Ligow

„Wollen wir doch mal nach Ligow fahren,“ sagte mir einmal Jermolai, den meine Leser schon kennen, „wir können dort nach Herzenslust Enten schießen.“

Für den echten Jäger hat die Wildente zwar nichts besonders Anziehendes, aber in Ermangelung anderen Wildes (es war Anfang September: die Waldschnepfen waren noch nicht da, und den Rebhühnern auf den Feldern nachzulaufen, war mir zu dumm geworden) folgte ich dem Vorschlage meines Jägers und begab mich mit ihm nach Ligow.

Ligow ist ein großes Steppendorf mit einer sehr alten steinernen, einkuppeligen Kirche und zwei Mühlen an dem sumpfigen Flüßchen Rossota. Dieses Flüßchen verwandelte sich etwa fünf Werst von Ligow in einen breiten Teich, der an den Ufern und auch hie und da in der Mitte mit dichtem Schilf, das man im Orjolschen Gouvernement „Maier“ nennt, bewachsen ist. Auf diesem Teiche, in den Buchten und den windstillen Verstecken zwischen dem Schilfe brüteten und lebten zahllose Enten aller möglichen Gattungen: Krick-, Spieß-, Kriech-, Tauchenten usw. Kleine Ketten flogen jeden Augenblick über dem Wasser, bei einem Schuß aber erhoben sie sich in solchen Schwärmen, daß der Jäger unwillkürlich mit der Hand nach der Mütze griff und „Ah!“ ausrief. Ich ging mit Jermolai zuerst am Ufer entlang, aber die Enten sind erstens vorsichtige Vögel und halten sich niemals nahe am Ufer; zweitens, wenn schon eine zurückgebliebene und unerfahrene junge Kriechente getroffen wurde, so waren unsere Hunde gar nicht imstande, sie aus dem dichten Schilfe zu holen: trotz ihrer edlen Selbstaufopferung verstanden sie weder zu schwimmen noch zu waten und zerschnitten sich nur unnütz ihre kostbaren Nasen an den scharfen Rändern des Schilfes.

„Nein,“ sagte endlich Jermolai, „so wird das nichts; wir müssen uns ein Boot verschaffen . . . Wollen wir nach Ligow zurückgehen.“

Wir kehrten also um. Kaum hatten wir aber einige Schritte gemacht, als uns aus dem dichten Weidengebüsch ein ziemlich wertloser Hühnerhund entgegenlief; diesem folgte ein Mann von mittlerem Wuchse, in einem ziemlich abgeriebenen Rock, einer gelblichen Weste, einer Hose von Gris-de-laine- oder Bleu-d’amour-Farbe, die nachlässig in die zerrissenen Stiefel gesteckt war, mit einem roten Tuche um den Hals und einem einläufigen Gewehr auf dem Rücken. Während unsere Hunde mit dem ihrer Art eigenen chinesischen Zeremoniell die für sie neue Persönlichkeit beschnupperten, welche offenbar Angst hatte, den Schwanz einzog, die Ohren zurückwarf und, ohne die Knie zu biegen, sich zähnefletschend mit dem ganzen Körper herumdrehte, kam der Unbekannte auf uns zu und grüßte uns außerordentlich höflich. Dem Aussehen nach mochte er fünfundzwanzig Jahre alt sein; seine langen, dunkelblonden, stark mit Kwaß befeuchteten Haare bildeten unbewegliche Strähnen; die kleinen braunen Augen blinzelten freundlich; das ganze, mit einem schwarzen Tuch wie bei Zahnweh umbundene Gesicht lächelte süß.

„Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle,“ begann er mit weicher, einschmeichelnder Stimme: „ich bin der hiesige Jagdgehilfe Wladimir . . . Als ich von Ihrer Ankunft hörte und erfuhr, daß Sie an das Ufer unseres Teiches sich zu begeben geruhten, entschloß ich mich, wenn es Ihnen nicht unangenehm wäre. Ihnen meine Dienste anzubieten.“

Der Jagdgehilfe Wladimir sprach ganz wie ein junger Provinzschauspieler, der die Rollen der ersten Liebhaber spielt. Ich ging auf seinen Vorschlag ein und erfuhr, noch ehe wir Ligow erreichten, seine ganze Lebensgeschichte. Er war ein freigelassener Leibeigener, in seiner zartesten Jugend wurde er in Musik unterrichtet, war dann Kammerdiener gewesen, war des Lesens kundig, hatte, soviel ich bemerken konnte, einige Bücher gelesen und lebte jetzt, wie in Russland viele Menschen leben, ohne eine Kopeke baren Geldes, ohne eine ständige Beschäftigung, beinahe ausschließlich vom himmlischen Manna. Er drückte sich ungemein elegant aus und bildete sich nicht wenig auf seine Manieren ein; er war wohl auch ein schlimmer Schürzenjäger und hatte sicher Erfolg: die russischen Mädchen lieben die Beredsamkeit. Unter anderem gab er mir zu verstehen, daß er zuweilen die Gutsbesitzer in der Nachbarschaft und auch die Bürger in der Stadt besuche, Preférence spiele und mit Personen aus den Residenzstädten verkehre. Er lächelte meisterhaft und mit großer Abwechslung; besonders gut stand ihm das bescheidene, reservierte Lächeln, das auf seinen Lippen spielte, wenn er fremden Reden lauschte. Er hörte einen an, stimmte vollkommen bei, verlor aber dabei doch nicht das Gefühl der eigenen Würde und gab einem gleichsam zu verstehen, daß auch er bei Gelegenheit seine eigene Ansicht aussprechen könne. Jermolai, der keinen übermäßigen Schliff hatte und durchaus nicht „zart besaitet“ war, fing schon an, ihn zu duzen. Man muß das Lächeln gesehen haben, mit dem Wladimir „Sie“ zu ihm sagte.

„Warum haben Sie Ihr Gesicht mit einem Tuch umbunden?“ fragte ich ihn. „Haben Sie Zahnweh?“

„Nein,“ antwortete er, „das ist eher eine verderbliche Folge der Unvorsichtigkeit. Ich hatte einen Freund, einen ganz guten Menschen, der aber durchaus kein Jäger war, wie es oft vorkommt. Eines Tages sagte er zu mir: ‚Lieber Freund, nimm mich mal mit auf die Jagd: ich möchte gerne erfahren, worin dieses Vergnügen besteht.‘ Ich wollte es dem Freunde natürlich nicht abschlagen; ich verschaffte ihm meinerseits ein Gewehr und nahm ihn mit auf die Jagd. Wir jagten eine Zeitlang, wie es sich gehört, und wollten schließlich etwas ausruhen. Ich setzte mich unter einen Baum; er aber fing seinerseits an, mit seinem Gewehre allerlei Griffe zu üben und auf mich zu zielen. Ich bat ihn aufzuhören, aber infolge seiner Unerfahrenheit hörte er nicht auf mich. Der Schuss krachte, und ich verlor das Kinn und den Zeigefinger der rechten Hand.“

Wir kamen nach Ligow. Wladimir und Jermolai erklärten beide, daß man ohne ein Boot nicht jagen könne.

„Der Ssutschok hat ein Flachboot,“ bemerkte Wladimir, „ich weiß aber nicht, wo er ihn versteckt hat. Man müßte zu ihm hinüberlaufen.“

„Zu wem?“ fragte ich.

„Hier wohnt ein Mann mit dem Namen Ssutschok.“

Wladimir begab sich mit Jermolai zu Ssutschok. Ich sagte ihnen, daß ich sie bei der Kirche erwarten würde. Als ich die Gräber auf dem Kirchhofe besah, stieß ich auf eine vierkantige, schwarzgewordene Urne mit folgenden Inschriften; auf der einen Seite stand in französischen Lettern: „Ci gît Théophile-Henri, vicomte de Blangy“; auf der anderen: „Unter diesem Steine ruht der Leib des französischen Untertanen, Grafen von Blangyus; geboren im Jahre 1737, gestorben im Jahre 1799, im Alter von 62 Jahren“; auf der dritten: „Friede seiner Asche“; auf der vierten:

„Hier unter diesem Steine liegt ein Emigrant

Aus Frankreich; gleich berühmt durch Adel und Verstand.

Ach, lange mußte er um die gemordeten Seinen

Wie um sein Vaterland, das wüstgelegte, weinen!

Dann zog er eiligst fort, ging Rußlands Grenzen nach

Und fand im Alter hier ein gastfreundliches Dach.

Hier lehrt‘ er Kinder, gab den Eltern Trost und Frieden,

Nun hat der höchste Herr ihm Frieden hier beschieden.“

Das Erscheinen Jermolais, Wladimirs und des Mannes mit dem seltsamen Namen Ssutschok (Ästchen) unterbrach meine Betrachtungen.

Der barfüßige, zerlumpte und zerzauste Ssutschok schien ein ehemaliger Hofknecht und etwa sechzig Jahre alt zu sein.

„Hast du ein Boot?“ fragte ich ihn.

„Ich habe ein Boot,“ antwortete er mit dumpfer und gebrochener Stimme, „aber es ist gar zu schlecht.“

„Wieso?“

„Es ist aus dem Leim gegangen; alle Nieten sind aus den Löchern herausgefallen.“

„Ein großes Unglück!“ fiel ihm Jermolai ins Wort: „Man kann die Löcher mit Werg verstopfen.“

„Natürlich kann man das“, bestätigte Ssutschok.

„Wer bist du denn?“

„Der herrschaftliche Fischer.“

„Was bist du für ein Fischer, wenn dein Boot kaputt ist?“

„In unserem Flusse gibt’s ja auch keine Fische.“

„Die Fische lieben kein Sumpfwasser“, bemerkte mein Jagdgehilfe mit Wichtigkeit.

„Gut,“ sagte ich zu Jermolai, „geh mal hin, treib etwas Werg auf und bring uns das Boot in Ordnung, aber schnell!“

Jermolai ging.

„So werden wir vielleicht gar untergehen?“ fragte ich Wladimir,

„Gott ist gnädig“, antwortete er. „Jedenfalls darf man annehmen, daß der Teich nicht tief ist.“

„Er ist nicht tief,“ bemerkte Ssutschok, der eigentümlich, wie verschlafen, sprach, „aber auf dem Grunde ist Schlamm und Gras, er ist ganz mit Gras verwachsen und hat auch Untiefen.“

„Wenn es soviel Gras gibt,“ wandte Wladimir ein, „so wird man gar nicht rudern können.“

„Wer rudert auch auf einem Dostschannik? Man stößt einfach. Ich fahre mit Ihnen mit; ich habe eine Stange dabei, man kann es aber auch mit einer Schaufel machen.“

„Mit einer Schaufel geht es nicht gut, an manchen Stellen kann man vielleicht den Grund gar nicht erreichen,“ sagte Wladimir.

„Das stimmt, es geht nicht gut.“

In Erwartung Jermolais setzte ich mich auf einen Grabhügel. Wladimir trat des Anstandes wegen etwas auf die Seite und setzte sich ebenfalls. Ssutschok blieb auf demselben Fleck stehen, den Kopf auf die Brust gesenkt und die Hände nach alter Gewohnheit im Rücken.

„Sag‘ bitte“, begann ich, „bist du schon lange hier Fischer?“

„Es ist das siebente Jahr“, antwortete er zusammenfahrend.

„Und was hast du früher getrieben?“

„Früher fuhr ich als Kutscher.“

„Wer hat dich dann zum Fischer degradiert?“

„Die neue Herrin.“

„Was für eine Herrin?“

„Die uns gekauft hat. Sie kennen sie nicht: Aljona Timofejewna, so eine dicke . . . nicht mehr jung “

„Warum fiel es ihr ein, dich zu einem Fischer zu ernennen?“

„Das weiß Gott allein. Sie kam zu uns aus ihrem Erbgute, aus Tambow gefahren, ließ das ganze Hofgesinde versammeln und trat zu uns heraus. Wir küßten ihr erst die Hand, sie sagte nichts, nahm es nicht übel. . . Dann fing sie an, uns der Reihe nach auszufragen, wer sich womit beschäftigt, wer welches Amt versieht. Als die Reihe an mich kam, fragte sie: ‚Was bist du gewesen?‘ Ich antworte: .Kutscher‘. – ‚Kutscher? Was bist du für ein Kutscher? Sieh dich nur an: was bist du für ein Kutscher? Es paßt für dich gar nicht, Kutscher zu sein, du wirst bei nur Fischer sein und wirst dir den Bart abnehmen. Wenn ich herkomme, stellst du den Fisch für die herrschaftliche Tafel, hörst du es? . . .‘ Seit jener Zeit bin ich Fischer. ‚Du sollst mir den Teich gut im Stande halten . . .‘ Wie soll ich ihn aber im Stande halten?“

„Wem habt ihr früher gehört?“

„Dem Sergej Sergejitsch Pechterew. Er hat uns geerbt. Aber er hat uns nicht lange besessen, im ganzen sechs Jahre. Bei dem war ich Kutscher . . . aber nicht in der Stadt, in der Stadt hatte er andere, – sondern auf dem Lande.“

„Bist du von Jugend auf immer Kutscher gewesen?“

„Ach wo, Kutscher! Kutscher bin ich erst bei Sergej Sergejitsch geworden, vorher war ich aber Koch, – nicht in der Stadt, sondern auf dem Lande.“

„Bei wem bist du Koch gewesen?“

„Beim früheren Herrn Afanassij Nefedytsch, dem Onkel Sergej Sergejitschs. Afanassij Nefedytsch hatte Ligow gekauft, und Sergej Sergejitsch hat das Gut geerbt.“

„Von wem hat er es gekauft?“

„Von Tatjana Wassiljewna.“

„Von was für einer Tatjana Wassiljewna?“

„Von der, die im vorvorigen Jahre bei Bolchowo gestorben ist, ich will sagen bei Karatschowo, als alte Jungfer. . . Die war niemals verheiratet gewesen. Haben Sie sie nicht gekannt? Wir kamen zu ihr von ihrem Vater Wassilij Semjonytsch. Sie hat uns lange besessen . . . an die zwanzig Jahre.“

„Nun, bist du bei ihr Koch gewesen?“

„Anfangs war ich wirklich Koch, dann machte sie mich zum Kaffeeschenken.“

„Zu was?“

„Zum Kaffeeschenken.“

„Was ist das für ein Amt?“

„Ich weiß es nicht, Väterchen, Ich war beim Büfett angestellt und wurde Anton und nicht Kusjma genannt. So hatte es die Gnädige zu befehlen geruht.“

„Ist dein richtiger Name Kusjma?“

„Ja, Kusjma.“

„Und bist du die ganze Zeit Kaffeeschenk gewesen?“

„Nein, nicht die ganze Zeit; ich war auch Schauspieler.“

„Wirklich?“

„Gewiß . . . ich spielte Theater. Unsere Gnädige hatte ein Theater eingeführt.“

„Was für Rollen hast du denn gespielt?“

„Wie meinen?“

„Was hast du auf dem Theater gemacht?“

„Wissen Sie es denn nicht? Man nimmt mich und kleidet mich an; so gehe ich angekleidet herum oder stehe oder sitze, wie es sich trifft. Man sagt mir: sag‘ dies und das, und ich sage es. Einmal stellte ich einen Blinden dar . . . Unter jedes Augenlid hat man mir eine Erbse gesteckt. . . Gewiß!“

„Und was bist du nachher gewesen?“

„Nachher wurde ich wieder Koch.“

„Warum hat man dich zum Koch degradiert?“

„Weil mein Bruder durchgebrannt war.“

„Und was bist du beim Vater deiner ersten Herrin gewesen?“

„Bei dem hatte ich verschiedene Ämter: erst war ich Diener, dann Vorreiter, Gärtner, einmal auch Piqueur.“

„Piqueur? . . . Bist auch mit Hunden ausgeritten?“

„Bin auch mit Hunden ausgeritten, einmal stürzte ich aber mit dem Pferd, und das Pferd nahm Schaden. Der alte Herr war sehr streng: er ließ mich mit Ruten züchtigen und nach Moskau zu einem Schuster in die Lehre bringen.“

„Wieso in die Lehre? Du warst doch wohl nicht als kleines Kind Piqueur geworden?“

»Ja, ich war einige und zwanzig.“

„Was ist es für eine Lehre mit zwanzig Jahren?“

„Das geht schon, wenn’s der Herr befiehlt. Aber er starb zum Glück bald, und so kam ich wieder aufs Land.“

„Wann hast du denn die Kochkunst erlernt?“

Ssutschok hob sein mageres gelbes Gesicht und lächelte.

„Braucht man denn das zu lernen? … Die Weiber kochen doch!“

„Nun,“ sagte ich, „du hast schon so manches erlebt, Kusjma! Was machst du nun als Fischer, wo es keine Fische gibt?“

„Ich kann mich nicht beklagen, Väterchen. Ich danke Gott, daß man mich zum Fischer gemacht hat. Einen anderen, einen ebenso alten Mann wie ich, Andrej Pupyrj, hat man in die Papierfabrik, an die Bütte gestellt, die Herrin hat es befohlen. Es sei Sünde, sein Brot umsonst zu essen . . . Pupyrj hatte aber auf Gnade gehofft: sein Großneffe sitzt im herrschaftlichen Kontor als Kontorist: der hatte versprochen, es der Gnädigen zu melden, sie daran zu erinnern. So hat er sie daran erinnert! . . . Pupyrj hatte sich vor seinem Neffen bis zur Erde verbeugt, ich habe es selbst gesehen.“

.,Hast du Familie? Bist du verheiratet gewesen?“

„Nein, Väterchen, niemals. Die selige Tatjana Wassiljewna, Gott schenke ihr ewige Ruhe, erlaubte niemand zu heiraten. Gott bewahre! Sie pflegte zu sagen: ,Ich lebe doch auch unverheiratet, heiraten ist Dummheit! Was wollen die Leute?“

„Wovon lebst du denn jetzt? Bekommst du ein Gehalt?“

„Was für ein Gehalt, Väterchen. . . Ich kriege meine Verpflegung und muß auch dafür Gott danken! Ich bin sehr zufrieden. Gott schenke unserer Herrin ein langes Leben!“

Jermolai kam zurück. „Das Boot ist in Ordnung“, sagte er düster. „Hol‘ deine Stange, du!“

Ssutschok lief nach der Stange. Während meines Gespräches mit dem armen Alten hatte der Jäger Wladimir ihn mit einem verächtlichen Lächeln angesehen.

„Ein dummer Mensch,“ sagte er, als jener gegangen war, „ein durch und durch ungebildeter Mensch, ein Bauer und weiter nichts. Man kann ihn gar nicht als zum Hofgesinde gehörig ansehen . . . Er hat auch alles gelogen . . . Wie soll er Schauspieler gewesen sein, urteilen Sie doch selbst! Es war vergebliche Mühe, mit ihm zu sprechen.“

Nach einer Viertelstunde saßen wir schon in Ssutschoks Flachboot. (Die Hunde hatten wir unter der Aufsicht des Kutschers Jehudiel in einem Hause zurückgelassen.) Wir hatten es nicht sehr bequem, aber die Jäger sind nicht wählerisch. Am hinteren stumpfen Ende stand Ssutschok und „stieß“; ich und Wladimir saßen auf dem Querbänkchen; Jermolai hatte vom an der äußersten Spitze Platz gefunden. Trotz des Werges befanden sich unsere Füße bald im Wasser. Zum Glück war es windstill und der Teich lag wie schlafend da.

Wir bewegten uns langsam vorwärts. Der Alte hatte große Mühe, aus dem zähen Schlamm seine lange Stange herauszuziehen, die ganz von den grünen Fäden der Wasserpflanzen umschlungen war; die dicht beieinander gedrängten runden Blätter der Sumpflilien hinderten auch die Bewegung unseres Bootes. Endlich erreichten wir das Schilf, und nun ging das Vergnügen los. Die Enten erhoben sich mit großem Lärm von der Teichoberfläche, durch unser plötzliches Erscheinen auf ihren Besitzungen erschrocken, und die Schüsse knallten ihnen nach: es war lustig, zu sehen, wie die kurzschwänzigen Vögel sich in der Luft überschlugen und schwer auf das Wasser plumpsten. Wir konnten alle angeschossenen Enten natürlich nicht holen: die leicht verwundeten tauchten unter; manche, die sofort getötet waren, fielen in einen so dichten Maier, daß selbst Jermolais Luchsaugen sie nicht entdecken konnten; dennoch füllte sich unser Boot um die Mittagsstunde bis an den Rand mit Wild.

Wladimir schoß, zum großen Troste Jermolais, gar nicht so vorzüglich; nach jedem Fehlschusse wunderte er sich, untersuchte seine Flinte, blies in den Lauf und erklärte uns schließlich den Grund, warum er fehlgeschossen habe. Jermolai schoß wie immer glänzend; ich, meiner Gewohnheit nach, ziemlich schlecht. Ssutschok betrachtete uns mit den Augen eines Menschen, der von jung auf in herrschaftlichen Diensten steht; ab und zu rief er: „Da, da ist noch eine Ente!“ und kratzte sich fortwährend den Rücken, aber nicht mit den Händen, sondern durch eine bloße Bewegung der Schulterblätter. Das Wetter war herrlich: weiße, runde Wolken schwebten langsam und hoch über unseren Köpfen dahin und spiegelten sich klar im Wasser; das Schilf rauschte um uns herum; der Teich glänzte stellenweise in der Sonne wie Stahl. Wir wollten schon ins Dorf zurückkehren, als wir plötzlich ein recht unangenehmes Abenteuer erlebten.

Wir hatten schon längst merken können, daß das Wasser allmählich in unser Flachboot hereinsickerte. Wladimir hatte den Auftrag, es mittels einer Schöpfkelle zu entfernen, die mein umsichtiger Jäger einem Bauernweibe, das sich gerade auf etwas vergaffte, entwendet hatte. Die Sache ging ordentlich, solange Wladimir seine Pflicht nicht vernachlässigte. Aber gegen das Ende der Jagd stiegen die Enten wie zum Abschiede in solchen Schwärmen auf, daß wir kaum Zeit hatten, unsere Gewehre zu laden. Im Eifer des Gefechts achteten wir nicht mehr auf den Zustand unseres Bootes, als plötzlich, infolge einer heftigen Bewegung Jermolais (er bemühte sich, einen erschossenen Vogel aus dem Wasser zu holen und beugte sich mit dem ganzen Körper über den Rand), unser altersschwaches Schiff sich auf die Seite neigte, sich mit Wasser füllte und feierlich sank, glücklicherweise an einer nicht tiefen Stelle. Wir schrien auf, aber es war schon zu spät. In einem Augenblick standen wir bis an den Hals im Wasser, umgeben von den schwimmenden Körpern der toten Enten. Heute kann ich mich nicht des Lachens enthalten, wenn ich an die erschrockenen und blassen Gesichter meiner Genossen zurückdenke (auch mein Gesicht zeichnete sich damals wohl kaum durch besondere Röte aus); aber damals kam es mir gar nicht in den Sinn, zu lachen. Ein jeder von uns hielt sein Gewehr über den Kopf, und Ssutschok hob, wohl aus Gewohnheit, alles seinen Herren nachzumachen, seine Stange über den Kopf. Jermolai brach als erster das Schweigen. „Verflucht!“ murmelte er und spuckte ins Wasser. „Eine schöne Bescherung! Das hast du, alter Teufel, angestellt!“ fügte er, wütend an Ssutschok gewandt, hinzu: „Was hast du auch für ein Boot?“

„Verzeihung!“ stammelte der Alte.

„Auch du bist nett“, fuhr mein Jäger fort und wandte sein Gesicht Wladimir zu: „Wie hast du aufgepaßt? Warum hast du nicht das Wasser geschöpft? Du, du, du. . .“

Wladimir dachte aber gar nicht an eine Rechtfertigung: er zitterte wie Espenlaub, seine Zähne klapperten, und er lächelte ganz blöde. Wo war jetzt seine Beredsamkeit, sein raffiniertes Anstandsgefühl, sein Bewußtsein der eigenen Würde!

Der verdammte Dostschannik schwankte leicht unter unseren Füßen . . . Im Augenblick des Schiffsunterganges kam uns das Wasser furchtbar kalt vor, aber wir gewöhnten uns bald daran. Als der erste Schreck vergangen war, sah ich mich um: ringsum, zehn Schritte um uns wuchs Schilf, in der Ferne, über den Spitzen des Schilfes war das Ufer zu sehen. „Es ist schlimm“, dachte ich mir.

„Was sollen wir anfangen?“ fragte ich Jermolai.

„Das werden wir schon sehen; übernachten werden wir hier nicht“, antwortete er. „Du, halt mal das Gewehr“, sagte er zu Wladimir.

Jener gehorchte ohne Widerrede.

„Ich will gehen und eine Furt suchen“, fuhr Jermolai mit fester Überzeugung fort, als wenn in jedem Teiche unbedingt eine Furt sein müßte; er nahm Ssutschok die Stange aus der Hand und ging, den Boden vorsichtig betastend, in der Richtung zum Ufer.

„Kannst du denn zu schwimmen?“ fragte ich ihn.

„Nein, ich kann nicht“, antwortete seine Stimme hinter dem Schilfe.

„Nun, dann wird er ertrinken“, bemerkte Ssutschok gleichgültig, der auch vorher schon nicht über die Gefahr, sondern nur über unseren Zorn erschrocken war und nun, vollkommen beruhigt, nur ab und zu schnaubte und keinerlei Bedürfnis nach einer Änderung seiner Lage äußerte.

„So ganz ohne Nutzen zugrunde gehen“, versetzte Wladimir mit klagender Stimme.

Jermolai blieb länger als eine Stunde aus. Diese Stunde erschien uns als eine Ewigkeit. Anfangs riefen wir uns mit großem Eifer an; dann beantwortete er immer seltener unsere Rufe und verstummte schließlich ganz. Im Dorfe läutete man zum Abendgottesdienst. Wir sprachen nicht miteinander und vermieden sogar, einander anzusehen. Die Enten schwirrten über unseren Köpfen; einige von ihnen machten sogar Anstalten, sich neben uns niederzulassen, stiegen aber plötzlich schnurgerade auf und flogen mit Geschrei davon. Wir fingen an, vor Kälte steif zu werden. Ssutschok bewegte schwer die Augenlider, als wollte er einschlafen.

Endlich kam zu unserer unbeschreiblichen Freude Jermolai wieder zurück.

„Nun?“

„Ich war am Ufer, habe eine Furt gefunden . . . Kommen Sie.“

Wir wollten uns sofort auf den Weg machen, aber er holte erst unter dem Wasser aus der Tasche einen Strick hervor, band die geschossenen Enten an den Beinen fest, nahm beide Enden des Strickes zwischen die Zähne und watete voraus; Wladimir folgte ihm und ich Wladimir. Ssutschok beschloß den Zug. Bis ans Ufer waren es etwa zweihundert Schritt. Jermolai schritt tapfer und ohne stehen zu bleiben voraus (so gut hatte er sich den Weg gemerkt) und rief nur ab und zu: „Mehr links, hier rechts ist eine Untiefe!“ oder: „Mehr rechts, links kann man im Schlamme versinken…“ Das Wasser reichte uns zuweilen bis an den Hals, und der arme Ssutschok, der kleiner als wir alle war, mußte Wasser schlucken und ließ Blasen aufsteigen. „Nun, nun, nun!“ schrie ihn dann Jermolai drohend an, und Ssutschok krabbelte sich heraus, zappelte mit den Beinen, hüpfte und kam schließlich doch auf eine seichtere Stelle, aber selbst in höchster Not konnte er sich nicht entschließen, sich an meinem Rockschöße festzuhalten. Furchtbar müde, schmutzig und naß erreichten wir schließlich das Ufer.

Zwei Stunden später saßen wir schon alle, nach Möglichkeit getrocknet, in einem großen Heuschuppen und schickten uns an, zu Abend zu essen. Der Kutscher Jehudiel, ein außerordentlich langsamer, schwerfälliger, vernünftiger und verschlafener Mensch, stand am Tore und traktierte Ssutschok eifrigst mit Tabak. (Ich habe bemerkt, daß die Kutscher in Rußland sich sehr schnell befreunden.) Ssutschok schnupfte mit besessen bis zur Übelkeit; er spuckte, hustete und empfand wohl einen großen Genuß. Wladimir neigte den Kopf mit schmachtender Miene auf die Seite und sprach wenig. Jermolai rieb unsere Gewehre ab. Die Hunde wedelten mit übertriebener Geschwindigkeit mit ihren Schwänzen in Erwartung ihres Haferbreies; die Pferde stampften und wieherten unter dem Schutzdach . . . Die Sonne ging unter; ihre letzten Strahlen zogen sich als purpurrote breite Streifen hin; goldene Wölkchen breiteten sich immer feiner wie gewaschene und gekämmte Wolle über den Himmel aus . . . Im Dorfe erklangen Lieder.

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