Sechsundzwanzigstes Kapitel – Ich überliste

Fast zur selben Zeit, da ich den Hehler überführte, hatte sich im Quartier Saint-Germain eine Art Bande gebildet, die Paris unsicher machte. Sie bestand aus verschiedenen Mitgliedern, die zum Haupt einen gewissen Gueuvive oder Constantin, abgekürzt Antin, hatten: denn unter Dieben ist es ebenso wie unter Zuhältern, bei der bezahlten Claque im Theater, oder überhaupt unter Gaunern, üblich, einander bei den letzten Silben des Vornamens zu nennen.

Gueuvive oder Antin war ein ehemaliger Fechtmeister. Er war zuerst Hochstapler gewesen, wurde dann von Huren der niedersten Klasse ausgehalten und beendete seine wechselvolle Laufbahn als Dieb. Er war, wie man behauptete, zu allem fähig, und obwohl man ihm keinen Mord nachweisen konnte, zweifelte man nicht, daß er im Bedarfsfall nicht zögern würde, Blut zu vergießen. Seine Mätresse war in den Champs-Elysées ermordet aufgefunden worden, und man hatte ihn in Verdacht, dieses Verbrechen ausgeführt zu haben. Wie dem auch sei, Gueuvive war ein sehr unternehmungslustiger Herr von unglaublicher Verwegenheit und außerordentlicher Frechheit. Wenigstens galt er unter seinen Kameraden dafür und genoß unter ihnen eine gewisse Berühmtheit.

Die Polizei hatte schon seit langem auf Gueuvive und seine Freunde ein Auge, aber man konnte sie nicht erwischen. Jeden Tag zeigte ein neues Attentat auf fremdes Eigentum, daß sie nicht müßig waren.

Ich verkleidete mich bis zur Unkenntlichkeit und begab mich ins Quartier Saint-Germain. Dort suchte ich alle berüchtigten Lokale ab. Um Mitternacht kehre ich bei einem gewissen Boucher in der Rue Neuve-Guillemain ein; ich trinke mit den kleinen Mädchen ein Glas, und während ich mich mit ihnen unterhalte, höre ich am Nebentische den Namen Constantin fallen … Ich glaube zuerst, er sei da und frage ein Mädchen direkt danach.

„Er ist nicht da,“ sagt sie zu mir, „aber er kommt jeden Tag mit seinen Freunden hierher.“

Aus dem Ton, mit dem sie das sagte, glaubte ich schließen zu dürfen, daß sie mit den Gewohnheiten dieses Herrn recht vertraut war. In der Hoffnung, aus ihr etwas herauszulocken, lade ich sie zum Essen ein, sie nimmt die Einladung an, und als sie durch verschiedene Gläschen genügend animiert ist, gesteht sie mir offen, daß meine Kleidung, meine Manieren und besonders meine Ausdrucksweise sie in dem Glauben bestärkten, ich sei ein „Freund“, das heißt ein Dieb. Wir verbrachten gemeinsam einen Teil der Nacht und ich verließ sie erst, nachdem sie mir genau die Orte genannt hatte, wo Gueuvive zu verkehren pflegte.

Am nächsten Tage komme ich gegen mittag wieder zu Boucher und finde dort meine Freundin vom Abend vorher. Kaum bin ich da, erkennt sie mich.

„Du bist’s,“ sagt sie zu mir, „wenn du Gueuvive sprechen willst, so ist er jetzt da,“ und sie zeigt mir einen etwa achtundzwanzig bis dreißig Jahre alten, ziemlich sauber gekleideten Mann.

Ich spreche ihn an und bitte ihn um eine Pfeife Tabak. Er fragt mich aus, erkundigt sich, ob ich Soldat gewesen sei. Ich antworte, daß ich bei den Husaren gedient hätte, und wir knüpfen – das Glas in der Hand – eine Unterhaltung über die Armee an. Beim Trinken vergeht die Zeit, man spricht vom Mittagessen und Gueuvive sagt, wenn ich mit ihm essen wollte, würde es ihm ein Vergnügen sein. Ich habe keinen Grund, nein zu sagen, und nehme seine Einladung an. Wir begeben uns zur Barrière du Maine, wo vier seiner Freunde auf ihn warten. Sofort setzen wir uns zu Tisch; keiner der Geladenen kennt mich, überdies war man sehr zurückhaltend. Dennoch erkannte ich bald an einigen Gaunerausdrücken, die hin und wieder fielen, daß alle Mitglieder dieser netten Gesellschaft Langfinger waren.

Am Weine wurde nicht gespart, und er löste alle Zungen derart, daß ich noch vor dem Ende des Mahles die Wohnung von Gueuvive und Joubert, seines würdigen Schülers, kannte und die Namen verschiedener Kameraden wußte. Im Moment des Abschiednehmens ließ ich durchblicken, daß ich kein Nachtquartier hätte. Sofort forderte mich Joubert auf, bei ihm zu schlafen und führte mich in die Rue Saint-Jacques Nummer neunundneunzig, wo er im zweiten Stock ein Hinterzimmer bewohnte; dort schlief ich in einem Bett mit ihm und – seiner Mätresse, der kleinen Cornevin.

Wir unterhielten uns noch lange: bevor wir einschliefen, überhäufte mich Joubert mit Fragen. Er wollte durchaus wissen, wovon ich mein Leben fristete, und ob ich Papiere habe; seine Neugier war unerschöpflich. Um ihn zu befriedigen, mußte ich entweder Ausflüchte machen oder lügen, aber ich ließ immer durchblicken, daß ich ein „Kollege“ sei.

Endlich rief er, als ob er mich durchschaut habe: „Tu doch nicht so, du bist ja Kollege!“

Ich tat zuerst, als ob ich ihn nicht verstände, dann erklärte er sich näher; ich stellte mich sehr verletzt, sagte, daß er sich irre und wenn er weiter so mit mir seinen Spaß treibe, so müßte ich auf seine Gastfreundschaft verzichten. Joubert verstummte, und man sprach nicht weiter davon, bis um zehn Uhr am nächsten Morgen Gueuvive kam.

Es wurde verabredet, daß wir in der Glacière zusammen frühstücken sollten. Wir gingen los. Unterwegs nahm mich Gueuvive beiseite und sagte:

„Höre, ich sehe, du bist ein guter Junge, ich will dir einen Dienst erweisen, aber sei nicht so verstockt, sage mir, wer bist du und was treibst du?“ Da ihn ein gleichsam versehentlich entschlüpftes Geständnis von mir auf den Gedanken brachte, ich sei ein entflohener Sträfling aus Toulon, so empfahl er mir, seinen Kameraden gegenüber, verschwiegen zu sein. „Sie sind die prachtvollsten Jungens von der Welt,“ fügte er hinzu, „aber etwas schwatzhaft.“

„Oh! Ich bin auf der Hut,“ erwiderte ich, „und übrigens gedenke ich nicht in Paris alt zu werden. Hier gibt es viel zu viel Spitzel, als daß man sich sicher fühlen könnte.“

„Das ist wahr,“ sagte er, „aber wenn Vidocq dich nicht kennt, so brauchst du nichts zu befürchten, besonders wenn du mit mir bist, denn ich rieche diese Bande schon von weitem, wie die Mäuse den Speck.“

„Na ich,“ antwortete ich, „bin leider nicht so schlau. Aber wenn ich diesem Vidocq begegnete, so würde ich ihn schon erkennen, so sehr haben sich seine Züge nach der Beschreibung meinem Gedächtnis eingeprägt.“

„Rede doch nicht so, man sieht’s dir gleich an, daß du den Bruder nicht kennst! Stelle dir vor, er ändert sich nach Belieben. Morgens zum Beispiel ist er gekleidet wie du, mittags wieder anders, und abends dann wiederum anders. Erst gestern habe ich ihn in Generalsuniform getroffen … aber ich ließ mich durch die Verkleidung nicht narren. Ich erkannte ihn auf den ersten Blick, und wenn meine Freunde so wären wie ich, dann hätten wir ihn schon längst ins Jenseits befördert.“

„Tja,“ sagte ich, „alle Leute in Paris reden so, und dennoch lebt er weiter.“

„Du hast recht,“ meinte er, „aber um dir zu beweisen, daß ich anders bin als diese Tölpel, so wollen wir ihm, wenn du mitzukommen wagst, noch heute abend an seinem Hause auflauern und ihm die letzte Ölung geben!“

Ich war neugierig, zu erfahren, ob er wirklich meine Adresse kannte. Ich versprach ihm, mitzumachen, und gegen abend wurde abgemacht, daß jeder von uns in sein Taschentuch zehn kupferne Zweisousstücke einbinden sollte, um dem verdammten Vidocq damit aufzuwarten.

Die Taschentücher sind bereit, und wir machen uns auf den Weg. Constantin war schon ordentlich im Zug. Er führte mich direkt in die Rue Neuf-Saint-François vor das Haus Nummer vierzehn, wo ich in der Tat wohnte. Ich erfuhr nicht, woher er meine Adresse wußte. Ich muß gestehen, daß mich dieser Umstand beunruhigte; um so seltsamer schien es mir, daß er mich nicht persönlich kannte. Wir warteten einige Stunden, aber, wie man sich vielleicht denken kann, kam Vidocq nicht. Constantin war höchst ungehalten über diesen Mißerfolg. „Heute entkommt er uns,“ sagte er mir, „aber ich schwöre dir, daß ich ihn fassen werde. Er soll die heutige Wache teuer bezahlen.“

Um Mitternacht zogen wir ab und verschoben die Partie auf morgen. Es war recht possierlich für mich, an einem Anschlag gegen mich selbst teilzunehmen. Constantin wußte mir Dank für meinen guten Willen: nun hatte er keine Geheimnisse mehr vor mir. Er plante einen Diebstahl in der Rue Cassette und schlug mir vor, mitzukommen; ich versprach es ihm, sagte aber, ich könnte und wollte abends nicht ausgehen, da ich keine Papiere habe.

„Nun,“ meinte er, „dann kannst du auf uns in Jouberts Zimmer warten.“

Der Diebstahl wurde begangen, und da es stockdunkel war, so waren Constantin und seine Genossen verwegen genug, eine Straßenlaterne loszumachen und sich so den Weg zu beleuchten. Zu Hause pflanzte man die Laterne mitten im Zimmer auf und begann die Beute zu untersuchen. Sie waren über den Erfolg ihrer Expedition aufs höchste entzückt; aber kaum sind fünfzig Minuten verflossen, als man an der Tür klopft. Die erstaunten Diebe sehen einander an ohne ein Wort zu sprechen. Diese Überraschung hatte ich ihnen bereitet. Man klopft wieder. Constantin legt den Finger auf den Mund und sagt leise:

„Es ist die Polizei, ganz gewiß!“

Ich stehe auf und schlüpfe unter das Bett. Die Schläge verdoppeln sich, man ist gezwungen, zu öffnen.

Im selben Moment stürzt ein Haufe von Inspektoren ins Zimmer. Constantin und vier andere Diebe werden verhaftet, man stellt eine Haussuchung an, man durchsucht das Bett, in dem Jouberts Geliebte schläft, man tastet sogar den Boden der Matratze mit einem Stock ab, aber ich werde nicht gefunden. Das hatte ich auch erwartet.

Der Polizeikommissar stellte ein mündliches Verhör an; es wird ein Inventar der gestohlenen Sachen aufgenommen, und diese werden mit den fünf Dieben auf die Präfektur gebracht.

Als alles vorbei ist, komme ich aus meinem Versteck heraus. Ich befand mich allein mit der kleinen Cornevin. Sie konnte sich über mein Glück nicht genug wundern und bat mich, bei ihr zu bleiben.

„Wo denkst du hin?“ antworte ich ihr, „und wenn die Polizei wiederkommt!“ und ich verließ sie mit dem Versprechen, sie auf der Estrapade wiederzusprechen.

Ich ging nach Hause, ruhte mich ein wenig aus und war zur bestimmten Stunde beim Rendezvous. Die Cornevin wartete auf mich. Ich hoffte durch sie eine komplette Liste aller Freunde Constantins und Jouberts zu erhalten. Da ich mit ihr gut stand, brachte sie mich mit ihnen zusammen, und in weniger als vierzehn Tagen wurden achtzehn Diebe verhaftet. Sie alle wurden wie Constantin zum Bagno verurteilt.

Beim Abmarsch des Sträflingstrupps erblickte mich Constantin und wurde wütend. Er wollte in Drohungen ausbrechen, aber ohne auf seine Schmähungen zu achten, ging ich auf ihn zu und sagte kaltblütig, es sei doch erstaunlich, daß ein Mann wie er, der den Vidocq kannte und Spitzel von der Ferne roch wie Mäuse den Speck, sich auf so alberne Art hatte fangen lassen.

Beschämt schlug Constantin die Augen nieder und schwieg.

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