Präsident Johnson und die Rekonstruktionspolitik

Ich war gerade im Begriff nach Westen zurückzukehren, als ich von Horace Greeley, dem bekannten Redakteur der New York Tribune, die Aufforderung erhielt, den Nachrichtendienst jener Zeitung in Washington als Hauptkorrespondent zu übernehmen. Trotz der von Greeley gebotenen verlockenden Bedingungen war ich eigentlich abgeneigt, einmal, weil ich bezweifelte, daß mir die Arbeit sympathisch sein würde, und ferner, weil sie mich im Osten fesselte. Greeley und einige mir befreundete Kongreßmitglieder überredeten mich aber mit dem Hinweis, daß ich ja die Verhältnisse im Süden eingehend studiert hätte und zuverlässige Auskunft darüber zu geben vermöchte, und daß deshalb meine Anwesenheit in Washington von größtem Nutzen sein könnte, so lange noch die Frage des Schicksals der Südstaaten zur Debatte stand. Dies bestimmte mich, einzuwilligen, jedoch unter der Voraussetzung, daß ich mich über die Session des gerade tagenden Kongresses hinaus nicht für gebunden anzusehen brauchte.

So wurde ich Journalist. Das Angenehmste an meinem neuen Beruf war mir der Verkehr mit meinen Berufsgenossen. Unter den Zeitungskorrespondenten lernte ich eine große Anzahl Männer von außergewöhnlicher Begabung und trefflichen Grundsätzen kennen, Ehrenmänner, welche die Wahrheit um ihrer selbst wirren liebten und Lug und Trug und allen falschen Schein verabscheuten. Dies war die Regel, die natürlich auch Ausnahmen aufwies, aber sie waren selten. Mit den höheren und niedrigeren Staatsbeamten war mein Verkehr nicht so erfreulich. Ich habe wohl das Glück gehabt, Staatsmänner von allseitigster Bildung und selbstlosestem Patriotismus kennen zu lernen, welche die höchsten Ziele erstrebten und mutig für ihre Überzeugung eintraten, aber ungleich größer war die Zahl kleinlicher eigennütziger Politiker, deren Bekanntschaft ich machte. Das  waren Leute, die kein höheres Ziel kannten als das Parteiinteresse und das eigene, die stets ängstlich nach der Volksgunst spürten und witterten, deren demonstrative Ausbrüche tugendhafter Entrüstung nur aus heftigen Anklagen der Gegenpartei bestanden, deren sittlicher Mut bei der leisesten Gefahr für sich und ihre Partei ins Wanken kam, und deren erbärmliche Kleinlichkeit sich manchmal unbewußt den Zeitungskorrespondenten offenbarte, denen sie sich mit der Bitte um »günstige Erwähnung« ihrer Angelegenheiten oder um Unterdrückung einer unwillkommenen Nachricht näherten. Sie waren durchaus nicht immer unfähige Männer, im Gegenteil, es gab äußerst tüchtige und kenntnisreiche unter ihnen. Aber bis dahin hatte ich nie geahnt, daß ein Kongreßmitglied überhaupt so sittlich feige sein kann. Ich erinnere mich noch heute einiger interessanter Gespräche, die ich mit Kollegen hatte, wenn wir »Vergleiche anstellten« über die Staatsmänner und Abgeordneten, deren Tun und Verhalten wir in unseren Korrespondenzen mitteilen und beleuchten mußten. Wenn diese Leute ahnten, wie sie in den Augen der Journalisten dastehen, würden sie oft beschämt das Haupt beugen und dankbar die großmütige Zurückhaltung anerkennen, die viele Dinge mit Stillschweigen übergeht, welche die Sensationslust des Publikums angenehm kitzeln würde. Wahrscheinlich ist es heute genau wie damals, daß in den Vereinigten Staaten die Staatsbeamten und Teilnehmer am öffentlichen Leben fast nirgends so gerecht beurteilt werden wie auf den Bänken der Presse in Washington. Ich blieb, wie ich Greeley versprochen hatte, bis zum Ende des Winters an der Spitze des Bureau der Tribune in Washington; dann übernahm ich die Chefredaktion der »Detroit Post«, einer in Detroit Mich., neubegründeten Zeitung, welche mir von Senator Handlicher angeboten, ich möchte beinahe sagen, aufgedrängt wurde. Inzwischen hatte ich Gelegenheit, den beginnenden Kampf der exekutiven und der legislativen Gewalt wegen der Rekonstruktion der »jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten« zu beobachten.

Ich übertreibe gewiß nicht, wenn ich sage, daß dieser politische Kampf einer der unglücklichsten Ereignisse in der Geschichte unserer Republik gewesen ist. Durch ihn wurde die wichtigste Frage jener Zeit, diese außerordentlich komplizierte Frage, welche die ruhigste, zarteste und umsichtigste Behandlung verlangte, zu einem Spielball persönlicher und Parteileidenschaften, welche die Urteilskraft aller Beteiligten gänzlich trübte. Seit meiner Rückkehr aus dem Süden offenbarten sich immer mehr die bösen Folgen der Ermutigung, welche Johnson dem im Süden herrschenden reaktionären Geist angedeihen ließ. Charles Sumner teilte mir mit, daß er mit dem Präsidenten ähnliche Erfahrungen gemacht hätte wie ich. Als Sumner im Frühjahr Washington verließ, versicherte ihm Johnson mit großem Nachdruck, daß er nichts Übereiltes tun wolle, um den »jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten« ihre Selbstverwaltung wiederzugeben, und daß er sogar für Ausdehnung des Wahlrechts auf die Freigelassenen sei. Die beiden trennten sich, wie es schien, in freundschaftlichem Einverständnis. Aber als Sumner im Spätherbst nach Washington zurückkehrte, schien von seiden des Präsidenten das gute Einvernehmen gestört, und an seine Stelle war Gereiztheit und eine gewisse Schärfe getreten, mit welcher die »Politik des Präsidenten« betont wurde. Von verschiedenen anderen Kongreßmitgliedern hörte ich dasselbe. Johnson gehörte, im Gegensatz zu Lincoln, anscheinend zu den unglücklichen Menschen, bei denen eine Meinungsverschiedenheit in irgend einer wichtigen Sache sofort persönliche Missstimmung und eine Störung des freundschaftlichen Verkehrs zur Folge hat. Dies ist besonders leicht der Fall, wenn solche Leute ihre Ansicht ändern und sich dann ärgern, daß andere es nicht auch tun wollen. Die verdrießliche Stimmung, die der Präsident verschiedenen Kongreßmitgliedern gegenüber gezeigt hatte, wurde von diesen natürlich übel vermerkt und erwidert. Viele stellten Johnson als einen Wortbrüchigen dar. Die alte Geschichte, welche unter anderen Umständen gern vergessen worden wäre, daß er bei seinem Amtsantritte in angetrunkenem Zustand erschienen war, wurde wieder hervor gesucht zum Beweise dafür, daß er kein Gentleman sei. Alles dies kam zusammen, um dem nun folgenden politischen Kampf einen rücksichtslosen, rachsüchtigen und verbitterten Anstrich zu geben.

Der erste Schuß in dem vier Jahre langen politischen Kriege zwischen dem Präsidenten und dem Kongreß wurde von Thaddeus Stevens abgegeben, als er im Hause der Repräsentanten noch vor Verlesung der Botschaft des Präsidenten die schon erwähnte Resolution einbrachte, daß die Rekonstruktion der »jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten« nicht Sache des Präsidenten allein, sondern auch des Kongresses sei. Diese verfassungsmäßig richtige Theorie wurde sofort von der republikanischen Mehrheit unterstützt, und so war der Krieg der Parteien erklärt. Nur ganz wenige Republikaner erklärten sich, im Gegensatz zum Parteibeschluss, für den Präsidenten, z. B. im Senat Little aus Wisconsin, Dioxin aus Connections, Notton aus Minnesota und kurze Zeit auch Morgan aus New York, der ein persönlicher Freund Sewards war. Im Repräsentantenhaus war Raymond, der bekannte Gründer der »New York Times«, der Hauptvertreter der »Politik des Präsidenten«.

Thaddeus Stevens war der anerkannte Führer der Republikaner im Repräsentantenhaus. Wenige hervorragende Männer in der Geschichte sind so verschieden beurteilt worden wie er. Ein Romanschriftsteller aus den Südstaaten hat ihn als den leibhaftigen Gottseibeiuns geschildert. Andere nannten ihn den größten politischen Führer seiner Zeit, einen weitblickenden, lauteren Mann von felsenfesten Grundsätzen und Überzeugungen und von unerschütterlichem Mut und Entschluß. Ich war in den Präsidentschaftswahlkampagnen von 1860 und 1864 mit ihm in Berührung gekommen, und damals schienen meine Bestrebungen ihm zu gefallen. Ich hörte einmal eine Wahlrede von ihm, die einen tiefen Abscheu gegen die Sklaverei bekundete und von zwingenden Argumenten und beißenden Witzen voll war. Aber seine ganze Persönlichkeit war mir nicht sympathisch. Ein schmales blasses Gesicht krönte eine unverkennbare Perücke von dunkelbraunen Haaren; buschige Brauen beschatteten scharfe blitzende Augen von unbestimmter Farbe; die Unterlippe war trotzig vorgeschoben, der ganze Ausdruck hart und streng. Stevens Gestalt wäre, stattlich zu nennen gewesen, wenn er nicht wegen eines Klumpfußes hinkend und gebückt gegangen wäre. Seine Stimme war rauh und unschön in seiner Unterhaltung offenbarten sich jedoch seine Bildung und ungewöhnliche Kenntnisse, aber auch ein gewisser Absolutismus der eigenen Meinung und eine höhnende Verachtung der gegnerischen. Er gehörte zu der Gruppe leidenschaftlicher Abolitionisten, Männern, die wohl von menschlichem Mitleid mit den Sklaven und gerechtem Abscheu vor der Sklaverei beseelt waren, aber noch mehr von Haß auf die Sklavenhalter. In der Unterhaltung hatte er am meisten Freude an seinem eigenen beißenden Witz, dessen scharfe Pfeile er blitzartig rechts und links, auf Menschen und Dinge, versandte. Er machte seine sarkastischen Ausfälle mit ganz ernster Miene oder begleitete sie mit einem hämischen Lächeln, das mit dem liebenswürdigen Humor, mit welchem Abraham Lincoln seine eigenen Witze zu belachen pflegte, nichts gemein hatte.

Nach seinen Reden zu urteilen, schien Stevens also ein kalter, feinerem Empfinden ganz unzugänglicher Spötter zu sein, dem es gleich war, ob er Freude oder Leid bereitete. Hin und wieder jedoch entfiel ihm ein Ausdruck – ich sage »entfiel«, denn er liebte es offenbar, den Bärbeißigen herauszukehren –, welcher erkennen ließ, daß unter dieser rauhen Schale ein menschenfreundliches und teilnehmendes Herz verborgen war. Dies wurde mir auch von seinen Nachbarn in seiner Heimat, Lancaster, Pennsylvania, bestätigt, wo ich während der Wahlkampagne einst ein paar Tage zubrachte. Dort schien »Old Thad«, wie er genannt wurde, sogar bei seinen politischen Gegnern außerordentlich beliebt zu sein. Sie wußten zahllose Geschichten davon zu erzählen, wie er oft mit erheblichen Opfern und großer Gefahr für sich selbst flüchtigen Sklaven Schutz verliehen, wie er oft mit freigebiger Hand Witwen und Waisen und sonstige Notleidende beschenkt, und wie er überall hochherzig und treu zu seinen Freunden gehalten habe. Sie verehrten in ihm nicht gerade einen Tugendhelden, sahen aber über die allgemein bekannten kleinen Unregelmäßigkeiten seines freigeführten Junggesellenlebens mit freundlicher Nachsicht hinweg.

Als ich ihn bei Eröffnung des 39. Kongresses im Dezember 1865 in Washington wiedersah, war er sehr gealtert und leidend. Wenn er nicht sprach, glich sein Antlitz einer Totenmaske. Zwei kräftige junge Neger mußten ihn auf einem Tragsessel an seinen Platz im Repräsentantenhause tragen. Es wurde von ihm erzählt, er habe ihnen einmal, als sie ihn an seinen Platz gesetzt hatten, in selbstverspottendem Witz gesagt: »Ich danke Euch, Ihr guten Jungens. Was soll ich wohl anfangen, wenn Ihr tot und begraben seid?« Unter den buschigen Brauen funkelten jedoch seine Augen noch ebenso scharf wie ehemals, und sein Geist hatte von seiner Klarheit und Schärfe nichts eingebüßt. Es mag wohl sein, daß seine 74 Jahre und seine körperlichen Schwächen ihn daran mahnten, daß er nur noch wenige Jahre leben würde, und ihm ein ungeduldiges Verlangen einflößten, die kurze Zeit noch möglichst auszunutzen und seine geistige Kraft aufs äußerste anzuspannen. Die Abschaffung der Sklaverei war ihm eine Lebensaufgabe gewesen. Den Bürgerkrieg hatte er als erfreuliche Förderung der Sache begrüßt, und er war nie ganz mit Lincolns Politik, die ihm allzu dilatorisch erschien, einverstanden gewesen. Seine Natur verlangte schnelles, entschiedenes Handeln.

Und nun, wo die Befreiung der Sklaven tatsächlich erreicht und Gesetz war, mußte er sehen, daß Präsident Johnson eine Politik befolgte, welche nach seiner Ansicht das ganze Werk wieder zuschanden machte. Dem Zorn und der Verachtung, die er für Andrew Johnson hegte, kam nur seine Geringschätzung für diejenigen Republikaner gleich, welche den Präsidenten unterstützten. Diesen reaktionären Geist mußte er besiegen, koste es, was es wolle; die Sklaverei mußte ganz und gar getötet werden, so daß an ihr Wiederaufleben nie mehr zu denken sei. Die Mittel, die er hierzu anwandte, machten ihm wenig Gewissensbisse. Die den meisten Erfolg versprachen waren ihm die liebsten. Um den Republikanern im Kongreß die größtmögliche Mehrheit zu sichern, hätte er gern alle Demokraten rechtmäßig oder unrechtmäßig um Sitz und Stimme gebracht. Mein alter Freund und ehemaliger Kollege in der Rechtsanwaltschaft, General Halbert E. Paine, Vorsitzender der Wahlkommission im Repräsentantenhause, erzählte ihm einmal, daß in einem gewissen Wahlkreise b e i d e aufgestellten Kandidaten Schurken seien. Stevens sagte einfach: »So, und welcher ist unser Schurke?« Und zwar stellte er diese Frage nicht im Spaß, sondern im vollsten Ernst. Er hätte in einer Wahlkampagne mehr für Beelzebub agitiert als für den Engel Gabriel, wenn er nur sicher gewesen wäre, daß jener ihn bei seiner Bekämpfung der Rekonstruktionspolitik des Präsidenten unterstützen würde. Seine Reden waren kurz, knapp und herrisch. Er bekannte offen seine Ziele und Ansichten, wie extrem sie auch sein mochten. Er verschmähte es, sie durch Überredungskünste annehmbarer zu machen oder die Schärfe seiner Angriffe durch Umschreibung zu mildern. In seinen Äußerungen war keine Spur von Heuchelei oder Scheinheiligkeit. Mit größtem Scharfsinn und unerbittlicher Ehrlichkeit zog er die logischen Schlüsse aus seinen Voraussetzungen. Er war der Schrecken der Debatte. Wann und wo er gereizt wurde, brachte er das mörderische Geschütz seines sarkastischen Witzes zu tödlicher Wirkung. Nicht selten genügte ein einziger kurzer Satz, um einen allzu kühnen Gegner mit einem Schlage zu Boden zu strecken und dem Gelächter des Hauses preiszugeben. Dem unglücklichen Opfer war dabei zumute, als habe es unversehens einen schwer geladenen elektrischen Draht berührt. Kein Wunder, daß die schlagfertigsten und kühnsten Redner sich an den alten Thaddeus Stevens nur mit größter Vorsicht heranwagten, aus Angst, daß ihnen plötzlich eine ähnliche verblüffende Niederlage zu teil werden könnte. So wurde die Furcht, die er einflößte, ein ganz bestimmtes Element seiner Führerschaft, und zwar kein sehr gesundes, zu einer Zeit, wo ein schwieriges Problem die größte Umsicht und Leidenschaftslosigkeit in der Behandlung erforderte.

Ein Staatsmann ganz besonderer Art war Senator Fessenden aus Maine, der Vorsitzende der vereinigten Kommission für die Rekonstruktion. William Pitt Fessenden war ein Mann, der in einer großen Menge leicht übersehen werden konnte. Seine kleine, hagere Gestalt, sein schmales Gesicht, sein spärliches graues Haar und grauer Backenbart, sein ruhiges Benehmen, nichts an ihm fiel besonders auf. Auch sein Auftreten im Senat ließ ihn nicht auf den ersten Blick als ein bedeutendes Mitglied jener wichtigen Körperschaft erkennen. Mehr als einmal sah ich ihn dort, während ein anderer Senator redete, hinter den Reihen von Sesseln langsam auf und ab gehen, die Hände in den Hosentaschen, mit der gleichgültigsten Miene. Hatte jener geendet, bat er ums Wort und antwortete, ohne seine Haltung zu ändern, in einem ruhigen Gesprächstone, ohne jeglichen rednerischen Schmuck, aber mit den stichhaltigsten Gründen, die unwiderleglich waren. Es machte den Eindruck, daß er einen reichen Schatz von Kenntnissen und Gedanken wohlgeordnet zur Verfügung hatte, auf den er jeden Augenblick zurückgreifen konnte. Als ich ihm zuerst vorgestellt wurde, schien mir sein Wesen etwas ablehnend, aber es wurde mir gesagt, daß körperliche Leiden ihn unzugänglich und manchmal verdrießlich und gereizt machten. In der Tat sah man oft Spuren von Leiden und Ermüdung in seinem Antlitz, auch wußte man im Senat, daß er zuzeiten verstimmt war, geneigt, sich im schärfsten Sarkasmus zu ergehen und anderen Senatoren unfreundliche Strafpredigten zu halten, wodurch zum Teil seine Beziehungen zu seinen Kollegen arg gestört wurden. Es gab jedoch keinen unter ihnen, der ihm nicht die höchste Achtung zollte und in ihm nicht einen besonders begabten Staatsmann idealster Gesinnung erkannte, einen wahrhaftigen und gewissenhaften Ehrenmann, einen tüchtigen, konstitutionell gesinnten Juristen, einen Parteimann, der nur redliche und ehrenhafte Mittel kannte, und einen Patrioten, den der edelste Ehrgeiz für sein Vaterland beseelte.

Da er auch konservativ veranlagt und Extremen, sowohl in der Rede wie in der Tat, sehr abgeneigt war, so nahm man an, daß er auch in seiner Kommission einen vermittelnden Einfluß ausüben würde. Diese Annahme bewahrheitete sich, besonders in seinen Bemühungen zur Vermeidung eines definitiven Bruches zwischen dem Präsidenten und dem Kongreß. In der Hauptfrage, nämlich, ob die »jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten« in ihr ehemaliges Verhältnis zur Union wieder aufgenommen werden sollten, ehe sie genügende Garantien für die Erhaltung der »gesetzmäßigen Ergebnisse des Krieges« gegeben hatten, teilte Fessenden durchaus den Standpunkt von Stevens. Es war rein Temperamentsache, wenn die beiden so verschiedene Mittel zur Erreichung des gemeinsamen Zieles angewandt wissen wollten. Über das Ziel selbst bestand bei Republikanern kaum eine Meinungsverschiedenheit, außer bei den wenigen, die offen für Präsident Johnson Partei ergriffen hatten und fest zu ihm hielten. Damals fanden sehr scharfsinnige Diskussionen statt über den eigentlichen Zustand der »jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten«. Die Frage war einerseits, ob die aufständischen Staaten durch die Rebellion sozusagen Selbstmord begangen hätten und nun so und so viel Land verblieb, über welches die Bundesregierung frei verfügen oder es verwalten könnte, oder ob sie andererseits trotz jener aufständischen Bewegung, in der sie sich vom Bunde loszureißen versucht hatten, ihr Wesen und ihre Identität als Staaten mit allen, den Staaten der Union eigentümlichen Rechten und Privilegien bewahrt hätten, oder endlich, ob sie durch ihren versuchten Aufstand einen dazwischen liegenden Charakter erlangt hätten: über diese Fragen wurde mit ebensoviel Scharfsinn als Spitzfindigkeit und manchmal mit großer Heftigkeit debattiert.

Es muß anerkannt werden, daß, wenn man Johnsons Voraussetzungen zugab, er einen logisch ziemlich einleuchtenden Standpunkt vertrat. Er ging davon aus, daß ein Staat nach der Bundesverfassung unzerstörbar sei und selbst durch die von seiner Bevölkerung oder von seinen politischen Organen angenommenen Verordnungen der Sezession nicht aus der Union hätte ausgeschieden werden können; die Bundesregierung selbst habe dadurch, daß sie die Verordnungen der Sezession für »null und nichtig« und ungültig erklärt und im Grund als nicht existierend behandelt hatte, diese Theorie angenommen und sanktioniert; während der Rebellion hätten die verfassungsmäßigen Rechte und Funktionen jener Staaten nur geruht; sobald die Rebellion beendet war, seien sie de facto wiederhergestellt worden, und da die Rebellion tatsächlich beendet sei, hätten jene Staaten sofort einen Anspruch auf ihre früheren Rechte und Privilegien, also auf Anerkennung ihrer Selbstverwaltung und aus Vertretung im Kongreß. Gab man diese Voraussetzungen zu, so war in der Theorie die Sache logisch richtig.

Dies war aber ein Fall, wo das spätere Wort Präsident Clevelands hingepaßt hätte: Wir standen vor einer gegebenen Lage, nicht vor einer Theorie. Und die Lage war folgende: gewisse Staaten hatten sich durch ihre regulären politischen Organe von der Union unabhängig erklärt. Sie hatten sich auch tatsächlich von der Union getrennt. Sie hatten sogar Krieg gegen die Union geführt. Durch diesen Krieg waren jene Staaten in eine nicht von der Verfassung vorhergesehene Lage versetzt. Der Krieg legte auch der Bundesregierung Pflichten auf, die von der Verfassung nicht vorhergesehen waren. Unter dem Druck der »Kriegsnot« war die Union nicht nur gezwungen, die Neger von der Sklaverei zu befreien und ihre Dienste im Heere anzunehmen, sondern auch große Anleihen zu machen, welche die Staatsschuld erheblich vermehrten. Während des Krieges hatte die Union Hülfe von unionstreuen Männern im Süden erhalten. Sie war also nach mehreren Seiten hin ernste Verpflichtungen eingegangen: erstens, die emanzipierten Neger in ihrer Freiheit zu schützen, zweitens, für die Sicherheit der Unionstreuen im Süden und endlich für die Sicherheit des Geldes der Staatsgläubiger zu sorgen. Dies alles war ebensogut eine Ehrenpflicht als eine politische Pflicht. Die Wiedereinsetzung der Selbstverwaltung und die Wiederaufnahme der südlichen Staaten in ihr ehemaliges Verhältnis zur Union war unmöglich, solange man ziemlich sicher sein konnte, daß diese Wiederherstellung die Freiheit der emanzipierten Sklaven, die Sicherheit der Unionstreuen im Süden und die Rechte der Gläubiger des Staates ernstlich gefährdete.

Daß solche Gefahren tatsächlich bestanden, war zweifellos. Nicht nur meine eigenen Beobachtungen auf meiner Reise überzeugten mich davon, sondern auch der Bericht der Kommission unter dem Vorsitz Senator Fessendens brachte eine Menge neuer Beweise dafür und malte die Gefahren in noch viel düstreren Farben, als ich es getan hatte. Präsident Johnson selbst hatte bis zu einem gewissen Grade stillschweigend zugegeben, daß er sie erkannte; das bewiesen die vielen Ausnahmen in seinem Amnestiegesetz u. dgl. m. Also entkräftete er in der Praxis seine eigenen Theorien. Und dennoch bestand er darauf, daß die »jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten« sofort vollständig in all ihre Rechte der Selbstverwaltung und der Anteilnahme an der Bundesregierung wieder eingesetzt werden müßten.

Die Mitglieder der republikanischen Majorität hatten noch immer den aufrichtigen Wunsch, einen Bruch zwischen dem Präsidenten und dem Kongreß zu vermeiden. Die Justizkommission des Senats stellte am 12. Januar 1866 den Antrag auf Weiterbestehen des Freedmen’s Bureau mit vermehrtem Personal und erweiterter Machtbefugnis. In beiden Häusern wurde der Antrag sehr gründlich und maßvoll diskutiert; die Notwendigkeit einer Einrichtung zum Schutze der Freigelassenen und zur wirksamen Einführung der freien Arbeit in den Südstaaten wurde allgemein anerkannt und sogar von den republikanisch gesinnten Freunden des Präsidenten im Senat unterstützt. Der Antrag wurde in beiden Häusern mit erdrückender Stimmenmehrheit angenommen, und selbst diejenigen, die dem Präsidenten nahe standen, konnten nur erwarten, daß er ihn billigen und unterzeichnen würde. Statt dessen schickte er ihn am 19. Februar mit seinem Veto zurück unter der Begründung, der Antrag sei unnötig und verfassungswidrig und überdies ungültig, weil er von einem Kongreß beschlossen worden sei, in dem elf Staaten, nämlich die »jüngst an der Rebellion beteiligten«, nicht vertreten seien. Diese Worte enthielten eine Hinweisung darauf, daß, ehe nicht die südlichen Staaten wieder vertreten wären, der tagende Kongreß überhaupt keine gültigen Gesetze machen könnte. Senator Trumbull widerlegte in einer hervorragend guten, staatsmännisch bedeutenden und ruhigen Rede die Gründe des Präsidenten und beantragte, die betreffende Vorlage trotz des Vetos des Präsidenten zum Gesetz, zu erheben. Aber die sogenannten regierungsfreundlichen Republikaner, die vorher für den Gesetzantrag gestimmt hatten, stimmten jetzt zugunsten des Vetos, und so blieb das Veto, da eine zweidrittel Majorität nicht aufgebracht werden konnte, bestehen. Präsident Johnson hatte hiermit einen Sieg über die republikanische Majorität im Kongreß davongetragen. Nach diesem Siege mochte er wohl glauben, daß er mit seinem Veto jeden Antrag und jedes ihm mißliebige Gesetz lahmlegen könnte, und daß er also Herr der Situation sei. Jedenfalls war ihm die Sache zu Kopfe gestiegen, und er beging den Fehler, die Opposition zu unterschätzen.

Am 22. Februar wurde in Washington eine öffentliche Versammlung abgehalten, in welcher die Zustimmung des Volkes zu der Rekonstruktionspolitik des Präsidenten Ausdruck finden sollte. Die Volksmenge zog von dem Versammlungsort zum Weißen Hause, um dem Präsidenten zu dem Erfolge seines Vetos zu gratulieren. Man verlangte, daß der Präsident, als Antwort auf den Glückwunsch, reden solle. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen und gab sich selbst den Todesstoß. Er sprach zunächst in der ihm üblichen selbstherrlichen Weise von der Rechtschaffenheit seiner Absichten und der Richtigkeit seines Verfahrens, und dann begann er, in den heftigsten Ausdrücken über seine Gegner herzuziehen. Er klagte die gemeinsame Kommission für die Rekonstruktion, an deren Spitze Fessenden stand, als ein »unverantwortliches zentrales Direktorium« an, welches die Machtbefugnisse des Kongresses an sich gerissen habe, er schilderte, wie er die Anführer der Rebellion bekämpft habe und fügte hinzu, daß es sogar diesseits der Grenze Leute gebe, die an der Auflösung der Union arbeiteten. Nun fühlten einige aus dem lärmenden Volkshaufen, daß der Präsident auf ihr Niveau herabgestiegen sei und verlangten schreiend, daß Namen genannt würden. Der Präsident nannte Thaddeus Stevens, Charles Sumner und Wendell Philipps als Männer, welche die festen Grundlagen des Staates und der Regierung zu untergraben suchten. Was John W. Forney betreffe, fügte er unter stürmischer Heiterkeit des Pöbels hinzu, so betrachte er ihn als »eine tote Wildente«, die »keinen Schuß Pulver mehr wert sei«. Dann sprach er weiter von den bescheidenen Verhältnissen, aus denen er sich emporgerungen; er sei, wie alle wüßten, nur ein Schneider gewesen, aber was er auch immer zugeschnitten, habe »tadellos gesessen«. Zum Schluß deutete er offen an, daß es hochgestellte Männer gebe, die mit Lincolns Blut nicht zufrieden seien, sondern auch ihm nach dem Leben trachteten.

Die Wirkung dieser Rede, als sie gedruckt in den Tagesblättern erschien, war unbeschreiblich. Viele der am öffentlichen Leben beteiligten Männer in Washington erinnerten sich der peinlichen Szene, wie Johnson damals bei der Einführungsfeier angeheitert gewesen war, und gaben sofort ihrer Ansicht Ausdruck, er müsse abermals des Guten zu viel getan haben, als er diese Rede hielt. Sie folgerten ganz einfach, kein Präsident der Vereinigten Staaten, wie überhaupt kein Mann in öffentlicher Stellung, der die geringste Selbstachtung besäße, könne zu solch einer Tiefe zügellosen Schmähens und gemeinen törichten Geschwätzes hinabsteigen, wenn er bei klarem Verstande sei. Trunkenheit hätte also füglich als mildernder Umstand gelten können. Aber wohin führte eine solche Annahme? Der Eindruck, den dieses – man könnte mit Recht sagen – Ereignis auf das Volk gemacht hatte, ging klar aus der Presse hervor. Die meisten Zeitungen, welche die Politik des Präsidenten begünstigten, waren stumm; nur wenige wagten ein Wort der Verteidigung. Aus der gegnerischen Presse wurde kaum ein Schrei der Entrüstung laut; die meisten Zeitungen besprachen die Sache ernst und in verhaltenem Tone. Die allgemeine Empfindung war Scham und Demütigung um des ganzen Vaterlandes willen.

Im Kongreß stellte Stevens mit charakteristischem Sarkasmus die ganze Sache als eine böswillige Erfindung der Feinde des Präsidenten dar. Man hoffte noch immer, einen völligen Bruch zwischen dem Präsidenten und der republikanischen Partei vermeiden zu können. Am 26. Februar hielt Sherman eine lange, wohlüberlegte Rede, in der er Einigkeit im Zusammenarbeiten empfahl. Er zählte alle Tugenden auf, die Andrew Johnson zu besitzen vorgab, und all die Dienste, die er tatsächlich geleistet hatte und erklärte feierlich, daß er glaube, der Präsident habe sich immer von patriotischen Motiven leiten lassen und habe stets ehrlich nach bestem Wissen gehandelt. Er konnte jedoch nicht umhin, »die Rede vom 22. Februar aufs tiefste zu beklagen«. Er fügte hinzu, man könne sich »kaum ein demütigenderes Bild denken, als den Präsidenten der Vereinigten Staaten, der an die erregten Leidenschaften des Pöbels mit solchen Auslassungen appelliert, wie Johnson an jenem Tage«. Immerhin fand Sherman »den Augenblick zu einem Konflikt mit dem obersten Staatshaupt ungeeignet«. Andere hervorragende Republikaner, wie z. B. General J. J. Cox aus Ohio, einer der edelsten Männer, die ich gekannt habe, gingen persönlich zum Präsidenten, um ihm in freundlichem Sinne Vorstellungen zu machen. Er antwortete mit liebenswürdigen Worten und Versprechungen, die sich aber später als leere Phrasen erwiesen. Dann trat ein Ereignis ein, das die letzte Möglichkeit freundlicher Annäherung abschnitt.

Am 13. März nahm das Repräsentantenhaus die Civil Right’s Bill an, welche der Senat bereits am 2. Februar angenommen hatte. Die Hauptbestimmung dieses Gesetzes war die Erklärung, daß alle in den Vereinigten Staaten geborenen Personen, ausgenommen nichtbesteuerte Indianer, Bürger der Vereinigten Staaten seien, und daß diese Bürger, von welcher Rasse und Farbe sie auch wären, in jedem Staat und jedem Territorium der Vereinigten Staaten die gleichen Rechte haben sollten, insbesondere das Recht, Verträge zu schließen und ihre Durchführung zu erzwingen, Klage zu führen und zu prozessieren, als Zeugen aufzutreten, Grundbesitz und bewegliches Eigentum besitzen, erben, kaufen, pachten, verkaufen zu dürfen und die Wohltaten aller Gesetze und Bestimmungen zum Schutze der Person und des Eigentums, wie sie von den Bürgern weißer Rasse genossen wurden, in vollem Maße zu genießen. Der Gesetzentwurf hatte nichts mit der »sozialen »Gleichstellung« zu tun und griff in keiner Weise störend in des Präsidenten Rekonstruktionspläne ein. Im Gegenteil, es wurde gesagt, daß Johnson sich schon mehrmals in Wort und Tat den Bestimmungen dieses Gesetzentwurfs günstig gezeigt hätte. Das Gesetz schien in allen Stücken so vernünftig und zur Durchführung des 13. Amendements der Verfassung, welches die Sklaverei verbot, so notwendig, daß seine Verwerfung durch den Präsidenten ausgeschlossen erschien. Ganz abgesehen von den Vorzügen des Gesetzes, hätte der Präsident schon aus Gründen der Klugheit es unterzeichnen sollen. Wenn er es getan hätte, so hätte er den versöhnlichen Geist, der trotz allem noch in manchem republikanisch gesinnten Herzen wohnte, sehr ermutigt und gestärkt und hätte sich noch in elfter Stunde einen starken Anhang im Kongreß sichern können. Er tat es nicht. Er sandte auch dieses Gesetz an den Kongreß zurück mit seinem Veto, dessen Begründung so schwach war, daß man merkte, wie mühevoll er nach Vorwänden gesucht hatte, um das Gesetz zu Fall zu bringen. Einer seiner Hauptgründe war wieder jener fatale, daß der Kongreß das Gesetz beschlossen habe, während elf Staaten nicht vertreten waren: eine Wiederholung der drohenden Hinweisung darauf, daß die Gültigkeit der von einem solchen Kongreß beschlossenen Gesetze anfechtbar sei.

Der Kongreß nahm den Gesetzentwurf trotz des Vetos, mit zweidrittel Majorität in beiden Häusern an, und die Civil Right’s Bill wurde Gesetz. Johnsons Niederlage war eine schlimmere Sache, als es zuerst den Anschein hatte. Das Ansehen, das er bei dem Erfolge seines Vetos in der Sache der Freemen’s Bureau Bill gewonnen hatte, war damit wieder verloren gegangen. Die Republikaner, bei denen er die Erwartung geweckt hatte, daß er dieses zweite Gesetz, unterzeichnen würde, glaubten nun, er sei ein Wortbrüchiger, dem jeder Verrat zuzutrauen sei. Die letzte Gelegenheit zu einer Versöhnung mit der republikanischen Partei war dahin. Es war ja klar geworden, daß nicht er stärker war als der Kongreß, sondern, daß der Kongreß mit seiner zweidrittel Mehrheit stärker war als Johnson, und so zog sich das Element der Parteipolitiker, welches wegen persönlicher Vorteile auf Seite des Stärkeren stehen muß, von ihm zurück. Aber das Schlimmste war, daß die Reaktionäre in den Südstaaten, welche die Freiheit der Neger nach Möglichkeit beschneiden wollten, sein Veto der Civil Right’s Bill mit lauten Jubelrufen aufnahmen. Da sie nun glaubten, daß er unerschütterlich gegen das Erteilen der im Gesetzentwurfe vorgesehenen gleichen bürgerlichen Rechte an die Freigelassenen bleiben würde, jubelten sie Johnson als ihrem Vorkämpfer zu, unbekümmert um den Mißerfolg seines Vetos, den sie als unwichtigen Zwischenfall betrachteten, redeten sie sich leicht ein, daß der Präsident, mit Hilfe der regierungsfreundlichen Republikaner und der demokratischen Partei in den Nordstaaten, sicher endlich siegen würde, und daß sie nun nach Belieben mit den Negern und der Arbeiterfrage umspringen könnten. Das reaktionäre Element fühlte sich durch des Präsidenten Haltung bis zur Tollkühnheit ermutigt. Staatliche Gesetze und städtische Gemeindeverordnungen, welche die Schwarzen zu einem halbsklavischen Zustand zurückbringen sollten, häuften sich; Berichte über Grausamkeiten, die an Freigelassenen verübt waren, wurden täglich zahlreicher. Der Ton der Presse und der öffentlichen Reden im Süden wurde ungeduldig und herrisch. Maßregeln, die zum Schutze der Freigelassenen ergriffen waren, wurden im Namen der Verfassung ohne Unterschied als Handlungen der unleidlichsten Tyrannei gebrandmarkt. Es wurde laut als verfassungsmäßiges Recht gefordert, daß Abgeordnete der »jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten« ihre Sitze im Senat und Repräsentantenhaus des Kongresses wieder einnehmen sollten. Und für diese Sitze wurden Vertreter vorgeschlagen, die noch gestern mit den Waffen in der Hand gegen die nationale Regierung gekämpft oder die hohe Stellungen in der aufständischen Konföderation bekleidet hatten. Die höchste Autorität, die für all diese Klagen und Forderungen ins Feld geführt wurde, war Andrew Johnson, der Präsident der Vereinigten Staaten.

Die Südstaatler verdienten eigentlich Mitleid, daß sie zu so verhängnisvollen Extravaganzen verleitet worden waren, und der Präsident konnte mit Recht ihr ärgster Feind genannt werden.

Den Eindruck, den all dieses auf die Gemüter der Nordstaatler machte, kann man sich leicht vorstellen. Männer von ganz nüchterner Denkungsart, denen alles Übertriebene fern lag, fragten sich ganz ernstlich, ob die legitimen Ergebnisse des Krieges, für welche ungezählte Tausende von Menschenleben und die Früchte der Arbeit vieler Jahre geopfert waren, nicht in Gefahr schwebten. Ihre Befürchtungen waren nicht durch politische Agitation künstlich erzeugt, sondern waren aufrichtig und tiefgefühlt und steigerten sich nachgerade zum Zorn. Die allmähliche Besänftigung von Leidenschaft und Groll, die der Krieg erregt hatte, wurde plötzlich gehemmt. Das Gefühl, daß die Union abermals von einer »Rebellenherrschaft«, an deren Spitze gar der Präsident stand, gerettet werden müßte, brach sich überall Bahn. Selbst wohlgesinnte Leute wurden in bezug auf die Mittel, die der Kongreß zur Bekämpfung dieser Gefahr ergreifen sollte, immer weniger wählerisch.

Die Volksstimmung übte denn auch ihren Einfluß auf den Kongreß aus und spornte die radikalen Tendenzen seiner Mitglieder an. Selbst vorsichtige konservative Männer gaben zu, daß hier starke Maßregeln am Platze wären, und sie griffen bald zu den allerstärksten. Auch das Parteimotiv wurde dem patriotischen Gedanken dienstbar gemacht. Es war nach und nach klar geworden, daß Präsident Johnson durch sein Verhalten absichtlich oder unabsichtlich, – wahrscheinlich letzteres, – der demokratischen Partei in die Arme getrieben werden würde. Die Demokraten waren natürlich höchst erfreut, einen Präsidenten für sich zu gewinnen, der von den Republikanern gewählt war. Sie unterstützten also eifrigst seine Maßnahmen und schmeichelten ihm, wo sie nur konnten. Der alte Bund zwischen der sklavereifreundlichen Partei im Süden und den Demokraten im Norden wurde wieder erneuert, dieser Bund, der den Südstaaten noch jüngst so teuer zu stehen gekommen war, weil er die Südstaatler veranlaßt hatte zu glauben, sie brauchten sich nur gegen die Bundesregierung aufzulehnen, dann würden die Demokraten des Nordens sich zu ihnen gesellen und ihnen zum Siege verhelfen. Ein ähnlicher Wahn wurde jetzt wieder durch die Haltung der Demokraten im Norden erzeugt, und es stand fest, daß, wenn die »jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten« nach dem Plane Johnsons rekonstruiert wurden, sie eine durchweg demokratische Vertretung in den Kongreß schicken würden. Diese Vertretung würde sogar an Zahl größer gewesen sein als ehemals, denn die Neger, die bisher nur zu drei Fünfteln als Grundlage der Vertretung gezählt worden waren, wurden jetzt als Freigelassene, wenn auch ohne Stimmrecht, alle gezählt. Es bestanden also berechtigte Befürchtungen, daß die Vertreter der auf diese Weise rekonstruierten Südstaaten, mit den Demokraten des Nordens vereint, den Kongreß beherrschen würden. Dann würden diese nicht allein alles rückgängig machen, was die Gesetzgebung bisher zum Schutz der Freigelassenen getan hatte, und diese schutzlos der Besitzerklasse überantworten, sondern auch die Staatsschuld in Gefahr bringen, entweder durch direkte Nichtanerkennung oder dadurch, daß sie in entwertetem Papiergeld ausgezahlt wurde. Diese Befürchtungen waren keineswegs grundlos, denn der Süden konnte naturgemäß eine solche direkte oder indirekte Nichtanerkennung der Staatsschuld nur begünstigen, und auch in den Nordstaaten, besonders im Westen, machte sich eine ähnliche Stimmung geltend.

Infolgedessen befestigte sich im ganzen Norden immer mehr die Meinung, daß die Vorherrschaft der republikanischen Partei – wenigstens auf einige Jahre hinaus – für die Sicherheit und Ehre der Union notwendig sei. Alle zur Sicherung dieser Vorherrschaft getanen Schritte, die sonst zum Teil einer sehr abfälligen Kritik begegnet wären, wurden daher jetzt mit äußerster Nachsicht beurteilt und gutgeheißen. Stockton aus New Jersey ging aus Gründen, die zu anderer Zeit kaum ausschlaggebend gewesen wären, seines Sitzes verlustig, um sogar unter Fessendens Zustimmung einem republikanischen Nachfolger Platz zu machen. Zufällige Abwesenheit irgend eines demokratischen Senators wurde zur Abstimmung benutzt – beispielsweise wenn ein Veto überstimmt werden sollte oder dgl. m. – und ähnliche Verfahrungsarten wurden öfters angewandt, die nicht gerade mit der berühmten »Courtoisie des Senats« vereinbar waren. Zur völligen Rekonstruktion der südlichen Staaten war jedoch noch viel gründliche und dauernde Arbeit nötig. Die republikanische Majorität war durchaus nicht einig über die verfassungsmäßige Stellung der Staaten, die sich im Aufstand gegen die Bundesregierung befunden hatten. Ich erwähnte bereits die Theorie des Staatenselbstmords, die Stevens und einige Extremgesinnte vertraten. Die bei den Republikanern beliebteste Theorie, die auch von der vereinigten Kommission für die Rekonstruktion formuliert wurde, war die, daß die rebellischen Staaten nicht von der Union gelöst gewesen wären, sondern nur innerhalb der Union ihre Fähigkeit zur Mitarbeit verloren hätten und erst durch Kongreßbeschluß und unter den vom Kongreß gestellten Bedingungen in ihr regelrechtes verfassungsmäßiges Verhältnis zur Union wieder aufgenommen werden müßten. Diese Theorie wurde im Repräsentantenhause am klarsten von Shellaberger aus Ohio entwickelt, einem Manne von außerordentlichem Scharfsinn und großer Geisteskraft. Sie wurde im Senate unter Führung Fessendens und Sumners von allen Republikanern außer den wenigen Anhängern des Präsidenten angenommen. Aber sie wurde in der Praxis noch oft seltsam gedreht und gewendet, wenn die Ausführung Schwierigkeiten bereitete. Zum Beispiel wurde gelegentlich angenommen, der Krieg sei in mancher Hinsicht zu Ende, in mancher nicht; so wurde jenen Staaten das Recht der Selbstverwaltung und der Vertretung im Bundesparlament abgesprochen, und doch wurden sie bei der Ratifikation eines Amendements zur Bundesverfassung mitgezählt. Auch gab diese Theorie keinen Aufschluß über die Bedingungen, die den Sezessionsstaaten vor ihrer Wiederaufnahme in die Union auferlegt werden sollten. Die Frage z. B., ob zu diesen Bedingungen auch die Erteilung des Wahlrechts an die Neger gehörte, wofür Sumner stets so energisch eintrat, blieb offen.

Um den drohenden Gefahren zu begegnen, stellte die vereinigte Kommission für die Rekonstruktion das vierzehnte Amendement zur Bundesverfassung auf, über welches in beiden Häusern lange und eingehend debattiert wurde. In der Form, in der es schließlich angenommen wurde, erklärte es: 1. daß alle in den Vereinigten Staaten geborenen oder naturalisierten Personen Bürger der Vereinigten Staaten und Bürger desjenigen Staates sind, in dem sie ihren Wohnsitz haben, und daß kein Staat Gesetze erlassen oder durchführen soll, welche die Rechte und Freiheiten der Bürger kürzen, auch nicht ohne vorhergegangenes Gerichtsverfahren eine Person des Lebens, der Freiheit oder des Eigentums berauben, noch irgendeiner Person den alle gleichmäßig berücksichtigenden Schutz der Gesetze versagen soll; 2. daß, wenn in irgendeinem Staate irgendwelchen Bürgern das Stimmrecht bei Wahlen von Bundes- oder Staatsbeamten – ausgenommen wegen Teilnahme an Aufstand oder wegen sonstigen Verbrechens – versagt oder irgendwie gekürzt wird, die Basis der Vertretung im Kongreß oder das Wahlmännerkollegium in demselben Verhältnis verringert werden soll, wie das Verhältnis solcher männlichen Bürger zu der ganzen Zahl männlicher Bürger im Alter von mindestens 21 Jahren in jedem Staate beträgt; daß keine Person, die an der Rebellion teilgenommen hat, obwohl sie früher als Bundes- oder Staatsbeamter oder Offizier geschworen hatte, die Verfassung der Vereinigten Staaten hochzuhalten, Senator oder Volksvertreter im Kongreß sein oder irgendein bürgerliches oder militärisches Amt in den Vereinigten Staaten oder in einem Einzelstaat bekleiden soll, es sei denn, daß durch zweidrittel Mehrheitsbeschluß beider Häuser des Kongresses dieses Unvermögen aufgehoben werde; 4. daß die Rechtsgültigkeit der Bundesschuld nicht in Frage gezogen, noch irgendeine zur Unterstützung der Rebellion eingegangene Schuld oder Verpflichtung noch ein Entschädigungsanspruch für emanzipierte Sklaven bezahlt werden soll.

Das vierzehnte Amendement machte also vor der Ausdehnung des allgemeinen Wahlrechts auf die Neger Halt. Das war eine Frage, welche viele Republikaner noch ängstlich vermieden. Die stillschweigende Folgerung war jedoch, daß die Staaten, welche die Ausdehnung des allgemeinen Wahlrechts auf die Neger verweigerten, dadurch gestraft wurden, daß ihre Vertretung im Kongreß verringert wurde. Ferner wurden, wenn nicht ausdrücklich durch zweidrittel Mehrheit des Kongresses diese Bestimmung im Einzelfall aufgehoben wurde, die einflußreichste Klasse derjenigen, die an der Rebellion teilgenommen hatten, von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. Endlich wurde die Staatsschuld sichergestellt. Nur eine der Bestimmungen konnte gerechterweise getadelt werden. Das war die, welche eine so große Zahl von Männern aus den Südstaaten aus öffentlichen Ämtern fernhielt, und zwar gerade Männer aus der Gesellschaftsklasse, mit der eine freundschaftliche Verständigung besonders wünschenswert war. Das habe ich selbst später viel klarer eingesehen als zu jener Zeit. Wenn man diese Bestimmungen als Strafe für »Hochverrat« ansah, so war die darin vorgesehene Entziehung der politischen Rechtsfähigkeit allzu nachsichtig. In dieser Hinsicht konnte sie nur den Argwohn erwecken, daß wir im Grunde gar nicht hochherzig waren und die Rebellen noch viel strenger behandelt haben würden, wenn wir es nur anzufangen gewußt hätten. Die Disqualifizierung einiger weniger, besonders verhaßter Führer der Rebellion hätte genügt, um das Volk zu beruhigen. Aber die Disqualifizierung einer so großen Menge angesehener Leute war, ganz ab- gesehen von Gerechtigkeit oder Großmut, ein schlimmes politisches Versehen. Es traf beinahe alle die, auf welche die große Masse der südstaatlichen Bevölkerung wegen ihrer höheren Bildung, ihres Reichtums und ihrer gesellschaftlichen Stellung als führende Persönlichkeiten blickte. Diese Führerschaft wurde durch die Disqualifizierung zum öffentlichen Amt keineswegs beeinträchtigt, weil keine andere Führerschaft dadurch an ihre Stelle gesetzt wurde. Die davon Betroffenen konnten freilich nicht selbst ein Amt bekleiden, aber ihr Einfluß konnte bestimmen, wer es bekleiden sollte, und konnte dessen Verhalten beherrschen. Unter den Disqualifizierten befanden sich manche, besonders frühere Soldaten aus dem Heer der Konföderation, welche den Vorteil einsahen, den ein Abfinden mit der neuen Ordnung der Dinge mit sich brachte, und die geneigt waren, es zu fördern. Ihren guten Willen dadurch abzuschwächen, daß man ihren Stolz verletzte, war entschieden eine falsche Politik. Die Bestimmung, daß ihre Disqualifizierung durch Beschluß einer zweidrittel Mehrheit in jedem Hause des Kongresses wieder aufgehoben werden könnte, machte den angerichteten Schaden nur zum Teil wieder gut, aber doch vom Standpunkte des Gemeinwohls aus nicht in genügendem Maße.

Es wurde nicht geradezu beschlossen, aber stillschweigend angenommen, daß diejenigen der »jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten«, welche das vierzehnte Amendement zur Verfassung ratifizierten, dadurch von selbst die Berechtigung zur Wiederaufnahme in ihr ehemaliges Verhältnis zur Union erlangen würden. Tennessee, wo die Anhänger der Johnson feindlichen Unionspartei die Oberhand hatten, führte die Ratifikation aus. Sofort konnten die dortigen Senatoren und Repräsentanten ihre Sitze im Kongreß wieder einnehmen. Die Wiederaufnahme der anderen Staaten in den Bund wäre ohne Zweifel in derselben Weise vor sich gegangen, wenn sie dem Beispiel von Tennessee gefolgt wären; aber wie später verlautete, widerriet ihnen Präsident Johnson hartnäckig, dies zu tun, und so wurde der Kampf fortgesetzt. Gegen den Entwurf zu einem zweiten Freedmen’s Bureau-Gesetz, in welchem manche der im ersten Entwurf vom Präsidenten beanstandete Punkte abgeändert waren, legte er abermals sein Veto ein. Aber zwischen dem Kongreß und dem Präsidenten hatten sich die Dinge jetzt derartig zugespitzt, daß die Begründungen seines Vetos kaum angehört wurden, es vielmehr in jedem einzelnen Falle sofort und fast ohne Debatte von der erforderlichen zweidrittel Mehrheit überstimmt wurde.

So lagen die Dinge vor der Kongreßwahl von 1866. Das Volk sollte nunmehr zwischen dem Präsidenten und dem Kongreß entscheiden. Der Konflikt hatte eine solche gewaltige Erregung hervorgebracht, daß bei einigen sogar das geistige Gleichgewicht gefährdet wurde. Preston King aus New York, der Senator der Vereinigten Staaten gewesen und von Johnson zu einem der ersten Beamten im Steuerwesen ernannt worden war, verübte eben vor dem Zusammentreten des Kongresses Selbstmord, indem er im Hafen von New York von einem Fährdampfer in den North River sprang. Er war ein radikal gesinnter Republikaner gewesen und hatte, als er das Amt annahm, geglaubt, Johnson stehe auf demselben Standpunkt. Des Präsidenten Handlungsweise bekümmerte ihn dann derart, daß er schwermütig wurde, und ihn endlich seine Gemütskrankheit in den Tod trieb. Einem anderen Aufsehen erregenden Selbstmord, den Senator Lane aus Kansas ein paar Monate später verübte, wurde derselbe Grund zugeschrieben.

Die Wahlkampagne von 1866 war besonders heiß und erbittert. Bei Präsidentenwahlen hatte ich wohl schon größere Begeisterung und Teilnahme erlebt, aber nie so viel Feindschaft, Haß und Groll als bei dieser, deren Nebenzweck doch war, einen Präsidenten zu stürzen. Andrew Johnson hatte nicht nur eine entschiedene Neigung gezeigt, die demokratische Partei in seinen Bann zu schlagen, sondern er begann jetzt auch, Beamte zu entlassen, die politisch nicht mit ihm einer Meinung waren, und setzte an ihre Stelle Leute, die seine Parteiansichten teilten. Dies Verfahren traf den Parteigeist an einer sehr empfindlichen Stelle. In den Augen des gewöhnlichen Anhängers einer Partei konnte es keinen klareren Beweis von Johnsons »Verräterei« geben. Es war die große, die unverzeihliche Sünde. War der Neuangestellte ein Demokrat, so wurde sein Vergehen milde beurteilt, denn von ihm konnte man nichts anderes verlangen, aber wenn ein Republikaner aus Andrew Johnsons Hand zu Andrew Johnsons Bedingungen ein Amt annahm und an die Stelle eines Mannes trat, der wegen Treue gegen die Parteigrundsätze entlassen war, so war das unverzeihlich. Die Stellenjäger, die sogenannte »bread and butter brigade« wurden mit einer in Worten kaum auszudrückenden Verachtung angesehen.

Aber noch Schlimmeres entflammte den Zorn des Nordens. Die Weißen der Südstaaten waren wieder einmal selbst ihre ärgsten Feinde. Anfang Mai kam aus Memphis die Nachricht von Aufständen, bei welchen vierundzwanzig Neger verwundet und ein Weißer getötet worden waren. Die Annahme lag nahe, daß die Weißen die Angreifer, die Neger die Opfer gewesen waren. Ende Juli kam aus New Orleans noch bedeutsamere Kunde. Dort war von Unionsfreunden der Versuch gemacht worden, die Konvention von 1864 wieder zu beleben, um die Verfassung des Staates umzugestalten. Ein solcher Versuch war von zweifelhafter Rechtmäßigkeit, hätte aber, wenn er ungesetzlich gewesen wäre, leicht durch gesetzmäßige und friedliche Mittel verhindert werden können. Die städtischen Behörden von New Orleans bestanden aus ehemaligen Konföderierten, welche sofort beschlossen, daß die Versammlung des Überbleibsels der Konvention nicht stattfinden sollte. Als sie dennoch abgehalten wurde, erstürmte die zum größten Teil aus ehemaligen Soldaten der Konföderation bestehende Polizei, von einem weißen Pöbel unterstützt, den Saal und feuerte auf die Versammelten. Das Resultat war, daß von den Negern 37 tot und 17 verwundet waren, während auf der Seite der Angreifer 1 Toter und 10 Verwundete gezählt wurden. General Sheridan, der Kommandeur des Departements, telegraphierte an General Grant: »Es war kein Aufstand; es war einfach seitens der Polizei ein Niedermetzeln, welches dem Blutbad von Fort Pillow an Grausamkeit nicht nachstand. Und dieses Blutbad richteten der Bürgermeister und die Polizei dieser Stadt ohne die geringste Notwendigkeit an.« Durch den ganzen Norden ging ein Beben des Entsetzens und der Wut. Man fragte sich gegenseitig: »Bedeutet dies den Wideranfang der Rebellion?« – Die Frage hörte ich oft stellen.

Die Regierung fühlte natürlich den Schlag, und, um seine Wirkung zu entkräften, sollte nach einem Plane von Thurlow Weed und Staatssekretär Seward ein Nationalkonvent der Regierungsanhänger aus dem Norden und aus dem Süden abgehalten werden. Diese »Nationa1 Union Convention« trat in Philadelphia am 14. August zusammen. Sie war gut besucht, sowohl was Zusammensetzung als was Zahl betraf. Die Sitzung wurde mit einem Schauspiel eröffnet, das unter anderen Umständen die Volksphantasie gewiß günstig beeinflußt hätte. Die Abgeordneten marschierten zu Paaren in den Versammlungsraum, je ein Südstaatler Arm in Arm mit einem Nordstaatler, Massachusetts und Süd-Carolina voran. Aber der Aufstand in Memphis und das »Blutbad« von New Orleans waren noch zu frisch in der Erinnerung, und die düstere Gestalt Andrew Johnsons drohte zu sehr im Hintergrunde, als daß die theatralische Schaustellung der wiederhergestellten Bruderliebe den richtigen Erfolg gehabt hätte. Im Augenblick wurde wohl Hurra gerufen, aber schließlich wurde die ganze Sache lächerlich gemacht und erhielt den Spottnamen der »Arm-in-Arm-Konvent«. Die Verhandlungen waren langweilig, und von den Republikanern wurde nachdrücklich darauf hingewiesen, daß der Vorsitzende, Senator Doolittle aus Wisconsin, die Südstaatler wenig oder gar nicht zu Worte kommen ließ, damit sie nicht zu viel sagten. Es wurde auch bemerkt und betont, daß unter den Mitgliedern des Konvents die Zahl der vermeintlichen Stellenjäger, der Anhänger der »bread and butter brigade«, auffallend groß wäre. Ein Beschluß des Konvents erklärte die Sklaverei für abgeschafft und den freigelassenen Neger für des gleichen Schutzes an Leben und Eigentum wie andere Bürger teilhaftig; ein anderer Beschluß unterstützte kräftig die Rekonstruktionspolitik Präsident Johnsons.

Wenn die Mitglieder der »National Union Convention« sich einbildeten, daß sie mit ihren versöhnlichen Reden und Beschlüssen Öl auf die wildbewegten Wogen gießen würden, so machten sie die Rechnung ohne den Wirt. Eine eigens ernannte Kommission überbrachte Präsident Johnson ein Protokoll der Verhandlungen, aber seine Antwort darauf klang eher trotzig als versöhnlich. »Sogar in einer Abteilung unserer Regierung«, sagte er, »haben wir die kräftigsten Versuche erlebt, die Wiederherstellung von Frieden, Eintracht und Harmonie zu verhindern. Wir haben eine Körperschaft, die sich Kongreß der Vereinigten Staaten nennt oder es zu sein vorgibt, während sie tatsächlich nur der Kongreß eines Teiles der Vereinigten Staaten ist. Wir haben erlebt, daß ein Kongreß, der in der Minorität ist, eine Macht auszuüben beansprucht, welche, wenn sie wirklich ausgeübt würde, zum Despotismus oder zur Monarchie ausarten würde«. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß ein Präsident unter dem Einfluß der Atmosphäre von Washington leicht meint, das amerikanische Volk vergöttere ihn. Sogar John Tyler soll das gedacht haben. In einem ähnlichen Wahne mochte Präsident Johnson befangen sein, als er die von Chicago an ihn gerichtete Einladung zur feierlichen Enthüllung des Douglas-Standbildes daselbst annahm. Er hatte das größte Vertrauen zu seiner persönlichen Macht über die Volksmassen und beschloß, seine Reise zu einer großartigen »Präsidentenfahrt« durch einige Staaten zu gestalten. Er reiste Ende August ab. Mehrere Mitglieder seines Kabinetts, u. a. Seward, begleiteten ihn, und General Grant und Admiral Farragut waren zu seinem persönlichen Dienst kommandiert, damit dem Erscheinen des Staatsoberhauptes noch besonderer Glanz verliehen würde.

Seine Reise nannte er selber die »Schwenkung im Kreise« (swinging around the circ1e), um damit seinen Kampf zunächst gegen die südstaatlichen Feinde der Union, die Sezessionisten und sodann gegen die nordstaatlichen Störenfriede, die radikalen Republikaner, zu kennzeichnen. Die Fahrt war eine Reihe von bedauerlichen Bloßstellungen. In Philadelphia wurde er mit absichtlicher Kälte aufgenommen. In New York hielt er einen offiziellen Empfang; er erzählte bei dieser Gelgenheit zum wer weiß wie vielten Male die Geschichte seines wunderbaren Emporkommens vom Ratsherrn seiner Vaterstadt zum Präsidenten der Vereinigten Staaten und fügte der Erzählung einige wenig bedeutende Bemerkungen über seine Politik hinzu. In Cleveland erschien er vor einer großen Zuhörerschaft – wie durch zahlreiche Zeugen erhärtet wurde – in betrunkenem Zustande. Der Inhalt seiner Rede läßt sich auch auf keine andere Weise erklären. Er ging darin auf das Niveau der gewöhnlichsten Wahlagitationsrede hinab. Er erwiderte die Einwürfe einiger seiner Zuhörer und zankte sich mit ihnen herum. Seine ganze Rede war ein Gemisch von albernen, weinseligen und unbesonnenen Angriffen. Bei seinem Besuch in Chicago fiel nichts besonders Ärgernis erregendes vor, aber die Rede, die er in St. Louis hielt, setzte allem die Krone auf. Er klagte die Republikaner im Kongreß an, daß sie das »Blutbad« von New Orleans angestiftet hätten. Er gab eine unklare Tirade über Judas, Christus und Moses zum Besten. All seine Gegner beschuldigte er, daß ihnen nur daran liege, ihre Ämter und Stellen zu behalten, aber er wolle sie schon hinaustreiben! Sie wollten ihn ja los sein, er wisse es, aber er trotze ihnen! Und so weiter. In Indianapolis pfiff ihn ein wüster Pöbel aus und wollte ihn überhaupt nicht zu Worte kommen lassen.

Er kehrte vollständig geschlagen und entmutigt zurück; hinausgezogen war er, um die Unterstützung des Volkes zu gewinnen und hatte nur den Abscheu desselben geerntet. Es war ein gemeiner Schankstubengeist in seinem Verhalten, über welchen alle sich selbst achtenden Amerikaner nicht nur Trauer, sondern auch Zorn empfanden. Hätte ein Bürgermeister, ein Gouverneur oder ein Kongreßmitglied sich Ähnliches zuschulden kommen lassen, so hätte man Nachsicht üben können. Aber der Präsident der Vereinigten Staaten! Das war zu viel. Der ganze Norden hallte von Entrüstung wider. Johnsons Parteigänger ließen beschämt und entsetzt die Köpfe hängen. Witzbolde und Karikaturenzeichner bemächtigten sich sofort der »Schwenkung im Kreise« als Thema ihrer beißendsten Spottgedichte und witzigsten Spottbilder. So wandelten sie ernsten Zorn in hämisches Lachen. Andrew Johnson wurde die Zielscheibe des Hasses und der Verhöhnung.

Es war Mitte September, und die Kampagne war eigentlich entschieden. Es konnte kein Zweifel mehr sein, daß durch die Wahlen die Johnson feindliche Majorität des Kongresses nicht nur erhalten, sondern noch wesentlich vermehrt werden würde. Meiner Überzeugung nach wäre er auch ohne das schmachvolle Verhalten auf seiner Reise unterlegen; aber diesem verdankte er eine geradezu erdrückende Niederlage. Die Republikaner gewannen 143 Kongreßdistrikte, die Demokraten nur 49. Präsident Johnson war mehr denn je dem Willen des Kongresses preisgegeben.

Während der Wahlkampagne wurde ich bald hierhin, bald dorthin als Redner berufen und hielt in vielen Städten vor großen Versammlungen Wahlreden. Eine, die ich in Philadelphia am 8. September hielt, wurde als Broschüre gedruckt und weit verbreitet.

In dieser Wahlkampagne wurde die Frage des allgemeinen Stimmrechts für die Neger zum ersten Male offen erörtert. Man hat sich seitdem fortwährend bemüht, und zwar leider oft mit Erfolg, der Bevölkerung der Südstaaten einzureden, daß die Einführung des Wahlrechts für die Neger der Vorschlag einiger besonders böswilliger, gehässiger und rachsüchtiger Radikalen gewesen sei und den Zweck gehabt habe, die Südstaaten vollends ins Verderben zu stürzen. Nichts konnte falscher sein. Daß es im Norden Leute gab, die in der leidenschaftlichem noch vom Kriege nachzitternden Erregung wünschten, daß die Rebellen und ihre Helfershelfer und Gesinnungsgenossen für das Unheil, welches sie angerichtet hatten, auch gebührend bestraft würden, mag zugegeben werden, aber niemand erblickte im Negerwahlrecht eine Strafmaßregel. Ich kam damals mit den verschiedensten Menschen in Berührung und kann wohl sagen, daß kein einziger das Negerwahlrecht als Strafmaßregel erwähnte oder auch nur andeutete, geschweige denn es in diesem Sinne befürwortete. Beim Volke war der Gedanke an das Negerwahlrecht nie recht beliebt, und das war für die meisten Politiker schon Grund genug, es nicht öffentlich zu begünstigen. Es gab damals nur zwei Gruppen von Leuten, die überhaupt daran dachten, es allgemein einzuführen, diejenigen, die ich, im besten Sinne, Theoretiker nennen möchte: Männer, die, wie Sumner, darauf bestanden, daß dem Neger, als Mann und Staats-Bürger, ebensowenig das allgemeine Stimmrecht versagt werden dürfe wie dem Weißen und solche, die nach langem, peinlichem Grübeln über die komplizierte Frage der Rekonstruktion endlich bei dem Ergebnis landeten oder vielmehr strandeten, daß die einfachste Art, aus dieser Wirrnis herauszugelangen, und zugleich die unseren demokratischen Regierungsprinzipien am meisten entsprechende die sei, dem Neger Gelegenheit zu geben, durch Ausübung des Wahlrechts selbst seine Rechte als freier Mann zu verteidigen.

Diese Ansicht brach sich im Publikum immer mehr Bahn, und zwar in demselben Verhältnis, wie die Ergebnisse des Johnsonschen Rekonstruktionsplanes immer unbefriedigender ausfielen. Sie wurde bestärkt, als es offenbar wurde, daß die allgemeine Ablehnung, welche die Politik des Präsidenten durch die Kongreßwahlen von 1866 erfahren hatte, durchaus keinen Eindruck auf ihn gemacht hatte, sondern daß er in feiner Botschaft vom 3. Dezember hartnäckig an seinem alten Kurs festhielt. Die Ansicht kam vollends zur Herrschaft, als die südlichen Staaten, die nach dem Plane des Präsidenten rekonstruiert waren, mit Ausnahme von Tennessee sämtlich – einige sogar einstimmig und mit Äußerungen trotziger Verachtung – das vierzehnte Amendement zur Verfassung ablehnten. Da war es ganz natürlich, daß viele vorurteilsfreie Staatsbürger, die nicht von hitziger Parteileidenschaft beeinflußt sondern nur für das Wohl des Vaterlandes besorgt waren, sich zu der Meinung bekehrten, daß es eine falsche und schlechte Politik wäre, wenn man zuließe, daß die Wahlen im Süden fast ausschließlich in den Händen von Leuten lägen, die gestern noch an der Rebellion teilgenommen hatten und, obwohl sie den Treueid von neuem geleistet, heute sich der neuen Ordnung der Dinge widersetzten, und daß es ferner ebenso falsch wäre, eine große Menge Menschen vom Wahlrecht auszuschließen, die, was sich auch sonst von ihnen sagen ließ, wenigstens die Ergebnisse des Krieges loyal vertreten würden. Es war also diese ruhige Schlußfolgerung und nicht etwa ein Rachegelüst, noch der Wunsch, die Weißen des Südens zu strafen und zu demütigen, die Quelle des Beschlusses, das allgemeine Wahlrecht auch auf die Neger im Süden auszudehnen. Diese Erwägungen, und keineswegs böswillige Motive, waren auch der Grund, weshalb viele wohlgesinnte Leute, die in ihrem eigenen Staate gegen das Wahlrecht der Neger waren, es in den südlichen Staaten begünstigten.

Die Tatsache durfte jedoch nicht übersehen werden, daß die große Masse der südstaatlichen Neger entsetzlich unwissend und auch sonst ungeeignet zur Ausübung von politischen Rechten war. Viele, die damals für das Wahlrecht der Neger eintraten, würden lieber gesehen haben, daß es allmählich eingeführt wurde, etwa in der Weise, wie Lincoln es dem Gouverneur Hahn in Louisiana vorgeschlagen hatte, d. h. daß es auf solche Schwarze beschränkt bleiben sollte, die im Unionsheere gekämpft hatten oder sonst durch Intelligenz. und Bildung zu seiner Ausübung befähigt erschienen. Dadurch wären freilich die Stimmen der Neger auf eine so kleine Zahl beschränkt worden, daß sie nicht genügt hätten, die Macht der Reaktion unschädlich zu machen. Zu diesem Ende war das allgemeine Wahlrecht nötig, und deshalb verlangte man es auch, trotz der Unvollkommenheiten, die ihm anhafteten, und trotz der Gefahren, mit denen es drohte. Allerdings wurden letztere zu jener Zeit sehr unterschätzt, wie das in ähnlichen Fällen oft geht. Wie stark das Verlangen nach dem Wahlrecht der Neger im ganzen Volke augenscheinlich gewachsen war, ersah man daraus, daß Präsident Johnson selbst beantragte, ein Zirkular an die provisorischen Gouverneure zu senden mit dem Rat, das allgemeine Wahlrecht auf diejenigen Schwarzen auszudehnen, welche die Verfassung lesen und ihren eigenen Namen schreiben könnten, und auch auf solche, deren Vermögen nicht weniger als zwei Hundert und fünfzig Dollars betrüge. Unglücklicherweise tat er selbst dem sittlichen Werte seines Vorschlags Abbruch, indem er an den Gouverneur von Mississippi schrieb, er hoffe, dies würde günstig aufgenommen, denn dadurch »würden die Bestrebungen der Radikalen, die Südstaaten vom Wiederanknüpfen ihrer Beziehungen zur Union abzuhalten, vollständig vereitelt«. Ihm erschien eine derartige Ausdehnung des Wahlrechts auf die Neger als der einzige schlaue Schachzug im Kampf mit den »Radikalen«, während doch ein Wahlrecht mit derartigen Einschränkungen den Negern keine Handhabe zum Selbstschutz verliehen hätte. Kein einziger südlicher Staat folgte jedoch dieser Anregung des Präsidenten.

Als am 3. Dezember die Session des Kongresses eröffnet wurde, war es so gut wie sicher, daß das allgemeine Wahlrecht für die Neger beschlossen und die Rekonstruktionspolitik Johnsons vollständig unterliegen würde. Die republikanische Mehrheit drückte sofort ein Gesetz durch, welches das Wahlrecht auf die Neger im Distrikte von Columbien, einem Distrikte, der damals eine eigene Gemeindeverwaltung hatte, ausdehnte. Der Präsident legte sein Veto gegen das Gesetz ein, wurde aber sogleich mit zweidrittel Mehrheit des Kongresses überstimmt. Dann folgte eine ganze Reihe gesetzgeberischer Maßregeln des Kongresses, welche darauf ausgingen, an Stelle der Rekonstruktionsarbeit des Präsidenten ein anderes System der Rekonstruktion zu setzen, welches auf dem allgemeinen Wahlrecht des Negers beruhte und dem Präsidenten möglichst alle Macht der Einmischung nehmen sollte. Das erste Gesetz verlangte unter dem Vorwande, daß Leben und Besitz unter den bestehenden provisorischen Regierungen nicht sicher wären, daß die »jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten« in fünf Militärabteilungen zerfallen sollten, von denen jede unter dem Kommando eines höheren Offiziers zustehen hätte, der, wenn es die öffentliche Sicherheit zu erfordern schien, das Recht habe, den Belagerungszustand zu erklären und Verbrecher vom Standgericht verhören und richten zu lassen. Unter diesem militärischen Schutze sollten Konvente gewählt werden, und zwar sollte das Stimmrecht hierfür auf die Neger ausgedehnt werden und die disqualifizierten »rebellischen« Stimmen ausgeschlossen sein. Die also gewählten Konvente sollten neue Staatsverfassungen, welche dauernd ein Wahlrecht derselben Art vorsahen, entwerfen, und diese Verfassungen sollten der Genehmigung der Bevölkerung des betreffenden Staates und des Bundeskongresses unterliegen. Die südlichen Staaten sollten zur Vertretung im Kongreß berechtigt sein, wenn sie das vierzehnte Amendement zur Verfassung ratifiziert hatten, und wenn das Amendement im allgemeinen von genügend Staaten angenommen worden war, um es zu einem gültigen Teil der Verfassung zu machen. Ein Nachtrag zu den Rekonstruktionsbestimmungen verlieh den Kommandeuren eine sehr weitgehende Kontrolle über die vorzunehmenden Wahlen, die Wählerlisten, die Art des Wahlvorganges, die Ernennung von Wahlbeamten, die Wahlprüfung und den amtlichen Bericht über die Wahlresultate an den Präsidenten und den Kongreß. Um Johnson alle Gewalt der Einsprache und Einmischung zu rauben und ihm nur das Recht der Ernennung der Generale zu lassen, wurde dem Armeegesetz eine Bestimmung hinzugefügt, welche im wesentlichen verfügte, daß alle aus das Heer bezüglichen Befehle und Bestimmungen nur noch durch den Oberbefehlshaber der Armee, General Grant, der sein Hauptquartier in Washington haben sollte, erlassen und daß alle sonstigen Befehle und Anordnungen für null und nichtig erklärt werden sollten. Als dann einige der Generale, welche diese Militärabteilungen kommandierten, über die Auslegung verschiedener Bestimmungen des Rekonstruktionsgesetzes in Zweifel waren und der Präsident Verfügungen darüber erließ, welche dem Kongreß mißfielen, wurde ein zweites, das vorhergegangene gleichsam erläuterndes Gesetz angenommen, welches die Gewalt der Kommandeure noch mehr ausdehnte und sie eigentlich zu unumschränkten Herrschern über Personen und Dinge in den Südstaaten machte. Dem Präsidenten hingegen wurden durch ein drittes Gesetz die Hände noch mehr gebunden; es wurde ihm die Befugnis, Beamte zu entlassen, stark beschnitten und ihm damit auch die Möglichkeit genommen, seine Gegner zu strafen und seine Anhänger zu belohnen und auf diese Weise, wie wir heutzutage sagen würden, einen ganzen Apparat von Beamten zu seinem eigenen Nutz und Frommen zu schaffen.

Präsident Johnson legte sofort gegen alle ihm mißliebigen Gesetze sein Veto ein oder erließ donnernde Proteste gegen die unverantwortlichen Übergriffe in seine verfassungsmäßigen Vorrechte. Einige seiner Botschaften, die von Seward oder von Jeremiah Black, einem Manne von außergewöhnlicher Begabung, geschrieben sein sollten, waren in Inhalt und Form gleich kräftig und beredt. Aber sie wurden nicht einmal angehört, geschweige denn beraten. Johnson hatte sich selbst derartig in Mißkredit gebracht, daß eine Sache schon dadurch, daß er sie vertrat, unmöglich wurde. Gewiß waren einige der Maßnahmen, die seine Macht einschränken sollten, dem Geiste der Verfassung ebenso entgegen wie ihrer Form, aber der Konflikt zwischen dem Kongreß und der Exekutive hatte die ganze Atmosphäre derartig mit politischer Leidenschaft geschwängert, daß jede Waffe gutgeheißen wurde, wenn sie nur den Gegner zu treffen vermochte. Nicht nur in Washington, sondern im ganzen Lande schwirrten Gerüchte umher über die Widerrechtlichkeiten, die Andrew Johnson im Schilde führte und zweifellos ausführen würde, wenn man ihn nicht entwaffnete. Sicher plante er einen Staatsstreich. Er hatte schon listig dafür gesorgt, General Grant aus dem Wege zu räumen und hatte ihn auf eine angebliche diplomatische Mission nach Mexiko gesandt. So schwierig es auch war, sich vorzustellen, welcher Art der Staatsstreich sein könnte, den Johnson im Schilde führen sollte, wurde er doch ganz offen verschiedener teuflischer Anschläge angeklagt, und selbst der albernste Klatsch fand damals beim Volke Glauben. Jedenfalls meinte man, Andrew Johnson fast alles zutrauen zu dürfen. Als daher aus Washington die Nachricht kam, daß Johnson in aller Form unter Anklage gestellt und eventuell seines Amtes enthoben werden sollte, waren nicht nur rücksichtslose Parteigänger einverstanden, sondern das ganze Volk war angenehm berührt. Dessen werden sich alle erinnern, welche jene Zeit miterlebt haben. Sogar unter wohlgesinnten, verständigen Männern war die Empfindung verbreitet, daß das Vaterland durch ihn geradezu gefährdet sei, und daß es gut sein würde, sich jenes gefährlichen Mannes auf dem Präsidentenstuhle zu entledigen.

Ohne diese Empfindung unbestimmter, an Furcht grenzender Besorgnis glaube ich kaum, daß der Kongreß die Tragikomödie der öffentlichen Anklage gewagt haben würde.

Daraus erklärt sich auch die Tatsache, daß so viele Rechtsgelehrte, sowohl im Kongreß wie im Lande, obwohl sie vom juristischen Standpunkte aus die Haltlosigkeit der Anklage und des Verfahrens gegen Andrew Johnson einsehen mußten, sich doch bemühten, einen Punkt zu finden, wegen dessen er verurteilt werden konnte. Sie taten es nicht aus juristischen, sondern aus politischen Gründen, und nicht etwa aus politischen Parteigründen, sondern aus dem höheren politischen Grunde, daß, nach ihrer Überzeugung, die Entfernung Andrew Johnsons aus seiner Machtstellung außerordentlich wünschenswert für das ganze Land sei. Ich gebe zu, daß auch ich zu dieser Auffassung neigte; nicht, als ob ich an die verhängnisvollen revolutionären Pläne Johnsons geglaubt hätte, sondern weil ich fand, daß, solange er das Amt des Präsidenten bekleidete, in den Weißen des Südens Hoffnungen und Bestrebungen ermutigt wurden, welche, je länger sie bestanden, desto schädlicher für die Interessen beider Rassen sein würden. Allerdings kann man nicht sagen, daß Präsident Johnson die Ausführung der vom Kongreß beschlossenen Rekonstruktionsgesetze dadurch versäumte, daß er sich der ihm auferlegten Pflichten entzogen und z. B. die Ernennung der Militärkommandeure verweigert hätte. Aber die bloße Tatsache, daß man ihm eine Begünstigung des reaktionären Elements im Süden zuschrieb, und glaubte, daß er alles daran setzen würde, um diesem Elemente die Wege zu ebnen, war schon an sich ein Einfluß, der genügte, um immer wieder verderbliche Hoffnungen zu erneuern und die daraus entspringenden Leidenschaften neu zu entfachen und zu schüren.

Die Lage der Dinge im Süden war sehr bedauerlich geworden. Wenn die Rekonstruktionsmaßnahmen des Kongresses, so streng und hart sie auch waren, gleich nach dem Kriege den Südstaatlern auferlegt worden wären, als sie von ihrer Niederlage ganz überwältigt und betäubt waren, und als noch die Möglichkeit einer blutigen Rache an den Führern der Sezession denkbar war, – wie z. B. 1849 in Ungarn nach der Niederwerfung des großen Aufstandes – dann wären jene Maßregeln als das erträglichere Übel gern hingenommen worden. Wären sie dann noch zusammen mit einer umfassenden Amnestie erlassen und mit der sicheren Aussicht, daß, je eher die weiße Bevölkerung sich in gutem Glauben mit der neuen Ordnung der Dinge abfände, desto eher sie auch ihre staatliche Selbstverwaltung und ihre Vertretung im Kongreß wiedergewinnen würde, so ist es nicht nur möglich, sondern auch wahrscheinlich, daß der Übergang vom Sklavendienst zur freien Arbeit sich unter dem Druck der Notwendigkeit schneller vollzogen hätte, besonders da in jener Zeit – ein sehr wichtiges Moment! – die Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen noch verhältnismäßig freundliche und wohlwollende waren. Sogar sein eingeschränktes Negerwahlrecht wäre damals vielleicht, wie General Lee vor der Kommission zur Rekonstruktion bestätigte, als Versöhnungsgabe angenommen worden. Aber der günstige Augenblick war versäumt worden. Und was zu rechter Zeit eine Maßregel zu friedlicher Beilegung des Streites gewesen wäre, wurde nun zu einer Quelle schlimmsten Unheils.

Ich muß gestehen, daß ich damals die Sache hoffnungsvoller ansah, denn ich konnte nicht voraussehen, welch heillose Rolle der Parteigeist in der damaligen heiklen Lage spielen würde. Ich vertraute darauf, daß die leitenden Männer der republikanischen Partei scharfsichtig genug sein würden, um rechtzeitig die Gefahr zu erkennen, welche Übertreibungen ihre Rekonstruktionspolitik im Süden hervorbringen könnten, und daß sie Einfluß genug besitzen würden, jene Gefahr zu besiegen. Nichts lag mir ferner als der Gedanke, daß es mir binnen kurzem beschieden sein würde, an jenem Kampf einen tätigen Anteil zu nehmen auf der damals bemerkenswertesten politischen Bühne des ganzen Landes.

Seit ich Washington verlassen, hatte ich als Chefredakteur der« »Detroit Post« meine Tage in ruhiger, emsiger Arbeit verbracht; da erhielt ich im Frühjahr 1867 ganz unerwartet von den Besitzern der »Westlichen Post«, einer in St. Louis erscheinenden deutschen Tageszeitung die Aufforderung, mich an ihrem sehr gut gehenden Unternehmen unter sehr günstigen Bedingungen zu beteiligen. Da ich auch nach weiteren Erkundigungen das Anerbieten für vorteilhaft hielt, nahm ich es an. Meine Beziehungen zur »Detroit Post« waren, wegen des trefflichen Charakters derjenigen, mit denen ich dabei in Berührung kam, stets die denkbar besten. Sie wurden nunmehr freundschaftlich gelöst, und ich ging nach St. Louis, um meine neuen Pflichten zu übernehmen.

Ein besonderer Reiz dieses neuen Unternehmens war mir der Verkehr mit Dr. Emil Preetorius, einem der Besitzer der »Westlichen Post«. Er war aus der bayerischen Pfalz gebürtig, derselben Provinz, in der 1849 der große Volksaufstand zugunsten der deutschen Nationalverfassung stattgefunden hatte. Seine Vaterstadt war Alzei, nach einer alten Sage die Heimat des großen Fiedlers und Helden des Nibelungenliedes Volker von Alzeien, dem tapferen Waffengenossen des grimmen Hagen. Die Stadt Alzei trägt deshalb noch immer eine Geige im Wappen. Preetorius war ein paar Jahre älter als ich. Er hatte schon den Doctor juris gemacht, als die Revolution von 1848 ausbrach. Mit dem ganzen Eifer seiner leidenschaftlichen Seele stürzte er sich in die Bewegung für freiheitliche Regierung und mußte infolgedessen aus dem Vaterlande flüchten. Aber all seine Ideale von 1848 brachte er in seine neue Heimat, Amerika, mit. Selbstverständlich ergriff er gleich die Sache der Antisklaverei mit lebhaftester Hingebung und wurde einer der Führer der deutschen Bürger von St. Louis, welche im Frühjahr 1861 durch ihren mutigen Patriotismus ihre Stadt und ihren Staat der Union retteten. Er blieb dann im öffentlichen Leben als Journalist und bedeutender Redner. Er war ein Mann von absoluter Rechtschaffenheit und Ehrenhaftigkeit und von größter Herzensgüte. Seine Hochherzigkeit schien kein selbstsüchtiges Streben nach eigenem Vorteil zu kennen. Es war etwas Anfeuerndes in seiner steten Begeisterung für alles Gute, Große und Schöne und in seinem Haß gegen alles Niedere und Kleinliche. Sein glühender Patriotismus war der eines Mannes mit hohen Idealen, und jeder Dienst, den er seinem Lande erweisen konnte, erfüllte ihn mit einer beinah kindlichen Freude. Wir wurden bald die besten Freunde, vertraut in des Wortes schönster Bedeutung. Wir waren allerdings nicht immer gleicher Meinung, denn er war viel mehr Parteimann als ich. Keine Meinungsverschiedenheit konnte aber je einen Schatten auf unser gegenseitiges Vertrauen und unsere aufrichtige Freundschaft werfen.

Wie bereits erwähnt, erschien die »Westliche Post« in deutscher Sprache. An dieser Stelle mag mir ein Wort gestattet sein über ein in Amerika sehr verbreitetes Vorurteil, nämlich, daß mit Zeitungen und politischen Reden in irgendeiner anderen Sprache als der englischen an die Öffentlichkeit zu treten, unerwünscht, wenn nicht gar gefährlich sei. Es heißt, daß es den Einwanderern das Erlernen der Landessprache erschwert, bei ihnen die Pflege unamerikanischer Grundsätze Vorstellungen und Gewohnheiten fördert und so der Entwicklung eines gesunden amerikanischen Patriotismus bei denen im Wege steht, die aus fremden Ländern kommen, um ihr Heim unter uns zu gründen und Teil an unseren Arbeiten und unseren freien Institutionen zu nehmen. Ich glaube, ich kann ohne große Anmaßung sagen, daß ich, wie kaum ein anderer, Gelegenheit gehabt habe, sowohl im persönlichen Umgange als in sonstiger Beobachtung Erfahrungen über den Charakter, die Bestrebungen und den amerikanischen Patriotismus der deutschen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten zu sammeln. Auf Grund dieser Erfahrungen kann ich behaupten, daß jenes Vorurteil gegen die deutsch-amerikanische Presse grundlos ist. Im Gegenteil, jene Presse leistet dem Lande einen notwendigen und sehr wichtigen Dienst. Zunächst befriedigt sie ein tatsächliches und sehr dringendes Bedürfnis. Dies Bedürfnis aber wird bestehen, so lange die aus Deutschland eingewanderten Bürger in unserer Republik so zahlreich sind. Es wird unter ihnen stets viele geben, besonders bejahrte Leute, die ohne die geringste Kenntnis des Englischen den amerikanischen Boden betreten haben und die wohl das für den täglichen Gebrauch Nötige lernen können, aber nicht genügend, um das Verständnis von Zeitungsartikeln über politische und dergleichen Fragen zu ermöglichen. Solche Leute können naturgemäß alle ihnen notwendigen Nachrichten über Tagesereignisse, Tagesfragen und Tagespflichten nur aus Zeitungen schöpfen, welche in der ihnen verständlichen Sprache geschrieben sind, andernfalls werden sie darüber gar nichts erfahren. Die Unterdrückung der deutschamerikanischen Presse würde also der Förderung politischer Unwissenheit einer großen und sehr zu schätzenden Klasse von Staatsbürgern gleichkommen.

Es heißt wohl, daß das Bestehen der deutschen Zeitungen dem deutschen Einwanderer die Erlernung der englischen Sprache nicht dringend nötig erscheinen läßt. Dies ist jedoch nur in ganz beschränktem Maße der Fall. Die Mehrzahl der deutschen Einwanderer reiferen Alters sind Landarbeiter oder Fabrikarbeiter und erwerben ihre englischen Kenntnisse in unserem Lande nicht durch regelrechten Sprachunterricht oder durch Lektüre von Büchern und Zeitungen, sondern durch den Umgang mit ihren des Deutschen unkundigen amerikanischen Nachbarn. Darum werden ihre Kenntnisse stets mangelhaft bleiben. Ihre Bekanntschaft mit der englischen Sprache wird gleichsam der oberflächliche Verkehr des Plauderns, nicht die tiefgehende, vertraute Freundschaft des Lesens sein. Nicht das Vorhandensein deutscher Zeitungen wird die Einwanderer daran hindern, englische zu lesen, sondern ihre Unkenntnis der Landessprache. Gebildete deutsche Einwanderer werden wohl englische Zeitungen lesen, aber viele werden daneben auch gern zur deutschen greifen, weil sie darin Dinge finden, welche einen Deutschen interessieren und die englische Blätter nicht bringen. Junge Leute lernen in der Regel sehr schnell Englisch und halten sich meist als Tageslektüre an die englischen Zeitungen. Im ganzen kann man sagen, daß die deutschen Zeitungen je nach ihrem Leserkreis und ihren Geldmitteln den englischen Zeitungen desselben Ranges gleichstehen. Ihre Tendenz ist durchaus anständig und gesund. Die sensationelle »gelbe« Presse ist in ihren Reihen unbekannt.

Der Vorwurf, daß das Bestehen der deutsch-amerikanischen Presse den Gebrauch der deutschen Sprache in unserem Lande fördert und somit die Entwicklung eines gesunden amerikanischen Patriotismus bei der betreffenden Bevölkerung hindert, kann füglich nur von denen vorgebracht werden, welche die Deutsch-Amerikaner nicht kennen. Ich kann aus meiner großen Erfahrung sagen, daß bei ihnen die Liebe zur neuen Heimat und die Hingebung an die Republik nicht im geringsten durch ihre Kenntnis der englischen Sprache bedingt wird. Kurz nach meinem ersten Eintreffen auf amerikanischem Boden brachte ich einige Zeit im Innern von Pennsylvania zu und lernte dort Farmer und Bewohner kleiner Städte kennen, die alle zu den sogenannten »Pennsylvania Dutch« gehörten, und die, obgleich ihre Vorfahren schon vor Menschenaltern eingewandert waren, doch kein Englisch sprachen, sondern nur einen »Pennsy1vania Dutch« genannten Dialekt. Zum Teil deutsch und zum Teil in jenem Dialekt waren die einzigen Zeitungen, welche sie lasen. Sie machten auf mich den Eindruck von redlichen, gesitteten, sparsamen, heiteren und besonders gutmütigen Leuten. Im Verständnis der Politik und der öffentlichen Angelegenheiten schienen sie vielleicht ein wenig schwerfälliger als ihre Englisch sprechenden Nachbarn, – und das mag an ihrer Unkenntnis der Landessprache gelegen haben, – aber sie waren klug und umsichtig in der Ausübung der kommunalen Selbstverwaltung und ganz erfüllt von dem eifrigen Patriotismus, dem das Vaterland, für das man bereit ist, zu kämpfen und zu sterben, über alles geht. Was ihren Patriotismus betrifft, nehmen sie es, so weit meine Erfahrung reicht, trotz ihrer Unkenntnis des Englischen mit allen den Amerikanern auf, die nur Englisch können, und deren Patriotismus also nicht durch die Beherrschung einer anderen Sprache »befleckt« ist.

Dasselbe kann man von den Bewohnern der neueren deutschen Ansiedlungen sagen, die mit der aufrichtigen und ehrlichen Absicht herübergekommen sind, in diesem Lande dauernd ihre Heimat zu finden. Bei ihnen bleibt das Deutsche lange die Sprache des geselligen Verkehrs und der geschäftlichen Verbindungen. Nur langsam eignen sie sich eine Fertigkeit im Englischen an, aber wenn sie auch nur zu dem Zweck herüber gekommen sind, um ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern, erkennen sie doch bald die Wohltaten, welche die amerikanischen Verhältnisse ihnen gewähren; sie lernen das Land lieb gewinnen, und aus diesem Gefühl entspringt bald eine starke Anhänglichkeit. Ein kräftiger Beweis dieser Anhänglichkeit und Hingabe an das neue Vaterland war der tatkräftige Eifer, mit welchem bei Beginn des Bürgerkrieges aus allen Teilen des Nordens Tausende und Abertausende von jungen Deutschen sich um die Unionsfahne scharten, ein weiterer Beweis war der glühende Patriotismus der Deutschen im Süden, besonders in Texas, wo sie oft auf Kosten ihres Vermögens und sogar ihres Lebens zu der Union hielten trotz des Terrorismus, der in jener Zeit und in jener Gegend von den fanatischen Sezessionisten ausgeübt wurde. Ich habe im Unionsheere Regimenter kennen gelernt, in deren Reihen kaum ein Wort Englisch gesprochen wurde.

Ich habe bereits erwähnt, daß es viele Staatsbürger ausländischer Geburt unter uns gibt, deren Patriotismus in einer Hinsicht feinfühliger ist, als derjenige der Einheimischen. Da unsere Republik das Land ihrer Wahl ist, möchten sie auf diese Wahl stolz sein und bleiben können, und sie wünschen, daß ihr Stolz als berechtigt anerkannt werde. Einem, der solche Gefühle hegt, ist ein berechtigter Tadel gegen die Republik ebenso empfindlich, wie einem Bräutigam der leiseste Schatten auf dem Rufe seiner Braut. Mehr als einmal habe ich, wenn etwas für das amerikanische Volk nicht gerade Ehrenvolles sich ereignet hatte, einen meiner Landsleute im höchsten Schmerz ausrufen hören: »Ach, was wird man davon in der alten Heimat sagen! Hoffentlich erfährt man das in Europa nicht«. Und solche wahrhaft patriotischen Stoßseufzer hörte man mehr auf deutsch als auf englisch äußern.

Daß die deutsche Presse in unserem Lande zur Erhaltung des Deutschen als einer Sprache des geselligen Umgangs und des geschäftlichen Verkehrs beiträgt, läßt sich innerhalb gewisser Grenzen nicht leugnen. Aber was schadet das? Während es für die älteren Einwanderer von größtem Nutzen ist, hindert es ihre Kinder nicht daran, Englisch zu lernen, selbst nicht in ganz überwiegend deutschen Ansiedlungen. Denn solche Ansiedlungen sind jetzt nicht mehr so abgeschieden wie die früheren deutschen Ansiedlungen in Pennsylvania. Die jüngere Generation hat aber dadurch den unschätzbaren Vorteil, zwei Sprachen auf einmal zu beherrschen. Es gibt wohl eine Art amerikanischen Patriotismus, der es übel nimmt, wenn sein Amerikaner irgendeine andere Sprache neben der englischen beherrscht, – ich habe solchen Patriotismus hier und da angetroffen, ohne ihn je zu verstehen; er ist jedenfalls zu kleinlich, um nicht zu sagen zu albern, um der ernstlichen Betrachtung würdig zu sein. Kein gebildeten kein vernünftiger Mensch wird bestreiten wollen, daß das Beherrschen mehrerer Sprachen unseren geistigen Horizont weitet, die Aneignung nützlicher Kenntnisse erleichtert und somit die Bildung vermehrt und bereichert.

Außerdem hat die Erhaltung der deutschen Sprache in Amerika diesem Lande einen unschätzbaren Dienst geleistet und leistet ihn noch. Vom Engländer heißt’s, er nehme sein Vergnügen sehr ernst. Auch der einheimische Amerikaner neigt dazu. Ihm ist es nicht gegeben, Freude an harmlosen kleinen Dingen zu finden und so sein tägliches Leben sonnig und heiter zu gestalten. Der Deutsche besitzt diese Gabe in hohem Maße. Sie äußert sich besonders in seiner Liebe zur Musik und in seiner Pflege des Gesanges. Man kann beinah sagen, einer der liebenswürdigsten und glücklichsten Züge des deutschen Wesens ist das Volkslied. Das Lied ist einer der größten Reize des deutschen geselligen Lebens. Der Einzug des deutschen Liedes auf amerikanischem Boden und die dadurch geschaffene Anregung zur Liebe und Pflege der Musik hat viel dazu beigetragen, die starre Steifheit des amerikanischen gesellschaftlichen Lebens zu mildern, hat in weiten Kreisen des Volkes den Geschmack an einem harmlosen, verfeinernden Vergnügen geweckt und ist so zu einer der größten Wohltaten geworden, welche Amerika der deutschen Einwanderung verdankt. Dieser wohltätige Einfluß wäre sicher sehr geschwächt worden, wenn die deutschen Einwanderer beim Betreten des amerikanischen Bodens die deutsche Sprache gleich ganz unterdrückt hätten. Ohne die Erhaltung ihrer Sprache hätten die deutschen Gesangvereine German Glee Club und German Musical society kaum im amerikanischen Boden so fest Wurzel gefaßt.

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