Straßen-, Eisenbahn- und Posträuber in Nordamerika

Im Westen der Vereinigten Staaten, an den Grenzen der Civilisation, besonders in den Gegenden, wo durch den Bergbau edle Metalle zu Tage gefördert werden, haben sich seit Jahren Hunderte und Tausende von wilden, gesetzlosen Menschen zusammengefunden. Leute, welche mit der Justiz in Conflict gekommen sind, Abenteurer, Glücksjäger, Spieler von Profession, Männer, denen weder das Eigenthum noch das Leben anderer heilig ist, pflegen in großer Anzahl gerade in jene Districte zu gehen, weil dort die Verhältnisse noch ungeordnet sind und die Behörden geringe Autorität besitzen. Der Bürgerkrieg hat im Westen besonders stark gewüthet, das Land verwüstet und die Bevölkerung demoralisirt. Während des Krieges bildeten sich Banden von Guerrillas und Jayhawkers, welche umherzogen und ihre politischen Gegner beraubten und tödteten. Als Friede geschlossen war, verwandelten sich Guerrillas und Jayhawkers in gewöhnliche Räuber- und Mörderbanden. Unter selbstgewählten Führern brandschatzten sie die Städte und Dörfer, plünderten die Banken, überfielen die Eisenbahnzüge und verbreiteten allmählich eine Schreckensherrschaft, die fast schlimmere Zustände erzeugte als vorher der Bürgerkrieg.

Einzelne Bandenführer, insbesondere die Brüder Frank und Jesse James, haben eine gewisse Berühmtheit erlangt. Ihr Leben ist so eng verbunden mit dem Räuberwesen im Westen von Nordamerika, daß eine Darstellung desselben zugleich ein anschauliches Bild von den öffentlichen Zuständen des Landes gibt.

Frank und Jesse James sind die Söhne des Baptistenpredigers Robert James; der erstere wurde im Jahre 1841 in Kentucky, der letztere im Jahre 1845 in Missouri geboren. Ihr Vater war ein wissenschaftlich gebildeter Mann, dessen Predigten gern gehört wurden. Im Jahre 1849 trennte er sich von seiner Familie, wie seine Nachbarn, bei denen er noch immer in gutem Andenken steht, versichert haben, weil seine Frau ihm das Leben verbitterte. Er ging nach Californien und starb daselbst im Jahre 1851.

Die Mutter der beiden Brüder James, eine aus Kentucky stammende Frau von etwa 60 Jahren, bewohnte eine blühende Farm in der Nähe von Kearney, einer Station der Hannibal- und St.-Joseph-Eisenbahn in Missouri, Sie war eine kräftige, starkgebaute Amazone, sechs Fuß groß, kerngesund, klug und muthig. Ihre Gesichtszüge zeigen noch jetzt die Spuren großer Schönheit. An ihren Söhnen hängt sie mit der innigsten Liebe. Auch die grausamen und blutigen Gewaltthaten derselben haben sie darin nicht irregemacht, sie bewundert die Söhne als Helden; und man hat sie nicht ohne Grund mit einer Tigerin verglichen, die sich darüber freut, daß ihre Jungen Tiger sind.

Nachdem sie sechs Jahre lang Witwe gewesen war, verheirathete sie sich mit Dr. Reuben Samuels, einem achtbaren Manne, der während des Krieges auf der Seite der Südstaaten gestanden hatte, zum zweiten male.

Bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges lebten die Gebrüder James bei ihrer Mutter auf der bereits erwähnten Farm. Die Schule besuchten sie selten, sie lagen lieber auf den Pferden, streiften in den Wäldern und auf der Jagd herum und wurden ausgezeichnete Reiter und vortreffliche Schützen. Sie galten für junge Leute von gefälligen Manieren und guten Sitten, waren mäßig, allgemein beliebt, niemand konnte sie leichtfertiger oder gar schlimmer Streiche zeihen. Da brach der Krieg aus. Missouri war zwar ein Sklavenstaat, aber ein großer Theil der Bevölkerung verwarf die Sklaverei und hielt es mit dem Norden. Es entstanden bittere Feindschaften und schroffe Gegensätze. Die beiden Parteien geriethen hart aneinander, es kam zu offener Fehde, und gerade Missouri wurde der Schauplatz des grausamsten Bürgerkriegs. Jede Partei suchte die andere zu vernichten, man bekämpfte sich mit der größten Wuth und Rachgier. Der Krieg wurde geführt von kleinern und größern Banden, die blutdürstig und mordlustig das Land durchzogen. In dieser Schule wuchsen die Gebrüder James heran zu den verwegensten und gefürchtetsten Verbrechern des Westens.

Charles William Quantrell hatte eine Guerrillabande von etwa 300 Mann organisirt, die auf der Seite der südlichen Staaten focht. Frank James, damals 20 Jahre alt, meldete sich und wurde aufgenommen, dagegen wies man seinen erst 16jährigen Bruder Jesse als zu jung zurück und verwendete ihn nur zum Dienste eines Spions, Frank zeichnete sich aus durch Muth, Entschlossenheit und Kaltblütigkeit und gewann sehr schnell einen gewissen Einfluß. Die Bande hatte sich Elay und die benachbarten Counties zum Schauplatz ihrer Thaten auserkoren und verbreitete überall, wohin sie kam, großen Schrecken. Dr. Samuels, der Stiefvater der Brüder James, war, wie wir schon erwähnten, ein eingefleischter Secessionist, auch seine Frau sprach ihre Sympathien für die südliche Conföderation offen aus, und nun war auch der älteste Sohn mit den Waffen in der Hand zu den Südstaaten übergegangen. Dadurch hatte die Familie den Haß der Unionsleute auf sich gezogen, und die Unionsmiliz, welche in Kearney und Umgegend stationirt war, beschloß, sich zu rächen.

Im Frühling 1862 zogen Unionstruppen in hellen Haufen nach der Farm, ergriffen den Dr. Samuels und eröffneten ihm kurz und bündig, er solle gehängt werden. Ein Strick war zur Hand und Dr. Samuels wurde, ohne daß man ihm gestattete, sich zu rechtfertigen oder zu vertheidigen, an dem Ast eines nahe stehenden Baumes in die Höhe gezogen. In diesem Augenblicke eilte seine Frau herzu, sie durchbrach den Kreis der Mörder, schnitt den Gehängten ab und es gelang ihr, ihn in das Leben zurückzurufen. Voll Bewunderung ihrer Geistesgegenwart und ihres tapfern Sinnes ließ man sie gewähren und begnügte sich damit, ihren Sohn James durchzuprügeln und beim Abzug sie selbst und ihre Tochter mitzunehmen und einige Zeit im Gefängnisse von St.-Joseph einzusperren.

Der junge James begab sich vor Wuth schäumend zu der Freischar von Quantrell und wurde auf das Fürwort seines Bruders, obgleich er erst 17 Jahre alt war, diesmal angenommen.

Er hatte eine feste Hand, einen sichern, scharfen Blick, niemals fehlte seine Kugel, und reif über seine Jahre, übertraf er in kurzer Zeit fast alle seine Genossen an Klugheit und leider auch an Grausamkeit. Da ihn das Glück in auffallender Weise begünstigte und keine seiner Unternehmungen fehlschlug, stieg sein Ansehen immer höher, und es währte nicht lange, so wählte man ihn bei allen gefährlichen Expeditionen zum Anführer.

Die Gebrüder James fanden in Quantrell’s Bande Gesinnungsgenossen; die vier Brüder Younger, ein gewisser Jarette, George Shepherd, schlossen mit ihnen und vielen andern so gute Freundschaft, daß sie auch nach dem Kriege ihre Streifzüge gemeinschaftlich fortsetzten.

Frank und Jesse James waren dabei, als unter Quantrell’s Führung die Stadt Lawrence in Kansas überfallen, geplündert, angezündet und die männliche Einwohnerschaft fast ohne Ausnahme niedergemacht wurde. Jesse James rühmte sich, er habe bei dieser Gelegenheit 36 Menschen erschossen!

Noch entsetzlicher war das Massacre von Centralia, einer Station der Wabash-Eisenbahn in Missouri. Die beiden James, Bill Anderson und ihre Gefährten besetzten am 27. September 1864 den unglücklichen Ort und beraubten die Bewohner, dann hielten sie den vom Westen kommenden Eisenbahnzug an und nahmen den Passagieren das Geld und die Uhren ab. Im Zuge befanden sich 32 verwundete Unionssoldaten, die in das Hospital von St.-Louis übergeführt werden sollten.

Die Bandenführer befahlen diesen armen wehrlosen Menschen, auszusteigen und sich in einer Linie aufzustellen. Bill Anderson schoß einen nach dem andern nieder, während Frank und Jesse James ihm die geladenen Pistolen reichten! Kaum war die feige Schlächterei vorüber, da marschirte ein Trupp von Iowa-Freiwilligen heran – auch diese wurden das Opfer der nie fehlenden Kugeln der Guerrillas. In der kurzen Zeit von zwei Stunden waren 80 Unionssoldaten auf schändliche Weise ermordet worden!

Mit dem Ende des Krieges wurde der Bande der Boden in Missouri zu heiß. Jesse James begab sich mit George Shepherd nach Texas, Frank James folgte Quantrell nach Kentucky. Dort kam es zu einem Gefecht, in welchem Quantrell und seine Leute getödtet wurden. Frank James war einer von den wenigen, welche mit dem Leben davonkamen.

Die Gebrüder James waren verschollen, man hörte jahrelang nichts von ihnen, und erst im Frühjahr 1868 traten sie von neuem auf an der Spitze einer verwegenen, gutberittenen Schar, mit welcher sie Banken und Eisenbahnzüge beraubten. Im Frühling 1868 stattete die Räuberbande der Stadt Russelville in Kentucky einen Besuch ab. Am hellen Tage in den Vormittagsstunden stürmten die Räuber das Bankgebäude, nahmen 14000 Dollars aus der Kasse und galopirten mit ihrer Beute davon, ehe noch die durch die scharfgeladenen Revolver in Respect gehaltenen und eingeschüchterten Bewohner recht zur Besinnung gekommen waren. Nach 14 Tagen wurde wenigstens einer von der Bande, George Shepherd, gefangen genommen und, nachdem die Geschworenen das Schuldig gesprochen hatten, zu drei Jahren Zuchthaus verurtheilt.

Am 16. December 1869 überfielen die Räuber die Start Gallatin in Missouri. In der dortigen Bank befanden sich ansehnliche Baarvorräthe, denn nach einer reichen Ernte hatten viele Landwirthe das von ihnen gelöste Geld in die Bank getragen, um es dort bis zum Schlusse des alten oder zum Anfang des neuen Jahres liegen zu lassen. Am hellen Tage während der Geschäftsstunden stürmten die beiden James und Coleman Younger mit etwa einem Dutzend Genossen in den Ort und hielten dicht vor dem Bankgebäude. Während die große Mehrzahl auf der Straße blieb und, um Schrecken zu verbreiten, nach allen Seiten die Gewehre abfeuerte, begaben sich drei Räuber in das Haus. Der eine von ihnen blieb als Wache an der Thür stehen, der andere hielt dem Kassirer Sheets eine scharfgeladene Pistole vor die Stirn und drohte, ihn zu erschießen, wenn er einen Laut von sich gäbe, der dritte raffte alles baare Geld zusammen und reichte es denen hinaus, die unter den Fenstern standen. Als die Kasse geleert war, drückte der Räuber, welcher neben dem Kassirer stand, die Pistole ab und zerschmetterte ihm den Kopf.

Die Bande ritt von dannen, ihre Spur ging verloren und von dem Gelde sah niemand einen Dollar wieder. Jetzt trat eine längere Pause ein, Frank und Jesse James verweilten mit ihren Genossen an der mexicanischen Grenze, am Rio Grande, und scheinen sich dort auf ehrliche Weise von Viehzucht genährt zu haben. Im Jahre 1870 tauchten sie wieder im Westen auf; sie überrumpelten das Städtchen Corrydon, an der Grenze von Missouri, ganz in derselben Weise wie vorher Gallatin und Russelville, und nahmen aus der Bank daselbst 40000 Dollars mit hinweg. Zufällig wurde gerade ein politisches Meeting gehalten. Die Räuber waren frech genug, mit dem Gelde in der Tasche sich an den Ort der Versammlung zu begeben, Coleman Younger unterbrach den Redner und erklärte mit cynischer Offenheit: er wolle nur mittheilen, daß sie soeben die Bank geplündert hätten. Die Einwohner von Corrydon waren völlig consternirt und wußten im Augenblicke nicht, ob es Ernst oder Scherz war, was sie hörten. Die Räuber aber schlugen ein lautes Gelächter auf, gaben ihren Pferden die Sporen und jagten davon.

Nun kam die Bank von Columbia in Kentucky an die Reihe: der Kassirer wurde erschossen, ein zweiter Beamter schwer verwundet, aber nur die geringe Summe von 200 Dollars erbeutet. Im Herbste 1872 fand in Kansas-City im Staate Missouri eine landwirthschaftliche Ausstellung statt. Am Haupttage ritten drei Reiter, die wie Missouri-Farmer gekleidet waren, zum Ausstellungsplatze und hielten an dem Eingangsthore, wo die Kasse aufbewahrt wurde. Der eine von ihnen, Jesse James, stieg vom Pferde, gab die Zügel einem Kameraden, trat an die Billetoffice und redete den Kassirer so an: »Was würden Sie sagen, wenn ich mich Ihnen als Jesse James vorstellte und Sie ersuchte, mir den Blechkasten da oben mit dem Gelde herauszugeben?« »Zur Hölle mit Ihnen«, erwiderte der Kassirer. »Nun wohl, ich bin Jesse James«, rief der Räuber, »den Kasten her ohne weitere Complimente!« Dabei setzte er dem erschrockenen Manne einen Revolver von schwerstem Kaliber auf die Brust. Dieser übergab in seiner Todesangst den Kasten mit 10090 Dollars, der ganzen Einnahme der Ausstellung. Jesse bestieg sein Pferd, die Banditen feuerten ihre Gewehre ab und ritten im Galop von dannen.

Einige Tage später ritten zwei Männer, als es schon dunkelte, an die Office der »Kansas-City Times« heran, einer von ihnen bat einen Vorübergehenden, dem Redacteur, Herrn Edwards zu sagen, daß zwei Herren vor der Thür hielten und ihn bitten ließen, herunterzukommen, sie hätten etwas mit ihm zu besprechen. Der Auftrag wurde besorgt, Herr Edwards fand sich ein und wurde empfangen mit den Worten: »Wir sind die Brüder James und wollen Ihnen diese Uhr und Kette verehren, zum Zeichen unsers Dankes dafür, daß Sie uns in Ihrem Blatte anständig behandelt haben.« Jesse überreichte dabei das Geschenk, welches der Redacteur, im höchsten Grade verblüfft, mit den Worten: »Ich danke schön«, annahm. Die Reiter riefen ihm munter zu: »Adieu, altes Haus!« und waren in der nächsten Minute verschwunden.

Einige Zeit später wurde ein Angriff auf die Bank von St.-Genevieve in Missouri gemacht. Am Morgen des 26. Mai 1877 begab sich der Kassirer Herr Harries in Begleitung eines Knaben, des Sohnes des Generals Bozier, zum Bankgebäude. Als Harnes die Thür öffnete, standen plötzlich zwei Leute, die kurz vorher an ihm vorübergegangen waren, an seiner Seite und befahlen, zwei Pistolen auf ihn anschlagend, in barschem Tone: »Schließen Sie den Geldschrank sofort auf!« Harries gehorchte, aber der Knabe, auf den die Räuber nicht genau Achtung gegeben hatten, lief davon. Sie schickten ihm eine Kugel nach, die ihn leicht streifte, er rief laut um Hülfe und alarmirte die Bevölkerung. Ein Herr, der gegenüber wohnte, wurde aufmerksam; er trat an das Fenster, sah, was im Bankgebäude vor sich ging, und ergriff ein geladenes Gewehr, um den Räuber niederzuschießen, der Herrn Harries am nächsten stand. Seine Frau fiel ihm indeß in den Arm und bat ihn, das Gewehr nicht abzufeuern, weil sonst der zweite Räuber den Kassirer unfehlbar ermorden würde. Inzwischen hatten sich die Bürger der Stadt mit den Waffen in der Hand versammelt. Sie rückten theils zu Fuße, theils zu Pferde nach der Bank vor, um die Banditen festzunehmen. Diese aber hatten bereits ihren Entschluß gefaßt. Sie nahmen 4000 Dollars in Banknoten an sich, stopften sie in ihre Taschen, warfen andere Papiere, die ihnen nichts nützen konnten, auf die Straße und ritten langsam fort. Als die Bürger ihnen näher kamen, gaben sie Feuer. Das Pferd eines ihrer Verfolger stürzte zu Boden, die andern Pferde wurden unruhig, die vier Räuber, welche die Bank einer Stadt von 2000 Seelen geplündert hatten, waren sehr bald aus den Straßen heraus, und als sie erst das freie Feld gewonnen hatten, sicher vor jeder Verfolgung, denn sie besaßen vortreffliche Pferde, kannten alle Wege und Stege in jener Gegend von der Guerrillazeit her, und Telegraphen gab es damals in diesen Districten noch nicht.

Im Juli 1873 unternahm es die Bande zum ersten mal, einen Eisenbahnzug zu berauben. Als ihre Anführer Kunde davon erhielten, daß von Californien eine sehr bedeutende Summe von Geld nach dem Osten mit der Bahn übergeführt werden sollte, wurde beschlossen, sich des Geldes zu bemächtigen. Was galten diesen wilden und rohen Gesellen Menschenleben! Ohne Rücksicht darauf, daß Hunderte von unschuldigen Passagieren, daß Frauen und Kinder getödtet und verstümmelt werden würden, trafen die Banditen alle Vorkehrungen, um die Locomotive entgleisen zu lassen, dadurch ein Eisenbahnunglück herbeizuführen und in der Verwirrung, die dadurch entstehen mußte, den Schatz, auf den es abgesehen war, zu heben. Die ganze Strecke der Chicago-, Rock-Island- und Pacific-Bahn wurde begangen, ein für den Ueberfall geeigneter Punkt ausgesucht und vorsichtigerweise auch für den Fall, daß das Unternehmen fehlschlagen sollte, die Rückzugslinie festgestellt. Als alles verabredet war, begaben sich Frank und Jesse James, vier Brüder Younger und ihre Spießgesellen an den bestimmten Ort. Jeder war mit vier Revolvern bewaffnet, sie zogen einzeln, wie Farmer gekleidet, zu Pferde durch den Norden von Missouri, den Süden von Iowa, dem Flusse Nodoway folgend, nach Caß-County im Staate Iowa und trafen sich an einem einsam gelegenen Platze, einige Meilen von Adair, etwa auf dem halben Wege zwischen Councill-Bluffs und Des Moines. Die Bahn überschreitet daselbst den Turkey-Bach auf einer Brücke und macht eine scharfe Curve, unmittelbar darauf folgt ein Durchstich. Die nächste Ansiedelung ist meilenweit entfernt.

Die Räuber hatten sich alle eingefunden, sie zogen die Bolzen aus zwei Schienen und umwandten die letztern mit starkem Drahte, sodaß sie sofort aus ihrer Lage entfernt werden konnten.

Es war ein heißer Julitag, der Zug hatte um 5 Uhr nachmittags Councill-Bluffs verlassen und sollte 1/2 9 Uhr abends an der Brücke über den Turkey sein. Es fing an zu dunkeln, in der Natur herrschte tiefer Frieden: auf den nahen Wiesen sah man die Leuchtkäfer schwärmen, von Zeit zu Zeit hörte mau den Schrei eines Nachtvogels, die Pferde stampften unter den Bäumen. Es dauerte nicht lange, da vernahm man das Rollen des Eisenbahnzugs. Er bestand ans fünf Passagier- und zwei Schlafwagen, enthielt die californischen Expreßgüter sowie die Post, ferner eine ansehnliche Menge von Gold- und Silberwaaren und mehrere tausend Dollars in Papiergeld.

Der Zug passirte die Brücke und näherte sich dem Durchstich, er lief mit einer Geschwindigkeit von 25 englischen Meilen in der Stunde. Plötzlich sah der Locomotivführer Kafferty, daß sich die Schienen bewegten. Zum Tode erschrocken, rief er dem Heizer zu: »Herr Gott, die Schienen gerathen in Bewegung.« Er redressirte die Maschine und legte die Luftbremsen an, aber es war zu spät, die Locomotive entgleiste, sie wühlte sich tief in das Erdreich und schlug um, der Locomotivführer wurde herausgeschleudert und lag ohne sichtbare Verletzung todt auf dem Boden. Während die verunglückten Passagiere jammerten und um Hülfe riefen, feuerten die Banditen mit ihren Revolvern in die Wagenfenster und ließen niemand aussteigen. Drei von ihnen, durch Masken unkenntlich gemacht, öffneten die Thür des Expreßwagens und befahlen dem Conducteur, dem Expreßboten und vier andern darin befindlichen Männern den Wagen augenblicklich zu verlassen. Sie wurden hinter den Zug escortirt und etliche von den Räubern hielten mit scharfgeladenen Waffen in der Hand Wache, daß keiner sich entfernte. Der Geldschrank wurde mit Hülfe eines schweren Hammers erbrochen und seines Inhalts beraubt. Nach kaum 10 Minuten war alles vorbei, die Räuber bestiegen ihre Pferde und ritten reichbeladen in schärfstem Trabe in südlicher Richtung fort, die Passagiere erholten sich allmählich von ihrer Angst und der Zug dampfte mit Hülfe einer anderen Maschine, die von der nächsten Station geholt wurde, weiter. Der verwegene Streich erregte großes Aufsehen. Der Gouverneur von Iowa setzte eine Belohnung von 5000 Dollars aus und ordnete eine energische Verfolgung an. Aber alles war vergeblich. Man fand zwar eine Menge von aufgerissenen Briefpacketen auf dem Wege, den die Wegelagerer genommen hatten, von ihnen selbst jedoch entdeckte man keine Spur. Tausende von Menschen besuchten den Schauplatz des Verbrechens, ganz Iowa war in Aufruhr über die neue, in der Geschichte des Eisenbahnwesens unerhörte That, aber die Verbrecher waren verschwunden und ließen sich in Iowa nicht wieder sehen.

In Arkansas gibt es heiße Quellen, die als ein wirksames Mittel gegen Rheumatismus, Gicht und Lähmungen gebraucht und jährlich von vielen Hunderten besucht werden. Jetzt führen Eisenbahnen dorthin, im Jahre 1874 aber mußte der letzte Theil des Weges mit Wagen und Pferden zurückgelegt werden. Zu Ende des Januar 1874 fuhr eine von mehrern Beiwagen begleitete, stark besetzte Post den Weg nach Hotsprings, in dessen Nähe die Heilquellen liegen. Fünf Meilen davon entfernt, auf dem Wege nach Malvern, steht ein Wirthshaus, dort pflegen die Kutscher anzuhalten und die Pferde zu tränken. Als die Post diesen Ort eben verlassen hatte, kamen ihr fünf Reiter entgegen, die von den Reisenden für Cavalerieoffiziere gehalten wurden. Sie ritten vorüber, nach einer kurzen halben Stunde holten sie indeß die Post abermals ein. Sie riefen dem Kutscher, der den ersten Wagen führte, zu: »Halt oder du bekommst eine Kugel in den Kopf.« Die Pferde standen, die Reiter umzingelten den Wagen und hielten ihre Gewehre schußfertig in der Hand. Einer von ihnen commandirte: »Schnell aussteigen!« Die Passagiere, es waren nur Herren, gehorchten, bis auf einen einzigen, welcher erwiderte: »Ich bin gelähmt und kann nicht gehen.« »So bleib‘ sitzen«, antwortete man ihm. Nun mußten sich alle, die ausgestiegen waren, in einem Halbkreise aufstellen, und etliche von den Räubern traten ihnen gegenüber und hielten sie mit Revolvern im Schach. Die folgenden Wagen mußten ebenfalls halten, die Passagiere wurden genöthigt, auszusteigen und zu ihren Leidensgefährten zu treten.

Einer von den Banditen, wahrscheinlich der Anführer, durchsuchte die Reisenden einen nach dem andern mit der größten Sorgfalt.

Der frühere Gouverneur von Dakota, Herr Burbank, kam zuerst an die Reihe, er mußte sein Reisegeld, 840 Dollars in Gold, eine goldene Uhr und eine Brillantnadel abgeben, dem zweiten, einem Herrn Taylor aus Lowell in Massachusetts, wurden 650 Dollars, einem dritten 160 Dollars abgenommen, so ging es fort, die Beute belief sich auf zusammen 3000 Dollars in baarem Gelde. Hierauf schnitten die Räuber das Expreßpacket auf und bemächtigten sich des darin befindlichen Geldes, öffneten den Postsack und suchten nach registrirten Briefen. Der im Wagen sitzende gelähmte Passagier fragte, an wen er sein Geld abliefern solle, indeß der Anführer sagte zu ihm: »Sei still, wir wollen dein Geld nicht.«

Einer von den Räubern war nicht so gut beritten wie seine Kameraden, er musterte die Postpferde und fand eins davon tauglich als Reitpferd, er spannte es aus, legte ihm den Reitsattel auf und überließ es dem Kutscher, dafür das Reitpferd einzuspannen.

Hierauf richtete der Räuberhauptmann die Frage an die Passagiere, ob einer von ihnen in der Armee der Südstaaten gedient habe? Ein Herr, Namens Crump, gab nach einigem Zaudern eine bejahende Antwort und nannte auf Befragen sein Regiment, den Oberst desselben und die Gefechte, denen er beigewohnt hatte. Er war nicht wenig erstaunt, als er sofort 50 Dollars und die Uhr, die man ihm genommen hatte, zurückempfing, mit den Worten: »Wir berauben niemand, der für die Conföderation gekämpft hat. Der Norden hat uns in das Verderben gestürzt, er hat uns zu Verbrechern gemacht und soll dafür büßen.«

Einer von den Räubern fragte Herrn Taylor, woher er gebürtig sei? Die Antwort lautete: »Von St.-Louis.« »Aha«, rief ein anderer Räuber, »ein Reporter vom › St.-Louis Democrat‹, dem abscheulichsten Blatte im Westen! Nun reise nur nach Hotsprings, telegraphire dem › Democrat‹ den Spaß, den wir uns gemacht haben, und grüße den Redacteur schön von mir.«

Die Art und Weise, wie die Räuber die Unterhaltung führten, machten dem Gouverneur Bourbank Muth, um die Rückgabe seiner Papiere zu bitten, welche für ihn sehr wichtig, für die Banditen aber völlig werthlos waren. Der Hauptmann setzte sich nieder und fing an die Papiere durchzusehen. Das erste Blatt war ein officielles Document mit einem großen rothen Siegel. Es erregte seinen Argwohn, er commandirte: »Revolver her, ich glaube, er ist ein Detectiv!« Augenblicklich waren vier Revolver auf den Gouverneur gerichtet! Nach einigen Secunden erfolgte die Gegenrede: »Zurück, er ist kein Detectiv, es ist alles in Ordnung.« Er stand auf und gab die Papiere zurück mit den Worten: »Hier haben Sie Ihre Documente, Gouverneur, ich bedauere, Ihnen eine Unbequemlichkeit verursacht zu haben.«

Die Passagiere wurden ersucht, ihre Plätze wieder einzunehmen, und die Räuber bestiegen ihre Pferde. Nachdem noch einige Scherzworte gewechselt waren, zog der Hauptmann der Bande den Hut und verabschiedete sich mit einem freundlichen Lächeln, indem er bemerkte: »Die Procession kann sich nun wieder in Bewegung setzen. Wir versichern Ihnen, meine Herren, daß es uns außerordentlich angenehm gewesen ist, Ihre Bekanntschaft zu machen, indeß hoffen wir, daß uns dieses Vergnügen nie wieder zutheil werden wird.« Er winkte mit der Hand, und die Calvalcade setzte sich in Bewegung. Von einer Verfolgung war nicht die Rede.

Gad’s Hill ist eine einsame Flaggenstation im südlichen Missouri, an der Iron-Mountain-Eisenbahn, sieben Meilen von Piedmont. Sie liegt in einer rauhen, gebirgigen Gegend, Piedmont ist die nächste Telegraphenstation, sodaß man eine geraume Zeit braucht, um von Gad’s Hill eine Nachricht weiter zu befördern. Diesen abgelegenen Platz hatten die Räuber zu einem Eisenbahnüberfall ausersehen, der am 31. Januar 1874 ausgeführt wurde. Es war ein schöner Wintertag. Der Texas-Erpreßzug, welcher unter Führung des Conducteurs Alford San-Antonio vormittags verließ, war stark mit Passagieren besetzt. Auch der Geldschrank der Expreßcompagnie mit einer großen Summe baaren Geldes, welches um diese Jahreszeit zur Zahlung für Baumwolle verschickt zu werden pflegt, befand sich im Zuge.

Am Nachmittage kamen sieben vorzüglich berittene, schwer bewaffnete Leute in Gab’s Hill an und bereiteten alles vor für den Ueberfall. Die zerstreut umherwohnenden Leute wurden unter einen Vorwande in das Stationshaus gerufen und dort zugleich mit dem Stationsvorstande eingesperrt. Die Räuber verschlossen die Fenster und die Thür mit den aus der Schmiede herbeigeholten Werkzeugen. Die Weichen wurden so gestellt, daß der Zug nicht durchlaufen konnte, ohne zu entgleisen, und dann das Haltesignal aufgezogen. Mit dem Einbruch der Dämmerung kam der Zug langsam heran. Der Conducteur und der Zugführer sprangen herunter auf den Perron, wurden aber sofort von den Räubern umstellt und mit vorgehaltenen Pistolen gezwungen, ihre Uhren und ihr Geld abzuliefern. Als dies geschehen war, mußten sie sich in das Stationshaus verfügen, welches hinter ihnen wieder zugeschlossen wurde.

Es war bis dahin kein Schuß gefallen, allein die Passagiere wußten, daß es sich um ihr Leben handelte, wenn sie den geringsten Widerstand leisteten, deshalb verhielten sie sich ruhig und blieben auf ihren Plätzen sitzen. An jede Wagenthür postierte sich ein Räuber mit scharfgeladenem Revolver, zwei andere stiegen in den Zug und forderten von den Passagieren das Geld und die Werthsachen, die ihnen ohne Widerspruch eingehändigt wurden. Ein Herr, den man ebenso wie alle andern aufforderte, seinen Namen anzugeben, fragte: »Weshalb wollen Sie denn unsere Namen wissen?« »Zum Teufel mit Ihnen, halten Sie das Maul«, lautete die Antwort.

»Hier ist mein Geld«, erwiderte der neugierige Passagier, »ich heiße Newell, aber ich möchte doch gar zu gern wissen, weshalb Sie nach unsern Namen fragen.« »Nun, Sie sind ein guter Kerl«, sagte der Räuber, »Sie sollen es erfahren. Wir denken, der abscheuliche Pinkerton« (der Chef der großen Privat-Detectiv-Agentur in Chicago, dessen Beamte von allen Verbrechern gefürchtet werden) »ist unter den Passagieren. Wenn wir ihn bekommen, so schneiden wir ihm das Herz aus dem Leibe heraus.«

Zum Glück war Herr Pinkerton nicht im Zuge, die furchtbare Drohung wäre sonst sicher verwirklicht worden, denn die Banditen hatten ihm Rache geschworen. Als die Räuber fertig waren mit ihrer Plünderung, galopirten sie eilig davon. Es wurde von Piedmont eine bewaffnete Schar zur Verfolgung ausgesendet, man fand auch wirklich ihre Spur am Hause einer Frau Cook am Current-River, wo die Bande gefrühstückt hatte, aber es gelang nicht, sie einzuholen.

Man erfuhr später, daß sie am 11. Februar dem Städtchen Bentonville in Arkansas einen Besuch abgestattet und daselbst nicht blos aus den Läden Waaren, die ihnen gefielen, sondern auch aus dem Store von Craig und Sohn die Kasse mit 200 Dollars weggenommen und die Ladeninhaber mit dem Tode bedroht hatten. Dieser Raubzug konnte übrigens sehr gefährlich werden für die Räuber, denn in solchen kleinen Grenzorten besteht die Bevölkerung zum größten Theile aus Männern, die Pulver gerochen haben und ihre Revolver und Gewehre nicht zum Spaße führen. Die Banditen mögen dies auch gewußt haben, denn sie sind nur sehr kurze Zeit in Bentonville geblieben, und nachdem sie etliche Läden gebrandschatzt hatten, schleunig davongejagt.

Diese rasch aufeinanderfolgenden Räubereien veranlaßten die Behörden zu energischen Maßregeln. Die Eisenbahn- und Expreßcompagnien sahen ein, daß sie sich gegen solche Ueberfälle schützen müßten, und traten mit Herrn Pinkerton in Verbindung, um endlich die verwegenen Räuber aufzuspüren und der verdienten Strafe zuzuführen.

Herr Pinkerton schickte einen seiner gewandtesten und muthigsten Beamten, I. W. Wicher, nach Clay-County mit dem Auftrage, den Aufenthalt namentlich der Gebrüder James auszukundschaften, dieselben gefangen zu nehmen und wenn es nicht anders sein könnte, sie zu tödten. Wicher kam, mit Geld reichlich versehen, im März 1874 in Liberty an. Er deponirte sein Geld in der Bank, gab Empfehlungsbriefe an den Bankpräsidenten ab und machte auch dem Sheriff einen Besuch. Hierauf legte er die in der dortigen Gegend übliche Kleidung eines Farmarbeiters an und durchstreifte das Land unter dem Vorwande, Arbeit zu suchen. Unglücklicherweise hatte ein alter Spießgeselle von Jesse James gesehen, daß Wicher zur Bank und zum Sheriff ging und bald darauf als Farmarbeiter den Ort verließ. Er schöpfte Verdacht, setzte Jesse James sofort in Kenntniß, und dieser war augenblicklich entschlossen, den Detectiv unschädlich zu machen.

Wicher war auf dem Wege nach einer Farm, er pfiff die Melodie eines Liedes und überlegte seine Pläne. Ein hagerer blonder Mann kam ihm entgegen und rief ihm, ein gespanntes Gewehr in der Hand, »Halt!« zu. Wicher, ein kaltblütiger Mann, spielte den Erstaunten und sagte ruhig: »Guten Abend, was ist denn los?« Aber in diesem Augenblicke standen noch zwei bewaffnete Männer an seiner Seite, und der eine von ihnen, Jesse James in eigener Person, befahl: »Durchsucht ihn!«

Man fand in seiner Brusttasche einen schweren Revolver, seine Unterkleider, seine feinen Hände und seine ganze Erscheinung lieferten den Beweis, daß er kein Farmarbeiter war. Er wurde erkannt als einer von Pinkerton’s Leuten und ohne weiteres erschossen.

Ein anderer Detectiv, Ed. B. Daniels, war nach St.-Clair-County geschickt worden, um die Gebrüder Younger, welche sich daselbst aufhielten, unschädlich zu machen. In seiner Begleitung befanden sich der Captain Lull, der sich Allen nannte, und ein gewisser Boyle. Sie gaben vor, daß sie entlaufenes Rindvieh einfangen wollten.

Am 16. März 1874 ritten sie am Hause eines gewissen Snuffer, drei Meilen von Rescue, vorüber. James und John Younger waren in diesem Hause, dessen Eigenthümer mit ihnen verwandt war, anwesend und kamen auf die Vermuthung, daß die Fremden Detectivs sein möchten. Sie warfen sich auf die Pferde, holten sie ein, fragten nach ihren Geschäften und befahlen ihnen, stehen zu bleiben und die Hände hoch zu halten. James Younger hatte einen Revolver, John Younger ein doppelläufiges Gewehr in der Hand und einen Revolver in der Tasche. Nach einem kurzen Zwiegespräche verlangten die Banditen, daß Daniels und Lull ihre Waffen wegwerfen sollten, widrigenfalls sie augenblicklich erschossen werden würden. Sie gehorchten, jeder warf einen Revolver zur Erde. Als James Younger sie aufheben wollte und sein Bruder das Gewehr einen Moment sinken ließ, zog Lull einen zweiten Revolver aus der Rocktasche und feuerte.

Die Kugel traf und verwundete John Younger schwer am Halse. Derselbe riß voll Wuth sein Gewehr empor und gab einen Schuß auf Lull ab, eine zweite Kugel durchbohrte den Detectiv Daniels, der todt zusammenbrach. Lull dagegen warf sein Pferd herum und sprengte in das nahe Gehölz, John Younger verfolgte ihn, beide feuerten zu wiederholten malen, und endlich stürzten beide todt von den Pferden,

Frank und Jesse James, James Younger und seine noch am Leben befindlichen beiden Brüder gewannen die Ueberzeugung, daß sie sich in Missouri nicht mehr halten konnten. Sie wandten sich nach Texas, um dort Viehzucht zu treiben und zugleich ihr Räuberleben fortzusetzen.

Am 7. April 1874 fuhren elf Passagiere, acht Herren und drei Damen, mit der Post von San-Antonio nach Austin. Es war schönes Wetter, die Reisenden, unter denen sich ein hoher Würdenträger der Kirche, der Bischof Gregg, und Herr Breckenridge, der Präsident der Nationalbank in San-Antonio, befanden, unterhielten sich lebhaft und waren in der heitersten Stimmung. Als es anfing zu dunkeln, bemerkte der Kutscher mehrere Reiter, die schöne Pferde ritten, und einen leichten Personenwagen. Die Reiter kamen ihm verdächtig vor. Als sie die Post erreicht hatten, gebot einer von ihnen dem Kutscher, er solle halten, der Wagen stand still. In diesem Augenblicke sprang einer von den Passagieren heraus und eilte mit einem Revolver auf den vordersten Reiter zu. Das Pferd scheute einen Moment, indeß der Räuber gab ihm die Sporen, ritt den Mann nieder und versetzte ihm mit dem Kolben der Pistole einen so heftigen Schlag auf den Kopf, daß das Blut hervorschoß und er die Besinnung verlor. Den Damen wurde erlaubt, sitzen zu bleiben, die Herren mußten aussteigen und wurden der Reihe nach visitirt. Die Beute war ansehnlich, bei Herrn Breckenridge zum Beispiel fand man mehr als 1000 Dollars in Gold und Banknoten.

Der Bischof that Einsprache mit den Worten: »Sie werden mich doch nicht berauben!«

»Mein lieber Herr«, antwortete man ihm, »Sie scheinen noch sehr unerfahren zu sein. Wir werden uns niemals eines Criminialverbrechens wie Raub schuldig machen. Wir nehmen nur Wegezoll, und wenn uns derselbe verweigert wird, zwingen wir die Leute, den Zoll zu zahlen.«

Der Bischof unterhandelte weiter, reichte aber einstweilen sein Taschenbuch hin.

»Nun Ihre Uhr! Sie müssen vollen Zoll bezahlen.«

»Sie werden doch einen Prediger des Evangeliums nicht um ein theueres Andenken bringen?« »Was, Sie sind ein Prediger? Um so mehr müssen Sie die Uhr hergeben! Sie bedürfen keiner goldenen Uhr. Bedecken Sie sich mit einem härenen Gewand, das genügt. Wir sind einfache Christen, und nehmen nur, was wir brauchen.« Der Bischof mußte sich auch von der Uhr trennen. Hierauf wurden die Postsäcke geöffnet und die Werthbriefe herausgenommen.

Einer der Banditen wandte sich zu den Damen in der Postkutsche und forderte ihre Portemonnaies. Als ihm eine Dame das ihrige mit zitternder Hand entgegenstreckte, entspann sich folgendes Zwiegespräch:

Der Räuber. »Wie viel ist darin?«

Die Dame. »Ungefähr 30 Dollars.«

Der Räuber. »Wo gehen Sie hin?«

Die Dame. »Nach Dallas!«

Der Räuber. »Dann behalten Sie es, Sie werden alles gebrauchen«, und zu den andern Damen gewendet: »Behalten Sie ihre Plätze, meine Damen, Sie sollen nicht beunruhigt werden,«

Zuletzt wurden die Vorderpferde der Postkutsche, die den Banditen gefielen, abgespannt und für gute Prise erklärt. Die Räuber empfahlen sich mit ihrer Beute, die im ganzen über 7000 Dollars betrug, und die Post fuhr langsam mit ihren zwei Pferden weiter. Als sie endlich am folgenden Tage in Austin eintraf, war die Bande viele Meilen weit entfernt.

Einige Zeit darauf wurde ein berüchtigter Desperado, Jim Reed, tödlich verwundet und gefangen genommen. Er bekannte vor seinem Tode, daß er an dem Raubanfalle teilgenommen habe, weigerte sich aber, seine Mitschuldigen zu nennen. Er sagte nur, es seien Leute aus Missouri dabei gewesen. Infolge dessen wurde Clell Miller verhaftet, der verwegene Bursche befreite sich jedoch schon nach etlichen Tagen auf die Weise, daß er bei seiner Vernehmung einen verborgenen Revolver herauszog und mit demselben den Sheriff zwang, seine Gehülfen augenblicklich fortzuschicken und ihm die Thür zu öffnen. Der Sheriff, der den Tod vor Augen sah, gehorchte, und Miller suchte das Weite.

Der Tod der beiden Detectivs Wicher und Daniels hatte die sämmtlichen Beamten des Herrn Pinkerton mit großer Erbitterung erfüllt. Sie beschlossen, ihre Kameraden zu rächen, und die Expreß- und Eisenbahn-Compagnien waren bereit, die nöthigen Geldmittel vorzustrecken. William Pinkerton selbst schlug sein Hauptquartier in Kansas-City auf und unterhielt von dort aus in Chiffretelegrammen eine lebhafte Correspondenz mit Chicago, mit Clay-County und verschiedenen Orten in Missouri. Er gewann die Ueberzeugung, daß Frank und Jesse James sich auf der Farm ihres Stiefvaters, des Dr. Samuels, aufhielten, und bereitete nun einen Angriff auf die Farm vor. Am 24. Januar 1875 versammelte sich eine größere Anzahl Detectivs in Clay-County, und am folgenden Tage sollten die Gebrüder James überrumpelt werden. Allein die Chiffretelegramme, deren Ankunft ihnen verrathen worden war, hatten sie argwöhnisch gemacht. Sie stiegen noch am 24. Januar zu Pferde und verließen die dortige Gegend. Die Detectivs wußten nicht, daß die Räuber geflohen waren, sie zogen wohlbewaffnet in der Nacht hin zu der Farm, umstellten das Haus, öffneten die Fenster und warfen mit Oel getränkte, brennende Werchballe hinein, um die Stuben zu erleuchten. Das Haus fing an zu brennen, die Bewohner sprangen erschrocken aus den Betten, die farbige Köchin und die Kinder schrien laut um Hülfe. Dr. Samuels und seine Frau versuchten das Feuer zu löschen und einen größern Brand zu verhüten. Sie versicherten, daß Frank und Jesse James nicht anwesend wären, und baten um Schonung ihrer Lebens und ihres Eigenthums. Aber die Detectivs, wüthend darüber, daß ihnen ihre Beute entgangen war, warfen eine brennende Handgranate in das Haus und richteten dadurch eine furchtbare Zerstörung an. Die Thüren und Fenster wurden zertrümmert, die Wände zerrissen. Ein achtjähriger Knabe lag mit zerschmettertem Kopfe todt am Boden, der Frau Samuels hatte ein Granatsplitter den rechten Arm weggenommen, die andern Glieder der Familie bluteten aus mehr oder minder schweren Wunden, das Haus stand in hellen Flammen.

Die Mutter der beiden Brüder James wurde später gefragt, ob ihre Söhne wirklich nicht im Hause gewesen wären? Sie antwortete mit einem gewissen Stolze: »Glauben Sie denn, daß der Ueberfall ungestraft hätte verübt werden können, daß die Detectivs mit dem Leben davongekommen sein würden, wenn Frank und Jesse sich im Hause befunden hätten?«

Kurze Zeit nach jenem mißlungenen Versuche, die beiden James zu fangen, wurde einer ihrer Nachbarn, der Farmer Agnew, ermordet. Er hatte einen Eimer voll Wasser geholt und wollte wieder in sein Haus zurückkehren, da durchbohrten ihn drei Kugeln. In der folgenden Nacht kamen drei verlarvte Männer an die Thür seines Nachbars, pochten ihn heraus und sagten zu ihm: »Wir haben Agnew erschossen. Wenn Sie von jemand gefragt werden, so antworten Sie, Detectivs hätten die That verübt.« Man nahm an, Agnew habe den Detectivs Beistand geleistet und sei zur Strafe dafür von den Brüdern James und einem ihrer Genossen meuchlings ermordet worden.

Gegen Ende des Jahres 1875 sollte eine große Summe in Gold und Silber auf der Pacificbahn von Colorado nach dem Osten gesendet werden. Die Räuberbande kundschaftete dies aus und beschloß, den Zug bei Muncie in Kansas, einige Meilen von Kansas-City entfernt, zu berauben. Als der Zug anhielt, wurden der Conducteur, der Locomotivführer und der Expreßbote dingfest gemacht und aus dem Geldschranke, den man mit großer Gewalt erbrach, 55000 Dollars genommen. Die Banditen vertheilten die schwere goldene Last unter sich und ritten davon, ohne sich weiter um die Passagiere zu kümmern.

Die Frechheit war diesmal eine besonders große, denn das ganze Land ist durchzogen von Eisenbahnen und Telegraphen, aber trotz einer sehr energischen Verfolgung gelang es doch nicht, die Verbrecher zu ergreifen.

Einige Wochen später überfielen die beiden James, Coleman Younger, Mc. Daniels und Keen, genannt Hinds, die Bank in Huntington in West-Virginien. Frank James und Mc. Daniels gingen in das Gebäude und nöthigten den Kassirer durch Bedrohungen mit dem Tode, ihnen den Baarvorrath im Betrage von 6000 Dollars einzuhändigen, Ihre Genossen hatten draußen Wache gestanden. Diesmal aber kamen die Räuber nicht so leichten Kaufes davon. Nach Verlauf von kaum zwei Stunden machten sich gegen 100 wohlbewaffnete, gutberittene Männer zu ihrer Verfolgung auf. Sie holten etwa 100 Meilen von Huntington entfernt die Banditen ein, es entspann sich ein Kampf, in welchem Mc. Daniels getödtet und Keen gefangen genommen wurde. Man stellte den letztern vor ein Schwurgericht, er ward schuldig gesprochen und zu 14 Jahren Zuchthaus verurtheilt.

Am 4. Juli 1876 begaben sich Coleman Younger, Clell Miller, Pitts und Hobbs Kerry zu Pferde nach California, einem kleinen Orte in Moniteau-County in Missouri, sie vereinigten sich daselbst mit den beiden James, Bob Younger und Bill Caldwell, um einen Zug der Missouri-Pacificbahn zu berauben. Die in der Nähe des Ortes befindliche Laminebrücke war der Sammelplatz. Nachdem die Räuber ihre Pferde in einem nahen Gehölz untergebracht hatten, knebelten Miller und Pitts den an der Brücke stationirten Bahnwärter. Der Mann bat, sie möchten sein Leben schonen, und wurde mit den Worten beruhigt: »Wir werden dir kein Leid zufügen, wir wollen nur das Geld haben, welches der Zug mitbringt.«

Hierauf wurden die Schienen gelockert und die rothen Laternen des Wächters als Haltesignal aufgezogen. Der Zug hielt und war augenblicklich von den Räubern umgeben. Die Passagiere durften nicht aussteigen, dem Expreßboten wurden die Schlüssel zum Geldschränke abgefordert und das Geld, welches man fand, in einen Sack gethan und in den nahen Wald getragen. Die Räuber theilten, als der Zug weiter gefahren war, ihre in 20000 Dollars bestehende Beute und ritten die ganze Nacht hindurch, was die Pferde laufen wollten, um so bald als möglich ein sicheres Versteck zu finden.

Der Telegraph verbreitete die Nachricht von diesem Eisenbahnraube nach allen Richtungen und schon am anderen Morgen setzte eine zahlreiche Mannschaft der Bande nach. Aber nirgends entdeckte man ihre Spur, und erst nach mehrern Monaten wurde wenigstens einer von den Banditen, Hobbs Kerry, festgenommen. Er hatte in der ersten Nacht sein Pferd fast zu Tode geritten, es dann laufen lassen und war mit dem Antheil seiner Beute zu Fuße fortgewandert. Uebermüthig durch den Besitz einer großen Summe Geldes, hatte er flott gelebt und in der Trunkenheit Aeußerungen gethan, die ihn verriethen. Als er verhaftet wurde, fand man bei ihm nur noch 20 Dollars, alles übrige war bereits vergeudet. Er gestand seine Theilnahme an dem Verbrechen zu und nannte auch seine Mitschuldigen. Das Schwurgericht erkannte auf eine Strafe von sieben Jahren Zuchthaus, die Kerry in Jefferson verbüßt. Von den Gebrüdern James erhielt er in der Strafanstalt Briefe, in denen ihm angekündigt wurde, er habe durch seinen Verrath den Tod verwirkt und müsse sterben, sobald er aus dem Zuchthause entlassen werde.

Die Räuberbande hielt sich in Missouri nicht mehr für sicher und suchte sich Minnesota als ein neues Feld für ihre Operationen aus. Bill Chadwell, ein flüchtiger Pferdedieb aus diesem Territorium, der sich ihr seit kurzem angeschlossen hatte, machte den Vorschlag, die Northfield-Bank in Minnesota zu berauben.

Frank und Jesse James, Coleman, Bob und James Younger, Charley Pitts, Clell Miller und Bill Chadwell fanden sich in der Umgegend von Northfield ein und erkundigten sich unter dem Vorgeben, daß sie sich ankaufen wollten, nach dem Preise verschiedener Landgüter und Grundstücke. Sie machten den Eindruck ordentlicher Leute und waren mit Geld gut versehen. Sie ritten vortreffliche Pferde, lehnten aber alle Anträge, dieselben zu vertauschen oder zu verkaufen, ab und gaben zu verstehen, sie wollten lieber selbst noch mehr Pferde kaufen.

Am 7. September 1876 ritten drei von den Banditen nach Northfield. Sie aßen zu Mittag in einem Restaurant und unterhielten sich mit den andern Gästen über die nächsten Wahlen und andere Gegenstände. Nach Tische begaben sie sich in die Hauptgeschäftsstraße, banden ihre Pferde in der Nähe des Bankgebäudes an und gingen lebhaft miteinander sprechend hinein. Gleichzeitig sprengten von der andern Seite kommend fünf Reiter durch die Straße, sie schossen ihre Revolver ab und trieben die Leute, die auf der Straße waren, in die Häuser. In der Bank befanden sich der Kassirer Haywood, sein Assistent Bunker und ein Clerk, Namens Wilcox. Die drei Räuber traten an sie heran, der eine von ihnen, Bob Younger, setzte dem Kassirer das Messer an die Kehle und gebot ihm, das Gewölbe aufzuschließen, die beiden andern hielten dem Assistenten und dem Clerk ihre gespannten Pistolen entgegen. Haywood weigerte sich, das Gewölbe zu öffnen, er rang mit Younger und versuchte, ihn zwischen die äußere und die innere Thür des Gewölbes zu drängen, und dort einzuschließen. Bunker benutzte den Moment, wo die Räuber ihre Aufmerksamkeit auf Haywood richteten, um durch eine Hinterthür zu entwischen und schlug Lärm.

Inzwischen hatte sich auch vor dem Bankgebäude ein Gefecht entsponnen. Dr. Henry Wheeler, der gegenüber wohnte, sah, was vorging, er ergriff eine Büchse, feuerte und Charley Pitts lag todt an der Erde. Die Kugel hatte ihm das Herz durchbohrt. Zwei andere Bürger, Manning und Joe Hyde, eilten mit Gewehren herbei, der erstere erschoß ein Pferd der Räuber und verwundete sodann den Räuber Chadwell so schwer, daß er nach wenigen Minuten den Geist aufgab, der letztere brachte Frank James eine Wunde bei.

Die Lage wurde kritisch, die Räuber mußten an den Rückzug denken. Bob Younger versuchte es nochmals, den Kassirer Haywood zur Herausgabe des Geldes zu bewegen. Er drohte ihm den augenblicklichen Tod und ritzte ihm mit dem Messer die Kehle. Aber der brave, pflichttreue Mann blieb bei seiner Weigerung. Bob Younger mochte einsehen, daß der todte Kassirer ihm das Combinationsschloß erst recht nicht aufschließen würde, vielleicht scheute er sich auch, wieder Blut zu vergießen, genug er ließ von ihm ab, sprang über den Tisch und stürzte hinaus. Der muthige Haywood sollte indeß dennoch sterben, einer von den beiden im Gebäude noch anwesenden Räubern drückte die Pistole ab, und der Kassirer stürzte, durch den Kopf geschossen, todt nieder.

Von den Banditen waren noch sechs am Leben, sie ergriffen die Flucht und ritten spornstreichs davon. Die Bürger verfolgten sie mit ihren Kugeln, und eine derselben zerschmetterte Bob Younger den Elnbogen des rechten Armes.

Der Gouverneur setzte auf den Kopf jedes Räubers einen Preis von 600 Dollars. Infolge dessen strömten von allen Seiten Männer zusammen, welche die hohe Prämie verdienen wollten. Es begann nun eine wilde Jagd. Die Räuber hatten zwar einen Vorsprung, aber der Telegraph meldete nach allen Richtungen, was geschehen war, und überall machten sich muthige Leute, namentlich die mit den Wegen genau bekannten Jäger auf, um sie zu fangen. Die Banditen wagten es nicht, einen größern Ort zu berühren, sie fanden keine Nahrung mehr für ihre Pferde, und beschlossen endlich, die Flucht zu Fuße fortzusetzen. Nach etlichen Tagen ergriffen sie einen gewissen Danning, der gedungen war, ihnen nachzugehen und auszukundschaften, wo sie übernachten würden. Die Meinungen waren getheilt: es wurde vorgeschlagen, ihn aufzuhängen oder ihn an einen Baum zu binden und seinem Schicksale zu überlassen. Danning bat flehentlich um sein Leben, und diesmal siegte das Mitleid, man nahm ihm einen Eid ab, daß er nichts verrathen werde, und ließ ihn ziehen. Aber Danning hatte nichts Eiligeres zu thun, als sofort anzugeben, was ihm passirt war und wo er die Banditen getroffen hatte.

Nun wurde die Verfolgung mit neuer Energie aufgenommen. Die Flüchtlinge wurden von einem Orte zum andern getrieben, kaum hatten sie sich irgendwo niedergelassen, um auszuruhen, so wurden sie wieder aufgescheucht. Sie nährten sich kümmerlich von Mais und Wassermelonen. Jeden auffallenden Ton, jeden Pfiff einer Maschine hielten sie für ein Signal. Todmüde, hungerig und abgehetzt berathschlagten sie eines Nachts, am Blue-Earth-Fluß lagernd, was sie thun sollten, um sich zu retten. Sie waren fünf Tage fast ununterbrochen auf dem Marsche gewesen und hatten sich nicht ein einziges mal satt gegessen. Ihre Kräfte waren erschöpft, ihre Füße geschwollen, Bob Jounger konnte sich infolge des starken Blutverlustes kaum aufrecht erhalten. Die Brüder James, welche die ungeheuern Anstrengungen am besten ertragen hatten, schlugen, um die Verfolgung zu erschweren, eine Theilung vor, sie wollten sich westlich wenden, die andern sollten nach Süden oder nach Osten hin ihren Weg nehmen. Alle waren einverstanden. Die drei Gebrüder Solinger und Clell Miller hatten sich in einem sumpfigen Walde bei Madelia versteckt, allein der Sheriff von Sioux-City erhielt Kunde hiervon. Am 21. September 1876 wurde das Gehölz von 150 Mann umzingelt und das Dickicht, in welchem man die Räuber vermuthete, mit Kugeln überschüttet. Das Feuer wurde nur schwach erwidert und hörte bald ganz auf. Als man das Gehölz durchsuchte, fand man die drei Gebrüder Younger kampfunfähig und Clell Miller todt auf dem Boden liegend. Coleman Younger blutete aus sieben Wunden, Maines Jonnger war durch das Kinn, Bob Younger durch den Arm geschossen. Die Wunden wurden nothdürftig verbunden und die drei Gefangenen nach Madelia gebracht. Dort übergab man sie dem Arzte. Sie genasen zwar, aber alle drei blieben Krüppel; alle drei wurden vor das Schwurgericht gestellt, schuldig gesprochen, zu lebenslänglichem Zuchthause verurtheilt und in die Strafanstalt von Minnesota eingeliefert.

Wir haben bereits früher hervorgehoben, daß Frank und Jesse James durch die politischen Kämpfe auf die Bahn des Verbrechens getrieben worden sind, und wollen an dieser Stelle hinzufügen, daß auch die Gebrüder Younger dieselbe Entschuldigung für sich anführen können. Ihr Vater, der Colonel Henry Washington Younger, war in Kentucky geboren, aber lange vor dem Kriege nach Missouri gezogen und hatte sich dort zu einem wohlhabenden und geachteten Bürger emporgearbeitet. Er selbst gehörte zur Unionspartei, sein ältester Sohn Coleman dagegen sympathisirte mit den Südstaaten und trat in die von Duantrell geführte Guerrillaschar ein, die für den Süden focht. Dafür rächten sich die Jayhawkers an seinem Vater. Sie ermordeten und beraubten ihn auf der Landstraße in der Nähe von Independence. Coleman Jounger nahm Urlaub von Ouantrell und schwur an der Leiche seines Vaters den Mördern Rache. Auf dem Rückwege nach Kansas stieß er in Begleitung mehrerer Kameraden auf sechs Jayhawkers, die ohne weiteres niedergemacht wurden. Erbittert hierdurch überfielen Unionsleute das Haus der Witwe Younger und zwangen sie, es mit eigener Hand anzuzünden und sich mit ihren Kindern in eine Hütte zu flüchten. Nun verließ auch der zweite Sohn, James Younger, kaum 18 Jahre alt, die Heimat und ging zu den Guerrillas des Südens. Er wurde gefangen genommen und in das Gefängniß nach Alton geschickt. Erst im Jahre 1866 wurde er wieder frei. Er baute sich ein Haus im westlichen Missouri und trieb Landwirthschaft, aber seine politischen Gegner verfolgten ihn auch dorthin. Die Ernte wurde ihm weggenommen und sein Haus niedergebrannt.

Coleman Younger ging, nachdem der Krieg beendigt war, mit 15 Gefährten nach Mexico und von da nach Californien, wo er bis zum Jahre 1866 blieb. Dann kehrte er zurück nach Missouri und fing an, mit seiner Mutter und zwei jüngern Brüdern, John 16 und Robert 13 Jahre alt, die Felder seines Vaters zu bewirthschaften. Allein die Missourimiliz und etliche Jayhawkers aus Kansas, die keinen frühern Guerrilla in Missouri dulden wollten, vertrieben die Familie von Haus und Hof und hetzten sie von einem Ort zum andern. Als die Mutter gestorben war, vereinigten sich die vier Brüder Jounger mit gleichgesinnten Genossen und fingen nun das Räuberleben an, welches wir oben geschildert haben.

Frank und Jesse James waren glücklicher als ihre Kameraden. Sie gelangten unter großen Entbehrungen und Mühsalen endlich an die Grenze von Nebraska. Dort waren die Rächer dicht hinter ihnen, aber schnell entschlossen sprangen sie einen steilen Abhang hinunter, warfen sich in den dort fließenden Strom und ließen sich auf Baumstämmen eine Meile weit forttreiben, dann kletterten sie am andern Ufer in die Höhe und erreichten den Wald. In einer Ansiedelung verschafften sie sich andere Kleider und frische Pferde und kamen endlich nach Texas. Hier waren sie in Sicherheit. Sie fingen ein neues Leben an, trieben Viehzucht und hatten sehr bald Gelegenheit, ihren Mitbürgern gute Dienste gegen die mexicanischen Räuber zu leisten.

Unter der Führung des berüchtigten Bustenado hatte nämlich eine mexicanische Bande den Rio Grande überschritten und nicht blos die daselbst weidenden Heerden fortgetrieben, sondern auch die Tochter eines Schotten Namens Gordon, ein schönes 17 jähriges Mädchen, gewaltsam entführt.

Der 70jährige Gordon und die weißen Ansiedler beschlossen, den Mexikanern die Beute wieder abzunehmen, und die Brüder James stellten sich an ihre Spitze. Freilich waren es nur 8 Mann, und Bustenado’s Bande zählte 30 Köpfe.

Am dritten Tage hatte man die Mexicaner eingeholt. Die letztern waren bereits über den Rio Grande gegangen, sie lagerten in der Nähe des Flusses, und freuten sich, daß der kecke Streich so gut gelungen war. Durch ein Gebüsch verdeckt, kam die kleine Schar bis auf Pistolenschußweite heran, dann wurde das Signal zum Angriff gegeben.

Im vollen Galop sprengten die Amerikaner, die Zügel zwischen den Zähnen, in jeder Hand einen Revolver, in die Mitte der Räuber und eröffneten ein heftiges Feuer. Die Hälfte der Banditen wurde sofort erschossen, die andere Hälfte, ihr Hauptmann voran, sprang auf die Pferde und suchte ihr Heil in der Flucht. Bustenado zog ein Pistol und gab einen Schuß ab auf seine Gefangene, die zwar nicht getroffen wurde, aber vor Schreck in Ohnmacht fiel. Jesse James schoß und streckte den Anführer nieder, die Mexicaner wurden bis auf sechs Mann, die sich durch die Flucht retteten, getödtet. Der Sieg war ein vollständiger, Gordon kehrte mit seiner Tochter fröhlich über den Rio Grande nach Texas zurück, und die Heerden wurden ihren Eigenthümern zurückgegeben.

Frank und Jesse James hatten sich Achtung und Ansehen unter ihren Nachbarn erworben. Sie kamen vorwärts und kein Mensch wußte von ihrer Vergangenheit. Aber der friedliche Beruf als Viehzüchter und Viehhändler befriedigte sie nicht. Gewöhnt an das wilde Räuberleben mit seinen Gefahren und Kämpfen, mit seinen Aufregungen und Abenteuern, wurde ihnen ihr friedliches Gewerbe immer unerträglicher. Frank James besaß infolge der schweren Verwundung in Northfield und weil er sich einer Operation hatte unterwerfen müssen, die frühere Elasticität nicht mehr und mußte deshalb vorerst in Texas bleiben. Jesse James hingegen kehrte im Herbst 1879 nach seinem alten Jagdgründe in Clay-County zurück und wurde wiederum Räuberhauptmann. Zu seiner Bande gehörten: Ed. Miller, ein Bruder von Clell Miller, Jim Cummings, der Pferdedieb, Tucker Baasham, Will Byan, Dick Little und drei junge Farmerssöhne, die er angeworben hatte.

Der erste Schlag galt der Chicago- und Alton-Bahn in Kansas. Die Ernte war eine außerordentlich reiche gewesen, auch die Bergwerke in Colorado hatten einen bedeutenden Ertrag geliefert, die nach Osten gehenden Züge pflegten große Geldsummen und ansehnliche Mengen von Gold- und Silberbarren zu führen.

Die Räuber beschlossen, in Glendale, einer kleinen Haltestation, einen Eisenbahnzug zu berauben.

Abends nach 7 Uhr pflegten sich die Bewohner von Glendale in dem einzigen Kaufladen des Oertchens, in welchem sich auch die Postoffice befand, zu versammeln und den 7½ Uhr ankommenden Zug zu erwarten.

Eines Tages im Anfang des October 1879 kamen ein Dutzend maskirte Männer zu Pferde angeritten. Sie hielten, mit Büchsen und Revolvern bewaffnet, vor dem Laden und ließen niemand herein oder heraus. Gleich darauf schwenkten mehrere Reiter ab nach dem Stationshause, einer ging hinein und sagte zu dem Telegraphisten: »Ich möchte ein Telegramm nach Chicago aufgeben.« Der Beamte antwortete: »Sehr Wohl, mein Herr«, und machte sich fertig, die Depesche zu expediren. Er wurde jedoch mit den Worten: »Sie sind mein Gefangener«, zurückgerissen und gebunden, die Räuber zerstörten die Telegraphenleitung, öffneten die Weichen und wälzten schwere Steine auf die Schienen. Hierauf wurden alle Bewohner des Ortes in das Frachthaus gesperrt und das Stationshaus visitirt. Im obern Stocke befand sich die Mutter des Telegraphisten und der Bahnbeamte Bridges. Dem letztern wurde die Uhr abgenommen und die Signallaterne hervorgeholt. Als der Zug einlief, sprangen zwei Räuber auf die Locomotive und knebelten deren Führer, an jeden Wagen stellten sich zwei Banditen, der Anführer befahl dem Expressboten Grimes, den Expresswagen zu öffnen. Grimes hatte sich verbarrikadirt. Hierauf wurde die Thür mit bereit gehaltenen Aexten und Schmiedehämmern zertrümmert, Jesse James drang ein und rief: »Ergebt Euch, die Schlüssel her!« »Wozu?« entgegnete der Erpreßbote. Als Antwort erhielt er einen heftigen Schlag mit dem Pistolenkolben ins Gesicht, sodaß er blutüberströmt zurücktaumelte. »Die Schlüssel her! Ihr habt Geld von Colorado, das müssen wir haben«, befahl James nochmals. Jetzt reichte ihm Grimes die Schlüssel und der Geldschrank wurde geplündert. Die Banditen erbeuteten die ansehnliche Summe von 30000 Dollars, sie waren aber trotzdem unzufrieden, denn sie hatten auf wenigstens 200000 Dollars gehofft.

In den Passagierwagen gab es eine Scene des Schreckens und der Verwirrung. Die Reisenden versteckten ihr Geld, ihre Uhren und Schmucksachen in alle Winkel, in die Sitzkissen, die Spucknäpfe, unter die Bänke und machten sich auf das Schlimmste gefaßt. Ihre Angst war jedoch umsonst. Sie wurden, weil die Räuber keine Zeit verlieren wollten, nicht behelligt. Der Räuberhauptmann übergab dem Boten Grimes ein an das »Kanas-City-Journal« gerichtetes, aus Blue Springs in Missouri datirtes Telegramm mit dem Auftrage, dasselbe von der nächsten Station abzusenden.

Es lautete: »Wir sind Leute, mit denen nicht gut Kirschen essen ist. Diejenigen, welche mit uns anbinden, dürfen sich auf einen heißen Empfang gefaßt machen.«

Unterzeichnet war das Schriftstück: »Frank James, Jesse James, Jack Bishop, Jim Connors, Cool Carter und drei andere.«

Die Räuber zogen lachend und pfeifend ab, die im Frachthaus eingeschlossenen Gefangenen wurden befreit und der Zug dampfte weiter. Der Telegraph meldete, was geschehen war, die Behörden und die Bürgerschaft thaten ihr Möglichstes. Es wurde eine Belohnung von 40000 Dollars ausgeschrieben, und schon am nächsten Morgen brach eine kleine gut berittene Schar auf, um die Bande einzufangen. Aber es fehlte jede Spur, die Räuber waren verschwunden und alles Suchen blieb ohne Erfolg. Der Marschall Ligget kam auf den Gedanken, einen Mann Namens Shepperd als Spion zu engagiren, Er war der Bruder des berüchtigten Räubers George Shepperd, früher Guerrilla und Desperado gewesen, muthig, gewandt und hatte vor Jahren ein feindliches Rencontre mit Jesse James gehabt. Er erklärte sich bereit, den gefährlichen Auftrag zu übernehmen, und beschloß, zum Schein Mitglied der Bande zu werden, sie zu beobachten und im rechten Moment der Polizei zu überliefern. Es gelang ihm, Jesse James und seine Genossen aufzuspüren und er wurde von ihnen angeworben.

Aber Jesse James traute ihm nicht und stellte ihn auf die Probe. Er schickte ihn und Ed. Miller nach Galena, um auszukundschaften, ob man die dortige Bank berauben könne. Miller hatte den geheimen Auftrag, seinen Begleiter auf Schritt und Tritt zu überwachen. Shepperd ging in die Falle. In Galena angelangt, telegraphirte er an den Marschall Ligget und ließ den Beamten der Bank eine Warnung zukommen. Miller gewann die Ueberzeugung, daß sie von ihm verrathen werden sollten, er ritt unter einem Vorwande allein in das Lager zurück und meldete Jesse James, wie die Sachen ständen. Man wurde einig, den Verräther zu ermorden. Als Shepperd am folgenden Tage zurückkehrte, sah er schon von weitem, daß die Leute ihre Pferde bestiegen und ihm entgegenritten. Er sah sich vor und machte sich schußfertig. Jesse James feuerte, als er nahe genug war, aber diesmal fehlte die Kugel. Shepperd zielte mit Bedacht und Jesse stürzte in den Hals getroffen zur Erde. In voller Wuth gaben mehrere Räuber ihren Pferden die Sporen und sprengten hinter Shepperd drein, der im Galop davongeritten war. Er wurde durch das linke Bein geschossen, aber er setzte trotzdem seine Flucht fort, erreichte das nächste Dorf und war gerettet.

Der lebensgefährlich verwundete Bandenführer wurde von seinen Genossen in ein einsames Haus getragen und von einem Arzte in Joplin, den man mit verbundenen Augen auf Umwegen zu ihm führte und fürstlich bezahlte, behandelt. Allmählich besserte sich sein Zustand und im Januar 1880 konnte er nach Texas gebracht werden. Dort verweilte er wiederum über ein Jahr und führte das Leben eines ehrlichen Mannes und friedlichen Bürgers.

Wir wollen an dieser Stelle bemerken, daß beide Brüder James verheirathet sind. Frank schloß 1875 die Ehe mit Miß Annie Ralston, deren Vater in Jackson, acht Meilen von Kansas-City, wohnt, sie soll ein schönes, kluges Mädchen gewesen sein und sich in Frank James verliebt haben, weil sein abenteuerliches Leben und seine große Tapferkeit ihr imponirten. Jesse James nahm im Jahre 1874 seine Cousine Jerelda Mimns zur Frau. Sie war Lehrerin an einer öffentlichen Schule und wurde mit Jesse im Hause seiner Mutter näher bekannt. Beide Ehen sollen glücklich, die Männer ihren Frauen in großer Liebe zugethan, die Frauen ihren Männern treu und gehorsam sein. Die Frauen haben jede Gemeinschaft mit ihren Aeltern und Verwandten aufgegeben, sie theilten Noth und Gefahren mit ihren Männern, die von ihnen als Helden verehrt wurden.

Es sei gestattet, eine kurze Geschichte zu erzählen, welche die Stimmung der Bevölkerung charakterisirt und beweist, wie groß die Angst vor den Brüdern James war.

In der Nähe der Farm des Herrn Ralston, des Schwiegervaters von Frank James, lebte ein alter Farmer, William Nolan, der viel von den Brüdern James gehört, aber dieselben noch niemals gesehen hatte. An einem schönen Sommerabend, als die Dunkelheit hereinbrach, hielt ein junger Mann, der ein sehr schönes Pferd ritt, vor Nolan’s Hause, er klagte, daß er sehr müde sei, und fragte, ob er wol ein Nachtlager und Futter für sein Pferd erhalten könne. Nolan bejahte seine Frage mit dem Bemerken, daß er freilich fürliebnehmen müsse, denn das Haus sei klein und eng. Der Fremde stieg ab und »als er«, so erzählte Nolan später seinen Nachbarn, »sein Pferd in den Stall führte, fiel es mir auf, daß er außerordentlich besorgt um das Thier war und den Platz, wo es untergebracht werden sollte, mit großer Sorgfalt untersuchte. Wir gingen in das Haus und er legte ab. Meine Frau und ich sahen, daß er schwer bewaffnet war. Wir erschraken und hatten beide den Gedanken, wir möchten wol einen recht gefährlichen Menschen, vielleicht gar einen Räuber beherbergen. Meine Frau flog im Hause umher, um das Beste auf den Tisch zu bringen, was wir vorräthig hatten. Unser Gast setzte sich zum Essen nieder, zog aber seine Pistolen heraus und legte sie neben sich auf den Tisch. Herr Gott, dachte ich, was wird das werden! Meine Frau war durch und durch nervös und schlich umher, als ob sie sich in einem Pulvermagazin befände. Während des Essens fragte mich der Unbekannte: ›Kennen Sie die Brüder James?‹ ›Gottlob, nein‹, erwiderte ich, ›ich habe aber viel von ihnen gehört; man sagt, daß sie sich in dieser Gegend gar nicht mehr sehen lassen.‹ Das schien dem Menschen sehr zu gefallen, denn er schmunzelte freundlich. Der einzige Ort in unserm kleinen Hause, den wir dem Fremden zum Schlafen anweisen konnten, war der Boden über dem Zimmer, in welchem wir schliefen. Der Weg dahin ging eine Leiter hinauf zu einer Luke in der Decke der Stube. Es war für uns eine gefährliche Position, ich faßte mir daher ein Herz und sagte zu ihm: ›Fremder, Sie sind mein Gast, aber ich kenne Sie nicht. Sie mögen so sanft wie ein Lamm sein, aber ich kann es nicht wissen. Sie werden da oben schlafen‹, fuhr ich fort, nach dem Loch in der Decke zeigend, ›meine Frau und ich aber hier unten. Sollten Sie in der Nacht die Leiter nöthig haben, um herunterzukommen, so rufen Sie mir zu. Ich will keine Gefahr laufen. Sehen Sie das Gewehr, welches in der Ecke steht? Ich werde es mit Rehposten laden und die ganze Nacht hindurch neben mir am Bette haben. Ich sage Ihnen das nur, um jedem Misverständniß vorzubeugen.‹ Der Mensch lachte mir ins Gesicht und meinte, er sei so müde, daß er gut schlafen und mich vor dem Morgen sicher nicht stören würde. Dann stieg er die Leiter hinauf.

»Als er oben war, sahen wir uns bedenklich an, meine Fran flüsterte mir zu: ›Ich glaube, das ist Jesse James!‹ ›Das glaube ich auch‹, erwiderte ich leise.

»Ehe wir zu Bett gingen, lud ich mein Gewehr und that dies recht geräuschvoll, sodaß der Unbekannte es hören mußte. Ich kann mir wohl denken, daß er darüber gelacht hat, aber mir war es durchaus nicht lächerlich zu Muthe. Um 10 Uhr gingen wir zu Bett. Wir haben jedoch die ganze Nacht kein Auge zugethan. Ich hielt fortwährend das Gewehr schußfertig im Arm und hob es, wenn der Wind an den Fenstern rüttelte oder sonst ein Geräusch entstand, in die Höhe, um den Menschen niederzuschießen, sobald er Miene machte, aus der Luke herunterzusteigen. Meine arme Frau klammerte sich fest an mich an und redete immer von blutigen Mordthaten. Um 4 Uhr stand meine Frau auf, um das Frühstück zu bereiten. Ich blieb einstweilen im Bett sitzen und bewachte die Luke. Als das Frühstück fertig war, rief ich unserm unheimlichen Gaste zu. Er stieg ganz vergnügt herunter, ließ es sich schmecken und fragte uns dann, was er schuldig sei. Ich sagte ihm, das ich nichts von ihm annehmen würde. Er bedankte sich, bestieg sein Pferd und ritt fort. Meine Frau fand in dem Bett, in welchem er geschlafen hatte, eine Fünfdollarnote. Ich weiß nicht, ob er dieselbe absichtlich hineingelegt oder verloren hat. Aber das weiß ich, daß wir uns halbtodt geängstigt haben. Nach allen Beschreibungen ist unser Gast kein anderer gewesen als Jesse James.«

Am 7. September 1881 wurde wiederum ein Eisenbahnzug auf der Chicago-Alton-Bahn einige Meilen von Independence und nahe bei Glendale beraubt. Man hat in Zweifel gezogen, daß Jesse James dabei gewesen sei, aber mehrere Passagiere haben gehört, daß der Anführer Jesse genannt wurde, andere haben den Räuber, welcher das Commando hatte und, der einzige von allen, keine Maske trug, genau beschrieben und ihre Beschreibung stimmt mit seiner Persönlichkeit überein. Es ist auch Jesse James, der keine Furcht kannte, zuzutrauen, daß er es verschmähte, sein Gesicht hinter einer Larve zu verbergen, und man wird deshalb schwerlich irren, wenn man annimmt, daß er im September 1881 wiederum das alte Handwerk angefangen und auch diesen Eisenbahn-Überfall geleitet hat. Die Bande bestand aus 16 Mann, die den von Independence kommenden Zug erwarteten. Sie schwangen eine rothe Laterne, das Zeichen, daß es gefährlich sei, weiter zu fahren. Der Locomotivführer sah das Signal und brachte den Zug durch das Anlegen der Bremsen zum Stehen. In demselben Moment war er umringt von maskirten Männern, welche die Gewehre auf ihn anlegten und ihm befahlen, den Kohlenhammer zu holen und die Thür des Expreßwagens einzuschlagen. Er gehorchte, der Expreßbote wurde mit einem Gewehrkolben niedergeschlagen und die Plünderung begann. Während dies geschah, erinnerte sich der Conducteur Hagebaker daran, daß in einigen Minuten ein Güterzug, den er überholt hatte, auf demselben Gleise ankommen und unfehlbar auf den Expreßzug stoßen und denselben zertrümmern würde. Die Gefahr war groß und der Untergang vieler Menschenleben gewiß, wenn nicht vorgebeugt wurde. Hagebaker sprang herunter, benachrichtigte den Bremsenwärter Burton und beide liefen, was sie laufen konnten, dem Güterzuge entgegen. Die Räuber wußten nicht, was das zu bedeuten hatte, sie verfolgten die beiden Männer und schickten ihnen mehrere Kugeln nach, die jedoch glücklicherweise nicht trafen. Hagebaker und Burton erreichten den Zug und brachten ihn zum Stehen, sodaß durch ihren Muth und ihre Geistesgegenwart ein großes Unglück verhütet wurde.

Inzwischen hatten die Banditen die Passagiere visitirt und beraubt. Sechs Räuber gingen, die Revolver in der Hand, von einem Wagen zum andern, zwei durchsuchten die Passagiere auf der rechten, zwei die auf der linken Seite und warfen Geld und Uhren und Ringe in einen Sack, den ein Räuber trug. Sie gingen dabei sehr gründlich zu Werke, griffen selbst in die Taschen und zogen den Leuten die Ringe ab. Frauen, die nur wenig hatten, wurde nichts weggenommen und niemand ein Leid zugefügt. Auch bei diesem Ueberfalle kamen komische Scenen vor. Mancher hatte versucht, seine Baarschaft zu verstecken, und wurde ausgelacht, wenn man das Versteck entdeckte. Ein Herr trug 200 Dollars bei sich, er wickelte 185 Dollars sorgfältig ein und verbarg sie in einer geheimen Tasche, 15 Dollars, die er opfern wollte, that er in eine andere Tasche. Als aber die Reihe an ihn kam, war er so bestürzt, daß er die Taschen verwechselte und das Packet mit 185 Dollars abgab. Der Locomotivführer theilte den Räubern mit, daß die Locomotive kein Wasser mehr habe und nicht weiter fahren könne. Es wurde ihm gestattet, Wasser einzunehmen. Als dies geschehen war, reichte ihm der Räuberhauptmann die Hand und sagte zu ihm: »Adieu! Das war das letzte mal, daß Ihr den Jesse James gesehen habt.«

Der Gouverneur ordnete mit großer Energie die Verfolgung der Räuber an, und schon am folgenden Tage wurden fünf derselben gefänglich eingebracht: Sam und Creed Chapman, die Söhne eines in der Nähe wohnenden achtbaren Farmers, denen niemand ein solches Verbrechen zugetraut hätte, John Vaud, ein Mensch, der sich ohne Arbeit herumtrieb und schon lange in schlechtem Rufe stand, Andy Byan, der Bruder des berüchtigten Räubers Bill Byan, und John Burgler, der Sohn des von einem Pöbelhaufen im Jahre 1867 bei einem Auflaufe vor dem Gefängnisse in Independence ermordeten Burgler. Einige Tage später wurden Charles Fish, J. W. Bradfield und ein gewisser Clark verhaftet. Bradfield war wegen Fälschung zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt, hatte auch einen Theil der Strafe verbüßt, war aber dann aus der Missouri-Penitentiary entflohen.

Creed Chapman, John Land und John Bugler wurden in den Anklagestand versetzt, vor die Jury gestellt, schuldig gesprochen und mit Zuchthaus belegt, die andern mußten wegen mangelnder Beweise freigesprochen werden.

Am 22. September 1881 wurde ein Eisenbahnzug auf der Iron-Mountain-Eisenbahn beraubt. Der Ueberfall ist einzig in seiner Art, er wurde von drei blutjungen Menschen ausgeführt. Die sämmtlichen Bahnbedienten und alle auf dem Zuge befindlichen Männer ließen sich von den halbwüchsigen Burschen so einschüchtern, daß sie nicht den mindesten Widerstand leisteten, vielmehr ohne weiteres zitternd und bebend alles hergaben, was sie an Geld und Wertsachen besaßen. Der Zug verließ um 8 Uhr abends die Station Texarca; dieselbe liegt auf der Grenze von Arkansas und Texas, sie wird in der Mitte durch eine breite Straße getheilt und gehört halb zu dem erstern, halb zu dem letztern Staate. An der Station Hope stiegen drei junge Menschen ein, entrichteten das tarifmäßige Fahrgeld und nahmen Platz. Zwischen Prescott und Kennett sprangen sie auf und befahlen dem Conducteur Whitside, indem sie ihm ihre Pistolen auf die Brust setzten, den Zug halten zu lassen. Der Conducteur zog in der äußersten Bestürzung so heftig am Signalstricke, daß derselbe riß. Der Zug hielt, die jugendlichen Räuber zwangen den Conducteur mit vorgehaltenen Gewehren, sie durch den Zug zu begleiten, dann nahmen sie den Passagieren das Geld ab. Als sie in den Expreßwagen kamen und die Oeffnung des Geldschrankes begehrten, machte der Expreßbote Miene, sich zu weigern, der Conducteur aber, auf den noch immer die Pistolen gerichtet waren, flehte ihn an: »Thu es, thu es, sonst bin ich verloren.« Der Bote reichte die Schlüssel hin, und die Banditen raubten die Summe von 15000 Dollars. Sie verließen den Zug, feuerten noch einige Schüsse auf den Locomotivführer ab und waren nach etlichen Minuten verschwunden.

Die Eisenbahnkompagnie setzte eine Prämie von 5000 Dollars, der Gouverneur eine solche von 500 Dollars auf den Kopf jeden Räubers. Am nächsten Tage schon brach eine berittene Schar auf, um die Banditen zu fangen, und diesmal war der Erfolg vollständig. Einer von den Räubern wurde in Texas, die beiden andern wurden im Indianerterritorium ergriffen und von den Geschworenen für schuldig erklärt. Das Erkenntniß lautete für jeden auf 70 Jahre Zuchthaus. Sie wurden in die Penitentiary von Little-Rock abgeführt.

Einer von ihnen, P. I. Sullivan, der sich Delancey nannte, wurde in der Strafanstalt, infolge eines Briefes seiner Aeltern, den er daselbst erhielt, schon nach einigen Wochen so krank, daß der Gefängnißarzt zu Rathe gezogen werden mußte. Ein bestimmtes Leiden konnte nicht nachgewiesen werden, aber der Gefangene, dessen Puls 140 Schläge in der Minute zählte, und der sehr matt und hinfällig war, machte dem Arzt einen bedenklichen Eindruck. Er ließ ihn in das Hospital bringen, dort wurde er sorgsam gepflegt und es schien auch, als ob er sich erholen würde. Aber bald darauf wurde es mit ihm schlimmer als zuvor. Er vergoß Ströme von Thränen, Scham, Reue, Gewissensbisse trieben ihn zur Verzweiflung, die Kräfte sanken von Tag zu Tag, er konnte nicht mehr stehen und gehen und lag in den gräßlichsten Seelenqualen auf seinem Bett. Zum Arzte sagte er: »Die Schatten werden immer dunkler, die Nacht erdrückt mich mit ihrer Finsterniß. Ein einziges Verbrechen, hierauf das Zuchthaus und dann den Tod! Mein Vater hat viele Jahre hindurch das Evangelium gepredigt und vielemal seine Hände über meinem Haupte gefaltet und gebetet. Nun ist er alt und ich habe Schande über seine grauen Haare gebracht. Und meine arme liebe Mutter! Ach, wenn ich nur ein einziges mal ihre Stimme hören könnte. Ich bin todt für sie, sie könnte zu mir kommen, aber sie kommt nicht.« Der Kranke fing an zu phantasiren, seine Gedanken verwirrten sich und es währte nicht lange, da berührte ihn der Todesengel, er starb an gebrochenem Herzen.

Wie aber war es gekommen, daß aus dem hoffnungsvollen Sohne rechtschaffener Aeltern ein Verbrecher wurde? Er wurde ein Opfer jener Schandliteratur, der »Dime-Novels«, welche das wilde Jäger- und Räuberleben im Westen von Amerika an den Grenzen der Civilisation in bunten Farben schildert, die gesetzlosen, verwegenen Männer, die daselbst ihr Wesen treiben, zu Helden stempelt, die Phantasie der jugendlichen Leute erhitzt und schon zahlreiche Knaben und Jünglinge verführt hat, das Vaterhaus zu verlassen und ein abenteuerndes, romantisches Leben zu beginnen, welches gewöhnlich mit dem Zuchthaus oder Schaffot endigt. Die schrecklichen Bilder und Träume, welche den Kranken vor seinem Ableben peinigten, bewiesen, daß auch er an dieser schändlichen Presse zu Grunde gegangen ist.

Der Proceß wider die drei jungen Räuber hatte noch ein Nachspiel. Zwei von ihnen waren, wie wir erwähnten, im Indianerterritorium festgenommen worden. Hoddlestone, Bolvines, Moore und Dollahode hatten sie eingefangen und bei ihnen 9000 Dollars baares Geld gefunden, die von dem Eisenbahnraube herrührten. Hoddlestone schlug seinen Kameraden vor, sie wollten diese Geldsumme als gute Beute unter sich theilen und den Behörden nichts davon sagen. Der Vorschlag wurde angenommen und die Theilung vollzogen. Sie transportirten die Gefangenen vor den Gouverneur und ließen sich die ausgesetzten Prämien auszahlen. Das Stillschweigen der Räuber hatten sie dadurch erkauft, daß sie mit einem heiligen Eide sich verpflichteten, ihnen, wenn sie zu Zuchthaus verurtheilt würden, zur Flucht aus der Strafanstalt behülflich zu sein und an ihre Familien je 100 Dollars jährlich zu entrichten. Während der Gerichtsverhandlung schlug einem der Betheiligten das Gewissen. Er ging zum Superintendenten der Iron-Mountain-Eisenbahn und erzählte ihm den Hergang. Nun wurde eine Untersuchung eingeleitet und die Summe von 9000 Dollars wieder zur Stelle geschafft. Ob und welche Strafe die betrügerischen Häscher empfangen haben, wissen wir nicht.

Wir erzählen nun noch einen Raubanfall in dem weit über den Westen hinaus am Stillen Meere liegenden Staate Californien. Am 7. November 1881 bewegte sich die zwischen Sokora und Milton fahrende Postkutsche in der Nähe der Garibaldi-Grube einen ziemlich steilen Abhang hinunter. Auf dieser nicht ungefährlichen Stelle wurde sie von vier vermummten Männern angehalten, der Kutscher und die beiden männlichen Passagiere wurden gezwungen auszusteigen und die Hände in die Höhe zu halten. Die beiden Frauen, die sich im Wagen befanden, durften sitzen bleiben und wurden nicht belästigt.

Der Anführer der Räuber erbrach die Expreßkiste und entnahm derselben die Summe von 4000 Dollars. Um die Passagiere schien man sich nicht weiter kümmern zu wollen, aber einer von ihnen, ein Kaufmann Mandruff aus Sokora, hatte das Unglück, die Aufmerksamkeit der Banditen dadurch auf sich zu lenken, daß er ein Packet heimlich in den Frühstückskober fallen ließ. Man entriß ihm den Kober und siehe da, ein Beutel mit Goldstaub im Werthe von etwa 600 Dollars lag darin. Ein Räuber nahm ihn heraus mit den Worten: »Ah, da ist ja auch etwas zum Frühstück und wir sind bei gutem Appetit.« Es verging geraume Zeit, ehe die Beute gehörig verpackt und vertheilt war, der Kutscher rief ungeduldig: »Um Himmels willen macht doch, daß ihr fertig werdet, damit ich den Zug nicht versäume.« Der Räuberhauptmann erwiderte: »Ich bin jetzt fertig, du kannst nun weiter fahren, aber erst sage mir noch genau, wie viel Uhr es ist?« Der Postillon zog seine Taschenuhr heraus und gab die gewünschte Auskunft: »Danke, Freund, danke, fahre zu und glückliche Reise!« antwortete der gemüthliche Räuber und war im nächsten Augenblicke verschwunden.

Wir kehren zurück zu Jesse James, der sich im November 1881 in St.-Joseph, der drittgrößten Stadt von Missouri, unter dem Namen Thomas Howard niedergelassen hatte und mit seiner Frau und zwei Kindern, einem Knaben und einem Mädchen, eine auf einein Hügel gelegene Cottage bewohnte. Seine Mitbürger wußten nicht, daß der gefürchtete Räuberhauptmann unter ihnen verweilte. Zwei junge Leute, die Mitglieder seiner Bande gewesen waren, Robert und Charles Ford, hielten sich als Gäste in seinem Hause auf. Jesse blieb in der Regel den Tag über daheim, abends pflegte er nach dem Eisenbahndepot zu gehen und die Zeitungen zu holen, die er eifrig las. Er führte ein zurückgezogenes Leben, niemand achtete auf ihn und seine Familie. Am 3. April 1882 wurde wie gewöhnlich das Frühstück gemeinschaftlich genommen, dann besorgten die drei Männer die in dem dicht neben dem Hause befindlichen Stalle stehenden Pferde und begaben sich wieder in die Wohnstube. Jesse James, dem es warm geworden war, zog den Rock und die Weste aus, warf die Kleider auf das Bett, schnallte den Gürtel ab, in welchem zwei Revolver staken, und legte dieselben neben sich. Hierauf ergriff er einen Federwedel und stieg auf einen Stuhl, um einige an der Wand hängende Bilder abzusäubern. Er kehrte den Gebrüdern Ford den Rücken zu. Diesen Augenblick benutzten die letztern, um ihn meuchlings zu ermorden. Sie machten ihre Revolver schußfertig, stellten sich hinter Jesse und zielten. Er hatte vermuthlich eine ihrer Bewegungen gehört und war im Begriffe, sich umzuwenden, da krachte der Schuß aus der Waffe von Robert Ford, deren Mündung nur vier Fuß von seinem Hinterkopfe entfernt war. Die Kugel drang in die Basis des Schädels ein und ging über dem linken Auge zur Stirn wieder heraus. Ohne einen Laut von sich zu geben, stürzte Jesse vom Stuhle rückwärts herunter und war todt. Das Mordgewehr, einen Colt’schen Revolver mit Perlmuttergriff, hatte er erst wenige Tage zuvor seinem Mörder zum Geschenk gemacht.

Frau James war in der Küche beschäftigt, als sie den Schuß fallen hörte, sie eilte erschrocken in die Stube und fand daselbst ihren Mann in seinem Blute liegend. Robert und Charles Ford begaben sich, die Revolver in der Hand, in die Telegraphenoffice und telegraphirten dem Gouverneur Crittenden in Kansas-City, dem Polizeichef Craig daselbst und dem Sheriff Timberlake in Clay-County, daß sie Jesse James erschossen hätten. Sodann gingen sie auf die Polizei und ließen sich festnehmen.

Die Nachricht, daß der gefürchtete Räuber, welcher so viele Jahre ungestraft im Staate Missouri Eisenbahnen, Posten und Banken geplündert und Leben und Eigenthum der Bürger bedroht hatte, getödtet war, erregte das größte Aufsehen. In den Straßen standen die Leute in Gruppen beisammen und besprachen das Ereigniß des Tages. Allgemein freute man sich darüber, daß das Land von dieser Geißel befreit war, aber ebenso allgemein war die Entrüstung, als man erfuhr, daß die Gebrüder Ford im Auftrage der Staatsbehörden den Mord verübt hatten.

Robert Ford sprach sich unmittelbar nach der That über seine Bekanntschaft mit Jesse James gegen den Berichterstatter einer Zeitung so aus: »Ich lernte Jesse vor drei Jahren kennen, er kam damals öfter in die Farm meines ältesten Bruders. Im November 1881 zog er nach St.-Joseph und lebte dort unter dem Namen Thomas Howard. Mein Bruder und ich kannten fast alle, die zu seiner Bande gehörten. Wir standen mit ihm in einem freundschaftlichen Verhältniß, haben aber niemals an einem seiner Raubzüge theilgenommen. Viele seiner Genossen waren gefangen, getödtet, von ihm weggegangen, und er hoffte, wir würden uns von ihm werben lassen. Vor einiger Zeit kam er nach City-County und besuchte seine Mutter, die in Kearney, 40 Meilen von Kansas-City, entfernt wohnt. Dort trafen wir mit ihm zusammen und versprachen ihm, uns seiner Bande anschließen zu wollen. Er nahm uns mit nach St.-Joseph und wir wohnten daselbst bei ihm. Unser Versprechen war nicht ernstlich gemeint, wir standen vielmehr mit der Geheimpolizei in Verbindung und waren entschlossen, den Preis von 10000 Dollars zu gewinnen, den der Gouverneur Crittenden auf seinen Kopf gesetzt hatte. Jesse James ahnte nichts davon, daß wir ein falsches Spiel mit ihm trieben, und hielt uns für seine besten zuverlässigen Freunde. Er war stets auf seiner Hut und ging nie ohne Waffen aus. Wir wußten, daß wir ihn lebend nicht fangen würden, und kamen überein, ihn zu tödten. Dazu benutzten wir die Gelegenheit, als Jesse zum ersten mal seinen Revolver ablegte und auf den Stuhl stieg, um Bilder abzustäuben.«

Der Kapitän E. Ford, ein Bruder der beiden Mörder, äußerte sich gegen einen andern Zeitungsberichterstatter folgendermaßen:

»Ich bin schon seit dem Herbste vorigen Jahres hinter Jesse James hergewesen und habe meinen Brüdern zugeredet, daß wir gemeinschaftlich ihn beiseiteschaffen wollten, denn er hatte uns den Tod gedroht. Meine Brüder kannten seinen Aufenthalt, wir suchten ihn mehreremal in unser Haus zu locken, um ihn daselbst entweder gefangen zu nehmen oder umzubringen, James kam auch zweimal zu uns, allein zufällig war ich nicht anwesend, deshalb konnte unser Plan nicht ausgeführt werden. James hätte uns alle drei getödtet, wenn meine Brüder ihm nicht zuvorgekommen wären.«

Nachdem der Polizeichef Craig in Kansas-City das an ihn gerichtete Telegramm empfangen hatte, machte er sich in Begleitung einer Anzahl von bewaffneten Polizeidienern auf, um die Leiche des Räubers in Empfang zu nehmen und um die Mörder gegen etwaige Angriffe von James‘ Freunden zu schützen.

Man schritt zum Coroner’s Inquest, der Todte wurde als Jesse James von seinen Angehörigen und von mehrern Zeugen anerkannt. Der Polizeichef Craig sagte aus: »Ich kenne die Gebrüder Ford, Robert Ford assistirte dem Sheriff Timberlake und mir, Beamter der Polizei war er zwar nicht, aber er handelte gemäß den ihm von uns ertheilten Instructionen. Charles Ford dagegen hat keinen Auftrag von mir gehabt, Jesse James lebendig oder todt in die Hände der Polizei zu liefern.«

Der Sheriff Timberlake, der ebenfalls zugegen war, erklärte: »Ich bin mit Jesse James bekannt gewesen und habe ihn im Jahre 1870 zum letzten mal gesehen. Charles Ford ist von mir ausdrücklich ermächtigt worden, seinem Bruder Robert bei der Ermordung von James Beistand zu leisten.«

Der entseelte Körper des Räubers wurde in einen kostbaren Sarg gelegt, mit einem Extrazuge, dem viele seiner Freunde das Geleit gaben, zu seiner Mutter nach Kearney übergeführt und in der Office des Dr. Samuels ausgestellt. In der dortigen Baptistenkirche fand die Todtenfeier statt, der Prediger der Baptistengemeinde, deren eifriges Mitglied James gewesen war, hielt die Leichenrede in Gegenwart einer großen Menge von Menschen. Bei der Beerdigung befanden sich der Sheriff Timberlake und ein Glied der Familie Ford mit unter denen, welche das Baartuch hielten.

Einige Tage später wurde in St.-Joseph das Mobiliar, welches Jesse James hinterlassen hatte, verauctionirt. Das Publikum riß sich um einzelne Stücke und bezahlte Preise, die den wirklichen Werth weit überstiegen. So wurden bezahlt: sechs alte Rohrstühle das Stück mit 2 Dollars, der Stuhl, auf welchem James die tödliche Kugel empfangen hatte, mit 5 Dollars, eine alte Reisetasche mit 21 Dollars, ein alter verrosteter Revolver mit 17 Dollars, ein altes Taschenmesser mit 4½ Dollars.

Zwei Reitpferde erwarb ein Speculant für einen sehr hohen Kaufpreis und ließ sie nach St.-Louis schaffen, um sie dort wieder mit Gewinn loszuschlagen. Aber die Pferde mußten sorgfältig bewacht werden, denn es wurde versucht, die Mähnen und die Schwänze abzuschneiden, um sie als Andenken zu behalten.

Robert und Charles Ford wurden in Haft gehalten, bis ihr Proceß zur Verhandlung kam. Ein Zeitungsreporter besuchte sie im Gefängniß und dabei entspann sich das folgende Gespräch.

»Ich sage Ihnen«, nahm Charles Ford das Wort, »es hat nur Einen Jesse James gegeben. Er hatte sich zum Räuberfürsten aufgeschwungen, zu einem Befehlshaber, der in jedem Augenblick ein Mitglied der Bande, welches ihm den Gehorsam verweigerte, niedergeschossen haben würde. Er übte die höchste Autorität aus und erkannte keinen als ebenbürtig an. Was Jesse sagte, war Befehl und geschah.« – »Er war also ein rechter Räuberhauptmann?« – fragte der Reporter. Robert Ford erwiderte: »Er regierte mit einer eisernen Ruthe und ich halte es auch für durchaus nöthig, daß alle, die zu einer solchen Bande gehören, den Anführer fürchten und ihm unbedingt gehorchen.«

Am 17. April 1882 standen die beiden Fords vor den Schranken des Gerichts im Kreisgericht zu St.-Joseph. Zunächst wurde die Anklageschrift verlesen, dann richtete der Präsident an Robert Ford die Frage, ob er sich des Mordes schuldig oder nichtschuldig bekenne. Der Angeklagte erhob sich, warf dem Polizeichef Craig einen verständnisvollen Blick zu, rief mit lauter Stimme »Schuldig« und setzte sich spöttisch lächelnd wieder auf seinen Platz.

Charles Ford folgte dem Beispiel seines Bruders, und der Richter verkündigte, ohne daß irgendeine weitere Verhandlung stattfand, das Urtheil: »Ein jeder von euch soll am 19. Mai 1882 nach einem passenden Orte geführt und am Halse aufgehängt werden, bis er todt ist.«

Die Verurtheilten wurden in ihr Gefängniß zurückgeführt, aber bereits nach einigen Stunden vom Gouverneur begnadigt und in Freiheit gesetzt.

Der Gouverneur hatte es offenbar sehr eilig mit der Begnadigung, denn er wollte ursprünglich begnadigen, ohne die Gerichtsverhandlung abzuwarten. Erst als der Oberstaatsanwalt auf seine Anfrage erklärte, daß dies unzulässig sei, wurde die Komödie vor dem Kreisgericht aufgeführt und unmittelbar nachdem das Urtheil gefällt war, der Gnadenbrief abgeschickt.

Ueber die dem Mord vorausgegangenen Verhandlungen zwischen dem Gouverneur und den Mördern hat sich der erstere so ausgesprochen: »Am 19. Februar d. J. trat eine schwarzgekleidete Dame in meine Office und schloß die Thür zu, die ich gewöhnlich offen stehen habe. Als ich ihre Frage, ob ich der Gouverneur sei, bejaht hatte, richtete sie die weitere Frage an mich: was mit den Eisenbahnräubern, die sich freiwillig stellten, geschehen würde? Ich erwiderte ihr: »Sie sind mir nicht bekannt, ich muß Ihnen aber sagen, daß Frank und Jesse James, wenn Sie etwa in deren Auftrage kommen, keine Gnade finden werden.« Darauf gab sie sich als eine Schwester der Gebrüder Ford zu erkennen. Ich erklärte: »Wenn Ihre Brüder oder andere Mitglieder der Bande sich freiwillig und mit dem ehrlichen Willen stellen, dem Staat bei der Aufrechterhaltung der Gesetze Hülfe zu leisten, bin ich bereit, alles, was in meiner Macht liegt, für sie zu thun.« Drei Tage später meldete sich Robert Ford bei mir, und versicherte, er wolle nicht mehr weiter leben wie bisher und die Verbindung mit Jesse James um jeden Preis lösen. Ich schickte ihn hierauf zum Sheriff, um mit diesem das Weitere zu besprechen. Was er mit demselben abgemacht hat, weiß ich nicht genau, aber so viel weiß ich, daß er mit der Erklärung weggegangen ist: binnen 14 Tagen werde alles zu Ende sein. Entweder er habe Jesse James erschossen, oder dieser habe ihn erschossen.«

Die Frage, ob denn die Gebrüder Ford ordentliche Detectivs im Dienste des Staates gewesen wären? beantwortete der Gouverneur dahin: »Nein, durchaus nicht. Ich habe indeß zu Robert Ford gesagt, den auf Jesse James Kopf gesetzten Preis von 10000 Dollars würde ich zahlen, möchte der Räuber lebendig oder todt geliefert werden.«

Als Robert Ford das Gefängniß verlassen hatte, verhaftete ihn der Sheriff Trigg von Ray-County von neuem unter der Anklage, zusammen mit Dick Little, auch einem Mitgliede der Bande von Jesse James, einen gewissen Wood Hite ermordet zu haben. Der Gouverneur hatte ihn nur wegen des an Jesse James verübten Mordes, aber nicht wegen der von ihm etwa sonst noch begangenen Verbrechen begnadigt. Er wurde also wiederum gefangen gesetzt, und wenn er in dem neuen Processe abermals verurtheilt werden sollte, wird schwerlich Gnade für Recht ergehen. Denn die öffentliche Stimme hat sich sehr bitter über das Verfahren des Gouverneurs ausgelassen und hart getadelt, daß kraft seiner Autorität Jesse James von einem Meuchelmörder aus Habsucht umgebracht worden ist.

Am 28. Mai kam die Sache sogar in der gesetzgebenden Versammlung des Staates Missouri zur Sprache, und der Gouverneur erlitt eine empfindliche Niederlage. Zwei Anträge, welche eine Billigung dessen enthielten, was der Gouverneur mit Robert Ford verhandelt hatte, lagen vor, aber der Sprecher wies sie ab. Es wurde Berufung gegen diese Entscheidung eingelegt, indeß die Mehrheit der Abgeordneten, 80 Demokraten, stimmte dem Sprecher bei, die der republikanischen Partei angehörigen Mitglieder und die Greenbackers blieben in der Minderheit.

Jesse James hatte schwere Verbrechen begangen, geraubt, geplündert und gemordet, die Bevölkerung von Missouri fürchtete ihn und seine Bande, aber er war ein muthiger Mann, oft verwegen bis zur Tollkühnheit, gelegentlich auch großmüthig, niemals grausam, und diese Eigenschaften hatten ihm in verschiedenen Kreisen Sympathien erworben. Er wurde nicht selten in St.-Louis, auch in Neuyork gesehen und doch nicht verrathen, ja er soll sogar, nach der Versicherung eines angesehenen Journals, bei der Chicago-Convention unter dem Namen Johnson als Delegirter des Staates Mississippi zugegen gewesen sein.

Zum Schlusse theilen wir einen interessanten und charakteristischen Brief von ihm an einen Beamten aus dem Jahre 1875 mit. Der Brief, welchen der Adressat nach James‘ Tode veröffentlicht hat, lautet so:

Aufenthalt, Mai 25. 1875. Confidentiell.

An … Werther Freund.

Ihr lieber Brief vom 21. d. M. gelangte gestern früh in die Hände der Frau …, die ihn mir sogleich zukommen ließ, und da ich eben eine Gelegenheit nach Kansas-City habe, so eile ich, Ihnen zu antworten. Sie sagen, Sie seien über meinen Aufenthaltsort höchlich erstaunt gewesen, da Sie mich in Texas oder Mexico glaubten; ich bin aber gewöhnlich da, wo man mich nicht vermuthet. Sie fragen, warum, wenn ich unschuldig bin, ich nicht offen hervortrete? Da Sie ein verständiger Mann sind, so bitte ich Sie, über die Sachlage ein wenig nachzudenken. Ich glaube wol, daß Gouverneur Hardin mir einen unparteiischen Proceß gewähren würde, wenn es in seiner Macht stände; aber erwägen Sie, wieviel über mich gelogen worden ist, und wie ich verfolgt worden bin. Das öffentliche Vorurtheil ist so stark, daß es vielleicht an hunderttausend Dollars kosten möchte, wollte ich mich gegen alle ungerechten Anklagen vertheidigen. Ich bin aber arm und kann die erforderlichen Mittel nicht auftreiben. Erwägen Sie ferner, daß der Staat Iowa, wenn man mich in Missouri entließe, meine Auslieferung verlangen würde. In diesem radicalen Staate hätte der Pöbel gewiß sehr bald ein Lynchgericht an mir vollzogen. Sie rathen mir, das Land zu verlassen. Wenn ich mich für schuldig hielte, so würde ich diesem Rathe folgen, aus den Vereinigten Staaten auswandern und nie wieder zurückkehren. Aber ich bin nicht schuldig; ich will in meinem Vaterlande bleiben und für mein Recht kämpfen, auch wenn ich in dem Kampfe untergehen sollte.

Freund …, denken Sie ruhig hierüber nach, und ich bin überzeugt, daß Sie mir recht geben werden. Die Zeitungen haben, wie Ihnen bekannt ist, Tausende von Lügen über mich verbreitet, aber mein Gewissen ist rein, und ich hoffe zuversichtlich, trotz aller Verleumdungen meine Unschuld klar darzuthun. Es gibt andere Leute in Missouri, welche auf das Conto der Brüder James und Younger geraubt haben, und mein Bestreben geht dahin, sie vor Gericht zu stellen. Wir werden der Welt beweisen, daß wir an diesen Räubereien schuldlos sind, und den Flecken tilgen, der auf unserer Ehre und unserm Namen liegt. Ich bin, im Vertrauen gesagt, jetzt in Unterhandlung mit Gouverneur Hardin, und ich hoffe, es wird mir gelingen, jene Schurken zu entlarven. Seit einem Monat habe ich mehrere Geheimpolizisten in Thätigkeit, nicht Chicago-Detectivs, sondern ehrliche Missourier. Sie sind hinter den Räubern her, welche auf den Namen der Gebrüder James und Younger Missouri gebrandschatzt haben. Diese Leute sind nun aufgespürt, und es kommt nur darauf an, sie festzumachen. Sie werden sich hierüber wundern, aber es ist so und ich will es Ihnen beweisen.

Clell Miller, Tom Mc. Danniel, Wm. Mc. Danniel, Jack Kene und Sol Reed haben am 8. December 1874 den Muncie-Kansaszug beraubt. Wm. Mc. Danniel sitzt. Die andern vier beraubten kürzlich den Store in Henry-County. Daran ist kein Zweifel, denn ich habe einen sichern Mann auf ihrer Fährte und ich weiß, daß sie des Muncie-Raubes überführt werden können. Auf die Gefangennahme eines jeden von ihnen ist ein Preis von 3500 Dollars gefetzt. Diesen Preis will ich nicht verdienen, mir ist es nur darum zu thun, festzustellen, wer jene Räubereien verübt hat. Ich will den Leuten zeigen, was es heißt, auf meinen Namen hin rauben, sie werden meiner Rache nicht entgehen, Gouverneur Hardin weiß vollkommen Bescheid, er ist hinter ihnen her. Vom Gouverneur habe ich soeben einen Brief erhalten. Wenn Reed und Kene nicht sehr vorsichtig sind, so werden sie sehr bald festsitzen, und ebenso auch Miller und Mc. Danniel, die jetzt wahrscheinlich im Clay-County sind. Dort können sie leicht fest genommen oder getödtet werden; Miller aber möchte ich lebend gefangen sehen; ich glaube, daß er alles sagen wird, was er weiß. Wenn die Schurken in Clay-County sind, so können Sie dieselben festmachen, wenn Sie thun, was ich sage. Nehmen Sie zehn oder fünfzehn entschlossene, mit Gewehren bewaffnete Männer und umstellen Sie früh bei Tagesanbruch das Haus von Mose Miller und das Haus der Foxes und lassen Sie auch den Waldstreifen durchsuchen, der zwischen den Häusern von Mose Miller und der Besitzung der Frau Arnolds liegt. Wahrscheinlich werden die Räuber in diesem Walde sein. Durchsuchen Sie auch Kendley’s Haus. Das wird Sie in Erstaunen setzen, denn Kendley ist hart hinter mir und meinem Bruder Frank hergewesen, er hat aber zu derselben Zeit Pferdediebe beherbergt. Wenn Sie die Räuber gefangen nehmen wollen, so lassen sie Kendley nichts davon wissen, denn er würde sie warnen. Am besten werden Sie thun, wenn Sie Ihre Mannschaft aus den Counties Liberty und Kearney nehmen und niemand wissen lassen, um was es sich handelt. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, so würde ich, vertrauenswürdige Leute damit beauftragen, die Häuser der Foxes, Mose Miller’s und Kendley’s zu überwachen und, wenn sie zum Frühstück oder Mittag ins Haus gehen, die Gewehre schußfertig zu halten. Mir liegt daran, daß die Leute festgenommen werden, denn es ärgert mich, daß sie rauben und daß ihre Schuld auf mich fällt.

Ich weiß gewiß, daß Clell Miller bei der Beraubung des Store in Henry-County seines Vaters graue Stute geritten hat. Wenn Sie die graue Stute finden, so können Sie sicher sein, daß Clell Miller auch da herum ist. Daß Clell und diese Stute bei der Affaire in Henry-County gewesen sind, kann bewiesen werden. Die Stute ist auf dem rechten Auge blind. Ermitteln Sie, ob die Stute zu Hause ist, dann benachrichtigen Sie den Sheriff von Henry-County, damit er jemand hinschickt, um das Pferd zu recognosciren, und lassen Sie sich einen Haftbefehl gegen Clell ausstellen, dessen Gefangennahme Ihnen 3500 Dollars einbringen wird. Am besten werden Sie thun, vorher nach Kansas-City zu gehen, mit Fred. Mitchell, dem Anwalt von Wells Fargo & Comp., Rücksprache zu nehmen und sich die Belohnung für die Gefangennahme von Miller und Mc. Danniel’s schriftlich zusichern zu lassen. Lassen Sie Mitchell aber nicht wissen, daß Sie von mir gehört haben. Nur dem Gouverneur Hardin dürfen Sie sagen, daß ich Ihnen diesen Rath ertheilt habe. Wie gesagt, ihm können Sie es sagen, aber keinem andern.

Die Freunde von Wm. Mc. Danniel haben versucht, mich und James O. Hinde in die Muncie-Räubereien zu verwickeln, und deshalb liegt mir daran, daß die Wahrheit an den Tag kommt. Sie erinnern sich, daß die Zeitungen berichteten, sowol bei dem Muncie-Eisenbahnüberfall als auch bei der Beraubung des Store in Henry-County sei ein kleiner Mann thätig gewesen. Das ist Sol Reed.

Nun noch ein Wort. Wissen Sie, daß … den Geheimpolizisten eingeredet hat. Sie seien mit den Räubern im Bunde? Es ist so. Ich habe unter den Detectivs ein paar gute Freunde, welche mich stets sehr genau unterrichten, sodaß ich stets weiß, was im Winde ist. Pinkerton hat Mißtrauen gegen jedermann, er ahnt aber dennoch nicht, wer meine Freunde sind. Meine besten Freunde geben sich, um mir zu dienen, den Anschein, meine schlimmsten Feinde zu sein, und gerade darin liegt das Geheimniß, daß jeder Anschlag auf mich mislingt.

Ich mache übrigens keinem Beamten einen Vorwurf daraus, daß er seine Pflicht thut. Wenn Sie mich für schuldig halten und auch verfolgen, so achte ich Sie deshalb. Sie müssen ja die Verbrecher festzunehmen suchen. Aber ich gebe Ihnen die heilige Versicherung, Frank und Jesse James stören den Frieden von Clay-County nicht. Wenn Sie die obengenannten Personen verhaftet haben, werden in Missouri keine Raubanfälle mehr vorkommen.

Ich habe Ihnen sehr ausführlich geschrieben, und binde Ihnen nochmals auf die Seele, außer dem Gouverneur Hardin niemand wissen zu lassen, daß ich Ihnen diese Mittheilungen gemacht habe. Verbrennen Sie diesen Brief. Ich werde mich bemühen, Ihnen weitere Nachrichten zu geben. Durch an mich gerichtete Briefe kann ich nicht verrathen werden, denn alle diese Briefe gehen durch mehrere Hände, ehe ich sie erhalte. Bitte, schreiben Sie mir sofort, und lassen Sie mich wissen, was Sie über das, was ich Ihnen geschrieben habe, denken; …, der elende Kerl, bringt alle die lügenhaften Zeitungsberichte über Clay-County in Verbindung mit den Brüdern James. Er fürchtet uns, deshalb verbreitet er solche Lügen, aber ich werde mit ihm abrechnen. Adressiren Sie wieder an Mrs. Mc. Bride, die alle Briefe an mich sofort befördern wird. Daß Sie und die Ihrigen noch lange und glücklich leben mögen, ist das Gebet Ihres aufrichtigen Freundes

I. W. James.

Noch einmal: Verbrennen Sie diesen Brief und gehen Sie mit sich selbst zu Rathe. Sobald ich Neues über die Ihnen von mir genannten Räuber erfahre, werde ich es Ihnen mittheilen; aber thun Sie nichts gegen Miller, ehe Sie Ihrer Sache sicher sind.

Nach dem Ueberfall im Hause meiner Mutter haßte ich Sie, aber nach reiflichem Nachdenken habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß Sie nicht anders handeln konnten, und jetzt hege ich keine unfreundlichen Gefühle mehr gegen Sie.


Die Räuberbande, deren Anführer Jesse James war, existirt nicht mehr, recapituliren wir, was aus ihren Mitgliedern geworden ist.

Jim Reed wurde nach dem Postraube zwischen San-Antonio und Austin tödlich verwundet und starb bald darauf.

Mc. Danniels fiel von den Kugeln derer getroffen, welche die Räuber nach dem Ueberfall der Bank von Huntington verfolgten; Keen gerieth bei derselben Gelegenheit in Gefangenschaft und wurde zu Zuchthausstrafe verurtheilt.

Sol Reed hat dem Räuberleben entsagt, er lebt als Farmer in Clay-County und erfreut sich des Vertrauens und der Achtung seiner Mitbürger.

William Danniels wurde in Kansas-City wegen schnellen Fahrens verhaftet. Man fand bei ihm 1000 Dollars, forschte weiter nach und entdeckte, daß er einer der Eisenbahnräuber war, und transportirte ihn nach Lawrence in das dortige Gefängniß. Er entsprang, wurde aber bald darauf von einem Farmer erschossen.

Dick Little verrieth seinen Kameraden Clarence Hite, der infolge dessen mit 25 Jahren Zuchthaus belegt wurde, und ermordete später zusammen mit Robert Ford seinen Freund Wood Hite. Er ist deshalb in Untersuchung und wird vor das Schwurgericht gestellt werden.

Hobbs Kerry ist nach der Beraubung der Missouri-Pacificbahn festgenommen und in das Zuchthaus geschickt worden.

Bill Berry wurde in Mexico im Staate Missouri bei Gelegenheit eines Sheriff-Aufgebotes erschossen, Charles Pitts und Chadwell fielen bei dem Kampfe zwischen den Räubern und der Bürgerschaft in Northfield, Clell Miller wurde bei Madelia von den Kugeln der Polizei-Mannschaft niedergestreckt.

Joe Collias und Bill Heffren hatten auf ihrer Flucht Boffalo in Kansas erreicht. Dort holte sie eine Miliztruppe der Vereinigten Staaten ein. Es entspann sich ein kurzes Gefecht und die beiden Räuber blieben auf dem Platze.

Arkansaw Johnson wurde in Denton in Texas, San Baß in Round Rock in Texas, Hy. Collins in Sterman in Texas niedergeschossen.

Bill Collins traf an der nördlichen Grenze der Vereinigten Staaten mit dem Deputy-Marshal Anderson zusammen. Beide feuerten zu gleicher Zeit und erschossen einander.

Pipe, Herndon, Jeff, Hite, Tucker Bashan, Bill Ryan sind wegen Beraubung der Post und der Eisenbahn verurtheilt worden, die ersten beiden zu 99 Jahren, die andern drei zu 25 Jahren Zuchthaus.

John Younger wurde vom Kapitän Lull erschossen, seine drei Brüder hat das Zuchthaus in Minnesota aufgenommen. Jesse James ist von der meuchelmörderischen Kugel Robert Ford’s gefallen, welcher letztere sich vor Gericht wegen der Ermordung von Wood Hite zu verantworten haben wird.

Sechs Räuber erwarten in Independence in Missouri den Spruch der Geschworenen. Ein einziger von den Banditen, Arthur Mc. Coy, ist eines natürlichen Todes gestorben. Frank James endlich, der, wie wir berichtet haben, in Northfield verwundet worden war, lebte bis vor kurzem unangefochten in Texas als Viehzüchter. Nach der Ermordung von Jesse James verbreitete sich das Gerücht, er werde nach Missouri zurückkehren und furchtbare Rache nehmen an allen denjenigen, die an dem Tode seines Bruders mittelbar oder unmittelbar teilgenommen hätten. Diese Gerüchte wurden bestätigt durch einen Brief, den Frank James am 29. April 1882 von Greenwood in Alabama an das »Courier-Journal« in Louisville in Kentucky richtete. Er schrieb in diesem Briefe wörtlich Folgendes:

»Ich weiß, das Publikum hält mich für todt, ich bin aber nicht todt, sondern am Leben erhalten geblieben, um den vorzeitigen Tod meines Bruders Jesse zu rächen. Vor drei Wochen verließ ich ihn in St.-Joseph, kurze Zeit vorher, ehe er von zwei Schurken ermordet wurde, und kehrte dann in meine Heimat zurück. Vor der Abreise warnte ich Jesse vor Robert und Charles Ford und sagte ihm, sie wären gemein genug, um etwas gegen ihn zu unternehmen. Er glaubte mir aber nicht. Morgen fahre ich nach Kansas-City. Ich treffe dort ein, ehe dieser Brief veröffentlicht ist, und werde mit mehrern Freunden, die mir Beistand leisten wollen, verabreden, was nun geschehen soll. Die Familie Ford und etliche ihrer Helfershelfer werden ihre Strafe erhalten. Ich weiß, wo ich sie finden werde. Die Zeitungen haben über Jesse und mich harte Urtheile gefällt, aber unsere Verbrechen sind vergrößert und übertrieben worden. Man legt uns vieles zur Last, woran wir nicht gedacht haben. Unsere Mitbürger wissen, daß wir unschuldig geächtet, von Haus und Hof gejagt, wie wilde Thiere gehetzt und endlich dazu getrieben worden sind, uns zu vertheidigen und uns gegen unsere Verfolger zu schützen. Wer den wirklichen Sachverhalt kennt, wird uns nicht verdammen. Wir haben geraubt, aber wir haben nicht gestohlen, wir haben getödtet, aber wir haben nicht gemordet. Als Sie, Herr Walterson, Soldat waren, nahmen Sie die Lebensmittel weg, wenn Sie dieselben brauchten. Nennen Sie das stehlen? Gewiß nicht. Wir haben nichts anderes gethan. Wir konnten nach Beendigung des Krieges nicht in unserer Heimat bleiben. Waren wir verpflichtet, den Hungertod zu sterben? Nein. Wir mußten uns selbst helfen. Das Leben gilt mehr als das Gesetz, und jeder vernünftige Mensch darf das Gesetz übertreten, um sein Leben zu reiten. Die Brüder James haben fourragirt wie die Soldaten der Armee, weil sie dazu gezwungen waren.

»Sie denken vielleicht, wenn Sie diese Zeilen erhalten, daß Sie getäuscht werden sollen, daß der Schreiber derselben nicht Frank James ist. Aber Sie können sich darauf verlassen, ich bin noch am Leben und schicke dieses Schreiben an Sie, weil das »Courier-Journal« keine Verleumdungen über uns gebracht hat. Binnen drei Monaten wird der Tod meines Bruders gerächt sein, dann werden Sie sich davon überzeugt haben, daß dieser Brief von mir herrührt.

»Ich hatte gehofft, ich könnte mein Leben in der Stille und fern von Missouri beschließen; aber der Tod meines Bruders fordert Sühne, und ich wünsche deshalb, durch Ihre Zeitung kundzugeben, daß ich an den satanischen Feiglingen, welche die gräßlichste That der modernen Zeit verübt haben, furchtbare Rache nehmen werde.

Achtungsvoll Frank James.«

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