Miggles

Mit dem Kut­scher wa­ren wir zu neunt. Die gan­zen letz­ten sechs Mei­len hat­ten wir kein Wort ge­wech­selt, seit das Rüt­teln des schwe­ren Ge­fährts auf der holp­ri­gen Stra­ße das letz­te poe­ti­sche Zi­tat des Rich­ters ver­dor­ben hat­te. Der gro­ße Mann ne­ben dem Rich­ter schlief, den Kopf auf den Arm ge­legt, den er die die pen­deln­de Hal­te­schlau­fe ge­scho­ben hat­te – al­les in al­lem ein schlaf­fes, hilf­lo­ses Bün­del, das wirk­te, als ob er sich selbst auf­ge­hängt hät­te und zu spät ab­ge­schnit­ten wor­den wä­re. Die fran­zö­si­sche La­dy auf dem Rück­sitz schlum­mer­te gleich­falls, doch in ei­ner halb be­wuss­ten schick­li­chen Hal­tung, die sich selbst in der Art zeig­te, mit der sie das Ta­schen­tuch, das ihr Ge­sicht teil­wei­se ver­schlei­er­te, an die Stirn hielt. Die La­dy aus Vir­gi­nia Ci­ty, die zu­sam­men mit ih­rem Mann reis­te, hat­te schön längst jeg­li­che In­di­vi­dua­li­tät ver­lo­ren in ei­nem wil­den Durch­ein­an­der von Bän­dern, Schlei­ern, Pel­zen und Schals. Au­ßer dem Rat­tern der Rä­der und dem Trom­meln des Re­gens auf dem Dach war nichts zu hö­ren.
Plötz­lich hielt die Kut­sche an, und wir hör­ten un­deut­li­che Stim­men. Der Kut­scher be­fand sich of­fen­sicht­lich mit­ten in ei­ner auf­ge­reg­ten Un­ter­hal­tung mit je­man­dem auf der Stra­ße – ei­ne Un­ter­hal­tung, von der durch den Sturm Wort­fet­zen zu uns dran­gen wie »Brü­cke ist weg«, »zwan­zig Fuß Was­ser«, »man kann da nicht rü­ber«.
Dann ent­stand ei­ne Pau­se und die ge­heim­nis­vol­le Stim­me von der Stra­ße rief zum Ab­schied die dring­li­che Emp­feh­lung: »Ver­such’s bei Migg­les’s.«
Als die Kut­sche lang­sam wen­de­te, er­hasch­ten wir ei­nen Blick auf un­se­ren Füh­rer, ei­nen Rei­ter, der im Re­gen ver­schwand; und dann wa­ren wir of­fen­sicht­lich auf dem Weg zu Migg­les.
Wer und wo war Migg­les? Der Rich­ter, un­se­re Au­to­ri­täts­per­son, konn­te sich die­ses Na­mens nicht er­in­nern, und das ob­wohl er die Ge­gend gründ­lich kann­te. Der Rei­sen­de aus Vir­gi­nia mein­te, Migg­les müss­te ein Ho­tel sein. Wir wuss­ten nur, dass wir von Hoch­was­ser vor  und hin­ter uns auf­ge­hal­ten wur­den und dass Migg­les un­ser ret­ten­der Fels war.
Nach ei­ner zehn­mi­nü­ti­gen was­ser­sprit­zen­den Fahrt über ei­ne ge­wun­de­ne Ne­ben­s­tra­ße, kaum breit ge­nug für die Kut­sche, hiel­ten wir vor ei­nem ver­rie­gel­ten Holz­tor in ei­ner lan­gen Mau­er oder Ein­frie­dung, die über acht Fuß hoch war. Of­fen­sicht­lich ‚Migg­les’s‘, und eben­so of­fen­sicht­lich war Migg­les kein Ho­tel.
Der Kut­scher klet­ter­te vom Bock her­un­ter und rüt­tel­te am Tor. Es war fest ver­schlos­sen. »Mig­gles! O Migg­les!«
Kei­ne Ant­wort.
»Migg-ells! He Migg­les!« brüll­te der Kut­scher wei­ter mit zu­neh­men­dem Zorn.
»Migg­le­sy!« fiel der Fracht­füh­rer ein­schmei­chelnd ein »O Mig­gy! Mig!«
Aber von dem of­fen­kun­dig ge­fühl­lo­sen Migg­les kam kei­ne Ant­wort.
Der Rich­ter, der schließ­lich das Fens­ter her­un­ter­ge­scho­ben hat­te, streck­te den Kopf hin­aus und stell­te ei­ne Rei­he von Fra­gen, die, wä­ren sie grund­sätz­lich be­ant­wor­tet wor­den, un­zwei­fel­haft das gan­ze Ge­heim­nis auf­ge­klärt ha­ben wür­den, aber der Kut­scher ent­zog sich dem, in­dem er ent­geg­ne­te: »Wenn Sie nicht die die gan­ze Nacht in der Kut­sche ver­brin­gen wol­len, soll­ten Sie bes­ser aus­stei­gen und laut nach Migg­les ru­fen.«
Wir stie­gen al­so aus und rie­fen nach Migg­les, erst im Chor, dann ein­zeln. Und als wir auf­ge­hört hat­ten, brüll­te ein iri­scher Mit­rei­sen­der vom Dach »May­gells!« wor­über wir al­le la­chen muss­ten. Wäh­rend wir lach­ten, mach­te der Kut­scher plötz­lich »Schscht!«
Wir lausch­ten. Zu un­se­rem gren­zen­lo­sen Er­stau­nen wur­de un­ser ge­mein­sa­mer Ruf nach Migg­les auf der an­de­ren Sei­te der Mau­er wie­der­holt, so­gar bis hin zum ab­schlie­ßen­den er­gän­zen­den »May­gells.«
»Au­ßer­ge­wöhn­li­ches Echo,« stell­te der Rich­ter fest.
»Au­ßer­ge­wöhn­li­ches ver­damm­tes Stink­tier,« brüll­te der Kut­scher aus­fäl­lig. »Komm raus Migg­les und zeig dich! Sei ein Mann, Migg­les! Und ver­steck dich nicht im Dun­keln; ich wür­de es nicht tun, wenn ich du wä­re, Migg­les« fuhr Yu­ba Bill fort und tanz­te in sei­nem Zor­nes­aus­bruch her­um.
»Migg­les!« echo­te die Stim­me wei­ter. »O Migg­les!«
»Gu­ter Mann! Mr. Myg­hail!« rief der Rich­ter, in­dem er die Här­ten des Na­mens so weit wie mög­lich ab­zu­mil­dern such­te. »Be­den­ken Sie doch, wie un­gast­lich es wä­re, hilf­lo­sen Frau­en bei die­sem un­barm­her­zi­gen Wet­ter ein Ob­dach zu ver­wei­gern. Wirk­lich, mein lie­ber Herr –,« Aber ei­ne Fol­ge von »Migg­les«, die in ei­nem Aus­bruch von Ge­läch­ter en­de­te, über­tön­te sei­ne Stim­me.
Yu­ba Bill zö­ger­te nicht län­ger. Er hob ei­nen schwe­ren Stein von der Stra­ße auf, schlug das Tor ein und drang zu­sam­men mit dem Fracht­füh­rer auf das um­frie­de­te Grund­stück vor. Wir folg­ten ih­nen. Nie­mand war zu se­hen. In der zu­neh­men­den Dun­kel­heit war al­les, was wir er­ken­nen konn­ten, dass wir uns in ei­nem Gar­ten be­fan­den mit Ro­sen­sträuc­hern, die uns mit ei­nem Guss von ih­ren trop­fen­den Blät­tern über­schüt­te­ten – und vor ei­nem lang­ge­streck­ten,weit­läu­fi­gen Holz­haus.
»Ken­nen Sie die­sen Migg­les?« frag­te der Rich­ter Yu­ba Bill.
»Nein und ich bin auch gar nicht scharf dar­auf,« sag­te Bill kurz an­ge­bun­den, der die Pioneer Sta­ge Com­pa­ny in sei­ner Per­son durch den ver­stock­ten Migg­les be­lei­digt wähn­te.
»Aber mein lie­ber Herr,« pro­tes­tier­te der Rich­ter, der an das ver­sperr­te Tor dach­te.
»Se­hen Sie mal,« ver­setz­te Yu­ba Bill mit fei­ner Iro­nie, »wür­den Sie lie­ber zu­rück­ge­hen und in der Kut­sche sit­zen, bis Sie of­fi­zi­ell vor­ge­stellt wer­den? Al­so ich geh jetzt da rein,« und er stieß die Haus­tür auf.
Ein lan­ger Raum, der nur von der Glut ei­nes her­un­ter­ge­brann­ten Feu­ers im Ka­min am an­de­ren En­de er­hellt wur­de; die Wän­de wa­ren merk­wür­dig ta­pe­ziert und der fla­ckern­de Feu­er­schein hob ihr gro­tes­kes Mus­ter her­vor; je­mand saß in ei­nem gro­ßen Lehn­stuhl am Feu­er. Die­ser An­blick bot sich uns, als wir hin­ter dem Kut­scher und dem Fracht­füh­rer in den Raum dräng­ten.
»Hal­lo, sind Sie Migg­les?« frag­te Bill den ein­sa­men Be­woh­ner.
Die Ge­stalt re­de­te nicht, noch reg­te sie sich. Zor­nig ging Yu­ba Bill auf sie zu und rich­tet­e sei­ne Kut­schen­la­ter­ne auf das Ge­sicht. Es war das Ge­sicht ei­nes Man­nes, vor­zei­tig ge­al­tert, runz­lig, mit sehr gro­ßen Au­gen, in de­nen der Aus­druck ei­ner voll­kom­men über­flüs­si­gen Fei­er­lich­keit stand, den ich schon bei Eu­len ge­se­hen hat­te. Die gro­ßen Au­gen wan­der­ten von Bills Ge­sicht zur La­ter­ne und rich­te­ten schließ­lich ih­ren Blick fest auf die­ses leuch­ten­de Ding oh­ne ein wei­te­res Er­ken­nen.
Bill hielt sich nur müh­sam zu­rück.
»Migg­les! Bist du taub? Stumm bist du je­den­falls nicht, das wis­sen wir«. Und Yu­ba Bill schüt­tel­te die leb­lo­se Ge­stalt an der Schul­ter.
Zu un­se­rem gro­ßen Ent­set­zen sack­te der ehr­wür­di­ge Frem­de sicht­lich zu­sam­men, als Bill sei­ne Hand zu­rück­zog, und schrumpf­te auf die hal­be Grö­ße zu­sam­men in ei­nen form­lo­sen Hau­fen Klei­der.
»Da hol mich doch der Teu­fel,“ ent­fuhr es Bill, er blick­te hil­fe­su­chend auf uns und zog sich ent­mu­tigt von sei­nem Vor­stoß zu­rück.
Nun trat der Rich­ter vor, und wir ho­ben den ge­heim­nis­vol­len Rück­grat­lo­sen wie­der in sei­ne ur­sprüng­li­che Stel­lung. Bill wur­de mit sei­ner La­ter­ne nach drau­ßen ge­schickt, um die Um­ge­bung zu er­kun­den, denn es war klar, dass bei der Hilf­lo­sig­keit die­ses ein­sa­men Man­nes ir­gend­wel­che Wär­ter in der Nä­he sein muss­ten, und wir schar­ten uns ums Feu­er.
Der Rich­ter, der sei­ne Au­to­ri­tät wie­der­ge­won­nen und zu kei­ner Zeit sei­ne red­se­li­ge Lie­bens­wür­dig­keit ein­ge­büßt hat­te – stand vor uns mit dem Rü­cken zum Feu­er und sprach uns als fik­ti­ve Ju­ry an: »Es ist of­fen­sicht­lich, dass un­ser eh­ren­wer­ter Freund hier ent­we­der das Sta­di­um er­reicht hat, das von Shake­speare be­schrie­ben wird als ‚ver­dorr­tes und ver­gilb­tes Blatt‘, oder dass er an ei­nem vor­zei­ti­gen Schwund sei­ner geis­ti­gen und kör­per­li­chen Kräf­te lei­det. Ob er tat­säch­lich die­ser Migg­les – « Hier wur­de er un­ter­bro­chen von »Migg­les! O Migg­les! Migg­le­sy! Mig!« und tat­säch­lich dem gan­zen Migg­les-Cho­rus in ge­ra­de der­sel­ben Rei­hen­fol­ge, wie wir ihn ge­sun­gen hat­ten.
Alar­miert blick­ten wir uns an. Be­son­ders der Rich­ter räum­te sei­nen Platz, da die Stim­me di­rekt hin­ter sei­nem Kopf her­vor zu kom­men schien.
Die Ur­sa­che war je­doch bald ent­deckt in ei­ner gro­ßen Els­ter, die auf ei­nem Brett über dem Ka­min hock­te und au­gen­blick­lich wie­der in ei­ne Gra­bes­stil­le ver­fiel, die ei­gen­tüm­lich mit ih­rer vor­an­ge­gan­ge­nen Be­red­sam­keit kon­tras­tier­te. Es war zwei­fel­los ih­re Stim­me, die wir auf der Stra­ße ge­hört hat­ten, und un­ser Freund im Ses­sel war nicht ver­ant­wort­lich für die Un­höf­lich­keit.
Yu­ba Bill, der von sei­ner er­geb­nis­lo­sen Su­che wie­der her­ein­kam, war ab­ge­neigt, die­se Er­klä­rung zu ak­zep­tie­ren und be­äug­te den hilf­lo­sen Mann im Ses­sel im­mer noch vol­ler Arg­wohn. Er hat­te ei­nen Schup­pen ge­fun­den, in dem er die Pfer­de un­ter­ge­stellt hat­te; aber er kam trie­fend und skep­tisch zu­rück. »Es gibt nie­mand au­ßer dem da auf zehn Mei­len um die Hüt­te her­um, und der ver­damm­te al­te Strolch weiß es.«
Aber die An­nah­me der Mehr­heit er­wies sich als be­grün­det. Bill hat­te kaum mit sei­nem Gegrum­mel auf­ge­hört, als wir ei­nen schnel­len Schritt auf der Ve­ran­da und das Nach­schlep­pen ei­nes nas­sen Klei­des ver­nah­men. Die Tür flog auf und mit blit­zen­den wei­ßen Zäh­nen und strah­len­den dunk­len Au­gen und oh­ne al­le Fei­er­lich­keit und Schüch­tern­heit kam ei­ne jun­ge Frau her­ein, schloss die Tür und lehn­te sich keu­chend mit dem Rü­cken da­ge­gen.
»Oh, wenn es Ih­nen nichts aus­macht, ich bin Migg­les!«
Das war al­so Migg­les! Die­se jun­ge Frau mit den strah­len­den Au­gen und dem präch­ti­gen vol­len Hals, de­ren nas­ses Kleid aus gro­bem blau­en Stoff nicht die Schön­heit ih­rer weib­li­chen Kur­ven ver­ber­gen konn­te, an die es sich schmieg­te. Von dem kas­ta­ni­en­brau­nen Kopf, den ein Män­ner-Süd­wes­ter be­deck­te bis zu den klei­nen Fü­ßen und Fes­seln, die in Jun­gen­stie­feln steck­ten, war al­les An­mut – dies war Migg­les, sie lach­te uns an in der leb­haf­tes­ten, of­fens­ten, läs­sigs­ten Art, die man sich vor­stel­len konn­te.
»Wisst ihr, Jungs,« sag­te sie, im­mer noch atem­los und ih­re klei­ne Hand in die Sei­te ge­stemmt, und küm­mer­te sich nicht um un­se­re sprach­lo­se Ver­wir­rung oder die voll­stän­di­ge De­mo­ra­li­sie­rung Yu­ba Bills, des­sen Zü­ge sich ent­spannt hat­ten zu ei­nem Aus­druck von über­trie­be­ner und ge­ra­de­zu idio­ti­scher Fröh­lich­keit – »Wisst ihr, Jungs, ich war gut zwei Mei­len ent­fernt, als ihr die Stra­ße rauf kamt. Ich dach­te mir, dass ihr hier­her kom­men könn­tet. Ich bin den gan­zen Weg ge­rannt, weil ich wuss­te, dass nie­mand zu­hau­se war au­ßer Jim – und – und – ich bin ein biss­chen au­ßer Atem – und – das ist mei­ne Ent­schul­di­gung.«
Und mit ei­nem mut­wil­li­gen Schwung, der uns mit ei­nem Schau­er von Re­gen­trop­fen be­spritz­te, zog Migg­les sich den trie­fen­den Süd­wes­ter vom Kopf ; sie ver­such­te ihr Haar zu­rück­zu­ste­cken, ließ zwei Haar­na­deln fal­len bei die­sem Ver­such, lach­te und setz­te sich ne­ben Yu­ba Bill nie­der, die Hän­de lo­cker auf dem Schoß ge­fal­tet.
Der Rich­ter er­hol­te sich als ers­ter und ver­such­te ein über­spann­tes Kom­pli­ment.
»Ich muss euch we­gen die­ser Haar­na­deln be­mü­hen,« sag­te Migg­les ernst.
Ein hal­bes Dut­zend Hän­de wur­de eif­rig aus­ge­streckt, die feh­len­den Haar­na­deln der hüb­schen Be­sit­ze­rin über­ge­ben. und als Migg­les dann den Raum durch­quer­te, blick­te sie auf­merk­sam in das Ge­sicht des In­va­li­den. Die fei­er­li­chen Au­gen er­wi­der­ten ih­ren Blick mit ei­nem Aus­druck, den wir bis­her nicht ge­se­hen hat­ten. Le­ben und In­tel­li­genz schie­nen sich in das zer­klüf­te­te Ge­sicht zu­rück­zu­kämp­fen. Migg­les lach­te wie­der – es war ein ein­zig­ar­ti­ges aus­drucks­vol­les La­chen – und wand­te ih­re schwar­zen Au­gen und wei­ßen Zäh­ne wie­der uns zu.
»Die­ser ge­sch­la­ge­ne Mensch ist – ,« der Rich­ter zö­ger­te.
»Jim,« sag­te Migg­les.
»Ihr Va­ter?»
»Nein.«
»Bru­der?«
»Nein.«
»Gat­te?«
Migg­les warf ei­nen schnel­len, halb trot­zi­gen Blick auf die bei­den weib­li­chen Fahr­gäs­te, die, wie ich be­merkt hat­te, sich nicht an der all­ge­mei­nen Be­wun­de­rung von Migg­les be­tei­lig­ten, und sag­te ernst: »Nein, ein­fach nur Jim.«
Es ent­stand ei­ne pein­li­che Pau­se. Die Da­men aus der Post­kut­sche rück­ten en­ger zu­sam­men, der Ehe­mann aus Vir­gi­nia Ci­ty blick­te ab­we­send ins Feu­er, und der gro­ße Mann schien sei­nen Blick nach in­nen zu rich­ten, um dort in die­ser un­an­ge­neh­men Si­tua­ti­on ei­ne Stüt­ze zu fin­den. Aber Migg­les‘ an­ste­cken­des La­chen un­ter­brach das Schwei­gen.
»Kom­men Sie,« sag­te sie leb­haft, »Sie müs­sen hung­rig sein. Wer hilft mir beim Tee­ma­chen?«
Es gab kei­nen Man­gel an Frei­wil­li­gen. In we­ni­gen Au­gen­bli­cken war Yu­ba Bill da­mit be­schäf­tigt, Brenn­holz zu schlep­pen wie Ca­li­ban für sei­ne Mi­ran­da. Der Fracht­füh­rer mahl­te Kaf­fee auf der Ve­ran­da; mir selbst wur­de das schwie­ri­ge Amt über­tra­gen, Schin­ken zu schnei­den; und der Rich­ter ge­währ­te je­dem sei­nen gut ge­laun­ten, wort­rei­chen Rat. Und als Migg­les, as­sis­tiert vom Rich­ter und un­se­rem iri­schen „Deck­s­pas­sa­gier“, den Tisch mit al­lem ver­füg­ba­ren Ge­schirr deck­te, wa­ren wir al­le ziem­lich fröh­lich ge­wor­den, trotz des Re­gens, der ge­gen die Fens­ter schlug, des Win­des, der im Ka­min heul­te und den bei­den La­dys, die in der Ecke mit­ein­an­der flüs­ter­ten, und der Els­ter, die von ih­rem ho­hen Sitz ei­nen bis­si­gen und kräch­zen­den Kom­men­tar zu ih­rer Un­ter­hal­tung bei­steu­er­te. Im hel­len, pras­seln­den Feu­er konn­ten wir se­hen, dass die Wän­de mit il­lus­trier­ten Zeit­schrif­ten ta­pe­ziert wa­ren, an­ge­ord­net mit weib­li­chem Ge­schmack und Ur­teils­ver­mö­gen. Das Mo­bi­li­ar war im­pro­vi­siert und ge­fer­tigt aus Ker­zen­schach­teln und Pack­kis­ten, die über­zo­gen wa­ren mit bun­tem Baum­woll­stoff oder dem Fell ir­gend­ei­nes Tie­res. Der Lehn­stuhl des hilf­lo­sen Jim war die ge­nia­le Ab­wand­lung ei­nes Mehl­fas­ses. In den we­ni­gen Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­den des lan­gen, nied­ri­gen Rau­mes war Rein­lich­keit und so­gar ein Ge­schmack fürs Ma­le­ri­sche zu er­ken­nen.
Das Es­sen war ein ku­li­na­ri­scher Er­folg. Nein, es war ge­ra­de­zu ein ge­sell­schaft­li­cher Tri­umph – haupt­säch­lich, den­ke ich, dank des sel­te­nen Tak­tes von Migg­les, mit dem sie die Kon­ver­sa­ti­on führ­te. Al­le Fra­gen stell­te sie selbst und trug da­bei ei­ne Frei­mü­tig­keit zur Schau, die kei­ner­lei Ge­dan­ken an ir­gend­ei­ne Un­auf­rich­tig­keit ih­rer­seits auf­kom­men ließ, so dass wir von uns spra­chen, un­se­ren Plä­nen, der Rei­se, dem Wet­ter, von al­lem und je­dem, nur nicht von un­se­ren Gast­ge­bern. Man muss zu­ge­ben, dass Migg­les‘ Kon­ver­sa­ti­on nie ele­gant und kaum gram­ma­ti­ka­lisch kor­rekt war. Und zu­wei­len ge­brauch­te sie Aus­drü­cke, de­ren Ge­brauch ei­gent­lich un­se­rem Ge­schlecht vor­be­hal­ten ist. Aber sie wur­den ge­äu­ßert mit ei­nem sol­chen Auf­leuch­ten der Zäh­ne und der Au­gen und wa­ren in der Re­gel von ei­nem La­chen ge­folgt – ei­nem Migg­les ganz ei­gen­tüm­li­chem La­chen – so of­fen und ehr­lich, dass es die mo­ra­li­sche At­mo­sphä­re zu rei­ni­gen schien.
Wäh­rend des Es­sens hör­ten wir auf ein­mal ein Ge­räusch, als ob sich ein schwe­rer Kör­per an der Au­ßen­wand des Hau­ses rie­be. Kurz dar­auf folg­te ein Krat­zen und Schnüf­feln an der Tür.
»Das ist Jo­a­quin,« er­klär­te Migg­les auf un­se­re fra­gen­den Bli­cke hin. »Wollt ihr ihn se­hen?«
Be­vor wir ant­wor­ten konn­ten, hat­te sie schon die Tür ge­öff­net und ließ uns ei­nen halb­wüch­si­gen Grizz­ly­bä­ren se­hen, der sich so­fort auf sei­ne Hin­ter­bei­ne stell­te, wo­bei er sei­ne Vor­der­pfo­ten in der be­kann­ten Bet­tel­hal­tung her­ab­hän­gen ließ und be­wun­dernd Mig­gles an­sah, in ei­ner Art, die auf­fal­lend der von Yu­ba Bill äh­nel­te.
»Das ist mein Wach­hund,« sag­te Migg­les zur Er­klä­rung. »Oh, er beißt nicht,« füg­te sie hin­zu, als die bei­den weib­li­chen Fahr­gäs­te sich in ei­ne Zim­mer­ecke flüch­te­ten. »Oder, al­ter Top­py?« (die letz­te Be­mer­kung war di­rekt an den klu­gen Joa­quin ge­rich­tet). »Ich werd euch was sa­gen, Jungs,« fuhr Migg­les fort, nach­dem sie den ur­sa mi­nor ge­füt­tert und die Tür wie­der hin­ter ihm ge­schlos­sen hat­te, »ihr habt gro­ßes Glück ge­habt, dass Jo­a­quin nicht hier her­um­ge­lun­gert hat, als ihr heu­te Abend her­ein­ge­schneit seid.«
»Wo war er denn?« frag­te der Rich­ter.
»Bei mir,« sag­te Migg­les. »Du lie­ber Gott, er zieht nachts mit mir her­um, als ob er ein Mann wä­re.«
Für ei­ni­ge Au­gen­bli­cke schwie­gen wir und lausch­ten dem Wind. Viel­leicht hat­ten wir al­le das­sel­be Bild vor uns – von Migg­les, die durch die re­gen­nas­sen Wäl­der streif­te mit ih­rem wil­den Hü­ter an der Sei­te. Ich er­in­ne­re mich, dass der Rich­ter et­was über Una und ih­ren Lö­wen sag­te; aber Migg­les nahm das so auf wie all die an­de­ren Kom­pli­men­te – mit stil­lem Ernst. Ob sie ein­fach nur die Be­wun­de­rung nicht be­merk­te, die sie er­reg­te – ei­gent­lich konn­te sie Yu­ba Bills An­him­me­lung kaum über­se­hen – ich weiß es nicht. Aber die ihr frei­mü­ti­ges Be­neh­men zeig­te deut­lich, dass sie an ei­nen Un­ter­schied der Ge­schlech­ter gar nicht dach­te, was ei­ne grau­sa­me Er­nied­ri­gung für die die jün­ge­ren Mit­glie­der un­se­rer Rei­se­ge­sell­schaft war.
Der Vor­fall mit dem Bä­ren ver­mehr­te Migg­les‘ An­se­hen bei ih­ren an­we­sen­den Ge­schlechts­ge­nos­sin­nen nicht im ge­rings­ten. Im Ge­gen­teil, als das Abend­es­sen vor­über war, ging von den bei­den weib­li­chen Fahr­gäs­ten ei­ne Käl­te aus, die kein Kie­fer­nast, den Yu­ba Bill her­ein­schlepp­te und als Brand­op­fer in den Ka­min warf, ganz über­win­den konn­te. Migg­les fühl­te das und er­klär­te un­ver­mit­telt, dass es Zeit zum Sch­la­fen wä­re, und er­bot sich, den La­dys ihr Bett in ei­nem an­gren­zen­den Zim­mer zu zei­gen.
»Und ihr Jungs wer­det eu­er La­ger, so gut es geht, hier am Feu­er auf­sch­la­gen müs­sen,« füg­te sie hin­zu, »denn es gibt kein an­de­res Zim­mer.«
Un­ser Ge­schlecht – da­mit mei­ne ich, selbst­ver­ständ­lich den stär­ke­ren Teil der Mensch­heit – ist im All­ge­mei­nen vom Vor­wurf der Neu­gier­de oder der Schwatz­haf­tig­keit frei­ge­spro­chen. Und doch muss ich lei­der sa­gen, dass wir, kaum dass sich die Tür hin­ter Migg­les ge­schlos­sen hat­te, die Köp­fe zu­sam­men­steck­ten und flüs­ternd, ki­chernd und lä­chelnd Ver­däch­ti­gun­gen, Mut­ma­ßun­gen und tau­send Spe­ku­la­tio­nen über un­se­re hüb­sche Gast­ge­be­rin und ih­ren selt­sa­men Ge­fähr­ten aus­tausch­ten. Ich fürch­te, wir steck­ten so­gar die­ses schwach­sin­ni­ge ge­lähm­te We­sen an, das wie ein stum­mer Mem­non mit­ten un­ter uns saß und mit der ge­las­se­nen Gleich­gül­tig­keit des Ver­gan­ge­nen in sei­nen lei­den­schaft­li­chen Au­gen auf un­se­re wort­rei­chen Be­ra­tun­gen blick­te.
Mit­ten in die­ser auf­ge­reg­ten Dis­kus­si­on öff­ne­te sich die Tür, und Migg­les kam wie­der her­ein. Aber of­fen­sicht­lich nicht die­sel­be Migg­les, die uns in den Stun­den zu­vor mit ih­rer blen­den­den Er­schei­nung be­ein­druckt hat­te. Ih­re Au­gen wa­ren ge­senkt, und sie zö­ger­te kurz auf der Schwel­le mit ei­ner De­cke über dem Arm; sie schien die of­fe­ne Furcht­lo­sig­keit, mit der sie uns noch kurz zu­vor be­zau­bert hat­te, ab­ge­legt zu ha­ben. Sie trat ins Zim­mer und zog sich ei­nen nied­ri­gen Sche­mel ne­ben den Stuhl des Ge­lähm­ten, setz­te sich, zog sich die De­cke über die Schul­tern und sag­te: »Wenn es euch nichts aus­macht, Jungs, wer­de ich die Nacht hier blei­ben, da wir ziem­lich über­füllt sind.«
Sie nahm die ver­welk­te Hand des In­va­li­den in ih­re und rich­te­te die Au­gen auf das ver­lö­schen­de Feu­er. Ein in­stink­ti­ves Ge­fühl, dass dies nur ein Vor­spiel zu ver­trau­li­che­ren Be­kennt­nis­sen war, und viel­leicht auch Scham über un­se­re Neu­gier, ließ uns schwei­gen. Der Re­gen pras­sel­te noch im­mer aufs Dach, ver­irr­te Wind­stö­ße fach­ten die Asche zu plötz­li­chem Auf­glü­hen an, bis in ei­ner Pau­se im To­ben der Ele­men­te Migg­les plötz­lich den Kopf hob und ihr Haar über die Schul­ter wer­fend uns ihr Ge­sicht zu­wand­te und frag­te: »Ist je­mand un­ter euch, der mich kennt?«
Kei­ne Ant­wort.
»Denkt mal nach! Ich leb­te 1853 in Ma­rys­vil­le. Dort kann­te mich je­der und hat­te das Recht, mich zu ken­nen. Ich führ­te den Pol­ka Sa­loon, bis ich mit Jim zu­sam­men­ge­zo­gen bin. Das ist jetzt sechs Jah­re her. Viel­leicht ha­be ich mich ein we­nig ver­än­dert.«
Dass sie nicht er­kannt wor­den war, moch­te sie ver­wirrt ha­ben. Sie dreh­te den Kopf wie­der zum Feu­er, und es ver­gin­gen ei­ni­ge Se­kun­den, be­vor sie ra­scher wei­ter sprach . »Nun, ihr seht, ich dach­te, der ei­ne oder an­de­re von euch müss­te mich ge­kannt ha­ben. Aber das macht gar nichts. Was ich sa­gen woll­te, ist dies: Jim hier« – sie fass­te mit bei­den Hän­den die sei­ne, wäh­rend sie sprach – »kann­te mich je­den­falls sehr gut, und er gab ei­nen Hau­fen Geld für mich aus. Ich schät­ze, er gab al­les aus, was er hat­te. Und ei­nes Ta­ges – die­sen Win­ter ist es sechs Jah­re her – kam Jim in mein Hin­ter­zim­mer, setz­te sich auf mein So­fa, so wie ihr ihn jetzt in die­sem Stuhl seht und stand oh­ne frem­de Hil­fe nie wie­der auf. Ganz plötz­lich war er zu ei­nem Hau­fen zu­sam­men ge­sun­ken und schien nicht zu wis­sen, was ihm fehl­te. Die Ärz­te ka­men und sag­ten, das kä­me von sei­nem Le­bens­wan­del – denn Jim war mäch­tig frei­heits­lie­bend und wild – und dass er sich nie wie­der er­ho­len und nicht mehr lan­ge le­ben wür­de. Sie rie­ten mir, ihn nach San Fran­cis­co in ein Kran­ken­haus zu schi­cken, da er zu nichts mehr nut­ze sei und für den Rest sei­ner Ta­ge ein Ba­by blei­ben wür­de. Viel­leicht war es et­was in Jims Au­gen, viel­leicht war es, weil ich nie ein Ba­by ge­habt ha­be, aber ich sag­te ‚Nein‘. Ich war ziem­lich wohl­ha­bend da­mals, weil ich bei al­len be­liebt war – Gent­le­men wie ihr be­such­ten mich – und so ver­kauf­te ich mein Ge­schäft und kauf­te die­ses An­we­sen, weil es schön ab­seits liegt, wie ihr selbst ge­se­hen habt, und brach­te mein Ba­by hier­her.
Mit dem in­tui­ti­ven Takt und dem Fein­sinn ei­ner Frau hat­te sie, wäh­rend sie sprach, ih­re Po­si­ti­on all­mäh­lich so ver­än­dert, dass sie die stum­me Ge­stalt des ver­fal­le­nen Man­nes zwi­schen sich und ih­re Zu­hö­rer brach­te und sich im Schat­ten hin­ter ihr ver­barg, als ob sie sie als still­schwei­gen­de Recht­fer­ti­gung für ih­re Hand­lungs­wei­se an­bie­ten woll­te. Still und aus­drucks­los sprach die Ge­stalt den­noch für sie; hilf­los, zu­sam­men­ge­sun­ken, vom gött­li­chen Blitz ge­trof­fen leg­te sie im­mer noch ei­nen un­sicht­ba­ren Arm um sie. Ver­bor­gen in der Dun­kel­heit, aber im­mer noch sei­ne Hand hal­tend, fuhr Migg­les fort: »Es dau­er­te lan­ge, bis ich mich hier ein­ge­lebt hat­te, denn ich war Ge­sell­schaft und ein fröh­li­ches Le­ben ge­wohnt. Ich konn­te kei­ne Frau da­zu brin­gen, mir zu hel­fen, und ei­nem Mann wür­de ich nicht trau­en. Aber mit den In­dia­nern hier in der Ge­gend, die die aus­ge­fal­lens­ten Din­ge für mich er­le­di­gen und al­lem Nö­ti­gen, was mir von North Fork ge­schickt wird, brach­ten es Jim und ich fer­tig, uns durch­zu­sch­la­gen. Ab und zu kommt ein Dok­tor aus Sa­cra­men­to hier rauf, um nach ‚Migg­les’s Ba­by‘ zu se­hen, wie er Jim nennt, und zum Ab­schied sagt er, ‚Migg­les, Sie sind ei­ne bra­ve See­le – Gott seg­ne Sie‘; und dann füh­le ich mich nicht mehr so ein­sam hier. Aber das letz­te mal, als er hier war, sag­te er beim Fort­ge­hen ‚Wis­sen Sie, Migg­les, Ihr Ba­by wird er­wach­sen und ein Mann wer­den, der sei­ner Mut­ter Eh­re macht; aber nicht hier, Migg­les, nicht hier!‘ Ich glau­be, er war sehr trau­rig, als er ging – und – und – « und an die­sem Punkt wur­den Migg­les Stim­me und ihr Kopf ir­gend­wie völ­lig vom Schat­ten ver­schluckt.
»Die Leu­te hier oben sind sehr freund­lich,« sag­te Migg­les nach ei­ner Pau­se und rück­te wie­der ein we­nig ins Licht. »An­fangs lun­ger­ten die Män­ner von North Fork im­mer hier her­um, bis sie merk­ten, dass sie nicht er­wünscht wa­ren, und die Frau­en sind lieb – und rü­cken uns nicht auf die Bu­de. Ich war ziem­lich ein­sam, bis ich ei­nes Ta­ges Jo­a­quin un­ten im Wald auf­ga­bel­te, als er noch nicht so groß war, und ich ihm bei­brach­te, um sein Fres­sen zu bet­teln Und dann ha­be ich Pol­ly – das ist die Els­ter – sie kann so vie­le Kunst­stück­chen, und es ist sehr un­ter­halt­sam, abends mit ihr zu schwat­zen, und so kommt es mir nicht so vor, als ob ich das ein­zi­ge Le­be­we­sen hier oben auf der Ranch wä­re. Und Jim hier,« sag­te Migg­les mit ih­rem al­ten La­chen und kam wie­der ganz in den Feu­er­schein, »Jim – oh, ihr wür­det stau­nen, Jungs, wie viel er weiß für ei­nen Mann in sei­ner La­ge. Manch­mal brin­ge ich ihm Blu­men und er schaut sie ge­ra­de so an, als ob er sie er­ken­nen wür­de; und dann wie­der, wenn wir al­lei­ne bei­ein­an­der sit­zen, le­se ich ihm die­se Sa­chen an der Wand vor. Du lie­ber Gott!« sag­te Migg­les mit ih­rem of­fe­nen La­chen. »Die­sen Win­ter ha­be ich ihm die­se gan­ze Sei­te des Hau­ses vor­ge­le­sen. Nie­mand ist so aufs Le­sen aus wie er.«
»Wa­rum,« frag­te der Rich­ter, »hei­ra­ten Sie ei­gent­lich nicht die­sen Mann, dem Sie Ih­re Ju­gend ge­wid­met ha­ben?«
»Nun, se­hen Sie,« ant­wor­te­te Migg­les, »es wä­re doch nicht fair ge­gen­über Jim, es aus­zu­nut­zen, dass er so hilf­los ist. Und dann, wenn wir Mann und Frau wä­ren, wüss­ten wir bei­de, dass ich ver­pflich­tet wä­re, das zu tun, was ich jetzt aus frei­en Stü­cken tue.«
»Aber Sie sind noch jung und at­trak­tiv – .«
»Es ist schon spät,« sag­te Migg­les ernst. »Und ihr soll­tet euch bes­ser al­le aufs Ohr le­gen. Gu­te Nacht, Jungs.«
Und sich die De­cke über den Kopf zie­hend leg­te sich Mig­gles ne­ben Jims Stuhl nie­der den Kopf auf den Sche­mel ge­bet­tet, auf dem sei­ne Fü­ße ruh­ten, und sag­te nichts mehr. Das Feu­er ver­glomm lang­sam im Ka­min, schwei­gend hüll­ten wir uns in un­se­re De­cken, und bald war in dem lang­ge­streck­ten Raum nichts wei­ter zu hö­ren als der Re­gen auf dem Dach und das tie­fe At­men der Schlä­fer.
*
Es war fast schon Mor­gen, als ich aus ei­nem schwe­ren Traum er­wach­te. Der Sturm hat­te sich ge­legt, die Ster­ne fun­kel­ten, und der Mond, der über den fei­er­li­chen Föh­ren auf­ge­stie­gen war, blick­te von drau­ßen her­ein. Mit gren­zen­lo­sem Mit­ge­fühl fiel er auf die ein­sa­me Ge­stalt im Lehn­stuhl und schien mit sei­ner hel­len Licht­flut den Kopf der Frau zu tau­fen, de­ren Haar wie in der bit­ter­sü­ßen al­ten Ge­schich­te die Fü­ße des­sen ba­de­te, den sie lieb­te. Er ver­lieh so­gar den rau­en For­men von Yu­ba Bill ei­ne zar­te Poe­sie, der halb auf den El­len­bo­gen ge­stützt zwi­schen den bei­den und sei­nen Pas­sa­gie­ren lag und mit wild-ge­dul­di­gen Au­gen Wa­che hielt.
Ich schlief wie­der ein und wach­te erst auf, als es schon hell­lich­ter Tag war und Yu­ba Bill über mir stand und mir sein »Al­les ein­stei­gen!« in den Oh­ren klang. Für uns stand Kaf­fee auf dem Tisch, aber Migg­les war weg. Wir gin­gen ums Haus her­um und trö­del­ten noch lan­ge her­um, nach­dem die Pfer­de ein­ge­spannt wa­ren, aber sie kam nicht zu­rück. Es war of­fen­sicht­lich, dass sie ein förm­li­ches Ab­schied­neh­men ver­mei­den woll­te, und sie ließ uns so ab­fah­ren, wie wir ge­kom­men wa­ren.
Nach­dem wir den Da­men in die Kut­sche ge­hol­fen hat­ten, gin­gen wir noch­mal ins Haus und schüt­tel­ten dem ge­lähm­ten Jim fei­er­lich die Hand, ihn nach je­dem Hand­schlag eben­so fei­er­lich wie­der in sei­ne Po­si­ti­on auf­set­zend. Dann blick­ten wir uns ein letz­tes mal in dem lan­gen, nied­ri­gen Raum um und auf den Sche­mel, auf dem Migg­les ge­ses­sen hat­te, und nah­men lang­sam un­se­re Plät­ze in der Kut­sche ein. Die Peit­sche knall­te, und wir fuh­ren ab!
Aber als wir die Land­stra­ße er­reicht hat­ten, ließ Bills ge­schick­te Hand die Pfer­de auf der Hin­ter­hand hoch­stei­gen, und die Kut­sche stopp­te mit ei­nem Ruck. Denn dort auf ei­ner klei­nen An­hö­he ne­ben der Stra­ße stand Migg­les mit we­hen­dem Haar, glän­zen­den Au­gen, ein wei­ßes Ta­schen­tuch schwen­kend und uns mit ih­ren wei­ßen Zäh­nen ei­ne letz­tes ‚Le­be­wohl‘ zu­blit­zend. Wir schwenk­ten un­se­rer­seits un­se­re Hü­te. Und dann, als ob er ei­ne wei­te­re Fas­zi­na­ti­on fürch­te­te, trieb Yu­ba Bill die Pfer­de an wie ein Ver­rück­ter und wir san­ken in un­se­re Sit­ze zu­rück.
Wir wech­sel­ten kein Wort, bis wir North Fork er­reicht hat­ten und die Kut­sche vor dem Un­ab­hän­gig­keits­haus vor­fuhr. Dann gin­gen wir, an­ge­führt vom Rich­ter, in die Bar und stell­ten uns ernst am Tre­sen auf.
»Ha­ben Sie al­le ein vol­les Glas, Gent­le­men?« frag­te der Rich­ter und nahm fei­er­lich sei­nen wei­ßen Hut ab.
Wir hat­ten.
„Wohl­an denn, auf MIGG­LES. GOTT SEG­NE SIE!«
Viel­leicht hat­te er es schon ge­tan. Wer weiß?

 

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