Peter Bongbong

Daß Pe­ter Bong­bong ein Gast­wirt von ganz un­ge­wöhn­li­chen Ei­gen­schaf­ten war, wird nie­mand, der sei­ne klei­ne Pin­te zu Rou­en be­sucht hat, ab­strei­ten kön­nen. Daß Pe­ter Bong­bong aber auch in der Phi­lo­so­phie sei­ner Zeit be­wan­dert war, ist ei­ne noch un­leug­ba­re­re Tat­sa­che. Sei­ne pâtés à la fois wa­ren oh­ne Zwei­fel ta­del­los; doch wel­che Fe­der kann sei­nen Es­says sur la Na­tur – sei­nen Ge­dan­ken sur l’Ame – sei­nen Be­mer­kun­gen sur l’Es­prit ge­nü­gen­de Ge­rech­tig­keit wi­der­fah­ren las­sen? Wenn sei­ne Ome­lettes, sei­ne Fri­can­deaux schon un­be­zahl­bar wa­ren, wel­cher Li­te­ra­tur­be­flis­se­ne je­ner Zeit wür­de nicht für ei­ne Idee von Bong­bong dop­pelt so viel ge­ge­ben ha­ben, wie für al­le Ide­en der üb­ri­gen Ge­lehr­ten zu­sam­men? Bong­bong hat­te Bi­blio­the­ken durch­stö­bert, die kein an­de­rer Mensch in Au­gen­schein ge­nom­men – hat­te mehr ge­le­sen, als ir­gend­ein an­de­rer Bü­cher nur aus­den­ken konn­te – mehr ver­stan­den, als ein an­de­rer über­haupt für mög­lich hielt, zu ver­ste­hen. Und wenn auch selbst wäh­rend der Zeit sei­ner größ­ten Be­liebt­heit ei­ni­ge Au­to­ren in Rou­en ver­si­cher­ten, »daß sei­ne dic­ta we­der die Rein­heit der Aka­de­mie noch die Tie­fe des Ly­ze­ums zeig­ten« – so wur­den sei­ne Dok­tri­nen, ver­ste­hen Sie mich recht, doch ab­so­lut nicht all­ge­mein ver­stan­den, ob­gleich nicht dar­aus zu fol­gern ist, daß sie schwer zu ver­ste­hen ge­we­sen. Es lag, glau­be ich, an ih­rer Selbst­ver­ständ­lich­keit, daß vie­le Leu­te sie für ab­strus hiel­ten. Bong­bong ist näm­li­che je­ner Den­ker – doch ma­chen Sie bit­te kei­nen Ge­brauch da­von –, dem Kant für sei­ne Me­ta­phy­sik haupt­säch­lich zu Dank ver­pflich­tet ist. Bong­bong war kein Pla­to­ni­ker, noch, ge­nau ge­nom­men, ein Aris­to­te­li­ker – noch ver­schwen­de­te er, wie der mo­der­ne Leib­niz, sei­ne kost­ba­ren Stun­den, die er der Er­fin­dung ei­nes Fri­cas­ses oder fa­ci­li gra­du der Ana­ly­se ei­nes Ge­fühls hät­te wid­men kön­nen, in leicht­fer­ti­gen Ver­su­chen, das wi­der­spens­ti­ge Öl und Was­ser ethi­scher Dis­kus­sio­nen mit­ein­an­der zu ver­bin­den. Das fiel ihm gar nicht ein. Bong­bong war ein Op­ti­mist. Bong­bong war zu glei­cher Zeit ein Pes­si­mist. Er schloß a prio­ri, er schloß auch a pos­te­rio­ri. Sei­ne Ide­en wa­ren an­ge­bo­re­ne – oder auch nicht an­ge­bo­re­ne. Bong­bong war mit Be­geis­te­rung – Bong­bon­gist.

Ich ha­be von dem Phi­lo­so­phen in sei­ner Ei­gen­schaft als Gast­wirt ge­spro­chen. Ich möch­te je­doch nicht, daß ei­ner mei­ner Le­ser glau­be, un­ser Held ha­be die­se sei­ne Stan­des­pflich­ten oh­ne voll­stän­di­ges Be­wußt­sein ih­rer Grö­ße und Wich­tig­keit er­füllt. Er war weit ent­fernt da­von; und es ist schwer zu sa­gen, wel­che von sei­nen bei­den Tä­tig­kei­ten ihn mit grö­ße­rem Stol­ze er­füll­te. Sei­ner Mei­nung nach stan­den die Kräf­te des Geis­tes in di­rek­ter Ver­bin­dung mit den Fä­hig­kei­ten des Ma­gens. Ich weiß nicht, ob er sehr von der An­nah­me der Chi­ne­sen ab­wich, daß die See­le ih­ren Sitz im Bau­che ha­be. Die Grie­chen hat­ten sei­ner Mei­nung nach un­ter al­len Um­stän­den recht, wenn sie für Geist und Zwerch­fell nur ein Wort an­wand­ten. Doch möch­te ich hier nicht so ver­stan­den wer­den, als woll­te ich der Viel­frä­ßig­keit ernst­lich auf Kos­ten der Me­ta­phy­si­ker das Wort re­den. Wenn Pe­ter Bong­bong irr­te – und wel­cher gro­ße Mann irrt nicht tau­send­mal?! – al­so, sa­ge ich, wenn Pe­ter Bong­bong irr­te, so wa­ren sei­ne Irr­tü­mer durch­aus un­wich­ti­ge – wa­ren Feh­ler, die man bei an­de­ren Tem­pe­ra­men­ten eher für Tu­gen­den ge­hal­ten ha­ben wür­de. Was nun ei­ne die­ser Schwä­chen an­be­trifft, so wür­de ich sie in die­ser Ge­schich­te gar nicht er­wäh­nen, wenn sie nicht aus sei­ner all­ge­mei­nen Ver­an­la­gung so scharf her­vor­ge­sprun­gen wä­re. Er konn­te näm­lich kei­ne Ge­le­gen­heit, ein Ge­schäft zu ma­chen, vor­über­ge­hen las­sen.

Nicht, daß er hab­süch­tig ge­we­sen! O nein! Zur Be­frie­di­gung des Phi­lo­so­phen in ihm war es durch­aus nicht er­for­der­lich, daß ihm der Han­del Vor­teil brach­te. Doch wur­de ein Ge­schäft per­fekt – ir­gend­ein Han­del un­ter ir­gend­wel­chen Um­stän­den und Be­din­gun­gen ab­ge­schlos­sen, so er­leuch­te­te noch vie­le Ta­ge spä­ter ein tri­um­phie­ren­des Lä­cheln sein Ge­sicht, und ein wis­sen­des Au­gen­zwin­kern gab Zeug­nis von sei­ner Weis­heit.

Zu kei­ner Zeit wä­re es zu ver­wun­dern ge­we­sen, wenn ei­ne so be­son­de­re Er­schei­nung, wie die eben von mir ge­zeich­ne­te, Auf­merk­sam­keit und Be­ach­tung er­regt hät­te. Wür­de sie es zur Zeit un­se­rer Er­zäh­lung je­doch nicht ge­tan ha­ben, so müß­te man die­se Tat­sa­che wirk­lich ein Wun­der nen­nen. Man er­zähl­te sich, daß das be­sag­te Lä­cheln Bong­bongs von dem bie­de­ren Grin­sen, mit dem er über sei­ne Scher­ze lach­te oder ei­nen al­ten Be­kann­ten be­grüß­te, weit ver­schie­den war. Man mach­te auf­re­gen­de An­deu­tun­gen, er­zähl­te sich Ge­schich­ten von ge­fähr­li­chen Ge­schäf­ten, die schnell ge­macht und lan­ge be­reut wur­den, Bei­spie­le von un­er­klär­li­chen Fä­hig­kei­ten wur­den an­ge­führt, von son­der­ba­rem Ver­lan­gen und un­na­tür­li­chen Nei­gun­gen, die nur der Ur­he­ber al­len Übels zu sei­nen dunk­len Zwe­cken her­vor­ge­ru­fen ha­ben konn­te.

Der Phi­lo­soph hat­te an­de­re Schwä­chen, doch sind sie kaum ei­ner ernst­haf­ten Un­ter­su­chung wert. Es gibt zum Bei­spiel nur sehr we­nig au­ßer­or­dent­lich tie­fe Män­ner, die sich über ei­nen Man­gel an Nei­gung zur Fla­sche zu be­kla­gen ha­ben. Ob die­se Nei­gung die er­re­gen­de Ur­sa­che oder viel­mehr ein Be­weis der Tie­fe ist, das ist durch­aus nicht so leicht zu sa­gen. Bong­bong je­doch hielt die­se Fra­ge kei­ner ein­ge­hen­den Er­for­schung für wert, und ich tue es eben­falls nicht. Doch muß man nicht glau­ben, daß der Re­stau­ra­teur in der Hin­ga­be an ei­ne so klas­si­sche Nei­gung je­nen in­tui­ti­ven Scharf­sinn ver­lor, der zu glei­cher Zeit sei­ne Es­says und sei­ne Ome­lettes aus­zeich­ne­te. Wenn er sich von der Welt zu­rück­zog, wid­me­te er dem Vin de Bour­go­gne ganz be­stimm­te Stun­den und weih­te dem Côtes du Rho­ne die ge­nau da­für ge­eig­ne­ten Mo­men­te. Für ihn war Sau­ter­ne im Ver­gleich zu Me­doc, was Ca­tul­lus im Ver­gleich zu Ho­mer war. Wenn er St. Pe­r­ay schlürf­te, mach­te er spie­lend ei­nen Ver­nunftschluß da­zu, wäh­rend er bei ei­ner Fla­sche Clos Vougeot ein Ar­gu­ment zer­glie­der­te und in ei­ner Flut von Cham­ber­tin ei­ne Theo­rie um­stürz­te. Es wä­re gut ge­we­sen, wenn ihn das glei­che Ge­fühl für Schick­lich­keit auch bei der un­be­deu­ten­den Nei­gung, auf die ich an­spiel­te, ge­lei­tet hät­te, aber das war nicht der Fall. Um die Wahr­heit zu ge­ste­hen: die­ser We­sens­zug des phi­lo­so­phie­ren­den Bong­bong be­gann wirk­lich ei­ne son­der­ba­re In­ten­si­tät an­zu­neh­men, sich im­mer mehr dem Mys­ti­zis­mus zu nä­hern und die tie­fe Fär­bung des Sa­ta­nis­mus sei­ner be­vor­zug­ten deut­schen Stu­di­en an­zu­neh­men.

Bong­bongs klei­ne und ver­steckt ge­le­ge­ne Knei­pe zu be­su­chen, hieß das Sank­tum ei­nes ge­nia­len Man­nes be­tre­ten. Bong­bong war tat­säch­lich ein ge­nia­ler Mann. In ganz Rou­en gab es kei­nen Kü­chen­jun­gen, der Ih­nen nicht so­fort be­kräf­tigt hät­te, daß Bong­bong ein ge­nia­ler Mann sei. So­gar sei­ne Kat­ze wuß­te es und un­ter­stand sich nicht, in Ge­gen­wart des ge­nia­len Man­nes mit dem Schwan­ze zu wa­ckeln. Sei­nem gro­ßen Pu­del war die­se Tat­sa­che eben­falls be­kannt, und so­bald sein Herr sich nä­her­te, gab er dem Ge­fühl sei­ner In­fe­rio­ri­tät durch ein wei­he­vol­les Be­neh­men, durch Hän­gen­las­sen der Oh­ren und der un­te­ren Kinn­la­de ei­nen be­red­ten Aus­druck, der ei­nes Hun­des nicht all­zu un­wür­dig war. Doch läßt sich nicht weg­leug­nen, daß sehr vie­les an die­sen ge­wohn­ten Hul­di­gun­gen auf die per­sön­li­che Er­schei­nung des Me­ta­phy­si­kers zu set­zen war. Ein dis­tin­gu­ier­tes Äu­ße­re ver­fehlt selbst bei ei­nem Tie­re nicht sei­nen Ein­druck. Und ich muß ge­ste­hen, daß man­ches in dem Äu­ße­ren des Re­stau­ra­teurs da­nach an­ge­tan war, auf die Phan­ta­sie der Vier­füß­ler Ein­druck zu ma­chen. Der klei­ne Gro­ße – wenn man mir die­sen zwei­deu­ti­gen Aus­druck ge­stat­ten will – trug ei­ne Ma­jes­tät zur Schau, wel­che die blo­ße phy­si­sche Mas­se al­lein un­mög­lich zu­stan­de brin­gen kann. Wenn Bong­bong nun auch kaum drei Fuß hoch und sei­nen Kopf äu­ßerst klein er­schien, so war es doch un­mög­lich, die Rund­lich­keit sei­nes Bau­ches oh­ne ein Ge­fühl von Groß­ar­tig­keit, ja, von Er­ha­ben­heit zu be­trach­ten. In sei­ner Grö­ße muß­ten Men­schen und Tie­re das Ab­bild sei­ner er­lern­ten Kennt­nis­se – in sei­nem Um­fan­ge ei­ne ge­eig­ne­te Woh­nung für sei­ne un­sterb­li­che See­le er­ken­nen.

Ich könn­te mich hier, wenn es mir ge­fie­le, über die Art der Klei­dung und an­de­re Um­stän­de der äu­ße­ren Er­schei­nung des Me­ta­phy­si­kers wei­ter aus­las­sen. Ich könn­te er­wäh­nen, daß un­ser Held das Haar kurz und weich in die Stirn hin­ein­ge­kämmt trug – daß er sein Haupt mit ei­ner ke­gel­för­mi­gen, trod­del­be­setz­ten Müt­ze aus wei­ßem Fla­nell krön­te, und sein erb­sen­grü­nes Wams der Mo­de der da­mals von Re­stau­ra­teu­ren ge­tra­ge­nen Wäm­ser durch­aus nicht ent­sprach – daß sei­ne Är­mel viel wei­ter wa­ren – daß die Är­me­lauf­schlä­ge nicht wie es da­mals, in je­ner bar­ba­ri­schen Zeit ge­bräuch­lich war, aus Tuch von der­sel­ben Qua­li­tät und Far­be des Klei­dungs­stü­ckes selbst be­stan­den, son­dern in phan­ta­sie­an­re­gen­der Wei­se aus zwei­far­bi­gem Ge­nue­ser Sam­met her­ge­stellt – daß sei­ne Pan­tof­feln von schö­ner pur­pur­ner Far­be und schön ge­stickt wa­ren, so daß man hät­te glau­ben kön­nen, sie sei­en in Ja­pan ge­macht wor­den – daß sei­ne Bein­klei­der aus ei­nem gel­ben, at­las­ar­ti­gen Stoff her­ge­stellt wa­ren, den man ›Aima­ble‹ nennt – daß sein him­mel­blau­er Über­rock, der mit pur­pur­nen Ver­zie­run­gen reich be­deckt war, rit­ter­lich wie der blaue Mor­gen­däm­mer um sei­ne Schul­tern flat­ter­te, und daß sein tout en­sem­ble dem be­mer­kens­wer­ten Wort der Be­ne­ve­nu­ta, der Im­pro­vi­satri­ce von Flo­renz, zur Ent­ste­hung ver­half, daß schwer sei zu sa­gen, ob Pe­ter Bong­bong ein Pa­ra­dies­vo­gel oder selbst ein Pa­ra­dies an Voll­kom­men­hei­ten sei. Ich könn­te al­so, wie ich schon sa­ge, mich über all die­se Punk­te wei­ter aus­las­sen, wenn es mir ge­fie­le, doch se­he ich da­von ab. Nur De­tails über die Per­sön­lich­keit zie­men sich für den his­to­ri­schen No­vel­len­schrei­ber. Die an­de­ren ste­hen un­ter den mo­ra­li­schen Wür­de der rei­nen Tat­sa­chen.

Ich ha­be schon ein­mal ge­sagt: in Bong­bongs klei­ne Knei­pe ein­tre­ten, hieß das Sank­tum ei­nes ge­nia­len Man­nes be­su­chen; doch konn­te nur ein eben­falls ge­nia­ler Mann die Ver­diens­te des Sank­tums wür­di­gen. Vor der Ein­gangs­tür schwang ein Schild hin und her, das ein rie­si­ges Buch dar­stell­te. Auf ei­ner Sei­te des­sel­ben war ei­ne Fla­sche ge­malt, auf der an­de­ren ei­ne Pas­te­te. Auf dem Rü­cken stand in gro­ßen Buch­sta­ben zu le­sen ›Œuvres de Bong­bong‹. So wur­de in zar­ter Wei­se die zwei­fa­che Be­schäf­ti­gung des Ei­gen­tü­mers an­ge­deu­tet.

Wenn man über die Schwel­le trat, über­sah man so­fort das gan­ze In­ne­re des Ge­bäu­des. Ein lan­ger, nied­rig ge­sto­che­ner Raum von al­ter Bau­art – das war Bong­bongs Knei­pe. In ei­ner Ecke stand das Bett des Me­ta­phy­si­kers. Ein Ar­ran­ge­ment von Vor­hän­gen so­wie ein grie­chi­scher Bett­him­mel ga­ben ihm so­wohl ein klas­si­sches wie be­que­mes Aus­se­hen. In der Ecke schräg ge­gen­über er­blick­te man in fa­mi­liä­rer Ver­trau­lich­keit die Kü­chen­ge­rät­schaf­ten und die Bi­blio­thek. Ei­ne Schüs­sel von Po­le­mik stand fried­lich auf dem An­rich­te­tisch. Hier lag ein Ofen voll der letz­ten ethi­schen Ab­hand­lun­gen, dort stand ein Kes­sel, an­ge­füllt mit Duo­de­ci­mo-Me­lan­gen. Deut­sche Bän­de über Mo­ral­leh­re la­gen in in­nigs­ter Freund­schaft ne­ben dem Bra­trost; ein Waf­fel­ei­sen hielt mit Eu­se­bi­us gu­te Nach­bar­schaft; Pla­to lehn­te be­quem in ei­ner Bra­ten­pfan­ne, und Ma­nu­skrip­te von Zeit­ge­nos­sen wa­ren in Reih und Glied an ei­nem Brat­spieß auf­ge­steckt.

Sonst je­doch wich Bong­bongs Lo­kal sehr we­nig von den üb­li­chen Re­stau­rants da­ma­li­ger Zeit ab: Der Tür ge­gen­über gähn­te der un­ge­heu­re Ka­min. Zur Rech­ten des­sel­ben er­blick­te man den Schenk­tisch; dar­auf ei­ne statt­li­che Rei­he eti­ket­tier­ter Fla­schen. –

Hier war es al­so, in ei­ner stren­gen Win­ter­nacht des Jah­res 18…, daß Pe­ter Bong­bong, nach­dem er ei­ne Zeit­lang den An­spie­lun­gen sei­ner Nach­barn auf sei­ne son­der­ba­re Nei­gung zu­ge­hört hat­te – daß al­so Pe­ter Bong­bong, nach­dem er sie al­le aus sei­nem Hau­se ver­trie­ben, die Tür mit ei­nem Flu­che ver­schloß und sich in durch­aus nicht fried­fer­ti­ger Ge­müts­ver­fas­sung den Be­quem­lich­kei­ten sei­nes le­der­über­zo­ge­nen Arm­stuh­les und dem An­blick der lo­dern­den Rei­sig­bün­del über­ließ.

Es war ei­ner je­ner schreck­li­chen Näch­te, wie sie nur ein- oder zwei­mal im Jahr­hun­dert vor­kom­men. Es schnei­te wü­tend, und das Haus schwank­te in sei­nen Grund­fes­ten bei dem An­sturm des Win­des, der durch die Rit­zen der Mau­ern drang, un­ge­stüm den Ka­min hin­abblies, an den Bett­vor­hän­gen zerr­te, und die pâté-Pfan­nen und Pa­pie­re scho­nungs­los durch­ein­an­der­warf. Das rie­si­ge Buch­schild, das drau­ßen der Ge­walt des Stur­mes aus­ge­setzt war, knarr­te, und die Fens­ter­rah­men aus so­li­dem Ei­chen­holz seufz­ten un­heil­ver­kün­dend auf.

Es war al­so, wie ge­sagt, kein fried­li­ches Wet­ter, als der Me­ta­phy­si­ker sei­nen Stuhl zu sei­nem ge­wohn­ten Stand­ort am Ka­min her­an­zog. Tags­über hat­ten sich ver­schie­de­ne wid­ri­ge Din­ge er­eig­net, wel­che die Hei­ter­keit sei­ner Be­trach­tun­gen trüb­ten. Als er œufs á la Prin­ces­se ma­chen woll­te, hat­te er ei­ne ome­lette á la Rei­ne ge­schaf­fen, die Ent­de­ckung ei­nes ethi­schen Prin­zips war durch das Über­gar­wer­den ei­nes Stew ver­ei­telt wor­den, und last not least war ihm eins sei­ner be­wun­de­rungs­wür­di­gen Ge­schäf­te, de­ren glück­li­ches Zu­stan­de­kom­men ihn im­mer in Ent­zü­ckung ver­setz­te, durch­kreuzt wor­den. Doch misch­te sich in sei­nen Zorn jetzt je­ne ner­vö­se Ängst­lich­keit, wie sie ei­ne stür­mi­sche Nacht nur zu leicht er­zeugt. Er pfiff den schon er­wähn­ten schwar­zen Pu­del nä­her zu sich her­an, rück­te ein­mal un­ru­hig in sei­nem Stuh­le hin und her und konn­te nicht um­hin, in die ent­fern­ten Win­kel des Rau­mes, de­ren un­er­bitt­li­che Schat­ten das ro­te Ka­min­feu­er nicht zu ver­ja­gen ver­moch­te, ei­nen for­schen­den, un­ge­wis­sen Blick zu sen­den. Nach­dem er die­se Nach­for­schung, de­ren Zweck ihm wohl selbst un­ver­ständ­lich blieb, be­en­det hat­te, zog er ei­nen klei­nen, mit Bü­chern und Pa­pie­ren be­deck­ten Tisch an sei­ne Sei­te und ver­senk­te sich ganz in die Über­ar­bei­tung ei­nes um­fang­rei­chen Ma­nu­skrip­tes, das er am fol­gen­den Mor­gen der Ver­öf­fent­li­chung zu über­ge­ben ge­dach­te.

Als er sich ei­ni­ge Mi­nu­ten in die­ser Wei­se be­schäf­tigt hat­te, flüs­ter­te plötz­lich ei­ne wei­ner­li­che Stim­me im Zim­mer: »Ich bin durch­aus nicht ei­lig, Herr Bong­bong.«

»Der Teu­fel!« rief un­ser Held aus, sprang auf sei­ne Fü­ße, warf den Tisch an sei­ner Sei­te um und blick­te er­staunt um­her.

»Das stimmt!« er­wi­der­te die Stim­me ru­hig.

»Das stimmt? Was stimmt? Wie ka­men Sie hier her­ein?« schrie der Me­ta­phy­si­ker, als sein Au­ge auf et­was fiel, das lang aus­ge­streckt auf dem Bet­te lag.

»Ich mein­te«, er­wi­der­te der Ein­dring­ling, oh­ne auf die Fra­gen zu ach­ten, »ich mein­te, daß mei­ne Zeit ab­so­lut nicht be­schränkt ist – daß das Ge­schäft, um des­sent­wil­len ich mir die Frei­heit nahm, hier vor­zu­spre­chen, durch­aus nicht drin­gend ist; ich kann sehr wohl war­ten, bis Sie mit Ih­rer Ex­po­si­ti­on fer­tig sind.«

»Mei­ne Ex­po­si­ti­on? – Na­nu? – Wie wis­sen Sie denn – wie kom­men Sie da­zu, zu wis­sen, daß ich ei­ne Ex­po­si­ti­on schrei­be? Ge­rech­ter Gott, Sie –«

»Still!« ant­wor­te­te ihm die Ge­stalt in schril­lem Flüs­ter­to­ne, er­hob sich schnell vom dem Bet­te und mach­te ei­nen Schritt auf un­se­ren Hel­den zu, wäh­rend ei­ne ei­ser­ne Lam­pe, die von oben her­ab­hing, sich bei sei­nem plötz­li­chen Auf­ste­hen be­weg­te und krampf­haft hin und her pen­del­te.

Das Er­stau­nen, wel­ches sich des Phi­lo­so­phen be­mäch­tig­te, hin­der­te nicht, daß er Er­schei­nung und Klei­dung des Frem­den ei­ner ge­nau­en Prü­fung un­ter­warf.

Die Um­ris­se sei­ner au­ßer­or­dent­lich dür­ren, doch weit über Mit­tel­maß lan­gen Ge­stalt wur­den durch ei­nen ab­ge­tra­ge­nen al­ten, ganz eng auf der Haut an­lie­gen­den An­zug, der nach der Mo­de von vor hun­dert Jah­ren ge­schnit­ten war, deut­lichst her­vor­ge­ho­ben. Der An­zug war of­fen­bar für ei­ne Per­son ge­macht wor­den, die viel klei­ner war als ihr jet­zi­ger Be­sit­zer. Sei­ne Knö­chel und Hand­ge­len­ke blie­ben meh­re­re Zoll weit frei. Doch straf­te ein Paar wun­der­vol­ler Schnal­len an sei­nen Schu­hen die an den an­de­ren Tei­len der Klei­dung zur Schau ge­tra­ge­ne arm­se­ligs­te Ar­mut Lü­gen. Sein Kopf war un­be­deckt und voll­stän­dig kahl, mit Aus­nah­me des Hin­ter­schä­dels, von dem ein Schweif von be­mer­kens­wer­ter Län­ge her­ab­hing. Ei­ne grü­ne Bril­le mit Sei­ten­glä­sern schütz­te sei­ne Au­gen vor dem Licht und hin­der­te un­se­ren Hel­den, ih­re Far­be und Bil­dung zu er­ken­nen. Von ei­nem Hemd war an der gan­zen Per­son nichts zu be­mer­ken, doch war ei­ne wei­ße, schmut­zig aus­se­hen­de Kra­vat­te sehr ex­akt um sei­nen Hals ge­wun­den; die lan­gen En­den hin­gen an je­der Sei­te ernst­haft her­ab und ga­ben der gan­zen Per­sön­lich­keit (ich glau­be al­ler­dings un­be­ab­sich­tig­ter­wei­se) ein fast geist­li­ches Aus­se­hen. Auch noch an­de­re Um­stän­de, in sei­ner Er­schei­nung so­wohl wie in sei­ner Hal­tung, leg­ten ei­nen der­ar­ti­gen Ver­gleich na­he. Hin­ter dem lin­ken Ohr trug er nach Art der Schrei­ber ein In­stru­ment, wel­ches dem Styl­us der Al­ten ähn­lich sah. Aus ei­ner Brust­ta­sche sei­nes Rocks guck­te ein klei­nes, stahl­be­schla­ge­nes Bänd­chen her­vor. Die­ses Buch war, zu­fäl­lig oder nicht, von der Per­son so in die Ta­sche ge­steckt wor­den, daß man die mit wei­ßen Buch­sta­ben auf sei­nen Rü­cken ge­druck­ten Wor­te ›Ka­tho­li­sches Ri­tu­al‹ le­sen konn­te. Die gan­ze Phy­sio­gno­mie des Frem­den mu­te­te in­ter­es­sant fins­ter an. Das Ge­sicht war lei­chen­blaß, die Stirn hoch und von tie­fen, nach­denk­li­chen Fal­ten durch­quert. Sei­ne Mund­win­kel wa­ren mit dem Aus­druck un­ter­wür­figs­ter De­mut nach un­ten ge­zo­gen. Auch lag in dem Über­ein­an­der­le­gen sei­ner Hän­de, als er auf un­se­ren Hel­den zu­schritt – in dem tie­fen Seuf­zer – und be­son­ders in sei­nem Blick et­was so aus­ge­spro­chen Got­tes­fürch­ti­ges, daß es von vorn­her­ein güns­tig stim­men muß­te. Je­der Schat­ten von Är­ger schwand auf den Zü­gen des Me­ta­phy­si­kers da­hin nach die­ser zu­frie­den­stel­len­den Prü­fung der Per­son sei­nes Be­su­chers; er schüt­tel­te ihm herz­lich die Hand und bot ihm ei­nen Stuhl an.

Es wä­re je­doch grund­falsch, die­se au­gen­blick­li­che Än­de­rung der Ge­füh­le des Phi­lo­so­phen ei­ner je­ner Ur­sa­chen zu­zu­schrei­ben, die man na­tür­li­cher­wei­se für be­stim­mend hät­te hal­ten kön­nen. Pe­ter Bong­bong war, so­weit ich sein We­sen ken­ne, der­je­ni­ge Mensch, wel­cher sich zu­al­ler­letzt von Äu­ßer­lich­kei­ten in der Er­schei­nung ei­nes Men­schen be­ein­flus­sen ließ. Es ist ganz un­mög­lich, daß ein so scharf­sin­ni­ger Be­ob­ach­ter al­ler Men­schen und Din­ge nicht im ers­ten Au­gen­blick den wah­ren Cha­rak­ter der Per­son, die sich so­eben sei­ner Gast­freund­schaft auf­ge­drun­gen, so­fort er­kannt hät­te. Um nichts wei­ter zu sa­gen –: die Bil­dung der Fü­ße sei­nes Be­su­chers war merk­wür­dig ge­nug – im hin­te­ren Teil sei­ner Bein­klei­der be­merk­te er ein zit­tern­des An­schwel­len, und die Vi­bra­tio­nen sei­nes Rock­schwan­zes wa­ren ei­ne ›greif­ba­re‹ Tat­sa­che. Stel­len Sie sich nun vor, mit wel­cher Be­frie­di­gung sich un­ser Held plötz­lich in der Ge­sell­schaft ei­ner Per­son sah, für die er zu je­der Zeit von der tiefs­ten Hoch­ach­tung er­füllt ge­we­sen. Er war je­doch zu sehr Di­plo­mat, um durch ir­gend­ei­ne Äu­ße­rung zu zei­gen, daß er vom wah­ren Stand der Din­ge un­ter­rich­tet sei. Er tat, als sei er sich der ho­hen Eh­re, die ihm eben wi­der­fah­ren, gar nicht be­wußt, son­dern zog sei­nen Gast in ei­ne Un­ter­hal­tung, um wich­ti­ge ethi­sche Ide­en aus ihm her­aus­zu­lo­cken, die in sei­ner wohl­er­wo­ge­nen Ver­öf­fent­li­chung ei­nen Platz ein­neh­men, das Men­schen­ge­schlecht er­leuch­ten und ihn zu­gleich un­sterb­lich ma­chen soll­ten – Ide­en, die, wie ich hin­zu­fü­gen muß, ihm der Be­su­cher bei sei­nem ho­hen Al­ter und sei­ner be­kann­ten Be­schla­gen­heit in der Wis­sen­schaft der Mo­ral sehr leicht hät­te lie­fern kön­nen.

Durch sol­che Aus­sich­ten ge­lockt, for­der­te un­ser Held den Herrn al­so zum Sit­zen auf, warf ei­ni­ge Rei­sig­bün­del auf das Feu­er und stell­te ein paar Fla­schen Sekt auf den wie­der­auf­ge­rich­te­ten Tisch. Als er da­mit fer­tig war, ließ er sich sei­nem Ge­nos­sen ge­gen­über nie­der und war­te­te, bis der­sel­be die Un­ter­hal­tung be­gin­nen wür­de. Doch wer­den Plä­ne, und selbst die wohl­er­wo­gens­ten, oft gleich zu An­fang durch­kreuzt – der Re­stau­ra­teur wur­de durch das ers­te Wort sei­nes Be­su­chers aus dem Kon­zept ge­bracht.

»Ich se­he, Sie ken­nen mich, Bong­bong«, sag­te er, »ha ha ha! he he he! hi hi hi! ho ho ho! hu hu hu!« und da­bei ließ der Teu­fel plötz­lich al­le Got­tes­furcht aus sei­nen Mie­nen schwin­den, öff­ne­te sei­nen Mund, so weit er nur konn­te, von ei­nem Ohr zum an­de­ren, wo­bei er ein Ge­biß ge­kerb­ter, fan­g­ar­ti­ger Zäh­ne ent­hüll­te, sei­nen Kopf zu­rück­warf und lan­ge laut, wie­hernd und got­tes­läs­ter­lich lach­te, wäh­rend sich der schwar­ze Hund auf die Hin­ter­bei­ne setz­te und lus­tig im Cho­re ein­stimm­te, und die Kat­ze da­von­schoß und in der ent­fern­tes­ten Ecke des Zim­mers zu fau­chen be­gann.

Der Phi­lo­soph folg­te ih­rem Bei­spiel nicht. Er war zu sehr Welt­mann, um zu heu­len wie der Hund oder durch Krei­schen die un­ziem­li­che Angst der Kat­ze zu ver­ra­ten. Zwar muß ich ge­ste­hen, daß er ein we­nig in Er­stau­nen ge­riet, als er wahr­nahm, daß die wei­ßen Buch­sta­ben, wel­che die Wor­te ›Ka­tho­li­sches Ri­tu­al‹ ge­bil­det hat­ten im Au­gen­blick so­wohl Form wie Far­be wech­sel­ten und sich in den rot­ge­druck­ten Ti­tel ›Re­gis­ter der Ver­damm­ten‹ ver­wan­del­ten. Die­ser auf­re­gen­de Um­stand gab der Er­wi­de­rung Bong­bongs auf die Be­mer­kung sei­nes Be­su­chers ei­ne Un­be­stimmt­heit, die viel­leicht gar nicht be­merkt wur­de.

»Nun, mein Herr«, ent­geg­ne­te der Phi­lo­soph, »nun, mein Herr, um auf­rich­tig zu spre­chen – ich glau­be, Sie sind – auf mein Wort – das heißt, ich den­ke, ich glau­be, ich ha­be ei­ne ge­wis­se schwa­che – sehr schwa­che Vor­stel­lung von der gro­ßen Eh­re –«

»Oh – ja – ge­wiß – sehr gut«, un­ter­brach ihn Sei­ne Ma­jes­tät, »kein Wort mehr – ich se­he, wie die Din­ge lie­gen«, und nahm bei den Wor­ten sei­ne grü­ne Bril­le ab, putz­te sie sorg­fäl­tig auf sei­nem Ro­ck­ärmel und steck­te sie in die Ta­sche.

Wenn Bong­bong schon durch die Ver­än­de­rung, die mit dem Bu­che vor sich ge­gan­gen, ver­blüfft wor­den war, so wuchs sein Er­stau­nen noch durch das Schau­spiel, das sich ihm jetzt dar­bot. Als er neu­gie­rig sei­ne Au­gen er­hob, um die sei­nes Gas­tes zu be­trach­ten, fand er, daß sie durch­aus nicht, wie er ge­dacht, schwarz wa­ren oder grau, noch braun, noch blau – noch gelb oder rot – noch pur­purn – noch weiß – noch grün, noch von ir­gend­ei­ner an­de­ren Far­be aus dem Him­mel oben – der Er­de hier – oder dem Mee­re tief un­ten. Kurz, Pe­ter Bong­bong sah nicht al­lein ganz deut­lich, daß Sei­ne Ma­jes­tät über­haupt kei­ne Au­gen hat­te, son­dern ent­deck­te auch nicht das al­ler­ge­rings­te An­zei­chen, daß er frü­her ein­mal wel­che be­ses­sen, denn der Raum, auf dem sich die Au­gen ei­gent­lich be­fun­den ha­ben muß­ten, war nur ei­ne ein­fa­che, to­te Fleisch­flä­che.

Es lag nicht in der Na­tur des Me­ta­phy­si­kers, von der Er­for­schung der Ur­sa­chen ei­nes so selt­sa­men Phä­no­mens um klein­li­cher Be­den­ken wil­len Ab­stand zu neh­men; und Sei­ne Ma­jes­tät ant­wor­te­te ihm denn auch prompt, wür­dig und ein­ge­hend: »Au­gen? Mein lie­ber Bong­bong, Au­gen sag­ten Sie? – oh! ah! Ich ver­ste­he. – Die lä­cher­li­chen Ab­bil­dun­gen, die von mir zir­ku­lie­ren, ha­ben Ih­nen ei­ne fal­sche Vor­stel­lung von mei­ner per­sön­li­chen Er­schei­nung ge­ge­ben. Au­gen? –Wahr­haf­tig! Au­gen – Pe­ter Bong­bong – sind gut und wohl an ih­rem rich­ti­gen Plat­ze – und der, sa­gen Sie ist der Kopf. – Rich­tig! Der Kopf ei­nes Wur­mes! Für Sie sind die­se Seh­werk­zeu­ge al­ler­dings un­er­läß­lich – und doch will ich Ih­nen be­wei­sen, daß mei­ne Seh­kraft schär­fer ist als die Ih­ri­ge. Da ist ei­ne Kat­ze in der Ecke – ei­ne hüb­sche Kat­ze – se­hen Sie sie an – be­ob­ach­ten Sie sie gut. Se­hen Sie, Herr Bong­bong, die Ge­dan­ken – die Ge­dan­ken, sa­ge ich, die Ide­en, die Be­trach­tun­gen, die sich in die­sem Au­gen­blick in ih­rem Schä­del er­zeu­gen? Da ha­ben Sie es –: Sie se­hen es nicht! Sie denkt näm­lich, wir be­wun­der­ten die Län­ge ih­res Schwan­zes und die Tie­fe ih­res Geis­tes. Sie ist eben zu dem Schlüs­se ge­kom­men, daß ich der ehr­wür­digs­te al­ler Geist­li­chen und Sie der ober­fläch­lichs­te al­ler Me­ta­phy­si­ker sind. Sie se­hen al­so, daß ich nicht voll­stän­dig blind bin, doch wür­den für ei­nen Mann mei­nes Be­rufs die Au­gen, von de­nen Sie spre­chen, bloß ei­ne Last sein, die ihm noch da­zu je­den Au­gen­blick von ei­nem Schür­ha­ken aus­ge­brannt wer­den kön­nen. Für Sie sind die­se Seh­werk­zeu­ge, wie ge­sagt, un­er­läß­lich. Be­mü­hen Sie sich nur, Herr Bong­bong, die­sel­ben gut zu ge­brau­chen – ich schaue mit der See­le.«

Hier­auf be­dien­te sich der Gast mit Wein, goß auch für Bong­bong ein Glas ein und for­der­te ihn auf, zu trin­ken und über­haupt zu tun, als ob er zu Hau­se wä­re.

»Sie ha­ben da ein klu­ges Buch ge­schrie­ben, Bong­bong«, be­gann Sei­ne Ma­jes­tät von neu­em und klopf­te un­serm Freun­de auf die Schul­ter, als die­ser, nach­dem er sei­ner Auf­for­de­rung nach­ge­kom­men war, sein Glas wie­der nie­der­setz­te. »Es ist ein Werk nach mei­nem Her­zen. Doch könn­te man, scheint mir, die An­ord­nung der ver­schie­de­nen Ma­te­ri­en noch ver­bes­sern – auch er­in­nern mich ver­schie­de­ne Ih­rer Be­mer­kun­gen an Aris­to­te­les. Die­ser Phi­lo­soph ge­hört zu mei­nen in­tims­ten Be­kann­ten. Ich schät­ze ihn so­wohl we­gen sei­ner ewi­gen schlech­ten Lau­ne wie auch we­gen sei­ner her­vor­ra­gen­den Be­ga­bung, Schnit­zer zu ma­chen. All das Zeug, was er ge­schrie­ben, ent­hält nur ei­ne ein­zi­ge so­li­de Wahr­heit, die ich ihm noch da­zu aus pu­rem Mit­leid mit sei­nem ab­sur­den Ge­schreib­sel an­ge­deu­tet ha­be. Ich neh­me an, Pe­ter Bong­bong, daß Sie sehr gut wis­sen, auf welch wun­der­vol­le mo­ra­li­sche Wahr­heit ich an­spie­le?«

»Ich weiß nicht recht –«

»Wahr­haf­tig nicht? Nun, ich war es, der den Aris­to­te­les dar­auf auf­merk­sam mach­te, daß die Men­schen ih­re über­flüs­si­gen Ide­en durch die Na­se aus­sto­ßen.«

»Was auch – pschi! – Un­zwei­fel­haft der Fall ist«, er­wi­der­te der Me­ta­phy­si­ker, wäh­rend er sich Wein ein­goß und sei­nem Be­su­cher die Schnupf­ta­bak­do­se an­bot.

»Dann war auch da ein ge­wis­ser Pla­to«, fuhr. Sei­ne Ma­jes­tät fort, und wies die Schnupf­ta­bak­do­se so­wie das Kom­pli­ment, das sie in sich schloß, be­schei­den zu­rück. – »Dann leb­te noch ein ge­wis­ser Pla­to, für den ich ei­ne Zeit­lang al­le nur mög­li­chen freund­schaft­li­chen Ge­füh­le emp­fand. Kann­ten Sie Pla­to, Bong­bong? – Aber nein! Bit­te tau­send­mal um Par­don. Er traf mich ei­nes Ta­ges in Athen im Par­thenon und er­zähl­te mir, daß er ei­ner Idee hal­ber ganz un­tröst­lich sei. Ich for­der­te ihn dar­auf­hin auf, das ? ???? ????? ?????? nie­der­zu­schrei­ben. Er sag­te, er wol­le es tun und ging nach Hau­se, wäh­rend ich mich zu den Py­ra­mi­den be­gab. Doch schlug mir das Ge­wis­sen, daß ich ei­ne Wahr­heit of­fen­bart hat­te, wenn auch ei­nem Freun­de ge­gen­über. Ich eil­te nach Athen zu­rück und stell­te mich hin­ter den Lehr­stuhl des Phi­lo­so­phen, als er ge­ra­de das Wort »?????« nie­der­schrieb. Ich gab dem Lamb­da ei­nen Na­sen­stü­ber, daß sein Obers­tes nach un­ten kam. Auf die­se Wei­se lau­te­te der Satz nun ? ???? ????? ????? und ist, wie Sie be­merkt ha­ben wer­den, die Ba­sis sei­ner me­ta­phy­si­schen Leh­ren.«

»Wa­ren Sie je­mals in Rom?« frag­te der Re­stau­ra­teur, als er mit der zwei­ten Fla­sche Sekt fer­tig war, und hol­te von sei­nem Schank­tisch ei­nen neu­en Stoff, Cham­ber­tin näm­lich.

»Nur ein­mal, Herr Bong­bong, nur ein­mal. Es war die Zeit«, sprach der Teu­fel so ge­mes­sen, als sag­te er ei­ne Stel­le aus ei­nem Bu­che auf, »in der fünf Jah­re An­ar­chie herrsch­te, die Re­pu­blik all ih­rer Lei­ter be­raubt war, au­ßer den Volks­tri­bu­nen kei­ner­lei Ob­rig­keit hat­te, und die­se selbst auch nicht im Be­sit­ze ei­ner aus­üben­den Ge­walt wa­ren! Zu die­ser Zeit al­so, Herr Bong­bong, nur zu die­ser Zeit, war ich in Rom und mach­te folg­lich kei­ne Be­kannt­schaft mit den dor­ti­gen Phi­lo­so­phen.«

»Was den­ken Sie über – was den­ken Sie über – hi … köpp«, stieß es ihm auf – »Epi­kur?«

»Was den­ke ich über wen?« frag­te der Teu­fel sehr er­staunt. »Sie ha­ben doch nicht im Ernst an Epi­kur et­was aus­zu­set­zen? Was ich über Epi­kur den­ke? Mei­nen Sie mich, mein Herr? Ich bin Epi­kur. Ich bin der Phi­lo­soph, der je­de der drei­hun­dert Ab­hand­lun­gen ge­schrie­ben hat, die Dio­ge­nes La­er­tes er­wähnt.«

»Das ist ge­lo­gen«, er­wi­der­te der Me­ta­phy­si­ker ge­ra­de­her­aus, denn der Wein war ihm schon ein we­nig zu Kop­fe ge­stie­gen.

»Aus­ge­zeich­net! – Aus­ge­zeich­net, Herr! – Sehr schön, wahr­haf­tig, Herr!« mein­te Sei­ne Ma­jes­tät, an­schei­nend sehr ge­schmei­chelt.

»Das ist ge­lo­gen!« wie­der­hol­te der Re­stau­ra­teur in dog­ma­ti­schem To­ne, »das ist – hi … köpp – ge­lo­gen!«

»Nun al­so, wie Sie wol­len«, ent­geg­ne­te der Teu­fel fried­lich, wor­auf Bong­bong, nach­dem er Sei­ne Ma­jes­tät so gründ­lich von der Rich­tig­keit sei­ner Be­haup­tung über­zeugt hat­te, es für an­ge­mes­sen er­ach­te­te, ei­ne zwei­te Fla­sche Cham­ber­tin her­bei­zu­ho­len.

»Was ich sa­gen woll­te«, be­gann der Be­su­cher wie­der, »was ich schon vor­hin be­mer­ken woll­te – in Ih­rem Bu­che da, Herr Bong­bong, ste­hen ei­ni­ge our­trier­te Be­mer­kun­gen. Was mei­nen Sie zum Bei­spiel mit Ih­rem gan­zen Ge­wäsch über die See­le? Ich bit­te Sie, Ver­ehr­tes­ter, was ist das: die See­le?«

»Die See­le – hi … köpp –«, er­wi­der­te der Me­ta­phy­si­ker mit Be­zie­hung auf sein Ma­nu­skript, »ist un­zwei­fel­haft –«, »Nein, mein Herr!«

»Ganz ge­wiß!«

»Nein, mein Herr!«

»Un­be­streit­bar!«

»Nein, mein Herr!«

»Of­fen­bar!«

»Nein, mein Herr!«

»Un­wi­der­leg­lich!«

»Nein, mein Herr!«

»Hi … köpp –«

»Nein, mein Herr!«

»Oh­ne al­len Zwei­fel ei­ne –«

»Nein, mein Herr, die See­le ist durch­aus kein sol­ches Ding!« (Hier schleu­der­te der Phi­lo­soph gif­ti­ge Bli­cke und nahm die Ge­le­gen­heit wahr, die drit­te Fla­sche Cham­ber­tin so­fort bis auf den letz­ten Trop­fen zu lee­ren.)

»Al­so – hi … köpp – al­so, mein Herr, was ist die See­le denn sonst?«

»Das ge­hört nicht zur Sa­che, Herr Bong­bong«, er­wi­der­te Sei­ne Ma­jes­tät nach­denk­lich. »Ich kos­te­te – das heißt, ich kann­te ver­schie­de­ne sehr schlech­te See­len und auch – ei­ni­ge – ziem­lich gu­te.« Hier schnalz­te er mit der Zun­ge, ließ sei­ne Hand wie un­will­kür­lich auf das Buch in sei­ner Ta­sche sin­ken und wur­de von hef­ti­gem Nie­sen be­fal­len. Dann fuhr er fort: »Die See­le des Cra­ti­nus zum Bei­spiel war pas­sa­bel, Aris­to­pha­nes schmeck­te stark, Pla­to hin­ge­gen aus­ge­zeich­net – das heißt, nicht Ihr Pla­to, son­dern Pla­to der ko­mi­sche Dich­ter; an Ih­rem Pla­to hät­te sich Cer­be­rus selbst den Ma­gen ver­der­ben kön­nen. Pfui! Dann lern­te ich noch ken­nen – war­ten Sie mal – Nae­vi­us und An­dro­ni­cus und Plau­tus und Te­ren­ti­us – dann Lu­ci­li­us und Ca­tul­lus, Na­so und Quin­tus Flac­cus – der gu­te Quin­tus! So nann­te ich ihn näm­lich, als er mir zum Ver­gnü­gen ei­ne Se­cu­la­re vor­sang, wäh­rend ich ihn in bes­ter Lau­ne am Brat­spieß rös­te­te. Aber sie ha­ben kein Aro­ma, die­se Rö­mer. Ein ein­zi­ger fet­ter Grie­che ist mehr wert als ein Dut­zend von ih­nen und hält sich au­ßer­dem, was man von den Qui­ri­ten nicht ge­ra­de sa­gen kann. – Doch wir wol­len mal Ih­ren Sau­ter­ne kos­ten.«

Bong­bong hat­te sich mitt­ler­wei­le vor­ge­nom­men, nach dem be­kann­ten nil ad­mira­ri zu han­deln, und be­müh­te sich, die ge­wünsch­ten Fla­schen her­bei­zu­ho­len. Doch wur­de er sich plötz­lich ei­nes son­der­ba­ren Ge­räu­sches be­wußt, das dem We­deln ei­nes Schwan­zes ähn­lich klang. Der Phi­lo­soph nahm je­doch, ob­wohl sol­ches Tun sehr un­ge­zo­gen war, wei­ter kei­ne No­tiz von dem­sel­ben – gab nur dem Hun­de ei­nen Tritt und be­fahl ihm, still zu sein.

Der Be­su­cher fuhr fort: »Ich fand, daß Ho­raz ähn­lich schmeck­te wie Aris­to­te­les. Wie Sie wis­sen, lie­be ich die Ab­wech­se­lung, Te­ren­ti­us konn­te ich kaum von Men­an­der un­ter­schei­den. Na­so er­kann­te ich mit gro­ßem Er­stau­nen als blo­ßen ver­klei­de­ten Ni­can­der. Vir­gi­li­us schmeck­te stark nach Theo­c­ri­tus. Mar­ti­al er­in­ner­te mich leb­haft an Ar­chi­lo­chus – und Ti­tus Li­vi­us war ganz und gar Po­ly­bi­us und kein an­de­rer.«

»Hi … köpp –«, er­wi­der­te Bong­bong, und Sei­ne Ma­jes­tät fuhr fort: »Wenn ich ein ›pen­chant‹ ha­be, Herr Bong­bong, so ist es das für ei­nen Phi­lo­so­phen. Doch las­sen Sie es sich ge­sagt sein, Herr, nicht je­der Teuf-, ich mei­ne: nicht je­der Herr weiß, wel­che Art von Phi­lo­so­phen er zu wäh­len hat. Die Lan­gen sind nicht gut, und die Bes­ten ha­ben oft, wenn man sie nicht ganz vor­sich­tig schält, et­was haut-goût von der Gal­le.«

»Schält?« – »Ich mei­ne: von den Kno­chen löst.«

»Was hal­ten Sie denn – hi … köpp – von den Ärz­ten?«

»Re­den Sie mir nicht von de­nen! üh! üh!« (Sei­ne Ma­jes­tät schien dem Er­bre­chen na­he zu sein.) »Ich kos­te­te bloß ein­mal ei­nen – den Schuft Hip­po­cra­tes! – er roch nach Asa­foe­ti­da: üh! üh! üh! Er­käl­te­te mich jäm­mer­lich, als ich ihn im Styx wusch; und nach all der Mü­he be­kam ich noch die Cho­le­ra mor­bus von ihm.«

»Der – hi … köpp – Elen­de!« schrie Bong­bong, »die­se – hi … köpp – Miß­ge­burt von Pil­len­schach­tel! –« Der Phi­lo­soph ließ ei­ne Trä­ne fal­len.

»Und zum Schluß«, fuhr der Be­su­cher fort, »zum Schluß, wenn ein Teu-, ein Herr le­ben will, muß er mehr Ta­len­te ha­ben, als eins oder zwei: Bei uns ist ein fet­tes Ge­sicht das An­zei­chen ei­nes ge­witz­ten Kop­fes.«

»Wie­so?«

»Nun, wir sind manch­mal wirk­lich in Pro­vi­ant­schwu­li­tä­ten. Sie müs­sen näm­lich wis­sen: In ei­nem so schwü­len Kli­ma, wie dem mei­ner Hei­mat, ist es oft un­mög­lich, ei­nen Geist län­ger als zwei oder drei Stun­den le­ben­dig zu er­hal­ten. Und wenn man ihn nach dem To­de nicht so­fort ein­pö­kelt (ein ge­pö­kel­ter Geist schmeckt nie gut), so – na, Sie ver­ste­hen! So rie­chen Sie! Man muß im­mer die Fäul­nis be­fürch­ten, wenn uns die See­len auf dem ge­wöhn­li­chen We­ge zu­ge­führt wer­den.«

»Hi … köpp – hi … köpp – du lie­ber Gott: Was fan­gen Sie denn dann an?«

Bei die­sen Wor­ten be­gann die ei­ser­ne Lam­pe sich mit ver­dop­pel­ter Schnel­lig­keit hin und her zu schwin­gen, wäh­rend der Teu­fel von sei­nem Sit­ze halb auf­sprang; mit ei­nem leich­ten Seuf­zer er­lang­te er je­doch sei­ne Ru­he wie­der und sag­te nur in lei­sem To­ne zu un­se­rem Hel­den: »Ich muß Ih­nen et­was sa­gen, Pe­ter Bong­bong: Sie dür­fen nicht mehr flu­chen!«

Der Wirt stürz­te als Zei­chen sei­ner Will­fäh­rig­keit die gan­ze Fla­sche hin­un­ter, wor­auf der Gast fort­fuhr: »Je nun! Wir fan­gen ver­schie­de­nes an. Die meis­ten von uns ver­hun­gern, ei­ni­ge hal­ten sich an das Ein­ge­pö­kel­te; ich kau­fe mei­ne Geis­ter viv­en­te cor­po­re und ha­be ge­fun­den, daß sie sich sehr gut hal­ten.«

»Aber der Kör­per? hi … köpp – Der Kör­per?«

»Der Kör­per? – der Kör­per? – Was soll der Kör­per? Ah, ich ver­ste­he. – Nun, der Kör­per hat bei dem Ge­schäf­te nichts zu tun. Ich schloß zeit mei­nes Le­bens schon zahl­lo­se Käu­fe der Art ab, oh­ne daß die Be­tei­lig­ten ir­gend­wel­che Un­be­quem­lich­kei­ten emp­fan­den. Ich kauf­te Kain und Nim­rod und Ne­ro und Ca­li­gu­la und Dio­ny­si­us und Pi­sis­tra­tus und – tau­send an­de­re, die wäh­rend ih­rer spä­te­ren Le­bens­jah­re nicht mehr wuß­ten, was es hieß, ei­ne See­le zu ha­ben, und doch wa­ren sie ei­ne Zier­de der Ge­sell­schaft, Au­ßer­dem kauf­te ich auch noch A …, Sie wis­sen schon, wen ich mei­ne, und ken­nen ihn so gut wie ich. Ist der nicht im Be­sit­ze all sei­ne kör­per­li­chen und geis­ti­gen Fä­hig­kei­ten? Gibt es je­man­den, der ein küh­ne­res Epi­gramm schreibt? Der geist­rei­cher ar­gu­men­tiert? Der – doch war­ten Sie, ich ha­be sei­nen Kon­trakt in der Ta­sche.«

Bei die­sen Wor­ten zog er ei­ne rot­le­der­ne Brief­ta­sche her­vor und ent­nahm ihr ei­ne An­zahl Pa­pie­re. Auf ei­ni­gen der­sel­ben er­hasch­te Bong­bong die Buch­sta­ben Mac­chi – Ma­za – Ro­besp – so­wie die Wor­te Ca­li­gu­la, Ge­or­ge, Eliza­beth. Sei­ne Ma­jes­tät er­griff end­lich ei­nen schma­len Per­ga­ment­strei­fen und las von dem­sel­ben ab:

In An­be­tracht ge­wis­ser geis­ti­ger Fä­hig­kei­ten, die nä­her zu be­nen­nen un­nö­tig ist, und in wei­te­rer Hin­sicht auf ein­tau­send Louis­dor ver­ma­che ich im Al­ter von ei­nem Jahr und ei­nem Mo­nat hier­mit dem Ei­gen­tü­mer die­ses Kon­trak­tes al­le mei­ne Rech­te und An­sprü­che auf den Schat­ten, den man mei­ne See­le nennt.

gez. A…

(Hier sprach Sei­ne Ma­jes­tät ei­nen Na­men aus, den noch un­ver­kenn­ba­rer an­zu­deu­ten, ich mich nicht für be­rech­tigt hal­te.)

»Ein ge­schei­ter Kerl«, mein­te er dann, »doch war er wie Sie, Herr Bong­bong, be­züg­lich der See­le in ei­nem Irr­tum be­fan­gen. Die See­le ein Schat­ten! Das fehl­te noch! Die See­le ein Schat­ten! ha! ha! ha! he! he! he! hi! hi! hi! hu! hu! hu! Den­ken Sie doch nur: ein zu Fricassée ge­mach­ter Schat­ten!«

»Den­ke man sich doch nur – hi … köpp – ei­nen zu Fricassée ge­mach­ten Schat­ten!« rief un­ser Held, des­sen geis­ti­ge Fä­hig­kei­ten durch die tie­fe Un­ter­hal­tung mit Sei­ner Ma­jes­tät noch be­deu­tend ge­schärft wor­den, laut aus.

»Den­ke man sich ei­nen – hi … köpp – fri­cas­sier­ten Schat­ten! Gott ver­damm‘ mich! – hi … köpp – Wenn ich ein sol­cher Ein­falts­pin­sel ge­we­sen wä­re! Mei­ne See­le –«

»Ih­re See­le, Herr Bong­bong?«

»Ja, Herr – hi … köpp – mei­ne See­le ist –«

»Was? Herr?«

»Kein Schat­ten! Ver­dammt nicht!«

»Wol­len Sie da­mit sa­gen –«

»Ja­wohl, Herr! Mei­ne See­le ist – hi … köpp –ja­wohl!« –

»Ich woll­te kei­nen An­spruch ma­chen –«

»Mei­ne See­le ist – hi … köpp – ganz be­son­ders ge­eig­net – hi … köpp – zu – «

»Zu? Herr?«

»Stew.«

»Ha!«

»Soufflée.«

»Eh?«

»Fricassée.«

»In der Tat!«

»Ra­gout und Fri­can­deau – und se­hen Sie her, al­ter Kerl, Sie sol­len – hi … köpp – mit mir ein Ge­schäft ma­chen.« Hier klapps­te der Phi­lo­soph Sei­ner Ma­jes­tät auf den Rü­cken.

»Ich den­ke nicht dar­an«, mein­te der Gast sehr ru­hig und er­hob sich von sei­nem Sit­ze. Der Me­ta­phy­si­ker starr­te ihn an.

»Ich bin mo­men­tan ver­sorgt«, mein­te Sei­ne Ma­jes­tät.

»Hi … köpp – was?« sag­te der Phi­lo­soph.

»Ha­be kein Ka­pi­tal frei­lie­gen –«

»Was?«

»Wä­re auch sehr un­eh­ren­haft –«

»Herr!«

»Vor­teil zu zie­hen –«

»Hi.. köpp –«

»– aus Ih­rer au­gen­blick­li­chen wi­der­wär­ti­gen, un­gent­lem­an­li­ken Ver­fas­sung.«

Bei die­sen Wor­ten ver­beug­te sich der Be­su­cher und emp­fahl sich. Wie? – das hat nie si­cher fest­ge­stellt wer­den kön­nen. Doch riß wie auf Ver­ab­re­dung die Ket­te, die von der De­cke her­ab­hing, und der Me­ta­phy­si­ker wur­de durch die her­ab­fal­len­de Lam­pe zu Bo­den ge­schmet­tert.

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