Neunzehntes Kapitel – Geheime Gesellschaften

Noch am selben Abend kehrte ich nach Boulogne zurück und erfuhr, daß laut Order des kommandierenden Generals in jedem Korps alle Soldaten, die als zweifelhafte Subjekte bekannt waren, sofort verhaftet und auf eines der zum Auslaufen bereitstehenden Schiffe gebracht werden sollten. Es war eine Art Presse, um die Armee zu reinigen und der Demoralisation, die beunruhigend zu werden anfing, ein Ende zu machen. Wenn ich unerkannt sein wollte, so blieb mir nichts übrig als mich von der „Revanche“ zu entfernen, denn der Reeder ersetzte die Verluste des letzten Kampfes auf unserem Kaper mit mehreren jener Leute, die der General loswerden wollte.

Jetzt glaubte ich ohne weitere Hindernisse Soldat werden zu können. Versehen mit den Papieren Lebels ließ ich mich in eine Kompagnie der Marine-Artillerie aufnehmen, die zu jener Zeit den Dienst an der Küste versah, und da Lebel ehemals bei dieser Waffe als Korporal gestanden hatte, so wurde ich bei der ersten Beförderung, das heißt, vierzehn Tage nach meinem Eintritt, zum Korporal ernannt. Ein anständiges Betragen und vollkommene Kenntnisse der Manöver, die ich als bewährter Artillerist besaß, brachten mir schnell die Gunst meiner Vorgesetzten ein.

Ich erfüllte meine Pflichten mit exemplarischer Pünktlichkeit. Drei Monate verstrichen, und ich verdiente nur Lob. Ich nahm mir auch vor, des Lobes wert zu sein, aber eine abenteuerliche Vergangenheit läßt sich nicht mit einem Schlage abbrechen. Eine verhängnisvolle Neigung, der ich wider Willen gehorchte, zog mich beständig zu Personen und Gegenständen hin, die es verhinderten, daß ich meines Schicksals Herr wurde. Dieser Neigung hatte ich es auch zu verdanken, daß ich, ohne in die Geheimgesellschaften aufgenommen zu sein, in ihre Mysterien eingeweiht wurde.

Gerade in Boulogne nahmen diese Gesellschaften ihren Ursprung. Die erste von ihnen war – wie auch Nodier[1] in seiner Geschichte der Philadelphen darüber sagen mag – die der Olympier, gegründet von einem gewissen Crombet aus Namur. Anfangs bestand sie nur aus Kadetten und Fähnrichen der Marine, dann aber nahm sie einen bedeutenden Umfang an, und Militärs aller Waffengattungen, besonders aber von der Artillerie, wurden ihre Mitglieder.

Crombet, der sehr jung war (er war erst Kadett erster Klasse) lehnte den Titel eines Oberhauptes der Olympier ab und trat in die Reihen der „Brüder“ ein, die einen „Meister“ erwählten und sich nach der Art der Freimaurergesellschaften konstituierten. Die Gesellschaft hatte noch keinen eigentlichen politischen Zweck, oder, wenn das doch der Fall war, so war es nur den maßgebenden Mitgliedern bekannt. Der vorgeschützte Zweck war gegenseitige Unterstützung beim Avancement: jeder Olympier, der vorrückte, mußte aus allen Kräften seinen Brüdern in niedereren Graden zum Avancement verhelfen. Zur Aufnahme war für die Angehörigen der Marine mindestens der Grad eines Kadetten zweiter Klasse notwendig; über den Kapitänsrang hinaus durften die Mitglieder nicht sein. Bei der Landarmee lagen die Grenzen vom Obersten bis zum Unteroffizier einschließlich. Nie hörte ich in den Versammlungen der Olympier Fragen erörtern, die sich auf Maßregeln der Regierung bezogen, aber man sprach dort viel von Gleichheit und Brüderlichkeit und hielt Reden, die zu den Grundsätzen des Kaisertums in starkem Gegensatz standen.

Um in die Gesellschaft der Olympier aufgenommen zu werden, mußten Proben von Mut, Begabung und Verschwiegenheit abgelegt werden. Verdienstvolle Militärs suchte man vor allem für die Gesellschaft zu gewinnen. Namentlich schätzte man Söhne sogenannter Patrioten, das heißt der Anhänger der Revolution, die sich gegen die Einrichtung des Kaisertums geäußert hatten und verfolgt worden waren. Zur Zeit des Kaisertums genügte es, zu einer unzufriedenen Familie zu gehören, um Zutritt zu bekommen.

Die Olympier entstanden einige Jahre früher als die Philadelphen, mit denen sie sich später vereinigten. Der Ursprung ihrer Gesellschaft ist um einige Jahre älter als die Krönung Napoleons. Es wird behauptet, daß sie sich zum erstenmal versammelten, als Admiral Truguet in Ungnade fiel, weil er gegen das lebenslängliche Konsulat gestimmt hatte.

Die Olympier mochten etwa zwei Jahre bestanden haben, ohne daß die Regierung sich um sie gekümmert hätte. 1806 schrieb endlich Devilliers, der Polizeikommissar von Boulogne, an den Minister Fouché nach Paris und berichtete von ihren Versammlungen. Der Minister antwortete, er danke dem Generalkommissar für seinen Eifer im Dienste des Kaisers, allein man habe schon lange die Olympier sowohl wie einige andere Gesellschaften dieser Art im Auge; die Regierung sei stark genug, um diese Art von Konspirationen nicht befürchten zu müssen; ferner könnten das auch nur Verschwörungen von Ideologen sein, um die der Kaiser sich nicht bekümmere, und allem Anschein nach seien die Olympier Träumer und ihre Versammlungen gehörten zu jenen freimaurerischen Kindereien, die zur Belustigung von Dummköpfen erfunden worden seien.

Diese Unbesorgtheit Fouchés war jedoch geheuchelt, denn kaum hatte er Devilliers Bericht empfangen, als er den jungen Grafen L. rufen ließ, der in die Mysterien fast aller Geheimgesellschaften von Europa eingeweiht war.

„Man schreibt mir aus Boulogne,“ sagte er zu ihm, „daß sich in der Armee eine Art geheimer Gesellschaft unter dem Namen ‚Olympier‘ gebildet hat; man teilt mir zwar nicht mit, welchen Zweck sie verfolgen, aber sie sollen ausgebreitete Verbindungen haben … Vielleicht stehen sie in Zusammenhang mit den Geheimversammlungen des Bernadotte oder der Frau von Staël … Es wäre ganz nützlich, wenn Sie sich unter die Olympier aufnehmen ließen; Sie werden mir über die Geheimnisse der Olympier berichten, und dann will ich sehen, welche Maßregeln zu ergreifen sind.“

Der Graf L. antwortete, die Mission sei sehr kitzlig; die Olympier nähmen wahrscheinlich niemanden auf, ohne sich vorher über den Kandidaten genau erkundigt zu haben; außerdem könne er ja, ohne Militär zu sein, gewiß nicht aufgenommen werden. Fouché dachte einen Augenblick über diese Einwände nach und sagte dann:

„Ich habe ein Mittel gefunden, um Sie schnell hineinzubringen. Sie gehen nach Genua: dort treffen Sie ein Detachement ligurischer Rekruten, die nach Boulogne abgehen sollen, um dem achten Artillerie-Regiment zu Fuß angegliedert zu werden. Darunter befindet sich ein gewisser Graf Boccardi, für den seine Familie keinen Ersatzmann hat finden können … Sie erbieten sich, die Stelle des edlen Genuesers einzunehmen, und um alle Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, lasse ich Ihnen ein Zeugnis ausstellen, wonach Sie unter dem Namen ‚Bertrand‘ allen Gesetzen der Rekrutierung Genüge leisten. Auf Grund dieses Schriftstückes werden Sie aufgenommen und reisen mit dem Detachement weiter. In Boulogne stellen Sie sich bei dem Oberst Aubry vor, der ein fanatischer Anhänger des Freimaurertums, des Illuminatenordens, der hermetischen Kunst usw. ist. Sie geben sich ihm zu erkennen, und da Sie in die höheren Grade aufgenommen sind, so wird er Ihnen seine Protektion nicht abschlagen. Sie können ihm dann hinsichtlich Ihrer Abstammung alle Eröffnungen machen, die Sie für nötig halten. Diese Mitteilungen werden zunächst das Mißtrauen schwächen, mit dem man sonst die Ersatzmänner zu behandeln pflegt; sie werden Ihnen sofort die Achtung der Vorgesetzten erwerben. Aber Sie müssen dabei die Meinung verbreiten, daß Sie aus Zwang Soldat geworden sind. Unter Ihrem wahren Namen seien Sie fortwährend Verfolgungen von seiten des Kaisertums ausgesetzt; um diesen zu entgehen, hätten Sie sich in einem Regiment versteckt. Das sei Ihre Geschichte: sie wird sich herumsprechen, und niemand wird daran zweifeln, daß Sie ein Opfer und ein Feind der kaiserlichen Regierung seien … Ich brauche Ihnen keine Einzelheiten vorzuschreiben … Das übrige macht sich von selbst … Übrigens verlasse ich mich ganz auf Ihre Intelligenz.“

Mit diesen Vorschriften ausgerüstet, reiste Graf L. nach Italien und kehrte bald darauf mit den ligurischen Rekruten wieder nach Frankreich zurück. Der Oberst Aubry empfing ihn wie einen Bruder, den man nach langer Trennung wiedersieht. Er dispensierte ihn von den Manövern und dem Exerzieren, versammelte zu seinem Empfang und ihm zu Ehren die Loge des Regiments, erweis ihm tausend Gefälligkeiten, erlaubte ihm, Zivilkleider zu tragen und behandelte ihn, mit einem Wort, mit der größten Auszeichnung.

In wenigen Tagen wußte die ganze Armee, daß Bertrand eine hochgestellte Persönlichkeit sei; man konnte ihm zwar noch nicht die Epauletten verleihen, aber man ernannte ihn zum Sergeanten, und die Offiziere vergaßen bei ihm allein, daß er einer niederen Stufe der militärischen Hierarchie angehörte und nahmen an einem vertraulichen Verkehr mit ihm keinen Anstand. Bertrand war der Abgott des Korps geworden; er hatte Geist, besaß eine gute Bildung, und man war geneigt, ihn noch geistvoller und gebildeter zu halten, als er in Wirklichkeit war. Es kam bald so weit, daß er sich mit einigen Olympiern anfreundete, und diese hielten es für eine besondere Ehre, ihn ihren Ordensbrüdern vorzustellen. Bertrand wurde aufgenommen, und kaum war es ihm gelungen, mit den Leitern des Olymps in Verbindung zu treten, so sandte er einen Rapport an den Polizeiminister.

Was ich hier von der Gesellschaft der Olympier und dem Herrn Bertrand erzähle, weiß ich von Bertrand selbst. Um die Wahrheit meiner Worte zu bekräftigen, wird es vielleicht überflüssig sein, zu erzählen, was ihn dazu bewogen hatte, mich zu seinem Vertrauten zu machen.

Nichts war in Boulogne häufiger als die Duellwut, von der selbst die friedlichen Niederländer auf der Flottille des Admirals Werhwel ergriffen waren. Da gab es in der Nähe des linken Lagers, am Fuße eines Hügels, ein kleines Gehölz, an dem man nie vorübergehen konnte, zu welcher Tagesstunde es auch sein mochte, ohne ein Dutzend Männer zu sehen, die in eine sogenannte Ehrensache verwickelt waren. An derselben Stelle fiel auch die berühmte Amazone, Fräulein Div… von dem Degen ihres ehemaligen Geliebten, des Obersten Camb…, der sie in ihren Männerkleidern nicht erkannt und eine Forderung von ihr angenommen hatte. Fräulein Div…, die er einer anderen wegen verlassen hatte, wollte von seiner Hand sterben.

Eines Tages, als ich am Lager vorbeiging und einen Blick auf diesen blutigen Schauplatz warf, bemerkte ich in der Nähe des kleinen Wäldchens zwei Menschen, von denen der eine auf den anderen losging, während dieser sich zurückzog. An ihren weißen Beinkleidern erkannte ich in ihnen Holländer. Ich blieb einen Augenblick stehen, um ihnen zuzusehen. Bald wich der Angreifende zurück, und dann kriegten sie es beide mit der Angst zu tun und wichen gleichzeitig zurück unter beständigem Säbelfuchteln. Dann bekam der eine wieder Mut, schwang seine Waffe nach dem Gegner und verfolgte ihn bis an den Rand eines Grabens, den der Gegner nicht überspringen konnte. Nun verschmähten die beiden Säbel, und es entspann sich ein Faustkampf, der endlich ihren Streit schlichtete. Ich amüsierte mich am Anblick dieses grotesken Zweikampfes, als ich auf einmal in der Nähe eines Bauerngutes, wohin wir öfters gingen, um eine besonders feine Suppe zu essen, zwei Menschen erblickte, die sich ihrer Oberkleider entledigt hatten und sich anschickten, ihre Degen zur Hand zu nehmen. Ihre Zeugen waren ein Oberquartiermeister vom zehnten Dragonerregiment und ein Artilleriequartiermeister.

Bald waren die Klingen gekreuzt. Der kleinere der beiden Kämpen, ein Kanoniersergeant, drang mit einem Ungestüm sondergleichen vor; nachdem er mindestens fünfzig Schritte vorgedrungen war, verschwand er mit einem Male so plötzlich, als ob sich die Erde unter ihm aufgetan hätte; ein schallendes Gelächter brach aus. Nach diesem Ausbruch der Lustigkeit kamen die Zeugen näher, und ich sah sie sich bücken. Voller Neugier trat ich auch hinzu und kam gerade noch recht, um den armen Teufel, dessen plötzliches Verschwinden mich so verwundert hatte, aus dem Loche ziehen zu helfen, das zur Aufnahme eines Schweinetroges bestimmt war. Er war beinahe ohnmächtig und vom Kopfe bis zu den Füßen mit Schmutz bedeckt; in der frischen Luft kam er bald wieder zur Besinnung, aber er wagte kaum zu atmen, er fürchtete, Mund und Augen zu öffnen, so schmutzig war die Flüssigkeit, in die er gefallen war. Die ersten Worte, die er in diesem traurigen Zustand vernahm, waren Spottworte. Ich war empört über diesen Mangel an Zartgefühl und schleuderte im Übermaß meines gerechten Unwillens dem Gegner des Opfers einen jener herausfordernden Blicke zu, die unter Soldaten keiner weiteren Erklärung bedürfen.

„Es ist recht,“ antwortete er mir, „ich erwarte dich jetzt gleich.“

Kaum stehe ich in Positur, so sehe ich auf dem Arm meines Gegners eine Figur tätowiert, die mir bekannt vorkommt: es ist ein Anker, um den eine Schlange sich windet.

„Ich sehe den Schwanz,“ rufe ich ihm zu, „gibt acht auf den Kopf!“ und mit diesem Zuruf treffe ich meinen Mann auf die rechte Brust. „Ich bin verwundet,“ sagt er, „war es auf den ersten Hieb?“

„Ja, es war auf den ersten Hieb,“ antwortete ich und beginne mein Hemd zu zerreißen, um seine Wunde zu trocknen. Ich mußte ihm die Brust entblößen, ich hatte wirklich die Stelle erraten, wo der Kopf der Schlange sich befand: sie stach ihm gleichsam in die Brust; hierher hatte ich gezielt.

Als er sah, wie ich abwechselnd bald dieses Zeichen, bald seine Züge musterte, wurde er etwas unruhig; ich beeilte mich ihn zu beruhigen, und flüsterte ihm ins Ohr:

„Ich weiß, wer du bist, aber fürchte nichts, ich bin verschwiegen.“

„Auch ich kenne dich,“ antwortete er mir, indem er mir die Hand drückte, „ich werde ebenfalls schweigen.“

Er war ein aus dem Zuchthaus von Toulon entsprungener Sträfling. Er sagte mir seinen angenommenen Namen und teilte mir mit, daß er Oberquartiermeister im zehnten Dragonerregiment sei, wo er durch sein luxuriöses Leben alle Offiziere des Regiments in den Schatten stelle. Unterdessen hatte sich der Sergeant gewaschen; keiner lachte mehr über ihn: alle fühlten den Wunsch nach Versöhnung. Und so zogen wir in die Kneipe „Zur goldenen Kanone“.

Erst gegen Abend trennte man sich. Der Oberquartiermeister versprach mir, mich aufzusuchen, und der Sergeant ließ nicht nach, bis ich ihn nach Hause begleitete.

Dieser Sergeant war kein anderer als der Herr Bertrand. Er bewohnte in der oberen Stadt eine feine Offizierswohnung. Als wir allein waren, bezeugte er mir seine Dankbarkeit mit der ganzen Wärme, deren ein Hasenfuß, den man aus großer Gefahr gerettet hat, in der Trunkenheit fähig ist. Er bot mir alle möglichen Dienste an, und als ich keinen davon annahm, rief er:

„Sie glauben vielleicht, daß ich nichts vermag; aber ich bin kein schlechter Protektor, mein Freund. Wenn ich jetzt auch bloß Unteroffizier bin, so geschieht es nur deshalb, weil ich nichts anderes sein will; ich habe keine Ambition, und alle Olympier sind genau so wie ich; sie machen sich nichts aus einer lumpigen Beförderung.“

Ich fragte, was die Olympier denn seien.

„Das sind Leute,“ antwortete er mir, „die die Freiheit anbeten und die Gleichheit verkündigen. Möchten Sie Olympier werden? Wenn Sie Lust haben, so bürge ich dafür, daß Sie aufgenommen werden.“

Ich lehnte aber dankend ab.

„Sie haben ganz recht,“ erwiderte er, indem er mir ein wirkliches Interesse zu bezeugen schien, „lassen Sie sich nicht aufnehmen, denn das alles wird ein schlimmes Ende nehmen.“

Und dann erzählte er mir über die Olympier all das, was ich in diesen meinen Memoiren verzeichnet habe. Da er noch unter dem Einfluß des mitteilsam machenden Champagners stand, eröffnete er mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit die Mission, die er in Boulogne erfüllte.

Nach dieser ersten Unterredung sah ich Herrn Bertrand noch öfter, da er noch einige Zeit in Boulogne auf seinem Beobachterposten blieb. Endlich kam die Stunde, da er sich für genügend unterrichtet halten konnte und um einen Monat Urlaub bat, den er auch erhielt: er sollte, wie er sagte, eine beträchtliche Erbschaft in Empfang nehmen. Aber der Monat verstrich, und Bertrand kam nicht zurück. Es verbreitete sich das Gerücht, daß er eine Summe von zwölftausend Franken, die ihm Oberst Aubry anvertraut hatte, mitgenommen habe, für die er eine Equipage und Pferde mitbringen sollte; eine andere Summe,die für Einkäufe für das Regiment bestimmt war, war ebenso in Bertrands Tasche verschwunden. Man erfuhr, daß er in Paris Rue Notre-Dames-des-Victoires im Hotel Milan abgestiegen war und einen ungeheuren Aufwand trieb.

Alle diese Einzelheiten ließen eine Mystifikation vermuten, über die die Genarrten nicht einmal zu klagen sich getrauten. Es wurde nur bekannt gegeben, daß Herr Bertrand verschwunden sei: er wurde verklagt und als Deserteur zu fünf Jahren öffentlicher Arbeit verurteilt. Kurze Zeit darauf kam der Befehl, die Häupter der Olympier zu verhaften und die Gesellschaft aufzulösen. Allein dieser Befehl konnte nur zum Teil ausgeführt werden: als die Hauptbeteiligen erfuhren, daß die Regierung gegen sie vorgehe und sie in die Kasematten von Vincennes oder in ein anderes Staatsgefängnis werfen wolle, zogen sie den Tod einer so traurigen Existenz vor. An einem Tage fanden fünf Selbstmorde statt. In Boulogne war man über das Zusammentreffen all dieser Geschehnisse aufs höchste erstaunt.

Einige Personen glaubten das Sonderbare an den Vorfällen dadurch zu erklären, daß selten ein Selbstmord, der bekannt wird, nicht zwei oder drei andere Selbstmorde zur Folge hat. Im großen und ganzen aber wußte das Publikum um so weniger, woran es sich halten sollte, als die Polizei, um alles zu vertuschen, was von Opposition gegen das Kaisertum sprach, die seltsamsten Gerüchte in Umlauf brachte; die Vorsichtsmaßregeln wurden dabei so gut getroffen, daß der Name „Olympier“ nicht einmal im Lager gefallen war. Indessen lag die Ursache all dieser tragischen Begebenheiten in den Angaben des Herrn Bertrand. Ohne Zweifel wurde er auch auf irgendeine Weise belohnt.

Kurze Zeit nach dem Verschwinden des Herrn Bertrand wurde meine Kompagnie nach Saint-Léonard, einem kleinen Dorfe, eine Meile von Boulogne, versetzt. Dort beschränkte sich unsere Aufgabe auf die Überwachung eines Pulvermagazins, in dem eine große Menge Kriegsmunition aufgestapelt war. Der Dienst war nicht beschwerlich, aber der Posten galt für gefährlich: einige Schildwachen waren ermordet worden, und man nahm an, die Engländer gingen darauf aus, das Depot in die Luft zu sprengen. Einige ähnliche Attentate an verschiedenen Punkten in den Dünen ließen hierüber keinen Zweifel. Wir hatten also Grund genug zu einer besonderen Wachsamkeit.

In einer Nacht, als ich gerade Wache hatte, werden wir plötzlich durch einen Flintenschuß geweckt: sofort ist der ganze Posten auf den Beinen. Zuerst lasse ich, wie üblich, die Schildwache ablösen: es war ein Rekrut, dessen Tapferkeit mir nicht viel Vertrauen einflößte. Ich frage ihn aus, und aus seinen Antworten schließe ich, daß er blinden Lärm geschlagen hat. Ich untersuche das Pulvermagazin, eine ehemalige Kirche, von außen; ich lasse die Laufgräben absuchen: nichts ist zu sehen, nirgends ist die Spur von menschlichen Schritten zu finden. Überzeugt, daß es falscher Lärm war, weise ich den Soldaten zurecht und drohe ihm mit Arrest. Indessen frage ich ihn bei meiner Rückkehr in die Wachtstube aufs neue aus, und der bestimmte Ton, mit dem er behauptet, jemanden gesehen zu haben, und die Einzelheiten, die er mir angibt, lassen mich wieder glauben, daß seine Furcht nicht unberechtigt war. Ich werde von einer Ahnung ergriffen; ich gehe wieder hinaus und begebe mich zum zweitenmal nach dem Pulvermagazin, dessen Tür ich schon geöffnet finde. Ich reiße sie auf und gleich beim Eintritt wird mein Blick von dem schwachen Schein eines Lichtes überrascht, das zwischen zwei hohen Reihen von Patronenkisten aufzusteigen scheint. Schnell durcheile ich diese Art von Gang, an dessen Ende sehe ich … eine brennende Lampe unter einer Kiste, die an die andern anstößt. Die Flamme züngelt bereits am Tannenholz, und schon verbreitet sich ein Harzgeruch. Es ist kein Augenblick zu verlieren; ohne zu zögern lösche ich die Lampe, stürze die Kiste um und lösche den Rest des Brandes mit meinem Urin. Die nun eingetretene totale Dunkelheit garantierte mir, daß ich den Brand gelöscht hatte. Aber ich beruhigte mich erst, als der Geruch gänzlich verschwunden war.

Wer war der Brandstifter? Ich wußte es nicht, aber ich hegte starken Verdacht gegen den Magazinaufseher, und um die Wahrheit zu erfahren, begab ich mich auf der Stelle in seine Wohnung. Seine Frau war allein anwesend; sie sagte, ihr Mann sei durch Geschäfte in Boulogne aufgehalten worden und dort über Nacht geblieben; am nächsten Morgen würde er wieder zu Hause sein. Ich verlangte die Schlüssel zum Pulvermagazin, er hatte sie mitgenommen. Dieses Fehlen der Schlüssel überzeugte mich davon, daß er der Täter war. Immerhin kam ich, bevor ich die Sache meldete, um zehn Uhr noch einmal in sein Haus zurück, um mich zu vergewissern, daß er noch nicht da sei; er war noch nicht zurückgekommen.

Die Inventuraufnahme, die noch an demselben Tage vorgenommen wurde, ergab, daß der Aufseher das größte Interesse daran haben mußte, das ihm anvertraute Magazin zu vernichten: das war ja das einzige Mittel, die beträchtlichen Diebstähle, die er begangen hatte, zu verdecken. Vierzig Tage vergingen ohne jede Nachricht über diesen Menschen; endlich fanden Schnitter in einem Kornfelde seine Leiche; eine Pistole lag neben ihm.

Dank meiner Geistesgegenwart war also die Explosion des Pulvermagazins verhütet worden; ich wurde durch eine Beförderung belohnt. Ich wurde zum Sergeanten ernannt, und der kommandierende General, der mich vor sich kommen ließ, versprach mir, mich dem Minister zu empfehlen. Da ich mich auf sicherem Boden zu befinden glaubte und meinen Weg machen wollte, so gab ich mir alle Mühe, dem Lebel die schlimmen Angewohnheiten Vidocqs abzugewöhnen, und wenn die Notwendigkeit, bei der Proviantverteilung anwesend zu sein, mich nicht von Zeit zu Zeit nach Boulogne gerufen hätte, so wäre ich bald ein gemachter Mann gewesen. Aber jedesmal, wenn ich in die Stadt kam, machte ich einen Besuch bei dem Dragoner-Oberquartiermeister, gegen den ich Bertrand verteidigt hatte; nicht weil er es verlangt hätte, aber ich fühlte die Notwendigkeit, Rücksicht auf ihn zu nehmen. Dann war jedesmal der Tag einem Saufgelage gewidmet, und wider meinen Willen verschob ich meine Reformpläne stets aufs neue.

Unter dem Vorgeben, ihm sei die Erbschaft eines Onkels, eines Senators, zugesichert, führte mein alter Zuchthausgenosse ein Leben in Saus und Braus. Der Kredit, den er in seiner Eigenschaft als Erbe genoß, war in gewisser Hinsicht grenzenlos. Es gab keinen reichen Boulogner Bürger, der es sich nicht zur Ehre rechnete, eine so vornehme Person in sein Haus zu ziehen. Die ehrgeizigsten Papas wünschten nichts sehnlicher, als ihn zum Schwiegersohn zu haben, und die jungen Mädchen rissen sich um ihn; so hatte er das Privileg auf den Beutel der einen, und die Gefälligkeit der anderen. Er hatte eine eines Obersten würdige Equipage, Hunde, Pferde, Diener: er spielte den großen Herrn und besaß im höchsten Maße die Fähigkeit, den Leuten Sand in die Augen zu streuen und sich wichtig zu tun. Das ging so weit, daß die Offiziere selbst, die sonst auf die Vorrechte der Epauletten so dumm eifersüchtig sind, es ganz natürlich fanden, daß er sie überstrahlte. Anderswo als in Boulogne wäre dieser Abenteurer sicher nur zu bald als Hochstapler entlarvt worden, denn er hatte nicht die geringste Erziehung genossen; aber in einer Stadt wo die neu entstandene Bürgerschaft von der guten Gesellschaft noch nichts als die Kleider besaß, war es leicht, aufzuschneiden.

Der wirkliche Name des Oberquartiermeisters war Fessard, aber im Bagno kannte man ihn nur unter dem Namen Hippolyt. Er stammte, glaube ich, aus der unteren Normandie: mit seinem freimütigen Wesen, einem offenherzigen Gesicht und dem windigen Benehmen eines jungen Wildfangs verband er den boshaften Charakter, den die bösen Zungen den Bewohnern von Domfront nachsagen; er war, mit einem Worte, ein geriebener Junge und verstand es großartig, das Vertrauen seiner Nächsten zu gewinnen. Hätte er einen flecken Land in seiner Heimat besessen, so hätte ihm das Gelegenheit zu tausend Prozessen geboten und er würde sein Glück auf dem Untergang seiner Nachbarn gegründet haben; aber Hippolyt besaß gar nichts, und da er nicht Querulant werden konnte, wurde er Gauner, dann Fälscher, und dann … aber das wird man noch sehen.

Jedesmal, wenn ich nach der Stadt kam, lud mich Hippolyt zum Essen ein. Eines Tages, zwischen Obst und Käse, sagte er zu mir:

„Weißt du, ich bewundere dich eigentlich. Im Lager leben als Einsiedler, sich mit dem Vorgeschriebenen begnügen, nur zweiundzwanzig Sous tägliches Kostgeld haben – ich begreife nicht, wie man sich zu solchen Verhältnissen verurteilen kann. Was mich anbetrifft, so würde ich lieber sterben mögen. Aber du treibst deine Streiche im stillen, und hast gewiß noch irgendwelche Einnahmequellen.“

Ich antwortete ihm, daß mein Sold mir genüge, außerdem sei ich ja genährt und gekleidet, und mir fehle nichts.

„Alle Achtung!“ rief er. „Aber es gibt ja auch hier Langfinger, und hast gewiß schon von der Mondarmee sprechen hören. Du solltest dich darin aufnehmen lassen. Wenn du willst, kann ich dir einen Bezirk empfehlen: du könntest die Umgegend von Saint-Léonard ausbeuten.“

Ich wußte, daß die sogenannte Mondarmee eine Verbrecherbande war, deren Anführer sich bis dahin den Nachforschungen der Polizei entzogen hatten. Diese Banditen, die Mord und Raub in der Umgebung von zehn Meilen organisiert hatten, gehörten allen Regimentern an. In der Nacht trieben sie sich im Felde herum oder lagerten auf den Landstraßen, machten falsche Runden und falsche Patrouillen und hielten jeden an, der die geringste Beute versprechen ließ. Um keinen Hindernissen beim Umherziehen zu begegnen, hatten sie Uniformen aller Grade zu ihrer Verfügung. Je nach Bedarf waren sie Hauptmann, Oberst, General, und gelegentlich machten sie auch Gebrauch von der Parole und dem Paßwort, die ihnen ihre Vertrauten im Generalstab vierzehn Tage im voraus mitteilten.

Nach dem, was ich wußte, mußte mich Hippolyts Vorschlag erschrecken: entweder er war einer der Anführer der Mondarmee oder einer der Geheimagenten, die von der Polizei abgeschickt waren, um die Mondarmee aufzulösen, oder vielleicht sogar beides zugleich … Meine Situation ihm gegenüber war schwierig … Noch einmal sollte sich der Knoten meines Schicksals verwickeln … Ich konnte mich nicht mehr wie in Lyon durch Denunziation des Verführers aus der Affäre ziehen. Was könnte mir die Denunziation dienen, im Fall Hippolyt ein Agent war? Ich beschränkte mich darauf, daß ich seinen Vorschlag zurückwies und ihm mit Bestimmtheit erklärte, daß ich ein ehrlicher Mann bleiben wolle.

„Du merkst nicht, daß ich scherze,“ sagte er darauf zu mir, „und nimmst die Sache ernst: ich wollte dich nur auf die Probe stellen. Ich bin entzückt, mein Freund, diese Gesinnung bei dir zu finden. Du bist ganz wie ich,“ fügte er hinzu, „auch ich bin auf den guten Weg zurückgekehrt, kein Teufel wird mich jetzt mehr davon abbringen.“

Dann lenkte er das Gespräch auf einen anderen Gegenstand, und von der Mondarmee war nicht mehr die Rede.

Acht Tage nach dieser Unterredung mit Hippolyt verurteilte mich mein Hauptmann bei der Inspektion zu vierundzwanzig Stunden Stubenarrest wegen eines Fleckens, den er auf meinem Pulverhorn bemerkt zu haben glaubte. So sehr ich meine Augen anstrengte, ich konnte diesen verfluchten Flecken nicht entdecken. Wie dem auch sei, ich ging in den Arrest ohne zu murren: vierundzwanzig Stunden sind bald vorbei! Am folgenden Tage, um zwölf Uhr mittags, sollte meine Strafe zu Ende sein … Um fünf Uhr morgens vernehme ich Pferdegetrappel und höre folgende Worte:

„Wer da?“

„Frankreich!“

„Welches Regiment?“

„Kaiserliche Gendarmerie.“

Bei dem Worte Gendarmerie erfaßte mich ein unwillkürliches Zittern. Plötzlich geht die Tür auf, und man ruft „Vidocq“. Nie später mochte dieser Name, wenn er plötzlich unter einen Haufen von Verbrechern gerufen wurde, sie mehr erschreckt haben, als mich in jenem Augenblick.

„Folge uns, vorwärts!“ ruft mir ein Wachtmeister zu, und um sicher zu sein, daß ich nicht entwische, läßt er mich fesseln. Man führte mich sogleich ins Gefängnis ab, wo ich mir ein Bett auf eigene Kosten geben ließ. Ich fand dort zahlreiche und gute Gesellschaft.

„Sagte ich’s nicht?“ rief bei meinem Eintritt ein Soldat von der Artillerie, den ich seiner Aussprache nach als einen Piemontesen erkannte, „das ganze Lager wird noch herkommen … Ich wette meinen Kopf darauf, daß der gottverdammte Oberquartiermeister auch diesem den Streich gespielt hat. Wird man denn dem Schurken nicht die Fresse einschlagen?“

„Zuerst finde ihn, diesen Oberquartiermeister,“ unterbrach ihn ein zweiter, der mir ebenfalls zu den Neuangekommenen zu gehören schien. „Wenn er gut zu Fuß ist, so muß er schon weit sein seit voriger Woche, da er sich aus dem Staube gemacht hat. Immerhin, gesteht, Kameraden, es ist ein feiner Spitzbub. In weniger als drei Monaten vierzigtausend Franken Schulden in der Stadt! Das heißt Glück! Und die vielen Kinder, die er dabei gemacht hat … Was die betrifft, so möchte ich nicht für die verantwortlich sein … Sechs Mädchen sind schwanger, aus den besten Familien!! Sie glaubten, ein fabelhaftes Glück sei ihnen beschert … nun sind sie die Lackierten!“

„Ja, ja,“ rief auch der Wächter, der gerade dabei war, mein Bett zu machen, „der hat schönes Unheil angerichtet, dieses Herrchen! Wehe ihm, wenn man ihn kriegt. Er ist als Deserteur verurteilt. Man wird ihn schon noch einfangen.“

„Das ist noch die Frage,“ meinte ich, „man wird ihn genau so wenig einfangen, wie man Herrn Bertrand eingefangen hat …“

Man mußte übrigens blind sein, um nicht in Hippolyt den Urheber unserer Verhaftung zu sehen. Was mich anbetrifft, so konnte ich mich nicht darüber täuschen, denn er war in Boulogne die einzige Person, die wußte, daß ich ein entflohener Zuchthaussträfling war.

Einige Militärs von verschiedenen Waffengattungen mußten wider ihren Willen in die Zelle gesperrt werden, in der die Anführer der Mondarmee sich befanden. Selten bietet das Gefängnis einer so kleinen Stadt ein so seltsames Gemisch von Arrestanten. Ich war wohl der einzige, der Fluchtpläne schmiedete, aber ich ließ mir nichts merken und heuchelte die Sorglosigkeit selbst, so daß man glauben konnte, das Gefängnis sei mein eigentliches Element, und jeder war überzeugt, ich fühle mich wie der Fisch im Wasser. Ich betrank mich jedoch nur ein einziges Mal. In der Nacht, als alle schnarchten, verspürte ich gegen zwei Uhr einen höllischen Durst, als ob ich Feuer im Leibe hätte. Ich stehe auf und gehe noch ganz schlaftrunken ans Fenster. Ich will trinken. Verdammter Irrtum! anstatt in den Wasserkrug tauche ich mein Gefäß in den Ausgußzuber. Ich bin wie vergiftet. Bis zum Tagesanbruch hatte ich die furchtbarsten Magenkrämpfe. Da kommt ein Wächter und ruft die Gefangenen zum Frondienst. Ich benutze die Gelegenheit, frische Luft zu schöpfen, – vielleicht wird es meine Schmerzen etwas erleichtern. Ich erbiete mich, an Stelle eines Seeräubers zu arbeiten, dessen Kleider ich anziehe. Im Hofe begegne ich einem Unteroffizier, den ich kenne, mit dem Mantel über dem Arm. Er erzählt mir, daß er Lärm im Theater gemacht habe und zu einem Monat Gefängnis verurteilt sei; nun komme er, um sich selbst einzusperren.

„In diesem Fall,“ sagte ich zu ihm, „kannst du deinen Dienst gleich antreten. Da ist der Eimer.“

Der Unteroffizier war damit einverstanden, und während er sich an die Arbeit machte, ging ich keck an der Schildwache vorbei, die meiner nicht achtete.

Kaum war ich außerhalb des Gefängnisses, so lief ich querfeldein und hielt erst an der Brücke von Brique, in einer kleinen Schlucht, an, um einen Augenblick über meine Lage nachzudenken. Zuerst hatte ich die Idee, nach Calais zurückzukehren, aber mein böser Stern bewog mich, nach Arras zu gehen. Noch am selben Abend schlief ich in einer Hütte, die ein Unterkunftsort der Fischer war.

Ohne Zwischenfälle kam ich nach Béthune; ich wollte bei einem alten Kameraden vom Regiment übernachten. Ich wurde auch gut aufgenommen, aber so vorsichtig man sein mag, man ist nie auf unvorhergesehene Fälle gefaßt. Ich hielt die Gastfreundschaft eines Kameraden für besser als ein Gasthaus, aber ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn mein Freund hatte sich vor kurzem verheiratet und der Bruder seiner Frau war einer jener Eigenbrödler, deren Seelen sich aus dem Ruhm nichts machen, und die dem Lande nur den Frieden wünschen. Daraus folgte natürlich, daß das von mir gewählte Domizil, wie die Wohnungen aller Verwandten des jungen Mannes, häufigen Besuch von Herren von der Gendarmerie enthielt. Die kamen denn auch richtig lange vor Tagesanbruch und verlangten ohne Rücksicht auf meinen Schlaf meine Papiere. Da ich keinen Paß vorzeigen konnte, versuchte ich sie mit Erklärungen abzufinden, – aber es war verlorene Liebesmühe. Der Wachtmeister musterte mich einen Augenblick und rief dann auf einmal:

„Ich irr’ mich doch nicht, er ist es wirklich! Ich habe ja den Kerl in Arras gesehen – es ist Vidocq!“

Ich mußte aufstehen, und eine Viertelstunde später befand ich mich im Gefängnis von Béthune.

Aber mein Aufenthalt in Béthune dauerte nicht lange: gleich am folgenden Tage wurde ich unter guter Bedeckung nach Douai weitertransportiert.

* * *

↑ Histoire des Sociétés secrètes de d’armée, et des conspirations militaires qui ont eu pour Object la destruction du gouvernement de Bonaparte, 2. Auflage, bei Gide fils, rue Saint-Marc No. 20 Paris. Anmerkung von Vidocq.

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