Lokis

»Theo­dor,« sag­te Herr Pro­fes­sor Wit­tem­bach, »wol­len Sie mir bit­te das in Per­ga­ment ge­bun­de­ne Heft aus dem zwei­ten Fa­che über dem Schreib­ti­sche ge­ben; nein, das nicht, son­dern den Kleinok­tav­band. Dar­in hab‘ ich al­le mei­ne Ta­ge­buch­no­ti­zen von ein­tau­sen­dacht­hun­dertsechs­und­sech­zig, we­nigs­tens die den Gra­fen Sze­mioth be­tref­fen­den, ge­sam­melt.«

Der Pro­fes­sor setz­te sei­ne Bril­le auf und las in­mit­ten tiefs­ten Schwei­gens fol­gen­des:

LO­KIS

mit dem lit­haui­schen Sprich­wor­te als Mot­to:

Abu du to­kiu. Miz­ka su Lo­kiu

[Zwei bil­den ein Paar; wört­lich: Mi­chel (Mi­cha­el) und Lo­kis,

bei­de ein und der­sel­be. Mi­chae­li­um cum Lo­k­ide , am­bo (duo) ip­sis­si­mi.]

I.

Als in Lon­don die ers­te Bi­bel­über­tra­gung in lit­haui­scher Spra­che er­schien, ver­öf­fent­lich­te ich in der Kö­nigs­ber­gi­schen Zeit­schrift für Li­te­ra­tur und Wis­sen­schaf­ten ei­nen Auf­satz, in wel­chem ich, den Be­mü­hun­gen des ge­lehr­ten Ver­mitt­lers und den got­tes­ge­fäl­li­gen Ab­sich­ten der Bi­bel­ge­sell­schaft vol­le Ge­rech­tig­keit zu­bil­li­gend, auf ei­ni­ge klei­ne Ver­se­hen glaub­te hin­wei­sen zu müs­sen; und au­ßer­dem mach­te ich dar­auf auf­merk­sam, daß die­se Über­set­zung nur ei­nem ver­schwin­dend klei­nen Tei­le der Be­völ­ke­rung di­en­lich sein kön­ne. Tat­säch­lich ist der an­ge­wen­de­te Dia­lekt nur schwer ver­ständ­lich für die Be­woh­ner der Ge­gen­den, wo man die scha­mai­ti­sche, ge­wöhn­lich shmu­disch ge­nann­te Spra­che, re­det, will sa­gen in der Woi­wod­schaft Sa­mo­gi­ti­en. Es ist das ei­ne Spra­che, die dem Sans­krit et­wa noch nä­her­kommt als dem Hoch­lit­haui­schen. Trotz der wü­ten­den Kri­ti­ken sei­tens ei­nes ge­wis­sen, an der Uni­ver­si­tät Dor­pat wohl­be­kann­ten Pro­fes­sors, die sie mir ein­trug, klär­te sie die eh­ren­wer­ten Mit­glie­der des Ver­wal­tungs­ra­tes der Bi­bel­ge­sell­schaft auf, und sie säum­te nicht, mir das schmei­chel­haf­te An­ge­bot zu ma­chen, die Her­aus­ga­be des Matt­haeu­se­van­ge­li­ums in Sa­mo­gi­tisch zu über­wa­chen. Da­mals war ich zu sehr mit mei­nen Stu­di­en über die tran­su­ra­li­schen Spra­chen be­schäf­tigt, um ei­ne weit­läu­fi­ge­re Auf­ga­be, wel­che die vier Evan­ge­li­en um­fas­sen soll­te, zu über­neh­men. Mei­ne Hoch­zeit mit Fräu­lein Ger­tru­de We­ber al­so ver­schie­bend, be­gab ich mich mit der Ab­sicht nach Kow­no (Kau­nas), al­le ge­druck­ten oder hand­schrift­li­chen Sprach­denk­mä­ler der shmu­di­schen Spra­che, die ich mir ver­schaf­fen konn­te, zu sam­meln, oh­ne na­tür­lich die Volks­lie­der, die Dai­nos, die Er­zäh­lun­gen und Le­gen­den, die Pa­sa­kos da­bei zu ver­ges­sen, die mir Be­le­ge für ein scha­mai­ti­sches Wör­ter­buch, ei­ne Ar­beit, die der Über­set­zung not­wen­di­ger­wei­se vor­aus­ge­hen muß­te, lie­fern konn­ten.

Man hat­te mir ei­nen Brief für den jun­gen Gra­fen Mi­cha­el Sze­mioth mit­ge­ge­ben, des­sen Va­ter, wie man mir ver­si­cher­te, den be­rühm­ten Ka­te­chis­mus Sa­mo­gi­ti­cus des Pa­ters La­wi­cki be­ses­sen hat­te, der so sel­ten ist, daß sein Vor­han­den­sein be­son­ders von dem eben er­wähn­ten Dor­pa­ter Pro­fes­sor be­strit­ten wird. In sei­ner Bi­blio­thek be­fand sich, mir ge­ge­be­nen Aus­künf­ten ge­mäß, ei­ne al­te Samm­lung Dai­nos, so­wie Dich­tun­gen in der al­ten Preu­ßen­spra­che. Ich hat­te an den Gra­fen Sze­mioth ge­schrie­ben, um ihm mei­nen Be­suchs­zweck mit­zu­tei­len, und er­hielt die lie­bens­wür­digs­te Ein­la­dung, all die für mei­ne Nach­for­schun­gen er­for­der­li­che Zeit in sei­nem Schlos­se Med­in­til­tas zu ver­brin­gen. Er schloß sei­nen Brief mit der in lie­bens­wür­digs­ter Wei­se ab­ge­ge­be­nen Er­klä­rung: da er sich schmeich­le, fast so gut wie sei­ne Bau­ern shmu­disch zu sp­re­chen, wür­de es ihm Freu­de ma­chen, sei­ne Be­mü­hun­gen mit mei­nen für ei­ne Auf­ga­be zu ver­ei­nen, die er groß und in­ter­es­sant nann­te. Wie ei­ni­ge der reichs­ten Grund­be­sit­zer Lit­hau­ens be­kann­te er sich zur evan­ge­li­schen Re­li­gi­on, de­ren Geist­li­cher zu sein ich die Eh­re ha­be. Vor­her mit­ge­teilt hat­te man mir, der Graf sei nicht frei von ei­ner ge­wis­sen Son­der­bar­keit des Cha­rak­ters, üb­ri­gens sehr gast­frei, ein Freund von Lit­te­ra­tur und Wis­sen­schaft, und be­son­ders wohl­wol­lend de­nen ge­gen­über, die sie pfleg­ten. Ich reis­te al­so nach Med­in­til­tas.

Auf der Frei­trep­pe des Schlos­ses wur­de ich von des Gra­fen In­ten­dan­ten emp­fan­gen, der mich so­fort in die für mei­ne Auf­nah­me be­reit­ge­stell­ten Räu­me führ­te.

»Dem Herrn Gra­fen,« sag­te er, »tut es un­end­lich leid, heu­te mit dem Herrn Pro­fes­sor nicht spei­sen zu kön­nen. Er wird von Mi­grä­ne ge­plagt, ei­ner Krank­heit, der er lei­der öf­ters aus­ge­setzt ist. Wenn Herr Pro­fes­sor sich nicht in sei­nem Zim­mer auf­tra­gen las­sen wol­len, wird er mit Herrn Dok­tor Frö­ber, dem Arz­te der Frau Grä­fin, spei­sen. Man ißt in ei­ner Stun­de. Ei­nes be­son­de­ren An­zu­ges be­darf es nicht, wenn Herr Pro­fes­sor Be­feh­le zu ge­ben ha­ben, hier ist die Klin­gel.«

Mit ei­ner tie­fen Ver­beu­gung zog er sich zu­rück.

Das Ge­mach war sehr groß, gut aus­ge­stat­tet, mit Spie­geln und Ver­gol­dun­gen ge­schmückt. Auf der ei­nen Sei­te hat­te ich den Blick in ei­nen Gar­ten, oder viel­mehr den Schloß­park, auf der an­de­ren in den gro­ßen Schloß­hof. Trotz der Be­nach­rich­ti­gung: »Be­son­ders zieht man sich nicht da­zu an« glaub­te ich mei­nen schwar­zen An­zug doch aus dem Kof­fer neh­men zu müs­sen. Ich war hemd­ärm­lig mit Aus­pa­cken mei­nes klei­nen Ge­päcks be­schäf­tigt, als ein Wa­gen­lärm mich an das auf den Hof füh­ren­de Fens­ter zog. Ei­ne schö­ne Kut­sche fuhr eben ein. In ihr sa­ßen ei­ne Da­me in Schwarz, ein Herr und ei­ne wie lit­haui­sche Bäue­rin­nen ge­klei­de­te Frau, die aber so groß und kräf­tig war, daß ich an­fangs ver­sucht war, sie für ei­nen ver­klei­de­ten Mann zu hal­ten. Sie stieg zu­erst aus; zwei an­de­re, dem Aus­se­hen nach nicht min­der ro­bus­te Frau­en, wa­ren schon auf der Frei­trep­pe.

Der Herr beug­te sich zu der Da­me in Schwarz und schnall­te zu mei­ner höchs­ten Über­ra­schung ei­nen brei­ten Le­der­gurt los, der sie an ih­ren Wa­gen­platz fes­sel­te. Die Da­me hat­te, wie ich be­merk­te, lan­ge, sehr wir­re wei­ße Haa­re, und ih­re weit­auf­ge­ris­se­nen Au­gen schie­nen leb­los: für ei­ne Wachs­fi­gur hät­te man sie hal­ten kön­nen.

Nach­dem er sie los­ge­macht, rich­te­te ihr Ge­fähr­te, den Hut in der Hand, sehr ehr­er­bie­tig das Wort an sie; doch sie schien nicht im min­des­ten Acht dar­auf zu ge­ben. Dann wand­te er sich an die Die­ne­rin­nen und mach­te ih­nen ein leich­tes Zei­chen mit dem Kop­fe. So­fort pack­ten die drei Wei­ber die Da­me in Schwarz, ho­ben sie trotz ih­rer Be­mü­hun­gen, sich an den Wa­gen zu klam­mern, wie ei­ne Fe­der auf und tru­gen sie ins Schloß­in­ne­re. Die­ser Auf­tritt hat­te meh­re­re Die­ner des Hau­ses als Zeu­gen, die dar­in nur et­was all­zu Ge­wohn­tes zu se­hen schie­nen.

Der Mann, wel­cher den Vor­gang ge­lei­tet hat­te, zog sei­ne Uhr und frag­te, ob man bald spei­sen wür­de.

»In ei­ner Vier­tel­stun­de, Herr Dok­tor,« ant­wor­te­te man ihm.

Mü­he­los er­riet ich, daß ich den Dok­tor Frö­ber sah, und daß die Da­me in Schwarz die Grä­fin war. Ih­rem Al­ter nach muß­te sie des Gra­fen Sze­mioth Mut­ter sein, und die ihr ge­gen­über an­ge­wand­ten Vor­sichts­maß­re­geln zeig­ten ge­nug­sam an, daß ihr Ver­stand nicht in Ord­nung war.

Ei­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter trat der Dok­tor sel­ber in mein Ge­mach.

»Da der Herr Graf lei­dend ist,« sag­te er zu mir, »muß ich mich dem Herrn Pro­fes­sor sel­ber vor­stel­len. Dok­tor Frö­ber, Ih­nen zu die­nen. Ent­zückt bin ich, die Be­kannt­schaft ei­nes Ge­lehr­ten zu ma­chen, der sei­nem Ver­di­ens­te nach al­len Le­sern der Kö­nigs­ber­gi­schen Zeit­schrift für Li­te­ra­tur und Wis­sen­schaf­ten be­kannt ist. Wä­re es Ih­nen an­ge­nehm, wenn man das Es­sen auf­trü­ge?«

Nach bes­tem Ver­mö­gen er­wi­der­te ich sei­ne Ver­bind­lich­kei­ten und sag­te ihm, wenn es Zeit wä­re, sich zu Tisch zu set­zen, wä­re ich gern be­reit, ihm zu fol­gen.

So­bald wir in den Spei­se­saal tra­ten, bot uns, dem Brau­che des Nor­dens ge­mäß, ein Haus­hof­meis­ter ei­ne mit Schnäp­sen und ei­ni­gen ap­pe­tit­an­rei­zen­den ge­sal­ze­nen und scharf­ge­würz­ten Spei­sen be­stan­de­ne Sil­ber­plat­te an.

»Er­lau­ben Sie mir,« Herr Pro­fes­sor, sag­te der Dok­tor, »Ih­nen in mei­ner Ei­gen­schaft als Arzt ein Glas von dem Star­ka hier zu emp­feh­len; ve­ri­ta­bler Co­gnac ist’s, seit vier­zig Jah­ren im Faß. Der Va­ter der Schnäp­se wahr­lich. Neh­men Sie ei­ne Drond­hje­mer An­cho­vis, nichts ist ge­eig­ne­ter, den Ver­dau­ungs­ka­nal, ein Or­gan von höchs­ter Wich­tig­keit, zu öff­nen und vor­zu­be­rei­ten … Und nun zu Tisch! Wa­rum sp­re­chen wir nicht deutsch? Sie sind aus Kö­nigs­berg, ich aus Me­mel; ha­be aber in Je­na stu­diert. Dann sind wir un­ge­zwun­ge­ner, und die Die­ner, die nur pol­nisch und rus­sisch kön­nen, wer­den uns nicht ver­stehn.«

An­fangs aßen wir schwei­gend; dann, nach­dem ich mein ers­tes Glas Ma­dei­ra ge­trun­ken, frag­te ich den Dok­tor, ob der Graf häu­fig von dem Un­wohl­sein, das uns heu­te sei­ner An­we­sen­heit be­raub­te, heim­ge­sucht wür­de.

»Ja und nein,« ant­wor­te­te der Dok­tor; »das hängt von den Aus­flü­gen ab, die er macht.« »Wie das?«

»Wenn er zum Bei­spiel den Weg nach Ro­sie­nia nimmt, kehrt er mit Mi­grä­ne und üb­ler Lau­ne heim.«

»Oh­ne der­glei­chen Un­fäl­le bin ich sel­ber in Ro­sie­nia ge­we­sen.«

»Das kommt da­her, Herr Pro­fes­sor,« ant­wor­te­te er la­chend, »weil Sie nicht ver­liebt sind.«

An Fräu­lein Ger­tru­de We­ber den­kend, seufz­te ich.

»In Ro­sie­nia al­so wohnt des Herrn Gra­fen Braut?« frag­te ich.

»Ja, in der Nach­bar­schaft; Braut? … da­von weiß ich nichts. Ei­ne all­be­kann­te Ko­ket­te! Sie wird ihn um den Ver­stand brin­gen, wie sei­ne Mut­ter ihn ver­lo­ren hat.«

»Wirk­lich, ich glau­be, daß die Frau Grä­fin … krank ist?«

»Ver­rückt ist sie, mein lie­ber Herr, ver­rückt! Und am ver­rück­tes­ten bin ich, weil ich hier­her­ge­kom­men bin.«

»Hof­fen wir, daß Ih­re gu­te Pfle­ge sie wie­der ge­sund macht.«

Der Dok­tor schüt­tel­te den Kopf, wo­bei er auf­merk­sam die Far­be des Bur­gun­ders in dem Gla­se prüf­te, das er in der Hand hielt.

»So, wie Sie mich hier se­hen, Herr Pro­fes­sor, war ich Stabs­arzt im Re­gi­ment Ka­lu­ga. In Se­wa­s­to­pol hat­ten wir von mor­gens bis abends nur Ar­me und Bei­ne ab­zu­sä­beln; von den Bom­ben, die uns, wie Flie­gen ein ge­schun­de­nes Pferd, um­schwirr­ten, gar nicht zu re­den. Nun, schlecht un­ter­ge­bracht, schlecht er­nährt, wie ich’s da­zu­mal war, lang­weil­te ich mich dort nicht so wie hier, wo ich vom Bes­ten es­se und trin­ke, wo ich wie ein Fürst Hau­se, wie ein Hof­rat be­zahlt wer­de … Aber die Frei­heit, mein lie­ber Herr! … Stel­len Sie sich vor, daß man mit die­sem Teu­fels­wei­be kei­nen Au­gen­blick für sich hat!«

»Ist sie schon lan­ge Ih­rer Be­hand­lung an­ver­traut?«

»We­ni­ger als zwei Jah­re; doch seit min­des­tens sie­ben­und­zwan­zig ist sie ver­rückt, schon vor des Gra­fen Ge­burt. Hat man Ih­nen das we­der in Kow­no noch in Ro­sie­nia er­zählt? Hö­ren Sie al­so zu, denn es ist ein Fall, über den ich ei­nes Ta­ges ei­nen Auf­satz in der Sankt Pe­ters­bur­ger me­di­zi­ni­schen Zeit­schrift schrei­ben will. Aus Angst ist sie ver­rückt ge­wor­den …«

»Aus Angst? wie ist das mög­lich?«

»Aus ei­ner Angst, die sie aus­ge­stan­den hat. Sie stammt aus der Fa­mi­lie der Key­s­tut … Oh, bei de­nen gibt’s kei­ne Miß­hei­rat. Wir, wir stam­men von den Ge­dy­min ab … Al­so, Herr Pro­fes­sor, zwei Ta­ge … oder drei Ta­ge nach ih­rer Hoch­zeit, die hier im Schlos­se statt­ge­fun­den hat, wo wir spei­sen (Ihr Wohl!) … geht der Graf, des jet­zi­gen Va­ter, auf die Jagd … Un­se­re lit­haui­schen Da­men sind, wie Sie wis­sen, Ama­zo­nen. Die Grä­fin geht auch auf die Jagd … Sie bleibt hin­ter den Jä­gern zu­rück oder kommt vor sie, was weiß ich, … Kurz­um plötz­lich sieht der Graf der Grä­fin klei­nen Ko­sa­ken, ei­nen zwölf- oder vier­zehn­jäh­ri­gen Bu­ben, mit ver­häng­ten Zü­geln her­an­spren­gen. »Herr,« sagt er, »ein Bär schleppt die Her­rin weg!«

»Wo das?« fragt der Graf.

»Dort,« sagt der klei­ne Ro­sat.

Die gan­ze Jagd­ge­sell­schaft eilt nach der an­ge­ge­be­nen Stel­le; kei­ne Grä­fin da!

Auf der ei­nen Sei­te ihr er­würg­tes Pferd, auf der an­de­ren ihr Pelz­man­tel in Fet­zen. Man sucht, durch­stö­bert den Wald nach al­len Rich­tun­gen hin. End­lich schreit ein Jä­ger: »Hier ist der Bär!« Wirk­lich durch­quer­te der Bär ei­ne Lich­tung, die Grä­fin im­mer mit sich schlep­pend, um sie son­der Zwei­fel in al­ler Be­quem­lich­keit im Di­ckicht zu ver­zeh­ren, denn sol­che Tie­re sind Le­cker­mäu­ler. Wie die Mön­che lie­ben sie in Be­hag­lich­keit zu schmau­sen. Als zwei­tä­gi­ger Ehe­mann war der Graf sehr rit­ter­lich, woll­te sich, das Jagd­mes­ser in der Faust, auf den Ba­ren stür­zen; doch ein lit­haui­scher Bär, mein lie­ber Herr, läßt sich nicht wie ein Hirsch durch­ste­chen. Glück­li­cher­wei­se feu­ert des Gra­fen Büch­sen­span­ner, ein ziem­lich üb­ler Bur­sche und an dem Ta­ge so be­trun­ken, daß er ein Ka­nin­chen nicht von ei­nem Reh­bock un­ter­schei­den konn­te, aus mehr als hun­dert Schritt Ent­fer­nung sei­ne Büch­se ab, oh­ne sich ir­gend wie dar­über auf­zu­re­gen, ob die Ku­gel Bes­tie oder Frau trifft…«

»Und tö­tet den Bä­ren?«

»Auf der Stel­le. Für sol­che Schüs­se muß man be­sof­fen sein. Es gibt auch Frei­ku­geln, Herr Pro­fes­sor; Zau­be­rer ha­ben wir hier, die sie zu fes­ten prei­sen ver­kau­fen … Die Grä­fin war arg zer­kratzt, be­wußt­los na­tür­lich, und hat­te ein Bein ge­bro­chen. Man schafft sie heim, sie kommt wie­der zu sich; doch die Ver­nunft war flö­ten ge­gan­gen. Man bringt sie nach Sankt Pe­ters­burg. Gro­ße Kon­sul­ta­ti­on; vier mit al­len Or­den be­häng­te Ärz­te. Sie sa­gen: »Die Frau Grä­fin ist schwan­ger; ih­re Ent­bin­dung wird wahr­schein­lich ei­ne heil­sa­me Kri­se her­bei­füh­ren. Man soll sie in gu­ter Luft hal­ten, auf dem Lan­de, But­ter­milch, Ko­de­in …« Je­dem gibt man hun­dert Ru­bel. Neun Mo­na­te her­nach bringt die Grä­fin ei­nen wohl­ge­bau­ten Kna­ben zur Welt; die güns­ti­ge Kri­se aber? Ja, hat sich was! Ver­dop­pel­te Wut­an­fäl­le. Der Graf zeigt ihr den Sohn. So­was ver­fehlt nim­mer sei­ne Wir­kung … in Ro­ma­nen.

»Schlagt ihn tot, schlagt die Bes­tie tot!« schreit sie; we­nig fehl­te dar­an und sie hät­te ihm den Hals um­ge­dreht. Seit­dem ab­wech­selnd stump­fer Trüb­sinn oder wü­ten­der Wahn­sinn, star­re Nei­gung zum Selbst­mord. Fest­bin­den muß man sie, um sie an die fri­sche Luft zu brin­gen. Drei kräf­ti­ge Die­ne­rin­nen hat man zum Hal­ten nö­tig. Doch, Herr Pro­fes­sor, wol­len Sie sich eins mer­ken: wenn ich mit mei­nem La­tein bei ihr zu En­de bin, oh­ne mir Ge­hor­sam ver­schaf­fen zu kön­nen, hab‘ ich ein Be­ru­hi­gungs­mit­tel für sie. Ich dro­he ihr, die Haa­re ab­zu­schnei­den. Frü­her, denk ich, hat sie sehr schö­ne ge­habt. Die Ko­ket­te­rie ist als letz­tes mensch­li­ches Ge­fühl ge­blie­ben. Ist das nicht lus­tig? wenn ich nach mei­ner Wei­se mit ihr um­sprin­gen konn­te, würd‘ ich sie et­wa hei­len.«

»Wie das?«

»Krumm und lahm würd‘ ich sie sch­la­gen. Auf die Wei­se hab‘ ich zwan­zig Bäue­rin­nen in ei­nem Dor­fe ge­heilt, wo die wü­ten­de rus­si­sche Toll­heit aus­ge­bro­chen war, das »Heu­len« [Fuß­no­te] näm­lich. Ein Weib fängt zu heu­len an, die Ge­vat­te­rin heult. Nach drei Ta­gen heult das gan­ze Dorf. Mit Durch­wam­sen bin ich zum Zie­le ge­kom­men. (Nimmt man ih­nen ein fet­tes Huhn ab, tra­gen sie ei­nem die Prü­gel nicht nach.) Der Graf woll­te es nie auf ei­nen ver­such an­kom­men las­sen.«

»Wie! Sie woll­ten, er soll­te Ih­rer ab­scheu­li­chen Be­hand­lung zu­stim­men?«

»Oh! er hat sei­ne Mut­ter so we­nig ge­kannt, und dann, ’s ist zu ih­rem Heil; doch sa­gen Sie mir, Herr Pro­fes­sor, wür­den Sie je ge­glaubt ha­ben, die Angst kön­ne ei­nen um den Ver­stand brin­gen.?«

»Der Grä­fin La­ge war gräß­lich … Sich in den Fän­gen ei­nes so wil­den Tie­res zu be­fin­den!«

»Nun, ihr Sohn äh­nelt ihr nicht. Vor we­ni­ger als ei­nem Jah­re hat er sich in ge­nau der näm­li­chen Si­tua­ti­on be­fun­den und sich dank sei­ner Kalt­blü­tig­keit wun­der­bar aus ihr be­freit.«

»Aus den Fän­gen ei­nes Bä­ren?«

»Ei­ner Bä­rin, und zwar der größ­ten, die man seit lan­gem ge­se­hen hat. Mit der Sau­fe­der woll­te sie der Graf an­grei­fen. Bah! mit ei­nem Sch­la­ge von links nach rechts ent­fernt sie die Sau­fe­der, packt den Herrn Gra­fen und wirft ihn eben­so leicht zu Bo­den, wie ich die Fla­sche hier um­sto­ßen wür­de, Er, der Schlau­mei­er, stellt sich tot … Die Bä­rin hat ihn be­ro­chen, be­ro­chen, dann, statt ihn zu zer­flei­schen, be­leckt sie ihn. Er be­sitzt die Geis­tes­ge­gen­wart, sich nicht zu muck­sen und sie trollt ab.«

»Die Bä­rin hat ihn für tot ge­hal­ten. Tat­säch­lich hab‘ ich sa­gen hö­ren, daß die­se Tie­re kei­ne Ka­da­ver fres­sen.«

»Man muß es glau­ben und von ei­ner per­sön­li­chen Er­fah­rung ab­ste­hen, was aber die Angst an­langt, so las­sen Sie mich Ih­nen ei­ne Ge­schich­te aus Se­wa­s­to­pol er­zäh­len. Un­ser fünf oder sechs wa­ren wir um ei­nen Bier­krug her­um, den man uns gra­de hin­ter den Kran­ken­wa­gen der be­rühm­ten Bas­ti­on Num­mer fünf ge­bracht hat­te. Der Pos­ten schreit: »Ei­ne Bom­be!« wir wer­fen uns platt auf den Bauch; nein, nicht al­le: ei­ner na­mens … doch der Na­me tut nichts zur Sa­che, … ein jun­ger Of­fi­zier, der eben zu uns ge­sto­ßen war, blieb auf­recht sein vol­les Glas hal­tend, just im Mo­ment, wo die Bom­be platz­te. Mei­nem ar­men Ka­me­ra­den An­dre­as Spe­ran­ski, ei­nem bra­ven Bur­schen, riß sie den Kopf weg und zer­trüm­mer­te den Krug. Glück­li­cher­wei­se war er fast leer. Als wir nach der Ex­plo­si­on wie­der auf­stan­den, se­hen wir mit­ten im Rau­che un­se­ren Freund sei­nen letz­ten Schluck Bier aus­trin­ken, als ob nichts ge­sche­hen wä­re. Für ei­nen Hel­den hiel­ten wir ihn. Fol­gen­den Tags be­geg­ne ich Haupt­mann Ge­de­on­of, der aus dem Hos­pi­ta­le kam. Er sag­te zu mir: »Heu­te es­se ich mit Euch und zur Fei­er mei­ner Rück­kehr zahl ich den Cham­pa­gner.« Wir set­zen uns zu Tisch. Der jun­ge Bier-Of­fi­zier war da­bei. Des Cham­pa­gners war er sich nicht ge­wär­tig; ne­ben ihm macht man ei­ne Fla­sche auf … paff, trifft ihn der Pfrop­fen an die Schlä­fe. Er stößt ei­nen Schrei aus und ihm wird schlecht. Glau­ben Sie’s mir, mein Held hat­te ver­teu­fel­te Angst ge­habt das ers­te Mal, und, wenn er sein Bier ge­trun­ken, statt sich in Si­cher­heit zu brin­gen, so ge­schah’s, weil er den Kopf ver­lo­ren und nur ei­ne me­cha­ni­sche Be­we­gung aus­ge­führt hat­te, der er sich nicht be­wußt war. wahr­lich, Herr Pro­fes­sor, die mensch­li­che Ma­schi­ne …«

»Herr Dok­tor,« sag­te, in den Saal tre­tend, ein Die­ner, »die Ida­no­wa sagt, die Frau Grä­fin wol­le nicht es­sen.«

»Der Teu­fel soll sie ho­len!« brum­mel­te der Dok­tor. »Ich geh hin. wenn ich mei­ne Teu­fe­lin zum Es­sen ge­bracht ha­be, Herr Pro­fes­sor, kön­nen wir, wenn’s Ih­nen an­ge­nehm ist, ein Par­tie­chen Préférence oder Du­ratsch­ki spie­len.«

Ich drück­te ihm mein Be­dau­ern über mei­ne Un­kennt­nis im Kar­ten­spiel aus und ging, als er nach sei­ner Kran­ken sah, in mein Zim­mer, um an Fräu­lein Ger­tru­de zu schrei­ben.

II.

Die Nacht war warm. Ich hat­te das Fens­ter nach dem Park hin of­fen­ge­las­sen. Als mein Brief ge­schrie­ben war und ich noch kei­ner­lei Schlaf­lust ver­spür­te, fing ich an, die un­re­gel­mä­ßi­gen lit­haui­schen Ver­ben noch mal durch­zu­ge­hen und im Sans­krit den Grün­den ih­rer ver­schie­de­nen Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten nach­zu­for­schen. In­mit­ten die­ser mich in An­spruch neh­men­den Ar­beit wur­de ein ziem­lich dicht an mei­nem Fens­ter ste­hen­der Baum hef­tig be­wegt. Ich hör­te das Kna­cken der ab­ge­stor­be­nen Äs­te und mich däuch­te, ir­gend­ein sehr schwe­res Tier ver­su­che an ihm hoch­zu­klet­tern. Dem Kopf noch ganz voll von den Bä­ren­ge­schich­ten, die mir der Dok­tor auf­ge­tischt hat­te, er­hob ich mich, nicht oh­ne ei­ne ge­wis­se Er­re­gung, und sah ei­ni­ge Fuß von mei­nem Fens­ter ent­fernt im Laub­werk des Bau­mes ei­nen von mei­nem Lam­pen­licht voll­be­leuch­te­ten Men­schen­kopf. Die Er­schei­nung währ­te nur ei­nen Mo­ment, doch der selt­sa­me Glanz der Au­gen, die mei­nem Bli­cke be­geg­ne­ten, er­schreck­te mich mehr, als ich sa­gen kann. Un­will­kür­lich fuhr mein Kör­per zu­rück, dann lief ich uns Fens­ter und frag­te mit stren­gem To­ne den Ein­dring­ling, was er wol­le, wäh­rend­dem stieg er in vol­ler Hast hin­ab und, ei­nen star­ken Ast zwi­schen sei­ne Hän­de neh­mend, ließ er sich erst dar­an hän­gen, dann auf die Er­de fal­len, und ver­schwand so­fort. Ich schell­te; ein Die­ner trat ein. Ich er­zähl­te ihm, was eben ge­sche­hen war.

»Herr Pro­fes­sor wer­den sich zwei­fels­oh­ne ge­täuscht ha­ben.«

»Was ich sa­ge, weiß ich ge­wiß,« er­wi­der­te ich. »Ich fürch­te, ein Dieb ist im Park.«

»Un­mög­lich, mein Herr.«

»So ist’s al­so je­mand aus dem Hau­se?«

Der Die­ner riß die Au­gen auf, oh­ne mir zu ant­wor­ten. Schließ­lich frag­te er, ob ich ihm Be­feh­le zu er­tei­len hät­te. Ich ließ ihn die Fens­ter zu­ma­chen und leg­te mich zu Bett.

Sehr gut schlief ich, oh­ne von Bä­ren und Die­ben zu träu­men. Mor­gens, ich voll­en­de­te mei­nen An­zug ge­ra­de, klopf­te es an mei­ne Tür. Ich öff­ne­te und sah mich ei­nem sehr gro­ßen und schö­nen jun­gen Man­ne in ei­nem bo­cha­ri­schen Schlaf­ro­cke ge­gen­über, der ei­ne lan­ge Tür­ken­pfei­fe in der Hand hielt.

»Ich möch­te Sie um Ver­zei­hung bit­ten, Herr Pro­fes­sor,« sag­te er, »ei­nen Gast wie Sie so schlecht emp­fan­gen zu ha­ben. Ich bin Graf Sze­mioth.«

Ich be­eil­te mich, zu ant­wor­ten, daß ich ihm im Ge­gen­teil er­ge­benst für sei­ne groß­ar­ti­ge Gast­freund­schaft zu dan­ken ha­be, und frag­te ihn, ob er von sei­ner Mi­grä­ne be­freit sei.

»Bei­na­he,« sag­te er, »bis zu ei­nem neu­en An­fall,« füg­te er mit trau­ri­gem Aus­druck hin­zu. »Füh­len Sie sich er­träg­lich hier? Wol­len Sie bit­te dar­an den­ken, daß Sie bei Bar­ba­ren sind. In Sa­mo­gi­ti­en darf man kei­ne gro­ßen An­sprü­che stel­len.«

Ich ver­si­cher­te ihn, daß ich mich au­ßer­or­dent­lich wohl füh­le, wäh­rend ich mit ihm sprach, konn­te ich nicht um­hin, ihn mit ei­ner Neu­gier­de zu be­trach­ten, die ich sel­ber un­ver­schämt fand. Sein Blick hat­te et­was Selt­sa­mes, das mich wi­der mei­nen Wil­len an den des Man­nes er­in­ner­te, den ich am Vor­abend auf dem Bau­me ge­se­hen hat­te …

»Doch wie kann es mög­lich sein,« sag­te ich zu mir, »daß Graf Sze­mioth nachts auf Bäu­me klet­tert!«

Er hat­te ei­ne stol­ze und gut her­aus­ge­ar­bei­te­te, wenn auch et­was nied­ri­ge Stirn. Sei­ne Ge­sichts­zü­ge wa­ren ganz re­gel­mä­ßig, nur stan­den sei­ne Au­gen zu dicht an­ein­an­der und die Ent­fer­nung von ei­ner Trä­nen­drü­se zur an­de­ren schien mir nicht von Au­gen­län­ge zu sein, wie es die Sat­zung der grie­chi­schen Bild­hau­er heischt. Sein Blick war durch­drin­gend. Wi­der un­sern Wil­len be­geg­ne­ten sich un­se­re Au­gen mehr­mals, und mit ge­wis­ser Ver­wir­rung wand­ten wir sie von ein­an­der ab. Plötz­lich brach der Graf in ein Ge­läch­ter aus und rief:

»Sie ha­ben mich wie­der­er­kannt!« »Wie­der­er­kannt?«

»Ja, Sie ha­ben mich ges­tern bei mei­nen Gas­sen­bu­ben­strei­chen über­rascht!«

»Oh! Herr Graf!« …

»Den gan­zen Tag hat­te ich recht lei­dend, in mei­nem Ka­bi­net­te ein­ge­schlos­sen, zu­ge­bracht. Als ich mich Abends bes­ser fühl­te, bin ich im Gar­ten spa­zie­ren ge­gan­gen. Ich ha­be Licht bei Ih­nen ge­sehn und ei­ner Neu­gier­re­gung nach­ge­ge­ben … Hät­te mei­nen Na­men nen­nen und mich vor­stel­len sol­len, die Si­tua­ti­on aber war so lä­cher­lich … Ha­be mich ge­schämt und bin ge­flohn … Ver­zei­hen Sie mir, Sie so mit­ten in der Ar­beit ge­stört zu ha­ben?«

All das ward in ei­nem To­ne ge­sagt, der scherz­haft sein soll­te; aber er er­rö­te­te und war sicht­lich ver­le­gen. Was von mir ab­hing, tat ich, ihn zu über­zeu­gen, daß ich von die­ser ers­ten Be­geg­nung kei­nen pein­li­chen Ein­druck zu­rück­be­hal­ten hät­te; und um die Ge­sprä­che in ei­ne an­de­re Bahn zu len­ken, frag­te ich ihn, ob es wahr sei, daß er den Sa­mo­gi­ti­schen Ka­te­chis­mus Pa­ter La­wi­ckis be­sit­ze.

»’s kann sein; doch, auf­rich­tig ge­sagt, ken­ne ich mei­nes Va­ters Bi­blio­thek zu we­nig. Er lieb­te al­te Bü­cher und Sel­ten­hei­ten, ich aber le­se nur mo­der­ne Bü­cher. Doch wir wol­len nach­se­hen, Herr Pro­fes­sor. Sie wün­schen al­so, wir sol­len das Evan­ge­li­um shmu­disch le­sen ?«

»Mei­nen Sie nicht, Herr Graf, daß ei­ne Über­set­zung der Bi­bel in die Lan­des­spra­che sehr wün­schens­wert wä­re?«

»Si­cher­lich; den­noch, wenn Sie mir ei­ne klei­ne Ein­wen­dung ge­stat­ten wol­len, möch­te ich Ih­nen sa­gen, daß von den Leu­ten, die nur shmu­disch sp­re­chen, kaum ein ein­zi­ger zu le­sen ver­steht.«

»Mag sein; aber ich bit­te Eu­re Ex­zel­lenz [Fuß­no­te] dar­auf auf­merk­sam ma­chen zu dür­fen, daß die größ­te Schwie­rig­keit, das Le­sen zu ler­nen, im Bü­cher­man­gel be­steht, wenn die sa­mo­gi­ti­schen Län­der erst ei­nen ge­druck­ten Text ha­ben, wol­len sie ihn auch le­sen, und wer­den le­sen ler­nen. So ist’s schon bei vie­len wil­den Völ­kern ge­we­sen, … nicht aber, daß ich die­se Be­zeich­nung den hie­si­gen Be­woh­nern ge­gen­über an­wen­den will ….«

»Ist es nicht über­haupt be­kla­gens­wert,« füg­te ich hin­zu, »daß ei­ne Spra­che ver­schwin­det, oh­ne Spu­ren zu hin­ter­las­sen? Seit über drei­ßig Jah­ren ist das preu­ßi­sche ei­ne to­te Spra­che. Die letz­te Per­son, wel­che Cor­nisch sp­re­chen konn­te, ist neu­lich ge­stor­ben…«

»Trau­rig!« un­ter­brach mich der Graf. »Alex­an­der von Hum­boldt er­zähl­te mei­nem Va­ter, in Ame­ri­ka ei­nen Pa­pa­gei ge­se­hen zu ha­ben, der als Ein­zi­ger ei­ni­ge Wör­ter ei­nes durch Blat­tern völ­lig ver­nich­te­ten Stam­mes konn­te. Ge­stat­ten Sie, daß man den Tee hier­her­bringt?«

Wäh­rend wir Tee tran­ken, dreh­te sich die Un­ter­hal­tung um die shmu­di­sche Spra­che.

Der Graf ta­del­te, wie die Deut­schen das Lit­haui­sche ge­druckt ha­ben, und er hat­te Recht.

»Ihr Al­pha­bet,« sag­te er, »paßt nicht für un­se­re Spra­che. Sie ha­ben we­der un­ser J noch un­ser L, noch un­ser Y, noch un­ser E. Ich be­sit­ze ei­ne im ver­gan­ge­nen Jah­re in Kö­nigs­berg ver­öf­fent­lich­te Samm­lung Dai­nos und es kos­tet mich die er­denk­lichs­te Mü­he, die Wor­te zu er­ra­ten, so fremd­ar­tig sind sie ge­schrie­ben.«

»Eu­re Ex­zel­lenz sp­re­chen si­cher­lich von den Leß­ner­schen Dai­nos?«

»Ja; das ist recht plat­te Poe­sie, nicht wahr?«

»Viel­leicht hät­te er Bes­se­res fin­den kön­nen. So wie die Samm­lung vor­liegt, hat sie zu­ge­stan­de­ner­ma­ßen le­dig­lich phi­lo­lo­gi­sches In­ter­es­se; doch, glau­be ich, bei bes­se­rem Su­chen wür­de man schließ­lich sü­ße­re Blü­ten un­ter Ih­ren Volks­dich­tun­gen pflü­cken kön­nen.«

»Ach, trotz all mei­nes Pa­trio­tis­mus‘ zweif­le ich sehr dar­an!«

»Vor ei­ni­gen Wo­chen hat man mir in Kow­no ei­ne wirk­lich schö­ne Bal­la­de ge­schenkt, ei­ne ganz his­to­ri­sche…. Die Dich­tung ist be­mer­kens­wert. wür­den Sie mir ge­stat­ten, sie Ih­nen vor­zu­le­sen? Ich hab‘ sie in mei­ner Brief­ta­sche.«

»Sehr gern!«

Er lehn­te sich, nach­dem er mich um die Er­laub­nis ge­be­ten hat­te, zu rau­chen, tief in sei­nen Ses­sel zu­rück.

»Dich­tung kann ich nur beim Rau­chen ge­nie­ßen,« sag­te er.

»Sie heißt: die drei Söh­ne Bu­drys‘.«

»Die drei Söh­ne Bu­drys ?« rief der Graf mit ei­ner Be­we­gung des Er­stau­nens.

»Ja. Bu­drys ist, wie Eu­re Ex­zel­lenz bes­ser wis­sen als ich, ei­ne his­to­ri­sche Per­sön­lich­keit.«

Mit sei­nem merk­wür­di­gen Bli­cke sah mich der Graf fest an. Et­was Un­er­klär­li­ches, Furcht­sa­mes und Wil­des zu­gleich lag dar­in, das, wenn man nicht dar­an ge­wöhnt war, ei­nen fast pein­li­chen Ein­druck mach­te. Um ihm zu ent­rin­nen, fing ich schnell zu le­sen an.

Die drei Söh­ne Bu­drys.

In sei­nem Schloß­ho­fe ruft der al­te Bu­drys sei­ne drei Söh­ne, drei ech­te Lit­hau­er wie er. Er sagt zu ih­nen:

»Kin­der, las­set eu­re Streitros­se fres­sen, macht eu­re Sät­tel zu­recht; schär­fet eu­re Sä­bel und eu­re klei­nen Wurf­spie­ße. In Wil­na, heißt es, ist der Krieg er­klärt wor­den nach den drei En­den der Welt hin. Ol­gerd soll ge­gen die Rus­sen zie­hen, Skirghel­lo ge­gen un­se­re Nach­barn, die Po­len; Key­s­tut soll über die Teu­to­nen (ge­meint ist der deut­sche Rit­ter­or­den) her­fal­len. Ihr seid jung, tap­fer, kühn, zieht in den Kampf; die Göt­ter Lit­hau­ens mö­gen euch be­schüt­zen! Die­ses Jahr wer­de ich kei­nen Kampf auf mich neh­men; euch aber will ich ei­nen Rat ge­ben: ihr seid drei; drei We­ge tun sich euch auf.

Ei­ner von euch be­glei­te Ol­gerd nach Ruß­land an die Ufer des Il­men­sees, un­ter die Mau­ern Now­go­rods. Her­mel­in­fel­le, ge­wirk­te Stof­fe gibt es dort in Fül­le. Bei den Kauf­herrn so­viel Ru­bel wie Eis­schol­len im Stro­me.

Der zwei­te fol­ge Key­s­tut bei sei­nem Ein­fal­le. In Stü­cke haue er das kreuz­ge­zeich­ne­te Lum­pen­pack! Am­bra ist dort ihr Mee­res­sand; um ih­res Glan­zes und ih­rer Far­be wil­len sind ih­re Stof­fe oh­ne glei­chen. Ru­bi­nen gibt es auf ih­rer Pries­ter Ge­wän­dern.

Der drit­te mö­ge mit Skirghel­lo über den Nie­men zie­hen. Auf dem an­de­ren Ufer wird er elen­des Pflug­ge­rät fin­den. Da­für kann er gu­te Lan­zen, star­ke Schil­de wäh­len und soll mir ei­ne Schwie­ger von dort heim­brin­gen.

Die Töch­ter Po­lens, Kin­der, sind die schöns­ten un­se­rer Ge­fan­ge­nen. Mut­wil­lig wie Kat­zen, weiß wie Rahm! Un­ter ih­ren schwar­zen Brau­en strah­len ih­re Au­gen wie zwei Ster­ne. Als ich jung war, vor ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert, ha­be ich aus Po­len ei­ne schö­ne Ge­fan­ge­ne heim­ge­bracht, die mein Weib wur­de. Seit lan­gem ist sie nicht mehr, ich aber kann nicht nach der Herd­sei­te se­hen, oh­ne ih­rer zu ge­den­ken!«

Sei­nen Se­gen gibt er den jun­gen Leu­ten, die schon ge­wapp­net sind und im Sat­tel. Sie rei­ten ab; der Herbst kommt, dann der Win­ter … Sie keh­ren nicht zu­rück. Schon hält der al­te Bu­drys sie für tot.

Kommt ein Schnee­sturm; ein Rei­ter naht, mit sei­ner schwar­zen Bur­ka ir­gend ei­ne köst­li­che Last be­de­ckend.

»’s ist ein Sack,« sagt Bu­drys. »Ist er voll der Ru­bel Now­go­rods?« …

»Nein, Va­ter. Ich brin­ge euch ei­ne Schwie­ger aus Po­len.«

In­mit­ten ei­nes Schnee­sturms nä­hert sich ein Rei­ter und sei­ne Bur­ka bläht sich über ei­ner köst­li­chen Last.

»Was ist’s, Kind? Bern­stein Deutsch­lands?«

»Nein, Va­ter. Ich brin­ge Euch ei­ne Schwie­ger aus Po­len.«

Der Schnee treibt im Win­de; ein Rei­ter nä­hert sich, un­ter sei­ner Bur­ka ei­ne köst­li­che Last ber­gend … Be­vor er sei­ne Beu­te noch ge­zeigt, hat Bu­drys sei­ne Freun­de zu ei­ner drit­ten Hoch­zeit ge­la­den.«

»Bra­vo, Herr Pro­fes­sor,« rief der Graf, »pracht­voll sp­re­chen Sie shmu­disch. Wer aber hat Ih­nen die­se hüb­sche Dai­na mit­ge­teilt?«

»Ei­ne jun­ge Da­me, die ich die Eh­re ge­habt ha­be, in Wil­na bei der Fürs­tin Ka­ta­zy­na Pac ken­nen ge­lernt zu ha­ben.«

»Und sie hieß?«

»Die Pan­na Iwins­ka.«

»Fräu­lein Jul­ka,« rief der Graf. »Die klei­ne När­rin. Ich hätt’s er­ra­ten müs­sen! Mein lie­ber Pro­fes­sor, Sie ver­ste­hen shmu­disch und al­le ge­lehr­ten Spra­chen, Sie ha­ben al­le al­ten Bü­cher ge­le­sen; ha­ben sich aber von ei­nem klei­nen Mäd­chen an­füh­ren las­sen, das nur Ro­ma­ne ge­le­sen hat. Mehr oder min­der kor­rekt hat sie ei­ne der hüb­schen klei­nen Bal­la­den von Mi­ckie­wicz, die Sie nicht ge­le­sen ha­ben, weil sie nicht viel äl­ter ist als ich, ins Shmu­di­sche über­setzt. Wenn Sie’s wün­schen, will ich sie Ih­nen pol­nisch zei­gen, oder wenn Sie ei­ne aus­ge­zeich­ne­te rus­si­sche Über­tra­gung vor­zie­hen soll­ten, will ich Ih­nen Pusch­kin ge­ben.«

Ich muß ge­stehn, ganz be­stürzt saß ich da. Was für ei­ne Freu­de für den Dor­pa­ter Pro­fes­sor, wenn ich die Dai­na der Söh­ne Bu­drys‘ als Ori­gi­nal ver­öf­fent­licht hät­te!

Statt sich über mei­ne Ver­wir­rung zu amü­sie­ren, be­eil­te sich der Graf mit aus­ge­such­ter Höf­lich­keit, die Un­ter­hal­tung auf ein an­de­res Ge­biet zu len­ken.

»Al­so,« sag­te er, »Sie ken­nen Fräu­lein Jul­ka?«

»Ich hat­te die Eh­re, ihr, vor­ge­stellt zu wer­den.«

»Und was hal­ten Sie von ihr? Sei­en Sie ehr­lich.«

»Sie ist ein sehr lie­bens­wür­di­ges jun­ges Mäd­chen.«

»Das sa­gen Sie nur so.«

»Sie ist sehr hübsch.«

»Wie! Hat sie nicht die schöns­ten Au­gen von der Welt?«

»Ja…«

»Ei­ne wirk­lich un­ge­wöhn­lich wei­ße Haut­far­be? Ich er­in­ne­re mich ei­ner per­si­schen Gha­se­le, wor­in ein Lieb­ha­ber sei­ner Liebs­ten sei­ne Haut fei­ert:

»Wenn sie ro­ten Wein trinkt, sagt er, sieht man ihn durch ih­re Keh­le rin­nen.«

Bei der Pan­na Iwins­ka muß­te ich an die­se per­si­schen Ver­se den­ken.« »Viel­leicht sieht man dies Phä­no­men bei Fräu­lein Jul­ka; ob sie aber Blut in den Adern hat, weiß ich nicht ge­nau… Sie hat kein Herz… Weiß ist sie wie Schnee, aber auch so kalt wie er!« …

Er stand auf und ging ei­ni­ge Zeit wort­los im Zim­mer um­her, wie mir schien, um sei­ne Er­re­gung zu ver­ber­gen; dann blieb er plötz­lich stehn und sag­te:

»Ver­zei­hung, wir spra­chen, glaub ich, von Volks­dich­tun­gen …«

»Ge­wiß, Herr Graf.«

»Nach al­lem muß man zu­ge­ben, daß sie Mi­ckie­wicz hübsch über­setzt hat…

»Mut­wil­lig wie ei­ne Kat­ze. Wie Rahm so weiß …ih­re Au­gen fun­keln wie zwei Ster­ne…« Das ist ihr Por­trät. Fin­den Sie nicht?«

»Ge­wiß, Herr Graf.«

»Und was die Eu­len­spie­ge­lei an­langt … die zwei­fels­oh­ne durch­aus un­an­ge­bracht ist, … das ar­me Kind lang­weilt sich bei ei­ner al­ten Tan­te… Sie führt ein Klos­ter­le­ben.«

»In Wil­na ging sie un­ter die Leu­te. Ha­be sie auf ei­nem Bal­le ge­sehn, der von den Of­fi­zie­ren ver­an­stal­tet wur­de, vom Re­gi­ment …«

»Ach, ja, jun­ge Of­fi­zie­re, das ist für sie die rech­te Ge­sell­schaft! Mit ei­nem la­chen, mit dem an­de­ren spot­ten, mit al­len her­um­ko­tet­tie­ren … Wol­len Sie mei­nes Va­ters Bi­blio­thek sehn, Herr Pro­fes­sor?«

Ich folg­te ihm in ei­ne gro­ße Ga­le­rie, wo es sehr vie­le schön­ge­bun­de­ne Bü­cher gab, die aber, wie sich aus dem Stau­be schlie­ßen ließ, der auf den Schnit­ten lag, sel­ten auf­ge­sch­la­gen wur­den. Man kann sich mei­ne Freu­de den­ken, als ei­ner der ers­ten Bän­de, die ich aus ei­nem Schran­ke nahm, der Ca­te­chis­mus Sa­mo­gi­ti­cus war! Ich konn­te ei­nen Freu­den­ruf nicht un­ter­drü­cken. Ei­ne ge­wis­se ge­heim­nis­vol­le An­zie­hungs­kraft muß, uns un­be­wußt, ih­ren Ein­fluß gel­tend ma­chen … Der Graf nahm das Buch, und nach­dem er ober­fläch­lich dar­in ge­blät­tert hat­te, schrieb er auf den Schutz­um­schlag: Herrn Pro­fes­sor Wit­tem­bach ge­wid­met von Mi­cha­el Sze­mioth. Mei­ne über­schweng­li­che Dan­kes­freu­de wüß­te ich hier nicht wie­der­zu­ge­ben. In­ner­lich ver­sprach ich mir, das kost­ba­re Buch sol­le nach mei­nem To­de ei­ne Zier­de der Uni­ver­si­tät wer­den, an wel­cher ich pro­mo­viert hat­te.

»Wol­len Sie die­se Bi­blio­thek bit­te als ihr Ar­beits­zim­mer an­se­hen,« frag­te der Graf, »nie sol­len Sie drin ge­stört wer­den.«

III.

Fol­gen­den Mor­gens nach­dem Früh­stück schlug mir der Graf ei­nen Spa­zier­gang vor. Es han­del­te sich um den Be­such ei­nes Ka­pas (so nen­nen die Lit­hau­er die Grab­hü­gel, wel­che bei den Rus­sen Kur­gan hei­ßen), der sehr be­rühmt im Lan­de war, weil sich Dich­ter und Zau­be­rer, die bei­des in ei­nem wa­ren, dort bei fei­er­li­chen An­läs­sen zu­sam­men­fan­den.

»Ich kann Ih­nen,« sag­te er zu mir, »ein lamm­from­mes Pferd an­bie­ten; lei­der kann ich Sie nicht in der Kut­sche hin­brin­gen; denn wahr­lich ist der Weg, den wir ein­sch­la­gen müs­sen, nicht fahr­bar.« Lie­ber wär‘ ich zum No­ti­zen­ma­chen in der Bi­blio­thek ge­blie­ben, glaub­te aber kei­nen an­de­ren Wunsch wie den mei­nes Wir­tes äu­ßern zu dür­fen und wil­lig­te ein. Un­ten an der Frei­trep­pe harr­ten un­ser die Pfer­de; im Ho­fe hielt ein Die­ner ei­nen Hund an der Lei­ne. Der Graf blieb ei­nen Mo­ment ste­hen und wand­te sich an mich:

»Ken­nen Sie sich in Hun­den aus, Herr Pro­fes­sor?«

»Sehr we­nig, Eu­er Ex­zel­lenz.«

»Der Sta­rost von Zor­a­ny, wo ich ei­ne Be­sit­zung ha­be, schickt mir den Wach­tel­hund hier, von dem er mir Wun­der­din­ge er­zählt. Ge­stat­ten Sie, daß ich ihn mir an­schaue?«

Er rief den Die­ner, der ihm den Hund brach­te. Es war ein sehr schö­nes Tier. Der Hund hat­te sich be­reits an den Mann ge­wöhnt, sprang mun­ter her­um und schien vol­ler Feu­er; we­ni­ge Schrit­te vor dem Gra­fen aber steck­te er den Schwanz zwi­schen die Bei­ne, stemm­te sich zu­rück und schien von plötz­li­chem Schre­cken ge­packt. Der Graf strei­chel­te ihn, wes­we­gen er jäm­mer­lich heul­te, und nach­dem Sze­mioth ihn ei­ne Wei­le mit Ken­ner­au­gen be­trach­tet hat­te, sag­te er:

»Er wird, glau­be ich, gut sein. Man soll für ihn sor­gen!«

Dann schwang er sich in den Sat­tel.

»Herr Pro­fes­sor,« sag­te der Graf, als wir in der Schloß­al­lee wa­ren, »Sie ha­ben eben die Angst die­ses Hun­des ge­se­hen. Ich woll­te, daß Sie sel­ber Zeu­ge da­von wä­ren … In Ih­rer Ei­gen­schaft als Ge­lehr­ter kön­nen Sie doch Rät­sel er­klä­ren … Wa­rum ha­ben Tie­re Angst vor mir?«

»Wahr­lich, Herr Graf, Sie er­wei­sen mir die Eh­re, mich für ei­nen Ödi­pus zu hal­ten. Ich bin nur ein ar­mer Pro­fes­sor der ver­glei­chen­den Sprach­wis­sen­schaf­ten. Es könn­te sein …«

»Be­mer­ken Sie,« un­ter­brach er, »daß ich we­der Pfer­de noch Hun­de je­mals sch­la­ge. Ein Ge­wis­sen würd‘ ich mir draus ma­chen, ei­nem ar­men Tie­re, das ah­nungs­los ei­ne Dumm­heit be­geht, ei­nen Peit­schen­hieb zu ver­set­zen. Den­noch kön­nen Sie sich nicht den­ken, was für ei­ne Ab­nei­gung ich Pfer­den und Hun­den ein­flö­ße. Um sie an mich zu ge­wöh­nen, hab‘ ich dop­pelt so­viel Mü­he und dop­pelt so­viel Zeit nö­tig, wie ein an­de­rer da­zu braucht. Se­hen Sie, das Pferd, auf dem Sie sit­zen, hab‘ ich erst lan­ge bän­di­gen müs­sen; jetzt ist’s lamm­fromm.«

»Die Tie­re, Herr Graf, sind, glaub ich, Phy­sio­gno­mi­ker, und füh­len so­fort her­aus, ob die Per­son, die sie zum ers­ten Ma­le se­hen, Sinn für sie hat oder nicht, ver­mut­lich lie­ben Sie die Tie­re nur der Di­ens­te we­gen, die sie für Sie leis­ten; man­che Leu­te sind be­stimm­ten Tie­ren ge­gen­über von Na­tur aus par­tei­isch und die ha­ben das so­fort her­aus. Ich zum Bei­spiel ha­be seit Kin­der­zeit ei­ne in­stink­ti­ve Vor­lie­be für Kat­zen. Sel­ten lau­fen sie da­von, wenn ich mich ih­nen zum Strei­cheln nä­he­re; nie hat mich ei­ne Kat­ze ge­kratzt.«

»Das ist sehr mög­lich,« sag­te der Graf. »Tat­säch­lich hab‘ ich nicht, was man Sinn für Tie­re nennt … Sie tau­gen nicht viel mehr als die Men­schen… Ich füh­re Sie, Herr Pro­fes­sor, in ei­nen Wald, wo heut noch das Reich der Tie­re, die Ma­tecz­nik, die gro­ße Ur­form, die gro­ße Werk­statt der We­sen, be­steht. Ja, un­se­ren na­tio­na­len Über­lie­fe­run­gen ge­mäß hat nie­mand sei­ne Tie­fen er­grün­det. Nie­mand, die Her­ren Dich­ter und Zau­be­rer na­tür­lich aus­ge­nom­men, die über­all hin­kom­men, hat den Mit­tel­punkt die­ser Wäl­der und Sümp­fe zu er­rei­chen ver­mocht. Hier le­ben die Tie­re in ei­ner Re­pu­blik… oder un­ter ei­ner ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Herr­schaft; un­ter wel­cher von bei­den, wüßt‘ ich nicht zu sa­gen. Lö­wen, Bä­ren, El­en­tie­re, Ju­brs, das sind un­se­re Au­er­och­sen, all das kommt präch­tig mit­sam­men aus. Das Mam­mut, wel­ches sich hier noch er­hal­ten hat, ge­nießt höchs­tes An­se­hen. Es ist, glaub‘ ich, Adels­mar­schall. Sie ha­ben ei­ne gar stren­ge Po­li­zei, und wenn sie ir­gend ein Tier las­ter­haft fin­den, ver­ur­tei­len und ver­ban­nen sie’s. Es ge­rät dann vom Re­gen in die Trau­fe und muß im Lan­de der Men­schen aben­teu­ern, we­ni­ge über­ste­hen das.« [Fuß­no­te]

»Ei­ne sehr merk­wür­di­ge Le­gen­de,« rief ich. Doch Sie re­den von Au­er­och­sen, Herr Graf; gibt’s das ed­le Tier, das Cae­sar in sei­nen Kom­men­ta­ren schil­dert, und das die Me­ro­win­ger­kö­ni­ge im Wal­de bei Compiègne jag­ten, wie man durch Hö­ren­sa­gen weiß, wirk­lich noch in Lit­hau­en?«

»Ganz ge­wiß. Mein Va­ter sel­ber hat, mit Re­gie­rungs­er­laub­nis na­tür­lich, ei­nen Jubr ge­tö­tet. Im gro­ßen Saa­le ha­ben Sie sei­nen Kopf se­hen kön­nen. Ich sel­ber hab‘ nie ei­nen ge­sehn; Ju­brs sind, glaub‘ ich, sehr sel­ten. Da­ge­gen ha­ben wir Wöl­fe und Bä­ren in Hül­le und Fül­le hier. Um ei­ner et­wai­gen Be­geg­nung mit ei­nem die­ser Bur­schen wil­len hab‘ ich dies In­stru­ment mit­ge­nom­men (er wies auf ei­ne tscher­kes­si­sche Tschek­hol hin, die er über die Schul­ter trug) und mein Reit­knecht hat ei­nen dop­pel­läu­fi­gen Ka­ra­bi­ner am Sat­tel hän­gen.«

Wir fin­gen an, es mit dem Wal­de auf­zu­neh­men. Bald ver­schwand der Pfad, den wir ver­folg­ten, voll­ends. Je­den Au­gen­blick wa­ren wir ge­nö­tigt, uns um un­ge­heu­re Bäu­me her­um­zu­drän­gen, de­ren nied­ri­ge Zwei­ge uns den Weg ver­sperr­ten. Ei­ni­ge vor Al­ter ab­ge­stor­be­ne und um­ge­stürz­te stell­ten sich uns wie ein un­über­schreit­ba­rer, von spa­ni­schen Rei­tern be­krön­ter Wall ent­ge­gen. An­ders­wo stie­ßen wir auf tie­fe, mit Nym­phae­en und Was­ser­lin­sen über­zo­ge­ne La­chen. In wei­te­rer Ent­fer­nung sa­hen wir Lich­tun­gen, de­ren Grün wie Sma­rag­de glänz­te; we­he dem aber, der sich dort­hin ge­wagt hät­te, denn solch ei­ne rei­che und trü­ge­ri­sche Ve­ge­ta­ti­on ver­birgt ge­wöhn­lich Mo­rast­schlün­de, wor­in Roß und Rei­ter für im­mer ver­schwin­den … Die Weg­schwie­rig­kei­ten hat­ten un­se­re Un­ter­hal­tung un­ter­bro­chen. All mei­ne Mü­hen setz­te ich dar­an, um dem Gra­fen zu fol­gen; und ich be­wun­der­te die un­be­irr­ba­re Si­cher­heit, mit wel­cher er sich oh­ne Kompaß zu­recht- und im­mer wie­der die mut­maß­li­che Rich­tung fand, die man ein­hal­ten muß­te, um nach dem Ka­pas zu ge­lan­gen. Au­gen­schein­lich hat­te er in die­sen Ur­wäl­dern viel ge­jagt.

End­lich er­blick­ten wir den Grab­hü­gel in­mit­ten ei­ner wei­ten Lich­tung. Er war stark er­höht und von ei­nem Gra­ben um­ge­ben, der trotz Ge­strüpp und Ge­röll noch gut er­kenn­bar war. An­schei­nend hat­te man ihn be­reits durch­wühlt. Oben­drauf be­merk­te ich die Res­te ei­nes Ge­mäu­ers aus Stei­nen, von de­nen ei­ni­ge ge­brannt wa­ren. Ei­ne an­sehn­li­che Men­ge mit Koh­le ver­misch­ter Aschen­res­te und da und dort Scher­ben gro­ben ir­de­nen Ge­schirrs be­wie­sen, daß man oben auf dem Grab­hü­gel ei­ne ge­rau­me Zeit lang Feu­er un­ter­hal­ten hat­te. Wenn man den Volks­über­lie­fe­run­gen Glau­ben schenkt, sind auf den Ka­pas frü­her Men­schen­op­fer dar­ge­bracht wor­den; doch gibt es nicht ei­ne er­lo­sche­ne Re­li­gi­on, der man solch schänd­li­che Bräu­che nicht zu­ge­schrie­ben hat, und ich zweif­le, daß man hin­sicht­lich der al­ten Lit­hau­er ei­ne der­ar­ti­ge Mei­nung durch his­to­ri­sche Be­wei­se recht­fer­ti­gen kann.

Wir, der Graf und ich, stie­gen von dem Grab­hü­gel hin­un­ter, um un­se­re Pfer­de, die wir auf der an­de­ren Gra­bens­ei­te ge­las­sen hat­ten, wie­der zu er­rei­chen, als wir ein al­tes Weib auf uns zu­kom­men sa­hen, die sich auf ei­nen Ste­cken stütz­te und ei­nen Korb in der Hand trug.

»Lie­be ed­le Her­ren,« sag­te sie, als sie auf uns stieß, »Um des lie­ben Got­tes wil­len, er­barmt euch mei­ner. Schenkt mir was für ein Glas Schnaps, um mei­nen ar­men Leib zu er­wär­men.«

Der Graf warf ihr ein Geld­stück hin und frag­te sie, was sie im Wal­de, so­weit fort von je­dem be­wohn­ten Or­te, tue. Statt ei­ner Ant­wort wies sie ihm ih­ren Korb, der mit Pil­zen ge­füllt war. Wie­wohl mei­ne bo­ta­ni­schen Kennt­nis­se be­grenzt sind, schien es mir, als ob meh­re­re die­ser Schwäm­me zu den gif­ti­gen Ar­ten ge­hör­ten.

»Lie­be Frau,« sag­te ich zu ihr, »Ihr wollt das hof­fent­lich nicht es­sen?«

»Gu­ter ed­ler Herr,« ant­wor­te­te die Al­te mit trau­ri­gem Lä­cheln, »die ar­men Leu­te es­sen al­les, was der lie­be Gott ih­nen schenkt.«

»Sie ken­nen un­se­re lit­haui­schen Mä­gen nicht,« sag­te der Graf; »die sind mit Blech ge­füt­tert. Un­se­re Bau­ern es­sen al­le Pil­ze, die sie fin­den, und es geht ih­nen nur im­mer bes­ser.«

»Hin­dern Sie sie we­nigs­tens, den Aga­ri­cus ne­ca­tor zu es­sen, den ich in ih­rem Kor­de se­he,« rief ich.

Und ich streck­te die Hand aus, um ei­nen der gif­tigs­ten Pil­ze zu neh­men; doch zog die Al­te schnell den Korb zu­rück.

»Nimm Dich in acht,« sag­te sie er­schreckt, »sie sind be­wacht … Pir­kuns! Pir­kuns!«

Pir­kuns ist ne­ben­bei be­merkt der sa­mo­gi­ti­sche Na­me der Gott­heit, wel­che die Rus­sen Peun nen­nen: der Ju­pi­ter ton­ans der Sla­ven. War ich über­rascht, die Al­te ei­nen heid­ni­schen Gott an­ru­fen zu hö­ren, so war ich’s noch mehr, als ich die Pil­ze sich be­we­gen sah. Ein schwar­zer Schlan­gen­kopf kam her­vor und rich­te­te sich min­des­tens ei­nen Fuß hoch im Kor­be auf. Ich fuhr zu­rück und der Graf spie, ei­nem sla­vi­schen Aber­glau­ben ge­mäß, über die Schul­ter. Nach der al­ten Rö­mer Bei­spie­le meint man bö­se Zau­ber da­mit ab­zu­wen­den. Die Al­te setz­te den Korb auf die Er­de, kau­er­te sich da­ne­ben; dann streck­te sie die Hän­de nach der Schlan­ge hin aus und rief et­wel­che un­ver­ständ­li­che Wor­te, die nach Be­schwö­rung klan­gen. Ei­ne Mi­nu­te ver­harr­te die Schlan­ge un­be­weg­lich; dann schlän­gel­te sie sich um der Al­ten fleisch­lo­sen Arm und ver­schwand im Är­mel ih­res Schaf­pelz­man­tels, der mit ei­nem dürf­ti­gen Hem­de, glaub ich, den gan­zen An­zug die­ser lit­haui­schen Cir­ce aus­mach­te. Die Al­te sah uns mit ei­nem lei­sen, tri­um­phie­ren­den Lä­cheln wie ein Ta­schen­spie­ler an, der gra­de ein schwie­ri­ges Kunst­stück aus­ge­führt hat.

Auf ih­rer Phy­sio­gno­mie stand je­ne Mi­schung von Schlau­heit und Dumm­heit ge­schrie­ben, die bei an­geb­li­chen Zau­be­rern, die größ­ten­teils Nar­ren und Schel­me zu­gleich sind, nicht sel­ten zu fin­den ist.

»Hier,« sag­te der Graf deutsch zu mir, »ha­ben Sie ein Mus­ter von Lo­kal­far­be; ei­ne He­xe, die un­ten an ei­nem Ka­pas in Ge­gen­wart ei­nes ge­lehr­ten Pro­fes­sors und ei­nes un­wis­sen­den lit­haui­schen Edel­manns ei­ne Schlan­ge be­schwört. Das wür­de für Ih­ren Lands­mann Knaus ein hüb­scher Vor­wurf für ein Gen­re­bild sein… Ha­ben Sie Lust, sich wahr­sa­gen zu las­sen? Schö­ne Ge­le­gen­heit ha­ben Sie hier.«

Ich ant­wor­te­te, daß ich mich wohl hü­ten wür­de, der­ar­ti­ge Fer­tig­kei­ten zu för­dern.

»Lie­ber,« füg­te ich hin­zu, »würd‘ ich sie fra­gen, ob sie nicht et­was Nä­he­res über die selt­sa­me Über­lie­fe­rung weiß, von der Sie mir er­zählt ha­ben!«

»Lie­be Frau,« sag­te ich zur Al­ten, »hast Du nicht von ei­nem Be­zir­ke in die­sem Wal­de sp­re­chen hö­ren, wo die wil­den Tie­re, oh­ne des Men­schen Herr­schaft zu ken­nen, in Ge­mein­schaft le­ben?«

Die Al­te nick­te be­ja­hend mit dem Kop­fe und sag­te mit ih­rem halb­dum­men, halb­schlau­en, lei­sen Lä­cheln:

»Von dort komm ich her. Die Tie­re ha­ben ih­ren Kö­nig ver­lo­ren. No­bel, der Lö­we, ist tot; die Tie­re wol­len ei­nen an­de­ren Kö­nig wäh­len. Geh hin, Du wirst viel­leicht Kö­nig wer­den!«

»Was sagst Du da, Mut­ter?« rief der Graf, in, ein Ge­läch­ter aus­bre­chend, »Weißt Du auch, mit wem Du re­dest? Du weißt al­so nicht, daß der Herr ein… (wie zum Teu­fel heißt Pro­fes­sor auf Shmu­disch?) der Herr ein gro­ßer Ge­lehr­ter, »in Wei­ser, ein Wai­de­lot ist?« [Si­al­elst­wo, Eu­er licht­vol­ler Glanz; der Ti­tel, den man ei­nem Gra­fen gibt.]

Die Al­te sah ihn auf­merk­sam an.

»Ich hab‘ Un­recht,« sag­te sie; »Du mußt da hin­un­ter gehn. Du wirst ihr Kö­nig sein, nicht er; Du bist groß, Du bist stark, Du hast Klau­en und Zäh­ne« …

»Was sa­gen Sie zu den Epi­gram­men, die sie auf uns ab­schießt?« sag­te der Graf zu mir. – »Du kennst den Weg, Müt­ter­chen?« frag­te er sie.

Sie wies ihm mit der Hand ei­nen Teil des Wal­des.

»Ja­wohl!« fuhr der Graf fort. »Und der Sumpf, wie kommst Du denn über den?«

»Sie müs­sen wis­sen, Herr Pro­fes­sor, daß auf der von ihr be­zeich­ne­ten Sei­te ein un­über­schreit­ba­rer Sumpf ist, ein flüs­si­ger Schlamm­see, der mit ei­ner grü­nen Pflan­zen­de­cke über­zo­gen ist. Im letz­ten Jah­re hat sich ein von mir an­ge­schos­se­ner Hirsch in dies Teu­fels­moor ge­stürzt. Ich hab ihn lang­sam, lang­sam ver­sin­ken se­hen… Nach zwei Mi­nu­ten sah ich nur noch sein Ge­weih; bald ist er ganz ver­schwun­den, und zwei mei­ner Hun­de mit ihm.«

»Ich aber, ich bin nicht schwer,« sag­te die Al­te hohn­lä­chelnd.

»Du über­schrei­test den Sumpf mü­he­los, glaub ich, auf ei­nem Be­sen­stiel.«

Ein Zorn blitz­te in den Au­gen der Al­ten.

»Gu­ter ed­ler Herr,« sag­te sie, den schlep­pen­den und nä­seln­den Bett­ler­ton wie­der auf­neh­mend, »soll­test Du nicht ei­ne Pfei­fe Ta­bak ei­nem al­ten Wei­be zu schen­ken ha­ben? – Bes­ser wür­dest Du,« füg­te sie, die Stim­me sen­kend, hin­zu, »den Weg übers Moor su­chen, als nach Dow­giel­ly zu gehn.«

»Dow­giel­ly!« rief der Graf er­rö­tend, »Was willst Du da­mit sa­gen?«

Un­be­dingt muß­te ich be­mer­ken, daß dies Wort ei­nen selt­sa­men Ein­druck auf ihn mach­te. Sicht­lich war er ver­wirrt; er senk­te den Kopf und be­schäf­tig­te sich, um sei­ne Ver­le­gen­heit zu ver­ber­gen, an­ge­le­gent­lichst mit dem Öff­nen sei­nes am Griff des Jagd­mes­sers hän­gen­den Ta­bak­beu­tels.

»Nein, geh nicht nach Dow­giel­ly,« fuhr die Al­te fort. »Das wei­ße Täub­chen ist nicht Dein Fall.– Nicht wahr, Pir­kuns?«

In die­sem Au­gen­bli­cke kam der Schlan­gen­kopf aus dem Hals­aus­schnitt des al­ten Man­tels her­vor und streck­te sich bis an sei­ner Her­rin Ohr. Das zwei­fels­oh­ne da­zu ab­ge­rich­te­te Rep­til be­weg­te die Kinn­la­den, wie wenn es sprä­che.

»Er sagt, daß ich Recht ha­be,« füg­te die Al­te hin­zu.

Der Graf gab ihr ei­ne Hand voll Ta­bak.

»Du kennst mich ?« frag­te er.

»Nein, mein gu­ter Herr.«

»Ich bin der Be­sit­zer von Med­in­til­tas. Such mich an ei­nem die­ser Ta­ge auf. Ta­bak und Brannt­wein will ich Dir schen­ken.«

Die Al­te küß­te ihm die Hand und ent­fern­te sich mit gro­ßen Schrit­ten. Im Nu hat­ten wir sie aus den Au­gen ver­lo­ren, der Graf blieb nach­denk­lich, mach­te sei­nen Beu­tel auf und zu, oh­ne recht zu wis­sen, was er tat.

»Herr Pro­fes­sor,« sag­te er nach ei­nem ziem­lich lan­gen Schwei­gen zu mir, »Sie wer­den sich über mich lus­tig ma­chen. Die schnur­ri­ge Al­te kennt mich bes­ser, als sie zu­gibt, und den Weg, den sie mir eben zeigt… Al­les in al­lem ist nichts Er­staun­li­ches an al­le­dem. Wie’n bun­ter Hund bin ich im Land be­kannt. Die Schel­min hat mich mehr als ein­mal auf dem We­ge nach dem Schlos­se von Dow­giel­ly ge­sehn … ’s gibt da ei­ne hei­rats­fä­hi­ge jun­ge Da­me: dar­aus hat sie ge­schlos­sen, daß ich ver­liebt in sie sei … Ir­gend ein hüb­scher Jun­ge wird ihr or­dent­lich was in die Hand ge­steckt ha­ben, da­mit sie mir ein bö­ses Aben­teu­er an­zei­ge… All das springt in die Au­gen; den­noch … be­rüh­ren mich ih­re Wor­te ge­gen mei­nen Wil­len selt­sam. Fast bin ich dar­über er­schreckt… Sie la­chen und ha­ben Recht. Wahr­heit ist, daß ich ge­plant hat­te, uns in Schloß Dow­giel­ly zum Es­sen ein­la­den zu las­sen, und nun schwan­ke ich… Bin ein gro­ßer Narr! Nun, Herr Pro­fes­sor, ent­schei­den Sie sel­ber. Sol­len wir hin­gehn?«

»Ich werd‘ mich wohl hü­ten, ei­ne An­sicht zu äu­ßern,« ant­wor­te­te ich la­chend. »In Hei­rats­an­ge­le­gen­hei­ten geb‘ ich nim­mer ei­nen Rat!«

Wir hat­ten un­se­re Pfer­de er­reicht. Leicht schwang der Graf sich in den Sat­tel und, die Zü­gel fal­len las­send, rief er:

»Das Pferd soll für uns wäh­len!«

Das Pferd zau­der­te nicht; so­fort bog es in ei­nen klei­nen Saum­pfad ein, der nach meh­re­ren Bie­gun­gen in ei­ne fes­te Stra­ße mün­de­te, und die­se Stra­ße führ­te nach Dow­giel­ly. Ei­ne hal­be Stun­de spä­ter wa­ren wir an der Schloß­frei­trep­pe.

Beim Ge­trap­pel un­se­rer Pfer­de zeig­te sich ein hüb­scher Blond­kopf zwi­schen zwei Vor­hän­gen an ei­nem Fens­ter. Ich er­kann­te die ruch­lo­se Mi­ckie­wicz­über­set­ze­rin.

»Sei­en Sie will­kom­men!« rief sie. »Nicht ge­le­ge­ner könn­ten Sie kom­men, Graf Sze­mioth. Im Au­gen­blick hab ich ein Pa­ri­ser Kleid ge­kriegt. Nicht wie­der­er­ken­nen sol­len Sie mich, so schön werd‘ ich sein.«

Die Vor­hän­ge schlos­sen sich. Beim Trep­pen­stei­gen mur­mel­te der Graf zwi­schen den Zäh­nen:

»Si­cher­lich zieht sie das Kleid nicht für mich zum ers­ten Ma­le an …«

Er stell­te mich Frau Dow­giel­lo vor, Pan­na Iwins­kas Tan­te, die mich lie­bens­wür­dig auf­nahm und mir von mei­nen letz­ten Ar­ti­keln in der Kö­nigs­ber­gi­schen Zeit­schrift für Li­te­ra­tur und Wis­sen­schaf­ten sprach.

»Der Herr Pro­fes­sor,« sag­te der Graf, »will sich bei Ih­nen über Fräu­lein Jul­chen be­kla­gen, die ihm ei­nen recht schänd­li­chen Streich ge­spielt hat.«

»Sie ist ein Kind, Herr Pro­fes­sor. Man muß ihr ver­zei­hen. Oft bringt sie mich mit ih­ren Narr­hei­ten in Ver­zweif­lung. Mit sech­zehn Jah­ren war ich viel ver­nünf­ti­ger als sie mit zwan­zig. Im Grun­de aber ist sie ein gu­tes Mäd­chen und be­sitzt die bes­ten Ei­gen­schaf­ten. Sie ist ei­ne sehr gu­te Mu­si­ke­rin, malt himm­li­sche Blu­men, spricht deutsch, fran­zö­sisch und ita­lie­nisch gleich gut…. Sie stickt…«

»Und macht shmu­di­sche Ver­se!« füg­te der Graf la­chend hin­zu.

»Da­zu ist sie nicht im­stan­de!« rief Frau Dow­giel­lo, die sich dann ih­rer Nich­te Eu­len­spie­ge­lei aus­ein­an­der­set­zen ließ.

Frau Dow­giel­lo war un­ter­rich­tet und kann­te ih­rer Hei­mat Al­ter­tü­mer. Ih­re Un­ter­hal­tung ge­fiel mir aus­neh­mend gut. Sie las vie­le un­se­rer deut­schen Zeit­schrif­ten und hat­te sehr ge­sun­de An­sich­ten über Sprach­wis­sen­schaft. Zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen merk­te ich nicht, wie­viel Zeit Fräu­lein Iwins­ka zum An­zie­hen ge­brauch­te; sehr lan­ge aber schien das dem Gra­fen Sze­mioth zu dau­ern, der auf­stand, sich wie­der setz­te, aus dem Fens­ter schau­te und mit sei­nen Fin­gern, wie ei­ner, der die Ge­duld ver­liert, ge­gen die Glas­schei­ben trom­mel­te.

Nach drei­vier­tel Stun­den, end­lich, er­schien in Be­glei­tung ih­rer fran­zö­si­schen Ge­sell­schaf­te­rin Fräu­lein Jul­chen, vol­ler An­mut und Stolz ein Kleid tra­gend, des­sen Be­schrei­bung viel über­le­ge­ne­re Kennt­nis­se als mei­ne er­for­dern wür­de.

»Bin ich nicht schön?« frag­te sie den Gra­fen, sich lang­sam um sich sel­ber dre­hend, da­mit er sie von al­len Sei­ten be­schau­en konn­te.

Sie sah we­der den Gra­fen noch mich an, sie schau­te auf ihr Kleid.

»Wie, Jut­ta,« sag­te Frau Dow­giel­lo, »Du sagst dem Herrn Pro­fes­sor, der sich über dich be­klagt, nicht gu­ten Tag?«

»Ach! Herr Pro­fes­sor!« rief sie mit ei­nem rei­zen­den Mäul­chen, »was hab ich denn ge­tan? Wol­len Sie mich zur Stra­fe nach­sit­zen las­sen?«

»Wir wür­den uns sel­ber stra­fen, mein gnä­di­ges Fräu­lein,« sag­te ich, »wenn wir uns Ih­rer An­we­sen­heit be­raub­ten. Ich den­ke nicht dran, mich zu be­kla­gen, be­glück­wün­sche mich im Ge­gen­teil da­zu, durch Sie er­fah­ren zu ha­ben, daß die lit­haui­sche Mu­se strah­len­der denn je wie­der­er­stan­den ist.«

Sie senk­te den Kopf, und ih­re Hän­de vors Ge­sicht le­gend, doch da­bei dar­auf ach­tend, daß ih­re Haa­re nicht in Un­ord­nung ge­rie­ten, sag­te, sie mit dem To­ne ei­nes Kin­des, das gra­de Ein­ge­mach­tes ge­nascht hat:

»Ver­zei­hen Sie mir, ich will’s nicht wie­der tun!«

»Ich werd‘ Ih­nen nur dann ver­zei­hen, lie­be Pa­ni, wenn Sie ein ge­wis­ses Ver­sp­re­chen er­füllt ha­ben wer­den, das Sie mir in Ih­rer Gü­te in Wil­na bei der Fürs­tin Ka­ta­zy­na Pac ga­ben.«

»Was für ein Ver­sp­re­chen?« frag­te sie und hob lä­chelnd den Kopf.

»Schon ha­ben Sie’s ver­ges­sen? Sie ha­ben mir ver­spro­chen, mir, wenn wir uns in Sa­mo­gi­ti­en be­geg­nen soll­ten, ei­nen be­stimm­ten hei­mi­schen Tanz zu zei­gen, von dem man Wun­der­din­ge er­zählt.«

»Oh, die Rus­sal­ka! Hin­rei­ßend bin ich in ihr, und da ist just der Mann, den ich brau­che.«

Sie lief an ei­nen Tisch, wo Mu­si­ka­li­en la­gen, blät­ter­te schnell in ei­nem Hef­te her­um, stell­te es auf das Pult ei­nes Pia­nos und wand­te sich an ih­re Ge­sell­schaf­te­rin:

»Bit­te, lie­bes Herz, al­le­gro pres­to.«

Und sie spiel­te selbst, oh­ne sich zu set­zen, das Ri­tor­nell, um das Tem­po an­zu­ge­ben.

»Hier­her, Graf Mi­cha­el; als ech­ter Lit­hau­er wer­den Sie doch die Rus­sal­ka sein tan­zen kön­nen … doch tan­zen Sie wie ein Bau­er, hö­ren Sie?«

Frau Dow­giel­lo ver­such­te, doch ver­ge­bens, Ein­spruch zu er­he­ben. Der Graf und ich wa­ren hart­nä­ckig. Er hat­te sei­ne Grün­de, denn sei­ne Rol­le in die­sem Tan­ze war, wie man bald se­hen wird, ei­ne der an­ge­nehms­ten. Nach ei­ni­gem Pro­bie­ren sag­te die Ge­sell­schaf­te­rin, so merk­wür­dig er auch sei, sie glau­be die­se Art Wal­zer spie­len zu kön­nen. Fräu­lein Iwins­ka nahm, nach­dem sie ei­ni­ge Stüh­le und ei­nen Tisch, die ihr im We­ge sein konn­ten, fort­ge­rückt hat­te, ih­ren Rit­ter am Rock­kra­gen und führ­te ihn in die Sa­lon­mit­te.

»Sie müs­sen wis­sen, Herr Pro­fes­sor, ich bin die Rus­sal­ka, Ih­nen zu die­nen.«

Sie mach­te ei­nen tie­fen Knix.

»Ei­ne Rus­sal­ka ist ei­ne Ni­xe. In al­len je­nen mit schwar­zem Was­ser an­ge­füll­ten Tüm­peln, die un­se­re Wäl­der ver­schö­nen, gibt’s ei­ne. Nä­hern Sie sich ih­nen nicht! Die Rus­sal­ka kommt her­aus, noch viel hüb­scher ist sie, wenns mög­lich ist, als ich; sie zieht Sie auf den Grund, oder ver­schlingt Sie al­lem An­schei­ne nach…«

»Ei­ne wah­re Si­re­ne!« rief ich.

»Er,« fuhr Fräu­lein Iwins­ka, auf Graf Sze­mioth zei­gend, fort, »ist ein jun­ger, gar dum­mer Fi­scher, der sich mei­nen Kral­len aus­setzt; und ich, um dem Ver­gnü­gen län­ge­re Dau­er zu ge­ben, will ihn be­rü­cken, in­dem ich ein bi­schen um ihn her­um tan­ze … Ach; um es aber or­dent­lich zu kön­nen, müß­te ich ei­nen Sa­raf­an an­ha­ben. Wie scha­de! … Wol­len Sie bit­te dies Kleid ent­schul­di­gen, das un­cha­rak­te­ris­tisch ist, kei­ne Lo­kal­far­be gibt … Oh! Und Schu­he hab‘ ich an! In Schu­hen kann man die Rus­sal­ka un­mög­lich tan­zen! Und noch da­zu mit Ab­sät­zen!« …

Sie hob ihr Kleid auf, schüt­tel­te auf die Ge­fahr hin, ihr Bein et­was se­hen zu las­sen, vol­ler An­mut ein hüb­sches Füß­chen und sand­te ih­ren Schuh in ei­ne Sa­lo­ne­cke. Der zwei­te folg­te dem ers­ten, und sie stand in ih­ren Sei­den­strümp­fen auf dem Par­kett.

»Al­les ist be­reit,« sag­te sie zu der Ge­sell­schaf­te­rin. Und der Tanz hob an.

Die Rus­sal­ka dreht sich um ih­ren Part­ner hin und her. Er streckt die Ar­me aus, um sie zu grei­fen, sie glei­tet un­ten durch und ent­schlüpft ihm. Das ist gar an­mu­tig, und die Mu­sik ist be­wegt und ei­gen­ar­tig. Die Fi­gur en­digt da­mit, daß die Rus­sal­ka, wenn der Part­ner sie zu grei­fen wähnt, um ihr ei­nen Kuß zu ge­ben, ei­nen Sprung macht, ihn auf die Schul­ter schlägt, dann sinkt er wie tot zu ih­ren Fü­ßen hin … Der Graf aber im­pro­vi­sier­te ei­ne Va­ri­an­te, die dar­in be­stand, den Eu­len­spie­gel in sei­ne Ar­me zu schlie­ßen und tüch­tig ab­zu­küs­sen. Fräu­lein Iwins­ka stieß ei­nen leich­ten Schrei aus, wur­de dun­kel­rot und ließ sich schmol­lend in ein So­fa fal­len, in­dem sie sich be­klag­te, er ha­be sie wie ein Bär, der er sei, ge­drückt. Ich sah, daß der Ver­gleich dem Gra­fen nicht be­hag­te, denn er er­in­ner­te ihn an ein Fa­mi­li­en­un­glück. Sei­ne Stirn um­wölk­te sich.

Ich aber dank­te Fräu­lein Iwins­ka leb­haft und lob­te ih­ren Tanz, der mir ei­nen ganz an­ti­ken Cha­rak­ter zu ha­ben schien und an die hei­li­gen Tän­ze der Grie­chen er­in­ner­te. Ich wur­de von ei­nem Die­ner un­ter­bro­chen, der den Ge­ne­ral und die Fürs­tin We­ka­mi­nof an­mel­de­te. Fräu­lein Iwins­ka mach­te ei­nen Satz vom So­fa nach ih­ren Schu­hen, trat schnell mit ih­ren klei­nen Fü­ßen hin­ein und lief der Fürs­tin ent­ge­gen, der sie ein­mal übers an­de­re zwei tie­fe Kni­xe mach­te. Bei je­dem, sah ich, brach­te sie die Fer­se ge­schickt im Schu­he un­ter. Der Ge­ne­ral hat­te zwei Ad­ju­tan­ten mit und bat wie wir um das, »was die Kel­le gibt.« In je­dem an­dern Lan­de, denk ich, wä­re die Da­me des Hau­ses et­was ent­setzt dar­über ge­we­sen, sechs un­er­war­te­te und ap­pe­tit­ge­seg­ne­te Gäs­te auf ein­mal zu be­kom­men; so groß aber ist der Über­fluß und die Gast­freund­schaft in lit­haui­schen Häu­sern, daß das Di­ner nur um höchs­tens ei­ne hal­be Stun­de, glau­be ich, hin­aus­ge­scho­ben wur­de. Nur gab’s zu­viel war­me und kal­te Pas­te­ten.

IV.

Das Di­ner war sehr mun­ter. Der Ge­ne­ral er­zähl­te uns sehr selt­sa­me Ein­zel­hei­ten über die Spra­chen, die im Kau­ka­sus ge­spro­chen wer­den. Die ei­nen sind arisch und die an­de­ren tu­ra­nisch, wie­wohl un­ter den ver­schie­de­nen Völ­ker­schaf­ten ei­ne be­mer­kens­wer­te Über­ein­stim­mung in Sit­ten und Ge­bräu­chen herrscht. Ich sel­ber sah mich ge­nö­tigt, über mei­ne Rei­sen zu sp­re­chen, weil ich dem Gra­fen Sze­mioth, als er mir zu mei­ner Reit­kunst Glück ge­wünscht und er­klärt hat­te, noch nie ei­nem Geist­li­chen oder ei­nem Pro­fes­sor be­geg­net zu sein, der ei­nen wie den von uns zu­rück­ge­leg­ten Weg so oh­ne wei­te­res hin­ter sich ge­bracht ha­be, hat­te mit­tei­len müs­sen, daß ich, von der Bi­bel­ge­sell­schaft mit ei­ner Ar­beit über die Spra­che der Char­ruas be­traut, drei und ein hal­bes Jahr in der Re­pu­blik Uru­gu­ay zu­ge­bracht ha­be. Und zwar sei ich stets zu Pfer­de ge­we­sen und ha­be in den Pam­pas un­ter den In­dia­nern ge­lebt. So er­gab es sich denn im Ge­sprä­che, daß ich er­zähl­te, wie ich ein­mal auf ei­ner drei­tä­gi­gen Irr­fahrt in den end­lo­sen Ebe­nen, un­ver­sorgt mit Le­bens­mit­teln und Was­ser wie ich war, ge­zwun­gen ge­we­sen wä­re, es wie die mich be­glei­ten­den Gau­chos zu ma­chen, das heißt, mein Pferd zu schröp­fen und sein Blut zu trin­ken.

Al­le Da­men stie­ßen ei­nen Ent­set­zens­schrei aus. Der Ge­ne­ral warf ein, die Kal­mü­cken tä­ten in glei­cher Not­la­ge ein Näm­li­ches. Der Graf frag­te mich, wie ich dies Ge­tränk ge­fun­den hät­te. »Mo­ra­lisch,« ant­wor­te­te ich, »war es mir sehr zu­wi­der; phy­sisch aber tat es mir sehr gu­te Di­ens­te, und ihm ver­dan­ke ich die Eh­re, heu­te hier zu spei­sen.

Vie­le Eu­ro­pä­er, das heißt Wei­ße, die lan­ge mit den In­dia­nern zu­sam­men­ge­lebt ha­ben, ge­wöh­nen sich dran und ge­win­nen ihm so­gar Ge­schmack ab. Mein treff­li­cher Freund, Don Fruc­tuo­so Ri­vero, Prä­si­dent der Re­pu­blik, läßt sich sel­ten den ge­le­gent­li­chen Ge­nuß ent­ge­hen. Ich er­in­ne­re mich, daß er ei­nes Ta­ges auf dem We­ge zum Kon­greß an ei­nem Ran­cho vor­bei­kam, wo man ein Foh­len zur Ader ließ. Er mach­te Halt, saß ab, um sich ei­nen Chu­pon, ei­nen Mund voll, aus­zu­bit­ten; her­nach hielt er ei­ne sei­ner schwung­volls­ten Re­den.«

»Ihr Prä­si­dent ist ja ein furcht­ba­res Un­ge­heu­er!« rief Fräu­lein Iwins­ka.

»Ver­zei­hung, lie­be Pa­ni,« sag­te ich zu ihr, »er ist ein sehr vor­neh­mer Mann von über­ra­gen­der Geis­tig­keit, wun­der­bar spricht er ei­ni­ge sehr schwe­re In­dia­ner­spra­chen, vor al­lem ist das Char­rua der un­zäh­li­gen For­men we­gen schwie­rig, die das Ver­bum an­nimmt, je nach­dem, ob es tran­si­tiv oder in­tran­si­tiv und so­gar den so­zia­len Be­zie­hun­gen ge­mäß, in de­nen die re­den­den Per­so­nen zu ein­an­der ste­hen, ge­braucht wird.

Ich woll­te mich noch über ei­ni­ge recht in­ter­es­san­te Ein­zel­hei­ten über den Bau des Verbs im Char­rua aus­las­sen, doch der Graf un­ter­brach mich mit der Fra­ge, wo man den Pfer­den zur Ader las­sen müs­se, wenn man ihr Blut trin­ken wol­le.

»Um Got­tes­wil­len, lie­ber Pro­fes­sor,« rief Fräu­lein Iwins­ka mit ko­misch ent­setz­ter Mie­ne, »sa­gen Sie’s ihm nicht. Er ist im­stan­de, sei­nen gan­zen Stall zu tö­ten und uns sel­ber zu ver­spei­sen, wenn er kei­ne Pfer­de mehr hat!«

La­chend über die­sen Witz stan­den die Da­men von Tisch auf, um, wäh­rend wir rauch­ten, Tee oder Kaf­fee zu be­rei­ten. Nach ei­ner Vier­tel­stun­de ließ man den Ge­ne­ral in den Sa­lon ho­len. Al­le woll­ten wir ihm fol­gen, doch man sag­te uns, die Da­men wünsch­ten nur ei­nen Herrn auf ein­mal. Bald hör­ten wir aus dem Sa­lon lau­te Lach­sal­ven und Hän­de­klat­schen.

»Fräu­lein Jul­ka macht ih­re Strei­che,« sag­te der Graf.

Man ver­lang­te ihn sel­ber; neu­es Ge­läch­ter, neu­er Bei­fall. Nach ihm kam ich an die Rei­he. Als ich den Sa­lon be­trat, hat­ten al­le Ge­sich­ter ei­nen schein­ba­ren Ernst auf­ge­steckt, der nichts all­zu Gu­tes ver­sprach. Ich war mir ei­nes Scha­ber­nacks ge­wär­tig.

»Herr Pro­fes­sor,« sag­te der Ge­ne­ral mit sei­ner of­fi­zi­ells­ten Mie­ne, »die Da­men be­haup­ten, wir hät­ten ih­rem Cham­pa­gner zu­viel Eh­re un­ge­tan, und wol­len uns nur nach ei­ner Pro­be bei sich dul­den. Es han­delt sich dar­um, mit ver­bun­de­nen Au­gen von Sa­lon­mit­te nach der Wand dort zu gehn und sie mit dem Fin­ger zu be­rüh­ren. Sie sehn, die Sa­che ist ein­fach, nur ge­ra­de­aus braucht man zu ge­hen. Sind Sie im­stan­de, die ge­ra­de Rich­tung ein­zu­hal­ten?«

»Ich den­ke schon, Herr Ge­ne­ral.«

So­fort leg­te Fräu­lein Jul­ka mir ein Ta­schen­tuch um die Au­gen und band es hin­ten mit al­ler Kraft zu­sam­men.

»Sie sind mit­ten im Sa­lon,« sag­te sie, »stre­cken Sie die Hand aus … Schön! Ich wet­te, Sie wer­den die Wand nicht be­rüh­ren.«

»Vor­wärts, marsch!« kom­man­dier­te der Ge­ne­ral.

Man hat­te nur fünf bis sechs Schrit­te zu ma­chen. Ganz lang­sam ging ich vor, in der Über­zeu­gung, ich wür­de auf ei­nen Strick oder ei­ne mir ver­rä­te­ri­scher­wei­se in den Weg ge­setz­te Fuß­bank sto­ßen, die mich zu Fal­le brin­gen soll­ten. Er­stick­tes La­chen hör­te ich, das mei­ne Be­fan­gen­heit ver­grö­ßer­te. End­lich glaub­te ich mich der Mau­er ganz na­he, als mein Fin­ger, den ich vor­ge­streckt hielt, plötz­lich in et­was Kal­tes und Kleb­ri­ges fuhr. Ich schnitt ei­ne Gri­mas­se und wich zu­rück, was al­len An­we­sen­den lau­tes Ge­läch­ter ent­lock­te. Ich riß mei­ne Bin­de ab und sah Fräu­lein Iwins­ka bei mir, die ei­nen Ho­nig­topf hielt, in wel­chen ich den Fin­ger ge­steckt hat­te, als ich die Wand zu be­rüh­ren wähn­te. Zu mei­nem Tros­te sah ich die bei­den Ad­ju­tan­ten die näm­li­che Prü­fung mit nicht bes­se­rer Hal­tung als ich ab­le­gen.

Den gan­zen Rest des Abends über ließ Fräu­lein Iwins­ka ih­rer tol­len Lau­ne un­auf­hör­lich die Zü­gel schie­ßen. Stets neck­te sie, stets führ­te sie Eu­len­spie­ge­lei­en aus, und nahm bald den ei­nen, bald den an­de­ren zur Ziel­schei­be ih­res Spot­tes. In­des­sen be­merk­te ich, daß sie sich am häu­figs­ten an den Gra­fen wand­te, der, das muß ich sa­gen, sich nie­mals är­ger­te und an ih­ren Sti­che­lei­en so­gar Spaß zu ha­ben schien. Im Ge­gen­teil, wenn sie ei­nen der Ad­ju­tan­ten an­griff, zog er die Brau­en zu­sam­men, und ich sah sei­ne Au­gen in je­nem düs­te­ren Feu­er glü­hen, das wirk­lich et­was Schreck­li­ches an sich hat­te.

»Mut­wil­lig wie ei­ne Kat­ze und weiß wie Rahm.«

Als Mi­ckie­wicz die­sen Vers schrieb, hat­te er, wie mir schien, Pan­na Iwins­kas Bild wie­der­ge­ben wol­len.

V.

Ziem­lich spät zog man sich zu­rück. In sehr vie­len vor­neh­men lit­haui­schen Häu­sern sieht man pracht­vol­les Sil­ber­zeug, schö­ne Mö­bel, kost­ba­re Per­ser­tep­pi­che, doch gu­te Fe­der­bet­ten hat man wie in un­se­rem lie­ben Deutsch­land ei­nem mü­den Gas­te nicht an­zu­bie­ten. Ob reich, ob arm, Edel­mann oder Bau­er, ein Sla­ve ver­mag auch auf ei­ner Plan­ke gut zu sch­la­fen. Von die­ser All­ge­mein­re­gel macht Schloß Dow­giel­ly kei­ne Aus­nah­me. In dem Ge­ma­che, in das man uns, den Gra­fen und mich, ge­lei­te­te, gab’s nur zwei mit Ma­ro­quin­le­der be­zo­ge­ne So­fas. Das er­schreck­te mich nicht eben, denn auf mei­nen Rei­sen hat­te ich häu­fig auf blo­ßer Er­de ge­sch­la­fen und ich mach­te mich über des Gra­fen Aus­ru­fe – der feh­len­den Zi­vi­li­sa­ti­on sei­ner Land­leu­te we­gen – ein bi­schen lus­tig. Ein Die­ner zog uns die Stie­fel aus und reich­te uns Schlaf­rö­cke und Pan­tof­feln. Nach­dem er sei­nen An­zug ab­ge­legt hat­te, ging der Graf ein Weil­chen schwei­gend auf und ab; dann blieb er vor dem So­fa, auf dem ich’s mir be­reits be­quem ge­macht hat­te, stehn und sag­te zu mir:

»Was hal­ten Sie von Jul­ka?«

»Rei­zend fin­de ich sie.«

»Ja, aber so ko­kett! … Mei­nen Sie, sie fin­det wirk­lich Ge­fal­len an dem klei­nen blon­den Haupt­mann?«

»Dem Ad­ju­tan­ten? … Wie soll­te ich das wis­sen?«

»Er ist ein Geck! … doch muß er den Wei­bern ge­fal­len.«

»Den Schluß be­strei­te ich, Herr Graf, wün­schen Sie die Wahr­heit zu hö­ren? Fräu­lein Iwins­ka denkt viel mehr dar­an, dem Gra­fen Sze­mioth zu ge­fal­len als al­len Ad­ju­tan­ten der Ar­mee.«

Oh­ne mir zu ant­wor­ten, er­rö­te­te er; mei­ne Wor­te schie­nen ihm aber merk­li­che Freu­de be­rei­tet zu ha­ben. Noch ei­ni­ge Zeit über schritt er wort­los auf und ab, dann, nach­dem er auf sei­ne Uhr ge­schaut hat­te, sag­te er zu mir:

»Mei­ner Treu, wir wür­den gut dar­an tun, zu sch­la­fen, denn ’s ist spät.«

Er nahm sei­ne Flin­te und sein Jagd­mes­ser, die man in un­ser Zim­mer ge­bracht hat­te, und leg­te sie in ei­nen Schrank, des­sen Schlüs­sel er ab­zog.

»Wol­len Sie ihn auf­be­wah­ren?« sag­te er, ihn mir zu mei­nem leb­haf­ten Er­stau­nen ein­hän­di­gend; »ich könn­te ihn ver­le­gen. Si­cher ha­ben Sie ein bes­se­res Ge­dächt­nis als ich.«

»Das bes­te Mit­tel, Ih­re Waf­fen nicht zu ver­ges­sen, wä­re, sie auf den Tisch hier bei Ih­rem So­fa zu le­gen.«

»Nein … Sehn Sie, of­fen ge­stan­den, hab ich nicht gern Waf­fen in mei­ner Nä­he, wenn ich sch­la­fe … Und zwar aus fol­gen­dem Grun­de. Als ich bei den Grod­no­wer Hu­sa­ren stand, schlief ich ei­nes Ta­ges mit ei­nem Ka­me­ra­den in ei­nem Zim­mer. Mei­ne Pis­to­len la­gen auf ei­nem Stuh­le ne­ben mir. Nachts fah­re ich durch ei­nen Schuß aus dem Sch­la­fe: ich hal­te ei­ne Pis­to­le in der Hand, hat­te Feu­er ge­ge­ben und die Ku­gel war zwei Zoll über mei­nes Ka­me­ra­den Kopf weg­ge­flo­gen … Nie hab ich mich er­in­nern kön­nen, was ich ge­träumt hat­te.«

Die Ge­schich­te reg­te mich et­was auf. vor ei­ner Ku­gel in den Kopf war ich ja si­cher, doch wenn ich mei­nes Ge­fähr­ten ho­he Ge­stalt, sei­ne brei­ten her­ku­li­schen Schul­tern, sei­ne ner­vi­gen, mit schwar­zem Flaum be­deck­ten Ar­me be­trach­te­te, muß­te ich not­ge­drun­gen dar­an den­ken, daß er durch­aus im­stan­de sei, mich mit sei­nen Hän­den zu er­dros­seln, wenn er schlecht träu­me. Im­mer­hin hü­te­te ich mich, ihm die ge­rings­te Un­ru­he zu zei­gen, setz­te nur mein Licht auf ei­nen Stuhl bei mei­nem So­fa und fing an, in dem mit­ge­nom­me­nen La­wi­cki­schen Ka­te­chis­mus zu le­sen. Der Graf wünsch­te mir gu­te Nacht, streck­te sich auf sei­nem So­fa aus, dreh­te sich fünf, sechs­mal her­um und schien dann end­lich ein­zu­sch­la­fen, wie­wohl er sich wie der Ho­ra­zi­sche Lieb­ha­ber zu­sam­men­ge­ku­gelt hat­te, der, in ei­ne La­de ge­sperrt, mit dem Kop­fe an sei­ne zu­sam­men­ge­zo­ge­nen Kniee rühr­te:

…. Tur­pi clau­sus in ar­ca, Con­trac­tum ge­ni­bus tan­gas ca­put ….

Von Zeit zu Zeit seufz­te er tief, oder ließ ein ge­wis­ses ner­vö­ses Rö­cheln hö­ren, das ich der selt­sa­men La­ge zu­schrieb, die er zum Sch­la­fen ein­ge­nom­men hat­te. So ver­strich et­wa ei­ne Stun­de. Ich ward sel­ber schläf­rig, klapp­te mein Buch zu und rich­te­te mich so gut wie mög­lich auf mei­nem La­ger ein, als mich ein merk­wür­di­ges lau­tes Schmat­zen mei­nes Nach­bars zit­tern mach­te. Ich blick­te den Gra­fen an. Er hat­te die Au­gen zu, sein gan­zer Kör­per beb­te und aus sei­nen halb­of­fe­nen Lip­pen dran­gen ei­ni­ge kaum ar­ti­ku­lier­te Wor­te.

»Ganz frisch! … Ganz weiß! … Der Pro­fes­sor weiß nicht, was er re­det … Das Pferd taugt nichts… welch ein le­cke­res Stück! …«

Dann hub er an, furcht­bar auf sein Kis­sen, wor­auf sein Kopf ruh­te, los­zu­bei­ßen und gleich­zei­tig stieß er ei­ne Art Ge­brüll mit sol­cher Stär­ke aus, daß er selbst da­von er­wach­te.

Ich aber blieb still, un­be­weg­lich auf mei­nem So­fa und stell­te mich sch­la­fend. Trotz­dem be­ob­ach­te­te ich ihn. Er setz­te sich hoch, rieb sich die Au­gen, seufz­te trau­rig und ver­harr­te fast ei­ne Stun­de so, wie mir schien, in sei­ne Ge­dan­ken ver­tieft, oh­ne die Stel­lung zu wech­seln. Mir war in­des­sen we­nig be­hag­lich zu­mu­te, und ich ver­sprach mir in­ner­lich, nie wie­der Sei­te an Sei­te mit dem Gra­fen zu sch­la­fen. Auf die Dau­er frei­lich sieg­te die Mü­dig­keit über die Un­ru­he, und als man Mor­gens in un­ser Zim­mer kam, schlie­fen wir bei­de ei­nen tie­fen Schlaf.

VI.

Nach dem Früh­stück kehr­ten wir nach Med­in­til­tas zu­rück. Als ich dort den Dok­tor Frö­ber al­lein traf, sag­te ich ihm, ich hiel­te den Gra­fen für krank, er hät­te schreck­li­che Träu­me, wä­re viel­leicht Nacht­wand­ler und könn­te in sol­chem Zu­stan­de ge­fähr­lich wer­den.

»All das hab ich ge­merkt,« sag­te der Arzt zu mir. »Bei sei­ner ath­le­ti­schen Kon­sti­tu­ti­on ist er ner­vös wie ein hüb­sches Frau­en­zim­mer. Viel­leicht hat er das von sei­ner Mut­ter … Ver­teu­felt wild ist sie heu­te mor­gen ge­we­sen … Ich glau­be nicht so recht an die Angst- und Lust­ge­schich­ten schwan­ge­rer Wei­ber; si­cher aber ist die Grä­fin wahn­sin­nig, und Wahn­sinn ist durch Blut über­trag­bar …«

»Doch der Graf,« er­wi­der­te ich, »ist voll­kom­men ver­nünf­tig; er be­sitzt ge­sun­den Men­schen­ver­stand, ist sehr viel ge­bil­de­ter, als ich ge­dacht hät­te, das muß ich Ih­nen schon ge­ste­hen, liebt die Lek­tü­re …«

»Ge­wiß, ge­wiß, mein lie­ber Herr; aber oft ist er son­der­bar. Meh­re­re Ta­ge lang schließt er sich manch­mal ein; häu­fig streift er nachts um­her; liest un­glaub­li­che Bü­cher … über deut­sche Me­ta­phy­sik … Phy­sio­lo­gie, was weiß ich! Ges­tern erst hat er ei­nen Bal­len voll aus Leip­zig ge­kriegt. Ge­ra­de her­aus, ein Her­ku­les hat ei­ne He­be nö­tig, ’s gibt hier sehr hüb­sche Bäue­rin­nen … Sams­tag abends nach dem Ba­de möch­te man sie für Prin­zes­sin­nen hal­ten … Je­de wür­de stolz sein, den gnä­di­gen Herrn zu zer­streu­en. In sei­nem Al­ter woll­te ich, der Teu­fel soll mich ho­len. … Nein, er hat kei­ne Ge­lieb­te, ver­hei­ra­tet sich nicht und tut Un­recht dar­an. Er braucht ein Ab­len­kungs­mit­tel.«

Des Dok­tors plum­per Ma­te­ria­lis­mus war mir äu­ßerst pein­lich. Jäh be­en­dig­te ich die Un­ter­hal­tung mit den Wor­ten, ich wür­de es von Her­zen wün­schen, daß der Graf Sze­mioth ei­ne sei­ner wür­di­ge Gat­tin fän­de. Nicht oh­ne Über­ra­schung, muß ich ge­stehn, ver­nahm ich des Dok­tors Be­mer­kung über des Gra­fen Vor­lie­be für phi­lo­so­phi­sche Stu­di­en. Solch ein Hu­sa­ren­of­fi­zier, solch ein pas­sio­nier­ter Jä­ger las deut­sche Me­ta­phy­sik und be­faß­te sich mit Phy­sio­lo­gie, das woll­te mir nicht in den Kopf. Und doch hat­te der Dok­tor die Wahr­heit ge­sagt und noch am näm­li­chen Ta­ge er­hielt ich den Be­weis da­von. »Wie er­klä­ren Sie sich, Herr Pro­fes­sor,« sag­te er plötz­lich ge­gen Ta­fe­len­de zu mir, »wie er­klä­ren Sie sich die Zwei­heit oder die Du­pli­zi­tät un­se­rer Na­tur? …«

Und da er merk­te, daß ich ihn nicht rich­tig ver­stand, fuhr er fort:

»Ha­ben Sie sich nie­mals oben auf ei­nem Tur­me oder am Ab­grunds­ran­de be­fun­den und zu­gleich die Ver­su­chung, sich in die Tie­fe zu stür­zen, ins Lee­re hin­ein­zu­stür­zen und ein durch­aus ent­ge­gen­ge­setz­tes Angst­ge­fühl ver­spürt? …«

»Aus rein phy­si­schen Grün­den läßt sich das er­klä­ren,« sag­te der Dok­tor; »ers­tens be­wirkt die Er­mü­dung, die man bei ei­nem Auf­stie­ge spürt, ei­nen Blu­tan­drang nach dem Ge­hir­ne, das …«

»Hö­ren Sie von Blut auf, Dok­tor,« rief der Graf un­ge­dul­dig, »und wäh­len wir ein an­de­res Bei­spiel. Sie hal­ten ei­ne ge­la­de­ne Waf­fe. Ihr bes­ter Freund ist da. Ih­nen kommt der Ge­dan­ke, ihm ei­ne Ku­gel in den Kopf zu ja­gen. Sie ha­ben den größ­ten Ab­scheu vor ei­nem Mor­de, und doch ha­ben Sie den Ge­dan­ken an ihn ge­habt. Ich glau­be, mei­ne Her­ren, wenn al­le Ge­dan­ken, die uns im Ver­lau­fe von ei­ner Stun­de durch den Kopf ge­hen, … ich glau­be, wenn al­le Ih­re Ge­dan­ken, Herr Pro­fes­sor – und ich hal­te Sie für ei­nen wei­sen Mann – nie­der­ge­schrie­ben wür­den, sie viel­leicht ei­nen Fo­lio­band füll­ten, auf Grund des­sen es kei­nen Rechts­an­walt, der nicht er­folg­reich für Ih­re Mund­to­t­er­klä­rung plä­dier­te, kei­nen Rich­ter gä­be, der Sie nicht im Ge­fäng­nis, oder bes­ser in ei­nem Nar­ren­hau­se fest­setz­te.«

»Die­ser Rich­ter, Herr Graf, wür­de mich ge­wiß nicht ver­ur­tei­len, weil ich heu­te mor­gen län­ger als ei­ne Stun­de dem ge­heim­nis­vol­len Ge­set­ze nach­ge­grü­belt ha­be, wo­nach die sla­vi­schen Ver­ben in Ver­bin­dung mit ei­ner Prä­po­si­ti­on fu­tu­ra­le Be­deu­tung an­neh­men. Wenn ich aber zu­fäl­lig ei­nen an­de­ren Ge­dan­ken ge­habt hät­te, was könn­te man des­we­gen wi­der mich be­wei­sen? Nicht mehr bin ich Herr mei­ner Ge­dan­ken als die äu­ße­ren Zu­fäl­le, die sie mir sug­ge­rie­ren. Weil ein an­de­rer Ge­dan­ke in mir auf­steigt, dar­aus kann man noch nicht ei­nen Aus­füh­rungs­be­ginn, ja nicht ein­mal ei­nen Ent­schluß fol­gern. Nie hab ich den Ge­dan­ken ge­habt, je­man­den zu tö­ten; wenn mir aber ein Mord­ge­dan­ke kä­me, ist mei­ne Ver­nunft denn dann nicht da, um ihn ab­zu­wei­sen?«

»Sie ha­ben gut von Ih­rer Ver­nunft re­den; doch ist sie stets, wie Sie sa­gen, da, um Sie zu lei­ten? Da­mit die Ver­nunft spricht und sich Ge­hor­sam ver­schafft, be­darf’s der Über­le­gung, das heißt, der Zeit und der Kalt­blü­tig­keit. Hat man die ei­ne und die an­de­re im­mer? In ei­nem Kamp­fe seh ich ei­ne Prell­ku­gel auf mich zu­flie­gen, ich wei­che ihr aus und set­ze mei­nen Freund ihr aus, für den ich mein Le­ben hin­ge­ge­ben ha­ben wür­de, wenn ich Zeit zur Über­le­gung ge­habt hät­te!«

Ich ver­such­te, ihm von un­se­ren Men­schen- und Chris­ten­pflich­ten zu sp­re­chen, und wie wir dem Krie­ger der hei­li­gen Schrift nach­ei­fern müß­ten, der im­mer kampf­be­reit sei; kurz, such­te ihm klar zu ma­chen, daß wir im stän­di­gen Kamp­fe wi­der un­se­re Lei­den­schaft neue Kräf­te er­wür­ben, um sie ab­zu­schwä­chen und zu bän­di­gen. Ich hat­te, fürcht ich, nur den Er­folg, ihn zum Schwei­gen zu brin­gen; und über­zeugt schien er nicht.

Noch zehn Ta­ge blieb ich im Schlos­se. Ich mach­te ei­nen an­de­ren Be­such in Dow­giel­ly, aber wir schlie­fen dort nicht. Wie beim ers­ten Ma­le zeig­te Fräu­lein Iwins­ka sich als Eu­len­spie­gel und ver­zo­ge­nes Kind. Auf den Gra­fen üb­te sie ei­ne Art Zau­ber aus, und ich zwei­fel­te nicht, daß er sehr ver­liebt in sie sei. In­des­sen kann­te er ih­re Feh­ler wohl und mach­te sich kei­ne Il­lu­sio­nen. Er wuß­te, sie war ko­kett, leicht­fer­tig, und al­lem ge­gen­über, was nicht Un­ter­hal­tung für sie war, gleich­gil­tig. Häu­fig merk­te ich, daß er in­ner­lich un­ter ih­rem so we­nig ver­nünf­ti­gem We­sen litt; so­bald sie ihm aber ei­ne klei­ne Lie­bens­wür­dig­keit er­wie­sen hat­te, ver­gaß er al­les, er­hell­te sich sein Ge­sicht, strahl­te er vor Freu­de. Am Ta­ge vor mei­ner Ab­rei­se woll­te er mich ein letz­tes Mal nach Dow­giel­ly schlep­pen, viel­leicht, weil ich plau­dernd bei der Tan­te blieb, wäh­rend er al­lein mit der Nich­te im Gar­ten lust­wan­del­te. Aber ich hat­te viel zu ar­bei­ten und muß­te mich, wie in­stän­dig er auch bat, ent­schul­di­gen. Zum Es­sen kehr­te er zu­rück, ob­wohl er uns ge­sagt hat­te, wir soll­ten nicht auf ihn war­ten. Er setz­te sich zu Tisch und konn­te nichts es­sen. Wäh­rend der gan­zen Mahl­zeit war er fins­ter und üb­ler Lau­ne. Von Zeit zu Zeit nä­her­ten sich sei­ne Brau­en ein­an­der und sei­ne Au­gen nah­men ei­nen düs­tern Aus­druck an. Als der Dok­tor auf­stand, um sich zur Grä­fin zu be­ge­ben, folg­te mir der Graf in mein Zim­mer und sag­te mir al­les, was er auf dem Her­zen hat­te.

»Sehr be­reue ich’s,« rief er, »Sie ver­las­sen zu ha­ben, um die klei­ne När­rin zu be­su­chen, die sich über mich lus­tig macht und nur neue Ge­sich­ter gern sieht; glück­li­cher­wei­se ist aber al­les zwi­schen uns aus, sie ist mir gründ­lich ver­lei­det und ich will sie nie­mals wie­der­sehn …«

Sei­ner Ge­wohn­heit nach durch­schritt er ei­ni­ge Zeit das Zim­mer der Län­ge und Brei­te nach, dann fuhr er fort:

»Sie ha­ben viel­leicht ge­glaubt, ich sei in sie ver­liebt? Das denkt näm­lich der Tropf von Dok­tor. Nein, ich ha­be sie nie ge­liebt. Ih­re la­chen­de Mie­ne un­ter­hielt mich. Ih­re wei­ße Haut zu se­hen, mach­te mir Freu­de … Das ist al­les, was gut an ihr ist, die Haut be­son­ders, von Hirn kei­ne Spur. Nie hab ich in ihr et­was an­de­res als ei­ne hüb­sche Pup­pe ge­sehn, die man gern be­trach­tet, wenn man sich lang­weilt und kein neu­es Buch hat … Zwei­fels­oh­ne muß man sie ei­ne Schön­heit nen­nen… Ih­re Haut ist wun­der­bar!… Herr Pro­fes­sor, das Blut, das un­ter die­ser Haut fließt, muß bes­ser sein als das ei­nes Pfer­des! … was mei­nen Sie da­zu?« Und er brach in ein Ge­läch­ter aus, doch war’s un­an­ge­nehm, dies La­chen zu hö­ren.

Am fol­gen­den Mor­gen ver­ab­schie­de­te ich mich von ihm, um mei­ne For­schun­gen im Nor­den des Pa­la­ti­nats fort­zu­set­zen.

VII.

Sie währ­ten et­wa zwei Mo­na­te, und ich kann sa­gen, daß es in Sa­mo­gi­ti­en kaum ein Dorf gibt, wo ich mich nicht auf­ge­hal­ten oder ei­ni­ge Do­ku­men­te ge­sam­melt ha­be. Es sei mir er­laubt, die­se Ge­le­gen­heit zu be­nut­zen, um den Be­woh­nern die­ser Pro­vinz, und be­son­ders den Her­ren Geist­li­chen für die mir ge­währ­te, wirk­lich zu­vor­kom­men­de Un­ter­stüt­zung bei mei­nen Nach­for­schun­gen und für die treff­li­chen Be­rei­che­run­gen mei­nes Wör­ter­bu­ches zu dan­ken.

Nach ei­nem acht­tä­gi­gen Auf­ent­halt in Szaw­le hat­te ich mir vor­ge­nom­men, mich in Klau­pe­da (ei­nem Ha­fen, den wir Me­mel nen­nen) ein­zu­schif­fen, um nach Hau­se zu­rück­zu­keh­ren, als ich fol­gen­den Brief des Gra­fen Sze­mioth er­hielt, der durch ei­nen sei­ner Jä­ger über­bracht wur­de:

Lie­ber Herr Pro­fes­sor!

Er­lau­ben Sie mir, Ih­nen deutsch zu schrei­ben. Wenn ich Ih­nen shmu­disch schrie­be, wür­de ich noch mehr Sprach­feh­ler ma­chen, und Sie wür­den al­le Ach­tung vor mir ver­lie­ren. Ich weiß nicht, ob Sie ih­rer schon viel vor mir ha­ben, und die Nach­richt, die ich Ih­nen mit­zu­tei­len ha­be, wird sie viel­leicht nicht ver­meh­ren. Oh­ne wei­te­re Um­schwei­fe, ich ver­hei­ra­te mich und Sie er­ra­ten wohl mit wem. »Ju­pi­ter lacht der Schwü­re der Ver­lieb­ten.« Das­sel­be tut Pir­kuns, un­ser sa­mo­gi­ti­scher Ju­pi­ter. Ich hei­ra­te al­so Fräu­lein Jul­chen Iwins­ka am ach­ten des nächs­ten Mo­nats. Der lie­bens­wür­digs­te der Män­ner wür­den Sie sein, wenn Sie der Fei­er bei­woh­nen woll­ten. Al­le Bau­ern von Med­in­til­tas und der um­lie­gen­den Ortschaf­ten wer­den ei­ni­ge Och­sen und zahl­lo­se Schwei­ne bei mir ver­til­gen, und wenn sie trun­ken sind, sol­len sie auf der Wie­se rechts von der Ih­nen be­kann­ten Al­lee tan­zen. Da wer­den Sie Ih­rer Be­ach­tung wür­di­ge Trach­ten und Ge­bräu­che se­hen. Mir und auch Jul­chen wür­den Sie die größ­te Freu­de, be­rei­ten. Hin­zu muß ich fü­gen, daß Ih­re Ab­sa­ge uns in die trau­rigs­te Ver­le­gen­heit brin­gen wür­de, wie Sie wis­sen, bin ich Pro­tes­tant, und mei­ne Braut des­glei­chen; un­ser Pre­di­ger nun, der ei­ni­ge drei­ßig Mei­len weit fort wohnt, ist gicht­lahm, und ich ha­be zu hof­fen ge­wagt, daß Sie an sei­ner Statt am­tie­ren wür­den. Ich bin, mein lie­ber Pro­fes­sor,

Ihr sehr er­ge­be­ner

Mi­cha­el Sze­mioth.

In Post­script­um­form hat­te man un­ter dem Brie­fe mit ziem­lich hüb­scher weib­li­cher Hand shmu­disch hin­zu­ge­fügt:

»Ich, Lit­hau­ens Mu­se, schrei­be shmu­disch. Mi­cha­el ist em­pö­rend, an Ih­rer Bil­li­gung zu zwei­feln. Tat­säch­lich bin nur ich so när­risch, ei­nen Jun­gen wie ihn zu neh­men. Am ach­ten nächs­ten Mo­nats sol­len Sie, Herr Pro­fes­sor, ei­ne ziem­lich »schi­cke« Braut se­hen. Das ist kein shmu­di­scher, son­dern ein fran­zö­si­scher Aus­druck. Sei­en Sie nur nicht wäh­rend der Trau­ung zer­streut!«

We­der Brief noch Post­scrip­tum ge­fie­len mir. Ich fand, daß das Braut­paar bei solch fei­er­li­cher Ge­le­gen­heit ei­ne un­ver­zeih­li­che Leicht­fer­tig­keit zeig­te. Doch wie ab­sa­gen? Ich muß noch zu­ge­ben, daß das an­ge­kün­dig­te Schau­spiel mich fort­wäh­rend in Ver­su­chung führ­te. Al­lem An­schei­ne nach wür­de ich un­ter den vie­len auf Schloß Med­in­til­tas ver­ei­nig­ten Adel­leu­ten un­ter­rich­te­te Män­ner fin­den, die mir nütz­li­che Auf­schlüs­se ge­ben konn­ten. Mein shmu­di­sches Wör­ter­buch war sehr reich­hal­tig; der Sinn ei­ner be­stimm­ten Wör­ter­zahl aber, die ich aus plum­pem Bau­ern­mun­de ver­nom­men hat­te, blieb für mich noch in ei­ne re­la­ti­ve Dun­kel­heit ein­ge­hüllt. All die­se ver­ein­ten Über­le­gun­gen be­sa­ßen Kraft ge­nug, mich zu ver­pflich­ten, des Gra­fen Bit­te Fol­ge zu leis­ten, und ich ant­wor­te­te ihm, am Mor­gen des ach­ten wür­de ich in Med­in­til­tas sein.

Wie oft hab ich das zu be­reu­en ge­habt!

Als ich die Schloß­al­lee be­trat, sah ich ei­ne statt­li­che Men­ge Her­ren und Da­men in Vor­mit­tags­klei­dung in Grup­pen auf der Frei­trep­pe oder in den Park­gän­gen um­her­wan­deln. Der Hof war vol­ler sonn­täg­lich ge­putz­ter Bau­ern. Das Schloß hat­te ein fest­li­ches Aus­sehn; über­all gab’s Blu­men, Guir­lan­den, Fah­nen und Frucht­ge­win­de. Der In­ten­dant führ­te mich in das für mich her­ge­rich­te­te Erd­ge­schoß­zim­mer, und bat mich um Ent­schul­di­gung, mir kein schö­ne­res an­bie­ten zu kön­nen. Aber es wä­ren so­viel Leu­te im Schlos­se, daß man mir un­mög­lich das bei mei­nem ers­ten Auf­ent­hal­te von mir be­wohn­te Zim­mer hät­te auf­he­ben kön­nen. Es wä­re für die Frau des Adels­mar­schalls be­stimmt; mein neu­es Zim­mer sei üb­ri­gens sehr schick­lich, ha­be den Blick auf den Park und lie­ge un­ter des Gra­fen Ge­mä­chern. Ich zog mich schnell für die Trau­ung an, doch we­der der Graf noch sei­ne Braut er­schie­nen. Der Graf woll­te sie in Dow­ghiel­ly ab­ho­len. Schon lan­ge hät­ten sie an­kom­men müs­sen; doch ei­ne Braut­toi­let­te ist kei­ne klei­ne Sa­che, und der Dok­tor ver­kün­dig­te den Gäs­ten, daß, da das Früh­stück erst nach der kirch­li­chen Fei­er statt­fän­de, hung­ri­ge Mä­gen gut dar­an tun wür­den, an ei­nem ge­wis­sen mit Ku­chen und al­len Ar­ten von Schnäp­sen be­stell­ten Buf­fet ih­re Vor­sichts­maß­re­geln zu tref­fen. Bei die­ser Ge­le­gen­heit be­merk­te ich, wie sehr war­ten die Schmäh­sucht her­aus­for­dert; zwei Müt­ter hüb­scher zur Fei­er ein­ge­la­de­ner jun­ger Mäd­chen wa­ren un­er­schöpf­lich in Epi­gram­men auf die Braut.

Mit­tag war vor­bei, als Böl­ler- und Büch­sen­schüs­se ih­re An­kunft an­zeig­ten und bald nach­her fuhr ein Ga­la­wa­gen, der von vier pracht­vol­len Pfer­den ge­zo­gen wur­de, in die Al­lee ein. Schaum be­deck­te ih­re Brust; leicht war zu se­hen, daß die Ver­zö­ge­rung nicht auf ihr Kon­to kam. In dem Wa­gen sa­ßen nur die Braut, Frau Dow­ghiel­lo und der Graf. Er stieg aus und reich­te Frau Dow­ghiel­lo die Hand. Fräu­lein Iwins­ka mach­te mit ei­ner Be­we­gung vol­ler An­mut und kind­li­cher Ko­ket­te­rie Mie­ne, sich un­ter ih­rem Schlei­er zu ver­ber­gen, um den neu­gie­ri­gen Bli­cken, die sie auf al­len Sei­ten um­ga­ben, zu ent­gehn. Den­noch stand sie im Wa­gen auf und woll­te des Gra­fen Hand neh­men, als die Deich­sel­pfer­de, durch den Blu­men­re­gen viel­leicht er­schreckt, den die Bau­ern auf die Braut nie­der­ge­hen lie­ßen, viel­leicht auch un­ter dem Ein­dru­cke je­ner selt­sa­men Furcht, die der Graf Tie­ren ein­jag­te, schnau­bend sich auf­bäum­ten. Ein Rad stieß an den Prell­stein un­ten an der Frei­trep­pe und ei­nen Mo­ment konn­te man an ein Un­glück glau­ben.

Fräu­lein Iwins­ka stieß ei­nen leich­ten Schrei aus … Bald war al­les wie­der be­ru­higt.

Der Graf nahm sie in sei­ne Ar­me und trug sie eben­so leicht, wie wenn er ei­ne Tau­be hiel­te, bis oben auf die Frei­trep­pe, wir al­le ap­plau­dier­ten zu sei­ner Ge­wandt­heit und rit­ter­li­chen Ga­lan­te­rie. Die Bau­ern brüll­ten furcht­ba­re Vi­vats, die hoch­er­rö­te­te Braut lach­te und zit­ter­te zu­gleich. Der Graf hat­te es durch­aus nicht ei­lig, sich sei­ner rei­zen­den Last zu ent­le­di­gen und schien sie der ihn um­ge­ben­den Men­ge im Tri­um­phe zei­gen zu wol­len…

Plötz­lich er­schien, oh­ne daß man ge­wußt hät­te, wo­her sie kam, ei­ne hoch­ge­wach­se­ne, blei­che, ma­ge­re Frau in un­or­dent­li­chen Klei­dern, mit auf­ge­lös­ten Haa­ren und angst­ver­krampf­ten Zü­gen oben auf der Frei­trep­pe.

»Der Bär!« schrie sie mit durch­drin­gen­der Stim­me; »der Bär! Ge­weh­re! … Er schleppt ein Weib weg! Tö­tet ihn! Feu­er! Feu­er!«

Es war die Grä­fin. Das Kom­men der Braut hat­te al­le Welt auf die Frei­trep­pe, in den Hof oder an die Schloß­fens­ter ge­lockt. Die Frau­en sel­ber, wel­che die ar­me Ir­re be­wach­ten, hat­ten ih­re Wei­sun­gen ver­ges­sen; sie war ent­wischt, und oh­ne von je­man­dem be­merkt zu wer­den, mit­ten un­ter uns ge­ra­ten. Es war ei­ne sehr pein­li­che Sze­ne. Trotz ih­res Wi­der­stan­des und ih­rer Schreie muß­te man sie fort­tra­gen, vie­le der Gäs­te kann­ten ih­re Krank­heit nicht. Man muß­te ih­nen Er­klä­run­gen ge­ben. Lan­ge flüs­ter­te man lei­se. Al­le hat­ten be­trüb­te Ge­sich­ter. »Ein üb­les Vor­zei­chen!« sag­ten die aber­gläu­bi­schen Leu­te, de­ren Zahl nicht klein ist in Lit­hau­en.

In­zwi­schen er­bat sich Fräu­lein Iwins­ka fünf Mi­nu­ten, um sich zu put­zen und den Braut­schlei­er um­zu­le­gen, ei­ne Hand­lung, die ei­ne ge­sch­la­ge­ne Stun­de dau­er­te. Das war mehr Zeit, als er­for­der­lich sein konn­te, um den Leu­ten, die von der Grä­fin Krank­heit nichts wuß­ten, Ur­sa­che und Ein­zel­hei­ten mit­zu­tei­len.

End­lich er­schien die Braut in herr­li­chem Staa­te und mit Dia­man­ten be­sät wie­der. Ih­re Tan­te stell­te sie al­len Gäs­ten vor. Und als dann der Au­gen­blick des In-die-Ka­pel­le-Schrei­tens ge­kom­men war, ver­ab­reich­te Frau Dow­ghiel­lo zu mei­ner höchs­ten Über­ra­schung in An­we­sen­heit der gan­zen Ge­sell­schaft ih­rer Nich­te ei­ne so kräf­ti­ge Ohr­fei­ge, daß al­le, die ir­gend­wie ab­ge­lenkt wa­ren, sich um­dreh­ten. Die­se Ohr­fei­ge ward mit voll­kom­mens­ter Hin­ga­be ent­ge­gen­ge­nom­men, und nie­mand ver­wun­der­te sich an­schei­nend dar­über. Nur ein schwarz­ge­klei­de­ter Mann schrieb et­was auf ein Pa­pier, das er bei sich hat­te, und ei­ni­ge der An­we­sen­den setz­ten mit der gleich­gil­tigs­ten Mie­ne ih­ren Na­men dar­un­ter. Erst am En­de der Fei­er­lich­keit er­fuhr ich des Rät­sels Lö­sung. Wenn ich’s er­ra­ten hät­te, wür­de ich mich un­ge­säumt mit al­ler Macht mei­nes geist­li­chen Am­tes ge­gen solch ei­nen häß­li­chen Brauch ge­wen­det ha­ben, der ei­nen Schei­dungs­grund her­bei­zu­füh­ren be­zweckt, in­dem die Hei­rat an­geb­lich nur tät­li­cher Ge­walt zu­fol­ge, die ei­ner der kon­tra­hie­ren­den Par­tei­en ge­gen­über aus­ge­übt wird, statt­fin­det.

Nach dem Got­tes­dienst glaub­te ich ei­ni­ge Wor­te an das jun­ge Paar rich­ten zu müs­sen, um ihm die Wich­tig­keit und Hei­lig­keit des sie nun ver­ei­ni­gen­den Ban­des vor Au­gen zu füh­ren. Und da mir Fräu­lein Iwins­kas un­an­ge­brach­tes Post­scrip­tum noch auf der See­le lag, er­in­ner­te ich sie dar­an, daß sie in ein neu­es Le­ben tre­te, das nicht mehr aus Ver­gnü­gun­gen und Ju­gend­freu­den be­stün­de, son­dern vol­ler erns­ter Pflich­ten und schwe­rer Prü­fun­gen wä­re. Die­ser Teil mei­ner An­spra­che wirk­te schein­bar auf die Braut und al­le deutsch ver­ste­hen­den An­we­sen­den stark.

Flin­ten­sal­ven und Freu­den­ge­schrei emp­fin­gen den Zug beim Ver­las­sen der Ka­pel­le auf dem We­ge in den Spei­se­saal. Das Mahl war köst­lich, der Ap­pe­tit sehr ge­reizt und an­fangs hör­te man nur Mes­ser- und Ga­bel­klap­pern. Mit Hil­fe von Cham­pa­gner und Un­gar­wein hub man bald zu plau­dern, zu la­chen und selbst zu schrei­en an. Mit Be­geis­te­rung wur­de auf das Wohl der Jung­ver­mähl­ten ge­trun­ken. Kaum hat­te man sich wie­der ge­setzt, als ein al­ter Pa­nie mit wei­ßem Schnurr­bart sich er­hob und mit fürch­ter­li­cher Stim­me rief:

»Vol­ler Schmerz seh‘ ich, daß un­se­re al­ten Bräu­che ver­schwin­den. Nim­mer wür­den un­se­re Vä­ter die­sen Trink­spruch mit Kris­tall­glä­sern aus­ge­bracht ha­ben. Wir tran­ken aus den Braut­pan­t­öf­fel­chen oder gar aus den Schu­hen der Braut, denn zu mei­ner Zeit tru­gen die Da­men ro­te Ma­ro­quin­le­der­schu­he. Zei­gen wir, Freun­de, daß wir noch ech­te Lit­hau­er sind. – Und Du, gnä­di­ge Frau, ge­ru­he mir Dei­nen Schuh zu ge­ben.«

Er­rö­tend, mit lei­sem, un­ter­drück­tem Lä­cheln ant­wor­te­te ihm die Neu­ver­mähl­te:

»Komm, hol ihn Dir, Herr; … mit Dei­nem Stie­fel werd‘ ich Dir aber nicht Be­scheid tun.«

Der Pa­nie ließ sich das nicht zwei­mal sa­gen.

Ga­lant ließ er sich aufs Knie nie­der, nahm ihr ei­nen wei­ßen At­las­schuh mit ro­ten Ab­sät­zen fort, füll­te ihn mit Cham­pa­gner und trank so schnell und so ge­schickt, daß nicht mehr als die Hälf­te da­von über sei­ne Klei­der rann. Der Schuh ging von Hand zu Hand, und al­le Män­ner tran­ken, je­doch nicht oh­ne Mü­he, dar­aus.

Der al­te Edel­mann be­an­spruch­te den Schuh als kost­ba­re Re­li­quie und Frau Dow­ghiel­lo ließ ei­ne Kam­mer­frau kom­men, um die Plün­de­rung der bräut­li­chen Toi­let­te wie­der aus­glei­chen zu las­sen.

Die­sem Toast folg­ten vie­le an­de­re, und bald wur­den die Gäs­te so lär­mend, daß mir ein Ver­wei­len un­ter ih­nen nicht mehr schick­lich er­schien. Oh­ne daß je­mand acht auf mich gab, ver­schwand ich von der Ta­fel und woll­te au­ßer­halb des Schlos­ses fri­sche Luft schöp­fen; fand aber dort ein noch we­ni­ger er­bau­li­ches Schau­spiel vor. Die Die­ner und Bau­ern, die Bier und Schnaps nach Be­lie­ben er­hal­ten hat­ten, wa­ren in der Mehr­zahl schon be­trun­ken; Streit und blu­ti­ge Köp­fe hat­te es dort ge­ge­ben. Da und dort auf der Wie­se wälz­ten sich sinn­los be­trun­ke­ne Leu­te, und der Haupt­an­blick des Fes­tes sah sehr nach Schlacht­feld aus. Es wür­de mich schon ge­reizt ha­ben, die Volks­tän­ze aus der Nä­he zu se­hen, die meis­ten aber wur­den von un­ver­schäm­ten Zi­geu­ne­rin­nen aus­ge­führt, und ich hielt es nicht für wohl­an­stän­dig, mich in den Wirr­warr zu wa­gen. Ging al­so in mein Zim­mer, las ei­ni­ge Zeit, klei­de­te mich dann aus und schlief bald ein.

Als ich auf­wach­te, schlug die Schlo­ßuhr drei. Die Nacht war hell, wie­wohl der Mond durch leich­ten Ne­bel ein we­nig ver­schlei­ert ward. Ich ver­such­te wie­der­ein­zu­sch­la­fen, es ge­lang mir aber nicht. Mei­nem Brau­che bei ähn­li­chen Ge­le­gen­hei­ten ge­mäß, woll­te ich ein Buch vor­neh­men und stu­die­ren, konn­te aber die Zünd­höl­zer nicht in mei­ner Reich­wei­te fin­den. Ich stand auf und tas­te­te im Zim­mer um­her, als ein sehr gro­ßer, schwe­rer Kör­per an mei­nem Fens­ter vor­beiglitt und mit dump­fem Ge­räusch in den Gar­ten fiel. Mein ers­ter Ein­druck war, es sei ein Mensch; und ich glaub­te, ei­ner un­se­rer Trun­ken­bol­de sei aus dem Fens­ter ge­stürzt. Ich mach­te mei­nes auf und schau­te hin­aus; sah aber nichts. End­lich zün­de­te ich ei­ne Ker­ze an und ging, nach­dem ich mich wie­der hin­ge­legt hat­te, mein Wör­ter­buch bis zu dem Au­gen­bli­cke durch, wo man mir mei­nen Tee brach­te.

Ge­gen elf Uhr be­gab ich mich in den Sa­lon, wo ich vie­le ver­sch­la­fe­ne Au­gen und mü­de Ge­sich­ter sah, in der Tat hör­te ich, man hät­te die Ta­fel erst sehr spät auf­ge­ho­ben, we­der der Graf noch die jun­ge Grä­fin hat­ten, sich bis­her ge­zeigt. Nach vie­len üb­len Spä­ßen fing man um halb zwölf erst ganz lei­se, dann recht laut zu mur­meln an. Dok­tor Frö­ber, nahm es auf sich, des Gra­fen Kam­mer­die­ner an sei­nes Herrn Tü­re klop­fen zu las­sen. Nach ei­ner Vier­tel­stun­de kam der Mann et­was auf­ge­regt zu­rück und be­rich­te­te Dok­tor Frö­ber, mehr als ein Dut­zend Mal ha­be er an­ge­klopft, oh­ne ei­ne Ant­wort zu er­hal­ten, wir be­rie­ten uns, Frau Dow­ghiel­lo, der Dok­tor und ich. Des Kam­mer­die­ners Un­ru­he hat­te mich an­ge­steckt. Al­le drei gin­gen wir mit ihm hin­auf, vor der Tü­re fan­den wir ganz ver­stört der jun­gen Grä­fin Kam­mer­frau, die ver­si­cher­te, ein Un­glück müs­se ge­sche­hen sein, denn der gnä­di­gen Frau Fens­ter ste­he sperr­an­gel­weit auf. Mit Ent­set­zen er­in­ner­te ich mich des schwe­ren Kör­pers, der an mei­nem Fens­ter her­un­ter­ge­fal­len war. wir klopf­ten laut an. Kei­ne Ant­wort. End­lich brach­te der Kam­mer­die­ner ei­ne Ei­sen­stan­ge und wir bra­chen die Tür auf … Nein! der Mut fehlt mir, das Schau­spiel, das sich un­se­ren Bli­cken bot, zu be­schrei­ben … Die jun­ge Grä­fin lag tot in ih­rem Bet­te aus­ge­streckt, das Ge­sicht furcht­bar zer­fleischt, der Bu­sen ent­blößt und mit Blut be­netzt. Der Graf war ver­schwun­den und nie­mand hat seit­dem et­was von ihm ge­hört.

Der Dok­tor be­schau­te sich die gräß­li­chen Ver­let­zun­gen der jun­gen Frau.

»Kei­ne Stahl­klin­ge,« rief er, »hat die Wun­de bei­ge­bracht … Das ist ein Biß!«

Der Pro­fes­sor klapp­te sein Buch zu und blick­te mit nach­denk­li­cher Mie­ne ins Feu­er.

»Und die Ge­schich­te ist aus?« frag­te Ade­lai­de.

»Aus!« ant­wor­te­te der Pro­fes­sor mit trau­ri­ger Stim­me.

»Wa­rum aber,« fuhr sie fort, »ha­ben Sie sie Lo­kis ge­nannt? Nicht ei­ne der Per­so­nen hieß so.«

»Das ist kein Men­schen­na­me,« sag­te der Pro­fes­sor. – »Nun, Theo­dor, wis­sen Sie, was Lo­kis hei­ßen soll?«

»Ich ha­be nicht die blas­ses­te Ah­nung.«

»Wenn Sie sich das Um­bil­dungs­ge­setz vom Sans­krit zum Lit­haui­schen or­dent­lich ein­ge­prägt hät­ten, wür­den Sie in Lo­kis das Sans­krit­wort ark­scha oder rik­scha er­kannt ha­ben. Im Lit­haui­schen heißt das Tier, wel­ches die Grie­chen αρχοσ, die Rö­mer ur­sus und die Deut­schen Bär nen­nen, lo­kis.

Jetzt ver­ste­hen Sie das Epi­gramm:

Misz­ka su Lo­kiu Abu du to­kiu.

Sie wis­sen, daß im Fuchs­ro­man der Bär Do­mi­nus Braun­bart heißt. Bei den Sla­ven nennt man ihn Mi­cha­el, Misz­ka lit­hau­isch, und die­ser Bei­na­me er­setzt bei­na­he stets den Gat­tungs­na­men Lo­kis. Eben­so ha­ben die Fran­zo­sen ihr neu la­tei­ni­sches Wort gou­pil oder gor­pil ver­ges­sen, um es durch renard zu er­set­zen. Vie­le an­de­re Bei­spie­le könnt ich noch an­füh­ren …«

Ade­lai­de aber warf ein, es sei spät und man trenn­te sich.

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