Kulturgeschichtliche Charakterköpfe – Ein vormärzlicher Redakteur.

I. Ich führe den Leser auf das Redaktionsbureau einer deutschen Zeitung in jener vormärzlichen Zeit, wo man bereits die kommende Märzluft witterte, in den Jahren 1845 bis 1847. In Frankfurt a. M. erschienen damals zwei größere politische Blätter, das Frankfurter Journal und die Oberpostamts-Zeitung. Sie sahen sich beide nach Art und Anlage sehr ähnlich, nur daß das »Journal« für etwas liberaler galt – soweit man damals in Frankfurt liberal sein durfte –, und die Oberpostamts-Zeitung für etwas konservativer – soweit es damals in Frankfurt erlaubt war, konservativ zu sein. Als drittes, neutrales politisches Blatt erschien auch noch ein französisches »Journal de Francfort« in der deutschen Mainstadt. Sein Anblick versetzte lebhaft in die napoleonische Zeit zurück, wo . . . weiter lesen

1. Gestatten Lünch – Bodo Lünch

Mal angenommen, Sie haben einen finanziellen Engpass. Im Prinzip kann das jedem passieren. Die Banken wittern Aasgeruch und drehen Ihnen den Hahn ab. Andere Kreditgeber sind weit und breit nicht in Sicht. Aber es gibt ja noch die privaten Geldverleiher, die laufend knallige Anzeigen in den Zeitungen haben von wegen Schnell-Kredite ganz ohne Sicherheiten und lästige Formalitäten bei sofortiger Barauszahlung. Klingt alles prima. Also greifen Sie zu und haben ruck, zuck wieder Bares auf der blanken Kralle, und die Banken können Ihnen in die Tasche steigen. -- Denken Sie. Doch die Geschäftsbedingungen sind nicht von Pappe und die Zinsen horrend, und es wäre schon ein verdammtes Wunder, wenn Sie mit den Raten nicht ins Stottern kämen. Sind Sie ein Wunderkind? Nein? Gut, dann werden Sie . . . weiter lesen

2. Wie geschmiert

Die Welt ist voller Kanaillen, es gibt viel zu viele davon. Trotzdem musste ich mir ganz schön das Gehirn zermartern, bis mir Kaplan einfiel. Richard Kaplan -- der größte Beschiss seit Bernie Cornfeld. Besondere Merkmale: dreht den Leuten für viel Geld faule Ölinvestments an. Mal abgesehen von der reichlich ausgeleierten Masche hatte ich nichts gegen seine Art, Geld zu verdienen. Wenn es immer noch Trottel gab, die nicht mitgekriegt hatten, dass das große Ölgeschäft seit mindestens fünfzig Jahren gelaufen ist, warum sollte man sie nicht dafür bezahlen lassen? Es war schon immer etwas teurer dämlich zu sein. Was mir allerdings weniger gefiel, war, dass er mir immer wieder durch die Lappen ging. Jedes mal wenn ich in seinem Büro aufkreuzte, hielt mich sein Vorzimmerdrachen auf, . . . weiter lesen

3. Schwierige Patienten

Gegen Mittag saß ich an einem Fenstertisch in einer schäbigen, verdreckten Kneipe im Hafengebiet. Die Fenster waren groß und schmutzig und die alte, abblätternde Farbe war schwarz von Fliegendreck. In der Luft hing zäh und schwer ein nebliges Gemisch aus abgestandenem Tabakrauch und Dünsten von ranzigem Fett. Und überall, wo man hinlangte, klebten einem die Finger fest. Nach meinem Geschmack war diese Spelunke zwar nicht gerade, aber ich hatte es mir nicht aussuchen können; ich war geschäftlich hier. Vor mir hatte ich eine Tasse Kaffee -- und Anton Schiebe, ein gewieftes Kerlchen mit einem verstockten, abgefeimten Mausgesicht. Er steckte in einer verschossenen blauen Arbeitshose mit Latz und beobachtete mich mit schmalen Augen. Manche Leute machen Geld wie Heu, er machte Schulden . . . weiter lesen

4. Unser Oma ihr klein Häuschen . . .

Zehn Minuten später lag ich auf der Autobahn und dröhnte den Lahmärschen auf der Überholspur mit meiner Zweiklangkompressorfanfare die Ohren voll und bestrahlte sie mit der Lichthupe. Ich war unterwegs zu Apollonia Erbslöh, einem alten Weibchen vom Lande, das sich bei Raff vor fünf Monaten runde fünfzehn Mille für ein neues Dach gepumpt und schon verdammt lange nichts mehr von sich hören lassen hatte. An der dritten Ausfahrt fuhr ich raus, tobte mich noch ein bisschen auf einer leeren schattigen Landstraße aus und war bald dort, wo ich hin wollte, in einem verschlafenen Kaff von Landstädtchen, in dem absolut nicht los war, außer dass da irgendwo fünfzehn Riesen von Raff versickert waren. Ich stoppte in einer breiten Vorstadtstraße mit weit verstreuten Häusern und zementierten . . . weiter lesen

5. Gerüchterstattung

Der nächste Vormittag war wie geschaffen, um meine Stimmung auf den absoluten Nullpunkt zu bringen. Jeden, der mir an diesem Tag in die Quere kommen würde, konnte ich nur bedauern. Zunächst mal hatte ich einen Zahnarzttermin, und danach musste ich zum Gericht. Eine sechszehnjährige Göre war mit ihrem Handyvertrag unter Wasser geraten, und um ihre Telefongesellschaft milde zu stimmen und weiter telefonieren zu können, hatte sie sich bei Raff das nötige Bare besorgt, natürlich mal wieder ohne auch nur einen Gedanken an Zins und Tilgung zu verschwenden. Die übliche Tour hatte in diesem Fall nicht gezogen, ihr Alter, Oberstudienrat (ständig aufgeamselt um seine Rechte besorgt und höchstwahrscheinlich Grünen-Wähler -- die Sorte kennt man ja), hatte sich rundweg geweigert, für ihre . . . weiter lesen

6. Zahltag

Am nächsten Morgen gab es einen Riesenkrach im Büro. Raff knallte mir einen Packen Zeitungen hin und fragte erbost: «Und was ist das?!» Schlagzeilen sprangen mir entgegen wie: "Kreditvermittler nimmt Wucherzinsen von Kindern" oder: "Abgezockt -- Kreditfirma auf Kinder spezialisiert" oder: "Jugendliche im Würgegriff von Kredihaien" und so weiter und so weiter. In einem Artikel stand zu lesen: 'Trotz eindringlicher Ermahnungen durch die Richterin erklärte der Vertreter der Kreditfirma nach der Verhandlung, dass die Firma keinerlei Anlass sähe, von ihrer bisherigen Kreditvergabepraxis abzugehen...' -- Hmhm, meine nette kleine Pressekampagne schien leider ein bisschen in die Hosen gegangen zu sein. «Wer zum Teufel hat das Pressegesocks zu dem Prozess hinbestellt?» tobte Raff. Das . . . weiter lesen

7. Wochenend und Sonnenschein

Aber es kam mal wieder anders, als man denkt. Es fing gleich am Samstagmorgen an, ich war noch nicht richtig wach, da läutete es an meiner Tür Sturm. Leger in Jeans und weißen T-Shirt tappte ich zur Tür und öffnete. Vor mir standen zwei Figuren, der eine gedrungen, ein wenig zur Fettleibigkeit neigend, der andere etwas größer und auch nicht gerade ein Leichtgewicht, aber mehr aus Muskeln als aus Fett bestehend. «Gehört Ihnen die rote Corvette da unten im Hof?» «Wer will das wissen?» «Sie gehört ihm,» vertraute der Kleine seinem Kumpel verschwörerisch an, und an mich gewandt fragte er: «Na, erkennen uns der Herr denn nicht wieder?» Ich blickte zwischen den beiden hin und her. «Nein, wer seid ihr denn?» «Sieh mal einer an, 'n richtiger Komiker,» stellte . . . weiter lesen

8. Du bist nicht mein Freund

«Wohin kann ich dich bringen?» fragte ich, als wir wieder am Boden waren und das Gepäckband hinter uns hatten. «Ich werde die S-Bahn nehmen,» sagte sie. « Ich will noch in die Redaktion. Das geht schneller.» Wir sahen uns lange an, und in ihren Augen las ich die Frage: Gibt es einen Platz für mich in deinem Leben? Eine seltsame Mischung aus Abschiedsschmerz und Neuanfang stand zwischen uns. Sie berührte leicht meinen Arm und sagte: «Es war schön mit dir, Bodo. Sehr schön.» Dann wandte sie sich ab und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, ihr Köfferchen tragend zu den Rolltreppen ins Tiefgeschoss. Ich blickte ihr nach, bis sie im Boden versunken war. Was ist Zukunft? Wie üblich irrte ich wieder eine Weile im Parkhaus umher, bis ich meinen Wagen gefunden hatte. Dann donnerte . . . weiter lesen

9. Recht und Ordnung

Der nächste Morgen war grau und feucht. Die Luft klebte einem fast auf der Haut. Um neun war ich bei Piependonk im Büro. Er schlürfte Kaffee und büffelte in seinem Lexikon wertvolles Allgemeinwissen. Als ich mich gesetzt hatte, klappte er das dicke Buch zu und sah mich eine Weile an. Dann schob er mir einen Zettel über den Tisch und sagte: «Zwei von diesen Brüdern hab ich noch aufgetrieben. Einen in Hanau, einen in Offenbach. Das Nähere steht hier drauf.» Ich steckte den Zettel ein und sah ihn auch eine Weile an und sagte: «Na prima.» Er zog die Liste zu sich heran, die ich ihm gestern in den Briefschlitz geworfen hatte, und studierte sie. «Das ist ein Haufen Arbeit.» «Findest du?» «Mindestens drei Wochen.» «Übertreib mal nicht.» «Du brauchst sie . . . weiter lesen

10. Stoßtrupp Gold

Nach Bukarest fliegt man runde zweieinhalb Stunden. Im Flieger saß eine ziemlich bunte Mischung aus allgegenwärtigen Businessmen, geschäftigen Trägern irgendwelcher Funktionen und recht verwegenen Figuren, die aussahen, als kehrten sie an die Lagerfeuer ihrer Zigeunerstämme zurück. Es regnete in Bukarest. Als Taxi in die Stadt hatte ich ein klapprigen Lada mit einem Budda von Fahrer, der das Lenkrad von unten fasste und einen sehr orientalisch-entspannten Eindruck machte. Ich fragte ihn nach einem guten Hotel. Das ist natürlich der Touristenfehler Nummer eins. Kein Taxifahrer wird einen zu einem guten Hotel bringen, sondern immer nur zu einem, bei dem er Provisionen kassiert. Aber ich hatte keine Zeit zu verlieren und außerdem nicht vor, für länger . . . weiter lesen