Nach Westen

 

Am 17. September 1852 fuhren meine junge Frau und ich, nach einer Reise von 28 Tagen, an Bord des prächtigen Paketschiffes »City of London«, in den Hafen von New York ein.

Es gab allerdings schon um diese Zeit Dampfschiffe wenn auch nur wenige, welche die regelmäßige Fahrt zwischen England und Amerika machten. Ein Freund, der mehrmals dieses Land besucht hatte, versicherte uns aber, daß ein gutes, großes Segelschiff sicherer sei als ein Dampfer und für Personen, die zur Seekrankheit neigten, auch behaglicher. Auf diesen Rat hin wählten wir das Schiff »City of London«, ein prächtig aussehendes Vollschiff von ungefähr 2000 Tonnen. Diese Wahl bereuten wir nicht. Unsere Kajüte war groß und bequem, der Kapitän, obgleich auf der See aufgewachsen, höflich und aufmerksam, der Tisch nicht schlecht und die Reisegesellschaft angenehm. Mehrere hundert Auswanderer fuhren im Zwischendeck aber nur ungefähr zwanzig Passagiere in der Kajüte, unter diesen ein Professor der Universität Yale und mehrere New Yorker Kaufleute. Ich war noch nicht imstande, mich in englischer Sprache zu unterhalten, doch, da der Yale Professor etwas Deutsch sprach und zwei oder drei von den New Yorker Kaufleuten ein wenig Französisch verstanden, gab es der lebhaften und erheiternden Unterhaltung genug.

Da ich beschlossen hatte, die Vereinigten Staaten zu meiner bleibenden Heimat zu machen, nahm ich mir vor, alles von der günstigsten Seite zu betrachten und mich von keiner Enttäuschung entmutigen zu lassen. Ich wußte, daß mein elastisches rheinisches Blut mir hierin viel helfen würde; doch war ich nicht so sicher, ob meine junge Frau, deren Temperament nicht so sanguinisch war wie das meine und die in günstigeren Verhältnissen und in beständigem Verkehr mit sympathischen Menschen aufgewachsen war, sich auch so leicht wie ich in die Wechselfälle des Lebens in einem neuen Lande und in eine fremde, gesellschaftliche Atmosphäre finden würde. Aber wir waren jung – ich dreiundzwanzig Jahre alt und meine Frau achtzehn – und viel konnte von der Anpassungsfähigkeit der Jugend erwartet werden. Immerhin war mir darum zu tun, daß der erste Eindruck des neuen Landes auf sie ein heiterer und inspirierender sein möge. Und dieser Wunsch wurde gleich in höchstem Maße erfüllt. Der Tag, an welchem wir im New Yorker Hafen ankamen, hätte nicht herrlicher sein können. Die Bucht und die sie umgebenden Inseln strahlten förmlich in sonniger Pracht.

Als wir, nach einer Reise von vier Wochen über die eintönige Wasserwüste, dieses Schauspiel von so überraschendem Zauber gewahrten, bebten unsere Herzen vor Freude. Es war uns, als wenn wir durch dieses glänzende Tor in eine Welt von Glück und Frieden einführen. Am Ufer von Staten Island entlang segelnd, das mit seinen behäbigen Landhäusern, grünen Rasenflächen und schattigen Baumgruppen ein reizendes Bild von Behaglichkeit und Zufriedenheit bot – denn Staten Island war damals noch ein beliebter Sommeraufenthaltsort –, fragte ich einen von meinen Mitpassagieren, welche Sorte von Leuten in diesen hübschen Wohnungen lebten.

»Reiche New Yorker«, sagte er.

»Und wie viel muß ein Mann besitzen, um ein reicher New Yorker genannt zu werden?«

»Nun,« antwortete er, »ein Mann, der so ungefähr 150,000 oder 200,000 Dollar oder ein festes Einkommen von 10,000 bis 12,000 Dollar hat, würde als wohlhabend betrachtet werden. Natürlich gibt es Männer, die mehr als das – sogar eine oder zwei Millionen oder gar noch mehr – besitzen.«

»Gibt es viele solche in New York?«

»O, nein, nicht viele, vielleicht ein Dutzend, aber die Zahl der Leute, die wohlhabend genannt werden könnten, ist groß.«

»Und gibt es viele arme Leute in New York?«

»Ja, einige, meistens neue Ankömmlinge, glaube ich. Aber in vielen Fällen würde, was man hier als Armut ansieht, in London oder Paris kaum so genannt werden. Es gibt fast keine hoffnungslos Arme hier. Es wird gewöhnlich angenommen, daß niemand arm zu sein braucht.«

In dem wechselnden Lauf der Zeiten habe ich mich oft dieses Gespräches erinnert.

Es war nicht leicht, ein Unterkommen für unsere erste Nacht in der neuen Welt zu finden. Wir hatten von dem Astor House als einem der besten Gasthäuser in New York gehört. Das Astor House war aber schon übervoll, und so mußte sich unser Wagen mühsam seinen Weg bahnen durch das Gewühl der Omnibusse, Lastwagen und anderer Gefährte, von Hotel zu Hotel, den donnernden Broadway hinauf. In keinem fanden wir aber ein leeres Zimmer, bis wir die 14. Straße erreichten, wo das Union Square Hotel, das später in ein Theater und dann wieder in ein Hotel verwandelt wurde, uns ein gastliches Unterkommen bot – ein kleines Zimmer, einfach möbliert, aber hinreichend für unsere Bedürfnisse.

Unser erstes Mittagessen im Union Square Hotel steht mir noch lebhaft in Erinnerung. Es war eine Table d’hote, wenn ich mich recht entsinne, um fünf Uhr abends. Die Essensstunde wurde durch das wütende Schlagen eines Gongs – ein Instrument, welches ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male hörte –, verkündet. Die Gäste marschierten dann in den großen, kahlen Eßsaal, in welchem eine lange Reihe von Tischen stand. Fünfzehn bis zwanzig Neger, mit weißen Jacken, weißen Schürzen und weißen Handschuhen bekleidet, standen bereit, die Gäste an ihre Plätze zu führen, was sie mit breitem Grinsen und merkwürdig umständlichen Verbeugungen und Kratzfüßen ausführten. Ein behäbiger schwarzer Oberkellner in Frack und weißer Halsbinde, dessen Manieren auffallend pomphaft und herablassend waren, ordnete die Bewegungen an. Nachdem alle Gäste Platz genommen hatten, schlug der Oberkellner auf eine laute Glocke, worauf die Neger schnell hinausmarschierten, um bald wieder zu erscheinen, große Suppenterrinen mit blanken silbernen Deckeln tragend. Sie stellten sich in bestimmten Zwischenräumen an den Tischen auf und blieben eine Sekunde lang bewegungslos stehen. Auf ein nochmaliges Glockensignal ihres Befehlshabers hoben sie die Schüsseln hoch in die Luft und setzten sie dann mit solchem Ruck auf die Tische nieder, daß die Kronleuchter erzitterten und die Damen vor Schreck zusammenfuhren Dieses war aber noch nicht das Ende der Zeremonien. Mit ihrer rechten Hand hielten die Neger die Griffe der silbernen Deckel fest, bis wieder ein Glockenschlag erschallte, dann rissen sie die Deckel empor, schwangen sie hoch über ihre Köpfe und marschierten damit hinaus, als trügen sie ihre Beute im Triumph von dannen. Das Essen verlief unter mehrfachen Wiederholungen dieses Vorgangs, und anscheinend wurden die Kellner immer lebhafter und phantastischer in ihren Bewegungen. Mir wurde gesagt, daß ähnliche Gebräuche in den andern Hotels existierten, doch sah ich sie niemals anderswo mit solcher Vollkommenheit ausführen, wie bei unserm ersten Essen in Amerika, und man kann sich denken, daß wir damals höchlichst erstaunt waren.

Ich erinnere mich sehr wohl an unseren ersten Spaziergang, »um die Stadt zu sehen,« wie uns das bunte Getreibe auf den Hauptstraßen auffiel, die ernsten und gedankenvollen Mienen der alten und jungen Männer, die sich mit energischer Geschwindigkeit bewegten, das geschäftige, gesetzte und verständig erscheinende Wesen der Frauen, wenn auch manche von ihnen in auffallend grelle Farben gekleidet waren – rot, grün, gelb oder blau, – die überraschende Ähnlichkeit der Menschen sowohl in Zügen und Ausdruck wie im Anzug, obgleich sie verschiedenen Gesellschaftsklassen angehören mußten. Man sah keine militärischen Wachtposten vor den öffentlichen Gebäuden, keine Soldaten in den Straßen, keine Kutscher oder Diener in Livree, keine Uniformen, ausgenommen bei der Polizei. Wir bemerkten ungeheure Banner über die Straßen gespannt, auf denen die Namen Pierce und King als die demokratischen und Scott und Graham als die republikanischen Kandidaten für die Präsidentschaft und Vize-Präsidentschaft in großen Lettern aufgezeichnet waren, Namen, welche für mich damals noch keine Bedeutung hatten oder nur insofern, als sie das Bevorstehen einer Präsidentschaftswahl und eines Kampfes zwischen wetteifernden, politischen Parteien aukündigten.

Über amerikanische Politik hatte ich durch meine Unterhaltungen mit verschiedenen Personen nur sehr unklare Eindrücke empfangen. Mein Freund Kinkel, der die Vereinigten Staaten im Jahre 1851 im Interesse der revolutionären Bewegung in Europa besucht hatte, wurde vom Präsidenten Fillmore empfangen und beschrieb ihn mir als einen »freundlichen und wohlwollenden Greis.« Von den politischen Parteien konnte er mir nur sagen, daß sie beide von den Sklavenhaltern beherrscht zu sein oder sich wenigstens vor der Sklavereifrage zu fürchten schienen. Er meinte, daß die meisten Deutschen in den Vereinigten Staaten auf der Seite der Demokraten ständen, weil der Name Demokratie sie anziehe und weil sie glaubten, in der Sorge für den Rechtsschutz der fremdgeborenen Bürger sich mehr auf die demokratische Partei als aus die Whigs verlassen zu können. Die Berichte über amerikanische Politik, die ich in europäischen Zeitungen gelesen hatte, waren, wie sie es noch meistens bis zum heutigen Tage geblieben sind, nahezu wertlos für jeden, der nicht persönlich mit amerikanischen Angelegenheiten bekannt ist. Die Unterhaltungen mit, meinen Reisegefährten hatten mir wenig Aufklärung über die augenblickliche Lage gegeben – sie war für mich wie ein dichter Nebel, in welchem ich nur schattenhafte Figuren sich undeutlich bewegen sah.

Wir brachten zwei oder drei Tage damit zu, solche »Sehenswürdigkeiten« zu besuchen, wie sie die Stadt zu bieten hatte, und fanden, daß es weder Museen, Bildergalerien noch bemerkenswerte öffentliche oder Privatgebäude gab. Barnums »Museum von Merkwürdigkeiten« an der Ecke von Broadway und Ann Street, gegenüber der St. Pauls-Kirche gelegen, wurde uns als eine wirkliche Kuriosität bezeichnet. In den Schaufenstern am Broadway bemerkten wir nichts Außergewöhnliches; die Theater konnten wir nicht genießen, da ich kein englisch verstand. Die geschäftigen Menschenmassen, welche sich in den Straßen wälzten, waren immer interessant, aber sehr fremdartig; uns begrüßte kein bekanntes Gesicht.

Ein Gefühl der Einsamkeit fing an uns zu beschleichen. Dann wurde meine junge Frau krank. Ich rief einen alten amerikanischen Arzt hinzu, der im Hotel wohnte. Er schien mir ein fähiger Mann zu sein, jedenfalls war er wohlwollend und gütig. Er verstand etwas Französisch, und so konnten wir uns unterhalten. Da die Krankheit meiner Frau im Hotel bekannt wurde, zeigte sich unter den Gästen ein hilfreicher Geist, der mich überraschte und tief rührte, jene amerikanische Hilfsbereitschaft, die damals und, wie ich fest glaube, auch jetzt noch einer der schönsten und bezeichnendsten Züge dieses Volkes ist. Herren und Damen besuchten uns der Reihe nach, um sich zu erkundigen, ob sie uns von Nutzen sein könnten. Einige von den Damen lösten mich wirklich dann und wann am Krankenbette meiner Frau ab, um mir eine Stunde der Ruhe in frischer Luft zu ermöglichen. Ich ging dann in dem kleinen Park, Union Square, der von einem eisernen Gitter umgeben war, auf und ab, oder setzte mich ein Weilchen auf eine Bank nieder.

Union Square war damals noch »hoch oben« in der Stadt. Oberhalb der 14. Straße gab es allerdings schon viele Häusergevierte oder Häusergruppen mit großen Zwischenräumen aber, so viel ich mich erinnern kann, noch keine fortlaufenden, dicht zugebauten Straßen. Madison Square zeigte viele offene Baustellen, und an dem Platze, wo jetzt das Fifth Avenue Hotel emporragt, wuchs ein Maisfeld von einem hölzernen Lattengitter umgeben. Wandernde Zirkus-Gesellschaften schlugen dort oft ihre Zelte auf. Obgleich hoch oben in der Stadt, so hatte Union Square doch schon seinen Anteil am großstädtischen Lärm und Getöse. Dort nun, in dem kleinen Park gönnte ich mir meine Erholungspausen – gewöhnlich in der Abenddämmerung.

Diese Stunden gehörten zu den melancholischsten meines Lebens. Da war ich nun in der großen Republik, dem Ziel meiner Träume, und fühlte mich so gänzlich einsam und verlassen. Die Zukunft schien, wie in eine undurchdringliche Wolke gehüllt vor mir zu liegen. Was ich gesehen hatte, war nicht so verschieden von Europa, wie ich es halb unklar erwartet hatte, und doch war es fremd und geheimnisvoll. Würden meine Erfahrungen hier das Ideal verwirklichen, das ich mir vorgestellt hatte, oder würden sie es zerstören?

Ich mußte schwer kämpfen gegen dieses düstere Grübeln, doch endlich raffte ich mich zu dem Gedanken auf, daß, um in Einklang zu kommen mit dem geschäftigen Leben, das ich um mich her sah, – ich selbst darin tätig, ich selbst davon ein Teil werden müsse – und je eher um so besser. Ich glaube, daß alle neuen Ankömmlinge in diesem oder in irgend einem andern Lande zuerst eine Periode enttäuschter Erwartung durchmachen müssen. Wie auch ihre vorgefaßten Vorstellungen gewesen sein mögen, sie werden immer finden, daß sie zum großen Teile falsch waren. Die menschliche Einbildungskraft geht fast immer irre, wenn sie sich unbekannte Dinge ausmalt. Der neue Ankömmling wird bei seiner Ankunft die Zustände entweder besser oder schlimmer, aber jedenfalls anders finden, als er sie sich vorgestellt hat. Er wird in diesem Sinne immer enttäuscht sein, und ich habe Menschen gekannt, die sonst sehr vernünftig und auch im ganzen erfolgreich waren, die aber bis an ihr Lebensende diese besondere Enttäuschung nicht überwinden konnten. Ich habe in der Tat niemals jemanden gekannt, der dieses Land, seine Verhältnisse, seine Entwicklung, seine sozialen und politischen Zustände genau so gefunden hätte, wie er es nach Beschreibungen in Büchern, Zeitungen oder aus den Briefen von Freunden erwartet. Gewöhnlich wunderten sich solche Leute später mehr oder weniger über ihre eigene Auffassung und machten diejenigen, von denen sie ihre Auskunft erhalten hatten, für ihre Irrtümer verantwortlich. Nichtsdestoweniger mögen die erhaltenen Beschreibungen ganz wahrheitsgetreu gewesen sein.

Ich habe im Laufe der Zeit viele Briefe von Personen in Europa erhalten, die mit ihren dortigen Verhältnissen unzufrieden den Gedanken gefaßt hatten, nach Amerika auszuwandern, und mich um meinen Rat fragten. Die Erfahrung hatte mich jedoch gelehrt, daß es besser sei, niemals die Verantwortung zu übernehmen, einen solchen Rat zu erteilen, sondern meinen Korrespondenten offen zu gestehen, daß ich keine Aufklärung über die Aussichten und Möglichkeiten des amerikanischen Lebens geben könne, welche richtig verstanden würden. Ich sagte ihnen, daß sie selbst die Verantwortung übernehmen müßten, wenn sie auswandern wollten, und daß es wohl am sichersten sei, wenn Zeit und Mittel es ihnen erlaubten, sich zuerst selbst umzusehen, ehe sie ihre endgültige Entscheidung träfen.

Während der Krankheit meiner Frau, die fast vierzehn Tage dauerte, hatte ich Briefe mit einigen meiner deutschen Freunde in Philadelphia gewechselt, besonders mit meinem Universitätsfreund, Adolph Strodtmann, der dort ein kleines deutsches Büchergeschäft gegründet hatte und ein deutsches Wochenblatt – »Die Lokomotive« – herausgab, und mit Dr. Heinrich Tiedemann, einem Bruder jenes unglücklichen Oberst Tiedemann, Gouverneurs von Rastatt, in dessen Stab ich während der Belagerung der Festung als Adjutant gedient hatte.

Dr. Tiedemann hatte sich in Philadelphia als Arzt niedergelassen und sich dort eine gute Praxis erworben. Meine Frau und ich sehnten uns nach einem befreundeten Gesicht, und da uns nichts in New York festhielt, beschlossen wir Philadelphia zu besuchen, nicht zum Zweck einer bleibenden Niederlassung, sondern in dem Gedanken, daß es ein geeigneter Ort sein würde, um dort ein systematisches Studium anzufangen. Und so stellte es sich auch heraus. Wir fanden bald bei kürzlich eingewanderten Deutschen und auch unter Amerikanern sympathischen, geselligen Verkehr und damit die Heiterkeit des Gemüts, die ein Interesse an der Umgebung erweckt.

Meine erste Aufgabe war nun, in möglichst kurzer Zeit Englisch zu lernen. In den letzten Jahren bin ich oft von Erziehern und andern gefragt worden, welche Methoden ich angewandt habe, um meine Kenntnis der Sprache und die Gewandtheit in ihrem Gebrauch zu erlangen, die ich besitzen mag. Diese Methode ist sehr einfach. Ich habe keine englische Grammatik gebraucht und erinnere mich nicht, je eine solche in meiner Bibliothek besessen zu haben. Ich fing mit Entschlossenheit an zu lesen – zunächst meine englische Zeitung, welche zufällig der »Philadelphia Ledger« war. – Regelmäßig jeden Tag arbeitete ich mich durch die Leitartikel, die Korrespondenzen und Depeschen und sogar die Anzeigen, soviel mir meine Zeit erlaubte. Der »Philadelphia Ledger«, welcher seitdem ein sehr ausgezeichnetes, gesinnungstüchtiges einflußreiches und bedeutendes Organ der öffentlichen Meinung geworden ist, war damals ein kleines, schlechtgedrucktes Blatt, ziemlich farblos in politischer Beziehung und unterhielt seine Leser hauptsächlich mit ernsthaften Abhandlungen über so unschuldige Gegenstände wie »Die Freuden des Frühlings«, »Die Schönheit der Freundschaft«, »Der Segen eines tugendhaften Lebens« und dergleichen, zuweilen allerdings ein wenig schal, aber im Punkte des Stils doch ganz respektabel.

Dann begann ich englische Romane zu lesen. Der erste, den ich in Angriff nahm, war der »Vicar of Wakefield« – dann folgten Walter Scott, Dickens, Thackeray, dann Macaulays historische Essays und, da ich daran dachte, mich für die juristische Laufbahn vorzubereiten, »Blackstone’s Commentaries,« deren klaren, knappen und kräftigen Stil ich noch immer als vorzügliches Vorbild betrachte. Shakespeares Dramen, die mir mit ihrem ungeheuren Wortschatz mehr Schwierigkeiten boten als alles andere, kamen zuletzt. Aber ich betrieb das Lesen mit der größten Gewissenhaftigkeit. Niemals erlaubte ich mir ein Wort zu überspringen, das ich nicht deutlich verstand, niemals versäumte ich im zweifelhaften Fall im Wörterbuch nachzuschlagen.

Gleichzeitig befleißigte ich mich einer Übung, die ich außerordentlich zweckmäßig fand. Ich war durch eine deutsche Übersetzung, mit den »Briefen des Junius« bekannt geworden und war sehr eingenommen von dem Glanz dieser Art der politischen Diskussion. Sobald ich mich in der Kenntnis der Sprache für genügend fortgeschritten hielt, verschaffte ich mir eine englische Ausgabe des Junius und übersetzte schriftlich eine beträchtliche Anzahl der Briefe vom Englischen ins Deutsche. Dann übertrug ich, auch wieder schriftlich, meine deutsche Übersetzung ins Englische zurück und verglich darauf diese zweifache Übersetzung mit dem englischen Original. Dieses war allerdings eine sehr mühsame Arbeit, aber ich fühlte, sozusagen in den Eingeweiden, wie sie mir nützte. In Verbindung mit dem Lesen gab mir diese Übung, was ich den Sinn für die Logik und die Musik der Sprache nennen möchte.

Als ich anfing englisch zu schreiben – Briefe oder andere wichtigere Sachen – begegnete es mir nicht selten, daß ich beim Überlesen des Geschriebenen bei gewissen Formen des Ausdrucks, die ich gebraucht hatte, anhielt im Zweifel, ob sie grammatisch richtig seien. Ich versuchte dann zuweilen sie durch andere Wendungen zu ersetzen, aber ich fand fast ausnahmslos, nachdem ich eine maßgebende Autorität konsultiert hatte, daß die Phrase, die ich ursprünglich, meinem Instinkte folgend, gewählt hatte, besser war als der spätere Ersatz.

In weniger als sechs Monaten, nachdem ich diesen Studienplan angefangen hatte, war ich genügend fortgeschritten, um mit ziemlicher Leichtigkeit eine Unterhaltung in englischer Sprache über Gegenstände zu führen, die keine große Kenntnis technischer Ausdrücke erforderten, und um einen anständigen Brief zu schreiben.

Seit ich als Redner und Schriftsteller in englischer sowohl als in deutscher Sprache bekannt geworden bin, wurde ich oft gefragt, ob ich, während ich spreche oder schreibe, englisch oder deutsch denke, und ob ich beständig von einer in die andere Sprache übersetze. Ich antwortete, daß, während ich englisch spreche oder schreibe, ich auch englisch denke und, während ich deutsch spreche und schreibe, ich deutsch denke und daß, während mein Geist einen Gedankengang verfolgt, der keinen unmittelbaren Ausdruck in Worten verlangt, ich mir unbewußt sei, in welcher Sprache ich denke. Man hat auch wohl nur wissen wollen, in welcher Sprache ich vorziehe zu denken und zu schreiben. Ich konnte daraus nur sagen, daß es vom Gegenstand, vom Zweck und von den Umständen abhinge. Im allgemeinen zöge ich die englische Sprache für das öffentliche Reden vor, teilweise der Einfachheit ihrer syntaktischen Konstruktion wegen und teilweise weil die Aussprache der Konsonanten mechanisch leichter und weniger ermüdend für den Redner sei. Ich ziehe sie auch wegen ihrer reichen und genauen Bezeichnungsweise für die Diskussion politischer Fragen und geschäftlicher Angelegenheiten vor. Aber für die Besprechung philosophischer Gegenstände, für Poesie und für vertrauliche, intime Unterhaltung ist mir die deutsche Sprache lieber. Auch habe ich gefunden, daß ich über gewisse Gegenstände oder mit gewissen Personen, welche deutsch und englisch gleich gut verstanden, je nach Gegenstand oder Person lieber deutsch oder englisch sprach, ohne mir über den Grund klar zu sein. Es ist eine Gefühlssache, die nicht genau zu bestimmen ist. Ich habe gelegentlich Dinge, die ich in englischer Sprache ausgesprochen oder geschrieben habe, ins Deutsche übersetzen müssen und vice versa, und meine Erfahrung ist gewesen, daß mir die Ubersetzung vom Englischen ins Deutsche viel leichter wurde, als umgekehrt – mit anderen Worten – mein deutscher Wortschatz bot mir für das, was ich gesagt oder geschrieben, eher den Ausdruck, der sich mit dem englischen deckte, als umgekehrt. Im deutschen brachte mich öfters ein unübersetzbares Wort oder eine Redewendung in Verlegenheit als im Englischen.

Man könnte annehmen, daß der deutsche Wortschatz mir naturgemäß geläufiger sein müßte, weil Deutsch meine Muttersprache und die Sprache ist, mit der ich aufgewachsen bin. Ich habe aber von anderen Seiten, und von sehr urteilsfähigen Personen, die in der englischen Sprache erzogen wurden und sich darin eine gründliche Kenntnis des Deutschen erworben hatten, dieselbe Meinung aussprechen hören. Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß, obgleich die deutsche Sprache steif und widerspenstig in ihrer Satzkonstruktion erscheint, die deutsche Literatur doch einen weit größeren Schatz von Übersetzungen höchster Vortrefflichkeit aufzuweisen hat, als irgend eine andere, während, mit wenigen Ausnahmen, Übersetzungen aus dem Deutschen, besonders Übersetzungen deutscher Poesie in eine andere moderne Sprache äußerst mangelhaft sind. Es gibt kaum einen großen Dichter in irgend einer Literatur wie z. B. Homer, Hafis, Virgil, Dante, Cervantes, Shakespeare, Molière, Viktor Hugo, Tolstoy – der nicht im Deutschen eine dem Original würdige und in manchen Fällen eine erstaunlich getreue und schöne Übersetzung und Nachbildung gefunden hätte. Nichts, was in irgend einer anderen Sprache erschienen ist, kann im entferntesten verglichen werden mit der Übersetzung der Homerschen Ilias und Odyssee von Johann Heinrich Voß, und viele deutsche Übersetzungen der Shakespeareschen Dramen, die zuerst aller Kunst des Übersetzers Trotz zu bieten scheinen, gehören schon längst zu den Wundern der Literatur. Andererseits sind fast immer die Übertragungen der Meisterwerke deutscher Dichtung in fremde Sprachen mehr oder weniger jämmerlich mißglückt. Unter den Ausnahmen möchte ich in erster Reihe Bayard Taylors Übersetzung von Goethes Faust und Frau Frances Hellmans Übersetzung des kleinen Kinkelschen Epos Tanagra nennen – welches die vollkommenste Übertragung fremder Poesie ins Englische ist, die ich kenne. Diese Ausnahmen sind durch ihre Seltenheit um so auffallender.

Der außerordentliche Reichtum der deutschen Literatur an ausgezeichneten Übersetzungen, denn diese Übersetzungen können doch wohl als ein Teil der deutschen Literatur betrachtet werden, gibt dem Studium der deutschen Sprache einen besondern Wert für jeden, der sich eine vielseitige Bildung anzueignen wünscht. Die deutsche Literatur ist nicht nur unendlich reich – an eigenen Werken auf allen Gebieten geistiger Schöpfung welche in Anbetracht der mangelhaften Übersetzungen nur völlig in der Originalsprache genossen werden können, sondern durch ihre vortrefflichen Übersetzungen ist sie eine vollständige Schatzkammer aller Literaturen der Welt und aller Zeiten geworden.

In Philadelphia machte ich meine ersten Bekanntschaften. Um diese Zeit waren noch der Quäker mit seinem breitgeränderten Hut, seinem langschoßigen, geradherunterhängenden Rock und hoch aufstehendem Rockkragen und die Quäkerin in ihrem grauen Kleid, weißen, um die Schultern gekreuzten Busttuch und ihrem weit vorstehenden grauen Hut wohlbekannte Figuren in den Straßen der Stadt. In öffentlicher Wertschätzung stand damals Lucretia Mott an der Spitze dieser Sekte. Sie wurde, wie man mir sagte, wegen ihres edlen Charakters, ihrer hohen Bildung und des Eifers und der Fähigkeit, mit denen sie sich für viele fortschrittliche Bewegungen betätigte, allgemein verehrt. Ich hatte das Glück, ihr durch einen deutschen Freund vorgestellt zu werden. Mir schien sie die schönste alte Dame zu sein, die ich je gesehen hatte. Ihre Züge waren von höchster Feinheit. Man hätte sich keine der zarten Fältchen, mit denen· das Alter ihr Gesicht gezeichnet hatte, fortwünschen mögen. Ihre dunklen Augen strahlten von Intelligenz und Wohlwollen. Sie empfing mich mit milder Grazie, und im Laufe unseres kurzen Gespräches drückte sie die Hoffnung aus, daß ich mich als Bürger niemals der Sklavenfrage gegenüber gleichgültig verhalten werde, wie es zu ihrem großen Kummer jetzt so viele zu tun schienen. Während unseres Aufenthalts in Philadelphia war unser Verkehr notwendigerweise beschränkt, aber ich nahm jede Gelegenheit wahr, mich mit Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsklassen zu unterhalten und mich mit ihrer Anschauungsweise, ihren Hoffnungen und Befürchtungen, ihren Vorurteilen und Sympathien bekannt zu machen. Gleichzeitig studierte ich fleißig die politische Geschichte und die Institutionen des Landes, und bald führte mich meine Lektüre der Tagesereignisse und ihrer Bedeutung über die Spalten des »Ledger« hinaus.

Einige Ausflüge in das Innere der Staaten Pennsylvania und Conneticut, wo ein entfernter Verwandter eine Fabrik leitete, erweiterten das Feld meiner Beobachtungen.

Ungleich mehr noch wurde meine politische Bildung durch einen Besuch der Stadt Washington im Frühling des Jahres 1854 gefördert. Die scheinbare Apathie des öffentlichen Gewissens in betreff der Sklavereifrage wurde endlich durch die Beantragung der Nebraska-Bill von Senator Douglas aufgerüttelt. Diese Bill sollte das »Missouri Compromise« aufheben und alle nationalen Territorien dem Eindringen der Sklaverei, dieser »eigentümlichen Institution«, preisgeben. Ein plötzliches Beben erschütterte die politische Atmosphäre.– Wenn ich mich auch nicht für die Tagespolitik der demokratischen oder der Whigpartei interessieren konnte, so bewegte mich doch gleich aufs tiefste die Sklavereifrage von allen ihren sozialen, politischen und ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet. Ich konnte dem Wunsche nicht widerstehen, nach Washington zu reisen und dort im Kongreß den Kampf zu beobachten.

Mein erster Eindruck von der politischen Hauptstadt dieser großen amerikanischen Republik war ein ziemlich trostloser. Washington sah damals aus wie ein großes, langausgestrecktes Dorf. Die zerstreuten Häusergruppen wurden von einigen öffentlichen Gebäuden überragt. Da war erstens das Kapitol, von dem nur der jetzige Mittelbau in Gebrauch war, da an den Flügeln, in welchem jetzt Senat und Repräsentantenhaus ihre Sitzungen abhalten, noch gearbeitet wurde; dann das Schatzamt, dem auch noch die jetzigen Flügel fehlten, das »Weiße Haus« und das Patentamt, welches zugleich das Ministerium des Innern beherbergte. Die Ministerien der auswärtigen Angelegenheiten, des Kriegs und der Marine waren in kleinen, unscheinbaren Häusern untergebracht, die aussahen, als könnten sie die prunklosen Wohnungen wohlhabender Kaufleute sein. Es gab in der ganzen Stadt keine einzige ganz zugebaute Straße, kaum ein Häusergeviert ohne Lücken trauriger Leere. Die Häuser waren sogar noch nicht nummeriert.

Nicht weit vom Kapitol kreuzte ein Bach, »Gänsebach,« alias »die Tiber« die Pennsylvania Avenue. Diesen Bach überspannte eine hölzerne Brücke, und mir wurde die nicht ganz glaubwürdige Geschichte erzählt, daß Kongreßmitglieder, die in etwas angeheitertem Zustande im Dunklen nach einer ziemlich lebhaften Nachtsitzung nach Hause gingen, zuweilen die Brücke verpaßten und ins Wasser fielen, um am nächsten Morgen mühsam von der Kongreßpolizei und ihren Gehilfen herausgefischt zu werden.

Das Gasthaus, in welchem ich abstieg, das National Hotel, machte einen über alle Beschreibung düsteren Eindruck. Es gab kaum ein halbes Dutzend Wohnhäuser in der ganzen Stadt, die ein vornehmes, elegantes und behagliches Aussehen hatten. Die Straßen, wenn überhaupt, schlecht gepflastert, waren beständig mit Schmutz oder Staub bedeckt. Sehr wenige Kongreßmitglieder führten einen eigenen Hausstand. Die meisten von ihnen nahmen ihre Mahlzeiten gemeinschaftlich ein, indem sie sich zu diesem Zweck zu Klubs verbanden. Washington wurde »die Stadt großartiger Entfernungen« genannt. Aber am Ende dieser Entfernungen gab es nur einige öffentliche Gebäude, sonst wenig Interessantes oder Anmutendes. In vielen der Straßen machten noch Gänse, Hühner, Schweine und Kühe ihre unbestrittenen Wegerechte geltend. Die Stadt hatte durchaus ein ungepflegtes, wenig unternehmungslustiges oder fortschrittliches Aussehen und versprach noch nicht im geringsten, die schöne Hauptstadt zu werden, die sie heute ist.

Meinen ersten Besuch machte ich beim Kriegsminister Jefferson Davis, an den ein Bekannter aus meiner Philadelphia-Pension mir einen Einführungsbrief gegeben hatte. Mit meiner natürlichen Veranlagung respektvoll, ja ehrfurchtsvoll zu sein, hatte ich mir in meiner Phantasie eine hohe Vorstellung davon gemacht, welch’ eine erhabene Persönlichkeit der Kriegsminister dieser großen Republik sein müsse. Ich wurde nicht enttäuscht. Er empfing mich sehr gnädig. Seine schlanke, große und gerade Figur, sein mageres Gesicht, seine durchdringenden scharfen Augen, seine schöne, nicht breite, aber wohlgebildete Stirn vereinigten sich zu dem wohlbekannten, kräftigen, amerikanischen Typus. Seine Haltung zeigte eine Würde, die ganz natürlich und ungekünstelt schien – eine solche Würde, die nicht zur vertraulichen Annäherung einladet, die aber auch nicht durch hochmütige Anmaßung beunruhigt. Seine Höflichkeit war nicht herablassender Art. Unsere Unterhaltung beschränkte sich auf konventionelle Gemeinplätze. Ein zaghafter Versuch meinerseits, ihm eine Meinungsäußerung über die Phase der Sklavereifrage, welche durch die Einführung der »Nebraska Bill« hervorgebracht war, zu entlocken, blieb ohne den gewünschten Erfolg. Er hoffte nur, daß alles sich zum Besten wenden möge, und nahm dann auf geschickte Art seine höflichen Fragen nach meinen Erfahrungen in Amerika und meinen Zukunftsplänen wieder auf, indem er mir seine besten Wünsche für die Zukunft ausdrückte. Seine Unterhaltung bewegte sich, soviel ich beurteilen konnte, in gewählter, manchmal sogar eleganter Ausdrucksweise, und die Klangfarbe seiner Stimme hatte einen besonderen Wohllaut.

Einige Jahre später, als ich zufällig in der Galerie des Senats war, hörte ich ihn eine Rede halten, und wieder fielen mir die Würde seiner Haltung, die Grazie seines Ausdrucks und der seltene Zauber seiner Stimme auf – Vorzüge, die ihn sehr von vielen seiner Kollegen unterschieden.

Ich hatte mir außerdem noch Briefe an Senator Shields von Illinois und Senator Broadhead von Pennsylvania und M. Francis Grund, einen Washingtoner Journalisten, verschafft. In den beiden Senatoren lernte ich sehr verschiedene Charaktere kennen. Senator Shields, ein jovialer Irländer, verdankte seine hohe Stellung in der Politik hauptsächlich dem Rufe, den er sich als freiwilliger Offizier im mexikanischen Kriege errungen hatte. Er begrüßte mich mit übersprudelnder Herzlichkeit als eine Art Revolutions-Kameraden aus Europa, da er sich selbst, als enthusiastischer irländischer Nationalist, in einem beständigen Zustand der Kampfeslust gegen England befand, was aber seinem Eifer und seiner Opferwilligkeit als amerikanischer Bürger keinen Abbruch tat. Er schien sich völlig bewußt zu sein, daß sein Kollege von Illinois, Senator Douglas, ihn im Senat in den Schatten stellte. In Senator Broadhead fand ich hingegen einen ziemlich schwerfälligen, um nicht zu sagen langweiligen Herrn. Er unterhielt mich mit der bedeutungsvollen Feierlichkeit eines Menschen, der viel mehr weiß, als er sich berechtigt fühlt zu offenbaren, aber weder von ihm, noch von seinem Kollegen konnte ich irgend welche erleuchtende Aufklärung erlangen, als ich versuchte, das Gespräch auf die große schwebende Frage, die Sklaverei zu bringen. Senator Broadhead schloß endlich seine langatmigen Bemerkungen mit einem Satz, der mir einen tiefen Eindruck machte und mir viel zu denken gab. Er sagte: ,»Überhaupt interessiere ich mich nicht so sehr für politische Maßnahmen und Prinzipien, wie für das Dirigieren von Menschen (The management of men).«

Als ich am nächsten Tage den Journalisten Herrn Francis Grund, den ich inzwischen kennen gelernt hatte, traf, fragte ich ihn, was wohl Senator Broadhead mit diesem Ausspruch gemeint haben möge.

»Sie unschuldsvoller Engel,« rief Herr Grund mit herzlichem Lachen, ,»er meint einfach, daß es ihm einerlei ist, ob seine Partei ihn in dieser oder jener Richtung führt, aber daß sein Hauptgeschäft darin besteht, den Parteikleppern und seinen persönlichen Anhängern Post- und sonstige Ämter, Konsulate und Indianer-Agenturen zu verschaffen. Und er muß mit der Administration auf gutem Fuß bleiben, um diese Dinge zu erlangen«.

Ich war erstaunt. »Und es gibt wirklich Staatsmänner in so hoher Stellung, wie die eines Senators der Vereinigten Staaten, die das als ihr Hauptgeschäft betrachten?« fragte ich.

»Ja,« antwortete Herr Grund, »eine ganze Menge«. Und er nannte eine große Anzahl von Senatoren und eine noch größere Zahl von Repräsentanten, von denen er behauptete, daß die Verteilung der »öffentlichen Beute« die Haupt- wenn nicht die einzige Beschäftigung sei, für die sie sich wirklich interessierten.

Das war mir eine erschreckende Enthüllung. Es war mein erster Blick in die Tiefen der großen »Amerikanischen Regierungsinstitution,« die ich in der Folge mit dem Namen »Beutesystem« zu bezeichnen lernte. Daß die Amerikaner jedesmal, wenn eine andere Partei ans Ruder kam, jeden Postmeister im Lande wechselten, hatte ich allerdings schon gehört, ehe ich hierher kam, und es hatte mich dies als besonders unsinnig berührt – daß aber fast alle Ämter unter der gegenwärtigen Regierung als »öffentliche Beute« betrachtet werden sollten, und daß Staatsmänner, die in den Kongreß geschickt wurden, um Gesetze zum Besten des ganzen Landes zu machen, ihre Zeit und Arbeitskraft dazu verwandten, diese öffentliche Beute zu erlangen und zu verteilen, und daß ein freies intelligentes Volk sich dem fügen sollte – das überstieg alle Begriffe.

Herr Grund versuchte mich über diese Fragen aufzuklären, wozu er um so mehr befähigt war, als er viele Jahre Berichterstatter in Washington gewesen war und somit einen tiefen Einblick in die dortigen Verhältnisse gewonnen hatte. In Deutschland geboren, war er als Jüngling nach Amerika gekommen und zufällig in die Journalistik hineingeraten. Seine allgemeine Begabung, sein schnelles Begriffsvermögen befähigten ihn besonders für diesen Beruf. Infolge seiner deutschen Ausbildung und seines fortgesetzten intelligenten Interesses an europäischen Zuständen und Vorgängen beurteilte er amerikanische Dinge von einem andern Gesichtspunkt als der Durchschnitts-Amerikaner und seine Ansichten waren seinen amerikanischen Freunden nicht immer genehm. So freute er sich denn, bei dem jungen neuen Ankömmling Verständnis zu finden, wenn er sein Herz ausschüttete. Er vertraute mir an, daß, wenn auch die Verteilung der Ämter als öffentliche Beute unter der siegenden Partei ein festeingebürgertes System geworden, und es gänzlich nutzlos sei, dagegen zu sprechen, er doch selbst die Überzeugung gewonnen habe, es als einen Mißbrauch zu betrachten, der große Gefahren für unsere freien Institutionen in sich berge. Er sei persönlich und, wie er sagte, sogar intim bekannt gewesen mit den politischen Größen der eben verflossenen Periode: Clay, Calhoun und Webster, – er war sogar stolz darauf, »constitution« genau so aussprechen zu können wie der große Daniel Webster es ausgesprochen hatte –, und er wußte, wie sie dieses System als einen Greuel verabscheut hatten. Aber der gewöhnliche Politiker jeder Partei pries es laut als einen durchaus amerikanischen Brauch, der auf demokratischen Grundsätzen beruhe.

Herr Grund schilderte mir in den lebhaftesten Worten das heißhungrige Jagen nach Ämtern, das nach der Erwählung von General Pierce zur Präsidentschaft stattgefunden hatte, die unglaublichen Demütigungen des Selbstgefühls, denen einige Männer sich auszusetzen willens waren, die endlose Mühe der Senatoren und Repräsentanten, ihre Schmarotzer zu befriedigen, und die gewissenlosen Betrügereien, die sie gegen diejenigen ihrer Wähler ausübten, die sie enttäuschen mußten, aber deren Freundschaft sie sich doch bewahren wollten usw.

Das waren peinliche Enthüllungen für mein noch unerfahrenes Gemüt. Was war es nun, das so viele Menschen so heißhungrig nach Ämtern machte?

»Teilweise die Auszeichnungen, die eine offizielle Stellung verleiht, « sagte Herr Grund, »und teilweise die pekuniären Vorteile.«

Ich erkundigte mich nach den Gehältern, die mit den verschiedenen Ämtern verbunden sind, und fand sie ziemlich gering.

»Nun,« sagte mein Mentor, »es lassen sich aber immer noch kleine fette Nebenverdienste herausschlagen.«

»Nebenverdienste, was meinen Sie damit?«

»Das Geld, das ein Beamter durch Benutzung seiner Stellung manchmal auf ehrliche, manchmal aber auch auf andere Weise verdienen kann.« Und Herr Grund erklärte mir, wie in gewöhnlicher Redeweise der Wert einer Stellung nach dem Gehalt und den Nebenverdiensten veranschlagt würde.

Ich mußte an das preußische Beamtentum denken, das immer den Ruf strengster offizieller Ehrenhaftigkeit genossen hat, und war sehr entsetzt. Er versicherte mich jedoch, daß die öffentlichen Geschäfte ganz gut von solchen Beamten verwaltet würden – wenn es auch noch besser und ökonomischer geschehen könnte – und daß es trotz dieser schlimmen Anzeichen im Kongreß wohl nur sehr wenig Männer gäbe, die bestochen werden könnten.

Spätere Erfahrungen und eine längere Bekanntschaft mit öffentlichen Männern und Angelegenheiten überzeugten mich, daß die Bilder, die Herr Grund zu meiner Belehrung gezeichnet hatte, im wesentlichen richtig waren. Das Beutesystem war in voller Blüte, hatte aber noch nicht die schlimme Frucht gezeitigt, wie wir sie heute kennen. In mancher Beziehung war jedoch der Zustand der öffentlichen Meinung, den das System erzeugt hatte, noch schlimmer, als der heute bestehende. Es gab noch keine aktive Opposition gegen das Beutesystem im allgemeinen, wenn auch einige ältere Mitglieder des Senats und des Repräsentantenhauses zuweilen ihren Abscheu dagegen ausdrückten. Es wurde vielmehr als eine bleibende Einrichtung hingenommen, die in diesem Lande nicht anders sein könnte und die ändern zu wollen gänzlich nutzlos sein würde. Wenn auch seit dem der »Boß« und »die Maschine« aus diesem System hervorgegangen sind und besonders im Staate New York eigennützige Politiker das dankbarste Feld für ihre Unternehmungen finden, so ist doch die öffentliche Gesinnung viel empfindlicher geworden. Es wäre heute zum Beispiel nicht mehr möglich, daß die höher stehenden Politiker die Frage der »Nebenverdienste« mit kühler Gleichgültigkeit besprächen, wie es damals geschah, ohne eine ernste Kundgebung der öffentlichen Meinung hervorzurufen.

Das waren die Eindrücke, die sich mir durch meine Unterhaltungen und Beobachtungen in Washington in mehr oder weniger unklarer Art aufgedrängt hatten, und ich kann sagen, daß ich damals schon gleich auf der Stelle, allerdings mir selbst unbewußt, ein Zivil-Dienst-Reformer wurde.

Ich besuchte fleißig die Galerien des Senats und des Repräsentantenhauses, um den Debatten zuzuhören. Ich kann nicht sagen, daß das Aussehen dieser Körperschaften mir einen imposanten Eindruck machte. Ich hatte einmal als Zuschauer einer Sitzung des deutschen Parlaments von 1848 in Frankfurt a. M., mehreren Sitzungen der französischen National-Versammlung in Paris im Jahre 1850 und einer des Britischen House of Commons im Jahre 1852 beigewohnt. Von diesen parlamentarischen Körperschaften schien mir das Frankfurter Parlament das würdevollste und das geregelteste, die französische Versammlung die stürmischste und das House of Commons das geschäftsmäßigste. Der amerikanische Kongreß, den ich im Jahre 1854 sah – wie ich jetzt darauf zurückblicke und auf viele Kongresse, die diesem vorangingen und ihm folgten – war der repräsentativste; er repräsentierte getreu den Durchschnitt der Wählerschaften in bezug auf ihre Fähigkeiten, ihre Bildung, ihre Sitten und ihren Charakter. Es hatte, was das Benehmen der Mitglieder, sowie das ganze Verfahren betraf, alles den Anstrich der unverfälschten Natürlichkeit, es gab da keine künstlich angenommene Würde, Bewegung genug, aber wenig gereizte Heftigkeit, nur vielleicht bei einigen Südländern. Die Geschäfte wurden erledigt ohne dem Zwang der Logik oder der Methode unterworfen zu sein. Der Kongreßmann mit buschigem Backenbart, der den ganzen Tag in Frack und Atlasweste einherging, mit einem großen Bissen Kautabak im Munde, wie wir ihn in diesen Tagen manchmal als komische Figur auf der Bühne sehen, war damals noch ein wohlbekannter Typus im Senat und im Repräsentantenhause. Leider war das Kauen von Tabak mit seinen Begleiterscheinungen noch sehr gebräuchlich; auch sah man das Rekeln auf zurückgewippten Stühlen und das Auflegen der Füße auf das Pult viel häufiger als jetzt in derselben Umgebung. Diese Dinge erschienen aber damals viel natürlicher und weniger abstoßend als jetzt. Es gab viel mehr Anzeichen des reichlichen Genuss es berauschender Getränke. Ich will damit nicht sagen, daß in den beiden Häusern nicht viele Männer von vornehmer Erscheinung und würdevoller Haltung waren. Gewiß gab es deren nicht wenige, aber die Mehrheit berührte mich als ziemlich nachlässig in ihrem Benehmen. Indem ich den laufenden Debatten oder den größeren Reden zuhörte, war ich erstaunt über die Gewandtheit des Ausdrucks, die fast jedermann zu Gebote stand. Die Sprache mag nicht immer elegant oder grammatisch richtig, sie mag zuweilen derb und rauh gewesen sein, aber sie floß gewöhnlich ohne Anstrengung und ohne Räuspern und Stocken dahin. Unter den wichtigeren Reden, die ich hörte, waren nicht wenige, die sich durch eine gewisse Schönrednerei auszeichneten, so ausgeschmückt mit hochtrabenden Ausdrücken und langen, pomphaft klingenden Worten, daß sie jetzt nur Gelächter hervorrufen würden, während sie damals ganz ernsthaft genommen und sogar als schöne Redekunst bewundert wurden. Dann und wann vernahm man im Verlaufe einer Rede ein altmodisches, lateinisches Zitat, gewöhnlich von den Lippen eines Südländers oder eines Neu-Engländers. Ich hörte aber auch mehrere Reden, die nicht nur reich an Gedanken, sondern auch in der Sprache in hohem Grade kräftig, bedeutend und elegant waren. Meine deutlichsten Erinnerungen sind die an den Senat.

Die hervorragendste Erscheinung in dieser Körperschaft war damals Senator Douglas. Er war ein Mann von kleiner Statur, mit breiten Schultern und großem Brustumfang. Sein Kopf, auf einem dicken, kräftigen Halse sitzend, war die Verkörperung kraftvoller Kampfbereitschaft. Ein eckiger Unterkiefer und ein breites Kinn, ein ziemlich großer, fest geschlossener Mund, eine gerade, etwas breite Nase, lebhafte, durchdringende Augen – mit einer tiefen, finsteren, mürrisch drohenden, horizontalen Falte dazwischen – eine breite Stirn und eine Fülle von dunklem Haar, das er um diese Zeit ziemlich lang trug und in der Aufregung schüttelte und trotzig zurückwarf, wie eine Löwenmähne – diese ganze Erscheinung, Gestalt und Antlitz gedrungen, muskulös und kompakt –, waren wie zum Kampfe bestimmt. Er wurde, nicht ganz unpassend, von seinen Parteigenossen »der kleine Riese« genannt. Seine Art zu sprechen stimmte genau mit seinem Aussehen zusammen. Seine Sätze waren scharf geschnitten, direkt und bestimmt. Sie flogen gerade aufs Ziel zu, wie ein Geschoß, manchmal sogar wie Kanonenkugeln, zerreißend und zerschmetternd. In seiner Sprache war nichts Glänzendes, nichts Phantasievolles, kein Haschen nach Schönrednerei. Es würde aber schwer halten, die Klarheit und Kunst seiner Darlegung der Tatsachen zu übertreffen, wenn er im Rechte war, oder seine Gewandtheit im Verdrehen der Logik oder im Verdunkeln der Frage durch außerhalb liegende, nebensächliche Dinge, wenn er im Unrecht war; oder die trotzige Hartnäckigkeit, wenn er dazu getrieben wurde, sich zu verteidigen, oder die schneidende, verschlagene Behendigkeit, mit der er seine Verteidigung in Angriff verwandeln konnte, so daß er sogar, wenn er von feindlichen Argumenten überwältigt wurde, mit der Miene eines Siegers aus dem Kampfe hervorging. Er war gänzlich schonungslos gegen die Gefühle seiner Gegner. Er konnte sie reizen und quälen mit spöttischen Worten der Herausforderung und sie beleidigen mit Ausdrücken wie »Feiglinge« und »Verräter«. Nichts konnte dem verachtenden Hohn, dem frechen Aufwerfen der Lippe gleichkommen, mit dem er in den Debatten, denen ich zuhörte, die Sklavereigegner im Kongreß die »Abolition-Confederates« (Anti-Sklaverei-Verbündete) und in späterer Zeit nach der Bildung der republikanischen Partei die »schwarzen Republikaner« nannte. Aber noch Schlimmeres konnte man ihm vorwerfen. Er konnte mit gänzlicher Gewissenlosigkeit seine Gegner anschwärzen, ihre Aussagen verdrehen und ihnen alle möglichen boshaften Handlungen und Absichten zuschreiben, obgleich er wissen mußte, daß sie daran gänzlich unschuldig waren. Ja, Douglas’ Art des Angriffs war so herausfordemd und beleidigend, daß es von Seiten der Anti-Sklaverei-Männer eines hohen Grades der Selbstberherrschung bedurfte, um das ruhig zu ertragen. Soviel ich mich erinnere, ist aber nur Senator Sumner der Versuchung unterlegen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Wenn ich auch aus diesen Gründen weit entfernt davon bin, Douglas für einen idealen parlamentarischen Redner zu halten, so bin ich doch gewiß, niemals einen gewaltigeren parlamentarischen Faustkämpfer gesehen zu haben. Ihn so zu nennen, kann nicht unpassend erscheinen, da in seinen Manieren etwas war, das stark an die Schänke erinnerte. Er war der Abgott der roheren Elemente seiner Partei, und seine Kameradschaft mit diesen Elementen hatte seinem Benehmen und seinen Gewohnheiten ihren unverkennbaren Stempel aufgedrückt. Er beleidigte oft die Würde des Senats durch ganz erstaunliches Betragen. Ich sah einmal, wie er in einer Nachtsitzung nach einer stürmischen Rede, sich einem Kollegen auf den Schoß warf und sich dort 10 bis 15 Minuten lachend und schwatzend rekelte mit seinen Armen um den Hals des Freundes, der in der peinlichsten Verlegenheit zu sein schien, ihn aber nicht abschütteln konnte oder wollte. Es mag allerdings zu seiner Entschuldigung gesagt werden, daß der allgemeine Ton des Senats damals noch kein so ernsthafter und wohlanständiger war wie jetzt. Nachdem Senator Douglas seine zweite Frau geheiratet hatte – eine Dame von Schönheit und hoher Bildung, welche nicht nur seinem Hause vorstand, sondern ihn auch auf seinen Wahlkampagnen begleitete, wurde er ordentlicher und gepflegter in seinem Aussehen und korrekter in seinem Benehmen; trotzdem wurden noch Gerüchte von Exzessen bekannt. Der prahlerische, renommistische Ton in seinen Reden blieb aber derselbe bis nach der Wahl von 1860. Ich muß gestehen, daß mich, sobald ich ihn zuerst sah und ihn sprechen hörte, eine starke persönliche Abneigung gegen Senator Douglas erfaßte. Ich konnte nicht verstehen, wie ein Mann, der im Senat einen freien Staat repräsentierte und der mit der Sache der Sklaverei weder durch persönliches Interesse noch durch Tradition verknüpft war, von dem man im Gegenteil annehmen mußte, daß er instinktiv der Sklaverei abgeneigt sein und ihre endliche Ausrottung wünschen müsse, wie ein solcher Mann ohne zwingende Notwendigkeit versuchen konnte, alle gesetzlichen Schranken gegen die Ausbreitung der Sklaverei niederzubrechen und trotzdem noch erwarten konnte, reiner und patriotischer Motive für fähig gehalten zu werden. Daß solche zwingende Notwendigkeit auch in seiner eigenen Ansicht nicht vorliegen konnte, geht daraus hervor, daß er selbst noch kurz zuvor die Rechtmäßigkeit und die bindende Kraft des »Missouri-Compromise« ausdrücklich wie etwas Selbstverständliches anerkannt hatte; daß er selbst eine Vorlage eingebracht hatte, um im Territorium Nebraska dem »Missouri-Compromise« entsprechend die Sklaverei auszuschließen und daß sich seitdem nichts ereignet hatte, was die Situation veränderte. Obwohl keineswegs geneigt, anderen, die nicht mit meiner Meinung übereinstimmen, dunkle Beweggründe zuzuschreiben, so konnte ich mich der Schlußfolgerung nicht entziehen, daß, wenn man Senator Douglas im Verdacht hatte, die gesetzlichen Schranken für die Verbreitung der Sklaverei in den Territorien zu beseitigen,– nicht einer Notwendigkeit gehorchend, nicht im Interesse des Allgemeinwohls – sondern um für sich selbst den Weg zum Präsidentschaftsstuhl zu bahnen, indem er die Gunst der Sklavenmacht für sich gewann, und so mutwillig die Sache der Freiheit aufs Spiel setzte, daß diese Anklage wirklich durch überwältigendes Zeugnis bewiesen war. Als ich ihn dann im Senat seine Sache vertreten hörte, mit der kühnsten Sophistik und in einem Tone der anmaßendsten und beinahe ruchlosen Streitlust und doch mit unleugbar großer Kraft und vollendeter Schlauheit, glaubte ich in ihm die Verkörperung des gewissenlosen Demagogen zu erkennen, der, wie mir mein Studium der Geschichte bewies, den Republiken so gefährlich ist. Diese Eindrücke erweckten in mir einen tiefen Abscheu gegen ihn, und als die Zeit kam, da ich selbst einen tätigen Anteil an der Anti-Sklaverei-Kampagne nahm, so dünkte mich, daß von allen Gegnern er derjenige sei, der nicht zu streng verurteilt werden könnte – doch davon später mehr.

Es konnte keinen auffallenderen Gegensatz geben als den zwischen Douglas und den Anti-Sklaverei-Männern im Senat, wie ich sie von der Galerie aus beobachtete und hörte. Die schlanke, sehnige Gestalt, das magere blasse Gesicht mit den überhängenden Augenbrauen und die gedämpfte Stimme von Senator Seward hatten für mich etwas Geheimnisvolles. Ich hatte einige seiner Reden gelesen und bewunderte besonders diejenigen, die er über das »Missouri-Compromise« gehalten hatte. Den hohen Flug philosophischer Beweisführung, die Kühnheit der Darlegung und der Voraussagungen, die ich darin fand, sowie der edle Fluß der Sprache hatten meine Einbildungskraft gefangen genommen.

Ehe ich ihn selbst kennen lernte, hatte ich ihn mir ausgemalt, wie man sich seine Helden vorstellt, als eine imposante Persönlichkeit von Ehrfurcht gebietender Miene und befehlender Haltung. Ich war daher sehr enttäuscht, als ich den kleinen ruhigen Mann sah, wie er sich in der Senatskammer bewegte und mit den südlichen Senatoren auf kaum weniger freundlichem Fuß zu stehen schien wie mit den nördlichen. So waren auch seine Reden immer gleich höflich gegen jedermann; sein Vortrag hatte einen dumpfen, kaum deutlichen Klang und nie eine volltönende Note der Herausforderung oder des Trotzes. Aber er machte auf mich, wie auf andere, den Eindruck eines Mannes, dem verborgene geheime Kräfte zu Gebote standen, die er, wenn er wollte, heraufbeschwören konnte. Ja, ich hatte von ihm sprechen hören, als von einer Art politischen Zauberers, der alle Geheimnisse kenne und der über politische Gewalten gebiete, die aller Welt außer ihm und seinem Busenfreund Thurlow Weed, – dem verschmitztesten, geschicktesten und unermüdlichsten politischen Macher – unbekannt seien. Es ist sehr wahrscheinlich, daß dieser Beigeschmack des Unheimlichen in Erscheinung und Stimme, sowie der orakelhafte Ton vieler seiner Aussprüche dazu beitrugen, diesen Eindruck zu bestärken. Ich muß gestehen, daß er eine große Anziehungskraft auf mich ausübte, bis ich in persönliche Berührung mit ihm kam.

Salmon B. Chase, der Anti-Sklaverei-Senator von Ohio war eine der stattlichsten Erscheinungen im Senat. Groß, breitschultrig in stolzer aufrechter Haltung, mit kräftigen und regelmäßigen Zügen und einer breiten, hohen und hellen Stirn war er das Bild der Intelligenz, der Kraft, des Mutes und der Würde. Er sah aus, wie man wünschen möchte, daß ein Staatsmann aussehen solle. Seine Sprache verschmähte den geborgten Reiz rhetorischer Ausschmückung, war aber klar und stark in der Beweisführung, kräftig und entschieden im Ton, erhaben in der Gesinnung und von jener offenen Freimütigkeit, die Respekt gebietet und Vertrauen erweckt. Er hatte eine Ansprache an das Volk verfaßt, in welcher er die wahre Bedeutung der Nebraska-Bill darlegte. Als diese, mit den Unterschriften einiger bekannten Anti-Sklaverei-Männer versehen, verbreitet wurde, erwies sie sich, ohne daß es beabsichtigt war, als der erste Schlachtruf zur Bildung einer neuen Partei. Douglas, der instinktiv die Wichtigkeit dieser Maßnahme fühlte, ergoß die Fluten seines Zornes über den Verfasser der Ansprache, und es war für mich ein höchst fesselndes Schauspiel, die majestätische Gestalt von Chase zu beobachten, wie er mit ruhiger Gelassenheit dem Hagel wütender Schmähungen des »kleinen Riesen« standhielt.

Ich verpaßte es während dieses Aufenthaltes in Washington, Charles Sumner sprechen zu hören, außer bei einer Gelegenheit, als er in ruhigem Ton einige Bemerkungen machte, um ein Mißverständnis richtig zu stellen. Der Eindruck, den er auf mich machte, war der eines Gentleman von Vornehmheit und Selbstgefühl; er erinnerte mich an einige distinguierte Engländer, die ich kennen gelernt hatte. Er war groß und wohlgebaut, eine Fülle von dunklen Locken überschattete sein schönes aber kraftvolles Gesicht. Er konnte mit vollem Rechte ein schöner Mann genannt werden. Sein Lächeln hatte einen eigenen Reiz. Man sprach von ihm als von einem Manne von großer Gelehrsamkeit und von seiner Geistesbildung und von jener Art des Mutes, der sich der Schwierigkeit und Gefahr unbewußt ist und von dem schon damals gesagt wurde, daß er das wütende Staunen der südlichen Pro-Sklaverei-Senatoren herausfordere.

Ich wurde diesen Sklavereigegnern in den Vorhallen des Senats vorgestellt, doch diese Vorstellungen hatten nur alltägliche Redensarten und das übliche Händeschütteln zur Folge. Senator Sumner schien sich allerdings für meine europäischen Erlebnisse zu interessieren und drückte die Hoffnung aus, mich wiederzusehen.

Von den südlichen Senatoren, die ich von der Galerie aus beobachtete, erinnere ich mich besonders dreier, die mir als ausgesprochene Typen auffielen. Der eine war Senator Butler von South Carolina. Sein rötlich angehauchtes Gesicht von langem silberweißem Haar umrahmt, das lustige Zwinkern seines Auges und sein beweglicher Mund verrieten den Mann von übersprudelndem Humor und den jovialen Kameraden. Man sagte, er habe eine vielseitige Bildung genossen und gefiele sich darin, Horaz zu zitieren. Im Senat sah man ihn oft in heiterer und scherzender Unterhaltung mit seinen Nachbarn. Wenn aber die Sklaverei angegriffen wurde, dann konnte er heftig aufbrausen und eine hochmütige Miene annehmen, als fühle er sich zum Vertreter einer höheren Klasse berufen. In fließender und hochtönender Phrase wollte er dem Nordländer die Erhabenheit des »Cavaliers« über die »Rundköpfe« fühlbar machen. Dieses Bestreben gab später die Veranlassung zu dem Wortwechsel mit Senator Sumner, der so beklagenswerte Folgen hatte. Senator Toombs von Georgia. Sein großer Kopf mit kräftigen Zügen saß auf einem massiven Körper, sein Gesicht immer von heiterer Laune belebt, war eines herzlichen, lebensfreudigen Lachens ebenso fähig wie eines bösen und drohenden Ausdrucks. Seine etwas geräuschvolle Sprechweise war immer fließend, volltönend und inhaltsreich. Er fühlte, wie kein anderer die Heiligkeit des Sklavenbesitzes und der höheren Zivilisation des Südens. Er wollte den Norden auf die Knie zwingen; er wollte die Anti-Sklaverei-Leute aus dem öffentlichen Leben vertreiben; der gerechte Sieg des Südens war ihm über allen Zweifel erhaben. Er war, wie es mir schien, das Bild, nicht so sehr der südlichen Aristokratie, als der anmaßenden und herausfordernden südlichen Mittelklasse, die sich der reichen, Sklaven haltenden Aristokratie anschloß. Bei alledem hatte der Mann für mich etwas so Anziehendes, daß ich ihn gerne persönlich kennen gelernt hätte. Noch ein anderer Typus war durch Senator Mason von Virginia vertreten; er war ein untersetzter Mann von schwerem Körperbau mit einem entschieden langweiligen Gesichtsausdruck. Was er zu sagen hatte, schien einem trägen Geiste zu entspringen, der von anmaßendem Eigendünkel zur Tätigkeit angespornt wurde. Auch er bestrebte sich beständig in seinem Wesen, noch mehr als in seiner Sprache, die Überlegenheit der südlichen Sklavenhalter über die Nordländer zu betonen. Ihn belebte aber nicht der sich brüstende Stolz des Senators Butler, noch die freudig elastische Kampfeslust des Senators Toombs. Es zeigte sich in ihm vielmehr die mürrische Anmaßung eines beschränkten Menschen, etwas Besseres sein zu wollen als andere, von denen er verlangte, daß sie sich seiner Anstokratie und allen ihren Ansprüchen beugen sollten. Während ich Senator Mason sah und ihm zuhörte, fühlte ich, daß, wäre ich Mitglied des Senats, seine hochmütige Haltung und seine hochtrabenden Redensarten voll langweiliger Gemeinplätze, die zuweilen in einen beleidigenden anmaßenden Ton ausarteten, für mich ganz besonders aufreizend gewesen wären.

Nachdem im Senat am Morgen des 4. März 1854 die Kansas Nebraska-Bill durchgegangen war, kehrte ich von Washington nach Philadelphia zurück. Ich nahm einige mächtige Eindrücke mit. Ich hatte gesehen, wie das Sklaventum von einigen seiner hervorragendsten Vertreter offiziell repräsentiert wurde, ich sah, wie diese Vertreter hochfahrend, trotzig, gebieterisch sich gebärdeten, leidenschaftlich eine unbegrenzte Ausbreitung für ihre Prinzipien verlangten und um ihrer eigenen Existenz willen die heiligsten Grundprinzipien freier Institutionen bedrohten, das Recht freier Untersuchung, das Recht freier Sprache, ja die Union und die Republik selbst. Im Bündnis mit dem Sklaventum sah ich nicht nur weitgehende materielle Interessen und einen aufrichtigen aber leicht eingeschüchterten Konservatismus, sondern auch einen egoistischen Parteigeist und ein schlaues und gewissenloses Demogogentum, die alle vereint eine gewaltige Anstrengung machten, das moralische Gefühl des Nordens zu verwirren. Gegen diese Verbündeten sah ich eine kleine Minorität getreulich den Kampf führen für Freiheit und Zivilisation.

Ich sah, wie die entscheidende Schlacht immer näher rückte, und ich fühlte den unwiderstehlichen Drang, mich vorzubereiten, um an dem Kampfe, wenn auch in noch so bescheidener Weise, teilzunehmen. Ich verfolgte mit erneutem Eifer meine Studien der politischen Geschichte und der sozialen Zustände der Republik, sowie der Theorie und der Praxis ihrer Institutionen. Zu diesem Zweck fand ich es nötig, mehr vom Lande zu sehen und mir eine ausgedehntere Erfahrung in Bezug auf den Charakter des Volks anzueignen. Ich sehnte mich besonders danach, die frische Luft jenes Teiles der Union zu atmen, von dem ich glaubte, daß er das »wirkliche Amerika« sei, jenes großen Westens, wo neue Staaten heranwuchsen und wo ich den Werdeprozeß neuer politischer Gemeinwesen beobachten konnte, wie sie sich aus dem Rohmaterial entwickelten.

Ich hatte einige Verwandte und einige deutsche Freunde in Illinois, Wisconsin und Missouri und zog im Herbste 1854 aus, um sie zu besuchen. Eine Reise nach dem Westen bedeutete damals noch nicht die bequeme Fahrt mit Schlafwagen und schnellen durchgehenden Zügen, wie wir sie heute machen können, und die Reisenden schienen noch nicht von der nervösen Hast besessen zu sein, die sie treibt, in möglichst kurzer Zeit ans Ziel zu gelangen. Auf gemächliche Weise besuchte ich Pittsburg, Cincinnati, Cleveland, Indianapolis, St.Louis und Chicago. Alle diese Städte waren in der Periode des jugendlichen Aufschwungs begriffen, der zuversichtlich eine große Zukunft voraussieht und in der diese Zuversicht von allen Teilen der Bevölkerung geteilt wird, da die Gesellschaft sich noch auf dem Fuße wesentlicher Gleichheit fühlt, weniger der Gleichheit des Vermögens als der Gleichheit günstiger, vielversprechender Aussichten. Ein elastischer freudiger Geist schien alle Klassen zu beleben, und zwischen diesen Klassen – wenn man hier von Klassen sprechen konnte – herrschten ungezwungene Umgangsformen und freies Zusammenwirken. Ich fand dasselbe in allen Orten, die ich besuchte; am wenigsten vielleicht in St. Louis, wo die Sklavenhalter – alte Familien mit aristokratischen Prätensionen gesellschaftlicher und politischer Überlegenheit – noch existierten.

Das Vorhandensein der Sklaverei mit dem zersetzenden Einfluß, den sie ausübte, warf dort einen Schatten sowohl über die industrielle und kaufmännische Entwicklung der Stadt, wie auf das Verhältnis der verschiedenen Gruppen von Bürgern zueinander. St. Louis zeigte immerhin viel mehr von der Elastizität des westlichen Lebens als sonst eine der größeren Städte der Sklaven haltenden Staaten und hatte auch in seiner Bevölkerung ein starkes Anti-Sklaverei-Element. Der politische Führer dieses Elements war Herr Frank P. Blair, ein Mann von großer Fähigkeit und Energie. Die Wählerschaft der Anti-Sklaverei-Partei in St. Louis und im ganzen Staate Missouri wurde aber hauptsächlich von den Einwohnern deutscher Geburt und Abstammung gestellt. Die Mehrheit dieser deutschen Bevölkerung bestand aus Ackerbauern, kleinen Kaufleuten, Handwerkern und gewöhnlichen Arbeitern. Es gab aber auch unter ihnen Leute von Bildung und überlegener Fähigkeit, die als kräftiger Sauerteig wirkten. Zwei Perioden politischer Erhebung in Deutschland: die von 1830 und den unmittelbar darauffolgenden Jahren und die von 1848 und 1849 hatten ganze Scharen talentvoller und charaktervoller Männer aus dem Vaterland vertrieben, und das deutsche Element von St. Louis und der Nachbarschaft hatte seinen vollen Anteil an diesen Einwanderungen erhalten. Einige der hervorragenden Männer der frühen 30er Jahre, die Engelmanns, Hilgards, Tittmanns, Bunsens, Follenius, Körners, Münchs ließen sich in und um Belleville in Illinois, in der Nähe des Mississippi gegenüber St. Louis nieder, um dort Mais und Wein zu ziehen. Diejenigen von ihnen, die sich trotz ihrer Universitätsbildung dem Ackerbau widmeten, wurden, halb scherzend, halb respektvoll, unter den Deutschen die »lateinischen Farmer« genannt. Einer von ihnen, Gustav Körner, der als Advokat in Belleville seinen Beruf ausübte, errang sich als Richter, als Vize-Gouverneur des Staates Illinois und als Gesandter der Vereinigten Staaten in Spanien hohe Auszeichnung. Ein anderer, Friedrich Münch, der edelste, vortrefflichste Typus eines »lateinischen Farmers« lebte bis zu einem hohen, ehrwürdigen Alter in Gasconade County, Missouri und blieb fast bis zum Tage seines Todes als Schriftsteller für Zeitungen und Zeitschriften unter dem Namen »Far-West« tätig. Diese Männer betrachteten St. Louis als ihre Metropole und gehörten im weiteren Sinne zum Deutschtum der Stadt. Es wurde ihnen neue Kraft zugeführt durch die deutsche Einwanderung von 1848, welche sich in jener Gegend in beträchtlicher Zahl niederließ. Sie brachte Männer mit sich wie Friedrich Hecker, den revolutionären Anführer von Südwestdeutschland, der eine Präriefarm in Illinois gegenüber von St. Louis kaufte, und Dr. Emil Preetorius, Dr. Börnstein, Dr. Däntzer, Bernays, Dr. Weigel, Dr. Hammer, Dr. William Taussig mit seinem Bruder James, Franz und Albert Sigel und andere, die in St. Louis selbst ihre Wohnung aufschlugen. Der Zufluß solcher Elemente gab der deutschen Bevölkerung von St. Louis und der Nachbarschaft die Kraft, schnell, intelligent, energisch und patriotisch aufzutreten, als die große Krisis von 1861 eintrat und so die Pro-Sklaverei-Aristokraten nicht wenig in Erstaunen zu setzen. Sie rissen die Augen auf vor Überraschung, als sie sahen, wie die »Dutch,« auf die sie stets als halbe Barbaren verächtlich niedergeblickt hatten, plötzlich eine ungeahnte Macht entfalteten und damit wirkungsvolle Streiche führten für Einigkeit und Freiheit.

Ich besuchte, ehe ich die Gegend von St. Louis verließ, den deutschen Revolutionär Friedrich Hecker auf seiner Präriefarm in der Nähe von Belleville, Illinois. In Deutschland war ich ihm nie persönlich begegnet, hatte aber von seinen glänzenden Gaben und seiner feurigen, impulsiven Natur gehört. Er hatte in einem frühen Stadium der revolutionären Bewegung von 1848 eine Erhebung in Süddeutschland angeregt, welche, obgleich sie sehr schnell durch militärische Gewalt unterdrückt wurde, ihn zum Helden von Volksliedern gemacht hatte. Sein Bild, das ihn in etwas phantastischer Kleidung darstellte, war über ganz Deutschland verbreitet, und als Verbannter war er eine sagenhafte Figur geworden. Als Mann von großer Gelehrsamkeit und vielseitigem Wissen war er unter den lateinischen Farmern zu einer hohen Stellung berechtigt.

Sein neues Heim bestand aus einem Blockhaus von sehr primitivem Aussehen. Frau Hecker, eine schöne und feine Frau, in dem einfachen aber netten und geschmackvollen Anzug einer Farmersfrau, bewillkommte mich an der Tür.

»Die Tiedemanns haben Ihren Besuch angekündigt,« sagte sie, »und wir haben Sie schon seit mehreren Tagen erwartet. Hecker ist krank und bei sehr schlechter Laune; er leidet an Wechselfieber. Er möchte Sie aber sehr gerne sehen. Kehren Sie sich nicht daran, wenn er sich einer etwas unparlamentarischen Sprache bedient. Das ist seine Art, wenn er nicht gut gestimmt ist.«

Frau Tiedemann in Philadelphia, Heckers Schwester, hatte mir schon von seinen Heftigkeitsausbrüchen erzählt. So gewarnt betrat ich das Blockhaus und fand mich in einem großen, einfach möblierten Raum. Hecker saß auf einem niedrigen Ruhebette von einem Büffelfell bedeckt.

»Hallo,« rief er mit heiserer Stimme, »da sind Sie endlich! Was in aller Welt führt Sie in dies verdammte Land?«

»Finden Sie wirklich dieses Land so schlimm?« fragte ich.

»Nein, nein, es ist kein so schlechtes Land,« sagte er, »es ist gut genug, aber der Teufel hole das Wechselfieber! Sehen Sie mich nur an.« Damit stand er auf und fuhr fort, in den heftigsten Ausdrücken über das Wechselfieber zu schimpfen. Und wirklich, als er so dastand, ein Mann nur wenig über Vierzig, bot er einen kläglichen Anblick. Als junger Advokat in Mannheim und als Abgeordneter in der legislativen Kammer von Baden, hatte er sich durch die Eleganz seiner Kleidung ausgezeichnet. Jetzt trug er ein grauwollenes Hemd, lose, abgetragene Beinkleider und ein paar alte Teppichpantoffeln.

Frau Hecker, die meine erstaunten Blicke beobachtete, flüsterte mir mit einem Seufzer zu: »Seit wir hier leben, kann ich ihn nicht mehr dazu bewegen, etwas auf sein Außeres zu geben.«

Ich hatte immer gehört, daß Hecker ein schöner Mann sei. Er hätte es noch sein können mit seiner Adlernase, seinen klaren, blauen Augen, den feingeschnittenen Zügen und seinem blonden Haar und Bart. Aber jetzt sah sein Gesicht eingefallen, blaß und müde aus; sein einst so elastischer Körperbau war wie gebrochen und als ob er sich kaum noch aufrechthalten könne.

»Ach,« sagte er, »Sie sehen, was aus einem alten Revolutionär werden kann, wenn er von Chininpillen leben muß«. Dann ergoß er wieder einen Strom von Schimpfreden über das Wechselfieber und gebrauchte eine erstaunliche Zahl von Schmähworten, worauf er sich allmählich beruhigte und wir anfingen, die politische Situation zu diskutieren. Sein Zorn entbrannte von neuem, als er von der Sklaverei sprach und von Senator Douglas’ schändlichem Versuch, die schrankenlose Ausbreitung der Sklaverei in den Territorien einzuführen. Mit der schönen Begeisterung seiner edlen Natur begrüßte er die Anti-Sklaverei-Bewegung, die sich damals über den ganzen Norden erstreckte, als die Morgendämmerung einer neuen Ära, und wir verbürgten uns gegenseitig, uns in gemeinsamem Streben auf dem Felde zu treffen, wenn jemals diese große Sache unsere Hilfe gebrauchen könne.

Ich wurde eingeladen zum Mittagessen zu bleiben, was ich gerne annahm. Es war eine sehr einfache aber gute Farmersmahlzeit. Frau Hecker hatte sie zubereitet und half auch bei der Aufwartung. Zwei ziemlich rauh aussehende Männer in Hemdsärmeln, die Farmarbeiter, saßen mit uns bei Tisch. Dieses war, wie Hecker mich belehrte, die Regel des Hauses.

»Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit,« sagte er.

Aber diese Brüderlichkeit verhinderte ihn nicht daran, nach Tisch, in meiner Gegenwart, einen der Arbeiter, der auf irgend eine Weise sein Mißfallen erregt hatte, derartig abzukanzeln, mit einer solchen Geläufigkeit und solchem Reichtum an Kraftausdrücken, wie ich es kaum für möglich gehalten, hätte ich es nicht selbst gehört.

Von Heckers Farm ging ich nach Chicago, und nie werde ich die erste Nacht vergessen, die ich in dieser Stadt zubrachte. Ich kam mit einem verspäteten Zuge, etwa eine Stunde nach Mitternacht dort an. Ein Omnibus brachte mich nach dem Fremont-Hotel, wo man mir sagte, daß jedes Zimmer besetzt sei. Der Buchhalter nannte mir ein anderes Haus, und ich begab mich, meine Reisetasche in der Hand, auf den Weg dahin. Der Omnibus war verschwunden und keine Droschke zu sehen, so ging ich denn zu Fuß nach zwei oder drei Gasthäusern, immer mit demselben Resultat. Indem ich versuchte, der letzten Weisung zu folgen, die man mir gegeben hatte, verlor ich auf irgend eine Art den Weg und setzte mich nun, von Müdigkeit überwältigt, auf den Gossenstein in der Hoffnung, daß ein Polizist oder ein anderer philanthropischer Mensch dort vorbeikommen würde. In Chicago waren zu dieser Zeit die Trottoirs aus hölzernen Brettern angefertigt, unter welchen, wie es schien, unzählige Ratten sich angesiedelt hatten. Ich sah ganze Herden dieser Tiere im Scheine des Gaslichts sich hin und her bewegen. Während ich still dasaß, huschten sie spielend über meine Füße hin. Alle Versuche, sie wegzuscheuchen, waren vergebens. Ich versuchte es auf einem anderen Stein, aber die Ratten waren auch da. Endlich bog ein Polizist um die Straßenecke. Einen Augenblick schien er im Zweifel zu sein, ob er mich auf die Polizeistation bringen sollte, aber nachdem er meine Geschichte gehört hatte, willigte er ein, mir ein Wirtshaus zu zeigen, in dem ich, wie er glaubte, ein Unterkommen finden könne. Auch dort war jedes Gastzimmer besetzt. Es gab nur noch ein freies Bett, aber dieses befand sich in einer Kammer ohne Fenster, einer Art großen Schranks, das konnte ich haben, wenn ich wollte. Ich war müde genug, jedes zu nehmen; eine Untersuchung des Bettes bei Kerzenlicht nahm mir aber allen Mut, mich auszukleiden. Ich brachte den Rest der Nacht auf einem Stuhle zu und begrüßte das Tageslicht mit großer Erleichterung.

Chicago war damals eine Stadt von ungefähr 65,000 Einwohnern. Das Blockhaus der alten Festung Dearborn stand noch und blieb auch noch mehrere Jahre stehen. Mit Ausnahme der wichtigsten öffentlichen Bauten, der Hotels, Geschäftshäuser und einiger Privatwohnungen, war die Stadt aus Holz gebaut. Die garnicht oder schlecht gepflasterten Straßen waren bei trockenem Wetter sehr staubig und bei nassem Wetter äußerst schmutzig. Es fiel mir auf, wie wenig Versuche zu bemerken waren, den Wohnhäusern ein anziehendes Aussehen zu geben. Die Stadt bot im ganzen einen unschönen Anblick. Während meines kurzen Aufenthaltes hörte ich überaus sanguinische Erwartungen für die Zukunft der Stadt aussprechen, Erwartungen, die sich seitdem als kaum sanguinisch genug herausgestellt haben. Aber es gab damals auch Zweifler.

»Wenn Sie vor einem Jahr hier gewesen wären,« sagte mir ein Freund, »hätten Sie noch mit großem Vorteil Geldanlagen in Ländereien machen können, jetzt ist es aber zu spät«.

Jedermann schien sehr beschäftigt zu sein, ja so beschäftigt, daß ich mich fast scheute, irgend jemandes Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen.

Von Chicago ging ich nach Wisconsin und fand dort eine äußerst sympathische Atmosphäre. In Milwaukee, mit seiner viel kleineren Einwohnerzahl als der von Chicago, hatte sich ein verhältnismäßig größerer Teil der deutschen Einwanderung von 1848 angesiedelt. Die Stadt hatte schon früher ein starkes deutsches Element besessen: gutmütige, ruhige, sich dem Gesetz fügende, ordnungsliebende und fleißige Bürger, darunter Leute von ausgezeichneten Fähigkeiten, die viel zum Wachstum der Gemeinde beitrugen und sich in ihrer einfachen, fröhlichen Art unterhielten. Die 48er brachten aber etwas wie eine Flut von Frühlingssonnenschein in dieses Leben. Sie waren meistens begeisterte, feurige junge Menschen, erfüllt von den reinen Idealen, die in der alten Welt zu verwirklichen ihnen nicht gelungen war und die nun hier Gestalt gewinnen sollten. Sie waren bereit, irgend eine Tätigkeit zu ergreifen, zu der sie fähig waren und voller Eifer nicht nur diese Tätigkeit einträglich zu machen, sondern auch das Leben heiter und schön zu gestalten und bei alledem voller Begeisterung für die große amerikanische Republik, welche ihre Heimat und die Heimat ihrer Kinder werden sollte. Einige von ihnen hatten Geld mitgebracht – andere nicht. Einige waren auf deutschen Universitäten für die Gelehrtenberufe ausgebildet worden, einige waren Künstler oder Literaten oder Kaufleute – andere wieder waren in bescheidener Lebenslage aufgewachsen, aber, sehr wenige Drohnen ausgenommen, ergriffen sie alle die Arbeit mit dem freudigen Vorsatz, sich in alles zu schicken. Sie fingen gleich an, die Gesellschaft mit künstlerischen Unternehmungen zu beleben. Eine ihrer ersten Veranstaltungen war die Bildung des Musikvereins von Milwaukee, der in erstaunlich kurzer Zeit in sehr anerkennenswerter Weise Oratorien und leichte Opern mit seinen eigenen Kräften aufführte. Der deutsche Turnverein pflegte nicht nur die Turnkünste zum Besten seiner eigenen Mitglieder, sondern er gab auch Vorstellungen von lebenden Bildern und ähnlicher künstlerischer Bedeutung. So wurden Interessen erweckt, welche die Mehrheit der alten Bevölkerung bis dahin kaum gekannt hatte, die aber jetzt in allgemeine Aufnahme kamen und in hohem Maße die Kluft zwischen den eingeborenen Amerikanern und den neuen Ankömmlingen überbrückte. Die Gründung eines deutschen Theaters folgte als eine selbstverständliche Sache, und die Vorstellungen, die hier veranstaltet wurden, verdienten großes Lob. Sie erwiesen sich als so anziehend, daß das Theater bald eine Art geselliger Mittelpunkt wurde. Es ist wahr, daß ähnliche Dinge auch in anderen Städten, wo sich 48er angesiedelt hatten, unternommen wurden; soweit ich weiß, hatte sich aber sonst nirgends ihr Einfluß so schnell in der ganzen gesellschaftlichen Atmosphäre fühlbar gemacht wie in Deutsch-Athen von Amerika, denn so wurde Milwaukee damals genannt. Es ist jedoch nicht zu leugnen, daß diese geistige Lebhaftigkeit in einigen Fällen in Versuchen ausartete, fragliche und extravagante Theorien praktisch durchzuführen. Im ganzen aber erwies sich dieser belebende Einfluß als gesunde Aufmunterung nicht nur in gesellschaftlichem, sondern auch in politischem Sinne.

Von Milwaukee ging ich nach Watertown, einer kleinen Stadt ungefähr 45 Meilen weiter nach Westen. Mein Onkel, Jakob Füssen, von dem ich in meinen Kindheitserinnerungen als dem Bürgermeister von Jülich erzählt habe, hatte sich dort mit seiner Familie, darunter zwei verheirateten Töchtern, niedergelassen. So kam ich hier gleich in einen Familienkreis hinein, der mir umso sympathischer war, als mir Ohm Jakob unter meinen Onkeln immer am nächsten gestanden hatte. Die Bevölkerung von Watertown bestand vorwiegend aus Deutschen. Wenn sie auch nicht vom Geist der 48er ganz so durchtränkt waren, wie die Milwaukeer, so fand ich doch in Watertown einen früheren Studenten, den ich im September 1848 als Mitglied des Studentenkongresses in Eisenach getroffen hatte, Herrn Emil Rothe, und mehrere andere Männer, die an der revolutionären Bewegung der Zeit teilgenommen hatten.

Unter den Farmern der Umgegend, die nach Watertown kamen, um dort ihre Geschäfte zu besorgen, waren viele Pommern und Mecklenburger, fleißige und sparsame Leute, deren erste Heimstätte aus einer rohen Blockhütte bestand, woraus sie sich dann im Laufe einiger Jahre– zuerst zu einem bescheidenen Holzhaus und schließlich zu einem stattlichen Backsteingebäude emporarbeiteten. Dabei blieb aber die Scheune immer der wichtigste Bau der ganzen Niederlassung.

Einige Irländer und einige eingeborene Amerikaner aus Neuengland oder aus dem Staate New York hatten sich auch hier angesiedelt, sie besaßen Farmen, betrieben eine Bank oder kleine Fabriken, auch gab es unter ihnen zwei oder drei Advokaten. Diese verschiedenen Elemente der Bevölkerung standen aber alle auf dem Fuß wesentlicher Gleichheit, sie waren weder reich noch arm, bereit zu arbeiten und das Leben miteinander zu genießen, jeder nachsichtig gegen die Eigenheiten des andern.

Von Kultur oder gesellschaftlicher Verfeinerung gab es natürlich wenig. Die Gesellschaft stand nicht mehr auf der Pionierstufe, sie war nicht mehr in dem Hinterwaldzustand, aber sie hatte die charakteristischen Eigenschaften der Neuheit. Es gab Kirchen, Schulen, Gasthäuser, alle sehr einfach, aber anständig in ihren Einrichtungen und im ganzen gut gehalten. Es gab eine Munizipalverwaltung eine nach den Gesetzen organisierte städtische Regierung mit Beamten vom Volke erwählt.

Und diese Leute waren erst kürzlich aus allen Ecken der Welt zusammengeströmt. Verhältnismäßig wenige unter ihnen waren mit irgend welcher praktischen Kenntnis aufgewachsen, wie solche Dinge gemacht werden müssen und welche Methoden gewöhnlich zu dem Zwecke angewandt werden. Einer großen Mehrheit waren die Traditionen dieser Republik fremd. Die Aufgabe, gewisse Fragen auf dem Wege ungehinderter städtischer Selbstregierung zu lösen und durch die Ausübung des Wahlrechts an der Regierung eines Staates und sogar einer großen Republik teilzunehmen, war ihnen neu. In Wisconsin wurde der Einwanderer, nachdem er ein Jahr im Staate gewohnt hatte, Wähler, ganz abgesehen davon, ob er das Bürgerrecht der Vereinigten Staaten erworben hatte oder nicht, es genügte, daß er regelrecht seine Untertanenpflicht gegen eine fremde Regierung oder einen Fürsten abgeschworen hatte und seine Absicht erklärte, ein Bürger der Vereinigten Staaten zu werden. Solcher Wähler gab es sehr viele.

Hier schien mir daher ein ausgezeichneter Beobachtungspunkt zu sein, von welchem aus ich das Wachstum und das Verhalten der politischen Gemeinschaft betrachten konnte, die aus anscheinend rohen und ungleichartigen Elementen bestand und von dem politisch erfahreneren Geiste des Eingeborenen noch verhältnismäßig unbeeinflußt war. Hier konnte ich den Prozeß verfolgen, durch welchen der Fremdgeborene, der neue Ankömmling sich zu einem selbstbewußten Amerikaner entwickelt, und ermitteln, welcher Art der Amerikaner ist, der aus diesen Vorgängen hervorgeht. Im ganzen waren mir die Dinge, die ich sah und hörte, sehr anziehend. Hier fand ich mehr als anderswo das Amerika, das ich in meinen Träumen gesehen hatte: in einem neuen Lande eine neue Gesellschaft, gänzlich ungefesselt von irgendwelchen Traditionen der Vergangenheit; ein neues Volk aus freier Mischung der kräftigen Elemente aller Nationen hervorgegangen, das nicht Altengland allein, sondern die ganze Welt zum Mutterlande hatte, mit fast unbegrenzten Möglichkeiten die allen offen standen, und mit den gleichen Rechten, die ihnen durch die freien Institutionen der Regierung gesichert wurden.

Allerdings fehlten dem Leben im Westen, besonders in einiger Entfernung von den größeren Städten, die feineren Genüsse der Zivilisation in solchem Grade, daß diese Entbehrung sehr schwer für die Menschen zu ertragen war, die nicht in dem ihre Entschädigung fanden, was dem westlichen Leben – und ich möchte sagen, dem amerikanischen Leben überhaupt – seinen besonderen Reiz gibt: ein warmes lebendiges Interesse an der fortschreitenden Entwicklung, die beständig und mit Geschwindigkeit vor sich geht, an dem, was man mit einem Wort die Werdelust bezeichnen könnte. Dann und wann hört man Leute von Bildung – oder vielleicht Überbildung – darüber klagen, daß dieses Land keine romantischen, epheuumrankten Ruinen, keine historischen Schlösser und Kirchen und überhaupt wenig von dem zu bieten habe, was den gebildeten ästhetischen Geschmack oder das poetische Gefühl anspricht. Das mag wahr sein; es hat eben die Nachteile, welche allen neuen Ländern eigen sind, und es wird denjenigen Menschen uninteressant und wenig anziehend erscheinen, die auf jene Dinge den höchsten Wert legen, welche ein neues Land nicht besitzt und der Natur der Sache nach nicht besitzen kann. Aber mehr als jedes andere Land bietet es dafür den Ersatz, der in der freudigen Wertschätzung besteht nicht nur dessen, was ist, sondern dessen, was sein wird, des Wachstums, das wir miterleben, der Entwicklung, von der wir ein Teil sind.

Mir war die anregende Atmosphäre des Westens so sympathisch, daß ich beschloß, meinen Wohnort im Mississippital aufzuschlagen. Was ich vom Staate Wisconsin und seinen Menschen gesehen hatte, sprach mich so ungemein an, daß ich diesen Staat allen anderen vorzog und, da mehrere meiner Verwandten sich in Watertown angesiedelt hatten und meine Eltern und Schwestern inzwischen von Europa herübergekommen waren und sich natürlich freuen würden, mit anderen Mitgliedern der Familie zusammenzuleben, kaufte ich dort ein Grundstück mit der Absicht, mich dauernd niederzulassen.

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