie unter seine besondere Obhut nehmen. Da heulte der arme Teufel Tamango los, daß ihm die Tränen über die Backen schossen, und stieß gellende Schmerzensschreie aus, wie einer, der sich unter dem Messer des Chirurgen windet. Er wälzte sich auf dem Deck, rief nach seiner teuren Aysché und stieß mit dem Schädel gegen die Planken, als wollte er sich umbringen. Unbewegt von alledem deutete der Kapitän nur auf das Ufer hin und machte ihm klar, daß es Zeit für ihn sei, das Weite zu suchen; aber Tamango blieb stur. Er bot und bot; sogar seine goldenen Schulterbehänge, seine Büchse, seinen Säbel wollte er drangeben. Alles umsonst.

Während dieser bewegten Verhandlung sagte der Leutnant der »Hoffnung« zum Kapitän:

»Heut nacht sind uns drei von den Kerlen draufgegangen; Platz ist da. Warum wollen wir uns nicht den mordsstarken Lümmel dafür langen, der die drei Toten glatt aufwiegt?« Ledoux überschlug bei sich: Tamango brächte schon seine dreitausend Franken ein; die Fahrt da, die sich sehr profitreich für ihn anließ, sei ja wohl ohnehin seine letzte; und wo er schließlich sein Schäfchen so gut wie im trockenen hatte und den Niggerhandel sowieso aufgäbe, da könnte es ihn doch verdammt wenig scheren, ob er an der Guineaküste einen guten oder weniger guten Ruf hinterließ. Zu- dem rührte sich keine Sterbensseele am Ufer, und der afrikanische Recke war ihm auf Gnade und Ungnade selber in die Arme gelaufen. Es handelte sich nur noch darum, ihm seine Waffen abzunehmen; denn es wäre gefährlich gewesen, Hand an ihn zu legen, solange er die noch selber handhabte. Ledoux ließ sich also von ihm die Büchse reichen, wie wenn er sie in Augenschein nehmen und sich überzeugen wolle, ob sie auch wirklich ganz so viel wert wäre wie die schöne Aysché. Während er die Federn spielen ließ, sorgte er dafür, daß das Pulver aus der Zündpfanne herausfiel. Der Leutnant seinerseits ließ den Säbel durch die Finger gleiten; und als Tamango auf die Art seine Waffen losgeworden war, stürzten sich zwei handfeste Matrosen auf ihn, schmissen ihn auf den Rücken und machten sich daran, ihm auch noch die Luft wegzunehmen.Der Schwarze setzte sich zur Wehr wie ein Held. Sowie er aus der ersten Bestürzung heraus war, rang er, trotz seiner wenig günstigen Lage, unablässig mit den beiden Matrosen. Dank seiner Riesenstärke gelang es ihm, wieder auf die Beine zu kommen. Mit einem Fausthieb schmetterte er den Mann, der ihn am Kragen gepackt hielt, zu Boden; dabei ließ er ein Stück seines Rockes in den Fäusten des ändern Matrosen, aber wie ein Rasender stürzte er auf den Leutnant nun los, um seinen Säbel ihm zu entreißen. Der hieb ihm damit über den Schädel und brachte ihm eine klaffende, wenn auch nicht tiefe Wunde bei. Tamango brach zum zweitenmal in die Knie. Im Nu wurden ihm Füße und Hände straff gefesselt. Während er sich noch dabei bäumte und wehrte, stieß er ein Wutgebrüll aus und gebärdete sich wie ein wilder Eber in den Fangstricken; aber als er sah, daß aller Widerstand nutzlos war, schloß er die Augen und rührte sich nicht mehr. Nur noch sein rascher, stoßweiser Atem bewies, daß Leben in ihm war. »Donner und Doria!« machte sich der Kapitän Ledoux Luft. »Die Nigger, die der da verscheuert hat, werden hellauf johlen, wenn die sehn, daß er jetzt selber an die Reihe gekommen ist. Nun werden sie wohl einsehn, daß es so was wie eine Vorsehung gibt.«

Mittlerweile verrann dem armen Teufelskerl Tamango alles Blut. Der barmherzige Dolmetscher, der tags zuvor sechs Sklaven das Leben gerettet hatte, nahte sich ihm,verband ihm seine Wunde und richtete ein paar tröstende Worte an ihn. Was er ihm gesagt haben mag, weiß ich nicht. Der Schwarze blieb reglos liegen, wie ein Leichnam. Zwei Matrosen mußten ihn wie ein Riesenbündel ins Zwischendeck an den Platz hinunterschleppen, der für ihn bestimmt war. Zwei Tage lang wollte er weder essen noch trinken; kaum daß man ihn die Augenlider auftun sah. Seine Haftgenossen, die unlängst noch seine eigenen Häftlinge waren, sahen mit stumpfem Staunen ihn in ihrer Mitte erscheinen. Dermaßen groß war die Furcht, die er ihnen noch immer einflößte, daß nicht einer unter ihnen es sich herausnahm, den in seinem Elende zu verhöhnen, der sie in ihr eigenes gebracht hatte.

Unter frischem günstigem Landwind ließ die Brigg die afrikanische Küste rasch hinter sich. Nunmehr, wo er die Unruhe mit den englischen Kreuzern glücklich hinter sich hatte, wiegte sich der Kapitän nur noch in den Gedanken an die klotzigen Einnahmen, die auf ihn in den Kolonien schon warteten, denen er jetzt zusteuerte. Sein Ebenholz hielt sich einwandfrei. Kein Schimmer von irgendwelchen ansteckenden Krankheiten. Bloß zwölf Nigger, die schwächsten dazu noch, waren an der Hitze draufgegangen: nicht der Rede wert war das. Damit denn doch seine Menschenfracht möglichst wenig von den Beschwernissen der Überfahrt mitgenommen werde, war er sehr darauf bedacht, daß seine Sklaven tagtäglich auch an Deck kämen. Immer abwechselnd durfte ein Drittel dieser Unglückswesen ein Stündchen herauf, um ihre Tagesportion Luft zu schnappen. Weil man vor irgendwelchem Krakeel nicht ganz sicher war, hielt ein Teil der Mannschaft, bis an die Zähne bewaffnet. Wache; außerdem gab man darauf acht, daß ihnen nirgends ihre Eisen zu locker wurden. Ab und zu bereitete ihnen ein Matrose, der auf der Geige zu fiedeln verstand, eine Art Ohrenschmaus. Es war dann ein kurioser Anblick, wie sich all diese schwarzen Gesichter dem Musiker zudrehten, wie sich nach und nach die stumpfe Verzweiflung in ihrem Ausdruck verlor, wie sie mit breitem Grinsen zu lachen anfingen und in die Hände klatschten, soweit das ihre Ketten erlaubten. – Bewegung tut der Gesundheit gut; daher bestand denn eine der sanitären Maßnahmen des Kapitäns Ledoux darin, seine Sklaven des öftern tanzen zu lassen, wie man Gäule, die auf lange Fahrt eingeschifft sind, auf der Stelle trappen läßt.

»Los, Kinder, tanzt, amüsiert euch!« brüllte der Kapitän mit Donnerstimme und knallte dazu mit einer ungeheuren Postkutscherpeitsche.

Und sofort sprangen die armseligen Schwarzen in die Höhe und tanzten.

Tamango hielt seine Wunde einige Zeit drunten unter den Luken danieder. Endlich erschien auch er wieder auf dem Oberdeck; stolz erhob er den Kopf mitten unter dem furchtsamen Sklavenhaufen und ließ seinen Blick voll gelassener Traurigkeit über die unermeßliche Wasserfläche schweifen, die sich rings um das Schiff hin weitete, dann legte er sich auf die Planken, oder vielmehr, ließ sich auf sie niederfallen, ohne sich auch nur die geringste Mühe zu machen, seine Ketten so zurechtzuziehen, daß sie ihm weniger zur Last wären. Ledoux saß auf dem Achterdeck und schmauchte seelenruhig seine Pfeife. An seiner Seite befand sich Aysché, sie war ohne Fesseln, hatte ein schickes blauleinenes Kleid an, an den Füßen hübsche rote Saffianpantöffelchen, in der Hand eine Platte mit Schnäpsen, und wartete auf einen Wink, um ihm einzuschenken. Ganz offensichtlich hatte sie hohe Obliegenheiten beim Kapitän zu erfüllen. Ein Schwarzer, der Tamango tief haßte, bedeutete ihm, hinzusehen. Tamango wandte den Kopf, erblickte sie, schrie auf, war mit einem Ruck auf den Füßen und rannte gegen das Achterdeck, ehe die Wachtmannschaft einen so ungeheuerlichen Verstoß gegen alle Schiffszucht verhindern konnte:

»Aysché!« brüllte er mit schmetternder Stimme – und in den seinen hinein stieß Aysché einen Schreckensschrei aus. – »Glaubst du, im Lande des weißen Mannes gibt es keinen Mama-Jumbo?**

Schon liefen Matrosen mit geschwungenen Knütteln herzu; aber Tamango drehte sich um und trottete mit verschränkten Armen und wie empfindungslos wieder zu seinem Platze hin, während Aysché, mit tränenüberströmtem Gesicht, nach seinen geheimnisvollen Worten wie versteinert dastand.

Der Dolmetscher erklärte, was es mit diesem schrecklichen Mama-Jumbo, dessen bloßer Name schon solches Entsetzen hervorrief, auf sich hatte.

»Das ist der Butzemann der Nigger!« erzählte er. »Wenn ein Mann von seiner bessern Hälfte so was Gewisses befürchtet, was die lieben Frauen nicht selten in Frankreich so gut wie in Afrika zuwege bringen, dann kommt er ihr mit dem Mama-Jumbo. Ich, so wahr ich‘s euch hier sage, ich habe selbst den Mama-Jumbo zu Gesicht gekriegt, und ich bin auch gleich hinter die ganze Geschichte gekommen; aber die Schwarzen …. den einfältigen Leutchen da, denen kann man schön etwas weißmachen. – Stellt euch also vor: eines Abends, wie die Weiber gerade lustig herumhopsten und mitten in einem ,Folgar‘ sind, wie sie das nennen, da geht euch mit einem Male aus einem hübsch dichten und dustern Wäldchen eine unheimliche Musik los, ohne daß man irgendeine Menschenseele sah, die sie machte, denn die Musikanten steckten sämtlich hinter den Bäumen. Das quäkte, jaulte und rasselte dort heraus aus Schilfflöten, Holztrommeln, Balafos und aus Gitarren, wie sie sich die aus den halben Flaschenkürbissen da basteln. All das brachte Töne miteinander hervor, die den Teufel davongejagt hätten. Kaum daß den Weibern die ersten Quiekser dieser Höllenarie ins Ohr gedrungen sind, da fangen sie auch schon an zu bibbern und zu schlottern; sie wollen Reißaus nehmen, aber ihre Männer halten sie am Wickel fest; die Dämchen wußten nur zu gut, wozu ihnen da aufgespielt wurde. Auf einmal kommt aus dem dunklen Wald eine riesige weiße Gestalt heraus, wie unsre Bramstange so hoch, mit einem Dez so mächtig rund wie ein Maßscheffel, mit Augen so weit wie Klüsgatten, und einem Maul wie dem Teufel seins, mit lauter Feuer drin. Das Ding da geisterte langsam, langsam heran, nur eben nicht näher als eine halbe Kabellänge vom Buschwerk weg. Die Weiber schrien:

,Da, der Mama-Jumbo!‘

Wie die Austernhökerinnen kreischten sie. Da schnauzten die Männer sie an: ,Los, ihr Metzen, heraus jetzt damit, ob ihr brav gewesen seid; wenn ihr schwindelt: da steht der Mama-Jumbo, der frißt euch mit Haut und Haaren dafür auf!‘ Einige waren drunter so dumm und rückten mit der Wahrheit heraus, und dafür wurden sie von ihren Eheherren windelweich gebleut.« »Und was war denn das für ein weißes Ding da, der Mama-Jumbo?« fragte der Kapitän.

»Na, ein Spaßvogel war das, der sich ein gewaltiges Leinenlaken übergeschmissen hatte und als Haupt einen hohlen Kürbis mit einer Funzel drin hoch über sich an einer langen Latte dahertrug. Mehr steckt nicht dahinter, und seinen Geist braucht man eben nicht groß zu verausgaben, wenn man Schwarze herumkriegen will. Alles in allem ist er aber eine gute Erfindung, der Mama-Jumbo, und ich wollte, meine eigene Alte glaubte an ihn.«

»Was meine betrifft«, bedeutete Ledoux, »wenn die auch gerade wohl nicht vor dem Mama-Jumbo Bange hat, vor dem Knüppel-aus-dem-Sack hat sie bestimmt welche; und auch sonst weiß sie ganz genau, wie ich ihr‘s anstreiche, wenn sie mir einen Streich spielt. Bei uns Ledoux‘ wird nicht lange gefackelt, und wenn ich auch bloß noch ein Handgelenk habe, so wird es doch noch ganz gut mit jeder sperrigen Trosse fertig. Was deinen schwarzen Teerpinsel da unten angeht, der vom Mama-Jumbo quasselt, dem sage mal, er möge sich mucksmäuschenstill verhalten und dem zierlichen Frauchen hier ja keine Angst machen, sonst lasse ich ihm ein bißchen das Rückgrat abschaben, daß seine schwarze Schwarte wie ein englisches Roastbeef rot wird.«

Mit diesen Worten stieg der Kapitän in seine Kajüte hinunter, ließ Aysché kommen und versuchte sie zu trösten; aber weder Zärtlichkeiten noch Knüffe und Püffe – denn schließlich geht einem ja auch einmal die Geduld aus – vermochten die schöne Negerin wieder vernünftig zu machen; Ströme von Tränen rannen ihr aus den Augen. In übelster Laune stieg der Kapitän wieder an Deck und schimpfte mit dem Wachhabenden herum wegen des Fahrtmanövers, das dieser gerade angeordnet hatte.

In der Nacht, als fast die gesamte Bemannung in tiefem Schlafe lag, hörten die Wachen zuerst einen schweren, feierlichen, unheimlichen Gesang, der aus dem Zwischendeck heraufdrang, dann den gräßlich schrillen Aufschrei einer Frau. Unmittelbar darauf hallte, fluchend und drohend, die groblaute Stimme des Kapitäns und dazwischen das Klatschen und Knallen seiner furchtbaren Peitsche durch das ganze Schiff. Einen Augenblick später herrschte überall wieder Totenstille. Am ändern Morgen kam Tamango mit ganz zerschundenem Gesicht an Deck, aber in Miene und Haltung so stolz und so entschlossen wie vorher.

Kaum hatte ihn Aysché erblickt, da lief sie auch schon vom Achterdeck, wo sie neben dem Kapitän gesessen hatte, Tamango entgegen, stürzte vor ihm auf die Knie und flehte ihn mit dem Ausdruck höchster Verzweiflung an:

»Vergib mir, Tamango, vergib mir!« Tamango blickte sie eine Minute lang fest an; dann, sowie er bemerkt hatte, daß der Dolmetscher nicht in der Nähe war, warf er ihr kurz hin:

»Eine Feile!«

Und dann streckte er sich wieder auf den Planken aus und drehte Aysché den Rücken. Der Kapitän blies sie mächtig an, verabreichte ihr sogar ein paar Ohrfeigen und verbot ihr, mit ihrem verflossenen Manne zu reden; aber er dachte nicht im entferntesten daran, über die Bedeutung der paar Worte, die sie gewechselt hatten, unruhig zu werden, und er fragte auch nicht mit einer Silbe danach.

Inzwischen nutzte Tamango die Stunden des Eingesperrtseins mit den ändern Sklaven dazu, sie Tag und Nacht aufzustacheln, sich mit einem kühnen Gewaltstreich ihre Freiheit wieder zu verschaffen. Er erzählte ihnen immer wieder vor, wie gering die Weißen an Zahl seien, und; wies sie darauf hin, wie die Wachsamkeit ihrer Hüter immer mehr nachließe; dazu ließ er, ohne sich näher darüber auszulassen, durchblicken, er wüßte Mittel und Wege, sie in ihre Heimat zurückzubringen, brüstete sich mit geheimen Künsten, von denen die Schwarzen immer höchst angetan sind, und drohte, der Böse Geist werde alle die; holen, die nicht bei seinem Unternehmen mittun wollten. In diesen Ansprachen bediente er sich ausschließlich der Stammessprache der Peulen, die den meisten seiner Mitsklaven verständlich war, die der Dolmetscher aber nicht kannte. Das Ansehen des Sprechers, die Furcht und der Gehorsam, die sie ihm gewohntermaßen entgegenbrachten, kamen seiner Beredsamkeit fabelhaft dabei zustatten, und die Schwarzen bestürmten ihn, den Tag ihrer Befreiung anzusetzen, und das lange vor dem Zeitpunkte, an dem erselber glaubte, sie frühestens bewerkstelligen zu können. Er gab den Verschwörern eine ausweichende Antwort: die Zeit sei noch nicht da, und der Mächtige Geist, der ihm im Traum erscheine, habe sie ihm noch nicht verkündet, sie sollten sich aber auf sein erstes Zeichen hin fertigmachen. Unterdessen versäumte er keine Gelegenheit, über die Wachsamkeit seiner Schergen genauere Beobachtungen anzustellen. Einmal hatte ein Matrose sein Gewehr gegen die Bordwand gelehnt und vertrieb sich die Zeit damit, einem Schwarm fliegender Fische zuzugucken, die dem Schiffe folgten; Tamango nahm das Gewehr und machte sich ans Griffeüben, wobei er mit täppischen Gebärden die Bewegungen nachahmte, die er die Matrosen beim Exerzieren hatte ausführeil sehen. Im nächsten Augenblick nahm man ihm die Flinte wieder aus deni Fingern; aber er wußte doch jetzt, daß er eine Waffe anrühren konnte, ohne sofort Verdacht zu erregen; und wenn es soweit sein würde, sie zu brauchen, dann sollte“ nur einer kommen, der es wagte, sie ihm aus der Faust zu reißen, Eines Tages warf ihm Aysché einen Zwieback zu und machte ihm dabei ein Zeichen, das nur er verstand. Der Zwieback enthielt eine winzige Feile: von diesem kleinen Werkzeug hing das Gelingen der ganzen Verschwörung ab. Tamango hütete sich, seinen Gefährten das Instrumentchen gleich zu zeigen; aber sowie es Nacht geworden war, fing er an, unverständliche Worte zu murmeln, die er mit seltsamen Gebärden begleitete. Nach und nach steigerte er seine Erregtheit bis zu Schreien. Wer den wechselnden Tonfall seiner Stimme hörte, mußte meinen, er sei in eine leidenschaftliche Unterredung mit einem unsichtbaren Wesen hineingezogen. Alle Sklaven überkam das Zittern; keiner von ihnen zweifelte, daß in diesem Augenblicke der Mächtige Geist in ihrer Mitte weile. Tamango beendigte diesen schauerlichen Auftritt damit, daß er einen Freudenschrei ausstieß.

»Brüder«, rief er, »der Mächtige Geist war eben da und hat mir endlich gegeben, was er mir versprochen hatte! In meiner Hand halte ich das Werkzeug, das uns die Freiheit bringt. Jetzt nur noch ein bißchen Mumm, und ihr seid frei!«

Er ließ die ihm zunächst Sitzenden die Feile betasten und befühlen, und der faule Zauber, so plump er auch war, fand Glauben bei den noch plumperen Menschen.

Nach langem Harren brach der große Tag der Rache und der Freiheit an. Die Verschwörer, die ein feierlicher Eid aneinander band, hatten ihren Plan in langer reiflicher Beratung bis ins einzelne ausgeheckt. Die Entschlossensten, Tamango an ihrer Spitze, sollten, sobald die Reihe an ihnen wäre, auf Deck zu klettern, sich der Waffen ihrer Schergen bemächtigen; ein paar andere hatten aus der Kajüte des Kapitäns die Donnerbüchsen heranzuschleppen, die dort standen. Alle, die mit dem Durchfeilen ihrer Eisen zu Rande gekommen seien, sollten losschlagen; aber trotz der hartnäckigen Arbeit mehrerer Nächte war der größte Teil der Sklaveh noch nicht soweit, bei dem Unternehmen tatkräftig mitzumachen. Deshalb hatten drei handfeste Schwarze den Auftrag, den weißen Mann totzuschlagen, der die Fesselschlüssel in seiner Tasche hatte, und dann sofort ihre noch in Ketten steckenden Genossen zu befreien.

An diesem Tage war der Kapitän Ledoux in einer geradezu rosigen Stimmung; ganz gegen seine Gewohnheit ging er gnädig mit einem Schiffsjungen um, der die Fuchtel verdient hatte. Er war des Lobes voll über das Segelmanöve das der Offizier vom Dienst angeordnet hatte, sprach der Mannschaft seine vollste Zufriedenheit aus und kündigte allerseits an, auf Martinique, wo man binnen kurzem einliefe, bekäme jeder Mann seine Sonderprämie. Alle Blaujacken auf der »Hoffnung« beschäftigten sich bereits auf angenehmste mit der Vorstellung, wie sie diese Leistungsprämie am besten wieder verjubeln könnten. Sie waren in Geiste schon beim Branntwein und bei den braunen Weibern auf Martinique, als Tamango und seine Verschworenen aufs Oberdeck hinaufgelassen wurden.

Sie hatten beim Durchfeilen ihrer Eisen sorgsam darauf geachtet, daß sie unbeschädigt aussahen und daß doch die geringste Kraftaufwand genügte, sie zu zersprengen. In übrigen ließen sie die Fesseln derart klangvoll rasseln, dal man beim Hören hätte meinen mögen, sie trügen noch einmal so schwer an ihnen. Nachdem sie eine Weile Luft geschöpft hatten, faßten sie sich alle bei den Händen und fingen an zu tanzen, während Tamango den Kriegsgesang seines Stammes anstimmte, wie er ihn noch jedesmal, wem er zum Kampf aufbrach, hatte erschallen lassen. Als die Tanz eine Zeitlang gedauert hatte, warf sich Tamango, wie erschöpft vor Anstrengung, so lang er war vor die Füße eines Matrosen hin, der sich sorglos an der Reling räkelte; alle Mitverschworenen machten es so wie er. Auf diese Weise war jeder Matrose von mehreren Schwarzen eingeschlossen.

Mit einem Male stößt Tamango, der in aller Stille seine Eisen zersprengt hatte, einen markerschütternden Schrei aus, der als Zeichen verabredet war, reißt mit einem gewaltigen Ruck den ihm zunächst stehenden Matrosen ans den Beinen aufs Gesäß nieder, entringt ihm, indem er ihm mit dem Fuß gegen den Bauch tritt, sein Gewehr und knallt auch schon damit den wachhabenden Offizier über den Haufen. Im selben Augenblick ist jeder der übrigen Wachtmatrosen so blitzartig niedergezerrt, entwaffnet und im Handumdrehen ermurkst. Von allen Seiten brandet ein Kriegsgebrüll empor. Der Bootsmann, der den Schlüssel zu den Fesseln in Verwahrung hatte, bricht als einer der ersten zusammen. Und nun strömt und strömt es von Schwarzen über das Oberdeck hin. Wer keine Waffen ergattern kann, packt sich die eisernen Handspaken des Gangspills oder die Ruderpinnen der Schaluppe und schlägt damit los.

Von dem Augenblick an war die weiße Besatzung verloren. Auf dem Achterkastell versuchten zwar noch einige wenige Matrosen Widerstand zu leisten; aber es fehlte ihnen an Waffen wie an Entschlossenheit. Ledoux war noch am Leben und hatte seinen Mut durchaus nicht verloren. Er, der sofort in Tamango den lenkenden Geist des Aufruhrs witterte, hoffte, wenn er den Haupträdelsführer aus dem Weg räumen könnte, mit seinen Helfershelfern leicht fertig zu werden. Er stürzte also, den Namen Tamangos laut brüllend, mit dem Säbel in der Faust auf ihn zu. Sofort raste ihm Tamango entgegen. Er hielt ein Gewehr am Laufende gepackt und schwang es wie eine Keule. Auf einer der schmalen Laufplanken, die Vorder- und Achterdeck miteinander verbinden, gerieten die beiden Häuptlinge aneinander. Tamango hieb als erster zu. Mit einer leichten Körperdrehung wich der Weiße dem Schlage aus. Der Kolben, der mit großer Gewalt auf die Planken niederkrachte, brach ab, und der Rückprall war so mächtig, daß die Waffe Tamango aus den Händen flog. Er war wehrlos, und Ledoux holte schon, höllisch feixend, mit seinem Arm weit aus, um ihn zusammenzuhauen; aber Tamango war so blitzwendig wie die Panther in seiner Heimat. Er sprang seinem Gegner an den Arm und packte die Hand, die den Säbel hielt. Nun machte der eine die gewaltsamsten Anstrengungen, seine Waffe nicht loszulassen, der andre, sie der Faust zu entreißen. In diesem Wutenden Ringen stürzten beide miteinander zu Boden; der Afrikaner lag zuunterst. Da packte Tamango, ohne sich entmutigen zu lassen, mit aller Kraft seinen Feind un biß ihm mit solcher Gewalt in die Kehle, daß das Blut wie unter den Zähnen eines Löwen hervorschoß. Der Säbel entfiel der erschlaffenden Hand des Kapitäns. Tamango riß ihn an sich; dann schnellte er wieder auf die Füße hoch und stieß, den Mund voll Blut, ein Triumphgeheul aus während er mit unzähligen Hieben seinen schon mehr toten als lebendigen Widersacher zersäbelte.

Der Sieg war nicht mehr zweifelhaft. Die wenigen Übel lebenden versuchten, die Empörer um Gnade anzuflehen aber alle, bis hin zum Dolmetscher, der ihnen nie ein Leid angetan hatte, wurden erbarmungslos niedergemetzell Der Leutnant fiel rühmlich. Er hatte sich auf das Achterdeck zurückgezogen, neben eins der kleinen Geschütze die auf einem Zapfen herumschwenkbar sind und mit Kartatschen geladen werden. Mit der Linken richtete er das Stück und mit dem Säbel in der Rechten verteidigte ei sich so gut, daß er ein großes Rudel Schwarzer von allen Seiten auf sich zog. Da ließ er den Abzug spielen und riß mitten in diese dichtgeballte Masse eine breite, mit Toten, und Sterbenden gepflasterte Gasse hinein. Einen Augenblick später war er in Stücke gehauen. Als der Leichnam des letzten Weißen, zerhackt und zerstückelt, über Bord gestürzt war, hoben die Schwarzen, rachegesättigt wie sie nun waren, ihre Augen hinauf zu den Segeln, die noch immer unter einer frischen Brise sich blähten und nach wie vor ihren Unterdrückern zu gehorchen und die Sieger trotz ihrem Triumphe ins Land der Sklaverei zu entführen schienen.

»Nichts ist also geschafft!« dachten sie trübsinnig vor sich hin. »Und wird uns denn dieser Große Fetisch der Weißen in die Heimat zurückführen, uns, die wir seiner Herren Blut vergossen haben?«

Einige meinten, Tamango verstünde ihn zum Gehorsam zu bringen. Gleich erhebt sich ein allgemeines lautes Gerufe nach Tamango.

Es eilte ihm nicht damit, sich zu zeigen. Man fand ihn hinten in der Kajüte am Heck; da stand er, eine Hand auf den blutigen Säbel des Kapitäns gestützt; die andere überließ er zerstreut seinem Weib Aysché, die vor ihm auf Knien lag und Küsse darauf preßte. In seinem Siegerrausch konnte er doch nicht eine düstere Unruhe in sich dämpfen, die sich in seiner ganzen Haltung verriet. Er, der weniger schwerfällig als seine Genossen war, fühlte klarer die Schwierigkeit seiner Lage.

Endlich erschien er auf dem Deck mit einer zur Schau getragenen Ruhe, die er nicht in sich hatte. Von hundert Stimmen umschwirrt, die ihn drängten, den Lauf des Schiffes zu lenken, schritt er langsam auf das Steuerrad zu, als wolle er solange wie möglich den Augenblick noch hinausschieben, der über die Grenzen seiner Macht, für ihn selbst wie die ändern, entscheidend war.

Auf dem ganzen Schilf gab es nicht einen Schwarzen, der in all seinem Stumpfsinn nicht gemerkt hätte, welcher Einfluß von einem gewissen Rade und dem Kästchen ihm gegenüber auf das Schilf und seine Bewegungen ausging; aber hinter diesem sich regenden Etwas hatte für sie immer ein großes Geheimnis gesteckt. Eine lange Weile betrachtete Tamango sich die Bussole und bewegte dazu die Lippen, als läse er die Zeichen, die er darauf eingeritzt sah; dann legte er die Hand an die Stirn und nahm die nachdenkliche Haltung eines Mannes an, der sich im Kopf etwas ausrechnet. Alle Schwarzen umringten ihn offenen Mundes und mit weitaufgerissenen Augen und verfolgten voll Angst jede geringste Bewegung, die er machte. Endlich versetzte er, mit jenem gemischten Gefühl aus Furcht und Selbstvertrauen, das der Unwissenheit eignet, dem Steuerrad einen gewaltigen Stoß.

Wie ein edler Renner, der sich unter dem Sporn eines unverstandigen Reiters bäumt, setzte bei diesem unerhörten Manöver die schöne Brigg »Hoffnung« mit Riesensprüngen hin über die Wogen. Es sah aus, als wollte sie vor Entrüstung sich samt ihrem stümpernden Steuermann in den Grund hinunterstürzen. Da der notwendige Zusammenhang von Segel- und Steuerstellung jäh unterbrochen war, neigte sich das Schiff mit solcher Heftigkeit zur Seite, daß man meinte, es müsse jeden Augenblick kentern. Seine langen Rahen tauchten ins Meer. Mehrere Menschen wurden umgerissen; einige fielen über Bord. Bald stemmte sich das Schiff wieder stolz gegen die Wogen, als wollte es noch einmal gegen die Zerstörung ankämpfen. Der Wind brach mit doppelter Stärke los, und wie auf einen Schlag stürzten die wenige Fuß über Deck umgeknickten beiden Masten unter furchtbarem Krachen zusammen und überdeckten das ganze Schiff mit Trümmern und wie mit einem schweren Netzwerk aus Tauen.

Die entsetzten Neger flüchteten mit Angstgebrüll die Treppenluken hinab unter Deck; aber da der Wind keinen Widerstand mehr fand, richtete sich das Schiff wieder auf und überließ sich sacht hin und her schaukelnd den Fluten Da kletterten die Beherztesten wieder hinauf aufs Deck und räumten die Trümmer weg, die es kreuz und quer versperrten. Tamango stand da, rührte und regte sich nicht hatte den Ellbogen auf das Kompaßhäuschen gestützt und verbarg das Gesicht hinterm Arm. Aysché war bei ihm wagte aber nicht, ihn anzusprechen. Nach und nach kamen die Schwarzen näher; ein Gemurr erhob sich, das bald zu einem Sturm von Vorwürfen und Verwünschungen an- schwoll.

»Du Schwindler! Leutebetrüger!« schrien sie. »Du, du bis) schuld an unserm ganzen Elend, du hast uns an die Weißen verschachert, du hast uns zur Meuterei verführt! Du prahltest vor uns mit deiner Kunst, du versprachst, uns in die Heimat zurückzuführen. Wir glaubten dir‘s, wir Wahnsinnigen! Und jetzt hat nicht viel gefehlt und wir wären allesamt in den Abgrund gefahren, weil du den Großen Fetisch der Weißen beleidigt hast!«

Tamango reckte nur stolz seinen Kopf wieder hoch empor, f und die Schwarzen, die ihn umringten, wichen eingeschüchtert zurück. Er packte zwei Flinten, winkte seinem Weibe, ihm zu folgen, schritt mitten durch die Menge, die sich vor ihm öffnete, und erstieg die Vorderschanze des Schiffes. Dort schichtete er aus leeren Fässern und Planken eine Art Wall auf; dann ließ er sich in dieser Verschanzung nieder, aus der die Bajonette seiner beiden Schießeisen drohend hervorragten. Man ließ ihn in Ruhe. Unter den Aufrührern fingen die einen an loszuflennen; andere hoben die Arme gen Himmel und beschworen ihre Fetische und die Großen Geister der Weißen; dort warfen sich welche auf die Knie vor die Bussole nieder, deren unaufhörliches Erzittern sie anstaunten, und flehten sie an, sie möge sie in ihr Land zurückbringen; da streckten sich welche in dumpfer Niedergeschlagenheit auf die Planken lang hin. Mitten unter diesen vielen Hoffnungslosen stelle man sich noch all die angstvoll schreienden Kinder und heulenden Weiber vor und einige zwanzig Verwundete dazu, die jämmerlich um Hilfe wimmerten, ohne daß jemand auch nur daran dachte, ihnen welche zu bringen.

Plötzlich taucht aus der Versenkung ein Neger auf dem Oberdeck auf: sein Gesicht strahlt über und über. Er verkündet, eben habe er den Ort entdeckt, wo die Weißen ihr Feuerwasser verstaut haben; seine Heiterkeit und seine Haltung sind ein hinreichender Beweis dafür, daß er schon eine gehörige Kostprobe davon genossen hat. Diese Nachricht läßt für eine Weile das Geschrei der Unglückswesen verstummen. Sie rennen zur Kombüse und lassen sich die Gurgel mit Schnaps vollaufen. Eine Stunde später hätte man sie sehen sollen, wie sie auf dem ganzen Verdeck durcheinander hopsten und johlten und sich allen Ausbrüchen wildester Trunkenheit überließen. Ihr Getanze und Gegröle wurde vom Jammern und Stöhnen der Verletzten begleitet. So verfloß der Rest des Tages und die ganze Nacht.

Des Morgens beim Aufwachen neue Verzweiflung. Eine erhebliche Anzahl unter den Verwundeten hatte die Nacht nicht überlebt. Das Schiff trieb, von Leichen umgeben, dahin. Die See ging hoch, und der Himmel war dick mit Nebel verhüllt. Man hielt Rat. Etliche Zauberlehrlinge und Untermagier, die vor Tamango von ihrem Können nicht zu sprechen gewagt hatten, boten abwechselnd ihre Dienste an. Man versuchte es mit mehreren gewaltigen Beschwörungen. Mit jedem mißglückten Versuch nahm die Niedergeschlagenheit zu. Zu guter Letzt erinnerte man sich wieder an Tamango, der aus seiner Verschanzung noch immer nicht hervorgekommen war. Schließlich war er doch von ihnen allen der Klügste, und er allein konnte sie aus der schrecklichen Lage herausholen, in die er sie gebracht hatte. Einer von den ältesten Männern wagte sich zu ihm hin und überbrachte die Friedensangebote. Er bat ihn, zu kommen und ihnen mit seinem Rate beizustehen, aber Tamango blieb, unerschütterlich wie Coriolan, aIlem Flehen gegenüber taub. Mitten in dem tollen Durcheinander der vergangenen Nacht hatte er sich mit Zwieback und gesalzenem Fleisch hinreichend eingedeckt. Eb sah aus, als sei er entschlossen, an seinem Zufluchtsorte für sich durchzuhalten. Noch war Schnaps da. Zum mindesten läßt er das Meer und die Sklaverei und den nahenden Tod vergessen. Man sinkt in Schlaf, man sieht Afrika im Traum wieder, seine mächtigen Wälder von Gummibäumen, Strohhütten, Affenbrotbäumen, deren Schatten ein ganzes Dorf überdacht. Der wüste Taumel vom vorigen Tage hub von neuem an. So verflossen mehrere weitere. Brüllen, plärren, sich die Haare raufen, dann sich vollsaufen und in dumpfell Schlaf fallen: das war ihr Leben. Mancher wachte auf seinem unmäßigen Rausche nicht mehr auf; einige stürzten sich ins Meer; andere erdolchten sich. Eines Morgens kam Tamango aus seiner Festung heraus und schritt bis zum Stumpfe des Hauptmastes vor. »Sklaven«, erhob er die Stimme, »der Große Geist ist mir im Traume erschienen und hat mir das Ding gezeigt, womit ich euch von hier weg und in die Heimat zurückschaffen kann. Euer Undank verdiente zwar, daß ich euch hier sitzenließe; aber ich erbarme mich über diese Weiber und diese schreienden Kinder da. Euch sei verziehen: jetzt hört auf mich!«

Alle Schwarzen senkten ergebungsvoll ihren Schädel und drängten sich um ihn. »Die Weißen«, führ Tamango fort, »kennen die mächtigen Worte, mit denen sie diese großen hölzernen Häuser bewegen; wir aber, wir können, ganz wie und wohin wir wollen, die leichten Barken da steuern, die unseren Einbäumen ähneln.«

Er zeigte auf die Schaluppe und auf die anderen Boote der Brigg.

»Essen und Trinken wollen wir da hineintun, soviel hineingeht, und dann hineinsteigen und mit dem Winde rudern; unser Großer Geist wird ihn nach der Heimat hinwehen lassen.«

Man glaubte ihm. Wahnwitziger konnte kein Vorhaben sein. Ohne Kenntnis im Gebrauch der Bussole und unter einem wildfremden Himmelsstrich brachte er es damit bestenfalls zu einem Umherirren aufs Geratewohl. Seinen Vorstellungen nach mußte er – so bildete er sich ein – wenn er immer geradeaus ruderte, schließlich ein von den Schwarzen bewohntes Land erreichen; denn den Schwarzen gehört die Erde, und die Weißen leben auf ihren Schiffen. Das hatte er seine Mutter immer erzählen hören.

Bald war alles seefertig und klar zum Einschiffen; aber lediglich die Schaluppe und ein Boot erwiesen sich als benutzbar. An Platz war das zu wenig, um achtzig noch lebende Neger darin zu verstauen. Die Verwundeten und Kranken mußten mithin zurückbleiben. Die meisten verlangten, man solle, ehe abgerudert werde, sie umbringen. Die beiden Einschiffungsboote, die unter unendlichen Anstrengungen flottgemacht und überlastet waren, stießen vom Schiff bei gewaltiger Sturzsee ab, die sie jeden Augenblick zu verschlingen drohte. Das Beiboot ruderte als erstes davon. Tamango hatte mit Aysché in der Schaluppe Platz genommen, die, um vieles schwerer und stärker belastet, ein beträchtliches Stück hinterher blieb. Noch hörte man das Jammergeschrei einiger an Bord der Brigg zurückgelassener Unglückswesen, als eine mächtige Welle die Schaluppe von der Seite erfaßte und voll Wasser schwemmte. Noch in derselben Minute sackte sie ab. Vom Boot aus sah man das Unheil, und seine Ruderer legten sich mit doppelter Kraft in die Riemen, aus Angst, ein paar von den im Meer Umhertreibenden aufnehmen zu müssen. Fast alle Insassen der Schaluppe ertranken. Nur ein Dutzend etwa konnte die Brigg wieder erreichen. Unter ihnen waren Tamango und Aysché. Als die Sonne sank, sahen sie das Boot am Horizonte verschwinden; was aus ihm geworden ist, weiß niemand.

Was soll ich den Leser mit der widerlichen Beschreibung der Hungerqualen ermüden? Etliche zwanzig Menschen auf engem Raum – heut der Spielball tobender See, morgen das Opfer sengender Sonne – streiten und reißen sich Tag für Tag um ihre spärlichen Nahrungsreste. Jedes Stückchen Zwieback kostet einen erbitterten Kampf, und der Schwache kommt um, nicht weil der Starke ihn umbringt, sondern weil er ihn umkommen läßt. Nach wenigen Tagen war kein lebendes Wesen mehr an Bord der Brigg »Hoffnung« – außer Tamango und Aysché …

Eines Nachts – die See ging hoch, der Wind blies mächtig – war die Dunkelheit so groß, daß man vom Heck nicht bis zum Bug auf dem Schiff sehen konnte. Aysché lag in der Kajüte des Kapitäns auf einer Matte, und Tamango saß ihr zu Füßen. Beide waren seit langem verstummt.

»Tamango«, rief nach einer Weile Aysché in die Stille hinein, »alles, was du durchmachst, mußt du um meinetwillen durchmachen …«

»Ich mache nichts durch«, bedeutete er ihr schroff. Und er warf ihr die eine Hälfte seines letzten Zwiebacks auf die Matte hin.

»Behalt es für dich!« sagte sie und schob ihm sanft den Zwieback wieder zu. »Ich hab‘ keinen Hunger mehr. Wozu auch dies noch wegessen? Ist‘s nicht mit mir doch gleich soweit?«

Tamango erhob sich wortlos, schwankte aufs Oberdeck hinauf und ließ sich an einem der geborstenen Mäste nieder. Den Kopf hatte er auf die Brust gesenkt und pfiff den Sang seines Stammes vor sich hin. Mit einem Male schlug aus dem Getöse des Sturmes und des Meeres ein lauter Schrei an sein Ohr; ein Licht blitzte auf. Er hörte noch andere Rufe, und ein mächtiges schwarzes Schiff glitt mit großer Schnelligkeit an seinem vorbei, so nahe, daß die Rahen über seinen Kopf hinstreiften. Er sah nur zwei Gestalten, die von einer am Mäste über ihnen hängenden Laterne beleuchtet waren. Diese Leute schrien noch irgend etwas, und im selben Augenblick verschwand auch schon ihr Schiff, vom Winde entführt, in der Finsternis. Ohne Zweifel hatten die Männer am Ausguck das Wrack gesichtet; aber das stürmische Wetter ließ das Beidrehen nicht zu. Im nächsten Augenblicke sah Tamango die Flamme einer Kanone und hörte den krachenden Knall; dann sah er das Feuer einer zweiten, hörte aber nichts; und dann sah er auch nichts mehr. Am ändern Morgen war nichts von einem Segel zu erblicken am Horizont. Tamango legte sich wieder auf seine Matte nieder und schloß die Augen. Sein Weib Aysché war in dieser Nacht gestorben.

Einige Zeit später – ich weiß nicht wie lange danach – sichtete eine englische Fregatte, die »Bellona«, ein Seefahrzeug mit gekappten Masten, das allem Anschein nach von seiner Besatzung verlassen war. Eine Schaluppe wurde hinübergeschickt, und man fand auf dem Wrack eine tote Negerin und einen Neger, der so ausgemergelt und so abgemagert war, daß er wie eine Mumie aussah. Er war bewußtlos, hatte aber noch einen Hauch Leben in sich. Der Schiffsarzt nahm ihn in Empfang, ließ ihm die nötige Pflege und Behandlung angedeihen, und als die »Bellona« in Kingston einlief, war Tamango wieder vollkommen auf der Höhe. Man fragte ihn aus nach der ganzen Geschichte. Er erzählte, was er wußte. Die Pflanzer auf der Insel waren dafür, ein meuternder Nigger wie der da sollte aufgeknüpft werden; aber der Gouverneur, der ein Menschenfreund war, nahm sich seiner an; denn er fand, der Fall sei entschuldbar, weil der Mann schließlich doch nur von seinem natürlichen Recht der Notwehr Gebrauch gemacht hätte; und dann waren seine Opfer ja auch nur Franzosen gewesen. Man behandelte ihn mithin, wie man Neger behandelt, die man an Bord beschlagnahmter Sklavenschiffe aufgreift. Man gab ihm die Freiheit, das heißt, man ließ ihn für die Regierung arbeiten; dafür bekam er immerhin seine sechs Sous täglich, außer der Verpflegung. Er war ein höchst ansehnlicher Bursche. Der Oberst der Fünfundsiebziger bekam ihn zu Gesicht, nahm ihn mit und machte aus ihm den Beckenschläger in seiner Regimentskapelle. Er lernte etwas Englisch; aber er redete kaum ein Wort. Dafür trank er mordsmäßig viel Rum und Tafia. – Er ist im Lazarett an einer Lungenentzündung gestorben.

*Spitzname, den sich die Sklavenhändler selber zulegen.

**Jeder Stammeshäuptling hat seinen eigenen.

 

 

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