In London.

Gegen Mitte Juni kam ich in London an. Kinkel hatte bereits in einem Hause auf St. Johns Wood Terrace, nahe bei seiner Wohnung, Zimmer für mich gefunden, die ich um ein Billiges mieten konnte, und er wies mir auch Unterrichtsstunden in der deutschen Sprache und in der Musik zu, deren Ertrag für meine bescheidenen Bedürfnisse mehr als hinreichte. Das bekannte Paradoxon, daß man in London mehr für einen Schilling und weniger für ein Pfund hat als anderswo, das heißt, daß man bei bescheidenen Ansprüchen sehr billig und verhältnismäßig gut leben kann, während das Leben in größerem Stil außerordentlich kostspielig ist, – war damals wohlbegründet und ist es unzweifelhaft auch jetzt noch. Ich würde meine Unterrichtspraxis viel weiter haben ausdehnen können, wenn ich Englisch . . . weiter lesen

In Paris.

Die Kinkels beschlossen, sich in England niederzulassen. Nach einigen Tagen höchst glücklichen Zusammenseins mit ihrem Gatten kehrte Frau Johanna von Paris nach Bonn zurück, um so schnell wie möglich die Vorbereitungen für die Übersiedelung der Familie zu treffen. Kinkel beschäftigte sich noch eine Weile mit dem Studium der wichtigsten Architekturen, Gemäldegalerien und sonstigen Kunstsammlungen in Paris und reiste dann nach London ab. Ich zog vor, noch einige Zeit in Paris zu bleiben, teils weil ich hoffte, dort meine geschichtlichen Lieblingsstudien am besten fortsetzen zu können, teils auch, weil damals noch Paris als der Herd liberaler Bewegungen auf dem europäischen Kontinent galt, und ich glaubte, da, wo die Schicksale der Welt geschmiedet . . . weiter lesen

Die Flucht.

In scharfem Trabe ging es durch die Nacht dahin. Noch höre ich den kräftigen Ruf, „Boom op!“, den Hensel erschallen ließ, so oft wir eine Chausseezollstätte mit Schlagbaum erreichten. Durch Oranienburg, Teschendorf, Löwenberg flogen wir ohne Aufenthalt. Aber als wir uns dem Städtchen Gransee, acht deutsche Meilen von Spandau, näherten, wurde es nur zu offenbar, daß unsere guten Braunen bald zusammenbrechen würden, wenn wir ihnen nicht kurze Rast und Erfrischung gönnten. So wurde denn an einem Wirtshause bei Gransee eine halbe Stunde gehalten und gefüttert. Dann weiter. Als das Tageslicht heraufstieg, konnte ich mir Kinkel zum erstenmal genauer anschauen. Wie hatte er sich verändert, den ich noch vor wenig mehr als einem . . . weiter lesen

Kaukasische Reisen

Während der Periode meiner politischen Thätigkeit blieb ich eifrig bemüht, das von mir ins Leben gerufene große Geschäft weiter zu entwickeln. Es war inzwischen ein Wechsel in der Leitung der preußischen Staatstelegraphen eingetreten, der mich und meine Firma wieder in nähere Verbindung mit derselben gebracht hatte. An Stelle des Regierungsrathes Nottebohm, der mir nicht verzeihen konnte, daß ich den gänzlichen Fehlschlag des preußischen Systems der unterirdischen Leitungen in meiner oben genannten Brochüre auf seine wirkliche Ursache, die mangelhafte Organisation der technischen Verwaltung, zurückgeführt hatte, war ein höchst intelligenter Ingenieurofficier, der Oberst von Chauvin, zum Direktor der preußischen Staatstelegraphen . . . weiter lesen

Kinkels Befreiung.

Sogleich nach meiner Ankunft in Berlin setzte ich mich mit mehreren Personen in Verbindung, die mir teils von Frau Kinkel, teils von demokratischen Gesinnungsgenossen als zuverlässig bezeichnet worden waren. Ich brachte einige Zeit damit zu, sie möglichst sorgfältig zu studieren, da ich den wahren Zweck meiner Anwesenheit in Berlin niemandem anvertrauen wollte, von dem ich nicht überzeugt sein durfte, daß er zur Erreichung dieses Zweckes wesentlich helfen werde. Nach dieser Umschau teilte ich nur einem mein Geheimnis mit, dem Doktor Falkenthal, einem Arzt, der in der Vorstadt Moabit wohnte, dort einen Junggesellenhaushalt führte, und der mir seinem Charakter und seinen Umständen nach am geeignetsten schien, an dem beabsichtigten Wagestück teilzunehmen. . . . weiter lesen

Auf dem Wege zu Kinkels Befreiung.

Es ist später erzählt worden, ich habe damals Deutschland in einer mich unkenntlich machenden Verkleidung durchreist. Dies war keineswegs der Fall. Ich suchte und fand meine Sicherheit darin, daß ich in der Gestalt erschien, die mir natürlich war, und daß ich mich in Gesellschaft anderer Menschen möglichst unbefangen bewegen konnte. Freilich zeigte ich mich nicht mehr als nötig war, und vermied es, die Aufmerksamkeit anderer auf mich zu ziehen. So durchfuhr ich von Basel aus das Großherzogtum Baden an Rastatt vorbei, dessen Schloßturm, auf dem ich so manche Stunde verbracht, ich von dem Fenster meines Eisenbahnwagens sehen konnte. Meine erste Reisestation war Frankfurt, wo mehrere der von dem Vorstand unseres Klubs in Zürich bezeichneten . . . weiter lesen

Als Flüchtling in der Schweiz.

Von Selz nach Straßburg wanderten wir zu Fuß. Es war ein herrlicher Sommersonntag. Eine Zeitlang konnten wir von unserer Straße aus die Türme von Rastatt in der Ferne sehen. Der Anblick des großen Gefängnisses, dem wir entkommen, würde das Vollgefühl unserer Freiheit zu lustigem Übermut entfesselt haben, hätte uns nicht der Gedanke an die unglücklichen Freunde gedrückt, die dort, eines dunklen Schicksals harrend, in der Gewalt ihrer Feinde saßen. Da wir noch unsere Uniformen trugen – andere Kleider hatten wir nicht –, so wurden wir in den elsässischen Dörfern, durch die uns unsere Straße führte, sofort als flüchtige deutsche Revolutionssoldaten erkannt und nicht selten von den Dorfleuten angehalten, . . . weiter lesen

Wissenschaft und Politik

Ich wende mich jetzt dazu, die schon früher bis zum Jahre 1850 geführte kurze Uebersicht meiner wissenschaftlichen und technischen Arbeiten fortzusetzen. In den Jahren 1850 bis 1856 war ich mit Halske eifrig bemüht, die telegraphischen Apparate und elektrischen Hülfs- und Meßinstrumente für wissenschaftliche und technische Zwecke zu verbessern. Es war ein noch ziemlich unbebautes Feld, das wir bearbeiteten, und unsere Thätigkeit daher recht fruchtbar. Unsere Constructionen, die namentlich durch die Weltausstellungen in London und Paris schnell verbreitet wurden, haben fast überall die Grundlage der späteren Einrichtungen gebildet. Wie schon bemerkt, wurden nur wenige dieser Neuerungen patentirt, die Mehrzahl derselben wurde auch entweder gar nicht . . . weiter lesen

Die Sorgen mit den Unterseekabeln

Die erfolgreiche Anwendung der mit Guttapercha umpreßten Kupferdrähte zu unterirdischen Leitungen legte es nahe, dieselben auch zu unterseeischen Telegraphenleitungen zu benutzen. Daß Seewasser keinen nachtheiligen Einfluß auf die Guttapercha ausübte, hatten die bei den Minenanlagen im Kieler Hafen benutzten isolirten Leitungen bewiesen, die nach Verlauf von zwei Jahren noch ganz unverändert waren. Den ersten Versuch einer Verbindung zweier Meeresküsten durch Guttaperchaleitungen machte schon im Jahre 1850 Mr. Brett, der sich eine Concession für eine submarine Telegraphenverbindung zwischen Dover und Calais hatte ertheilen lassen. Die von ihm gelegte, unbeschützte Leitung hielt, wie zu erwarten war, nicht viel länger als die Zeit der Legung, . . . weiter lesen

Abenteuer Telegraphie

Dort waren inzwischen große Veränderungen eingetreten. Die militärische Commission für die Einführung der elektrischen Telegraphen war auch formell aufgelöst und die Telegraphie dem neugeschaffenen Handelsministerium unterstellt. Zum Leiter dieser Abtheilung war ein Regierungsassessor Nottebohm ernannt, der bereits in der Telegraphencommission einen Verwaltungsposten bekleidet hatte. Es war der Entschluß gefaßt, auf dem von der Commission betretenen Wege fortzuschreiten und zunächst in aller Eile eine unterirdische Leitung von Berlin nach Frankfurt a. M., wo die deutsche Nationalversammlung tagte, erbauen zu lassen. In Folge dessen gelangte an mich die Anfrage, ob ich geneigt sei, den Bau dieser Linie nach den von mir der Commission gemachten Vorschlägen . . . weiter lesen

Der Pfälzisch-badische Aufstand.

In Mainz angekommen, erfuhr ich von einem Mitgliede des dortigen demokratischen Vereins, daß Kinkel bereits durch die Stadt passiert sei, um nach der Pfalz zu gehen; der Mainzer Volksführer Zitz, der ein rhein-hessisches Korps organisiert habe, um den Pfälzern zu Hilfe zu ziehen und augenblicklich in Kirchheimbolanden stehe, könne mir wahrscheinlich näheres sagen. So machte ich mich denn zu Fuß nach Kirchheimbolanden auf den Weg, mein Gepäck in einem Tornister auf dem Rücken tragend. In der kleinen Stadt Kirchheimbolanden fand ich Zitz, einen hochgewachsenen stattlichen Mann, inmitten seiner, wie es schien, wohlausgerüsteten und auch einigermaßen disziplinierten Freischar. Das Lager machte keinen üblen Eindruck. (Zitz wurde wenige Jahre später in New York bekannt als Mitglied der . . . weiter lesen

Das Jahr der Revolution.

Eines Morgens gegen Ende Februar 1848 – wenn ich mich recht erinnere, war es ein Sonntagmorgen – saß ich ruhig in meinem Dachzimmer, am Ulrich von Hutten arbeitend, als plötzlich einer meiner Freunde fast atemlos zu mir hereinstürzte und rief: „Da sitzest Du! Weißt Du es denn noch nicht?“ „Nun, was denn?“ „Die Franzosen haben den Louis Philipp fortgejagt und die Republik proklamiert!“ Ich warf die Feder hin – und der Ulrich von Hutten ist seitdem nie wieder berührt worden. Wir sprangen die Treppe hinunter, auf die Straße. Wohin nun? Nach dem Marktplatz. Dort pflegten die Mitglieder der Korps und der Burschenschaften jeden Tag unmittelbar nach dem Mittagessen zusammenzukommen, jede Gesellschaft an ihrer bestimmten Stelle, um zu verabreden, . . . weiter lesen

Der Student.

Obgleich ich noch nicht regelrechter Student war, so wurde mir doch von einem Kreise vortrefflicher junger Leute, der Burschenschaft Frankonia, eine wohltuend warme Begrüßung. Dies verdankte ich meinen Kölner Freunden Theodor Petrasch und Ludwig von Weise, die vor mir die Universität bezogen, sich dieser Burschenschaft angeschlossen und ihren Verbindungsgenossen allerlei übertriebene Dinge von mir erzählt hatten. Nun war ich zu jener Zeit ein über die Maßen schüchterner Jüngling, so schüchtern in der Tat, daß ich mich nur bei meiner Familie und meinen intimen Freunden mit Behagen gehen ließ, während die Begegnung mit fremden Menschen mich gewöhnlich stumm machte, wenn nicht gar außer Fassung setzte. Meine Verlegenheit . . . weiter lesen

Auf dem Gymnasium in Köln.

Ich war zehn Jahre alt, als mein Vater mich nach Köln ins Gymnasium brachte. Es war das katholische, oder, wie es gewöhnlich genannt wurde, das Jesuitengymnasium, obgleich es mit dem Orden in keinerlei Verbindung stand. Köln hatte damals etwa 90 000 Einwohner und war in meiner Vorstellung eine der großen Städte der Welt. Schon früher hatte ich die Stadt einmal mit meinem Großvater besucht, und ich erinnere mich, wie er bei dieser Gelegenheit mir meine übergroße Höflichkeit verwies, da ich, der Dorfsitte gemäß, vor jeder erwachsenen Person, der wir auf den Straßen begegneten, zum Gruße meine Mütze abziehen wollte; denn, sagte er, es seien so viele Leute in Köln, daß man, wenn man sie alle grüßte, . . . weiter lesen

Heimat und Vorfahren. Erste Jugendjahre.

Vom deutschen Revolutionär zum US-Innenminister - Carl Schurz

Ich bin in einer Burg geboren. Dies bedeutet jedoch keineswegs, daß ich von einem adligen Geschlecht abgestammt sei. Mein Vater war zur Zeit meiner Geburt Schulmeister in Liblar, einem Dorfe von ungefähr 800 Einwohnern, auf der linken Rheinseite, drei Stunden Wegs von Köln gelegen. Sein Geburtsort war Duisdorf bei Bonn. In frühster Kindheit hatte er seine Eltern verloren und war der Sorge seines Großvaters anheimgefallen, der dem Bauernstande angehörte und auf einem kleinen Ackergütchen Getreide, Kartoffeln und ein wenig Wein zog. So wuchs mein Vater als ein eigentliches Bauernkind auf. Im Jahre seiner Geburt, 1797, befand sich das linke Rheinufer im Besitz der französischen Republik. Seine Jugendjahre fielen daher in die von den Rheinländern so genannte „französische Zeit“, . . . weiter lesen

Messen und Theater

Einen breiten Rahmen in dem Leben der Leipziger nahmen die Messen ein, deren es alljährlich drei; zu Neujahr, zu Ostern und zu Michaelis gab und — mit einiger Veränderung — mit Ausnahme der Neujahrs­messe noch gibt. War das damals ein Leben! In allen Straßen und auf allen Plätzen der inneren Stadt wur­den Verkaufsbuden aufgeschlagen und schon wochen­lang vorher Ballen auf Ballen, Kisten auf Kisten ab­geladen, um in den Verkaufsgewölben und den Buden an den Straßen oder in den Höfen aufgestapelt und entleert zu werden. Jede Branche hatte hierbei nach altem Herkommen ihr besonderes Quartier und ihre Firmen fand man dort und in der nächsten Nachbar­schaft unschwer in dem allgemeinen Gewirr heraus. Damals wurden noch ganze Warenlager nach Leipzig gebracht und der Fabrikant arbeitete . . . weiter lesen

1863

Das Jahr 1863 war für Leipzig ein außerordentlich ereignis­ reiches. Zunächst fand in diesem Jahre hier die Gründung der Sozialdemokratischen Partei statt. Es ist für viele vielleicht interessant, den Uranfang dieser Bewegung kennenzulernen. Im Leipziger Tage­blatt vom 2, Oktober 1862 erschien die folgende Annonce: An die Arbeiter Leipzigs! In Anbetracht der Lage des Vaterlandes im All­gemeinen und des Arbeiterstandes im Besonderen scheint es dringend geboten, daß die Arbeiter die Schlaffheit und Gleichgültigkeit beseitigen, welche sie bis jetzt gezeigt haben. Wir sollten uns viel­mehr mit Muth und ausdauernder Kraft an den Be­wegungen der Zeit betheiligen, um dadurch aller Welt die gereifte Entwickelung und somit Berech­tigung unseres Standes zu bekunden. Die Unter­zeichneten . . . weiter lesen

Zeitungen

An Zeitungen war in jener Zeit in Leipzig kein Mangel, ja ihre Zahl war größer wie jetzt, wo die Ein­wohnerschaft Leipzigs sich gegen damals um das Zehnfache vermehrt hat. Außer dem stark verbrei­teten, damals mehr dem Inseratenteile als redaktio­nellen Mitteilungen dienenden Leipziger Tageblatt gab es die vorzüglich redigierte von F. A. Brockhaus herausge­gegebene Deutsche Allgemeine Zeitung, die Leipziger Nachrichten, die Leipziger Zeitung, die Mitteldeutsche Volkszeitung (das Organ der Fort­schrittspartei), den Telegraph, das Leipziger Kreis­blatt (das ähnlich den preußi­ schen Kreisblättern vor­nehmlich zur Verbreitung behördlicher und offiziöser Mitteilungen benutzt wurde), den Dorfanzeiger, der später als Stadt- und Dorfanzeiger firmierte, und das zweimal täglich . . . weiter lesen

Leipzig vor 150 Jahren

Wenn man das Alter des Psalmisten bereits um etliche Jahre überschritten hat und man nun jeden Morgen seine Todesanzeige in der Zeitung zu lesen erwartet, mag der Wunsch begreiflich erscheinen, einen Rückblick zu halten auf seine Kindheit und Jugend, und auf die Umwelt, auf die sie gestellt waren. Welten scheinen das Einst von dem Jetzt zu trennen, so von Grund auf haben sich ja seitdem alle Verhältnisse geändert und interessant mag dem Jüngeren sein, was der Aeltere aus seiner Kindheit Tagen von dem Leben und Treiben auf den gleichen Straßen und Plätzen und deren damaligem Aussehen zu erzählen weiß, über die der Schritt des Jüngeren jetzt ebenso dahin schreitet wie einst und noch jetzt — auf wie lange noch? — der des Erzählers. Aber indem ich mich anschicke, mit meiner Schilderung . . . weiter lesen

Ein kurzer Krieg

Seit den Tagen des Turnfestes sangen wir Jungens keine Polenlieder mehr, denn das Interesse für die Polen hatte sich abgeschwächt, nachdem sie sich nicht als die heldenmütigen Kämpfer gezeigt hatten, die wir in ihnen voraussetzten. Dagegen wurde jetzt von uns und auch von der Bevölkerung bei jeder Ge­legenheit das "Schleswig-Holstein meerumschlungen" gesungen. Denn die schleswig-holsteinische Frage war wieder aufgerollt worden und rief das patrio­tische Empfinden jedes Deutschen hervor. In sei­nen letzten Monaten hatte König Friedrich VII. von Dänemark die Absicht betrieben, die staatsrechtliche Sonderstellung von Holstein und Lauenburg aufzu­heben und beide Provinzen in die Gesamtverfassung einzu­beziehen und somit fest an Dänemark zu glie­dern, wie dies vorher schon mit Schleswig . . . weiter lesen