Puschkin

Alle Großen der Weltliteratur – Goethe, Shakespeare, Cervantes, Molière, Dante – werden nicht nur von ihren Landsleuten, sondern auf der ganzen Erde verehrt und sind gemeinsamer geistiger Besitz aller Völker. Dasselbe gilt in den letzten Jahrzehnten auch von den großen Prosadichtern Rußlands: Tolstoi, Dostojewskij, Turgenjew. Aber einer der Allergrößten – Puschkin – ist für den der russischen Sprache nicht mächtigen Europäer ein Mythos. Man weiß wohl, daß er dem Russen mehr bedeutet als dem Deutschen Goethe, dem Italiener Dante, und nennt seinen Namen darum mit Respekt, kennt ihn jedoch weniger als manchen altchinesischen oder modern-indischen Klassiker. Der Grund dieser sonderbaren Erscheinung liegt darin, daß Puschkin hauptsächlich Verse schrieb und kein Volk der Erde einen kongenialen Übersetzer, einen Shukowskij, aufzuweisen hat. (Mérimée sagte, man könne Puschkin höchstens ins Lateinische übersetzen.) Darum ist die Aufgabe, zu den Westeuropäern von Puschkin zu sprechen, so schwierig. Und doch müssen wir, die wir das Glück haben, Puschkins Verse im Original genießen zu dürfen, immer und immer wieder betonen, daß er nicht nur »die einzige Manifestation des russischen Geistes« ist, wie Gogol schrieb, oder der »Peter der Große der russischen Literatur«, wie ein russischer Historiker in einer Festrede sagte, sondern einer der größten Dichter der Welt und nur neben den oben angeführten erlauchten Namen zu nennen. Das hat man aber schon oft gehört, und Puschkin bleibt dennoch ein Mythos. Um den Mythos in Wirklichkeit zu verwandeln, gibt es nur ein Mittel: man gehe hin und lerne Russisch, nur um Puschkin lesen zu können, und diese Mühe wird sich wahrlich bezahlt machen. Um Homer, Shakespeare, Cervantes zu genießen, braucht man nicht unbedingt Griechisch, Englisch, Spanisch zu können; Puschkin bleibt aber einem, der nicht Russisch kann, ebenso verschlossen wie Tizian einem Blinden und Beethoven einem Tauben. Und doch wollen wir vor dem aussichtslosen Beginnen nicht zurückschrecken und zu den Blinden von Tizian sprechen.

Puschkin stellt in der russischen Literatur ein Zentrum dar, wie es keine andere Literatur aufzuweisen hat: er ist der Abschluß der vorhergehenden und zugleich der Beginn und das einzige Fundament aller späteren Dichtung. Er ist der Brennpunkt, in dem sich alle von den Vorgängern ausgesandten Strahlen treffen, und zugleich die Sonne, deren Licht die ganze spätere russische Literatur bis auf unsere Tage durchdringt. Diese Literatur wäre ohne ihn ebenso undenkbar wie ohne die russische Sprache. Puschkin war in Rußland der erste wahre Priester Apolls, vom glühenden Glauben an seinen Priesterberuf und an die Heiligkeit der Poesie erfüllt. An dieser Stelle zitieren wir sein 1827 entstandenes Gedicht Der Poet, das von seiner hohen Auffassung des Dichterberufs zeugt:

Solange nicht Apollos Lohe

sich zu des Dichters Traum gesellt,

erliegt der kleinmütige Hohe

den Lockungen der eitlen Welt.

Verstummt ist seine heil’ge Leier,

die Seele kalter Schlaf umflicht,

und in der Welt der Weltentweiher

ist er vielleicht der ärmste Wicht. –

Doch kaum die leisen Ohren traf

des Wortes Stimme vom Altare, –

zuckt auf gleich dem erwachten Aare

des Dichters Seele aus dem Schlaf.

Nicht wird er dunkler Sehnsucht Meister

im Tal der Welt – nach Bergesfirn,

und vor dem Zeitgotte der Geister

beugt er nicht die erhabne Stirn.

Er flieht, ein Wilder und ein Rauher,

von Ton und Unruhe erfüllt,

dahin, wo ihn ein Wehen hüllt,

in Meeres- und in Waldesschauer.

Ferner: Puschkin war der erste wirklich nationale russische Dichter, der nicht nur aus dem reichen Schatze der Sprache des Volkes schöpfte, sondern auch als erster in den Geist dieses Volkes eindrang.

Ferner: Puschkin war, um mit Dostojewskij zu sprechen, der russische ›Allmensch‹, der tiefer als jeder europäische Dichter in den Geist fremden Lebens und Dichtens eindrang und dem alle Zeiten und Völker gleich nahe und verständlich waren. Ferner: Puschkin war der weiseste unter Rußlands Dichtern und einer der größten russischen Denker; er hat allerdings nicht, wie Goethe und Tolstoi, ein Hauptwerk hinterlassen, das seine Weisheit in konzentrierter Form enthielte, aber die in seinen Dichtungen, Aufzeichnungen und Briefen verstreuten Gedanken wiegen manches Lehrgebäude auf. Ferner: Puschkin war ernst wie Beethoven und heiter wie Mozart, monumental wie Michelangelo und graziös wie Watteau, klug wie eine Schlange und ohne Falsch wie eine Taube. An Vielseitigkeit steht er wohl in der ganzen Weltliteratur einzig da: kein Dichter hatte eine so reich bespannte Leier wie Puschkin. Der russischen Sprache verlieh er einen Wohlklang, wie ihn keiner der Vorgänger erreicht und keiner der Späteren übertroffen hat, eine Geschmeidigkeit und einen Klangreichtum, wie sie andern Sprachen erst die Arbeit vieler Dichtergenerationen schenkte. Seine Gedichte sind auch heute noch so frisch und jung wie vor hundert Jahren und haben auch nicht den leisesten Hauch von Patina angesetzt. Diese unvergängliche Frische hat nur noch in der bildenden Kunst ihr Gegenstück: so erscheinen die Bilder des Delfters Vermeer, die man zwischen andern in der Galerie hängen sieht, wie gestern gemalt. Aber – wir kommen wieder auf den Ausgang zurück – wer vermag einen Blinden von der Schönheit Vermeers zu überzeugen? Man kann ihm höchstens vom Leben des Künstlers, von seinem Werdegang und vom Inhalt seiner Bilder erzählen, und diesen Weg wollen wir auch bei Puschkin einschlagen.

Alexander Ssergejewitsch Puschkin wurde am Himmelsfahrtstage (26. Mai alten Stils)  des Jahres 1799 zu Moskau geboren. Sein Vater gehörte altem russischen Adel an; sein Urgroßvater mütterlicherseits war der berühmte Leibmohr Peters des Großen, Ibrahim Hannibal, dem er wohl seine unrussischen Gesichtszüge und auch sein Temperament zu verdanken hatte. Die Urgroßmutter, Hannibals Frau, war übrigens eine deutsch-livländische Adlige. Die Erziehung, die Puschkin genoß, war, wie damals in vornehmen Häusern üblich, ausgesprochen französisch; er lernte auch Deutsch, Englisch und Italienisch, beherrschte aber nur die französische Sprache wie seine Muttersprache. Ein Gegengewicht zu dem französischen Einfluß bildete das russische Element in seiner Erziehung, das seine Großmutter Marja Alexejewna Hannibal (die dem gleichen Puschkinschen Geschlecht entstammte wie sein Vater), eine Russin von altem Schrot und Korn, hinzubrachte, und noch mehr seine alte Kinderfrau Arina Rodionowna, die zahllose russische Volksmärchen kannte. Der Einfluß dieser einfachen Frau auf Puschkin war vielleicht viel tiefer als der der gründlichen Bekanntschaft mit den ausschließlich französischen Werken des 18. Jahrhunderts aus der Bibliothek des väterlichen Hauses, nachhaltiger als der Einfluß Byrons. 1811 kam Puschkin in das neueröffnete, für die Erziehung junger Adliger bestimmte, den französischen Lycées nachgebildete Lyzeum von Zarskoje-Ssjelo bei Petersburg. Der sechsjährige Aufenthalt in dieser Anstalt war für die Entwicklung Puschkins von größter Bedeutung, die er aber weniger seinen Lehrern und Erziehern, als dem engen Kreise gleichgesinnter Freunde zu verdanken hatte. Diesen Freunden, vor allem dem Baron Delwig, Puschtschin und Küchelbäcker, die sämtlich Verse schrieben (die beiden letztgenannten spielten nachher eine wichtige Rolle im Dekabristenaufstand), blieb er bis an sein Lebensende treu. Die Lyzeumsjahre Puschkins sind mehr als eine biographische Episode: sie bedeuten einen sehr wichtigen Abschnitt der russischen Literaturgeschichte, die sonnige und sorglose Kindheit der neueren russischen Dichtung. Im Lyzeum schrieb Puschkin seine ersten Gedichte. Es sind Parny, Voltaire und Ossian nachempfundene, zum Teil leichtsinnige anakreontische Gedichte, Episteln, witzige Epigramme, alles von erstaunlicher Leichtigkeit und Grazie, ohne eine Spur der Unbeholfenheit, die Schülergedichten meistens anhaftet. Einige Gedichte des Vierzehnjährigen sind von denen des reifen Dichters Batjuschkow kaum zu unterscheiden. Schon 1814 wurde er zum erstenmal gedruckt. 1815 trug er bei einer öffentlichen Prüfung sein längeres, patriotisches Gedicht Erinnerungen an Zarskoje-Ssjelo vor, das den anwesenden alten Dershawin zu Tränen rührte. Dershawin gab ihm vor seinem Heimgang den Segen, salbte ihn gleichsam zum König der russischen Dichtung, und Puschkin gedachte in einem späteren Gedicht mit Stolz dieser Begegnung.

Als Achtzehnjähriger verließ Puschkin das Lyzeum und wurde dem Ministerium des Äußern zu Petersburg zugeteilt (an dem auch Gribojedow als junger Beamter wirkte). Um den Dienst kümmerte er sich nicht viel. Eine weit größere Bedeutung hatte für ihn in diesen Jahren die literarische Gesellschaft ›Arsamass‹, die zur Förderung und Fortsetzung der Karamsinschen Sprachreform gegründet war und der auch Batjuschkow und Shukowskij angehörten. Unter dem Einflusse des letzteren schrieb Puschkin 1820 sein erstes Versepos Ruslan und Ljudmilla, das ihn auf einen Schlag berühmt machte; was den Zeitgenossen an diesem inhaltlich wie auch formal recht verworrenen Werke so sehr gefiel, ist heute schwer zu entscheiden. Er hatte den Stoff der russischen Sagenwelt entnommen und im Stile Ariosts, Parnys und Shukowskijs aufgeputzt. Heute fesselt uns daran nur die unnachahmliche Leichtigkeit des Verses. Um die gleiche Zeit verkehrte Puschkin viel in den Kreisen der Petersburger Jugend, in der es schon hie und da bedenklich gärte, suchte, mehr von romantischer Abenteuerlust als von wahrer Überzeugung getrieben, Zutritt in die geheimen politischen Konventikel und schrieb eine Reihe ›staatsgefährlicher‹ Gedichte und Epigramme; unter seinem Namen gingen übrigens auch viele fremde Elaborate dieser Art von Hand zu Hand. Die sehr mäßige Ode Freiheit erreichte den Kaiser (Alexander I.). Dieser wollte den jungen Staatsverbrecher erst nach Sibirien verschicken, dann ins Ssolowezkij-Kloster sperren und begnügte sich schließlich mit einer Strafversetzung aus Petersburg nach dem Süden.

Die Jahre 1820–1824 verbrachte Puschkin in Odessa, Kischinew, auf der Krim und im Kaukasus. Der Wechsel der Umgebung war für ihn höchst wohltätig. Die plötzlich erwachte Vorliebe für Byron, der die letzten Reste französischer Einflüsse ausmerzte, hängt mit der Versetzung aus dem frivolen Petersburg in das noch wilde südrussische Land, in das damals halblevantinische Odessa und den romantischen Kaukasus mehr als bloß zeitlich zusammen. Hier sah er andere Menschen, die es in Petersburg nicht gab: Zigeuner, Juden, Kaukasier, Griechen und allerlei levantinische Abenteurer. Der Aufenthalt im Süden war ihm Ersatz für eine Auslandsreise, die er, trotz seiner Sehnsucht, einmal aus Rußland herauszukommen, zeit seines Lebens nicht unternehmen durfte. Hier schrieb Puschkin neben einer Reihe seiner bedeutendsten Gedichte (Das Lied vom weisen Oleg, Napoleon) die Versepen Der kaukasische Gefangene, Die Fontäne von Bachtschissarai und Die Zigeuner, die zwar sämtlich noch Byronsche Einflüsse verraten, aber auch den eigentlichen Puschkin in seinem wahren Glanz zeigen. Dostojewski gab den Zigeunern, denen ein wirkliches Erlebnis des Dichters zugrunde liegt (einmal verschwand er aus Kischinew und zog mehrere Tage mit Zigeunern herum), eine eigentümliche Auslegung: der Held dieses Gedichts, Aleko, der, des Lebens in den Städten müde, zu den Zigeunern flieht, aber auch von diesen wilden, doch friedlichen Menschen, nachdem er Blut vergossen hat, verstoßen wird, sei die Verkörperung des in seiner Heimat heimatlosen europäisierten Russen, der die Rückkehr zu seinem eigenen Volke nicht mehr finden kann. Im Süden und ebenfalls noch unter dem Einflusse Byrons entstanden die ersten zwei Kapitel seines Hauptwerkes, des Romanes in Versen Jewgenij Onjegin, den er erst 1831 vollendete und auf den wir noch zu sprechen kommen.

1823 bekam Odessa einen neuen Generalgouverneur, den Grafen Woronzow, mit dem Puschkin weniger gut auskam als mit dessen Vorgänger. Puschkin richtete gegen ihn einige bissige Epigramme, und die Folge davon war, daß man ihn aus dem Süden auf sein Erbgut Michailowskoje im Pskowschen Gouvernement verbannte. Hier blieb er zwei Jahre, und diese zweite Verbannung war für ihn nicht weniger heilsam als die erste; erstens bewahrte sie ihn vor einer Teilnahme am Aufstande der Dekabristen (26. Dezember 1825), unter denen er viele Freunde hatte; dies hätte ihn aber leicht (wie den Dichter Rylejew) das Leben kosten können; zweitens fand er in Michailowskoje Gelegenheit, das russische Volk und die russische Landschaft näher kennenzulernen. Die langen Winterabende verbrachte er mit seiner alten Kinderfrau Arina Rodionowna, die für ihn noch immer der unerschöpfliche Quell russischen Volksgeistes war, und mit der Lektüre Shakespeares, russischer Chroniken und der Geschichte Karamsins. Dies alles hatte die Folge, daß er die letzten Spuren des Byronismus abstreifte und, von allen Schlacken befreit, zu dem eigentlichen Puschkin heranreifte. Allgemein nennt man diesen Abschnitt, während dessen Puschkin sich dem Nationalrussischen zuwandte, die zweite Periode seines Schaffens. Auf dem Lande arbeitete er am Onjegin weiter und schrieb neben einer Reihe von Gedichten die dramatische Chronik Boris Godunow. Puschkin war kein Dramatiker, und dieses Werk ist, obwohl unter Shakespeares Einfluß entstanden, nicht als Drama, sondern als eine Reihe packender Szenen, ein wahres Wunder der Einfühlung in vergangene Zeiten zu werten. Die Sprache ist von einer selbst bei Puschkin erstaunlichen Schönheit. Auf die Bühne kam Boris Godunow erst viele Jahre nach Puschkins Tod und errang erst in der Aufführung des Moskauer Künstlertheaters 1910 einen Erfolg.

Ende 1826 erlaubte der neue Kaiser Nikolai I. dem Dichter (der sich mit diesem stupidesten Autokraten seltsamerweise viel besser vertrug als mit dem ›liberalen‹ Alexander I.), nach Petersburg zurückzukehren. Ihm wurde sogar eine besondere kaiserliche ›Gnade‹ zuteil: alles, was er von nun an schrieb, wurde nicht von der allgemeinen Zensur, sondern vom Kaiser persönlich begutachtet; mit andern Worten, Nikolai wollte den gefangenen Adler keiner fremden Aufsicht anvertrauen und stutzte ihm dauernd höchst eigenhändig die Flügel (was Puschkin übrigens nicht hinderte, eine gewisse Verehrung für Nikolai zu empfinden, der er sogar dichterisch Ausdruck gab). In den nun folgenden fünf Jahren schrieb Puschkin seine schönsten Gedichte, von denen wir das berühmteste, Der Prophet, hier vollständig zitieren:

Getrieben von des Geistes Gier,

darbt‘ ich in Wüsten, als sich zeigte

ein sechsflügliger Seraph mir,

wo sich der Weg zum Kreuz verzweigte.

Und seines Fingers Lichtgebild

berührte meine Augen mild:

und Seher-Augen, furchtlos wahre,

erwachten wie erschreckte Aare.

Und in mein Ohr sein Finger drang,

und es erfüllte Schall und Klang:

und ich vernahm des Himmels Beben,

der Engel sternumwehten Flug,

des Meergetiers verborgnen Zug,

das Tasten erdennaher Reben.

Und er griff tief in meinen Schlund

und riß die Zunge aus dem Mund,

die eitle, sündhafte und bange.

Und durch erstarrter Lippen Rand

stieß seine blutbespritzte Hand

den weisen Stachel ein der Schlange.

Und meine Brust sein Schwert durchstob,

und ihr mein bebend Herz entrang er,

und in die offne Wunde schob

er eine Kohle, flammenschwanger.

Ich lag im Wüstensand wie tot,

und Gottes Stimme mir gebot:

Steh auf, Prophet, und sieh und höre,

verkünde mich von Ort zu Ort

und, wandernd über Land und Meere,

die Herzen brenn mit meinem Wort.

In die gleiche ›dritte Periode‹ von Puschkins Schaffen gehören die dramatischen Szenen: Der geizige Ritter, Mozart und Salieri, Der steinerne Gast und Das Gastmahl während der Pest. Das Ausländische an diesen Werken bedeutet mehr als äußerliche Verkleidung; Dostojewskij behauptet, Puschkin hätte sich in ihnen ganz in die Seele eines Spaniers, Engländers usw. versenkt. Am bedeutendsten ist unter ihnen Das Gastmahl während der Pest mit dem herrlichen Lied des Präsidenten, das in seiner geradezu dämonischen Schönheit fast alles übertrifft, was Puschkin geschaffen hat:

Lust ist auch in des Kampfes Brand

und an des finstern Abgrunds Rand;

im aufgewühlten Ozeane,

im Sturmestoben, im Geäst

der grellen Blitze, im Orkane

und auch im heißen Hauch der Pest.

Denn alles, was Verderben dräut,

dem Herzen Sterblicher auch beut

ganz unvergleichlich süße Wonnen! …

Um die gleiche Zeit begann ihn die Gestalt Peters des Großen zu interessieren, die er in den klingenden vierfüßigen Jamben der Poltawa verherrlichte. Puschkins erste Prosawerke – die fünf Erzählungen Bjelkins – entstanden um 1830: es sind die ersten russischen Novellen, die man auch heute noch mit unvermindertem Genuß liest, während z.B. Karamsins Arme Lisa zu einer Antiquität geworden ist. Im folgenden Jahre vollendete aber Puschkin seinen vor acht Jahren zu Odessa begonnenen Onjegin.

Es ist sehr bezeichnend, daß Jewgenij Onjegin, der erste russische Roman, in Versen geschrieben ist: die Versdichtung nimmt nämlich in der russischen Literatur eine viel wichtigere Stellung ein als in jeder anderen europäischen Literatur; in vielen Beziehungen sogar eine wichtigere als die Prosa. Die Handlung des Romans ist folgende: Onjegin, ein blasierter, von Byron vergifteter Petersburger Salonlöwe, dem der Dichter einige seiner eigenen Züge verliehen hat, geht aufs Land, um eine ihm zugefallene Erbschaft zu übernehmen; auf einem Nachbargute wohnt die Familie Larin mit zwei Töchtern Tatjana (Tanja) und Olga; in die jüngere, hübschere, aber unbedeutendere ist Onjegins Freund Lenskij, ein Romantiker »mit einer rein göttingenschen Seele«, verliebt, während Onjegin sich aus bloßer Langweile der Tanja widmet. Diese Tanja ist die eigentliche Heldin und einzige positive Gestalt des Romans und eine Apotheose der russischen Frau. (Es ist übrigens der Erwähnung wert, daß der Name ›Tatjana‹ um jene Zeit in der gebildeten Gesellschaft nicht gebräuchlich war und nur im einfachen Volke vorkam. Erst Puschkins Dichtung brachte ihn in Mode.) Onjegin macht auf sie Eindruck, und sie schreibt ihm den berühmten »Brief«, der den Mittelpunkt des Romans und zugleich den kostbarsten Besitz der russischen Dichtung darstellt. Onjegin weiß aber das stille Mädchen nicht zu schätzen, ihre Liebe ist ihm lästig; er provoziert Lenskij zu einem Duell, tötet ihn und zieht fort. Nach Jahren trifft er Tanja in Petersburg als Fürstin und gefeierte Salonheldin wieder, und nun packt ihn eine echte Leidenschaft. Aber sie weist ihn zurück; sie liebt ihn zwar immer noch, »doch bin ich eines andern Weib, dem ich auf ewig treu verbleib«. Damit endet der Roman. Die aus acht Gesängen bestehende, schon rein musikalisch berauschende Dichtung klingt heute frischer und jünger als manches große Werk der späteren russischen Literatur (wir denken wieder an Vermeer van Delft). Neben einer Reihe trefflich gezeichneter Gestalten, herrlicher Schilderungen russischer Natur, geistreicher, persönlicher Abschweifungen enthält sie auch eine Menge tiefer Gedanken, blendender Geistesblitze, die ganze Philosophie Puschkins. Die Zeitgenossen vermochten den Onjegin nicht nach Gebühr zu schätzen: Puschkin war über seine Zeit hinausgewachsen. Fünfzig Jahre später feierte Dostojewskij die Dichtung als das »unsterbliche und unerreichbare« Werk, und heute ist es dem Russen das, was dem Deutschen der Faust oder dem Italiener die Divina Commedia ist.

Im gleichen Jahre 1831, als er den Onjegin vollendete, heiratete Puschkin die gefeierte Moskauer Schönheit Natalja Gontscharowa, ein leichtsinniges Geschöpf, das seiner in keiner Weise würdig war und das ihm auch zum Verhängnis wurde. In den folgenden Jahren schrieb er seine drei bedeutendsten Prosawerke, die Novellen: Dubrowski, Pikdame und Die Hauptmannstochter; ferner eine Reihe dichterischer Bearbeitungen russischer Volksmärchen und das längere Gedicht Der eherne Reiter, eine eherne Verherrlichung Peters des Großen und seiner Schöpfung – der Stadt Petersburg. Im Jahre 1836 entstand das dem Horazschen Exegi monumentum nachgebildete Gedicht Denkmal, in dem er prophetisch von seiner künftigen Bedeutung spricht. Puschkins äußeres Leben gestaltete sich indessen immer unglücklicher. Der Kaiser ernannte den Dichter zum Kammerjunker: die Rolle, die er bei Hofe spielen mußte, war lächerlich, eine Intrige jagte die andere, man verfolgte ihn mit anonymen Briefen, in denen die Ehre seiner Frau angetastet wurde, und trieb ihn förmlich in die Katastrophe. Puschkin sah sich genötigt, einen gewissen d’Anthès (Baron Heeckeren) zu fordern, und wurde von diesem am 10. Februar 1837 in einem Duell getötet, wie er auch seinen Lenskij im Duell mit Onjegin hatte sterben lassen. Es wird berichtet, daß die Polizei wohl die Möglichkeit hatte, das Duell zu verhindern, es aber auf höheren Befehl nicht tat. Jedenfalls war am Tode Puschkins weniger sein zufälliger Gegner im Duell als die ganze höhere Petersburger Gesellschaft schuld. Die Leiche des größten russischen Dichters wurde bei Nacht und Nebel mit einem gewöhnlichen Bauernschlitten unter Polizeibewachung aus der Stadt geschafft und in einem fernen Kloster beigesetzt.

Die Sonne Puschkin sandte nicht nur ihre Strahlen in die Zukunft, sondern scharte auch eine Menge von Trabanten um sich. Von den Dichtern der ›Puschkinschen Plejade‹ sind folgende als die bedeutendsten zu nennen: Baron Anton Delwig (1798–1831), Puschkins nächster Freund und Lyzeumsgenosse, schrieb Sonette, leichte anakreontische Gedichte und mit Vorliebe Lieder im Volkston, von denen einige später wirklich den Weg ins Volk fanden. – Nikolai Jasykow (1803–1847), studierte in dem damals noch deutschen Dorpat und verkörperte etwas von der alten deutschen Burschenherrlichkeit. Er besang den Wein und die Liebe und schrieb auch eine Reihe ernster und religiöser Gedichte (Umdichtungen von Psalmen). – Eine besonders schöne und rührende Erscheinung war Dmitrij Wenewitinow (1805–1827), ein frühvollendeter Jüngling mit Ansätzen einer erstaunlich selbständigen Begabung, ganz von der Vorahnung des frühen Todes erfüllt.

Der bedeutendste unter Puschkins Trabanten, mehr eine Nebensonne, war aber Jewgenij Abramowitsch Baratynskij (1800–1844), ein gedankentiefer Lyriker, ernst, beinahe düster, wie die Felsen Finnlands, wo er fünf Jahre als Soldat diente. Von den Zeitgenossen ziemlich übersehen, die ihm einen andern düsteren Dichter – Lermontow – vorzogen, wurde er in unseren Tagen neu entdeckt und wird von vielen über Lermontow und neben Puschkin gestellt. Von seinen nur einen schmächtigen Band füllenden Gedichten ist das bekannteste Auf Goethes Tod, wohl die schönste Huldigung, die dem deutschen Olympier von einem Ausländer zuteil wurde; das bedeutendste vielleicht Der Tod: er sieht den Tod mit dem Olivenzweig des Friedens statt mit der Sense in der Hand und preist ihn als das mäßigende Prinzip der Natur, das wohltätig das maßlos wuchernde Leben dämpft. Der von ihm besungene Tod ereilte ihn übrigens in Neapel: ihm war es vergönnt, den Himmel Italiens zu sehen, der für Puschkin eine unerfüllte Sehnsucht geblieben war.

Zum Schluß dieses Kapitels sei noch ein Dichter erwähnt, der zum Unterschied von allen bisher behandelten nicht aus dem mehr oder minder europäischen Adel, sondern aus einer tieferen Schicht des russischen Volkes stammte: es ist der Sohn eines Kleinbürgers und Viehhändlers aus Woronesh, Alexej Wassiljewitsch Kolzow (1809 bis 1842). Ohne eine richtige Bildung genossen zu haben, ohne eine fremde Sprache zu kennen, war er geborener Lyriker reinsten Wassers, und seine Begabung brach sich trotz der denkbar ungünstigen Verhältnisse, in denen er lebte, dennoch Bahn. In Geschäften seines Vaters kam er einige Male nach Moskau und Petersburg und lernte Bjelinskij und Shukowskij kennen, die sich des Dichters aus dem Volke annahmen. Im Jahre 1836 trat er in persönliche Beziehungen zu seinem Abgott Puschkin. – Kolzows bescheidene, auf Moll gestimmte Gedichte haben einen eng begrenzten Stoffkreis: es ist die grenzenlose südrussische Steppe, die er auf Handelsreisen mit seinem Vater kennenlernte, das primitive Leben des Landmanns, die unglückliche Liebe zu einem Mädchen, das er nicht heiraten durfte. Den Bauern stellt er, im Gegensatz zu den späteren Dichtern, ohne jede anklagende Tendenz, nicht als Märtyrer dar: er ist ihm ebenso vertraut wie die Steppe und erscheint ihm nicht in einem exotischen oder romantischen Lichte wie den andern »städtischen« Dichtern. So haben auch seine im Rhythmus des russischen Volksliedes, in kurzen, aus einem Trochäus und einem Daktylus bestehenden Zeilen aufgebauten Gedichte nichts Künstliches wie die den Volksliedern nachgebildeten Verse anderer Dichter, z.B. Delwigs. Andere Gedichte, in denen er Shukowskij und Puschkin zu imitieren versucht, sind ausgesprochen schwach. Am bekanntesten ist sein Gedicht Der Wald geworden, das er auf den Tod Puschkins geschrieben hat. Wie die meisten russischen Dichter war auch Kolzow einem frühen Tode geweiht: er starb, zweiunddreißigjährig, an der Schwindsucht.

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