Richter.

»So kann und so darf nicht mehr lange in Deutschland regirt werden. Mit solchem Regirungsystem kann man nicht transigiren, nicht paktiren. Der Herr Reichskanzler hat im Abgeordnetenhaus erwähnt, daß ich seine wirthschaftliche Politik als eine Schnapspolitik gekennzeichnet habe. Das ist richtig; und ich bin nicht in der Lage, den Ausdruck irgendwie zurückzunehmen.« In den ersten Märztagen des Jahres 1886 sprach der Abgeordnete Richter diese Sätze im Deutschen Reichstag. Drei Wochen danach antwortete ihm der Reichskanzler Fürst Bismarck: »Der Herr Abgeordnete Richter hat bei irgendeiner Gelegenheit gesagt, ich sei ein großer Brenner vor dem Herrn. Er hat diese Andeutung in der Weise vervollständigt, daß er sein Wort von der Schnapspolitik wiederholte; es ging ungefähr darauf hinaus, daß ich in der Gesetzgebung mein persönliches Interesse an der Brennereifrage bethätigte. In dieser Andeutung liegt doch eine Behauptung, die, wenn sie wahr wäre, mich in der öffentlichen Achtung herabsetzen müßte. Es wäre ja für mich ein Leichtes, dergleichen grobe Injurien zu erwidern und auch den Herrn Abgeordneten Richter zu beschuldigen, daß er seine Stellung als Abgeordneter in seinem Privatinteresse ausbeute; indessen ich verzichte darauf. Ich finde es unter meiner Würde, mich auf einen Streit der Art einzulassen. Ich glaube, die Stellung, die ich mir im öffentlichen Leben seit dreißig Jahren erworben habe, ist zu fest, als daß der Herr Abgeordnete Richter mich aus ihr herunterzerren könnte. Sein Gewicht ist zu leicht dazu.« Noch am selben Tage erwiderte Richter, er habe den Kanzler nie beschuldigt, sich durch die Rücksicht auf Privatinteressen in seinem politischen Handeln bestimmen zu lassen; griff die bismärckische Politik dann aber wieder schonunglos an. Als er seine Rede geendet hatte, wurde auf der linken Seite laut »Bravo« gerufen, auf der Rechten heftig gezischt. Der Kampf währte noch, als Bismarck aufstand und seine Entgegnung mit den Worten begann: »Bravo! Bravo! Ich theile ganz die Ansicht der Herren, die ›Bravo!‹ riefen; es war eine ausgezeichnete Rede; aber sie wird auch von dem Vorwurf getroffen, den der Herr Abgeordnete Richter mir gemacht hat: sie war nicht neu. Er sagt mir, ich hielte immer die selbe Rede. Von dem Herrn Abgeordneten Richter habe ich in den letzten zehn Jahren auch nichts Neues gehört. Ich bin bald vierzig Jahre in der parlamentarischen Thätigkeit, Herr Richter mindestens weit über zwanzig; ich weiß nicht, wie lange wir noch zu leben haben: da möchte ich also doch empfehlen, daß wir an uns nicht die Anforderung stellen, uns täglich etwas Neues zu sagen. Der Herr Abgeordnete ist ja viel fruchtbarer und viel geübter als ich; er hat ja nichts weiter zu thun als zu reden; er kann sich sehr sorgfältig darauf vorbereiten und er bleibt auch in der Uebung, denn er redet den Tag mehrmals, und wenn er nicht redet, dann schreibt er seine Reden. Diese Uebung kann ich mir leider nicht gestatten; ich rede mit Beschwerde. Außerdem ist er gesund und kräftig; ich beneide ihn um seine körperliche Erscheinung. Aber: etwas Neues hat er uns nicht gesagt.« Das klang immerhin milder. Nicht lange. Die Ironie wurde bald grausamer. »Der Herr Abgeordnete ist ja bei seinem Ueberblick über die europäische Politik sehr viel kompetenter in seinem Urtheil, als ich zu sein mir jemals anmaßen kann.« Erinnerung an die Thatsache, daß die Fortschrittspartei im Jahr 1867 die Reichsverfassung abgelehnt hat; »und seitdem hat sie gethan, was in ihren Kräften war, um den Gang der Maschine zu erschweren«. »Der Herr Abgeordnete Richter will immer das Gegentheil von Dem, was die Regirung will.« »Er hat noch eine große Zukunft vor sich,« ist aber Redekünstler; »ich bin Minister, Diplomat und Staatsmann und würde mich für gekränkt halten, wenn man mich einen Redner nennte.« So gings weiter; und am Schluß kam die Behauptung wieder: »Er hat mich beschuldigt, meinen amtlichen Einfluß zur Begünstigung des von mir betriebenen Brennereigewerbes in der Besteuerung verwandt zu haben. Er hat mich auf die ungerechteste Weise unverdient gröblich injuriirt«; außerdem noch die Verdächtigung, Richter habe den Text der Rede, in der die beleidigende Andeutung enthalten gewesen sei, zwar richtig wiedergegeben, doch »rasch darüber hinweggelesen und darauf gerechnet, daß in der Schnelligkeit diesem verzwickten Satz nicht gefolgt werden würde.«

Diese Auseinandersetzung (deren greifbarer Gegenstand ein Leichnam war; denn das Branntweinmonopol, gegen das Richter in voller Wehr focht, war bereits gefallen) giebt ungefähr schon ein Bild von dem Verhältniß der beiden Männer. Doch fehlt noch ein wichtiger Zug. In seiner ersten Rede hatte Richter gesagt, das Reich dürfe nicht auf die zwei Augen des Kanzlers gestellt werden; auch wenn Bismarck nicht mehr im Amt sei, werde »die Krone (so sagt man im deutschen Parlamentsjargon) die fundamentalen Interessen des Reiches sichern«. Solche Anspielung liebte er; fand immer den Kanzler zu mächtig, den Kaiser zu tief im Schatten dieser Riesengestalt, die Gefahr eines Hausmeierthumes nah. Und immer, wenn er diese Anschuldigung hörte, verließ den weißen Hünen die Ruhe. Natürlich. Das war ja die Waffe, gegen die er sich am Hof so lange schon zu wehren hatte. »Der Mann wird zu groß. Ist längst zu groß geworden. Er usurpirt die Gewalt, die dem Kaiser und König gehört. Das Volk sieht und hört nur ihn und vergißt schließlich, daß es Ruhe und Wohlstand einem Hohenzollern zu danken hat.« Von Mund zu Mund gings. (Nach Bismarcks Tod noch war diese von der Mutter auf die Tochter vererbte Stimmung so stark, daß in Karlsruhe der Plan entstand, das Andenken Wilhelms des Ersten »zu retten«; der Plan, dessen Ausführung die letzten Lebensjahre Ottokars Lorenz mit unfruchtbarem Mühen füllte.) Mancher Höfling, den der Nimbus des einst so kleinen Kniephofers ärgerte, benutzte damals jede Gelegenheit, um von diesem Gift dem Monarchen Etwas ins Ohr zu träufeln; und Bismarck hat später oft erzählt, wie eifrig besonders die ihm verhaßten »Politiker in langen Kleidern«, Priester und Damen, bei dieser Arbeit waren. Der alte Wilhelm war ja nicht eitel, wollte gar nicht allen Blicken sichtbar im Rampenlicht stehen und hatte in Gastein Franz Joseph, den Freund und Verbündeten, der über die lästige Gafferschaar klagte, lächelnd mit dem Scherzwort getröstet: »Nur ein paar Minuten Geduld; wenn Bismarck kommt, achtet kein Mensch mehr auf uns.« Nach und nach konnte es dennoch wirken. Auch der bescheidenste Fürst will nicht die Merowinger-Rolle spielen, nicht Tag vor Tag vernehmen, die Allmacht eines Ministers verdunkle, erdrücke ihn; will namentlich nicht, daß solches Gewisper im Volke Glauben finde. Vieles, was der Kanzler über sein Vasallengefühl, seine Entschlossenheit, selbst einem König, dessen Politik ihm nicht gefiele, bedingunglos bis in die Vendée zu folgen, öffentlich gesagt hat, war von der Absicht eingegeben, diesen Verdacht zu entkräften. Ists nicht leicht zu verstehen, daß sein Puls schneller pochte, wenn auch der Führer der Demokratie diese Saite berührte? Siehst Du, zischelte es dann aus dem Kränzchen der Geschlitzten: auch da unten hat mans nun schon gemerkt; auch dort, wo doch nicht die Hüter des Majestätrechtes stehen, fragt man schon, ob denn der Kaiser noch regire oder zu Gunsten des Kanzlers abgedankt habe. Das war eine Gefahr; und fast nach jeder Anspielung dieser Art findet man in Bismarcks Reden den Ausdruck des Wunsches, recht bald von der Amtsbürde befreit zu werden. Eines nicht ganz ernst gemeinten Wunsches; denn der Mann, der sich nie gering geschätzt hatte, war bis ans Lebensende überzeugt, daß er, besonders in der internationalen Politik, seinem Vaterland nützlicher sein könne als irgendein Anderer. Doch der Kaiser konnte sich auf solche Aeußerungen berufen und zu den Ohrenbläsern sprechen: »Da habt Ihrs: Der klebt nicht an seinem Sitz. Ich muß froh sein, wenn ich ihn halten kann.« Auch in Richters Branntweinrede hatte der Wink mit den »zwei Augen« mehr wohl geärgert als die (angebliche) Beschuldigung, für die eigene Tasche Politik zu treiben. Aber sieht man die Beiden nicht deutlich vor sich? Der Eine kennt die Kräfte des Anderen, fast noch genauer die Schwächen: und Beide dünkt in diesem Kampf jede Waffe recht. »So kann nicht mehr lange regirt werden.« »Der Herr Abgeordnete thut, was er vermag, um den Gang der Reichsmaschine zu erschweren.« »Schnapspolitiker!« »Redekünstler!« Und so weiter. Nur ja den Gegner an der schmerzhaftesten Stelle treffen; und mit Behagen dann den Stahl in der Wunde umgedreht.

Vierundzwanzig Jahre ists her. Beide Männer sind tot. Richter, der um dreiundzwanzig Jahre Jüngere, war schon lange ein siecher Mann; seine Fraktion zusammengeschrumpft, er selbst gezwungen, dem Parlament fern zu bleiben. Schon hatte er, sicher nicht leicht, sich entschlossen, das Mandat zum preußischen Landtag niederzulegen. Die Aerzte hofften, ihm die Mitwirkung an wichtigen Reichstagsdebatten bald erlauben zu können. Zweimal hatte er bei der Berathung des Reichshaushaltes gefehlt. Und zweimal hatten wir gehört, wie das Fehlen dieses Einen unter Vierhundert empfunden ward. Nicht etwa von der spärlichen Schaar der Parteigenossen nur. Nein: die alten Feinde, Männer, die er Dezennien lang gehöhnt und unerbittlich bekämpft hat, sind aufgestanden und haben gesagt, wie aufrichtig sie bedauern, ihn nicht auf seinem Platze zu sehen. Der greise Herr von Kardorff, mit dem er doch über Gebühr unglimpflich umzugehen pflegte, war nobel genug, aus dem Reichstag dem Grimmen einen Gruß ins Krankenzimmer zu rufen; einen Gruß, der fast wie Huldigung klang. Und der Reichskanzler Fürst Bülow hat dem Leidenden rasche Genesung gewünscht und seine Abwesenheit bedauert. Hat sogar erzählt, er habe Richter dem Kaiser als Staatssekretär für das Reichsschatzamt empfohlen. Diese Mittheilung begrüßten unsere eben so ehrenwerthen wie lachlustigen Volksvertreter mit »stürmischer Heiterkeit«. Trotzdem ich nicht zu Richters Fahne geschworen habe, fehlte mir der Sinn für diese Heiterkeit; freilich auch für den mindestens unzeitgemäßen Scherz, der sie hervorrief. Erstens war der Abgeordnete Eugen Richter längst nicht mehr gesund genug, um die Last eines Staatsamtes auf sich nehmen zu können. Zweitens gab sein politisches Handeln gewiß nicht das Recht, ihn für einen Streber und Stellenjäger zu halten, der dem gestern noch wüthend befehdeten System morgen dienen wird, weil es ihn betitelt und nährt. Er hat den größten Theil seiner Lebensarbeit an den Kampf gegen Schutzzölle, Besteuerung der Massenkonsumartikel und des Geschäftsverkehres, gegen die imperialistische Expansion und ihre Machtwerkzeuge gesetzt und in Miquels feingesponnenem Plan einer Reichsfinanzreform kein brauchbares Fädchen gefunden. Sollte er all diese Dinge als Vertreter des Schatzamtes jetzt vielleicht vertheidigen? Die Handelsverträge, das neue Flottengesetz, die Bier- und Tabaksteuer, die Viertelmilliarde für Südwestafrika? Und wenn man sich diese Hindernisse wegdachte, war ein Mann von Richters Vergangenheit noch immer zu gut für die Stellung eines vom Willen des Reichskanzlers und der bundesstaatlichen Finanzminister abhängigen Beamten. Doch der Scherz war freundlich gemeint und in dem Lachen kein Widerhall böser Spottsucht. Für Minuten konnte man sich ins englische Parlament träumen, wo die Gegner einander bei feierlichem Anlaß mit Nettigkeiten bewirthen und jeder Right Honourable vor Schreck und Scham erbebte, als bekannt wurde, D’Israeli habe Gladstone einen vom eigenen Wortschwall trunkenen Rhetor genannt. Wir sind nicht von so höflicher Sitte verzärtelt und staunten deshalb, als Richters Verdienst uns von solcher Lippe gekündet ward. Où sont les neiges d’antan? Einst als Reichsfeind geächtet und selbst von den nationalliberalen Nachbarn gemieden; denn in seiner Nähe schauderts den Reinen. Später von Denen, die, nach der secessio aus Bennigsens Lager und nach Miquels Heidelberger Programm, unter Bambergers Führung zu ihm gekommen waren, wieder verlassen und unheilbarer Tyrannis angeklagt. Von den Sozialdemokraten geschmäht, wie sonst nur die um Fingersbreite vom Dogmenwege gewichenen Genossen. Und plötzlich lebend nun in die Glorie erhöht. Alle vermißten ihn, wünschten ihn zurück; und die Schwerter, die er schartig geschlagen hatte, senkten sich ihm zur Ehre. Drei Ursachen nur könnten, so scheint es, solche Wandlung erklären. War Richter mächtiger, konservativer, milder geworden? Nein. Vor vierundzwanzig Jahren hatte er dreiundsechzig, jetzt nur noch zwanzig Mann hinter sich. Weder seine Gesinnung noch die Form ihres Ausdruckes hatte sich geändert. So lange er aufrecht war, hat er persönlich angegriffen und die Person selbst dann zu packen versucht, wenn sie sich in papiernen Schanzen barg. Aber er war beinahe nun der Letzte aus der Heroenzeit deutscher Geschichte. Und war, mit seinen harten Kanten und scharfen Ecken, auf eigenem Grunde doch ein ganzer Kerl.

Ist es uns nicht eben so ergangen wie Denen, die mit ihm an der Arbeit saßen? Wie schalten und höhnten wir ihn! Fanden ihn, wenn wir ihn angeschwärzt hatten, noch immer nicht schwarz genug. Hießen ihn rückständig, einen Kalkulatorkopf, blind, fossil. Und wünschten ihn nun sehnsüchtig zurück. Nicht etwa, weil wir uns zu seiner Auffassung politischer Nothwendigkeiten bekehrt hatten. Auch nicht, weil seine Art der Budgetkritik uns von gar so hohem Werth schien. Nein: der Mann fehlte uns. Der, auf seine besondere Weise, nach Fichtes Wort, immer »aussprach, was ist«. Eine Reichshaushaltsberathung von solcher Armseligkeit, wie wir sie jetzt erleben, eine, in der von allem Wesentlichen nichts gesagt wird, war undenkbar, so lange Richter im Feuer stand. Stirbt die starke Persönlichkeit aus, weil sie der Modeform des Kampfes ums Dasein sich nicht so behend anzupassen vermochte wie der glatte struggleforlifeur, den vor drei Lustren Daudet als Rarität entdeckte und den heute Jeder in Dutzenden von Exemplaren kennt? Einst saßen im Deutschen Reichstag Mallinckrodt, Schorlemer, Windthorst und die beiden Reichensperger, Kleist-Retzow, Stumm, Gneist, Sybel, Miquel, Bamberger, Stauffenberg, Lasker, Bennigsen, Virchow und mancher Andere von individuellem Reiz; Mancher, den man gern hörte, ohne zu fragen, ob er auch »Recht habe«. Heute fehlt hier, wie auf allen Gebieten, die Persönlichkeit. Richter war der letzte bürgerliche Parlamentarier großen Formates: drum ward er vermißt.

Am Rhein liegt, im koblenzer Bezirk, das Städtchen Neuwied, das jetzt ungefähr elftausend Einwohner hat. Der österreichischen Geschichte ist der Ort nicht unbekannt, wo im Herbst 1795 habsburgische gegen französische Truppen fochten und anderthalb Jahre später Hoche über Werneck siegte. Auch der Historiograph deutscher Reichseinheit wird den Namen Neuwied nicht vergessen. Denn dort hat Richters Schicksal sich entschieden. Die Kreisstadt hatte 1864 den sechsundzwanzigjährigen Regirung-Assessor Eugen Richter aus Düsseldorf zum Bürgermeister gewählt; doch die königlich preußische Staatsregirung versagte der Wahl die Bestätigung. Ihr war der Erkürte allzu radikal. Bismarck (der von der unbeträchtlich scheinenden Sache damals wohl kaum hörte) hats oft beklagt. »Es war eine Dummheit; im Kommunaldienst war der Mann ungefährlich; und ich glaube, er wäre mit seinen rechnerischen Talenten ein vorzüglicher Bürgermeister geworden.« Sicher; auch für größere und minder friedliche Gemeinden als die Schlummerstätte der Herrnhuter, Baptisten und Altkatholiken. Aber es sollte nicht sein. Der Herr Assessor (einen Assessor von der Regirung denkt man sich in Preußen ganz anders, als Richter je gewesen sein kann: stramm, schneidig, mit Mensurnarben und einer den Offiziersitten nachgeahmten Eleganz) hatte schon ein Disziplinarverfahren hinter sich, wollte sich nicht nach Bromberg, ins ostelbische Exil, schicken lassen, schied aus dem Staatsdienst und wurde Journalist; fünf Jahre danach auch schon Abgeordneter. Vier Jahrzehnte lang hat er nur geredet und geschrieben, geschrieben und geredet. Mit einem starken Verwaltungtalent und einem noch stärkeren Willen zur Macht nur kritisirt, was die Verwalter, die Mächtigen thaten. Ists ein Wunder, daß seine Urteilssprüche nicht sänftiglich klangen? Als Laube (der auch im Aussehen Aehnlichkeit mit Richter hatte) nicht mehr auf dem Brettergerüst herrschen durfte, wurde er der Unbarmherzigste aller »Raunzer«; und hatte die Thätigkeit des Befehlens doch lange genug gekostet, lange genug die Kritik unverständiger Strenge geziehen. Nun denke man sich Einen, der überhaupt nicht dazu kam, sein schöpferisches Vermögen zu erweisen, und doch fühlt, daß er mehr könnte als fast Alle, die er auf hohem Sitze sieht. Denke sich etwa einen Mahler, dem nie eine Symphonie aufgeführt, der nie ans Dirigentenpult gerufen, sondern gezwungen worden wäre, mit Musikkritik sein Leben zu fristen, mit ihr nur dem leidenschaftlichsten Drang seines Wesens zu genügen. Würde Der mild sein? Wars Bismarck, als er die Artikel für die Kreuzzeitung und die Briefe an Gerlach schrieb und fünfunddreißig Jahre danach dem Herausgeber der Neuen Freien Presse sein Herz enthüllte? So ist dieses Preußen, konnte Richter sich sagen; einem tüchtigen Mann wird das Wirken unmöglich gemacht, nur weil er politisch anders denkt als der Zufallsminister, als irgendein Junker aus dem dunkelsten Osten; und da staunt man noch, daß so wenig geleistet wird. Natürlich: wenn man die vorhandenen Kräfte nicht nützt! Dazu noch Konfliktstimmung in der Luft. Bismarck ungefähr eingeschätzt wie ein altmärkischer Badeni. Junker, skrupellos, ohne Empfindung für die eigentlichen Aufgaben der Nation, eitel, brutal und mit einem Hang ins Abenteuerliche. Die ganze Intelligenz des Landes gegen ihn; noch später hat Du Bois-Reymond ja bedauert, daß Blinds Kugel ihr Ziel verfehlte. Waldeck und Twesten, Vincke und Virchow, Schulze und Ziegler: solche Männer wußten, was dem Volke frommt. Selbst Schloezer fand sie »Otton« gewaltig überlegen. Die würden die Uebermacht des Junkerthums endlich brechen, allen Bürgern Freiheit und Menschenrecht sichern, das Individuum aus dem Zwang des Kryptoabsolutismus erlösen In ihre Spur trat der Assessor a. D. Eugen Richter.

Hat er Bismarck gehaßt? Wer seine Reden las, namentlich in den achtziger Jahren, mußte es glauben. Mehr noch, wer sie hörte. Da stand der mittelgroße, stämmige Mann (der breite, oben und unten dicht behaarte Kopf mit der zu kleinen Nase erinnerte an den Sokrates-Typus) in einem schlecht sitzenden Rock und einer zu kurzen Hose, hatte seine Ziffern, seine Citate aus früheren Parlamentsreden am Schnürchen und schnellte Pfeil auf Pfeil von seiner Sehne zum Bundesrathstisch empor. Und fast immer visirte er die Ecke, wo der schwefelgelbe Kürassier zu sitzen pflegte. Geringschätzung, bitterster Zorn, Hohn: Das pfiff nur so durch die Lüfte; dazwischen manchmal ein Wort kühler, dem Gefühl scheinbar mühsam vom Verstand abgerungener Anerkennung. »Der Herr Reichskanzler hat auf anderen Gebieten ja Außerordentliches geleistet und Vorzügliches geschaffen.« Für die innere Politik aber ist er unbrauchbar. Da führt er uns ins Verderben. (Zwanzig Jahre vorher hatten Sybel und Virchow das Selbe von Bismarcks auswärtiger Politik gesagt.) Und muß deshalb beseitigt werden. Anfangs hatte die Rede nicht so hart geklungen. Im Oktober 1871 fragte Richter, wie lange man die Reserven noch bei der Fahne behalten wolle und ob der Zwang zu einem vierten Dienstjahr bei den immobilen Kavallerie-Regimentern gerechtfertigt sei. Die Interpellation war Bismarck »nicht ganz erwünscht; denn es ist nicht nützlich, den fremden Ländern, den Gegnern gegenüber die eigenen Lasten, die die Kriegführung und die Pfandnahme auferlegt, zu unterstreichen«. Aber er antwortete sehr artig (ich glaube, es war die erste persönliche Berührung der Beiden) und war bald darauf sogar »sehr dankbar« für eine von Richter ausgehende Anregung, die er »sachlich ganz begründet« fand. Doch schon 1872 kams (in einer Steuerdebatte) zum Zusammenstoß. Der Kanzler mußte den Vorwurf politischer Heuchelei hören und der Abgeordnete, der sich der frivolen Umschmeichelung des Wählers beschuldigt glaubte, wehrte sich ziemlich heftig gegen diese Anklage. Bismarck antwortete: »Ich kenne die Wahlreden des Herrn Abgeordneten Richter nicht und kann ihn deshalb auch nicht persönlich als Ziel vor Augen gehabt haben. Ich kann ihn versichern: mein Ziel war viel breiter«. Richters wurde von Jahr zu Jahr schmaler; und er vergaß oft, was er damals als Anstandsregel postulirt hatte: »Es widerspricht der parlamentarischen Sitte, seinem Gegner schlechte Motive unterzulegen«. Das tat er selbst dann allzu gern. »Der Herr Reichskanzler« wurde ihm zum bösen Vater alles Bösen. »Meine Person reizt Sie, meine Art, zu sprechen, reizt Sie, ich bleibe Ihnen zu lange an dieser Stelle. Das begreife ich ja; Andere wollen ja auch einmal heran; aber lassen Sie mich doch Ihre Verstimmung nicht entgelten; denn ich habe Ihnen ja ausdrücklich gesagt: es ist nicht mit meinem Willen, daß ich bleibe. Ich würde Ihnen sehr gern Platz machen; ich würde mich außerordentlich freuen, Sie operiren zu sehen … Ich wirke gewissermaßen wie das rothe Tuch (ich will den Vergleich nicht fortsetzen), wie der Auff, der Uhu in der Krähenhütte: sowie ich komme, ist Etwas los. Im Interesse des Geschäftsganges muß ich mich damit vertraut machen, daß ich überhaupt hier wegbleibe.« So sprach Bismarck schon 1882. Und ging dann ja wirklich weg, wenn Richter das Wort nahm. Es »fiel ihm auf die Nerven«; er ertrugs nicht, so abgehärtet er gegen Wind nnd Wetter öffentlichen Urtheils war, seine Lebensleistung so zerknittert zu sehen und als armer Sünder der Exekution beizuwohnen. Er las Richters Reden, um sich »die Grenzen klar zu machen, bis wohin ein Abgeordneter sprachlich gehen kann und die er nicht überschreiten sollte.« Der Oesterreicher und Ungar up to date würde diese Grenze ungemein eng gezogen finden. Bismarck wurde nicht Lügner, nicht Mörder genannt. Aber dem bescheidenen Anspruch alter Parlamentszeit genügte die Makelhäufung. Der Großgrundbesitzer, Branntweinbrenner, Nepotenzüchter, Diktator, Hausmeier stand am Pranger. Toujours lui. »Ich weiß wirklich gar nicht, wovon Sie reden werden, wenn ich plötzlich in eine Versenkung verschwinde. Dann bietet die Diskussion kein Objektiv; der Kugelfang fällt dann fort und die Herren werden genöthigt sein, auf einander Feuer zu geben.« Er blieb ganz ruhig, wenn Windthorst ihn mit leisen, kurzen, spitzigen Sätzchen ritzte, wenn Bebels Trompetenton ihn als den schändlichsten Volksfeind vor die Schranke des Weltgerichtes lud oder Liebknecht, der gläubige Phantast, den unfähigen Diplomaten barsch rüffelte. Nur Richter trieb ihn aus dem Saal.

Warum er nur?

Erstens: Fortschrittspartei. Die hatte ihm vom ersten Ministertag an das Leben sauer gemacht. Die hatte kein Verständniß für Machtfragen, für die Realien nationaler und (besonders) internationaler Politik, haßte das Heer, das sie, trotzdem es doch Preußens Größe geschaffen und Deutschlands Einheit aus dem Mitrailleusenfeuer geholt hatte, noch immer behandelte wie in den Tagen, wo zwei trunkene Offiziere, Sobbe und Putzki, über einen Hausdiener hergefallen waren. Was Bismarck that, war von dieser Partei immer falsch genannt worden; und immer hatte der Ausgang ihm Recht gegeben; dabei rühmte sie sich, den deutschen Gedanken wider den Wunsch der Dynastien und Staatsmänner lebendig erhalten zu haben. (»Ja, lebendig erhalten wie im Käfig, wie man einen Vogel, einen Spatz oder Papagei, im Käfig hält. Man hat darüber gesungen, Schützen- und Turnfeste gehalten: so war der Gedanke lebendig. Ich aber habe meine ganze Lebensexistenz und, nach der Behauptung der damaligen fortschrittlichen Blätter, vielleicht meinen Kopf – es gingen die Reden von Strafford und Polignac – eingesetzt, um die Möglichkeit zu haben, die Zustimmung des Königs von Preußen zu einer nationalen deutschen Politik zu gewinnen.« Das sind Sätze aus der Rede, in der er vor dem Schicksal der »Herbstzeitlosen« warnte, die »nie Etwas zu rechter Zeit gethan haben«.) Die hielt er für ein Gemisch aus Doktrinären und Strebern. Sind wir nicht ungerecht, wenn wir ihn ungerecht nennen? Wars nicht menschlich, daß er so schnell nicht vergaß? Zweitens: Nach seiner Ueberzeugung hielten diese Leute, die ihm jetzt ja nur durch ihre Herrschaft über die Presse gefährlich waren, sich für den Kronprinzen in Reserve, dem man nachsagte, er wolle »liberal regiren«. Hinc illae lacrimae. Sie konnten den Tag nicht abwarten, der ihnen erlauben würde, aus der großen Schüssel zu essen. Deshalb die Fluth persönlicher Verdächtigung und die Drohung mit dem Merowingerschatten. Vielleicht, wenn der Kanzler wegzuärgern oder dem alten Herrn zu verleiden war, wurde der König der Regentenlast müde und gab lebend noch seinem Sohne den Speer. Mit dieser Möglichkeit hat Bismarck ernsthaft gerechnet und gefürchtet, das junge Reich werde ein solches Experiment nicht unbeschädigt überstehen. Und drittens wurde Richter wirklich manchmal furchtbar grob; seine Rede hatte einen Accent tiefen persönlichen Grolles, wie selbst Bebels schön timbrirtes Wuthgeheul an den Tagen großer Abrechnung nicht.

Da ich Bismarck erst kennen lernte, als er aus dem Dienst geschickt war, mußte ich Andere fragen, ob er, wie draußen stets behauptet wurde, im Amtsverkehr gar so grob gewesen sei. Alle sagten, Herbert, Bucher, Schloezer, Schweninger: Nein; alle diese Geschichten sind einfach erfunden. Bill Bismarck, der den Vater menschlich sah, nicht auf Götterhöhe, machte sein klügstes Gesicht, zog länger als sonst an der dicken Havanna und sagte dann: »Nee; grob war er wohl nie; aber so schauderhaft höflich, daß man ’ne Gänsehaut bekam. Er verstand die Sachen so gut und roch die Fehler von Weitem; darum wars eine eklige Sache, mit ihm zu arbeiten.« Sehr glaublich. Große, auch nur ungewöhnlich tüchtige Männer sind für die ihnen Untergebenen fast immer ein Kreuz. Sie fordern die höchste Leistung und werden ungeduldig, wenn der Diener an flinker Gewandtheit ihnen nicht gleicht. Im Parlament war Bismarck nie grob; konnte aber ärger verletzen als der Brutalste. Wenn die hohe, höfliche Stimme, die nicht anders klang als beim Forster oder Moët am Eßtisch, den Gegner ganz sanft, ganz freundlich sezirte, seinen Argumenten und Motiven das Fleisch vom Gerippe schälte, wurde dem unbetheiligten Hörer selbst heiß und kalt. Diese Ruhe war schlimmer als der leidenschaftlichste Ausbruch. Er hat auch dem grausamen Richter mit Zins und Zinseszins heimgezahlt. Der bekam immer zu hören, er sei nur Redner und Journalist, habe als Zeitungschreiber und Zeitungherausgeber ein Interesse an langen Parlamentssessionen, frage nicht nach der Sache, sondern nach der Person; und wie witzig wurde er, als er das Wahlbündnis mit dem Centrum geschlossen hatte, als Lehnsmann und Höriger Windhorsts verhöhnt! Ich will nur ein Beispiel anführen. Als Bismarck 1886 mit der Kurie über den Diözesanfrieden verhandelt hatte, tadelte Richter in einer formal vorzüglichen Rede diesen langwierigen diplomatischen Feldzug; um nicht mit Windthorst paktiren zu müssen, habe der Kanzler den Papst mit Schmeicheleien überhäuft, aber, da der im Vatikan Gefangene sich in steter Fühlung mit dem Centrumsführer hielt, schließlich doch nur den Bescheid Windthorsts erhalten. Ein paar Sätze aus der Entgegnung: »Der Herr Vorredner sieht natürlich mit einer gewissen Sorge und Kummer – ich erinnere an das Bild, wie der Lohgerber die Felle fortschwimmen sieht – auf diese Vorlage und deren Annahme; ihm geht der fundus instructus der parlamentarischen Taktik verloren, wenn, wie ich hoffe, der Friede zu Stande kommt. Er hat dabei aus der Frage das Gift tropfenweise herauszudrücken versucht, das sich in der gegenwärtigen Situation noch finden läßt. Das ist ja natürlich nicht weiter verwunderlich; und ich möchte nur, daß Diplomaten von Fach und wirklich praktische Politiker Zeit hätten, die Rede des Herrn Abgeordneten zu lesen; ich möchte meine Herren Kollegen im Ausland bitten, sie sich übersetzen zu lassen, damit sie sehen, mit was für Leuten, mit was für Ansichten, mit was für Welterfahrungen ich hier zu rechten und zu kämpfen habe. Der Herr Abgeordnete kritisirt mein diplomatisches Verhalten in einer Weise … Ich möchte sagen: als wenn ein Landpastor mit seinen ländlichen Nachbarn eine diplomatische Note zerpflückt. Er zählt auf, was ich für schreckliche, unglaubliche Dinge gethan habe; und was ist es schließlich? Die einfachste, natürlichste höfliche Diplomatie habe ich getrieben. Darüber hat der Herr Abgeordnete beinahe eine halbe Stunde, zu meiner Heiterkeit und zur Heiterkeit jedes Diplomaten, der Das lesen wird, gesprochen und damit dokumentirt, daß Dasjenige, was im politischen Leben tägliches Brot ist, ihm als etwas ganz unglaublich Schreckliches erscheint, was er offen darlegen müsse, um die Schlechtigkeit der von ihm bekämpften Regirung an den Pranger zu stellen. Ich bin dem Herrn Abgeordneten recht dankbar, daß er so seine Candide-Unbekanntschaft mit der Art, wie politische Geschäfte überhaupt sich entwickeln, einmal öffentlich an den Tag gelegt hat. Es kann ihm unmöglich in seinem Ansehen im Lande förderlich sein, wenn man sieht, wie kindlich er die Verhältnisse auffaßt. Er hat angenommen, ich hätte einmal behauptet, er habe mich seiner Zeit verführt (zum Kulturkampf). Nun, meine Herren, die Verführung ist mir immer in einer anderen äußeren Erscheinung vorgekommen. Es ist nicht nöthig, ein Heiliger Antonius zu sein, um da zu widerstehen … Der Herr Abgeordnete wundert sich darüber, daß ich mit einem fremden Souverain, mit dem wir in Freundschaft leben wollen, in höflichen Ausdrücken spreche. Das überrascht mich. Er ist ja selbst in der selben Lage dem Herrn Abgeordneten Windthorst gegenüber. Dem schmelchelt er. Er hat hier seine Lehnspflicht zu leisten dem Souverain, von dem er als Abgeordneter abhängt und der ihn in die Versenkung verschwinden lassen kann.« Mußte solcher Hohn nicht bis aufs Blut kränken? Dem Abgeordneten war politisches Verständniß und politische Ueberzeugung abgesprochen. Richter antwortete, er weise die Insinuation mit der Mißachtung zurück, die ihr gebühre. Und Bismarck duplizirte: »Was die Mißachtung betrifft, in der ich bei dem Herrn Abgeordneten stehen soll – ich kann mir Das kaum denken –, so will ich meine korrespondirenden Gefühle lieber verschweigen. Meine Erziehung und meine parlamentarischen Gewohnheiten erlauben mir nicht, ihnen den vollen Ausdruck zu geben. Der Herr Abgeordnete Richter ist ja sehr oft mit mir verschiedener Meinung; aber er hat eine so liebenswürdige, gewinnende Art, sich auszudrücken, daß ich im tiefsten Herzen immer ein gewisses Wohlwollen für ihn gehegt habe.«

Die Beiden waren auf einander eingeschossen.

»Ich kann mir Das kaum denken.« Warum? Bismarck war nicht so eitel, zu glauben, ihn könne Keiner mißachten. Er hatte ein feines Ohr; hörte er, daß aus der Stachelrede ein ganz anderes Gefühl sprach als das frostiger Verachtung? Schamhaft erst verborgene, dann rauh verschmähte Liebe möchte ichs nennen. Ja: ich glaube, daß Richter den Riesen geliebt hat; wie ein unlyrisches Herz zu lieben vermag. Mit Dem arbeiten! Dessen Willen, seis auch nur auf engem Gebiet, lenken! Zeigen durfte ers nicht; denn was der Mann that, konnte dem Schüler von Achtundvierzig nicht gefallen. Und dann mußte ihn wurmen, daß er bei dem Gewaltigen nicht die geringste Anerkennung fand. Hätte der Kanzler einmal gesagt, er sei auch im hitzigsten Kampf stolz auf solchen Gegner, einmal nur, vielleicht wäre es Richters glücklichste Stunde gewesen. Doch immer nur: Redekünstler, Artikelschreiber, Mandathascher. Das vergiftet die Liebe; kann sie aber nicht restlos tilgen. Ein Verschmähter kommt leicht zu dem Versuch, sich die Liebste selbst zu verekeln. Schielt sie nicht ein Bißchen? Leider ist (beim Lächeln sieht mans) ein Zahn plombirt. Die Hand zu fleischig. Und diese gekünstelte Schlankheit! Sicher ein Schulfall von Schnürleber. Dabei kokett wie ein Pfau. So hats Richter gemacht. Nicht eher geruht, als bis er ein Scheusal sah. Einen anmaßenden Tyrannen, der nur Schmeichler um sich duldete, keine starke Persönlichkeit aufkommen ließ und durch herrischen Eigensinn, durch die Unfähigkeit, das Bedürfniß neuer Zeit zu erkennen, Alles verdarb. (Genau die selben Fehler sind ihm selbst später von rebellirenden Parteigenossen zugeschrieben worden.) Nun war er zufrieden. Brauchte mit dem Scheusal nicht länger Umstände zu machen. Konnte sich einreden, das ganze Volk sehe den Abscheulichen so, der sich nur durch höllische Künste, durch niederträchtige Fälschung der Oeffentlichen Meinung halte. Zehn Jahre nach dem Franzosenkrieg sagte er, Bismarck habe »im Volk sein Prestige verloren«. (Antwort: »Wenn er Recht hätte, möchte ich sagen: Gott sei Dank! Denn Prestige ist etwas furchtbar Lästiges, Etwas, an dem man schwer zu tragen hat und das man leicht satt wird.«) Nicht Haß konnte einen so Klugen so völlig blenden. Nur der wüthende Schmerz verschmähter Liebe findet so schrille Töne, stürzt sich mit solcher Wonne auf den einst im Herzensschrein Gehegten, reißt sich, um sie ihm ins Antlitz zu schleudern, die blutigen Lappen von den Wunden und zerfetzt ihm mit Nägeln und Zähnen den Leib. Möglich, daß dieses Gefühl nie über die Bewußtseinsschwelle kroch; Richters Reden gab es den besonderen Accent, den keines Anderen hatten.

Die Wasser waren zu tief. Preußens Gesandter beim Bundestag hat 1857 an Gerlach geschrieben: »Die Fähigkeit, Menschen zu bewundern, ist in mir nur mäßig ausgebildet und vielmehr ein Fehler meines Auges, daß es schärfer für Schwächen als für Vorzüge ist.« Genau so fand ich ihn noch, als ein Menschenalter vergangen war. Ohne sentimentalen Hang zum Heroenkultus. Immer geneigt, die Mängel (auch an sich selbst) stärker zu betonen als die guten Eigenschaften. »Wilhelm der Große«: diese von Erbenpietät dem offiziellen Deutschland aufgezwungene Bezeichnung ließ er nicht gelten. Wilhelm der Treue, der Ritterliche, der Bescheidene: Das mochte passiren. Wenn er von Moltke sprach, erwähnte er stets »einen gewissen humorlosen Blutdurst, den die wortkarge Trockenheit des Mannes verbarg«. Als ich einmal, wie mir schien, sehr hart über Harry Arnim geurtheilt hatte, sagte er: »Es würde mich interessiren, zu wissen, wie Sie zu dieser günstigen Auffassung von Arnim gekommen sind. Das war ein…« Wenn man ihn nach einem seiner Mitarbeiter fragte, wurden sicher zuerst die Grenzen der Fähigkeit und des Wollens gezogen; das Lob der Vorzüge tröpfelte dann nach. Wars denn langer Rede wert, daß Einer irgendwas konnte? Das durfte man doch verlangen. Und interessant eigentlich nur, zu zeigen, wo es gehapert hatte. Über seinen ältesten Sohn, den er doch zärtlich liebte, sprach er mir einmal zwei Stunden lang so, daß ich seitdem der Legende, die ihn für einen blind vernarrten Papa ausgab, nicht mehr zu glauben vermochte. Wer in dem Politiker den Künstler erkannt hat, wird von diesem Wesenszug nicht überrascht sein. So sind die Musischen. War Goethe gerecht gegen Wieland und Kleist? Heine gegen Platen? Sainte-Beuve gegen Balzac und Flaubert? Wagner gegen Mendelssohn und Meyerbeer? Zola gegen Hugo? Lenbach gegen Böcklin, Menzel und Liebermann? Auch Bismarck wars nicht. Und: »er verstand die Sache zu gut und roch die Fehler von Weitem.« Für unantastbar und erschöpfend durfte man nicht halten, was er über Delbrück und Falk, Eulenburg und Puttkamer sagte: werthvoll wars zunächst nur als Äußerung dieser besonderen Persönlichkeit. Und gar die Abgeordneten! Die imponirten ihm wirklich nicht: auch wenn sie noch so gut redeten. Das war ja ihr Geschäft. Weiter hatten sie auf Gottes Welt doch nichts zu thun. Während er, müde von der eigentlichen Arbeit, der schöpferischen, ins Parlament kam und nun, wie der Türkenkopf in der Schießbude, vor all den Büchsen ausharren mußte. Das sagte er ihnen auch ganz offen; wie außerordentlich gering er ihr ganzes Getriebe schätze. Bemühte sich niemals schmeichelnd um ihre Gunst. Welches Heer von Plagen hätte er sich erspart, wenn ihm, mit seiner Charmeurkunst, der Gedanke gekommen wäre, Abgeordnete und Journalisten, nach der heutigen Reichsmode, mit Komplimenten zu füttern! Daran dachte er nicht. Das lag nicht auf seinem Weg. Auch meinte er, der dem ökonomischen Determinismus innerlich viel näher war als die Pathetiker der marxischen Kirche, hinter jedem Glaubensbekenntniß laure ein wirtschaftliches oder soziales Bedürfniß, die Regung eines gesunden Egoismus oder Klassengefühles, gegen die mit Redekünsten doch nichts auszurichten wäre. Traute den Menschen überhaupt immer viel unheimlichere, weiter reichende Pläne zu, als sie in Wirklichkeit hatten. Die in der Volkswahl Geweihten sind meist ja schon froh, wenn sie mit dem Ministerpräsidenten gut stehen, wenn er sie in seinen Reden als gewichtige Faktoren im Staatsleben nennt und ihnen unter vier Augen sagt, wie ungeheuer viel, trotz aller Gegnerschaft, er gerade auf ihr Urtheil gebe. Exempla docent. Das konnte Bismarck sich nicht vorstellen; und staunte darum, daß seinen Nachfolgern, den Herren des nouveau jeu, in Preußen und im Reich Alles so leicht wurde wie ihm niemals in langem Erleben. Welchen Zweck hätte es denn, etwa Richter freundlich zu stimmen? Der will den Parlamentarismus nach englischem Muster, später vielleicht Republik, Freihandel, Miliz, schwache Regirung, Oligarchie der von Handel und Gewerbe bereicherten Schicht. Lauter Dinge, die mir mit den nationalen und internationalen Zielen des Deutschen Reiches unvereinbar scheinen. Der ist für meine Politik nicht zu haben. Ob er mich haßt oder liebt, ist mir, da mir Applaussucht fehlt, gleichgiltig. Er will Minister werden oder (noch schlimmer, viel schlimmer) nur seine Doktrin gekrönt sehen. Welche Tonart er für seine Negation wählt, ist schließlich von geringer Bedeutung. Wenn ich schlecht geschlafen habe oder, ohne einen stärkenden Tropfen im Leib, vom Ersten Frühstück geholt worden bin, ärgerts mich; aber nicht allzu lange. Und im Übrigen: à corsaire corsaire et demi!

Die Wasser waren zu tief. Richter wollte nicht einsehen, daß dieser Minister nicht zu beurtheilen sei wie einer vom Dutzendmaß; daß der seltene Mann seltenes Vertrauen fordern dürfe, fordern müsse. Auch nicht, daß mit Diesem, mochte er noch so arge Fehler haben, nun einmal zu rechnen war. Schien immer zu glauben, daß er ihn stürzen könne. Und war sein Leben lang vom Fuß bis zum Scheitel so sehr Doktrinär bester Schule, daß er wirklich das Wesen politischer Geschäfte nicht verstand und im Ton tiefster Verachtung über schmähliche Kompromisse spottete, wenn eine Partei, um ihren Einfluß zu mehren, auf irgend einem Felde dem Mächtigen ein Stückchen nähergerückt war. Alles oder nichts; wie Sören Kierkegaard. Für den Bereich der Politik, die Bismarck die Kunst des Möglichen nannte, taugt diese Losung aber nicht. Wer da nicht mitbietet, bleibt im Winkel; und hat bald nichts mehr zu bieten. Der Vater, dessen Wunsch den kleinen Eugen in Talar und Bäffchen eines Pastors träumte, hätte für solche Berufswahl triftigen Grund anzuführen vermocht. Richter hat die Politik, die nur jenseits von Gut und Böse gedeihen kann, stets zu moralisch genommen. Wer sich mit der Regirung einließ, dünkte ihn mindestens mit einer levis macula behaftet. Und wer Richters Reden las, mußte manchmal glauben, die höchste Wonne eines Ministers sei, neue Steuern zu ersinnen. Vor so seltsamem Wahn bewahrt den Klügsten die Klugheit nicht, wenn er sein Leben hinter den Wällen einer Parteianschauung verbringt, die sich nie in der Praxis des Regirens bewähren, erproben durfte.

»Richter war wohl der beste Redner, den wir hatten. Sehr unterrichtet und fleißig; von ungefälligen Manieren, aber ein Mann von Charakter. Er dreht sich auch jetzt nicht nach dem Wind und orientirt seine Politik nicht, wie Rickert und Konsorten, nach der Hoffnung, den Kaiser am Ende doch noch mal als Hospitanten seiner Fraktion zu sehen.« Diese Worte hörte ich aus dem Munde des im Sachsenwald Einsamen. Jetzt sah er die Vorzüge und sprach nur von ihnen, weil er die Mängel ja oft genug kritisirt hatte. Auch gefiel ihm Richters schroffe Wendung gegen den demokratischen Sozialismus. »Auf dieser Basis wäre eine Verständigung möglich gewesen. Aber so lange ich da war, kühlte er sein Müthchen ja nur an mir und hätte, glaube ich, mit Liebknecht gegen mich bande à part gemacht, wenn er sicher gewesen wäre, mir mit antisozialistischer Politik Freude zu bereiten.«

Erst wenn Bismarck fort ist, hat Mancher gedacht, kommt Richters große Zeit. Sie kam nicht. Viel Verdruß, Ärger im eigenen Lager kam; und die Macht schmolz allmählich dahin. Langsam aber entgiftete sich nun die alte Liebe. Zuerst, als er noch glauben konnte, der Vervehmte werde sich wieder in die Sonne ducken, verfuhr er nicht säuberlich mit ihm; was in den ersten Jahren nach 1890 über Bismarck in der Freisinnigen Zeitung stand, hätte Eugenius später wohl selbst nicht mehr gern gelesen. Dann merkte er den Irrtum. Dieser Junker war doch nicht so machtgierig, wie Richter immer geglaubt (nach meiner Diagnose: sich zu glauben gezwungen) hatte. Der beugte sich nicht, um einen Gunstbeweis aufzuheben; senkte vor dem Höchsten nicht in Höflingsdemuth den Blick. Vermißt haben die alten Feinde ihn ja alle. Bamberger, der, in seiner schwächsten Stunde, den Redner vom jenenser Marktplatz einem »abgetakelten Komödianten« verglichen hatte, sagte mir einmal, das Parlamentiren mache ihm keine Freude mehr: »denn schön wars doch nur, mit dem großen Manne Lanzen zu brechen.« Für Richter war es mehr gewesen. Beinahe Lebensinhalt. Ungefähr wie Wagner für Nietzsche; Beglücker und Schreckbild. Nur: der Politiker hatte dem Glück, Diesen miterlebt zu haben, nie Ausdruck gegeben; es sich selbst nicht erlaubt. Jetzt that ers. Oft (und öfter von Jahr zu Jahr) nannte er den Kanzler nun rühmend; stellte ihn den Epigonen als Muster hin. Und immer freier, heller, größer wurde bei solcher Erwähnung der Ton. Schwerhörige lachten. »Jetzt lobt er ihn; nur um die neuen Männer zu ärgern.« Feine Ohren verstanden ihn besser. Wars ein Fehler, daß er sich nicht entschloß, gegen Gewährung der zweijährigen Dienstzeit sein Trüppchen ins gouvernementale Lager zu führen? Er hätte es nicht vermocht. Wer, Leib an Leib, ein Leben lang Bismarck befehdet hat, ergiebt sich nicht einem Caprivi. Nein. Mag die Partei in Trümmer gehen: Zu ihnen, lieber Feind Theodor, folg‘ ich Dir nicht! … Und dann kam die große Rede, die Herrn von Boetticher das Staatssekretariat kostete (daß sie den Sturz des Gedankenwechslers nur beschleunigt, nicht bewirkt hat, weiß ich). Das Beste, was über die offizielle Politik nachbismärckischer Zeit in einem Parlament gesagt worden ist. Schneeblaß saßen die Excellenzen; mit ängstlich gespannter Miene. Wen würde der nächste Streich treffen? Alle Register klangen. Zorn, Hohn, Verachtung, Pathos, Humor, gellender Witz. Und wie Orgelgedröhn drangs immer wieder durch: »Bismarck war aus anderem Stoff als Ihr Armsälige, deren Leben und Lebensspur ein Windhauch von oben für ewig verwischen kann, Der, Ihr wißts, war nicht nach meinem Sinn; doch ein Mann; und Ehre, mit ihm zu fechten. Ihr und Der! …« Mir war damals, als hörte ich durch den Sturm noch eine andere Weise; hörte die werbende Stimme eines Alten, der einem Aelteren zurief, in den fernen Wald: »Sieh her; Den gerade, der Dir der Widrigste ist, schlachte ich Dir; und wenn ich Dir oft Unrecht that: ists nun nicht gesühnt? Just diesen Einen haben Alle geschont, um Dir nicht Freude zu schaffen. Meine Hand fällt ihn heute; laß zwischen uns Friede nun sein!« Diesen Eindruck suchte ich anzudeuten, als Bismarck mich mit leuchtendem Blick gefragt hatte: »Was haben Sie zu Richter gesagt?« Er schmunzelte, schüttelte, ganz sacht, den feinhäutigen Kopf und meinte: »Ja, um Richter wars eigentlich immer schade!«

Schade? Gewiß: daß er nicht dazu kam, gestaltend, verwaltend seine Kraft erproben zu können. Sonst aber: sein Leben war nicht arm. Der letzte starke Vertreter des politischen Individualismus hat sich selbst auch den Luxus gestattet, seine Individualität zu schrankenloser Geltung zu bringen. Er hieb, stach und schoß auf Jeden, der ihm nicht gefiel; auch auf die Nächsten (und viel zu oft leider auf Hasen, die ihm vor die Flinte kamen). Er stampfte auf selbst gefundenem Weg vorwärts, ohne zu fragen, ob er am Ziel die Mühe belohnt sehen würde. Er hielt sich im Schatten und kam deshalb erst gar nicht in die Gefahr, von der Sonne sich den Mantel abschmeicheln zu lassen. Draußen wußte (und weiß) man nicht viel von ihm. Nur, daß er in seiner Wohnung eine riesige Registratur und viele kleine Vögelchen habe; und daß er, lange der Prototyp des Hagestolzen, auf seine alten Tage die greisende Witwe eines Freundes zur Ehegefährtin nahm. Zu sehen war er kaum; nicht an Dinertafeln noch bei der Fütterung in Ministerhäusern. Keiner von uns hat ihn je im Frack erblickt. Und trotz Alledem (nein: und eben darum) war er populär. Wars auch in den Tagen der wildesten Sträuße mit dem Recken; selbst bei dessen Getreusten immer ein Bißchen. Am Meisten nach seiner Abrechnung mit der neusten Aera. Und daß er, in einem Hagelwetter von Schimpf und Spott, gegen den Versuch einer Obstruktion auftrat und den Zolltarif den er Schritt vor Schritt zäh bekämpft hatte, nun ermöglichte, hat ihm Keiner von Denen vergessen, die das Lebensgesetz alles Parlamentarismus gefährdet finden, wenn ein Häuflein Rabiater nach Willkür und Laune der Mehrheit den Willenskanal verstopfen darf. Wie unverständig haben die Sozialdemokraten ihn damals geschimpft! Und er handelte doch, wie er mußte; blieb sich selbst getreu, wie ers in der Maienzeit des Caprivismus geblieben war. Einen Schwächeren hätte der mögliche Konjunkturgewinn verlockt. Großes stand auf dem Spiel. Als Kanzler ein General, der sich von dem Abgeordneten Alexander Meyer nationalökonomisch berathen läßt, der, um sich oben zu halten, alle antibismärckischen Bestrebungen, offen oder heimlich, unterstützen muß und durch die Macht der Umstände genöthigt ist, vom Weg preußischer Grundadelspolitik abzubiegen. Ein Kaiser, der geneigt scheint, das Caesarenexperiment Louis Napoleons zu wiederholen, im Massenwillen seine Stütze zu suchen, und der für Richters Belletristenkampf gegen die »vaterlandlosen Gesellen« des Lobes voll ist. Schon regte sich in der Brust der »Toten Männer« (so nannten sie selbst sich, seit in Friedrich ihre Hoffnung gestorben war) neues Frühlingsahnen. Endlich konnte dem Liberalismus die ersehnte Stunde schlagen, endlich der Morgen dämmern, der ihn zur Machthöhe rief. Nur Richters vierschrötiger Leib schien damals die Straße zu sperren. Ich hörte, wie die im selben Parteiverband neben ihm Sitzenden den Unbequemen schmälten, jeder Schlappe sich freuten, die er, seis auch unter Miquels Streichen, erlitt, ihn blind, brutal, das wandelnde Unglück des deutschen Liberalismus nannten. Ich sah ihn, als er aus der Sitzung kam, in der das Band sich gelöst, das Fähnlein der Barthischen sich von der Fortschrittstruppe wieder geschieden hatte. Unsicher ging er, taumelte, wischte oft den Schweiß von der breiten Stirn und sprach vor sich hin. Am Ziel wars, als zögere er; stand, lüftete den Schädel und sann. Dann preßten die Lippen sich aufeinander; ein harter Entschluß furchte die Wangen: jetzt wußte er, was er über die Spaltung der Fraktion schreiben müsse. Je maintiendrai. Unter diesem Kaiser war, trotz Leo und Alexander, seinem Ideal die Zeit nicht reif. Das Wähnen der Zeitgemäßeren, die damals, als Bambergers Gemeinde, selbst die sanfteste Form des Kathedersozialismus verpönten und bald danach, als Herbergsväter des Herrn Naumann, dicht an die rothen Genossen heranrückten, das Wähnen, eine Bourgeoispartei könne in absehbarer Zeit »die Arbeiter zurückgewinnen«, hat ihn nie geblendet. Dieser derbe deutsche Kerl wollte lieber einsam sein als in einer Gesellschaft, die ihm nicht behagte. Das trug ihm Haß ein; schuf ihm aber auch Bewunderung, dem Rauhen sogar zärtliche Liebe. Vor seiner Bahre entblößten die Feinde das Haupt; und die männlichen Worte, die Herr Ernst von Heydebrand und der Lase ihm aus dem Landtagshaus nachrief, waren der anständigste Lohn, den die Arbeit eines niemals von Sonnengunst bestrahlten Manneslebens zu erringen vermag.

»Eris schüttelt ihre Schlangen, alle Götter fliehn davon und des Donners Wolken hangen schwer herab auf Ilion.« Wer ungeblendeten Auges die Vorgänge der letzten Zeit geschaut hat, wird begreifen, daß manchem Deutschen im schon recht alt aussehenden Reich jetzt zu Muth ist wie der Kassandra unseres Dichters. Nebel im Thal, Nebel auch um die höchsten Kuppen. Muß Eugen Richter da nicht doppelt vermißt werden, auch vom Gegner? Er hatte noch den alten Stil; wollte das Wesen, nicht eitel Schein. In seinem Kleid hing noch der Duft großer Zeit. Und wenn er mit finsterem Bärbeißergesicht im Saal des Reichstagspalastes sich durch die Reihen schob, zeigte ihn oben, wo die Quiriten dem oft so leeren Gerede der Tribunen lauschen, der Vater dem Sohn. »Sieh ihn Dir gut an! Das ist der Letzte vom alten Schlag. Der hat noch mit Achilleus gerungen.«

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