Mädchen

Auf der Scheibe der Tür zu Büro Nr. 962 stand in goldenen Lettern: „Robbins & Hartley, Makler“. Die Angestellten waren schon weg. Es war nach fünf, und mit dem Getrampel einer Herde von preisgekrönten Kaltblütern drangen die Putzfrauen in das staubige zwanzigstöckige Bürogebäude ein. Ein Stoß glühend heißer Luft gewürzt mit dem Aroma von Zitronenschalen, dem Rauch von Braunkohle und Fischtran wehte durch die halboffenen Fenster herein.

Robbins, ein Fünfzigjähriger, der etwas von einem übergewichtigen Schönling an sich hatte und ein Liebhaber von Premieren und Hotellobbies war, tat als beneide er seinen Partner um die Freuden seines Pendlerdaseins.

„Werde heute Abend wohl irgendwas feucht-fröhliches unternehmen,“ sagte er. „Ihr Leutchen vom Lande habt’s ja gut, mit euren Grashüpfern, dem Mondschein und den Long Drinks und dem ganzen Pipapo auf der Veranda.“

Hartley, neunundzwanzig, ernsthaft, hager, gutaussehend und nervös, seufzte und legte die Stirn in Falten.

„Stimmt,“ sagte er, „wir haben immer frische Nächte draußen in Floralhurst, besonders im Winter.“

Ein geheimnisvoll tuender Mann kam zur Tür herein und ging zu Hartley.

„Ich habe herausgefunden, wo sie wohnt,“ verkündete er in jenem bedeutungsvollen Flüsterton, der Detektive bei der Arbeit so auffällig für ihre Mitmenschen macht.

Mit einem kalten Blick brachte Hartley ihn zum Schweigen. Aber da hatte Robbins schon seinen Spazierstock ergriffen, sich die Krawattennadel zurecht gesteckt und marschierte mit einem eleganten Kopfnicken hinaus zu seinen großstädtischen Vergnügungen.

„Das ist die Adresse,“ sagte der Detektiv mit normaler Stimme, nachdem er niemand mehr da war, den er auf Abstand halten musste.

Hartley nahm das Blatt, das der Schnüffler aus seinem schmutzigen Notizbuch herausgerissen hatte. Mit Bleistift geschrieben stand darauf „Vivienne Arlington, Nr. 341 East **th Street bei Mrs. McComus.“

„Vor einer Woche ist sie dorthin gezogen,“ sagte der Detektiv. „Wenn Sie eine Beschattung wünschen, Mr. Hartley, dann kann ich das auch übernehmen. Es wird Sie nur sieben Dollar pro Tag plus Spesen kosten. Ich kann Ihnen täglich einen schriftlichen Bericht schicken, über…“

„Nicht nötig,“ unterbrach ihn der Makler. „Das ist kein Fall dieser Art. Ich wollte nur die Adresse haben. Wieviel bin ich Ihnen schuldig?“

„Einen Tagessatz,“ sagte der Schnüffler. „Ein Zehner wird genug sein.“

Hartley bezahlte und entließ ihn. Dann verließ er das Büro und bestieg eine Broadway-Straßenbahn. An der ersten großen Kreuzung stieg er um in eine östlich fahrende Linie, die ihn schließlich in einer heruntergekommenen Straße absetzte, deren altertümliche Gebäude einst den Stolz und Ruhm der Stadt beherbergt hatten.

Er ging einige Blocks weit und gelangte zu dem Haus, das er suchte. Es war ein neues Mietshaus, das über seinem simpel gemachten Steinportal eingemeißelt den klangvollen Namen „The Vallambrosa“ trug.

Feuertreppen kamen im Zickzack an seiner Vorderseite herunter – beladen mit Hausrat, zum Trocknen aufgehängten Kleidungsstücken, und kreischenden Kindern, die die Hochsommerhitze hinausgetrieben hatte. Hier und da lugte ein blasser Gummibaum aus dem ganzen Gemenge hervor, als ob er sich fragte, zu welchem Reich er denn nun gehörte – Flora, Fauna oder von Menschenhand gemacht.

Hartley drückte den „McComus“-Klingelknopf. Die Türklinke gab ruckend nach, erst einladend, dann zögernd, als sorgte sie sich, ob sie Freunde oder Gläubiger hereinließ. Hartley trat ein und stieg die Stufen hinauf, wie jemand, der einen Freund in einem Mietshaus sucht – geradeso wie ein Bub, der auf einen Apfelbaum klettert und halt macht, wenn er erreicht hat, was er begehrt.

Im vierten Stock sah er Vivienne in der offenen Tür stehen. Mit einem Nicken und einem strahlenden, aufrichtigen Lächeln bat sie ihn herein. Sie rückte für ihn einen Stuhl ans Fenster und setzte sich selbst anmutig auf die Kante eines dieser Jekyll-and-Hyde-Möbel, die bei Tag geheimnisvoll verhüllte Klumpen und bei Nacht inquisitorische Folterbänke sind.

Hartley musterte sie schnell mit einem prüfenden, anerkennenden Blick, bevor er zu reden anfing, und sagte sich, dass sein Geschmack bei dieser Wahl einwandfrei gewesen war.

Vivienne was ungefähr einundzwanzig. Sie gehörte zum reinsten angelsächsischen Typ. Ihr Haar war von einem rötlichen Blond, jeder Faden der sorgfältig geordneten Flut leuchtete in seinem eigenen Glanz und Farbe. Ihr elfenbeinreiner Teint harmonierte perfekt mit ihren tiefblauen Augen, die mit der Gelassenheit einer Meerjungfrau oder einer Elfe aus einem unentdeckten Bergfluss in die Welt blickten.

Ihre Gestalt war kräftig, besaß aber die Anmut völliger Natürlichkeit. Doch bei all ihrer nordischen Klarheit und Offenheit in ihrem Äußeren schien es auch etwas Tropisches an ihr zu sein – etwas von Trägheit in ihrer lässigen Haltung, ein wenig von süßem Nichtstun in der wohligen Zufriedenheit, die ihr das bloße Atmen berei­tete, – etwas, das für sie das Recht zu beanspruchen schien, als ein vollkommenes Geschöpf der Natur zu existieren und bewundert zu werden wie eine seltene Blume oder eine milchweiße Taube unter ihren unscheinbaren Gefährten.

Sie trug eine weiße Bluse und einen dunklen Rock – jene dezente Verkleidung von Gänsehüterinnen und Herzoginnen.

„Vivienne,“ sagte Hartley und sah sie flehend an, „Sie haben meinen letzten Brief nicht beantwortet. Ich musste fast eine Woche nach Ihnen suchen lassen, bis ich herausgefunden hatte, wo Sie hingezogen sind. Warum haben sie mich so im Ungewissen gelassen, wo Sie doch wussten, wie sehr ich darauf gewartet habe, Sie zu treffen und etwas von Ihnen zu hören.“

Das Mädchen sah verträumt zum Fenster hinaus.

„Mr. Hartley,“ sagte sie zögernd, „Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll. Ich weiß, Ihr Angebot ist sehr verlockend, und ich glaube, ich könnte bei Ihnen glücklich sein. Aber dann kommen mir wieder Zweifel. Ich bin ein geborenes Stadtkind und ich scheue mich, mich an das stille Landleben zu binden.“

„Mein liebes Kind,“ sagte Hartley leidenschaftlich, „habe ich Ihnen denn nicht gesagt, dass Sie alles haben werden, was Ihr Herz begehrt und was in meiner Macht steht, Ihnen zu geben? Sie können in die Stadt ins Theater gehen, zum Einkaufen oder um Ihre Freunde zu besuchen so oft Sie wollen. Sie vertrauen mir doch, oder?“

„Voll und ganz,“ sagte sie und richtete ihre offenen Augen mit einem Lächeln auf ihn. „Ich weiß, Sie sind der freundlichste Mensch, den man sich denken kann, und dass das Mädchen, das sie einmal bekommt, glücklich werden wird. Ich erfuhr alles über Sie, als ich bei den Montgomerys war.“

„Ah!“ rief Hartley mit einem zärtlichen, nostalgischen Leuchten in den Augen. „Ich erinnere mich gut an den Abend, als ich Sie das erste Mal bei den Montgomerys sah. Mrs. Montgomery schwärmte mir den ganzen Abend von Ihnen vor. Und sie wurde Ihnen kaum gerecht. Dieses Abendessen werde ich nie vergessen. Kommen Sie, Vivienne, versprechen Sie es mir. Ich will Sie haben. Sie werden es nie bereuen zu mir gekommen zu sein. Niemand wird Ihnen jemals ein so angenehmes Zuhause bieten.“

Das Mädchen seufzte und blickte auf ihre gefalteten Hände nieder.

Ein plötzlicher eifersüchtiger Argwohn ergriff Hartley.

„Sagen Sie mir, Vivienne,“ fragte er, sie scharf anblickend, „gibt es einen anderen – ist da noch jemand?“

Eine zarte Röte flog über ihr Gesicht.

„Das sollten Sie nicht fragen, Mr. Hartley,“ sagte sie ein wenig verwirrt. „Aber ich will es Ihnen sagen. Es gibt einen anderen – aber er hat keine Rechte – ich habe ihm nichts versprochen.“

„Sein Name,“ verlangte Hartley streng.

„Townsend.“

„Rafford Townsend!“ rief Hartley und biss grimmig die Zähne zusammen. „Wie kommt dieser Kerl dazu, mit Ihnen Umgang zu pflegen? Nach allem, was ich für ihn getan habe…“

„Sein Auto ist gerade vorgefahren,“ sagte Vivienne, sich aus dem Fenster beugend. „Er kommt, um sich seine Antwort abzuholen. Oh, ich weiß nicht, was ich machen soll!“

Die Klingel in der Küche läutete, und Vivienne eilte, um auf den Türöffner zu drücken.

„Bleiben Sie hier,“ sagte Hartley. „Ich werde draußen mit ihm sprechen.“

Townsend, mit dem Aussehen eines spanischen Granden in seinem leichten Tweedanzug, mit dem Panamahut und dem gezwirbelten schwarzen Schnurbart kam die Treppe immer drei Stufen auf einmal nehmen herauf. Als er Hartleys ansichtig wurde, machte er Halt und ein dummes Gesicht.

„Geh wieder,“ sagte Hartley bestimmt und zeigte die Treppe hinunter.

„Hallo!“ sagte Townsend und tat überrascht. „Was ist los? Was machst du denn hier, alter Knabe?“

„Geh wieder,“ wiederholte Hartley unnachgiebig. „Das Gesetz des Dschungels. Willst du, dass die Meute dich in Stücke reisst? Die Beute ist mein.“

„Ich bin hier, um mit dem Klempner über die Anschlüsse im Badezimmer zu sprechen,“ sagte Townsend wacker.

„Nun gut,“ sagte Hartley. „Diese Lüge wird auf deiner verräterischen Seele kleben bleiben. Und jetzt hau ab.“ Townsend stieg wieder die Treppe hinunter, ein bitteres Wort zurücklassend, das das Treppenhaus emporwehte. Hartley machte sich wieder an seine Werbung.

„Vivienne,“ sagte er herrisch. „Ich muss Sie haben. Ich werde keine Weigerungen und kein Hin und Her mehr dulden.“

„Wann wollen Sie mich haben.“

„Jetzt. Sobald Sie sich fertig machen können.“

Sie stand ganz ruhig vor ihm und blickte ihm in die Augen.

„Denken Sie auch nur einen Moment,“ sagte sie, „dass ich Ihr Haus betreten werde, solange Héloise da ist?“

Hartley zuckte zusammen wie unter einem unerwarteten Schlag. Mit verschränkten Armen schritt er ein oder zwei Mal im Zimmer auf und ab.

„Sie wird gehen,“ erklärte er grimmig. Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. „Warum soll ich mir das Leben von ihr zur Hölle machen lassen? Seit ich sie kenne, gab’s noch keinen Tag ohne Ärger. Sie haben Recht, Vivienne. Héloise muss weg, bevor ich Sie ins Haus nehmen kann. Sie wird gehen. Das habe ich gerade beschlossen. Ich werde sie vor die Tür setzen.“

„Wann werden Sie es tun?“ fragte das Mädchen.

Er knirschte mit den Zähnen und zog die Brauen zusammen.

„Heute Abend,“ sagte er bestimmt. „Ich werde sie noch heute Abend entlassen.“

„Dann,“ sagte Vivienne, „ist meine Antwort ‚ja‘. Sie können mich abholen, wann Sie wollen.“

Sie sah ihm in die Augen mit einem süßen, aufrichtigen Leuchten in ihren eigenen. Hartley konnte kaum glauben, dass sie ihren Widerstand tatsächlich aufgegeben hatte. Ihre Kapitulation kam so schnell und vollständig.

„Versprechen Sie es mir,“ sagte er bewegt, „auf Ehre und Gewissen.“

„Auf Ehre und Gewissen,“ wiederholte Vivienne sanft.

An der Tür drehte er sich noch einmal um und blickte sie glücklich an, aber immer noch wie jemand, der sein Glück kaum fassen kann.

„Morgen,“ sagte er, den Zeigefinger mahnend erhoben.

„Morgen,“ wiederholte sie mit einem ehrlichen, aufrichtigen Lächeln.

Eine Stunde und vierzig Minuten später stieg Hartley in Floralhurst aus dem Zug. Ein strammer Fußmarsch von zehn Minuten brachte ihn zum Tor eines hübschen zweistöckigen Landhauses, das von einer weiten, gepflegten Rasenfläche umgeben war. Auf halbem Weg zum Haus wurde von einer Frau mit kohlrabenschwarzem geflochtenem Haar in einem wehenden weißen Sommerkleid empfangen, die ihn ohne ersichtlich Grund halb erdrosselte.

Als sie das Haus betraten, sagte sie: „Mama ist da. Der Wagen wird sie in einer halben Stunde abholen. Sie kam zum Abendessen, aber es gibt kein Abendessen.“

„Ich muss dir etwas sagen,“ sagte Hartley. „Ich wollte es dir eigentlich schonend beibringen, aber da deine Mutter nun schon mal hier ist, kann ich auch gleich ganz heraus damit.“

Er beugte sich hinunter und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

Seine Frau schrie auf. Ihre Mutter kam in die Diele gestürzt. Die dunkelhaarige Frau schrie noch einmal auf – den freudige Aufschrei einer geliebten, wohl behüteten Frau.

„Oh, Mama!“ rief sie verzückt, „was glaubst du? Vivienne kommt als Köchin zu uns! Das ist die, die ein ganzes Jahr bei den Montgomerys war. Und jetzt Billy, Liebster,“ schloss sie, „musst du in die Küche hinuntergehen und Héloise feuern. Sie war schon wieder den ganzen Tag betrunken.“

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