Neunundzwanzigstes Kapitel – Ein wohlkonservierter Sechziger

Man sieht, welche Unannehmlichkeiten mir die Untreue eines Agenten verursachte. Ich wußte schon seit langem, daß ein Geheimnis nie besser aufgehoben ist, als wenn man es für sich behält; aber die traurige Erfahrung hatte mich ebenso gelehrt, daß ich möglichst auch allein handeln müsse, und das tat ich denn auch bei einer, wie man sehen wird, sehr wichtigen Angelegenheit.

Zwei Galeerensträflinge, Goreau und Florentin, auch Chatelain genannt, die schon mehrmals verurteilt worden waren, befanden sich wieder einmal in Bicêtre als unverbesserliche Diebe. Des Aufenthalts in diesen Grüften, wo man wie lebendig begraben ist, müde, schrieben sie an Henry einen Brief, in dem sie sich erboten, wichtige Mitteilungen zu machen; auf Grund dieser Mitteilungen könnte man mehrere ihrer Kameraden fassen, die in Paris täglich Diebstähle begingen.

Als der gewandteste und gefährlichste unter ihnen wurde ein gewisser Fossard bezeichnet, ein Mann, der zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt und bereits mehrmals aus den verschiedenen Zuchthäusern entflohen war.

Der einzige Anhaltspunkt, den mir Henry über den Fall Fossard geben konnte, lautete folgendermaßen:

„Fossard wohnt in Paris in einer Straße, die von den Markthallen nach einem Boulevard führt, das heißt, zwischen der Rue Comtesse-d’Artois und der Rue Poissonière, hinter der Rue Montorgueil. Es ist nicht bekannt, in welcher Etage er wohnt, aber man kann seine Fenster an gelbseidenen, gestickten Musselinegardinen erkennen. In demselben Hause wohnt eine kleine bucklige Schneiderin, die mit der Frauensperson befreundet ist, mit der Fossard lebt.“

Wie man sieht, war diese Angabe nicht so durchaus genau, daß ich direkt aufs Ziel hätte losgehen können.

Ich wußte nicht, womit ich beginnen sollte. Da ich aber voraussah, daß ich es in diese Fall hauptsächlich mit Frauen aus dem Volke zu tun haben würde, so war ich mir über die Art meiner Verkleidung sofort im klaren. Es war selbstverständlich, daß ich wie ein ehrwürdiger Herr aussehen müßte. Ein paar künstliche Runzeln, ein Haarzopf, eine Halskrause, ein dicker Stock mit goldenem Knauf, ein dreieckiger Hut, Buckeln und passender Rock und Beinkleid machten aus mir einen jener Bürger von sechzig Jahren, von denen alle alte Schachteln finden, sie seien „gut erhalten“. Ich war fest überzeugt, daß alle Buckligen auf mich fliegen würden, und zudem sah ich so bieder aus, daß es keinem einfallen würde, mich anzuschwindeln.

In dieser Verkleidung durchwandelte ich die Straße, die Nase hoch in der Luft, nach jeder farbigen Gardine spähend. Ich war so in meine Beobachtungen versunken, daß ich für alles rings um mich taub und blind war. Wäre ich etwas weniger beleibt gewesen, so hätte man mich leicht für einen Metaphysiker halten können oder für einen Poeten, der in der Region der Schornsteine einen Vers sucht. Zwanzigmal lief ich in Gefahr, überfahren zu werden, von allen Seiten hörte ich „Achtung!“ „Achtung!“

So vergingen einige Tage, ohne daß ich auch nur den Schatten meines Gegenstandes fand. Ich fühlte, daß ich ein Höllengewerbe ausübte, jeden Abend war ich wie gerädert, jeden Morgen mußte ich ganz von vorn anfangen. Dieses Manövers müde griff ich endlich zu einem anderen Mittel.

Ich hatte die Beobachtung gemacht, daß Bucklige im allgemeinen sehr schwatzhaft und neugierig sind. Sie sind die Klatschbasen ihres Viertels: nichts passiert, ohne daß sie’s wüßten. Diese Tatasache führte mich zu dem Schluß, daß die von mir gesuchte Bucklige es sich gewiß nicht nehmen ließ, bei der Milchfrau, beim Bäcker, bei der Gemüsefrau, beim Krämer oder in der Spezereihandlung ein kleines Plauderstündchen abzuhalten. Ich beschloß demnach, diese Stätten des Klatsches möglichst zu überwachen.

Aber welcher Milchfrau mochte meine Bucklige den Vorzug geben? Sicherlich doch derjenigen, die vielleicht nicht am nächsten lag, aber die über den größten Vorrat an Klatsch und Stadtneuigkeiten verfügte. Das Geschäft an der Ecke der Rue Thévenot schien mir diese doppelte Tugend in sich zu vereinigen: die Frau hatte auch eine Riesenmenge kleiner Töpfchen um sich stehen, und inmitten ihres zahlreichen Kreises hörte sie nicht auf, zu schwatzen und zu bedienen. Ich nahm mir vor, sie nicht aus dem Auge zu verlieren.

Ich lag schon den zweiten Vormittag auf der Lauer und wartete voll Ungeduld auf den weiblichen Äsop, aber da kamen lauter junge Mädchen von schlanker Statur in zierlichen Morgenkleidern, alle gerade wie ein lateinisches I. Ich war der Verzweiflung nahe … Endlich erscheint mein Stern am Horizont. Es ist das Urbild der Buckligen, die Venus der Verwachsenen, Gott, wie reizend war sie, wie herrlich gekrümmt war der auffallendste Teil ihres Signalements! Dieses übernatürliche oder vielmehr außernatürliche Wesen trat in den Milchladen ein, plauderte da, wie ich erwartet hatte, ein Weilchen, und holte sich ihre Sahne, dann ging sie beim Spezereihändler vorbei, dann blieb sie einen Augenblick bei der Gekrösehändlerin, die ihr ein Stückchen Lunge, wahrscheinlich für ihre Katze, gab, darauf lenkte sie ihre Schritte nach der Rue Petit-Carreau und verschwand in einem Hause, in deren unterer Etage ein Siebmacher wohnte. Ich erhob meine Blicke zu den Fenstern, jedoch die gelben Gardinen, nach denen ich schmachtete, waren nicht zu sehen. Ich sagte mir aber mit Recht, daß Gardinen, welche Farbe sie auch haben mochten, leichter verrückbar von ihrem Platze seien als ein angeborener Buckel, und beschloß also, mich nicht eher zurückzuziehen, als bis ich eine Audienz bei dem kleinen Ungetüm gehabt habe, dessen Anblick mich dermaßen erfreute.

Ich stieg daher die Treppe hinauf. Im Zwischenstock fragte ich, wo hier eine kleine Dame wohne, die ein klein wenig bucklig sei.

„Sie meinen wohl die Schneiderin?“ antwortete man mir mit Gelächter.

„Ja, ich suche die Schneiderin, sie hat eine etwas übertriebene Schulter.“

Man lacht von neuem und weist mich in die dritte Etage nach vorne. Man bezeichnet mir die Tür, ich klopfe, es wird geöffnet: es ist die Bucklige selber. Nach den üblichen Entschuldigungen über den ungelegenen Besuch bitte ich sie, mir eine kleine Unterredungen zu gewähren; ich füge noch hinzu, daß ich sie in einer persönlichen Angelegenheit sprechen möchte.

„Gnädiges Fräulein,“ beginne ich mit einer gewissen Feierlichkeit, nachdem sie mich vor sich hatte Platz nehmen lassen, „Sie kennen den Grund nicht, der mich hierher führt; wenn Sie ihn kannten, würde Ihnen vielleicht mein Schritt einiges Interesse einflößen.“

Die Bucklige bildete sich ein, daß ich ihr eine Liebeserklärung machen wollte. Sie wurde ganz rot, und ihr Blick belebte sich, so krampfhaft sie auch die Augen niederschlug. Ich fuhr fort:

„Sie werden sich gewiß wundern, daß man in meinem Alter in Liebe entbrannt sein kann, wie mit zwanzig Jahren.“

„Aber, mein Herr, Sie sind ja so jugendlich,“ rief die liebenswürdige Bucklige. Ich wollte sie nicht weiter auf die Folter spannen, und sagte:

„Ich bin auch sonst ganz gesund, aber nicht darum handelt es sich. Sie wissen wohl, daß in Paris häufig Mann und Frau zusammenleben, die nicht miteinander verheiratet sind …“

„Für was halten Sie mich denn, mein Herr, daß Sie es wagen, mir einen solchen Vorschlag zu machen?“ rief die Bucklige, ohne das Ende meines Satzes abzuwarten. Ich mußte über das Mißverständnis lächeln.

„Ich will Ihnen keine unmoralischen Vorschläge machen,“ entgegne ich, „ich möchte nur von Ihnen Auskunft über eine gewisse Dame haben, die in diesem Hause wohnen soll, zusammen mit einem Herrn, den sie für ihren Gatten ausgibt.“

„Ich kenne keine solche Dame,“ antwortete die Bucklige trocken.

Nun beschrieb ich ihr „grosso modo“ Fossard und seine Geliebte, Fräulein Tonneau.

„Ja, ich kenne ihn,“ sagte sie dann, „ein Mann, ziemlich von Ihrer Größe und ihrer Figur, so gegen dreißig oder zweiunddreißig, ein hübscher Mensch. Die Dame ist eine pikante Brünette mit schönen Augen, hübschen Zähnen, einem breiten Mund, entzückenden Wimpern und einem kleinen Schnurrbärtchen; sie hat ein Stupsnäschen, aber sie sieht recht nett und bescheiden aus. Ja, die haben hier allerdings gewohnt, aber sie sind erst vor kurzem ausgezogen.“

Ich bat sie, mir ihre neue Adresse zu sagen. Als sie sagte, sie wüßte sie nicht, begann ich weinend sie anzuflehen, mir das unglückliche Geschöpf wiederfinden zu helfen, das ich trotz ihrer Treulosigkeit immer noch liebte.

Die Schneiderin war für die Tränen, die ich vergoß, nicht unempfindlich; sie wurde ganz gerührt, ich sparte nicht mit pathetischen Ausdrücken.

„Ach! Ihre Untreue tötet mich! Haben Sie Mitleid mit einem armen Ehemann, ich beschwöre Sie. Verheimlichen Sie mir ihre Adresse nicht, und ich verdanke Ihnen mehr als mein Leben.“

Bucklige Mädchen sind gefühlvolle Wesen, zudem ist ein Mann in ihren Augen ein kostbares Kleinod; da sie keinen bekommen können, so begreifen sie nicht, wie man untreu sein könne, außerdem hatte meine Schneiderin einen wahren Abscheu vor dem Ehebruch. Sie bedauerte mich aufrichtig und wünschte nichts mehr, als mir nützlich zu sein.

„Leider,“ sagte sie, „wurde ihr Umzug von zwei Dienstleuten aus einem anderen Viertel besorgt. Ich weiß absolut nicht, wo sie hingekommen sind und was aus ihnen geworden ist. Aber vielleicht fragen Sie den Hauswirt?“

Der gute Wille dieser Frau war unzweifelhaft. Ich ging zum Wirt, er konnte mir nur soviel sagen, daß ihm die Miete pünktlich bezahlt worden war, und daß kein Grund zur Beschwerde vorlag.

Außer der Gewißheit, die alte Wohnung Fossards entdeckt zu haben, war ich also nicht viel weiter gekommen. Aber dennoch wollte ich die Flinte nicht ins Korn werfen, ehe ich alle Mittel ausprobiert hatte. Gewöhnlich kennen sich die Dienstmänner der verschiedenen Stadtviertel. Immer unter der Maske des betrogenen Ehemanns fragte ich die Dienstmänner der Rue Petit-Carreau aus, und einer konnte mir auch wirklich den Mann nennen, der den Umzug meines Nebenbuhlers besorgt hatte.

Ich fand den betreffenden Mann und trug ihm mein Ammenmärchen vor. Er hörte mich an, aber es war ein geriebener Bursche, er wollte nicht mit der Sprache heraus. Ich tat, als ob ich nichts merkte und ich gab ihm dafür, daß er mir versprach, mich vor Fossards Haus zu führen, zehn Franken. Dieses Geld verjubelte er noch am selben Tage mit einem Straßenmädchen.

Diese erste Zusammenkunft fand am dritten Weihnachtstag (27. Dezember) statt. Am 28. sollten wir uns wiedersehen. Ich war pünktlich da, auch der Dienstmann ließ nicht auf sich warten. Einige Fünffrankstücke spazierten wieder aus meiner Tasche in die seine, auch mußte ich ein Frühstück spendieren, endlich war er soweit. Er führte mich vor ein nettes Haus an der Ecke der Rue Duphot und Rue Saint-Honoré.

„Hier ist es,“ sagte er, „wir können ja beim Weinhändler nachsehen, sie sitzen dort immer.“

Er wollte noch einmal regaliert zu sein. Ich ließ mich nicht lange bitten; wir treten ein, leeren eine Flasche Beaune und nun, als wir ausgetrunken hatten, konnte ich mich mit der Gewißheit zurückziehen, das Domizil meiner Ehefrau und ihres Verführers endlich gefunden zu haben. Meinen Begleiter brauchte ich nicht mehr, ich bedankte mich noch einmal und verabschiedete mich von ihm. Um gewiß zu sein, daß er nicht Lust bekam, beiden Parteien zu dienen und mich verriet, ließ ich ihn durch meine Agenten überwachen, vor allem aber verhindern, daß er wieder in die Weinkneipe kam …

Fossards Freunde, das heißt seine Denunzianten, hatten die Warnung ausgesprochen, daß er bei sich stets einen Dolch und Pistolen trage; eine Doppelpistole sollte er sogar in einem Taschentuch versteckt, stets in der Hand halten. Diese Nachricht gebot Vorsicht; soweit man Fossards Charakter kannte, war außerdem auch zu erwarten, daß er vor keinem Morde zurückschrecken würde. Ich wollte keineswegs als Schlachtopfer dienen. Das sicherste Mittel, sich der Gefahr zu entziehen, schien mir, sich mit dem Weinhändler in Einverständnis zu setzen, bei dem Fossard wohnte. Dieser Weinhändler war ein braver Mann, aber die Polizei steht im allgemeinen in so üblem Ruf, daß ehrliche Leute nicht immer gesonnen sind, ihr Beistand zu leisten. Ich wollte mir also seine Beihilfe durch Berührung seiner eigenen Interessen sichern. Unter verschiedenen Verkleidungen war ich bereits zweimal bei ihm gewesen, und hatte Gelegenheit genommen, mich über die Örtlichkeit wie über das Personal des Ladens zu orientieren. Darauf kam ich in meiner gewöhnlichen Kleidung zum Wirt und sagte, ich wollte ihn unter vier Augen sprechen. Er führte mich in eine Kammer und ich erklärte ihm folgendes:

„Ich bin von der Polizei beauftragt, Sie zu benachrichtigen, daß Sie bestohlen werden sollen. Der Dieb, der den Diebstahl plant, wohnt in Ihrem eigenen Hause; die Frau, die mit ihm lebt, kommt manchmal zu Ihrer Frau ins Kontor. Während der Unterhaltung hat sie einen Schlüsselabdruck von der Tür genommen. Alles ist vorgesehen: die Klingelschnur sollte durchschnitten und die Tür verrammelt werden. Und wenn sie einmal drin sind, steigen sie in ihr Zimmer; sollten Sie unterdessen erwacht sein, so brauche ich Ihnen nicht zu erzählen, was geschehen würde, denn Sie haben’s mit einem ausgemachten Verbrecher zu tun.“

„Die würden uns die Gurgel abschneiden,“ sagte der Weinhändler entsetzt. Er rief sofort seine Frau und teilte ihr die Neuigkeit mit.

„Na, meine Liebe, trau’ du einem! Diese Frau Hazard, auf die wir Gift nehmen würden, will uns den Hals abschneiden. Heute nacht sollten wir niedergemacht werden.“

„Aber nein, Sie können ganz ruhig sein,“ sagte ich, „nicht heute nacht. Sie wollten zuerst den Heiligen Dreikönigstag vorbeigehen lassen. Aber wenn Sie verschwiegen sind und mich unterstützen, so kriegen wir sie herunter.“

Frau Hazard war niemand anders als Fräulein Tonneau; unter diesem Namen war sie und Fossard im Hause bekannt. Ich bat den Weinhändler und seine Frau – sie waren entsetzt – ihre Mieter mit der gewöhnlichen Freundlichkeit zu behandeln. Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß sie alles tun wollten, was ich verlangte. Es wurde ausgemacht, daß ich mich, damit ich Fossard besser sehen und ihn sicherer packen konnte, in einer kleinen Kammer unter der Treppe verbergen sollte.

Am 31. Dezember, abends elf Uhr, im Moment, da alle meine Batterien geladen sind, kommt Fossard nach Hause. Er ahnt nichts Arges und steigt pfeifend die Treppe hinauf. Zwanzig Minuten später zeigt mir das ausgelöschte Licht, daß er zu Bett gegangen sein muß: ein günstiger Augenblick! Der Kommissar und die Gendarmen warteten auf der nächsten Wache auf Nachrichten. Ich lasse sie kommen, und sie schleichen geräuschlos in das Haus. Wir beraten, wie wir sie am besten ergreifen könnten, ohne daß jemand getötet oder verwundet wird, denn man war überzeugt, daß der Bandit sich auf den Tod wehren würde.

Die Weinhändlersfrau, mit der Frau Hazard befreundet war, hatte einen Neffen bei sich. Es war ein zehnjähriger Junge, ziemlich intelligent für sein Alter und um so geldgieriger, als er aus der Normandie stammte. Ich verspreche ihm eine Belohnung, wenn er unter dem Vorwand, seine Tante sei unwohl, zu Frau Hazard gehe und sie um etwas Eau-de-Cologne bitte. Ich schärfe dem Schlingel ein, den wehleidigen Ton anzunehmen, der für solche Gelegenheiten geziemend ist. Dann werden die übrigen Rollen verteilt. Das Finale naht. Ich heiße meine Leute die Stiefel ausziehen, entledige mich auch selbst meines Schuhzeugs und wir steigen geräuschlos hinauf. Der Bub ist in bloßem Hemde; er klingelt, keine Antwort, er klingelt wieder.

„Wer ist da?“ fragt man.

„Ich bin’s, Frau Hazard, Louis; meine Tante ist krank geworden, sie bittet Sie um ein bißchen Eau-de-Cologne. Sie krümmt sich vor Schmerzen! Ich habe ein Licht bei mir.“

Die Tür wird geöffnet, aber kaum kommt Madame Tonneau zum Vorschein, so bemächtigen sich ihrer zwei handfeste Gendarmen und stopfen ihr mit einer Serviette den Mund zu, damit sie nicht schreien kann. Im selben Augenblick stürze ich mich, schneller als der Löwe auf seine Beute, auf Fossard. Er ist ganz bestürzt, ich fessele ihn noch im Bette, und er ist mein Gefangener, noch ehe er eine Bewegung zu machen, ein Wort zu sprechen vermochte. Seine Bestürzung war derart, daß er sich fast eine Stunde lang nicht erholen konnte. Als Licht gebracht wurde, und er mein geschwärztes Gesicht und meine Köhlerkleidung erblickte, bekam er einen solchen Schrecken, daß er glaubte, er sei in der Gewalt des leibhaftigen Teufels. Als er zu sich kam, dachte er an seine Waffen, an den Dolch und die Pistolen, die auf dem Nachtisch lagen, sein Blick wandte sich dorthin, sein Körper bekam einen Ruck – aber das war auch alles: er sah ein, daß jeder Widerstand unnütz sei und verbiß seine Wut.

Es wurde eine Haussuchung vorgenommen, und man fand eine große Menge von Schmucksachen, Diamanten und eine Summe von acht- bis zehntausend Franken in bar. Während alles durchstöbert wurde, nahm mich Fossard beiseite und vertraute mir an, daß er unter dem Fußboden noch zehn Banknoten zu tausend Franken versteckt habe. „Nimm sie zu dir,“ sagte er mir, „wir wollen teilen, du kannst soviel davon behalten, wie du willst.“

Ich steckte in der Tat die Scheine zu mir. Wir bestiegen einen Wagen und kamen bald bei Henry an, wo die gefundenen Gegenstände deponiert wurden. Man nahm sie noch einmal auf, und als man damit zu Ende, sagte der Kommissar, der mich der Form halber begleitet hatte: „Jetzt können wir das Verhör wohl schließen.“

„Einen Augenblick!“ rief ich. „Hier sind noch zehntausend Franken, die mir der Gefangene zugestellt hat.“

Und damit deponierte ich die Summe zum großen Bedauern Fossards; der warf mir einen Blick zu, welcher zu sagen schien: „Diesen Streich verzeihe ich dir nie.“

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