Pony-Express

Gleich nach­her rich­te­te sich all un­ser Sin­nen und Trach­ten dar­auf, mit lang­ge­streck­tem Hal­se nach dem ›Po­ny­rei­ter‹  aus­zu­schau­en, dem Eil­bo­ten, der mit der Brief­post in acht Ta­gen neun­zehn­hun­dert Mei­len weit über den Kon­ti­nent von St. Jo­seph bis nach Sa­kra­men­to da­hin­jag­te! Man stel­le sich die­se Leis­tung vor für Pferd und Rei­ter von Fleisch und Blut! Der Po­ny­rei­ter war meist ein leib­ar­mes Männ­chen, da­bei aber voll höchs­ter Kühn­heit und Aus­dau­er. Ei­ner­lei, zu wel­cher Ta­ges- oder Nacht­zeit sein Dienst an ihn her­an­trat, und ei­ner­lei, ob es Win­ter war oder Som­mer, ob es reg­ne­te, schnei­te oder ha­gel­te, ob sein ›Strich‹ ihn auf ebe­ner ge­ra­der Stra­ße führ­te, oder über hals­bre­chen­de Fels­klip­pen und Ab­grün­de im Ge­bir­ge, ob durch fried­li­che Ge­gen­den oder durch sol­che, die von feind­li­chen In­dia­nern wim­mel­ten – stets muß­te er be­reit sein, in den Sat­tel zu sprin­gen und da­von zu ja­gen wie der Wind! Mu­ße gab es für den Po­ny­rei­ter im Di­ens­te nie­mals. Fünf­zig Mei­len weit ritt er oh­ne an­zu­hal­ten, bei Ta­ges­hel­le wie bei Mon­den­licht, bei Ster­nen­schein oder im Dun­kel der fins­tern Nacht, wie es ge­ra­de kam. Das präch­ti­ge Tier, das er ritt, war ein ge­bo­re­ner Ren­ner und wur­de in Ver­pfle­gung und Nah­rung ge­hal­ten wie ein Gent­le­man; zehn Mei­len weit hielt er es zur höchs­ten Schnel­lig­keit an, und wenn er dann bei der Sta­ti­on an­ges­aust kam, wo be­reits zwei Mann ein fri­sches feu­ri­ges Tier am Zü­gel hiel­ten, so war der Rei­ter samt dem Post­sack in ei­nem Au­gen­blick um­ge­stie­gen, um so­fort wei­ter zu ja­gen, so daß Roß und Rei­ter dem Zu­schau­er aus dem Ge­sich­te wa­ren, ehe er sie recht ge­se­hen. Wie ein Flug­feu­er husch­ten sie da­von. Der Rei­ter war leicht und knapp ge­klei­det; er trug ei­ne Ja­cke oh­ne Schö­ße und ei­ne klei­ne Müt­ze, die Bein­klei­der hat­te er in die Stie­fel ge­steckt wie die Rei­ter bei den Ren­nen. Er führ­te kei­ne Waf­fen bei sich – über­haupt nichts, was nicht durch­aus not­wen­dig war, denn selbst von den Brie­fen, die er bei sich hat­te, war »Stück für Stück fünf Dol­lars wert.« Er hat­te nur we­nig gleich­gül­ti­ge Brief­schaf­ten zu be­för­dern, sei­ne Ta­sche barg meis­ten­teils Ge­schäfts­brie­fe. Sein Tier war eben­falls je­des über­flüs­si­gen Ge­wichts ent­le­digt. Es trug ei­nen Renn­sat­tel, klein wie ei­ne Ob­la­te, un­ter dem kei­ne De­cke sicht­bar war, und ganz leich­te oder auch gar kei­ne Huf­ei­sen. Die klei­nen, fla­chen, un­ter den Schen­keln des Rei­ters fest­ge­schnall­ten Brief­ta­schen faß­ten an Brief­schaf­ten et­wa so­viel, als ei­ne Kin­der­fi­bel Raum ein­nimmt. Sie ent­hiel­ten vie­le vie­le wich­ti­ge ge­schäft­li­che Mit­tei­lun­gen und Zei­tungs­kor­re­spon­den­zen, aber sämt­lich auf Pa­pier so luf­tig und dünn wie Gold­schaum, um da­mit an Raum und Ge­wicht zu spa­ren. Wäh­rend die Post­kut­sche in­ner­halb vier­und­zwan­zig Stun­den hun­dert bis hun­dert­fünf­und­zwan­zig Mei­len zu­rück­leg­te, mach­te der Po­ny­rei­ter et­wa zwei­hun­dert­fünf­zig in der­sel­ben Zeit.

Un­ge­fähr acht­zig Po­ny­rei­ter sa­ßen be­stän­dig im Sat­tel, Nacht und Tag, und bil­de­ten ei­ne lan­ge, durch wei­te Stre­cken un­ter­bro­che­ne Li­nie vom Mis­sou­ri bis nach Ka­li­for­ni­en; vier­zig der­sel­ben flo­gen gen Os­ten und eben­so vie­le gen Wes­ten, und vier­hun­dert feu­ri­ge Pfer­de ver­di­en­ten sich un­ter die­sen Rei­tern mit An­span­nung al­ler Kräf­te ihr Fut­ter und be­ka­men da­bei je­den Tag im Jahr ihr schö­nes Stück Ge­gend zu se­hen.

Wir hat­ten von An­fang an den un­ge­dul­di­gen Wunsch ge­hegt, ei­nen Po­ny­rei­ter zu se­hen, aber aus ir­gend wel­chem Grun­de traf es sich stets, daß die­sel­ben, moch­ten sie von hin­ten an uns vor­bei oder uns ent­ge­gen kom­men, wäh­rend der Nacht vor­über­schos­sen, so daß wir im­mer nur ei­nen Husch und ein Hal­lo ver­nah­men und das flüch­ti­ge Wüs­ten­phan­tom be­reits ent­schwun­den war, ehe wir den Kopf aus dem Fens­ter ste­cken konn­ten. Aber nun war je­den Au­gen­blick ei­ner zu er­war­ten, den wir bei hel­lem Tag zu se­hen be­kom­men soll­ten. Eben ruft auch schon der Pos­til­lon: »Da kommt er!« Al­le Häl­se re­cken sich län­ger und al­le Au­gen öff­nen sich wei­ter. Weit weg jen­seits der end­lo­sen, to­ten Flä­che der Pr­ai­rie er­scheint ein schwar­zer Punkt am Him­mels­ran­de, der sich sicht­lich fort­be­wegt. Nun, und wie! Bin­nen ei­ner oder zwei Se­kun­den wird Roß und Rei­ter dar­aus, auf und ab geht es, auf und ab – im­mer nä­her stürmt es auf uns zu – im­mer deut­li­cher wird es, im­mer schär­fer um­ris­sen – noch im­mer nä­her kommt es, und das Klap­pern der Hu­fe schlägt schwach an un­ser Ohr – noch ein Au­gen­blick, und vom Dach un­se­res Wa­gens her­ab er­schallt ein Hus­sa und Hur­ra, das der Rei­ter nur durch ein Win­ken mit der Hand er­wi­dert, da­bei sau­sen Roß und Rei­ter an un­sern auf­ge­reg­ten Bli­cken vor­über und flie­gen wir­belnd da­hin, wie ein ver­spä­te­tes Herbst­blatt im Sturm. So schnell geht al­les, so ganz wie ei­ne Geis­ter­er­schei­nung, daß wir oh­ne die Flo­cke wei­ßen Schaums, die zit­ternd und zer­flie­ßend noch an ei­nem der Post­beu­tel hing, nach­dem die Er­schei­nung vor­über­ge­huscht war, viel­leicht al­len Erns­tes im Zwei­fel ge­we­sen wä­ren, ob wir über­haupt wirk­lich ein Pferd mit ei­nem Rei­ter dar­auf ge­se­hen.

*

 Nun ras­sel­ten wir all­mäh­lich durch den Paß von Skotts Bluffs. Hier in der Ge­gend tra­fen wir ir­gend­wo zum ers­ten­mal auf ech­tes un­ver­kenn­ba­res Al­ka­li­was­ser auf der Stra­ße, das wir als ei­ne Ku­rio­si­tät ers­ten Ran­ges, die sich in den Brie­fen an die ar­men Ofen­ho­cker zu Hau­se mit Eklat an­brin­gen ließ, ju­belnd be­grüß­ten. Die­ses Was­ser ließ die Stra­ße wie sei­fig er­schei­nen, und an vie­len Stel­len sah der Bo­den aus, als wä­re er weiß ge­tüncht. Ich glau­be, das merk­wür­di­ge Al­ka­li­was­ser reg­te uns min­des­tens eben­so sehr auf, als ir­gend ei­nes der Wun­der, auf die wir zu­vor ge­sto­ßen wa­ren, und nach­dem wir es in das In­ven­ta­ri­um der Din­ge auf­ge­nom­men, die wir ge­se­hen hat­ten und an­de­re Leu­te nicht, wa­ren wir dar­über voll selbst­ge­fäl­li­ger Ein­bil­dung und sa­hen un­ser gan­zes Le­bens­schick­sal mit zu­frie­de­ne­ren Au­gen an als zu­vor. Wir wa­ren im klei­nen ganz die­sel­ben ein­fäl­ti­gen Nar­ren, wie die Leu­te, die un­nö­ti­ger­wei­se die ge­fähr­li­chen Kup­pen des Mont­blanc und Mat­ter­horn er­klet­tern oh­ne ei­nen an­dern Ge­nuß da­von zu ha­ben als das Be­wußt­sein, daß es kei­ne ge­wöhn­li­che Leis­tung ist. Aber manch­mal glei­tet auch ei­ner von die­sen Berg­fe­xen aus und saust auf dem Sitz­fleisch die gan­ze Län­ge der Berg­ab­hän­ge her­un­ter, daß der ge­fro­re­ne Schnee hin­ter ihm raucht, fliegt von Ab­satz zu Ab­satz, von Ter­ras­se zu Ter­ras­se, so daß er je­des­mal den Bo­den auf­wühlt an den Stel­len, wo er auf­schlägt; dann glitscht er aber­mals aus und fliegt wei­ter, wo­bei er sich al­le Au­gen­bli­cke ei­nen Eis­zap­fen in den Leib rennt und sei­ne Klei­der in Fet­zen reißt; in­dem er nach ir­gend ei­nem Ge­gen­stand hascht, um sich zu ret­ten, hält er sich an Bäu­men fest, die er dann samt den Wur­zeln und al­lem sons­ti­gen Zu­be­hör mit sich fort­reißt, bringt zu­erst da und dort ein klei­nes Fels­stück, dann im­mer stär­ke­re Bro­cken, end­lich gan­ze Eis- und Schnee­fel­der und gan­ze Strei­fen Wald ins Rol­len und sam­melt auf sei­ner Fahrt im­mer mehr um sich an, bis er schließ­lich in­mit­ten ei­ner rie­sen­haf­ten Mas­se an ei­nem drei­tau­send Fuß tie­fen Ab­grun­de an­langt, um un­ter stol­zem Hut­schwen­ken auf dem Rü­cken ei­ner mäch­tig nie­der­don­nern­den La­wi­ne der Ewig­keit zu­zu­rei­ten!

Das ist al­les recht schön, aber wir wol­len uns nicht von der Auf­re­gung hin­rei­ßen las­sen, son­dern uns in al­ler Ru­he die Fra­ge vor­le­gen, wie es wohl so je­mand am Ta­ge nach­her bei küh­le­rem Blu­te zu Mut ist, wenn er sechs oder sie­ben­tau­send Fuß tief un­ter Schnee und Ge­röll be­gra­ben liegt?

Wir fuh­ren jetzt über die Sand­hü­gel hin, in de­ren Nä­he im Jah­re 1856 der Über­fall der Post und das Blut­bad durch die In­dia­ner statt­fand, wo­bei der Pos­til­lon und der Kon­duk­teur so­wie sämt­li­che Fahr­gäs­te bis auf ei­nen ein­zi­gen um­ge­kom­men sein sol­len; letz­te­res muß üb­ri­gens auf Irr­tum be­ru­hen, denn ich ha­be in der Fol­ge zu ver­schie­de­nen Zei­ten an der Küs­te des stil­len Oze­ans mit viel­leicht hun­dert­drei- oder vier­und­drei­ßig ver­schie­de­nen Leu­ten Be­kannt­schaft ge­macht, die al­le bei dem Blut­bad ver­wun­det wor­den und kaum mit dem Le­ben da­von ge­kom­men wa­ren. Ein Zwei­fel an der Wahr­heit war in kei­nem die­ser Fäl­le mög­lich, – ich hat­te es je­des­mal aus des Be­tref­fen­den ei­ge­nen Mun­de. Ei­ner der Her­ren er­zähl­te mir, er sei na­he­zu sie­ben Jah­re lang nach dem Blut­bad im­mer noch auf Pfeil­spit­zen in sei­nem Kör­per ge­sto­ßen, und ein an­de­rer be­rich­te­te, er sei der­ma­ßen mit Pfei­len ge­spickt ge­we­sen, daß er nach dem Ab­zug der In­dia­ner, als er wie­der auf die Bei­ne ge­kom­men und sich ha­be be­trach­ten kön­nen, die Thrä­nen nicht zu­rück­zu­hal­ten ver­mocht ha­be, – sein An­zug sei näm­lich gänz­lich zu Grun­de ge­rich­tet ge­we­sen.

Die glaub­wür­digs­te Über­lie­fe­rung ver­si­chert, es ha­be nur ein Mann Na­mens Bab­bitt das Blut­bad über­lebt, und zwar mit ei­ner le­bens­ge­fähr­li­chen Ver­wun­dung. Auf den Hän­den und dem ei­nen Knie (sein ei­nes Bein war ge­bro­chen) schlepp­te er sich meh­re­re Mei­len weit bis an ei­ne Sta­ti­on. Er voll­brach­te dies stück­wei­se in zwei auf­ein­an­der­fol­gen­den Näch­ten, wo­bei er sich ei­nen Tag ganz und den an­dern zum Teil ver­steckt hielt und über vier­zig Stun­den lang durch Hun­ger, Durst und Schmer­zen un­be­schreib­li­che Qua­len litt. Die In­dia­ner plün­der­ten die Post voll­stän­dig aus, wo­bei ih­nen ein nicht un­be­deu­ten­der Be­trag an Wert­sa­chen und Geld in die Hän­de fiel.

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