10. Stoßtrupp Gold

Nach Bukarest fliegt man runde zweieinhalb Stunden. Im Flieger saß eine ziemlich bunte Mischung aus allgegenwärtigen Businessmen, geschäftigen Trägern irgendwelcher Funktionen und recht verwegenen Figuren, die aussahen, als kehrten sie an die Lagerfeuer ihrer Zigeunerstämme zurück.

Es regnete in Bukarest. Als Taxi in die Stadt hatte ich ein klapprigen Lada mit einem Budda von Fahrer, der das Lenkrad von unten fasste und einen sehr orientalisch-entspannten Eindruck machte. Ich fragte ihn nach einem guten Hotel. Das ist natürlich der Touristenfehler Nummer eins. Kein Taxifahrer wird einen zu einem guten Hotel bringen, sondern immer nur zu einem, bei dem er Provisionen kassiert. Aber ich hatte keine Zeit zu verlieren und außerdem nicht vor, für länger in der Stadt zu bleiben. So gondelten wir gemütlich in die City, und er setzte mich an einem riesigen Plattenbaukasten ab. Er hieß Niku, und um das Maß meiner Güte vollzumachen, fragte ich ihn, ob er in den nächsten ein, zwei Tagen schon etwas vor hätte. Hatte er nicht, und so buchte ich ihn gleich für den nächsten Tag für eine kleine Stadtrundfahrt, die allerdings nicht zu touristischen Zielen führen würde. Wir verabredeten eine Zeit, und er klemmte sich wieder hinters Steuer und töffelte davon. Der Lada hatte eine ganz schöne Schlagseite nach links. Ich musste ziemlich laufen und suchen, bis ich den richtigen Eingang im richtigen Flügel gefunden hatte und dann noch mal, bis ich die Stockwerke ausabaldowert hatte, in denen das Hotel residierte. Das Zimmer war ein trister Hasenstall mit einer spuckenden Heizung, die auch im Sommer nicht abzustellen war — warum Energie sparen, wenn man sie auch verschwenden kann? Ich riss das Fenster weit auf, von dem man einen freien Blick auf den größenwahnsinnigen Palast hatte, an dem Ceaucescu jahrzehntelang zu seinem eigenen Ruhm herumgebaut hatte, oder besser, bauen hatte lassen, und damit seiner netten kleinen sozialistischen Volksrepublik so gut wie alles Baumaterial entzogen hatte. Jetzt sitzt das Parlament drin. Man könnte sicher spielend zwanzig Parlamente darin unterbringen, und es wäre noch Platz für fünf Musicalbühnen. Ich ging wieder nach unten zur Rezeption. Dort hatten sie eine patente niedliche Telefonistin, die mit meinem Rumpelfranzösisch etwas Sinnvolles anzufangen wusste und schnell begriff, was ich wollte. Ich wollte eine möglichst vollständige Liste aller Unternehmen in der Stadt, die sich Sicherheit und Personenschutz auf die Fahne geschrieben hatten. Ihr Name war Monika.

Danach nahm ich im Hotelrestaurant irgendwas gegrilltes Scharfes zu mir, spülte mit ein paar Fläschchen Heinekens gründlich nach. An der Rezeption holte ich mir noch einen Stadtplan, hinterließ, wo ich zu finden sein würde, und verlagerte meine Aktivitäten in die Hotelbar, die so früh am Tage noch ziemlich leer war. Auf der Karte entdeckte ich türkischen Mokka, dachte mir, das müsste ein guter Muntermacher sein. Aber ich musste feststellen, dass er zur einen Hälfte aus Kaffeesatz und zur anderen aus Zucker gemacht wird. Mir ist völlig schleierhaft, wie das türkische Volk so ein Gebräu überleben konnte. Ich ließ das Tässchen zurückgehen und verlangte einen Espresso. Italienische Lebensart war aber noch nicht bis in dieses postsozialistische Idyll vorgedrungen, Espresso hatten sie nicht. Also kam ich gleich zum Wesentlichen und orderte eine Flasche Whisky. Ich schmauchte ein Pfeifchen, studierte den Stadtplan und prägte mir die wichtigsten Lokalitäten ein. Und irgendwo in den Tiefen meiner grauen Zellen nahm derweil mein Schlachtplan langsam Konturen an.

Ich hab nicht auf die Uhr gesehen, aber der Pegel in der Whiskyflasche war schon um ein gutes Drittel gesunken, als Monika an meinem Tisch auftauchte, einen Stoß Papierbögen im Arm. Strahlend hielt sie sie mir hin. «Da!»

Ich habe sie nicht gezählt, es müssen ein paar Dutzend gewesen sein, alle eng beschrieben. So etwas wie ein Branchenbuch schienen sie hier nicht zu kennen. Ich fragte: «Trinken Sie etwas?»

«Aber nur ganz kurz, eine Cola vielleicht, eine kleine.» Sie glitt zu mir auf die halbrunde Sitzbank.

«Wartet ein Freund?»

Sie nickte heftig. Also alles noch noch ganz frisch. Ich orderte beim Barmann die Cola.

«Die Unternehmen, die nur Wachdienst machen und keinen Personenschutz, habe ich weggelassen, war das richtig?»

«Goldrichtig,» versicherte ich ihr.

«Darf ich Sie was fragen?»

«Ja?»

«Wozu brauchen Sie das?»

«Ich suche den richtigen Mann, genauer, ein paar richtige Männer.»

«Sind Sie in Gefahr?»

«Ich nicht, einige andere schon.»

«Und für die suchen Sie den richtigen Mann?»

Ich musste grinsen. «Kann man so sagen, ja.»

Wir plauderten noch ein wenig, dann brach sie auf zu ihrem George oder wie immer er auch heißen mochte. Zum Abschied fragte ich sie noch, was ich ihr für diese Fleißarbeit schuldete, aber sie wollte partout nichts dafür haben und zwitscherte freudig erregt ab. Und ich fragte mich, was man einer frischverliebten Telefonistin schenkt, die kein Geld haben will — wohl kaum ein teures Parfüm oder eine Smaragdbrosche. Was würde George dazu sagen?

In der Bar wurde es langsam voller. Ich sah mir die Blätter an, Hunderte von Adressen. Entweder musste Bukarest ein lebensgefährliches Pflaster sein, oder dies war eine gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für abgetakelte Polizisten und Troupiers. Ich muss sagen, hinsichtlich der Qualifikation meiner Geschäftspartner in spe wäre mir ersteres entschieden lieber gewesen. Ich ging die Liste mit dem Rotstift durch und strich erst mal alles mit allzu blumigen Namen. Blumige Namen verheißen im allgemeinen nicht viel mehr als heiße Luft, das würde in Rumänien kaum anders sein als im Rest der Welt. Als nächstes fielen beim Abgleich mit dem Stadtplan alle Adressen durch mein Sieb, die in irgendwelchen Plattenvorstädten oder sonst erkennbar dubiosen Vierteln lagen. Zum Schluss ließ ich mir vom Barmann ein Telefon bringen und rief die Telefonnummern an. Es war schon nach neun, aber wer in dieser Branche auf Zack ist, der ist rund um die Uhr im Dienst. Wer sich nicht meldete, hatte verloren, ebenso alle Anrufbeantworter. Auf diese Weise dampfte ich die Liste auf drei Dutzend Adressen ein, die ich morgen persönlich in Augenschein nehmen wollte. Damit war mein Tagwerk getan. Ich blickte mich in der Bar um. Ein paar Pauschaltouristen, einige Buisinessmen, drei oder vier Mädchen, die von Geschäfts wegen Anschluss suchten. Ich nahm des Rest Whisky in der Flasche mit und ging auf mein Zimmer. Dort verbrühte ich mich erst mal ordentlich unter der Dusche, die ausschließlich kochendes Wasser hergab. Dann rückte ich mir das Bett etwas näher ans Fenster, um in der herein strömenden Nachtluft ein bisschen Kühlung in der überheizten Bude zu finden, und streckte mich darauf aus und versuchte zu schlafen. Es war eine lausige Nacht. Fast jeden Glockenschlag kriegte ich mit. Auf einer Parkbank hätte ich besser genächtigt.

Pünktlich um neun stand Niku am Bordstein und wartete schon im Nieselregen.

Wir fingen an mit den Sicherheitsfirmen, die am nächsten am Hotel lagen. Die ersten fünf waren mehr oder weniger Muckibuden, die mit der Sicherheit nebenher noch ein bisschen Geld machen wollten. Das war allerdings nicht so schlimm wie die Firmen, die von apoplektischen Fettsäcken geleitet wurden, denen man keine fünf Klimmzüge mehr zutrauen konnte. Auch davon gab es mehrere. Dann gab es noch zwei oder drei Etablissements, die von schlichten Burschen vom Lande geschmissen wurden, die in die Stadt gekommen waren und meinten, sie müssten bloß die derben Fäuste fliegen lassen und das wäre schon Security. Einige Läden wurden tatsächlich von abgehalfterten Leuten aus dem Polizeidienst betrieben, in deren Büros bombastische Pokale und Urkunden an ihre besseren Zeiten erinnerten — alles allerdings ein bisschen von vorgestern, als es noch mehr auf das richtige Parteibuch oder gute Beziehungen zur Familie Ceaucescu ankam und nicht so sehr auf brillante Polizeiarbeit. Darüber war es Mittag geworden, und ich hatte immer noch nicht gefunden, was ich suchte. Ich hatte schon angefangen, nach etwas Brauchbarem für die Mittagspause Ausschau zu halten, als wir vor diesem zweistöckigen klassizistischen Palais landeten. Es war frisch gestrichen, hatte Rundbogenfenster und wurde von Zypressen eingerahmt. Auf dem Messingschild an der Torsäule stand nur ‚Popescu Security Services‘. Wenn hier nicht einer mit viel Geschick einen Türken gebaut hatte, kamen wir der Sache schon näher.

Ich betrat den Sicherheitspalast unter den Augen zweier Videokameras. Auch innen war alles piekfein. Marmorböden, der Besucher wandelte über rote Teppiche, die Wände waren holzgetäfelt. Der Sekretärin am Empfangstresen sagte ich, woher ich kam, was ich suchte und dass ich unbedingt sofort den Chef des Hauses sprechen müsse. Alles kein Problem, sie gaben mir das Gefühl, ab ob sie nur auf mich gewartet hätten. (Das Wartenlassen ist übrigens ein typisches Merkmal lausiger Geschäftsleute, die sich damit nur den Anstrich von Unabkömmlichkeit geben wollen. Wer seinen Laden im Griff hat, der wird immer sofort Zeit für einen neuen Kunden haben. Sie sollten mal darauf achten).

Emil Popescu war ein drahtiger, nicht sehr großer Mann Ende Vierzig mit langsam ergrauenden Haaren, dunklen Augen und schwarzem Schnurrbart. Sein Büro war ein recht bescheidenes Eckzimmer, in dem sich nur das Nötigste befand und weder protzige Pokale noch Urkunden aus längst vergangener Zeit zu sehen waren. Dieser Mann kannte seinen Wert, und er wusste, dass auch seine Kunden ihn kannten und jeder Klimbim überflüssig war. Er hatte deutsche Großeltern aus Siebenbürgen, deshalb konnten wir uns in meiner Sprache unterhalten.

«Sie haben einen weiten Weg auf sich genommen,» stellte er fest.

«Ich werde weltweit tätig, wenn es sein muss,» erklärte ich und machte eine bagatellisierende Handbewegung.

«Was genau können wir für Sie tun?»

«Ich hoffe, Sie führen auch Aufträge im Ausland durch.»

«Im Ausland?»

«Moldawien, genauer Transnistrien.»

Seine Brauen gingen hoch. «O — ja.»

«Da gibt’s Leute, die haben Geld, das meinem Boss gehört und das er zurück haben möchte.»

«Haben die es — geklaut?»

«Sagen wir mal erschwindelt mit einem ziemlich fiesen Dreh.»

«Ja, ja, diese Brüder ruinieren wirklich das Ansehen des ganzen Balkans in der Welt.»

Mir fielen in diesem Zusammenhang noch ein paar Kroaten, Serben, Albaner und rumänische Blitzeinbrecherbanden ein, aber jeder hat eben gerne einen, auf den er noch runtergucken kann. Ich sagte: «Mir ist klar, dass da etwas eigenartige Verhältnisse herrschen. Aber die können wir auch gut für unsere Zwecke ausnutzen. Zum Beispiel haben die Brüder ihr Geld, oder was sie dafür halten, gerne bei sich. Das heißt, man kann es direkt bei ihnen zuhause abholen.»

«Aber so einfach auf nettes Bitten hin werden die es wohl nicht rausrücken,» wandte Popescu ein. «Soviel ich weiß, rücken die überhaupt nichts raus, was sie einmal haben. Und mit denen ist nicht zu spaßen.»

«Ich habe nicht die Absicht, eine offene Feldschlacht anzufangen. Wir werden eine günstige Gelegenheit abwarten — zum Beispiel eine Hochzeit. Zufällig habe ich gehört, dass im Santa-Clan demnächst so ein freudiges Ereignis ansteht.»

«Wann?»

«Morgen oder übermorgen.»

«Und wie haben Sie sich die Aktion vorgestellt?»

«Reingehen, einsacken und wieder raus.»

«Und Sie glauben, das geht so einfach?»

«Man soll die Dinge nicht komplizierter machen als sie sind,» grinste ich. Und etwas ernster fuhr ich fort: «Wie gesagt, der Santa-Clan feiert Hochzeit. Ich habe mir sagen lassen, die machen das im ganz großen Stil. Jeder Clan lebt für sich in einem Dorf, und der Clan des Bräutigams fährt zur Feier geschlossen ins Dorf der Braut. Und da der Santa-Clan der Bräutigam-Clan ist, wird das Santa-Dorf leer sein. Man müsste nur noch herausfinden, wann genau die Party steigt.»

«Und wozu würden Sie dabei unsere Dienste benötigen?»

«Ich brauche ein paar gute, zuverlässige Leute, die anpacken können. Der Zaster wird nicht gerade offen auf dem Kaminsims rumliegen. Wahrscheinlich gibt’s sogar einen Tresor. Den müssen wir aufmachen, oder mitnehmen, je nachdem.»

Popescu nickte und erklärte geschäftsmäßig: «Das ist ein Job für ein Sechs-Mann-Team — plus meine Wenigkeit. Dafür berechnen wir 5000 Dollar pro Tag.»

Ich griff in die Tasche und erklärte ebenso geschäftsmäßig: «Ich nehme an, Sie akzeptieren auch Euro. Hier sind zehntausend. Die Erfolgsprämie wartet am Ziel. Es wird genug für alle da sein.»

Popescu betrachtete das Geld, das ich ihm auf den Tisch geblättert hatte, und von dort zu mir. «Wann sollen wir fahren?»

«Sobald ich meine Sachen aus dem Hotel geholt habe.»

«Wir werden bereit sein.»

Niku brachte mich zurück ins Hotel. Unterwegs besorgte ich noch den größten Blumenstrauß, den ich kriegen konnte — für Monika. Sie war gerade nicht da, ich gab ihn an der Rezeption ab, checkte aus, holte meine Klamotten vom Zimmer und zurück ging’s wieder zu Popescu Security Services. Dort gab ich Niku seinen gerechten Lohn und entließ ihn wieder in seine beschauliche Taxifahrertätigkeit. Mit seinem schief hängenden Lada gondelte er stoisch in den trüben diesigen Tag hinein.

Die Empfangssekretärin führte mich durch das Erdgeschoss zur Gartenseite des Palais‘ hinaus. Der Garten war eigentlich mehr ein Park. Und darin stand unter alten Bäumen ein langgestreckter, rundum verglaster Flachdachbau. Die Fenster waren mit dichten Stores verhängt. Das Ganze sah eigentlich aus wie der Büroerweiterungsbau einer stinkvornehmen Verwaltung. Aber es enthielt keine Büros, sondern einen großen komplett ausgestatteten Kraftraum, in dem fleißig Eisen gepumpt wurde, eine Art Lagezentrum mit Stadtplänen und Landkarten an den Wänden, eine kleine mit Matten ausgelegte Turnhalle für Kampfsporttraining, Umkleidekabinen und einen Aufenthaltsraum für Popescus Männer. Es gab noch zwei unterirdische Geschosse. Im ersten befanden sich eine Tiefgarage und ein Magazin für alles mögliche Securityequipment. Ganz unten lagen ein Schießkino und die Waffenkammer. Dort trafen wir Popescu, der gerade eine Sporttasche packte. Prüfend wog er eine Heckler und Koch in den Händen und grinste mich an: «Erstklassige deutsche Qualitätsarbeit.»

«Ich wusste gar nicht, dass die Dinger auf den Balkan exportiert werden,» sagte ich.

Er machte sich nicht die Mühe, darauf einzugehen, und betrachtete die Kanone in seinen Händen mit verklärtem Blick und meinte: «Ich verstehe gar nicht, wie Leute behaupten können, die Uzi sei das beste auf diesem Gebiet…»

Das gefiel mir nicht. Dieser Job verlangte keine schießwütigen Waffennarren, sondern Männer mit Mumm, die sich nicht mit irgendwelchen Ballereien aufhielten, sondern zur Sache gingen. Ich sagte: «Die wollen Sie doch wohl nicht mitnehmen?»

«Keine Maschinenpistolen?» fragte er enttäuscht zurück.

«Überhaupt keine Schießprügel irgendwelcher Art,» erklärte ich kategorisch. Kanonen haben die unangenehme Eigenschaft, immer dann loszugehen, wenn man es am wenigsten brauchen kann. Auch in den Händen von Männern, die damit umzugehen verstehen — gerade in den Händen von Männern, die damit umzugehen verstehen. Halten Sie mich jetzt bloß nicht für Mahatma Ghandi. Ich habe eine Einzelkämpferausbildung beim Bund hinter mir. Da lernt man nicht nur, in Gottes freier Natur ohne irgendwelche Hilfsmittel zu übernachten, sich wochenlang von Baumrinde und Würmern zu ernähren, sondern auch und vor allem, die Waffen zu gebrauchen, die gerade da sind. Und die Welt ist voller Waffen, kein Mensch braucht Schießprügel, auch der nicht, der kämpfen will. Später sollte sich zeigen, dass Popescu auch eine Einzelkämpferausbildung und noch viel mehr Tricks drauf hatte als ich.

«Die anderen werden aber bewaffnet sein.»

«Die anderen werden gar nicht da sein.»

«Und was ist mit den Grenzwachen?»

«Ich denke, so was gibt’s bei denen gar nicht.»

«Dass Sie sich da mal nur nicht täuschen. Die passen schon auf, dass bei ihnen niemand reinkommt, den sie nicht haben wollen. Die haben ja auch allen Grund dazu, mehr als die meisten richtigen Staaten.»

«Ich glaube, mit irgendwelchen Pappkameraden, die sich auf Wache die Beine in den Bauch stehen, werden Sie auch so fertig.»

«Kann schon sein,» murmelte er und stellte die Heckler und Koch wehmütig wieder an ihren Platz in einem Stahlschrank. Aus einem anderen Schrank zog er einen Karton, entnahm ihm gelbgraue Päckchen in Zellophan und tat davon einige in seine Sporttasche. «Aber Sachschäden dürfen wir doch anrichten, oder?»

«Soviel Sie wollen,» erlaubte ich ihm großzügig.

Grinsend kippte er den ganzen Kartoninhalt in die Tasche und zerrte den Reissverschluss zu.

Wir gingen ein Stockwerk höher in die Tiefgarage, wo seine Männer gerade zwei dunkelblaue Volvo-Kombis beluden. Aus dem Magazin wurden noch zwei große Pakete herangeschafft, die jeweils oben auf das verstaute Gepäck draufgepackt wurden.

«Schlauchboote,» erklärte Popescu.

«Wozu brauchen wir Schlauchboote?»

«Transnistrien heißt so, weil es jenseits des Dnjesters liegt. Wir müssen also über den Fluss.»

«Gibt’s denn keine Brücken?»

«Sicher, aber da haben sie Wachen stehen. Und die werden uns ganz bestimmt nicht reinlassen. Also werden wir die Hintertür nehmen.»

«Mit geschwärzten Gesichtern?» fragte ich im Scherz.

«Mit geschwärzten Gesichtern,» nickte Popescu ernst.

Langsam kam ich mir vor wie beim Einsatz eines Spezialeinsatzkommandos. Warum eigentlich nicht? GSG neu — Bodo Lünch.

Dann gab er seinen Leuten noch eine kurze abschließende Einweisung. Alles Wesentliche hatte er ihnen anscheinend schon eingetrichtert, als ich meine Sachen aus dem Hotel geholt hatte. Sie überprüften ihre Funkgeräte, jeder von ihnen hatte einen Knopf im Ohr und am Kragen ein Mikrophon. Dann sagte er ihnen auf Rumänisch offensichtlich noch, dass es ein schusswaffenloser Einsatz war, denn sie griffen sich unter ihre Armeepullover und holten ihre Artillerie hervor und gaben sie bei der Sekretärin vom Empfang ab, die sie davontrug.

Popescu klatschte in die Hände und sagte: «Kischinau!»

Die Männer verteilten sich auf die Wagen. Popescu saß vorne beim Fahrer und ich hinten neben einem stämmigen Burschen, der Ion hieß.

Als wir Stadt hinter uns gelassen hatten und mit hoher Geschwindigkeit durch die südrumänische Tiefebene den blauen Bergen im Norden zu jagten, drehte Popescu sich zu mir um und sagte: «Bis Kischinau sind es ungefähr dreihundertsechszig Kilometer. Dort werden wir Station machen und die Lage sondieren. Und dann werden wir weitersehen.»

Die Fernstraße nach Norden war gut ausgebaut. Aber soviel ich wusste, hatten sie auch in Rumänien gewisse Tempolimits. Doch darum kümmerten sich Popescus Fahrer kein bisschen und fuhren Vollgas. Das hätte mich nicht weiter gestört — ich habe selbst ein Faible für Geschwindigkeit –, wenn sich auf der Straße nicht alles Mögliche vom Pferdewagen bis zur Gänseschar herumgetrieben hätte. Immer wieder kam es zu harten Bremsungen und abrupten Ausweich- und Überholmanövern. Obwohl es fast immer schnurgeradeaus ging, wurde man im Fond ständig hin und her geschleudert, und es war kein Gedanke an ein kleines Nickerchen, mit dem ich den versäumten Schlaf der letzten Nacht hätte nachholen können.

Irgendwann hörten wir dann plötzlich eine Sirene. Hinter den zweiten Volvo hatte sich ein Streifenwagen gesetzt und wollte unseren kleinen Konvoi offensichtlich zum Anhalten bewegen. Popescu sagte in sein Kragenmikrophon zu dem Fahrer des zweiten Wagens auf Rumänisch so etwas wie «abhängen!», jedenfalls scherte der Volvo hinter uns sofort auf die Gegenfahrbahn aus, gleichzeitig machte unser Fahrer dasselbe und mit dem Gaspedal am Anschlag ging es vorbei an einer Reihe Pferdefuhrwerke direkt zu auf einen Tanklastzug, der uns entgegenkam. Erst im letzten Moment, und schon voll im Lichthupengewitter des Tanklasters, schwenkten die Volvos wieder auf die rechte Spur. Der Streifenwagen blieb hinter den Fuhrwerken zurück. Zwei, drei mal wiederholten die Fahrer diese Manöver noch, dann war von dem Polizei-Peugeot nichts mehr zu sehen oder zu hören. Ein langes gerades Stück Straße lag frei vor uns, der Fahrer beschleunigte auf über zweihundert Sachen.

Nachdenklich betrachtete ich Popescus Hinterkopf und fragte mich, warum er solche wilden Sachen machte. Die Polizisten hatten Sprechfunk in ihrem Wagen, und kein Auto ist schneller als der Funk. Wenn sie auch nur halbwegs ihr Geld wert wären, würde uns irgendwo in der blauen Ferne da vorne garantiert eine Menge Ärger und Verzögerung erwarten. Und tatsächlich, nach ein paar Kilometern hatten wir die Bescherung: zwei quergestellte Streifenwagen blockierten die Straße. Popescu ließ anhalten. Ein Polizist näherte sich, uns argwöhnisch beäugend, und klopfte ans Seitenfenster. Der Fahrer ließ die Scheibe heruntersummen. Es folgte die übliche Prozedur — strenge Inspektion des Wageninneren, Papiere zeigen. Dann passierte etwas Seltsames, Popescu beugte sich zu ihm hinüber und hielt ihm in der hohlen Hand irgendeine Marke oder einen Ausweis hin, der Polizist warf einen kurzen Blick darauf, nahm sofort Haltung an und salutierte stramm. Popescu quittierte es mit einem knappen Nicken. Im Nu war die Straßensperre aufgehoben und weiter ging’s mit Lützows wilder verwegener Jagd. Konnte es sein, dass Popescu nebenher noch irgendwelche amtlichen Funktionen ausfüllte, die ihm eine derartige Autorität verliehen? Konnte es vielleicht sein, dass er bei der Securitate gewesen war? Konnte es sein, dass ich da in ein schönen Schlamassel hineingeraten war? Seine Männer sagten ‚Oberst‘ zu ihm. Bodo Lünch im Bunde mit einem Securitate-Halunken? — Nun ja, wenn es einer guten Sache diente…

Irgendwann bogen wir dann auf eine nicht mehr ganz so gute Nebenstraße ab. Die Gegend wurde bergiger. An der Grenze wechselte Popescu mit den moldawischen Zöllnern ein paar kurze Worte. Offenbar kannte er auch hier die richtige Zauberformel, unkontrolliert wurden wir durchgewunken, und kurz nach fünf waren wir in Kischinau. Zielstrebig dirigierte Popescu den Fahrer zu einem grauen Hotelkasten am Rande der Innenstadt, wahrscheinlich früher zu Sowjetzeiten mal eine Intouristabsteige. Nicht sehr einladend, aber hübsch anonym.

Nachdem wir die Zimmer bezogen hatten, die schon reserviert waren, beorderte Popescu die ganze Truppe zu sich auf die Bude und gab seine Einsatzbefehle aus. Zwei Mann schickte er weiter nach Osten, um die Grenze im Bereich von Sinistrul auszukundschaften. Den vier übrigen verordnete er Zivil und ließ sie in der Stadt ausschwärmen, um ein bisschen die Augen und Ohren offen zu halten. Als sich das Zimmer geleert hatte, grinste er mich an und verkündete: «Und wir beide werden mal einen alten Freund aufsuchen.» Der Mann hatte das Organisieren wirklich am Schnürchen.

Wir gingen zu Fuß. Kischinau ist wie Bukarest nicht gerade eine Schönheit von Stadt. Breite Straßen, öde Betonkästen und als einzige Abwechslung nur ein altes buntes Kirchlein hier und da oder ein neureicher Glaspalast. Aber wenn man aus Frankfurt kommt, darf man sich da nicht beschweren, und das Wetter war besser. Ein strahlend blauer Abendhimmel spannte sich über alles, die Luft war frisch und angenehm. Wir marschierten durch einen Park, vorbei an einem großen Teich und hielten auf eine Gruppe von Hochhäusern auf der anderen Seite des Grüns zu. In einem von ihnen lag unser Ziel. Der Fahrstuhl war kaputt, also kraxelten wir acht Treppen hoch. Statt die Klingel zu benutzen, klopfte Popescu einen Wirbel an die Tür, der klang wie ein verabredetes Signal. Sein Freund öffnete, nur dass er kein Freund war, sondern eine Freundin. Und alt war sie auch nicht, höchstens Ende Zwanzig. Er tauschte Küsschen links und Küsschen rechts mit ihr. Dann machte er uns miteinander bekannt. Ihr Name war Oxana. Sie war eine dunkle moldawische Schönheit. Die Haare verbarg sie unter einem Kopftuch.

Durch schwere Portieren betraten wir das Wohnzimmer, einen mit Wandteppichen behängten Raum, die einzigen Möbel waren ein Tischchen in der Mitte mit einem Stuhl dahinter und zwei Sesseln davor. Auf dem Tisch lagen Tarrotkarten. Ich runzelte die Stirn. Popescu grinste mich an. «Sie könnten sich von ihr die Zukunft vorhersagen lassen.» Und nach einer effektvollen Pause beruhigte er mich: «Aber deshalb sind wir nicht hier. Sie verdient zwar ihr Geld als Wahrsagerin, für uns ist sie aus einem anderen Grund interessant. Sie kommt nämlich zufällig vom anderen Ufer und kennt sich aus in der Gegend, in die wir wollen. Vielleicht hat sie ein paar nützliche Informationen für uns. Bisher hatte sie immer nützliche Informationen.» Anscheinend hatte er schon öfter mit der Problematik Transnistrien zu tun gehabt.

Oxana hatte sich hinter den Tisch gesetzt und betrachtete uns abwartend. Popescu erklärte ihr kurz die Lage, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen. Sie nickte. «Ja, der Santa-Clan — ziemlich reiche Leute.»

«Wer ist der Chef?» fragte Popescu.

«Semiul Santa, einer harter Mann, mit dem nicht zu spaßen ist. Sogar drüben auf dem anderen Ufer fürchten ihn die meisten.

Einen seiner Männer, der ihn betrogen hatte, hat er einmal mit Zimmermannsnägeln durch die Hände auf einem Billardtisch festgenagelt und so eine Nacht lang liegen lassen. Einem anderen ließ er beide Kniescheiben mit Eisenstangen zertrümmern.»

Popescu spitzte die Lippen. Der Mann schien nach seinem Geschmack zu sein.

«Tee?» fragte Oxana.

Popescu deutete eine bejahende Verneigung an. Sie ging in einen Nebenraum, der durch einen Vorhang abgetrennt war und kehrte mit einem Tablett zurück, auf dem ein Samowar dampfte. Und wir tranken starken süßen Tee aus Gläsern.

«Wie groß ist ihr Dorf, was hat er für ein Haus?» erkundigte sich Popescu.

Oxana wiegte abschätzend den Kopf. «Es werden so drei- bis vierhundert Leute sein. Santas Haus ist natürlich das größte, es liegt auf einem kleinen Hügel etwas am Rand. Man erkennt es sofort.»

«Wie weit weg liegt das Dorf vom Fluss?»

«Nicht weit, einen Kilometer oder zwei.»

«Und weißt du auch, wen sein Sohn heiratet?»

«Ein Mädchen aus Taraspol, das ist ein Dorf ungefähr fünfzehn Kilometer entfernt.»

«Wann ist die Hochzeit?»

«Morgen. Gegen Mittag die Trauung. Danach beginnt die Feier. Der Vater der Braut ist noch reicher als Santa, und es ist seine einzige Tochter. Es wird sicher ein sehr großes Fest.»

«Wie lange feiern die da so?»

«Das kann zwei oder drei Tage gehen.»

«Kennen Sie Vasile Balta?» fragte ich.

Sie kannte ihn nicht. Vielleicht waren seine Papiere gefälscht. Vielleicht lag es daran, dass er aus dem Süden stammte und nicht direkt zum Clan gehörte.

Popescu wollte wissen: «Warst du in letzter Zeit wieder mal drüben?»

Sie schüttelte den Kopf.

«Mich würde interessieren, wie es an der Grenze aussieht.»

«Ich habe gehört, dass sie eine neue Truppe aufgestellt haben, die das Flussufer überwachen soll. Ob sie schon arbeitet, kann ich nicht sagen. Die Frauen, die von drüben zu mir kommen, benutzen die Brücken und gehen an den Grenzposten vorbei. Aber eine von ihnen hat mir erzählt, dass sich ihr Sohn bei dieser Truppe beworben hat.»

«Hat Santa Feinde?»

Sie lächelte. «Wer hätte keine. Aber er ist ein mächtiger Mann, und niemand traut sich, offen gegen ihn aufzutreten. Wenn er es täte, würde Santa ihn umbringen lassen.»

«Und wie sieht es aus mit geheimen Feinden?» bohrte Popescu.

Oxana überlegte. «Einer ist ihm bestimmt nicht gut, das ist Igor Tschaplin aus Borodenko. Er ist Schuhmacher und hatte eine schöne Tochter. Sie wurde von einem von Santas Söhnen bei einem Gelage vergewaltigt und beging danach Selbstmord — sagt man. Es kann aber auch sein, dass sie umgebracht wurde. Santa hat dafür gesorgt, dass sein Sohn ungeschoren davon kam. Aber Tschaplin hat nie etwas gegen ihn gesagt.»

«Wo liegt dieses Borodenko?»

«Es ist das nächste Dorf auf der Straße, die von Sinistrul zur großen Landstraße führt.»

Popescu erkundigte sich noch nach weiteren Details über diesen Tschaplin. Ob sein Haus direkt an der Dorfstraße lag, wie man am besten ungesehen hineinkäme und so weiter. Mir war nicht ganz klar, was er damit anfangen wollte. Danach war unsere Teestunde ziemlich bald vorbei. Wir verabschiedeten uns und im Hinausgehen steckte er Oxana noch etwas zu. Geld, nehme ich an.

«Ziemlich hartes Schicksal,» fing Popescu an, als wir wieder unten im Park waren. «Sie hat ihre Eltern verloren, als vierzehn war. Sie waren in einer Gruppe von Leuten, die sich in einem Laster nach Westeuropa schmuggeln lassen wollten. Zehn Leute eingepfercht hinter einer doppelten Wand in einem winzigen Versteckt. Unserem Zoll fiel der Truck bei der Ausreise nach Ungarn auf, und als sie ihn untersuchten und das Versteck fanden und öffneten, waren alle tot — erstickt. Bis auf das Mädchen. Auch ihre Eltern. Sie ging wieder zurück nach Transnistrien und galt dort bei den Leuten sehr schnell für etwas Besonderes. Das war der Anfang ihrer Hellseherkarriere. Die Frauen rannten ihr förmlich die Bude ein. Sie hatte ein einträgliches Gewerbe gefunden. Später fand sie heraus, wer sie mit ihren Eltern und den anderen auf diese mörderische Reise geschickt hatte, es war irgendein Menschenschmuggler aus ihrem Nachbardorf, der genau wusste, was passieren würde. Da hat sie ihre Heimat verlassen und ist nach Kischinau gegangen. Und hier wird sie immer noch von ihren Kundinnen vom anderen Ufer besucht und um Rat gefragt. Deshalb weiß sie auch so gut Bescheid, was da drüben vorgeht.»

«Eine bittere Geschichte,» stimmte ich zu und fragte mich, während ich mir im Gehen eine Pfeife stopfte, warum er solchen Anteil nahm am Schicksal eines Mädchens von weit her, das ihn eigentlich gar nichts anging. Und laut sagte ich: «Warum ist dieser Tschaplin denn so interessant für uns?»

Popescu blieb stehen. «Es wäre wirklich sehr schön, wenn tatsächlich alle aus dem Santa-Dorf auf die Hochzeitsfeier gingen. Aber bei drei- bis vierhundert Leuten gibt es erfahrungsgemäß immer welche, die nicht können, weil sie mit Grippe im Bett liegen, eingeschnappt sind oder auf eine trächtige Kuh aufpassen müssen. Unsere kleine Operation wird also kaum unbemerkt bleiben. Und wenn von den Daheimgebliebenen einer die Santa-Bande warnt, bleibt uns noch vielleicht eine Viertelstunde, bis die Bienen wieder an ihrem Stock sind und zu stechen anfangen. Wir brauchen also jede Minute, deshalb will ich einen vorgeschobenen Beobachtungsposten an der Straße, die sie lang kommen müssen. Und mir scheint, dieser Tschaplin könnte der geeignete Mann dafür sein. Wir werden sehen.» Es beruhigte mich zu sehen, dass das offensichtlich nicht das erste Kommandounternehmen war, das er durchführte.

Ich fragte: «Haben Sie einen Plan?»

Er lächelte. «Heute Nacht wird mir davon träumen, und morgen früh werde ich ihn haben.»

«Ah, ja.»

Wir schlenderten durch die Straßen der Innenstadt, suchten uns ein nettes Restaurant zum Abendessen. Machten noch einen kleinen Lokalwechsel und landeten in einer rustikalen Weinschänke mit Livemusik. Die Combo bestand aus einer Handvoll Streicher und Bläser und hatte von ungarischen Zigeunertänzen bis zu Glen-Miller-Melodien so ziemlich alles drauf und das in erstklassiger Qualität. Kein Wunder, es hieß, sie seien Mitglieder des aufgelösten symphonischen Nationalorchesters gewesen. Popescu lebte fröhlich in den Abend hinein und verlor kein weiteres Wort über unsere kleine Unternehmung am nächsten Tag. Begeistert steckte er den Musikern immer wieder Geld zu und ließ sie die unmöglichsten Sachen spielen. Sein Geschmack ging eher in Richtung Schmachtfetzen. Dean Martin hätte hier sein müssen. Es ist allerdings sehr die Frage, ob er seine himmlische Pokerrunde mit Sammy und Frankieboy verlassen hätte für einen Auftritt in einem verräucherten Weinbums ganz hinten auf dem Balkan.

Popescu ließ den Blick durch die Taverne schweifen und blieb an einem Tisch mit fünf Mädchen hängen. «Wussten Sie, dass man sich die Mädchen von hier nach Katalog bestellen kann?»

Ich tat wie Tulpe. «Wozu?»

«Raten Sie mal.»

«Lieber nicht.»

«Es sind nicht die Schlechtesten. Und sie wollen nur eins: weg von hier.»

«Hm. Und wenn man sich nichts aus Versandhauskatalogen macht?»

«Dann muss man eben auf den Wochenmarkt gehen. Dort ist die Auswahl genau so groß.»

«Und, sind wir hier auf dem Wochenmarkt?»

«Hier und in hundert anderen Wirtshäusern. Es gibt Touristen, die kommen extra aus Ihrem Land, suchen sich hier ein Mädchen aus und nehmen es mit nach Hause. Geht ganz einfach. Sehen Sie den blonden Burschen da mit der Stirnglatze und der Brille? Jede Wette, wenn er sich genug Mut angetrunken hat, wird er rübergehen zu den fünf Mädchen und auf Englisch irgendwas radebrechen, von wegen, was er für ein toller Kerl ist, was er für ein Haus hat, was für einen Wagen und so weiter. Und die fünf werden sich darum balgen, welche von ihnen mit ihm ins Hotel gehen darf. Falls sie ihm nicht gefällt, ist er morgen wieder hier. Wenn es klappt, sitzen die beiden morgen im Flieger nach Germania oder sonst wohin in Europa.»

«Haben die hier nicht genug Männer?»

«Doch, aber entweder sind sie arbeitslos, oder Trinker, oder Moslems, oder alles zusammen. Und so einen wollen die Mädels von heute nicht mehr. Die wollen was haben von ihrem Leben, deshalb gehen sie dahin, wo das Geld ist, oder wo sie denken, dass es ist. Über kurz oder lang werden wir deshalb Probleme kriegen hier unten auf dem Balkan — genau genommen haben wir sie schon.»

Ich knurrte: «Ich würde sagen, die Mädels haben ein Problem. Und die Burschen, die sie abschleppen in den ach so goldenen Westen, haben schon zweimal eins. Früher haben die sich in Thailand eingedeckt. Auf den Balkan ist es nicht ganz so weit. Vielleicht liegt darin der Fortschritt.»

Popescu beäugte mich argwöhnisch. «Sie würden so etwas nicht tun?»

«Ich habe wirklich nichts gegen hübsche Mädchen, ganz egal von wo auf der Welt. Aber meinen Bedarf kann ich noch ganz gut bei mir zuhause decken.» Warum musste ich an Milena denken?

Er nickte langsam. «Vielleicht sind Sie die Ausnahme.»

«Das glaube ich nicht, es gibt noch mehr von meiner Sorte. Wir müssen nicht den ganzen Balkan leer heiraten.»

«Dreißig Prozent,» sagte Popescu. «Dreißig Prozent aller Touristen für den Großraum Rumänien, Bulgarien und Moldawien kommen allein zu diesem Zweck. — Amtliche Zahlen.»

«Warum lassen Sie sie überhaupt rein, wenn Sie das so stört?»

«Geld. — Oder warum lassen Sie bei sich Rumänen ins Land?»

«Europa,» grinste ich.

Popescu trank einen Schluck und spähte zu den Mädchen hinüber. «Sehen Sie, es geht los.»

Der Blonde mit Brille und Stirnglatze trat an den Tisch mit den Mädchen. Während er verlegen sein Rotweinglas in der Hand drehte, richtete ein paar Worte an sie. In diesem Punkt hatte Popescu sich geirrt, es war nicht Englisch, sondern Französisch, wenn auch mit unüberhörbar deutschem Akzent. Vielleicht seine Masche, Eindruck zu schinden. Die Mädchen hörten ihn mit großen Augen an und gaben sich Mühe zu verstehen, was er sagte. Ergebnis der Attacke war, dass er auf holpriges Englisch umstellte und die Mädchen kichernd zusammenrückten und er sich zu ihnen setzte, um intimer zu werden.

Popescu nickte.

Ich fragte: «Gehn wir?»

«Jetzt schon?»

«Müssen wir nicht früh ins Bett, weil wir morgen einen anstrengenden Tag haben?»

«Der Tag wird gar nicht so anstrengend werden,» erklärte er lässig. «Außerdem können wir vor dem Nachmittag sowieso nichts machen.»

Also blieben wir noch ein wenig, pichelten ein, zwei weitere Gläschen, lauschten der Musik und beobachteten den Fortgang, den die Sache am Mädchentisch nahm. Dort hielten sie sich ziemlich genau an Popescus Drehbuch, und irgendwann rauschte unser polyglotter Freund ab mit einer Blondine im Schlepptau, die nicht ganz echt war. Der Rest der Mädchenrunde blieb zurück und bestellte etwas Stärkeres zu trinken und mopste sich. Ob sie wirklich mit einem Sachbearbeiter vom Katasteramt Nord mit Zweieinhalbzimmerwohnung und einem zehn Jahre alten Vectra oder so ähnlich glücklich geworden wären — wer weiß das schon so genau. Aber sehr wahrscheinlich hatte er eine ganz andere Story erzählt von wegen Immobilienbranche, Achtzylinderschlitten und Penthousewohnung. Die Menschheit will beschissen werden. Das ist überall auf der Welt so. Über den Esel, den man auf Trab bringt, in dem man ihm mit einer Möhre vor der Nase herumfuchtelt, lachen sie. Doch wo ist der Unterschied? Ihre Möhre sind ihre blöden Träume, denen rennen sie ein Leben lang hinterher, ohne je zu kriegen, was sie wollen. Verdammt, warum plötzlich so philosophisch, Bodo Lünch? Was geht dich der eitle Wahn der Welt an? Muss wohl an diesem moldawischen Wein liegen. Ob Popescu eine Antwort weiß? Sicher weiß er eine, der weiß ja alles. Aber gefallen wird sie dir wahrscheinlich nicht. Ich sagte: «Jetzt muss ich aber wirklich ins Bett.»

Draußen in der kühlen Nachtluft atmete Popescu tief durch, sah zum Himmel und stellte unzufrieden fest: «Morgen haben wir Vollmond.»

«Man kann nicht alles haben,» teilte ich ihm mit.

Er sah mich an und überlegte kurz. «Sagten Sie nicht, dass Sie einen Chef haben?»

«Ja, warum?»

«Ich könnte mir vorstellen, dass er nicht viel Freude mit Ihnen hat.»

Der Oberst kannte sich wirklich aus im Leben. Ich musste lachen. «Wie kommen Sie bloß darauf?»

«Weil Sie sich immer das letzte Wort nehmen. So was macht Chefs ganz verrückt.»

Sollte es tatsächlich so sein, dass Raff verrückt an mir wurde? Dafür hätte ich glatt auf die Hälfte meiner Provisionen verzichtet (natürlich nur die, die die miesen kleinen Paarhunderteuro-Minikredite betraf). Ich würde in der nächsten Zeit Raffs Gemütszustand mal verstärkt im Auge behalten. Gegenüber Popescu behauptete ich dreist: «Wo denken Sie hin? Mein Chef und ich wir sind ein Herz und eine Seele.» Allein diese Vorstellung hätte den Alten höchstwahrscheinlich schon um den Verstand gebracht.

«Dann haben Sie einen komischen Chef,» stellte Popescu fest.

Damit lag er richtiger, als ihm vermutlich träumte. Wahrheitsgemäß unterrichtete ich ihn: «Er ist ein knallharter Knochen, zu seinen direkten Vorfahren zählen Dschingis Khan und Graf Dracula.»

Popescu grinste. «Dachte mir schon, dass er nicht gerade von Mutter Teresa abstammen wird.»

«Wäre ja auch noch schöner — oder sehe ich etwa aus wie Florence Nightingale?»

«Warum nicht? Das wäre zumindest eine hübsche Tarnung.»

«Okay, wenn es unserer Sache dient. Aber dann müssen Sie mir gestatten, morgen mein Schwesternhäubchen zu tragen.»

«Das würde Ihnen sicher ganz ausgezeichnet stehen,» lächelte er fein.

Auf diese Art scherzten wir uns unseren Weg zurück ins Hotel. Seine Männer waren von ihrem Streifzug durch die Stadt bereits heimgekehrt. Und kurz nach uns trudelten auch Titus und Radu ein, die beiden, die Popescu an die Grenze geschickt hatte. Die anstehende Hochzeit war anscheinend das Gesprächsthema Nummer eins in den Kneipen von Kischinau. Der Vater der Braut musste märchenhaft reich sein — so etwas Ähnliches hatten wir schon von Oxana gehört — es wurde gemunkelt, dass für den musikalischen Teil der Feier unter anderem Eros Ramazotti verpflichtet worden sei. Und Ion grinste: «Ich hätte eine Einladung zum Fest kriegen können, da war einer, der suchte noch ein paar Kerle, um die Santa-Fraktion zu verstärken, damit sie nicht in Unterzahl sind.»

«Na, so weit wollen wir’s doch nicht treiben,» verkündete Popescu und wandte sich an den Spähtrupp: «Und was gibt’s bei euch Neues, Radu?»

Radu breitete eine Landkarte auf dem Tisch aus. Meine Rumänischkenntnisse, die eigentlich nur aus Rudimenten von Latein und ein wenig Französisch bestehen, reichten aus, um am unteren linken Kartenrand zu entziffern, dass diese Karte vom topographischen Amt der rumänischen Armee herausgegeben worden war und nach der Jahresangabe topaktuell sein musste. Ich fragte mich, wie Popescus Firma an die neuesten Generalstabskarten kam, die, wenn schon nicht geheim, so doch nur für den Dienstgebrauch bestimmt waren. Irgendwie kamen mir diese balkanischen Verhältnisse immer undurchsichtiger vor.

Radu sagte: «Dies ist der Flussabschnitt bei Sinistrul. Der Fluss verläuft hier ziemlich gerade, und es gibt eine Fähre, von der ein Weg nach Sinistrul führt. An den Ufern gibt es Bäume und Büsche. Die Deckung ist also kein Problem. Aber ungesehen über das Wasser zu kommen, wird schwierig werden, wegen der Fähre. Von der kann man den Flusslauf in beide Richtungen kilometerweit überblicken.»

Über die Schulter warf Popescu einen Blick auf das Problem und sagte: «Hm. — Gibt es einen Grenzposten an der Fähre?»

«Nein. Es scheint so eine Art inoffizieller Übergang zu sein. Weder auf dieser noch auf der anderen Seite gibt es einen Wachposten.»

«Wie lange verkehrt die Fähre?»

«Um acht ging der Fährmann nach Hause.»

«Auf welcher Seite?»

«Auf der anderen.»

«Wie ist das Gelände?»

«Hügelig, Wiesen und Obstgärten. Das Dorf ist ungefähr fünfzehnhundert Meter vom Fluss entfernt,» berichtete Titus und zeigte die Entfernung auf der Karte mit gespreiztem Daumen und Zeigefinger an.

«Kann man es vom Fluss sehen?»

«Nein, es sind Hügel dazwischen.»

Popescu nickte. «Gut, dann wollen wir mal schön ins Bett gehen. Schlaft gut, Kinder.»

Am nächsten Morgen saß es aufgeräumt am Frühstückstisch, schmierte sich einen Marmeladenbrötchen und erklärte: «Tschaplin ist unser Mann.»

«Was macht Sie so sicher?» erkundigte ich mich.

«Ich war heut Nacht mal kurz auf dem anderen Ufer. Tschaplin hat jetzt ein Funkgerät, mit dem er mit uns Verbindung aufnehmen kann.»

Ich schluckte. «Sie sind da drüben rumgeturnt?»

«Nur ein kleiner Spaziergang im Mondenschein,» sagte er. «Man will ja schließlich wissen, was auf einen zukommt. Die örtlichen Gegebenheiten und so weiter…»

«Sie sind ein zäher Schweinehund,» sagte ich anerkennend.

Er trank einen Schluck Kaffee und grinste. «Ist das ein Kompliment in Deutschland?»

«Ja, aber leider kann man’s nur selten jemandem machen. — Was stellen wir eigentlich mit dem Vormittag an — gehn wir in den Zoo?»

«Ich weiß gar nicht, ob die hier überhaupt einen haben.»

«Und was haben sie?»

«Museen, Galerien, das übliche eben.»

«Kann man hier auch gut einkaufen?»

«Wenn Sie genug Geld haben — alles.»

«Dann werde ich wohl auf eine kleine Shoppingtour gehen.»

«Seien Sie bis um zwei zurück. Ich möchte, dass wir noch ein bisschen Zeit haben, uns umzusehen. Ich hab noch nicht ganz spitz gekriegt, nach welchem Prinzip ihre Grenzstreifen funktionieren. Wir wolln mal ein bisschen so tun, als ob wir angelten, und dabei unauffällig das andere Ufer beobachten. Nach spätestens zwei, drei Stunden sollten wir eigentlich im Bilde sein.»

Und so schweifte ich ziellos ein bisschen durchs Städtchen. Es war nicht schöner geworden über Nacht. Popescu hatte Recht, für die dicke Brieftasche war alles da vom Mercedes CLS, über Pattek Philipe-Uhren und Klunkern bis hin zu sündhaft teuren Pelzen. In den einfachen Geschäften gab es dagegen hauptsächlich importierten Tinnef und Pirateriewaren. Eigentlich hatte ich keine Ahnung, was ich kaufen sollte und für wen. Bis ich dann in so einer Art Antiquariat landete. Sie werden lachen, ich liebe es in alten Büchern herumzustöbern. Ich habe sogar ein oder zwei davon zuhause. Aber es war kein Buch, es war ein Bild. Ein kleines Ding, fast eine Miniatur, das schief an einem Nagel seitlich an einem Bücherregal hing. Eine Zigeunerin mit Kind auf dem Arm. In Öl. Nichts Besonderes, in keiner Beziehung. Trotzdem sprach es zu mir. Ich kaufte es.

In einem Straßencafé trank ich einen Espresso und sah den Sachbearbeiter vom Katasteramt Nord oder von wo auch immer wieder. Die unechte Blondine war bereits passé, jetzt hatte er eine wild gelockte Schwarzhaarige im Schlepp, die auf Csardasfürstin machte.

Zur festgesetzten Stunde fand ich mich wieder im Hotel ein. Die Volvos waren schon beladen, die Zimmer geräumt. Es konnte losgehen. Wir verließen die Stadt in nordöstlicher Richtung und erreichten nach einer halben Stunde unseren Flussabschnitt.

Die Autos wurden in einem überwucherten ehemaligen Steinbruch unweit des Ufers unter Brombeerranken versteckt. Die Schlauchboote mit Elektrokompressoren aufgeblasen, zu Wasser gelassen und unter die überhängenden Zweige eines Weidengebüschs gezogen. Und wir verteilten uns mit selbstgeschnitzten Angelruten am Ufer, mimten stoische Freizeitangler und musterten das gegenüberliegende Ufer. Plötzlich stieß Titus Radu in die Seite und fragte: «Du, wo ist eigentlich die Fähre?»

Jetzt fielen mir auch die Wege an beiden Ufern auf, die direkt ins Wasser führten, ohne dass irgend etwas zwischen ihnen eine Verbindung hergestellt hätte.

Popescu grinste und deutete mit dem Finger senkrecht nach unten. «Wahrscheinlich haben sie heute Morgen geglaubt, sie wäre abgetrieben. Dabei ist sie nur auf Tauchstation gegangen. Ich möchte, dass wir den Rücken frei haben und nicht von irgendwelchem Durchgangsverkehr gestört werden.»

Er musste ein ganz schönes Pensum absolviert haben in der letzten Nacht. Sinistrul lag jetzt praktisch an einer Sackgasse. Wer dorthin wollte, konnte nur noch von der anderen Seite kommen. Clever gemacht. Schritt für Schritt brachte er das Dorf unter seine Kontrolle.

Aufmerksam beobachteten wir die andere Seite des Flusses. Nichts tat sich dort. Keine Menschenseele war zu sehen, auch nicht in dem hügeligen Grasland dahinter. Die Sonne stand hoch und brannte heiß. Popescu hatte sich im Schatten einer Erle ausgestreckt und machte ein Nickerchen. Auch als die Schatten länger wurden, änderte sich nichts. Es schien das einsamste Plätzchen weit und breit zu sein. Nur einmal verirrte sich ein Traktor an den Fähranleger auf unserer Seite, fand sich aber sehr schnell damit ab, dass kein Rüberkommen war, drehte um und treckerte davon. Von irgendwelchen Grenzstreifen bekamen wir in den ganzen drei Stunden nichts zu sehen.

Schließlich gab das Funkgerät, das Popescu neben sich im Gras liegen hatte, ein leises Fiepen von sich. Popescu sprach gedämpft hinein und hörte sich die Antwort an und nickte befriedigt. «Das war unser Freund aus Borodenko. Kein Verkehr mehr aus Sinistrul seit zwei Stunden. Werden wohl jetzt alle auf der Hochzeit sein. Wir gehn rüber.»

Die Männer zogen Tarnanzüge über, schmierten sich Camouflage ins Gesicht und verluden ihre Ausrüstung in die Schlauchboote. Wir kletterten hinein, jeder mit einem Paddel und schaufelten Wasser. Die knapp hundert Meter hatten wir schnell hinter uns gebracht. Am anderen Ufer wurden die Boote an einer schwer zugänglichen Stelle im dichten Buschwerk versteckt. Die Männer schnappten sich ihre Taschen und Rucksäcke, und wir machten uns querfeldein auf den Weg nach Sinistrul. Ich war ein bisschen in Sorge wegen ihres Aussehens. Wenn wir jemandem begegnet wären, hätten sie sich in dieser friedlichen ländlichen Umgebung mit ihren Tarnmonturen und schwarzen Wollmützen wohl etwas seltsam ausgenommen. Wahrscheinlich hätten sie sich ins Gras geworfen und mir wäre die Aufgabe zugefallen, den Vetter aus Dingsda zu spielen, der harmlos mit der Botanisiertrommel durch Gottes freie Natur streift. Aber es begegnete uns niemand.

Zwei nicht besonders anstrengende Hügel mussten wir überwinden, dann lag das Dorf vor uns. Dorf ist vielleicht nicht ganz die richtige Bezeichnung, denn darunter stellt man sich so etwas vor wie kleine bescheidene Bauernhäuschen geschart um eine Kirche. Sinistrul war anders, es sah aus wie ein Ansammlung von Häusern von Leuten, die schlagartig zu viel Geld gekommen waren und nicht wussten, wohin damit. Dreistöckige Paläste hatten sie hochgezogen, mit Ecktürmchen, Freitreppen und allen möglichen Ziselierungen, die sich auf den kleinen Bauernhausgrundstücken geradezu lächerlich dicht drängten. So ziemlich alle Baustile wurden nachgeäfft, soweit sie nur genug zur Befriedigung einer exzessiven Prunksucht hergaben. Die Männer staunten. Popescu schüttelte nur den Kopf. Santas eigenes Haus war leicht auszumachen, ganz wie Oxana gesagt hatte. Es stand etwas abseits auf einer Anhöhe und hatte vier Stockwerke und acht Türmchen mit vergoldeten Kuppeln, als wollte es mit einer russisch-orthodoxen Kirche konkurrieren, und eine mosaikverzierte Fassade. Glänzend, fast funkelnd lag es in der Abendsonne.

Durch einen Hohlweg und Obstgärten rückten wir auf das Räubernest vor. Der Ort lag ausgestorben. Prüfend ließ Popescu den Blick über die Fassaden schweifen und stellte fest: «Keine Videokameras, keine Alarmanlagen, nichts. — Die haben keine Angst vor dem Gesocks, weil sie ja selber das Gesocks sind.»

Die Dorfstraße war in schlechtem Zustand und durchschnitt das Nest schnurgerade. Man konnte sie am anderen Ende noch ein gutes Stück weit in Richtung Borodenko verfolgen. Popescu schickte zwei Mann an den Ortsausgang und Titus mit einem Spezialauftrag eine Seitengasse hinunter. Der Rest der Truppe begab sich zu Santas Haus. Mächtig ragte es vor uns auf. Ein einem griechischen Tempel nachempfundenes Portal führte in die Eingangshalle. Popescu machte jedoch keinerlei Anstalten, die Haustür aufbrechen zu lassen, sondern schien auf etwas zu warten.

Nach einigen Minuten war Motorengeräusch zu hören. Titus kam mit einem uralten Schaufellader angebraust, der schwarz qualmte und mehr Rost als gelbe Farbe an sich hatte. Popescu grinste. «Ich sah ihn heute Nacht zufällig unten im Dorf stehen.»

«Warum waren Sie so sicher, dass diese Rostlaube überhaupt noch fährt?» fragte ich.

«Die Reifenspuren. Ganz frisch. War noch niemand drüber gefahren oder gelaufen. Schätze, dass sie gestern noch damit gearbeitet haben.»

Singe mir niemand mehr das Hohelied von der deutschen Gründlichkeit. Die Japaner haben uns auf diesem Gebiet schon längst abgehängt. Und jetzt sogar noch die Rumänen…

Titus hatte uns inzwischen erreicht, und Popescu winkte ihn lässig zum Haus durch. Mit unverminderter Geschwindigkeit und hochgefahrener Schaufel holperte er die Stufen der breiten Freitreppe hinauf und krachte ins Portal, drückte die Haustür ein und stoppte erst mitten in der Eingangshalle. Wir drängten hinterher. Die Halle ging über drei Etagen. Von oben kam ein Kronleuchter, gegen den sogar der in Kaplans netter kleiner Villa wirkte wie eine Notbeleuchtung. Direkt gegenüber der Haustür hinter einer Glaswand lag das Arbeitszimmer des Hausherrn. Popescu hielt sich nicht auf mit Türenaufmachen und gab Titus ein Zeichen, die Wand einzudrücken. Der Schaufellader fuhr an, ein kurzes Zittern, dann splitterte Glas und knackten Holzrahmen, und die Wand lag flach. Das Haus ächzte. Zum Arbeitszimmer nur so viel, ich glaube, der Bundeskanzler hat nur ein halb so großes. Die Prunksucht hierzulande erstreckte sich offensichtlich sogar auf die Tresore. Wo man sich in unseren Breiten ängstlich bemüht, sie hinter irgendwelchen van Goghs oder Schweinereien von Schiele unsichtbar zu machen, hier stellte man aus, was man hatte. An der Seitenwand stand ein dunkelgrünes Zweimeterungetüm von Safe, sicher nicht mehr das neueste Modell, dafür aber ungeheuer eindrucksvoll. Anscheinend war hier die Größe des Tresors so etwas wie bei uns die Golden Amex Card oder ein dickes Bankkonto. Nun ja, andere Länder, andere Sippen.

Popescu würdigte den Safe keiner näheren Inspektion, sagte nur: «Die Wand dahinter muss weg.» Und Titus fuhr wieder an, zerquetschte das antike Stück von Schreibtisch, walzte über den Chefsessel mit hellem Connolly-Lederbezug und drückte links und rechts vom Tresor die Wand ein. Bücher purzelten aus den Regalen, Gips staubte, und von der Decke rieselte Putz. Die Wandstücke klappten nach hinten weg, der Tresor stand frei. «Stahlseil!» kommandierte Popescu. Seine Männer schlangen eine Trosse um den Koloss und befestigten die Enden mit einem Schäkel vorne am Radlader. Popescu deutete mit dem Daumen über die Schulter. «Raus damit!» Titus setzte zurück und zerrte das Ungetüm mit viel Lärm und Rußentwicklung aus dem Zimmer, über den Marmorboden der Eingangshalle bis vors Haus.

Irgendwie erinnerte mich das Ganze doch sehr an die Blitzeinbrüche und Diebstähle von Bankomaten, von denen man immer wieder in der Zeitung lesen kann.

Wir scharten uns um das Monstrum, das vor den Treppenstufen auf dem Rücken im Staub lag. Popescu erklärte mir lächelnd: «Dieses Museumsstück stammt noch aus einer Zeit, in der es noch keine Radlader gab. Man meinte, der Tresor müsste nur schwer genug und mit einer Wand verschraubt sein, dann könnte ihn niemand wegbringen. Und richtige Zuhaltungen hat er auch nicht. Sehen Sie hier, den Drehzapfen der Tür? Wenn man ihn nach unten rauszieht, ist das Ding praktisch offen.» Er ließ sich ein Brecheisen reichen, lockerte den Zapfen und zog die Stange heraus. Der Rest war nur noch ein bisschen Stemmarbeit am Türspalt, und dann hob sich die Tür. Doch bevor sie ganz auf war, ertönte hinter uns ein wildes Gezeter. Die Männer zogen die Brechstangen zurück und blickten sich überrascht um, die Tür krachte wieder zu. Aus einem kleinen geweißten Bauernhaus unten der an der Straße kam keifend ein altes Weib auf uns zugehumpelt. Obwohl sie ganz offensichtlich nicht zu den Gewinnern des Dorfes zählte, fühlte sie sich doch verpflichtet, das Eigentum des Clanchefs zu verteidigen.

«Was sagt sie?» fragte ich Popescu.

«Sie schreit, Räuber, Räuber!» wunderte er sich.

Ion, der Hüne, auf den sie mit ihrer Krücke losging, fing sie ab und hob sie hoch. An der zappelnden Alten vorbei fragte er seinen Chef: «Was soll ich mit ihr tun?»

«Stell sie ruhig.»

Ion blickte sich suchend um. Und als er fündig geworden war, trug er die Alte, die die ganze Zeit tobte wie wild und versuchte, ihm mit ihrem Stock den Schädel einzuschlagen, wieder zu ihrer Kate zurück. Davor befand sich ein kleines Backhäuschen. Ion hielt die Alte unter dem rechten Arm, öffnete mit der freien Hand die Eisentür des Backofens und schob das alte um sich schlagende Weib behutsam mit den Füßen zuerst hinein, schloss das Türchen und sicherte es, indem er die Krücke durch einen Eisenring steckte.

Popescu wieherte vor Vergnügen. «Das erinnert mich an dieses alte deutsche Märchen, das mir meine Großmutter immer erzählt hat, wie hieß es noch gleich?»

«Hänsel und Gretel,» sagte ich.

Wir wandten uns wieder dem Tresor zu. «Also los jetzt!» befahl Popescu, und seine Männer setzten die Stemmeisen von Neuem an. Die schwere Tür hob sich. Titus fuhr mit der Schaufel darunter und kippte sie weg. Was wir zu sehen bekamen, war atemberaubend. Der Tresor war voll bis obenhin mit Geldbündeln, Schmuck und Armbanduhren, Stapeln von Geld- und Kreditkarten und Goldbarren. Überflüssig zu erwähnen, dass es sich bei dem Geld nicht um wertlose transnistrische Papierlappen handelte, sondern fast ausschließlich um Euros und Dollars, und Schweizer Franken waren, glaube ich, auch noch dabei. Wenn ich vom Alten eines gelernt habe, ist es das, den Wert eines Haufens Geldscheine mit einem Blick abzuschätzen. Und mein Blick sagte mir, dass hier so an die vier bis fünf Millionen versammelt sein mussten. Für Klunkern bin ich kein Fachmann, aber da das hier wohl kaum irgendwelcher billiger Talmi war, würde mindestens noch einmal derselbe Betrag in Karat dazukommen, wenn nicht mehr. Und die fünfzig Goldbarren zu rund zehntausend das Stück, na ja, rechnen Sie sich’s selber aus.

Popescu pfiff durch die Zähne.

Ich griff hinein und nahm mir die Zweinhundertzweiundvierzigtausend heraus, die Raff gehörten, und noch ein bisschen was obendrauf für unsere Auslagen. Da der Zaster akkurat gebündelt und verstaut war, ging das Abzählen flott von der Hand. Dann trat ich zurück, grinste ich in die Runde und erklärte: «Gentlemen, der Rest gehört Ihnen.»

Die Männer schluckten, und Popescu lächelte unsicher. «Meinen Sie das ernst?»

«Sehe ich aus, als ob ich Witze machte? Ich hatte Ihnen doch versprochen, die Erfolgsprämie wird für alle reichen. Nur heimschleppen müssen Sie es selber. Besonders das Gold. Beim Tragen werde ich Ihnen nicht helfen.»

«Wollen Sie sich nicht selber auch noch…?»

«Ich mache hier Inkasso und keinen Raubzug,» sagte ich nicht ohne ein gewisses Pathos. Berufsehre ist manchmal etwas Wunderbares. Aber wirklich nur manchmal.

Popescu nickte und sagte zu seinen Männern: «Jungs, ihr habt’s gehört. — Einpacken!»

Während sie sich an die Arbeit machten und ihre Rucksäcke und Taschen vollstopften, war aus dem Haus ein Knarren zu hören. Mauerbrocken stürzten im Inneren polternd herab, ganze Decken gaben nach, Wände barsten. Der rückwärtige Teil fiel in sich zusammen, die Ecktürme stürzten nach und rissen auch den vorderen Teil ein. Die ganze großkotzige Pracht versank mit Getöse in einer Staubwolke. Nur zwei der vorderen Türmchen blieben stehen. Anscheinend hatten wir bei unserer kleinen Operation eine tragende Wand erwischt.

Hustend klopfte Popescu sich den Staub von den Kleidern und schimpfte etwas von türkischer Bauweise und zusammengepfuschten Schwarzbauten. Das Walkie-Talkie meldete sich wieder. Er hörte sich an, was sein Vorposten Tschaplin zu berichten hatte, quittierte und steckte es wieder ein. «Es kommt jemand.»

Wir rafften das Gepäck zusammen und machten, dass wir zur Straße kamen. In der Ferne aus Richtung Borodenko war eine Staubwolke zu sehen. Popescu hielt einen kleinen Sender in der Hand, an dem ein rotes Lämpchen glomm. Er betätigte einen Schalter, und ein grünes Lämpchen fing an zu blinken. Über sein Kragenmikrophon erteilte er den Männern, die er ans andere Ortsende geschickt hatte, einige knappe Anweisungen. Die Staubwolke kam schnell näher und entpuppte sich als schwarzer Porsche Cayenne. Ob gestohlen oder mit gestohlenem Geld gekauft, war ihm nicht anzusehen, aber eines von beidem war er sicher. Mit ein paar Weinstöcken und einer Obstwiese hinterm Haus hat man auf ehrliche Art das Geld für so einen Untersatz frühestens zusammen, wenn er schon ein paar Jahrzehnte im Museum steht. Popescu beobachtete ihn durch ein Fernglas.

Er drückte auf einen Knopf, das grüne Lämpchen an dem Sender brannte nun dauerhaft. Der Wagen legte noch einige Meter zurück, dann zerriss ein trockener, nicht sehr lauter Knall die Abendstille, und wir sahen, wie der Vorderteil des Porsche abgerissen wurde und mit einigen Saltos seitlich in eine Wiese flog. Der Torso des Wagen schlitterte funkensprühend weiter über die Straße, sich in Pirouetten drehend. Man konnte sehen, wie im Inneren die Airbags aufpoppten.

Befriedigt schaltete Popescu den Sender ab und steckte in weg. «Sprengfalle mit Lichtschrankenauslöser, über Funk aktiviert. Feine Sache, wirklich eine feine Sache. Und ich hätte nie gedacht, dass der neue Sprengstoff so gut ist. Arbeitet ja fast wie ein Skalpell.»

Der Wagen war inzwischen mit dem Heck im Straßengraben zum Stehen gekommen. Es dauerte lange, bis sich in ihm Lebenszeichen zeigten und eine Tür aufgestemmt wurde.

Popescu lachte. «Die da drinnen haben bei meiner kleinen Vollbremsung eine Fallbeschleunigung erlebt, wie es sie auf keiner Achterbahn der Welt gibt, vom Explosionsschock ganz abgesehen.»

Taumelnd kam der erste Insasse heraus, ließ sich auf Hände und Knie fallen und kotzte sich aus.

«Die Brüder sind so benebelt, die werden Tage brauchen, bis sie wieder einen klaren Kopf haben,» stellte der Oberst fest. «Falls sie überhaupt je einen klaren Kopf haben können.»

Das Walkie-Talkie meldete sich. Popescu unterhielt sich kurz mit Tschaplin und knurrte: «Die sind doch schneller, als ich dachte. Da kommen noch mehr.» In sein Kragenmikrophon gab er den Jungs am anderen Ortsende den Befehl zum Rückzug. Augenblicklich sah man sie in die Dorfstraße einbiegen und im Laufschritt näher kommen.

Auf der Straße von Borodenko wurde eine weitere Staubwolke sichtbar. Es war eine ganze Kolonne, die da angerast kam. Als sie das Porschewrack erreicht hatte, verlangsamte sie kurz, ohne aber anzuhalten.

Die beiden Jungs vom Ortsende hatten uns erreicht.

«Alles klar?» fragte Popescu.

Sie nickten atemlos. Der Oberst hielt wieder seinen kleinen Sender in der Hand. Die Kolonne war kurz vor dem Dorf. Popescu drückte auf eine Taste, und ein dumpfes Grollen war zu hören, der Boden zitterte und aus der Dorfstraße schossen an vielen Stellen Fontänen aus Sand und Erdreich hoch in die Luft. Kanaldeckel wurden durch die Gegend geschleudert, die Straße, das ganze Straßennetz des Ortes explodierte. Scheiben zersplitterten. Ziegel rutschten von den Dächern und zerbarsten am Boden. Zwischen den Häusern klafften plötzlich tiefe Gräben. Das Nest versank in einer riesigen Staubwolke. Vom anderen Ortsende her waren Schüsse zu hören.

«Kleine Vorsichtsmaßnahme von mir,» erklärte der Oberst. «In dieser Drecksgegend, wo jeder sich nur die eigenen Taschen vollstopft, funktioniert die öffentliche Versorgung praktisch überhaupt nicht mehr. Kaum Strom, kein Öl, kein Gas, die Kanalisation aus Sowjetzeiten total verrottet. Geheizt und gekocht wird fast nur mit Propangas — wie auf dem Campingplatz. Deshalb haben sie auch vorne am Ortseingang ein Gaslager. Meine Jungs haben von da eine Leitung in die Kanalisation gelegt, und mit einem Funkzünder…,» er machte ein viel sagende Handbewegung.

Weitere Explosionen erschütterten das Dorf. Unser Gepäck schleppend zogen wir uns zurück. Als wir an dem Backofen vorbei kamen, hörten wir die Alte drin immer noch zetern. Wir bogen auf einen Trampelpfad ab und machten uns durch die Obstgärten zum Fluss davon. Die ganze Zeit ging die blinde Schießerei im Dorf weiter. Popescu brummte: «Diese Narren werden noch den ganzen Weiler in Schutt und Asche legen.»

Plötzlich wurde die Abenddämmerung grell von einem Lichtblitz erhellt und eine heftige Druckwelle warf uns fast auf den Boden. Wir drehten uns um. Eine Feuersäule loderte am anderen Ende des Dorfes hoch. Eine Menge Dächer waren abgedeckt. Kaum eine Fensterscheibe war heil geblieben. Popescu kratzte sich am Kopf. «Da muss wohl ein Funke ins Gaslager zurückgeschlagen sein.»

Nach kurzer Pause ging das Geballer wieder los, und weitere kleinere Explosion überall im Dorf folgten. In diesem Moment klingelte mein Handy — muss ich wirklich sagen, wer?

Raff meckerte: «Wo bleiben Sie? Was ist mit meinem Geld?»

Ich hielt das Handy von mir weg in Richtung auf die Explosionen. Dann sagte ich: «Hören Sie nicht? Es fliegt gerade in die Luft.»

«Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass Sie keinen neuen Balkankrieg anfangen sollen da unten?»

«Schon, schon, aber freiwillig wollen sie es einfach nicht hergeben. Wir haben gerade das Strategische Bomberkommando angefordert.»

«Sie, Sie…»

Ich rief: «Alles brennt! Feuer, Feuer!»

«Arg.» Er gurgelte nur noch.

«Ich kann Sie nicht mehr verstehen. Ich glaube, das Handynetz ist gerade hops gegangen.» Ich schaltete ab.

«Mit wem haben Sie da gerade telefoniert?» erkundigte sich Popescu.

«Das war mein Chef.»

«Glauben Sie, dass er es überleben wird?»

Irgendwie schien er rührend besorgt um Raffs Wohlergehen zu sein. Ich sagte: «Sehen wir lieber erst mal zu, dass wir das hier überleben.»

Vom Hügel aus warfen wir noch einen letzten Blick zurück. Sinistrul sah wirklich übel aus. Das Feuer im Gaslager schien sich auszubreiten. Fast kein Haus war unbeschädigt geblieben. Von Semiul Santas Domizil ragten nur noch die beiden Türmchen wie Fanale in den vom Feuerschein widerleuchtenden Abendhimmel. Ich fragte mich, wie sich das auf die Kriminalitätsrate im Rhein-Main-Gebiet auswirken würde. Vermutlich nicht günstig.

Wir hatten uns doch ein wenig verweilt, und es dunkelte schon, als wir das Flussufer wieder erreichten. Und wir wollten gerade die Schlauchboote aus ihren Verstecken holen, als hinter uns die Verschlüsse von Waffen klickten, die durchgeladen wurden. Zwei Mann von der Grenztruppe standen da und richteten ihre Kalaschnikows auf uns. Aber wir waren nicht vollzählig, offensichtlich hatte Popescu zwei seiner Jungs etwas abseits postiert. Und als die Grenzer irgendwas von «Hände hoch!» riefen, tauchten sie aus dem Dunkel hinter ihnen auf, nahmen sie in den Würgegriff und schlugen ihnen die Waffen der Hand. Messer blitzten auf. Ich rief: «Stopp!»

Irritiert blickte Popescu zu mir, war sich einen Moment lang unschlüssig, kam dann zu dem Ergebnis, dass er zwar den Einsatz leitete, ich aber der Boss vom Ganzen war. Und wer zahlt, schafft nun mal an. Er bedeutete seinen Männern, von ihren Kampfmessern keinen Gebrauch zu machen. Dann trat er vor den einen Grenzer hin, gab Ion, der ihn hielt, mit dem Kopf ein Zeichen, ihn loszulassen und fällte ihn mit einem blitzschnellen Handkantenschlag in den Winkel zwischen Hals und Schulter. Der Grenzer sackte zusammen und blieb reglos am Boden liegen. In der Einzelkämpferausbildung kriegt man diesen Karateschlag beigebracht für den Fall, dass jemand nur außer Gefecht gesetzt, nicht aber ins Jenseits befördert werden soll. Ich bezweifelte allerdings nicht, dass der Oberst auch schon andere Arten von Handkantenschlägen ausgeführt hatte.

Popescu gab dem zweiten Mann einen Wink, seinen Grenzer auf dieselbe Art schlafen zu schicken. Auch dieser sackte lautlos zu Boden. Popescu räumte den Kampfplatz auf, warf die Kalaschnikows weit in den Fluss, nahm den Grenzern ihre Handys ab und ließ sie den Schießprügeln ins nasse Grab folgen.

Unterdessen hatten die Männer die Schlauchboote seeklar gemacht und beladen. Wir paddelten wieder. Hart arbeitend fragte Popescu mich: «Warum haben Sie das gemacht?»

«Wir wollen doch hier nichts tun, was man uns einen Leben lang anhängen kann,» grinste ich ihm. «Solche Sachen können einen immer wieder einholen, und meistens tun sie es dann auch noch im ungünstigsten Moment.»

Für ihn war das offensichtlich ein ganz neuer Gedanke. Er zog das Paddel kräftig durchs Wasser und stellte er fest: «Ich glaube fast, Sie sind ein bisschen sentimental.»

«Und ich dachte, das merkt man nicht, wenn ich mein Florence Nightingale-Häubchen nicht trage,» gab ich wiehernd zurück.

Wir hatten gerade die Flussmitte erreicht, als wir vom anderen Ufer durch eine starke Lampe geblendet wurden. Jemand rief: «Halt!»

«Moldawische Grenzer,» stellte Popescu missvergnügt fest, legte das Paddel aus der Hand und griff in eine Sporttasche. Zum Vorschein brachte er einen gedrungenen Stutzen mit einem riesigen Rohrdurchmesser. Er ließ irgendwas in den Lauf fallen, prüfte die Windrichtung, zielte und feuerte. Das Dings aus dem Lauf schlug am anderen Ufer ein und verbreitete zischend irgendeinen Nebel um sich. Der Lichtkegel ließ von uns ab und irrte ziellos in den Baumkronen umher.

«Tränengas,» sagte Popescu über die Schulter zu mir. Der Mann hatte wirklich an alles gedacht. Nun ja, fast an alles — dass es auch auf der moldawischen Seite Grenzstreifen geben konnte, hatte er offensichtlich nicht auf seinem Zettel gehabt.

Hastig paddelten wir weiter. Am Ufer stießen wir auf zwei Uniformierte, die ziemlich in Tränen aufgelöst waren. Die Granate hatte ausgezischt, und so konnten Popescus Jungs die beiden auf die bewährte Art zur Ruhe betten, ohne selber dabei allzu viele Tränen zu vergießen.

Die Schlauchboote wurden entladen und die Luft aus ihnen abgelassen, die Wagen aus ihrem Versteck geholt und beladen. Alles ging drillmäßig von statten, jeder wusste, was er zu tun hatte, und jeder Handgriff saß. Das Ganze dauerte keine zehn Minuten inklusive Kleiderwechsel.

Als wir wieder auf der Straße lagen und mit hoher Geschwindigkeit auf Kischinau zu fuhren, wischte Popescu sich die Tarnfarbe aus dem Gesicht und stellte fest: «Ein netter kleiner Job. Ist sogar noch was übrig geblieben vom Abend.»

«Was haben Sie vor?» fragte ich ihn.

«Nun, ich werde noch ein bisschen durch die Kneipen ziehen und das eine oder andere Gerücht in Umlauf setzen. Wäre doch gelacht, wenn wir das andere Ufer nicht ein wenig in Aufruhr versetzen könnten. Das wird sie eine Weile beschäftigen, und die Welt hat so lange Ruhe vor ihnen.»

«Können Sie mich am Flughafen absetzen?»

«Können wir,» nickte er. «Aber das wird Ihnen nicht viel bringen.»

«Warum nicht?»

«Weil man Sie nicht fliegen lassen wird.»

«Es gibt keine Direktflüge nach Deutschland, ich weiß…»

«Das meine ich nicht. Sie haben kein Visum. Aber Sie brauchen eines, sonst ist Ihr Aufenthalt hier illegal. Und Illegale werden erst mal festgehalten.»

«Und wieso bin ich ohne Visum reingekommen?»

«Weil Sie in meiner Begleitung waren. Und ich habe so eine Art, äh, Dauervisum mit gewissen Erweiterungsmöglichkeiten.»

Ich zog die Brauen hoch. «Und was heißt das?»

«Dass Sie am besten mit mir zusammen auch wieder ausreisen. Es wird Sie nicht viel Zeit kosten. In Kischinau muss ich bloß kurz noch mit zwei der drei Leuten ein persönliches Wort wechseln. Dann sausen wir weiter nach Bukarest. So kurz nach drei landet dort der Postflieger aus Istanbul, der nach Frankfurt weiterfliegt, auf dem können wir Sie unterbringen. Von Kischinau könnten Sie zwar den Spätflieger nach Wien kriegen — wenn man Sie ließe –, aber dann wären Sie so spät in Wien, dass Sie sowieso keinen Anschluss mehr nach Hause kriegen würden. Wien ist zwar eine schöne Stadt, aber nach Mitternacht ist auch dort nicht mehr sehr viel los. — Also?»

Der Oberst war wirklich ein außerordentlich gut informierter Mann, sogar alle Flugpläne schien er im Kopf zu haben. Ich räusperte mich und sagte: «Überredet.»

In Kischinau lotste er den Fahrer nacheinander zu einem halben Dutzend nicht besonders einladender Kneipen und Schankstuben, in denen er verschwand, während wir in den Wagen draußen etwas abseits warteten. In zweien blieb er etwas länger.

Nach dem letzten Besuch ließ er sich auf den Beifahrersitz fallen und erklärte aufgekratzt: «So, das wäre auch erledigt. Ab nach Hause.»

Ich erkundigte mich: «Darf man fragen, was auch erledigt ist?»

«Nun, auf der ganzen Welt gibt es diese Typen, die das Gras wachsen hören und in Umlauf bringen, was sie gehört haben. Und komischerweise gibt es immer jemanden, der diesen Eckenstehern und Kneipenhockern zuhört und seinerseits in Umlauf bringt, was er gehört hat und so weiter und so weiter. Es genügt, einen oder zwei von ihnen zu kennen, und schon bringt das rechte Wort zur rechten Zeit ein Lawine ins Rollen. Das werden Sie bei sich zuhause doch nicht anders handhaben, oder?»

«Und was für ein Wort haben Sie fallen lassen?»

«Dass der Santa-Clan vom Burgo-Clan überfallen wurde — oder war es der Iwanow-Clan, oder die Stepanowitschs? Egal, heute Nacht noch wird Kischinau davon sprechen, und morgen das ganze andere Ufer, und übermorgen wird da drüben keiner mehr dem anderen über den Weg trauen, und alle werden sich in den Haaren liegen. Und der Santa-Clan wird auf Rache sinnen, und weil er nicht genau weiß, gegen wen, wird er sie gegen alle richten. So ist das hier auf dem Balkan und ganz speziell da drüben. Sie haben ja keinen von denen kennengelernt, das sind ziemlich leicht erregbare Leute. Da wird erst gehandelt und dann gefragt. Also ich möchte in der nächsten Zeit nicht da drüben sein.» Behaglich aalte er sich in seinem Sitz, und die Raserei ging wieder los. Das einzig Gute daran war, dass kaum noch Fuhrwerke auf der Straße waren und gar keine Gänse. Den Rückweg nach Bukarest schafften wir in zweieinviertel Stunden, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 150 Stundenkilometern entsprach, und das ohne einen Meter Autobahn.

Es war, wie er gesagt hatte, kurz nach drei Uhr morgens war der Postflieger aus Istanbul gelandet. Und es kostete ihn jeweils eine kurze Unterredung mit dem Diensthabenden der Grenzpolizei und dem Ramp Agent des zuständigen Luftfrachtunternehmens, und ich hatte einen Platz sicher zwischen dreieinhalb Tonnen Postsäcken. Da für den Posttransport ganz normale Passagierflugzeuge eingesetzt werden, hat man den Sitzkomfort eines ganz normalen Fluges mit dem Unterschied, dass man die ganze Sitzreihe für sich hat und ungestört die Beine hochlegen kann. Nur auf die Stewardessen und die Drinks muss man verzichten. Außer mir verteilten sich noch eine Handvoll anderer später Passagiere zwischen den Postsäcken und machte es sich bequem.

Um halb vier waren wir in der Luft. Popescus Leute hatten sich von mir verabschiedet wie von einem alten Freund. Ich nehme an, einige von ihnen haben sich nach diesem Job ins Privatleben zurückgezogen, Geld genug dazu war ja da. Bei Popescu konnte ich mir das nicht vorstellen, der Mann ging ganz auf in dem, was er tat. Mich hätte nur interessiert, ob er wirklich bei der Securitate gewesen ist. Wenn ich das nächste Mal nach Bukarest komme, werde ich ihn danach fragen.

Ich kam mir ein bisschen vor wie nach einem Kinofilm, wenn man wieder ins Freie tritt. Die Bilder liegen hinter einem, aber die Wirklichkeit ist noch nicht wieder ganz da. Die letzten achtundvierzig Stunden hatten etwas Irreales an sich gehabt, und doch war alles echt, wie der dicke Packen Geld in meiner Brusttasche bewies.

Kurz nach sechs war ich wieder in der Zivilisation. Ich fuhr heim und schlief mich aus bis Mittag. Als ich runter in den Hof zu meiner Corvette kam, um meine Runde durch die Stadt zu machen, waren die Reifen platt gestochen. Alle vier. Muss ich Ihnen sagen, von wem? Anruf in der Werkstatt, breite Schlappen, wie ich sie drauf hatte, mussten sie erst bestellen. Ich ließ sie wissen, dass sie sich einen neuen Kunden suchen könnten, wenn mein Hobel nicht bis zum Abend wieder Reifen drauf hätte, die die Luft halten könnten. Dann schritt ich fürbass zu einer gewissen Autovermietung. Agneta strahlte, als sie mich eintreten sah. «Bodo, schon wieder zurück? Wie war’s? Erzähl.»

Ich winkte ab. «Heute Abend. Jetzt bin ich als Kunde da. Ich brauch ’ne Karre, was habt ihr denn so da?»

Alles, was sie gerade auf Lager hatten, waren ein Smart und ein kotziger Lupo in kotzigem Weiß. Um mich nicht total lächerlich zu machen, nahm ich den Lupo und hoppelte damit ins Städtchen. Mal ehrlich, solche elenden Sardinenbüchsen gehören gesetzlich verboten, wenigstens als Mietwagen.

Raff ließ ich ein bisschen warten, der sollte ruhig schmoren, der alte Halsabschneider. Zuerst beehrte ich Piependonk mit meinem Besuch. Hinner war einerseits untröstlich, er hatte keine weiteren Penner auftreiben können, andererseits war er in einer gewissen Hochstimmung, weil er die Einladung für die Vorauswahl zu einem Casting für eine Quizshow ergattert hatte. Ich gratulierte ihm, zahlte ihn aus und fuhr zur Staatsanwaltschaft zu Frau Altdorf Bindestrich Neumann. Sie wollte gerade im Talar zur Tür hinaus wehen. «Herr Lünch! Wollen Sie denn wirklich immer noch da runter fahren? Haben Sie sich das auch gut überlegt?»

«Ich war schon unten,» erklärte ich ihr.

«Sie waren unten?» fragte sie und machte ein etwas dümmlich-überraschtes Gesicht dazu.

«Ich hab’s Ihnen doch gesagt.»

«Und? Was ist mit dem Geld?»

Ich klopfte mir gegen die Brusttasche. «Ist wieder daheim bei Vatern.»

«Wie haben Sie das denn geschafft?»

«Bodo-Lünch-Methode,» grinste ich. «Es ist bloß so, beim Zugriff gab es gewisse Kolateralschäden, und es besteht die Möglichkeit, dass die Brüder versuchen werden, sich mit verstärkten Aktivitäten hier im Raum zu refinanzieren. Es wäre also sicher nicht verkehrt, wenn Sie in nächster Zeit ein bisschen ein Auge auf die Einreisen aus dieser netten Weltgegend hätten. Das wollte ich Ihnen bloß sagen.»

«Herr Lünch…,» hauchte sie verwundert.

Ich tippte mir grüßend an die Stirn und machte mich auf den Weg zum Alten.

Als ich ihm seinen Zaster auf den Tisch schüttete, wie immer kein Wort des Dankes oder der Anerkennung. Im Gegenteil, er wollte eine detaillierte Spesenabrechnung von mir sehen.

Ich sagte: «Nur falls Sie’s noch nicht ganz mitgekriegt haben, ich habe Ihnen gerade eine Viertelmillion auf den Tisch gekippt. Das ist der dickste Brocken, den ich Ihnen jemals gebracht habe. Mein Leben habe ich dafür riskiert. Ich finde, wir sollten mal über meinen Provisionssatz reden.»

Aber er schnauzte nur: «Sie haben wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank! Es ist Ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, mir mein Geld zurückzubringen, dafür streichen Sie fürstliche Provisionen ein. Ich frage mich eigentlich schon seit langem, ob die nicht viel zu hoch sind.»

«Wollen Sie vielleicht lieber den Geerds anheuern?»

«Sie werden lachen, der hat gerade vor ein paar Tagen bei mir angefragt, ob eine Stelle frei wäre. Irgend so ein Idiot hat ihm nämlich den Floh ins Ohr gesetzt, dass Hartmann seinen Außendienst abschaffen will. Eine Kredit-Firma ohne Außendienst, wo gibt’s denn so was?»

«Aber Geerds hat’s gefressen,» grinste ich.

«Waren Sie das vielleicht?!»

«Ich würde Ihnen empfehlen, nehmen Sie ihn. Der passt prima zu Ihnen und kostet fast nix. Sie werden ein Dreamteam sein.»

«Soll das eine Kündigung sein?»

«Sagen wir mal so, es ist eine Kostensenkungsmaßnahme. Ich helfe Ihnen, die Kosten für meine horrenden Provisionen zu sparen und lege Ihnen eine bewährte Fachkraft wie Kai-Uwe Geerds wärmstens ans Herz.»

Und soll ich Ihnen was sagen? Der Alte machte es, er nahm tatsächlich meine Kündigung an und stellte tatsächlich den Geerds ein. Nicht das es mit leid getan hätte, weder die Kündigung, noch dass er den Geerds einstellte. Ich frage mich nur, wie man so dämlich sein kann. Können Raffgier und Geiz wirklich so dumm machen? Offenbar schon. Von der Firma Raff-Kredite habe ich schon lange nichts mehr gehört. Keine Ahnung, was er macht. Vielleicht veranstaltet er jetzt Tupper-Partys.

Wie auch immer, als ich beschwingt das Büro verließ und den alten Giftnickel für immer hinter mir ließ, fühlte ich mich irgendwie befreit. Frei war ich eigentlich schon immer gewesen, aber jetzt war ich auch mein permanentes schlechtes Gewissen in Gestalt von Arnold Raff los. Das kann niemand richtig ermessen, dem dieser Blutsauger nicht über viele Jahre im Genick gesessen hat wie ein böser Alp.

Das Handy klingelte, als ich mich gerade in den Lupo quetschte. Es war BKA-Schneider, der mich sehnlichst zu sehen wünschte. Ich teilte ihm mit, dass er mich in meinem Büro antreffen könne.

«Wo ist ihr Büro?» fragte er.

«Zwischen zwei und drei befindet es sich im Café an der Hauptwache,» sagte ich.

Als ich auf dem Weg in die Innenstadt vor einer Ampel halten musste, stoppte neben mir ein S-Klasse-Mercedes neuestes Modell, und wer saß drin und grinste mich frech an? Richtig: Carlo und der Kleine. Ihre neue Mühle war wirklich piekfein. Blitzblank gewienert, schöne breite Leichtmetallwalzen, helle Lederpolster und so weiter. Der Haken war die Farbe: ein Erdbeerschwuchtelrosametallic, dass einem die Augen tränten. Damit musste dieser Schlitten praktisch unverkäuflich gewesen sein, höchstwahrscheinlich war das der Grund, warum sie sich ihn überhaupt leisten konnten. Bei Grün waren sie weg wie der Blitz, nicht ohne dass der Kleine mir zuvor noch eine obszöne Geste gezeigt hatte. Aber das Leben ist voller Zufälle. Nachdem ich am Hirschgraben den Lupo in eine winzige Parklücke gezwängt hatte, marschierte ich rüber zur Hauptwache und sah in einer Hofeinfahrt hinter einem Spielsalon ihre Karre stehen. Und daneben einen hübschen kleinen Hundehaufen. Ohne groß zu überlegen, warf ich ein paar Lagen Papiertaschentücher drüber, hob ihn auf, trug ihn achtsam nach vorne zur Motorhaube und knetete ihn in das Lüftungsgitter vor den Scheibenwischern, wo die Innenraumluft angesaugt wurde. Bis auf den letzten Krümel drückte ich die Scheiße durch den Rost, wischte alles sorgfältig ab und ging meiner Wege. Wissen Sie, wie Hundekacke im Sommer stinkt? Bei dieser Hitze? Immer schön frisch von der Klimaanlage in den Wagen geblasen — ein nicht enden wollender Strom von Gestank? — Bah! Jetzt war die Mühle endgültig unverkäuflich. Kindische Pennälerstreiche, sagen Sie? Natürlich! Aber wer hatte denn damit angefangen? Wie man in den Wald hineinruft, so schalmeit es nun mal wieder heraus.

Ich musste nicht lange bei meinem Espresso auf Schneider warten. Mit einer schicken Sonnenbrille kreuzte er auf, kaum dass ich mich häuslich eingerichtet hatte und nahm Platz und kam gleich zur Sache: «Was hört da man von Ihnen?»

«Was hört man denn?»

«Sie waren unten und haben sich das Geld geholt?»

«Was ist denn daran so überraschend. Ich hatte es doch angesagt.»

«Bloß abgenommen, dass Sie’s auch wirklich tun würden, hat’s Ihnen niemand.»

«Sagen Sie das nicht. Alle die mich kennen, haben keine Sekunde gezweifelt, dass ich’s auch wirklich tun würde.»

Er schob einen Ellenbogen auf den Tisch. «Nu mal Tacheles, wie haben Sie das denn hingekriegt?»

«Och, das war ganz einfach. Man musste dazu nur ein Haus einreißen, eine alte Hexe in den Ofen stecken, ein Gaslager hochjagen, ein Dorf in Schutt und Asche legen, einen Porsche in die Luft sprengen, vier Zöllner k.o. schlagen, die Visa-Bestimmungen von Moldawien gründlich verletzen und sämtliche Verkehrsregeln in Rumänien missachten. Das war eigentlich schon alles.»

«Tztz, es wird doch keine diplomatischen Verwicklungen geben,» sorgte er sich.

«Das glaube ich nicht. Ich habe mich da unten nicht vorgestellt und sorgfältig auf mein Inkognito geachtet.»

«Und wer hat Ihnen dabei geholfen?»

«Kollegen von Ihnen. Nicht, dass ich es nicht auch allein geschafft hätte. Aber meine Zeit war etwas knapp bemessen.»

«Ich dachte, Sie arbeiten immer ohne Unterstützung der Behörden.»

«Ich sagte ‚Kollegen von Ihnen‘, von Behörden habe ich nichts gesagt.»

Das gab ihm zu denken. Und als er damit fertig war fragte er: «Bestechung?»

«So kann man das nicht sagen. Die haben da unten eigene Firmen nebenher — ganz offiziell.»

«Da wissen Sie wirklich mehr als wir. Bei Gelegenheit müssen wir uns mal etwas eingehender darüber unterhalten.»

«Müssen wir nicht.»

«Wie?»

«Alles, was zu dem Thema zu sagen ist, habe ich schon Frau Altdorf Bindestrich Neumann gesagt. Wenn Sie mehr wissen wollen, müssen Sie selber runterfahren und Ihren eigenen Zirkus aufmachen.»

«Wenn Sie die Justiz behindern, könnte Ihnen das ziemlich viel Ärger einbringen.»

«Behinderung der Justiz ist hierzulande kein Straftatbestand, sondern ein Volkssport. Und Ärger bin ich gewohnt, das ist mein Geschäft.»

«Das meine ich ja gerade.»

«Sie wollen mich aus dem Verkehr ziehen?»

«Wenn Sie uns dazu zwingen, könnte es passieren, ja.»

«Da kommen Sie leider zu spät.»

«Was?»

«Das habe ich vor einer Stunde schon selbst getan.»

«Sie arbeiten nicht mehr für diese Firma Raff-Kredite?»

«So ist es.»

«Sie haben gekündigt?»

«Noch mal ins Schwarze. Aber nicht, weil ich vor den Strafverfolgungsbehörden Angst hätte.»

«Warum dann?»

«Weil mir der Alte zu weich geworden ist. Leute mit Sozialfimmel bringen mich um.»

Ich weiß nicht, wie wir uns getrennt haben. Als gute Freunde nicht gerade. Ich nehme an, er als Bundesbehörde und ich als freier Mann.

Ich stand gerade an der Fußgängerampel an der Alten Oper, weil ich rüber wollte zur Bank, um die reichliche Barschaft, die ich vom Balkan mitgebracht hatte, in sichere Hände zu legen. Da kamen Carlo und sein Kumpel in ihrer Schwuchtelmühle angefahren. Alle Fenster aufgerissen, der Kleine mit herausgestrecktem Kopf nach frischer Luft japsend und Carlo ziemlich blau angelaufen am Steuer. Sie schienen in großer Eile zu sein, offenbar konnten sie es nicht erwarten, so schnell wie möglich wieder aus ihrem schönen erdbeerschwuchtelrosa Hundeklo rauszukommen. Ich glaube, die Leute um mich herum hielten mich für ein bisschen gaga, als ich von Lachen geschüttelt den beiden nachblickte, bis sie nicht mehr zu sehen waren.

Nach der Bank brachte ich das kleine schnuckelige Wägelchen zu Agneta zurück und entführte sie in einen vorgezogenen Feierabend. Wir hatten eine nette Nacht. Diese eine noch. Beim Frühstück erklärte sie mir, dass sie ihren Boss heiraten würde. Na ja, Abba war sowieso noch nie so mein Fall gewesen. Ich wünschte ihr alles Gute und viele Kinderchen. Kerstin habe ich nicht wieder gesehen. Milena ist ganz vernarrt in das kleine Bild mit der Zigeunerin, das ich ihr aus Kischinau mitgebracht habe. Im September werden wir zu ihr nach Hause fahren und bei der Weinlese helfen und ein bisschen Urlaub machen da unten. Sie wissen ja, Bodo Lünch und die Weiber — ein einziges Durcheinander.

Kleiner Tipp zum Schluss: Glauben Sie jetzt bloß nicht, die Welt sei ein sicherer Platz geworden, nur weil der gute alte Bodo Lünch kein Inkasso mehr macht. Ich habe bei einer amerikanischen Company angeheuert, toughe Burschen, echte Global Player. Die haben ziemlich viele Betriebe auf dieser Seite des Großen Teichs, und ich soll in einer ihrer Firmen, die Farben produziert, ein Arbeitsplatzmassaker anrichten. Ich habe mir sagen lassen, das macht mindestens ebenso viel Spaß wie das Auspressen von Witwen und Waisen bis auf den letzten Cent. Sollten Sie also zufällig in dieser Branche arbeiten, könnten harte Zeiten auf Sie zukommen…

Übrigens: Hinner Piependonk schaffte es ins Fernsehen und bis in die Endrunde. Leider scheiterte er an der letzten Frage — jedes Schulkind hätte die Antwort darauf gewusst, aber im Lexikon steht sie nicht. Sie lautete: Warum kommt es relativ selten vor, dass Eisbären Pinguine fressen? Falls Sie mal einen günstigen Privatschnüffler brauchen sollten, ganz egal für welche Art von Arbeit, Piependonk hat wieder Termine frei. Und vergessen Sie nicht zu erwähnen, dass Sie den Wink von mir haben — wegen der Provision.

 

Ende

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