Neue Wunder der Technik

1. Der Sprengstoff Krakataua.

Bei Moltke liess sich ein junger Mann anmelden, und da ihm gewichtige Empfehlungen zur Seite standen, wurde er zu einer geheimen Besprechung vorgelassen.

Er zog eine kleine Schachtel aus der Westentasche, legte sie auf den Tisch und sprach:

»Der Inhalt dieser Schachtel genügt vollständig das Generalstabsgebäude, das Krollsche Etablissement, die Siegessäule und noch einige Kleinigkeiten in die Luft zu sprengen.« Moltke schwieg.

Der junge Mann öffnete die Schachtel; sie enthielt kleine runde Pillen. Er nahm eines dieser Kügelchen zwischen Daumen und Zeigefinger und sprach:

»Eine einzige solcher Pillen zersprengt jeden Eisenbahn-Fahrdamm. Legt man auf die grösste Kanone einen dieser kleinen Körper und entzündet ihn, so bleibt von dem Geschütz nichts als Staub übrig; ein Torpedo, nur in der Grosse einer Apfelsine, mit diesem Sprengstoff gefüllt, verwandelt das mächtigste Panzerschiff in Sägemehl und Eisenfeilspäne.

.«Hm!« sagte Moltke nach einer Pause. Soviel hatte er seit Wochen nicht geredet. Der junge Mann war befriedigt.

»Excellenz gestatten mir also eine Probevorführung meines Sprengstoffes?« sagte er, »am 2. Juli, Morgens 10 Uhr, auf dem Tempelhofer Felde im Beisein aller Autoritäten des Sprengfaches?«

Moltke nickte, nahm zugleich zum Zeichen, dass die Audienz beendet, ein Aktenstück zur Hand und vertiefte sich in den nächsten Krieg mit . . . . . Doch halt, die Sache ist sekret.

Am Morgen des 2. Juli war das Tempelhofer Feld durch das Eisenbahnregiment vollständig abgesperrt. In der Mitte dieses ungeheuren Vierecks sah man einige Gegenstände aufgestellt, eine gewaltige alte gusseiserne Kanone, einen Ambos, einen Stapel alter ausrangirter Eisenbahnschienen und dergleichen gewichtige Dinge mehr. In dreihundert Schritt Entfernung von diesem Ort war eine Schanze aufgeworfen, die Sr. Excellenz dem Feldmarschall Grafen Moltke, einigen Mitgliedern des Generalstabes und verschiedenen eingeladenen Gästen zum Schutz diente.

Man bemerkte u. A. Krupp aus Essen, Gruson aus Magdeburg, Werner Siemens aus Berlin, den Direktor des »Vulkan« aus Stettin, und einige andere industrielle Grössen. Die Versuche verliefen ungemein günstig. Die alte Kanone wurde von einer einzigen Pille zu Staub zerpulvert, durch eine zweite verschwand der Ambos spurlos. Es galt nun zu zeigen, dass auch lose geschichtete Gegenstände mit Luftzwischenräumen, wie z. B. der Stapel aus 480 alten Eisenbahnschienen, ebenso leicht vernichtet werden könnten. Sechs Pillen sollten dazu genügen.

Der junge Mann war soeben beschäftigt, diese zweckmässig zu vertheilen und mit der elektrischen Leitung in Verbindung zu setzen, als durch einen Zufall, der wohl ewig unaufgeklärt bleiben wird, sein ganzer Pillenvorrath sich entzündete. Er mochte an diesem Tage wohl ein halbes Liter davon bei sich tragen. Die Wirkung war furchtbar; die Erderschütterung spürte man bis Potsdam und den Knall will man in Brandenburg a. d. H. gehört haben. Das ganze Eisenbahnregiment, die Mitglieder des Generalstabes und die industriellen Grössen fielen auf den Rücken. Moltke blieb zwar stehen, aber er schüttelte doch ein wenig mit dem Kopfe und sagte: »Na, na!«

Vom Orte der Explosion erhob sich eine Säule von Sand und Staub, deren Höhe man auf 10 deutsche Meilen schätzte. Ein wochenlang nachher auftretendes Morgen- und Abendglühen wurde von den Astronomen auf diese Ursache zurückgeführt. An der Stelle der Versuche war ein kraterförmiger See entstanden von 37,5 m Tiefe. Von dem unglücklichen Erfinder war natürlich jede Spur verschwunden. Nur auf dem Rathhausthurm fand man kurz nach der Explosion einen blutigen Manschettenknopf, der vermuthlich von ihm herrührte; denn es steht fest, dass man solche Knöpfe bei ihm gesehen hat.

Das Geheimniss dieses Sprengstoffes ist mit seinem Erfinder verloren gegangen, denn in seinem Nachlass fand man ausser einem Pfandschein und einer unbezahlten Schneiderrechnung keinerlei Papiere von Wichtigkeit.

2. Künstliche Weichenzucht.

Die Eisenbahnweichen setzen sich bekanntlich zusammen aus dem Weichenbock und der eigentlichen Weiche. Dass diese das Weibchen, jener das Männchen vorstellt, liegt auf der Hand, und ebenso naheliegend ist es, dass seit längerer Zeit intelligente Ingenieure dahinter her sind, eine Züchtung zwischen diesen beiden zu Stande zu bringen, um die theure Fabrikation dieser so wichtigen Theile des Eisenbahn-Oberbaues zu vermeiden. Der Ingenieur Hannepampel aus Lüneburg besonders verfolgte diesen Plan mit Feuereifer und liess sich durch den Umstand nicht abschrecken, an dem alle seine Vorgänger scheiterten. Es war ihnen nämlich niemals gelungen, den Weichenbock zum Balzen zu bringen. Das grösste Hinderniss für den Ingenieur Hannepampel war aber der Mangel an Geldmitteln, jedoch als er plötzlich durch eine Erbschaft ein Kapital in die Hände bekam, beschloss er alles zu opfern, um diesen seinen Lieblingsplan zur Ausführung zu bringen. Er erwarb ein Stück Land in der Lüneburger Haide, ein solches, auf dem wegen der harten eisenhaltigen Sandschicht des sogenannten Ortsteines, wie bekannt, jeder Baumwuchs unmöglich ist, und richtete mit grossen Kosten dort ein Weichengestüt ein. Mit dem Ortsteine hatte er, wie man sehen wird, seine besonderen Absichten. Nach jahrelangen Versuchen, und als sein Kapital fast aufgebraucht war, fand er endlich den Lohn seiner Mühe. Einer Einladung dieses genialen Mannes folgend, habe ich mir kürzlich dies bewunderungswürdige Weichengestüt angesehen. Ich sah dort eine grosse Anzahl alter Mutter-Weichen ihre zahlreichen Jungen auf die Weide führen. Es machte einen eigenthümlichen Eindruck zu sehen, wie sich diese flachen Geschöpfe langsam über die Haide schoben und mit unablässigem Knirschen den eisenhaltigen Ortstein abweideten, der sich als ein höchst gedeihliches Futter für sie herausgestellt hat. Ich sah auch bereits ausgewachsene, schlachtreife Weichen und Weichenböcke, und solche, die bereits zum Verkauf gestellt waren. Nach dem Schlachten verlieren sie nämlich die knorpelige Weichheit ihrer Theile, erstarren allmählich und sind nach vierzehn Tagen für Eisenbahnzwecke gebrauchsfähig. Ich konnte nicht umhin dem Ingenieur Hannepampel meine Hochachtung auszusprechen und ihm Glück zu wünschen zu der Ausdauer und Geisteskraft, die ihn dies so schwierige Ziel erreichen liessen.

Zugleich kommt aus Amerika die aufregende Nachricht, dass es dem Ingenieur Foolish nach unendlicher Mühe und jahrelangen Versuchen geglückt ist, eine Züchtung zwischen Lokomotive und Tender zu erreichen. Die Lokomotive sitzt jetzt auf zwei Eiern, die einen Umfang haben wie Thurmknöpfe und blank sind wie polirter Stahl. Man hofft, dass ein Pärchen auskommen wird. Die Lokomotive ist sehr böse und lässt ausser Herrn Foolish nur den Wärter, der sie mit Wasser und Kohlen versorgt, zu sich heran. Naht sich irgend jemand anders, so faucht sie entsetzlich und bläst unter furchtbarem Geräusch Dampf ab. Lässt sich der Nahende dadurch nicht abschrecken, schickt sie sich an unter wüthendem Pfeifen auf ihn loszustürzen. Welch wunderbare Resultate menschlicher Ausdauer und Erfindungsgabe!

3. Die eiserne Kuh.

Dem Chemiker und Ingenieur August Semmelkorn ist es nach jahrelanger Arbeit und nach tausendfältigen Versuchen geglückt, die köstlichste Milch mit Umgehung der Kuh direkt aus Gras und Heu zu produziren. Er hat mit bewunderungswürdigem Scharfsinn eine Maschine konstruirt, die die Thätigkeiten der Kuh, das Käuen und Wiederkäuen, sowie die Arbeit der vier Mägen auf das Genaueste nachahmt. Das Innere dieses Mechanismus wird durch eine Dampfheizung in der Temperatur der Blutwärme erhalten und geeignete chemische Flüssigkeit in den richtigen Augenblicken zugeführt. Wir waren in der glücklichen Lage, bereits eine solche Maschine arbeiten zu sehen. Es ist eine der kleinen Sorten, die nur mit zwanzig Kuhkraft arbeitet, d. h. so viel Milch producirt, wie zwanzig Kühe. Ein Mann zur Bedienung genügt. Es gewährt einen sonderbaren Anblick, wenn dieser Mann an der einen Seite den Futtertrichter mit Gras füllt, während an der anderen aus einem gebogenen Rohr fortwährend ein Strahl der allerköstlichsten Milch fliesst, und aus einer zweiten Oeffnung am entgegengesetzten Ende der herrlichste Kuhdung, diese Seele der Landwirthschaft, unablässig hervorquillt. Der Erfinder ist augenblicklich mit der Construction einer grossen Maschine von tausend Kuhkraft beschäftigt, die sämmtliche milchwirthschaftlichen Thätigkeiten in sich vereinigen wird. Am hintern Ende befinden sich vier Hähne. Aus dem einen fliesst Vollmilch, aus dem zweiten Sahne, aus dem dritten Magermilch, aus dem vierten Buttermilch. Aus einer Seitenöffnung taucht ein Pfund Butter nach dem andern hervor, während aus einer anderen unablässig Berliner Kuhkäse abgesondert wird. Es hat sich bereits eine Aktiengesellschaft mit einem Kapital von drei Millionen Mark gebildet und bei Osdorf Terrain zum Bau einer grossen Milchfabrik gekauft, um die ungeheure Grasproduction der Rieselfelder auszunutzen. Nicht lange mehr, und die Wagen der Gesellschaft werden die Stadt durchklingeln, und bald wird Rieselmilch, Rieselbutter und Rieselkäse den Berliner Haushaltungen unentbehrlich sein.

4. Das Sicherheitsstreichholz.

Eine Erfindung von grosser Einfachheit und doch so unendlich wichtig. Das Sicherheitsstreichholz zeichnet sich nämlich dadurch vor allen anderen Fabrikaten aus, dass es durch keine Macht der Welt zum Brennen zu bringen ist. Selbst dem Knallgasgebläse und der Hitze des elektrischen Bogenlichtes widersteht es erfolgreich. Der Erfinder packte vor Zeugen hundert Schachteln seines unübertrefflichen Fabrikats des Morgens sechs Uhr in eine Dampfkesselfeuerung. Als sie des Abends sieben Uhr herausgenommen wurden, fand man, das sämmtliche Schachteln unversehrt waren. Weder Stoss, Schlag, Reibung, Bitten, Zureden, Versprechen – nichts, gar nichts vermag diese Streichhölzer zum Brennen zu bewegen. Welche unendliche Beruhigung gewähren diese Streichhölzer den Leuten, die sich ihrer bedienen, wenn sie genöthigt sind, ihre Kinder einmal allein zu Hause zu lassen. Auch wird behauptet, dass Feuerversicherungs-Gesellschaften, sofern der alleinige Gebrauch dieser Sicherheitsstreichhölzer garantirt wird, geneigt sind, eine bedeutende Ermässigung der Prämie zu gewähren.

Welch ein erhabenes Gefühl, in einer Zeit zu leben, die keinen Tag vergehen lässt, ohne eine neue Erfindung, die zum Heile und Wohle der Menschheit, und zur Sicherung der Gesundheit und des Lebens einen schätzenswerthen Beitrag liefert.

5. Maschine zum Altmachen gefälschter Banknoten.

Diese Maschine wurde gefunden bei Aufhebung einer sehr gefährlichen Falschmünzerbande, die lange unentdeckt ihrer gemeinschädlichen Thätigkeit obgelegen hatte. Es war schon oft in Falschmünzerkreisen der Uebelstand empfunden worden, der darin begründet liegt, dass selbst der harmloseste Bürger einer funkelnagelneuen Banknote immer einiges Misstrauen entgegenbringt, während er, wenn sie ihm als ein vielgereister, schmutziger, beklexter, mit Briefmarkenpapier geflickter Lappen begegnet, stets geneigt ist, sie ohne Weiteres für echt zu halten. Ein ingenieuses Falschmünzertalent baute darauf seinen Plan und konstruirte diese Maschine. Sie sieht gerade aus wie eine kleine Drehorgel. In einen Spalt wird eine neue Banknote nach der anderen geschoben, während man mit der anderen Hand die Kurbel dreht. Zunächst gelangt die Note in den »Schmutzigefingerbetastraum«, woselbst eine Anzahl von Gummifingern, die künstlich schmutzig erhalten werden, sie in Arbeit nehmen. Daran schliesst sich der »Falt- und Knautschraum«, woselbst jede Banknote einige hundert Mal auf sehr sinnreiche Weise hin und her gefaltet und ebenso oft in enge Behälter gleich Westentaschen und Portemonnaiefächern gestopft und wieder hervorgezerrt wird. Die Banknoten, die dabei Brüche oder Risse erleiden, werden mit unsauberem Briefmarkenpapier geflickt und sind dann für den Verbrauch fertig. Sie sehen dann so richtig aus, als wären sie schon jahrelang unbeanstandet von einer Hand in die andere gegangen und sind so vertrauenerweckend mit Schmutz bedeckt, dass Niemand an ihrer Echtheit zweifelt.

6. Die elektrische Windel.

Diese ebenso einfache als geniale Erfindung verdanken wir dem Ingenieur Sternbein in Wiesbaden. An die Wiege oder den Wagen wird ein Kasten angehängt, der eine kleine galvanische Batterie und einen elektrischen Klingelapparat enthält. Von ihm aus laufen Drähte, die an beiden Seiten mit der Windel in Verbindung gesetzt werden können. Von diesen Stellen der Windel aus gehen feine eingewebte Platindrähte in sie hinein, die aber nicht ganz durchlaufen, sondern in der Mitte durch einen freien Raum von einander getrennt sind. Hier ist also die elektrische Leitung unterbrochen, da Wolle nicht leitet. Wird nun aus Ursachen, die hier nicht weiter erörtert werden sollen, dieser mittlere Raum, der sich gerade an der am meisten exponierten Stelle befindet, mit Flüssigkeit durchtränkt, so wird dadurch plötzlich die Leitung hergestellt und das Läutewerk in Thätigkeit gesetzt, und dies hört nicht eher auf, mit schrillem Tone Hilfe herbeizurufen, als bis die Mutter, die Amme, oder das Kindermädchen herbeigeeilt sind, um die Anordnungen zu treffen, die im Interesse des Behagens und der Reinlichkeit des Kindes sich als nothwendig herausstellen.

7. Die künstliche Amme.

Schon lange ist auf dem Gebiete der Hühner-Aufziehung die künstliche Glucke bekannt, und dies brachte den Sanitätsrath Dr. Zippelmann in Berlin auf den Gedanken, für die Aufzucht des Menschen etwas Aehnliches zu erfinden. Fortgesetzte Versuche und rastlose Arbeit führten endlich zur Konstruction der künstlichen Amme, die aus Gummi, Glas und Porzellan hergestellt, mit Milchstandsmesser und einer überaus sinnreichen Petroleumheizung versehen, seit einiger Zeit von der Firma Ziegenpeter & Co. in Berlin mit Glück in den Handel gebracht wird. Diese Ammen sind in verschiedenen Sorten zu haben, sowohl einfach in Kattun, als auch in allen gewünschten Landestrachten, und da ihr Körper nach den schönsten Vorbildern des klassischen Alterthums geformt ist, bilden sie zugleich eine anmuthige Zimmerzierde. Sie brauchen nur, wenn der Milchstandsmesser das Versiegen des Nahrungsquells anzeigt, mit Soda und heissem Wasser ausgespült und mit Sanitätsrath Dr. Zippelmann’s künstlicher Muttermilch, die in versiegelten Flaschen sich Jahre lang hält, wieder aufgefüllt zu werden. Die feinsten Exemplare können, wenn sie aufgezogen werden, ein bis drei Lieder singen und eine Wiege oder einen Wagen in Bewegung setzen. Wir lassen den Preiskurant der Firma Ziegenpeter & Co. hier folgen:

Preiskurant der künstlichen Ammen, Patent Zippelmann.

Nr. 1. Einfache Qualität in Kattun Mk. 30000

Nr. 2. Einfache Qualität in beliebiger Landestracht " 35000

Nr. 3. Feinste Qualität, singt »Eija wiwi« und wiegt das Kind " 40000

Nr. 4. Extra-Qualität ff. singt: »Eija wiwi,« »Schlaf Kindchen, schlaf!« »Guten Abend, gute    Nacht« von Brahms und wiegt das Kind " 50000

Die Preise sind sehr gering, wenn man bedenkt, dass eine einmalige Anschaffung mindestens für sechs Kinder hinter einander ausreicht und der fürchterliche Aerger, den lebendige Ammen ihren Herrschaften zu bereiten pflegen, hier gänzlich in Wegfall kommt. Um auch für aussergewöhnliche Ereignisse in Bereitschaft zu sein, ist die Firma augenblicklich mit der Herstellung einer Drillings-Amme beschäftigt.

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