London

 Ich ha­be das Merk­wür­digs­te ge­se­hen, was die Welt dem stau­nen­den Geis­te zei­gen kann, ich ha­be es ge­se­hen und stau­ne noch im­mer – noch im­mer starrt in mei­nem Ge­dächt­nis­se die­ser stei­ner­ne Wald von Häu­sern und da­zwi­schen der drän­gen­de Strom le­ben­di­ger Men­schen­ge­sich­ter mit all ih­ren bun­ten Lei­den­schaf­ten, mit all ih­rer grau­en­haf­ten Hast der Lie­be, des Hun­gers und des Has­ses – ich spre­che von Lon­don.

Schickt ei­nen Phi­lo­so­phen nach Lon­don, bei­lei­be kei­nen Poe­ten! Schickt ei­nen Phi­lo­so­phen hin und stellt ihn an ei­ne Ecke von Cheaps­i­de, er wird hier mehr ler­nen als aus al­len Bü­chern der letz­ten Leip­zi­ger Mes­se; und wie die Men­schen­wo­gen ihn um­rau­schen, so wird auch ein Meer von neu­en Ge­dan­ken vor ihm auf­stei­gen, der ewi­ge Geist, der dar­über schwebt, wird ihn an­we­hen, die ver­bor­gens­ten Ge­heim­nis­se der ge­sell­schaft­li­chen Ord­nung wer­den sich ihm plötz­lich of­fen­ba­ren, er wird den Puls­schlag der Welt hör­bar ver­neh­men und sicht­bar se­hen – denn wenn Lon­don die rech­te Hand der Welt ist, die tä­ti­ge, mäch­ti­ge rech­te Hand, so ist je­ne Stra­ße, die von der Bör­se nach Dow­ning Street führt, als die Puls­ader der Welt zu be­trach­ten.

Aber schickt kei­nen Poe­ten nach Lon­don! Die­ser ba­re Ernst al­ler Din­ge, die­se ko­los­sa­le Ein­för­mig­keit, die­se ma­schi­nen­haf­te Be­we­gung, die­se Ver­drieß­lich­keit der Freu­de selbst, die­ses über­trie­be­ne Lon­don er­drückt die Phan­ta­sie und zer­reißt das Herz. Und woll­tet ihr gar ei­nen deut­schen Poe­ten hin­schi­cken, ei­nen Träu­mer, der vor je­der ein­zel­nen Er­schei­nung ste­hen­bleibt, et­wa vor ei­nem zer­lump­ten Bet­tel­weib oder ei­nem blan­ken Gold­schmied­la­den – oh! dann geht es ihm erst recht schlimm, und er wird von al­len Sei­ten fort­ge­scho­ben oder gar mit ei­nem mil­den »God damn!« nie­der­ge­sto­ßen. God damn! das ver­damm­te Sto­ßen! Ich merk­te bald, die­ses Volk hat viel zu tun. Es lebt auf ei­nem gro­ßen Fu­ße, es will, ob­gleich Fut­ter und Klei­der in sei­nem Lan­de teu­rer sind als bei uns, den­noch bes­ser ge­füt­tert und bes­ser ge­klei­det sein als wir; wie zur Vor­nehm­heit ge­hört, hat es auch gro­ße Schul­den, den­noch aus Groß­prah­le­rei wirft es zu­wei­len sei­ne Guine­en zum Fens­ter hin­aus, be­zahlt an­de­re Völ­ker, daß sie sich zu sei­nem Ver­gnü­gen her­um­bo­xen, gibt da­bei ih­ren re­spek­ti­ven Kö­ni­gen noch au­ßer­dem ein gu­tes Douceur – und des­halb hat John Bull Tag und Nacht zu ar­bei­ten, um Geld zu sol­chen Aus­ga­ben an­zu­schaf­fen, Tag und Nacht muß er sein Ge­hirn an­stren­gen zur Er­fin­dung neu­er Ma­schi­nen, und er sitzt und rech­net im Schwei­ße sei­nes An­ge­sichts und rennt und läuft, oh­ne sich viel um­zu­se­hen, vom Ha­fen nach der Bör­se, von der Bör­se nach dem Strand, und da ist es sehr ver­zeih­lich, wenn er an der Ecke von Cheaps­i­de ei­nen ar­men deut­schen Poe­ten, der, ei­nen Bil­der­la­den an­gaf­fend, ihm in dem We­ge steht, et­was un­sanft auf die Sei­te stößt. »God damn!«

Das Bild aber, wel­ches ich an der Ecke von Cheaps­i­de an­gaff­te, war der Über­gang der Fran­zo­sen über die Be­resi­na.

Als ich, aus die­ser Be­trach­tung auf­ge­rüt­telt, wie­der auf die to­sen­de Stra­ße blick­te, wo ein bunt­sche­cki­ger Knäul von Män­nern, Wei­bern, Kin­dern, Pfer­den, Post­kut­schen, dar­un­ter auch ein Lei­chen­zug, sich brau­send, schrei­end, äch­zend und knar­rend da­hin­wälz­te, da schien es mir, als sei ganz Lon­don so ei­ne Be­resi­nab­rü­cke, wo je­der in wahn­sin­ni­ger Angst, um sein biß­chen Le­ben zu fris­ten, sich durch­drän­gen will, wo der ke­cke Reu­ter den ar­men Fuß­gän­ger nie­der­stampft, wo der­je­ni­ge, der zu Bo­den fällt, auf im­mer ver­lo­ren ist, wo die bes­ten Ka­me­ra­den fühl­los ei­ner über die Lei­che des an­dern da­hin­ei­len und Tau­sen­de, die, ster­bens­matt und blu­tend, sich ver­ge­bens an den Plan­ken der Brü­cke fest­klam­mern woll­ten, in die kal­te Eis­gru­be des To­des hin­ab­stür­zen.

Wie­viel hei­te­rer und wohn­li­cher ist es da­ge­gen in un­se­rem lie­ben Deutsch­land! Wie traum­haft ge­mach, wie sab­bat­lich ru­hig be­we­gen sich hier die Din­ge! Ru­hig zieht die Wa­che auf, im ru­hi­gen Son­nen­schein glän­zen die Uni­for­men und Häu­ser, an den Flie­sen flat­tern die Schwal­ben, aus den Fens­tern lä­cheln di­cke Jus­tiz­rä­tin­nen, auf den hal­len­den Stra­ßen ist Platz ge­nug: die Hun­de kön­nen sich ge­hö­rig an­rie­chen, die Men­schen kön­nen be­quem ste­hen­blei­ben und über das Thea­ter dis­ku­rie­ren und tief, tief grü­ßen, wenn ir­gend­ein vor­neh­mes Lümp­chen oder Vi­ze­lümp­chen, mit bun­ten Bänd­chen auf dem ab­ge­schab­ten Röck­chen, oder ein ge­pu­der­tes, ver­gol­de­tes Hof­mar­schälk­chen gnä­dig wie­der­grü­ßend vor­bei­tän­zelt!

Ich hat­te mir vor­ge­nom­men, über die Groß­ar­tig­keit Lon­dons, wo­von ich so­viel ge­hört, nicht zu er­stau­nen. Aber es ging mir wie dem ar­men Schul­kna­ben, der sich vor­nahm, die Prü­gel, die er emp­fan­gen soll­te, nicht zu füh­len. Die Sa­che be­stand ei­gent­lich in dem Um­stan­de, daß er die ge­wöhn­li­chen Hie­be mit dem ge­wöhn­li­chen Sto­cke, wie ge­wöhn­lich, auf dem Rü­cken er­war­te­te und statt des­sen ei­ne un­ge­wöhn­li­che Tracht Schlä­ge auf ei­nem un­ge­wöhn­li­chen Plat­ze mit ei­nem dün­nen Röhr­chen emp­fing. Ich er­war­te­te gro­ße Pa­läs­te und sah nichts als lau­ter klei­ne Häu­ser. Aber eben die Gleich­för­mig­keit der­sel­ben und ih­re un­ab­seh­ba­re Men­ge im­po­niert so ge­wal­tig.

Die­se Häu­ser von Zie­gel­stei­nen be­kom­men durch feuch­te Luft und Koh­len­dampf glei­che Far­be, näm­lich bräun­li­ches Oli­ven­grün; sie sind al­le von der­sel­ben Bau­art, ge­wöhn­lich zwei oder drei Fens­ter breit, drei hoch und oben mit klei­nen ro­ten Schorn­stei­nen ge­ziert, die wie blu­tig aus­ge­ris­se­ne Zäh­ne aus­se­hen, der­ge­stalt, daß die brei­ten, re­gel­rech­ten Stra­ßen, die sie bil­den, nur zwei un­end­lich lan­ge ka­ser­nen­ar­ti­ge Häu­ser zu sein schei­nen. Die­ses hat wohl sei­nen Grund in dem Um­stan­de, daß je­de eng­li­sche Fa­mi­lie, und be­stän­de sie auch nur aus zwei Per­so­nen, den­noch ein gan­zes Haus, ihr eig­nes Kas­tell, be­woh­nen will und rei­che Spe­ku­lan­ten, sol­chem Be­dürf­nis ent­ge­gen­kom­mend, gan­ze Stra­ßen bau­en, wor­in sie die Häu­ser ein­zeln wie­der ver­hö­kern. In den Haupt­stra­ßen der Ci­ty, dem­je­ni­gen Teil Lon­dons, wo der Sitz des Han­dels und der Ge­wer­ke, wo noch al­ter­tüm­li­che Ge­bäu­de zwi­schen den neu­en zer­streut sind und wo auch die Vor­der­sei­ten der Häu­ser mit el­len­lan­gen Na­men und Zah­len, ge­wöhn­lich gol­dig und re­li­ef, bis ans Dach be­deckt sind, da ist je­ne cha­rak­te­ris­ti­sche Ein­för­mig­keit der Häu­ser nicht so auf­fal­lend, um so we­ni­ger, da das Au­ge des Frem­den un­auf­hör­lich be­schäf­tigt wird durch den wun­der­ba­ren An­blick neu­er und schö­ner Ge­gen­stän­de, die an den Fens­tern der Kauf­lä­den aus­ge­stellt sind. Nicht bloß die­se Ge­gen­stän­de selbst ma­chen den größ­ten Ef­fekt, weil der Eng­län­der al­les, was er ver­fer­tigt, auch voll­en­det lie­fert und je­der Lu­xus­ar­ti­kel, je­de As­trallam­pe und je­der Stie­fel, je­de Tee­kan­ne und je­der Wei­ber­rock uns so fi­nis­hed und ein­la­dend ent­ge­gen­glänzt, son­dern auch die Kunst der Auf­stel­lung, Far­ben­kon­trast und Man­nig­fal­tig­keit gibt den eng­li­schen Kauf­lä­den ei­nen eig­nen Reiz; selbst die all­täg­lichs­ten Le­bens­be­dürf­nis­se er­schei­nen in ei­nem über­ra­schen­den Zau­ber­glan­ze, ge­wöhn­li­che Eß­wa­ren lo­cken uns durch ih­re neue Be­leuch­tung, so­gar ro­he Fi­sche lie­gen so wohl­ge­fäl­lig app­re­tiert, daß uns der re­gen­bo­gen­far­bi­ge Glanz ih­rer Schup­pen er­götzt, ro­hes Fleisch liegt wie ge­malt auf sau­bern, bun­ten Por­zel­lan­tel­ler­chen, mit la­chen­der Pe­ter­si­lie um­kränzt, ja al­les er­scheint uns wie ge­malt und mahnt uns an die glän­zen­den und doch so be­schei­de­nen Bil­der des Franz Mie­ris. Nur die Men­schen sind nicht so hei­ter wie auf die­sen hol­län­di­schen Ge­mäl­den, mit den ernst­haf­tes­ten Ge­sich­tern ver­kau­fen sie die lus­tigs­ten Spiel­sa­chen, und Zu­schnitt und Far­be ih­rer Klei­dung ist gleich­för­mig wie ih­re Häu­ser.

Auf der ent­ge­gen­ge­setz­ten Sei­te Lon­dons, die man das Wes­ten­de nennt, the west end of the town, und wo die vor­neh­me­re und min­der be­schäf­tig­te Welt lebt, ist je­ne Ein­för­mig­keit noch vor­herr­schen­der; doch gibt es hier gan­ze lan­ge, gar brei­te Stra­ßen, wo al­le Häu­ser groß wie Pa­läs­te, aber äu­ßer­lich nichts we­ni­ger als aus­ge­zeich­net sind, au­ßer daß man hier, wie an al­len nicht ganz or­di­nä­ren Wohn­häu­sern Lon­dons, die Fens­ter der ers­ten Eta­ge mit ei­sen­gitt­ri­gen Bal­ko­nen ver­ziert sieht und auch au rez de chaussée ein schwar­zes Git­ter­werk fin­det, wo­durch ei­ne in die Er­de ge­gra­be­ne Kel­ler­woh­nung ge­schützt wird. Auch fin­det man in die­sem Tei­le der Stadt gro­ße Squa­res: Rei­hen von Häu­sern gleich den oben be­schrie­be­nen, die ein Vier­eck bil­den, in des­sen Mit­te ein von schwar­zem Ei­sen­git­ter ver­schlos­se­ner Gar­ten mit ir­gend­ei­ner Sta­tue be­find­lich ist. Auf al­len die­sen Plät­zen und Stra­ßen wird das Au­ge des Frem­den nir­gends be­lei­digt von bau­fäl­li­gen Hüt­ten des Elends. Über­all starrt Reich­tum und Vor­nehm­heit, und hin­ein­ge­drängt in ab­ge­le­ge­ne Gäß­chen und dunk­le, feuch­te Gän­ge wohnt die Ar­mut mit ih­ren Lum­pen und ih­ren Trä­nen.

Der Frem­de, der die gro­ßen Stra­ßen Lon­dons durch­wan­dert und nicht just in die ei­gent­li­chen Pö­bel­quar­tie­re ge­rät, sieht da­her nichts oder sehr we­nig von dem vie­len Elend, das in Lon­don vor­han­den ist. Nur hie und da, am Ein­gang ei­nes dunk­len Gäß­chens, steht schwei­gend ein zer­fetz­tes Weib, mit ei­nem Säug­ling an der ab­ge­härm­ten Brust, und bet­telt mit den Au­gen. Viel­leicht, wenn die­se Au­gen noch schön sind, schaut man ein­mal hin­ein – und er­schrickt ob der Welt von Jam­mer, die man dar­in ge­schaut hat. Die ge­wöhn­li­chen Bett­ler sind al­te Leu­te, meis­tens Moh­ren, die an den Stra­ßen­ecken ste­hen und, was im ko­ti­gen Lon­don sehr nütz­lich ist, ei­nen Pfad für Fuß­gän­ger keh­ren und da­für ei­ne Kup­fer­mün­ze ver­lan­gen. Die Ar­mut in Ge­sell­schaft des Las­ters und des Ver­bre­chens schleicht erst des Abends aus ih­ren Schlupf­win­keln. Sie scheut das Ta­ges­licht um so ängst­li­cher, je grau­en­haf­ter ihr Elend kon­tras­tiert mit dem Über­mu­te des Reich­tums, der über­all her­vor­prunkt; nur der Hun­ger treibt sie manch­mal um Mit­tags­zeit aus dem dun­keln Gäß­chen, und da steht sie mit stum­men, spre­chen­den Au­gen und starrt fle­hend em­por zu dem rei­chen Kauf­mann, der ge­schäf­tig-geld­klim­pernd vor­über­eilt, oder zu dem mü­ßi­gen Lord, der, wie ein sat­ter Gott, auf ho­hem Roß ein­her­rei­tet und auf das Men­schen­ge­wühl un­ter ihm dann und wann ei­nen gleich­gül­tig vor­neh­men Blick wirft, als wä­ren es win­zi­ge Amei­sen oder doch nur ein Hau­fen nied­ri­ger Ge­schöp­fe, de­ren Lust und Schmerz mit sei­nen Ge­füh­len nichts ge­mein hat – denn über dem Men­schen­ge­sin­del, das am Erd­bo­den fest­klebt, schwebt Eng­lands No­bi­li­ty, wie We­sen hö­he­rer Art, die das klei­ne Eng­land nur als ihr Ab­stei­ge­quar­tier, Ita­li­en als ih­ren Som­mer­gar­ten, Pa­ris als ih­ren Ge­sell­schafts­saal, ja die gan­ze Welt als ihr Ei­gen­tum be­trach­ten. Oh­ne Sor­gen und oh­ne Schran­ken schwe­ben sie da­hin, und ihr Gold ist ein Ta­lis­man, der ih­re tolls­ten Wün­sche in Er­fül­lung zau­bert.

Ar­me Ar­mut! wie pei­ni­gend muß dein Hun­ger sein, dort, wo and­re im höh­nen­den Über­flus­se schwel­gen! Und hat man dir auch mit gleich­gül­ti­ger Hand ei­ne Brot­krus­te in den Schoß ge­wor­fen, wie bit­ter müs­sen die Trä­nen sein, wo­mit du sie er­weichst! Du ver­gif­test dich mit dei­nen eig­nen Trä­nen. Wohl hast du recht, wenn du dich zu dem Las­ter und dem Ver­bre­chen ge­sellst. Aus­ge­sto­ße­ne Ver­bre­cher tra­gen oft mehr Mensch­lich­keit im Her­zen als je­ne küh­len, un­ta­del­haf­ten Staats­bür­ger der Tu­gend, in de­ren blei­chen Her­zen die Kraft des Bö­sen er­lo­schen ist, aber auch die Kraft des Gu­ten. Und gar das Las­ter ist nicht im­mer Las­ter. Ich ha­be Wei­ber ge­se­hen, auf de­ren Wan­gen das ro­te Las­ter ge­malt war, und in ih­rem Her­zen wohn­te himm­li­sche Rein­heit. Ich ha­be Wei­ber ge­se­hen – ich wollt‘, ich sä­he sie wie­der! –

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