Landhaus Energie

Aus. Lebenslinien 3.Teil, 3.Kap.

Die eigene Scholle. Das Bedürfnis, auf eigenem Grund und Boden zu sitzen, war väterliches Erbgut. Es ist seinerzeit erzählt worden (I, 5), daß mein Vater seine ersten Ersparnisse dazu verwendet hat, sich ein eigenes Häuschen zu erwerben. Auch nach dem unverschuldeten wirtschaftlichen Zusammenbruch, aus dem er sich so tapfer wieder emporgearbeitet hatte, setzte er einen erheblichen Teil seines neu erworbenen Vermögens in Landbesitz um, auf dem er zufrieden starb.

Die nomadische Daseinsform des Deutschen Professors ist ein großes Hindernis für die Betätigung solcher Neigung zur Bodenständigkeit. Gilt doch in diesem Kreise der Aberglaube, daß der Erwerb eines eigenen Hauses ein nahezu sicheres Mittel sei, die Schicksalsmächte zur Bewirkung einer Ortsveränderung zu veranlassen.

In meinem Falle war das freilich nicht zu erwarten. Meine Wanderjahre waren sehr kurz gewesen, da auf Riga alsbald Leipzig gefolgt war. Und »von Leipzig wird man nicht fortberufen«, hörte ich meine Kollegen beständig sagen, »denn Leipzig ist der Professo renhimmel«. Mir war dies zunächst durchaus willkommen, da die Ausbildung des Laboratoriums zur Weltzentrale der physikalischen Chemie eine Arbeit von langer Hand war, die durch eine Ortsveränderung nur gestört worden wäre; auch konnte ich nirgend günstigere Beziehungen zu der vorgesetzten Behörde erhoffen, als ich sie in Sachsen angetroffen hatte.

Zwar der Minister Gerber, der meine Berufung getätigt hatte, kam für die Pflege des Gebietes nicht viel in Betracht. Karl Ludwig berichtete mir einige Zeit nach meinem Amtsantritt, noch ganz rot vom gehabten Ärger, daß der Minister ihm gesagt habe, er halte nichts von der physikalischen Chemie. Denn dieser verstand als Jurist nichts von der Sache und hatte keine Ahnung von ihren Möglichkeiten; auch dürfen wohl kollegiale Einflüsse seine Einstellung veranlaßt haben. Er starb aber bald hernach, und sein Amtsnachfolger v. Seydewitz nahm, wie berichtet wurde, eine ganz gegensäztliche Stellung ein, indem er amtlich und persönlich alles tat, was in seiner Macht stand, um mir meine Arbeit zu erleichtern. Es war dies eine ganz objektive Haltung, da ich niemals zu ihm in ein persönliches oder gesellschaftliches Verhältnis getreten bin.

Erste Ansätze. Der Wunsch nach eigenem Grundbesitz erwachte durch die zunehmende Schwierigkeit, den heranwachsenden Kindern den nötigen »Auslauf« zu verschaffen. In dem Maße, wie sie schulpflichtig wurden, vergrößerte sich diese Schwierigkeit, da die Schulferien großenteils außerhalb der Universitätsferien lagen und ich meine Familie allein auf die Reise schicken mußte.

Als erste Abhilfe erstand ich einen »Schrebergarten« im Johannistal, einer in unmittelbarer Nachbarschaft des Instituts und meiner Amtswohnung belegenen Gartenkolonie. Diese für den Großstädter so segensreiche Erfindung ist in Leipzig von einem praktischen Arzt Dr. Schreber gemacht worden, dem auch im Johannistal ein bescheidenes Denkmal, eine kaum lebensgroße gußeiserne Büste auf einem niedrigen Sockel, dafür errichtet worden war. Es diente der in den Gärten zahlreich vorhandenen Jugend als Ziel für mancherlei Wurfgeschosse und sah deshalb immer sehr mitgenommen aus. Doch zweifle ich nicht, daß dies dem Urbild des Denkmals nur Vergnügen gemacht hätte, wenn ihm davon Kenntnis geworden wäre.

Ein günstiger Zufall gab mir einen ganz nahen Garten an die Hand, in den man von den Fenstern der Institutswohnung hineinsehen konnte. So war es möglich, die Kinder ohne Umstände hinüberlaufen zu lassen und sie nötigenfalls durch verabredete Signale ins Haus zu rufen.

Das Gärtchen war zwar nur klein, dafür aber alt und dicht mit Gesträuch bewachsen; ein bejahrtes Gartenhaus mit geheimnisvollem Keller und Boden steigerte seinen Wert für die Kinder in hohem Maße. Sie erforschten es denn auch in allen Ecken und Winkeln, stellten fest, wo die meisten Schnecken zu finden waren, zwischen denen sie Wettrennen veranstalteten und fanden nach Kinderart unerschöpfliche Quellen für die unerwartetsten Betätigungen in dem kleinen Raum.

Auch mir persönlich war das Gärtchen willkommen. Ich bin oft genug mit meinem Schreibgerät hinübergezogen, wenn ich für meine Bücher eine Stunde ungestörten Nachdenkens brauchte, die im Hause nicht so leicht zu beschaffen war. Ich kann mir noch die glücklichen Gefühle unbeschränkter Schaffenslust zurückrufen, die ich dort in den ersten Jahren erlebte. Ebenso sind freilich mit dem gleichen Ort die ersten schmerzlichen Erfahrungen verbunden, wenn das übermäßig beanspruchte Gehirn nicht mehr so bereitwillig die Gedanken bilden wollte, die ich in Umrissen als Ziel der Arbeit vor mir sah und nun dauerhaft und klar gestalten wollte.

Wie es kam. Als 1896 das neuerbaute Institut bezogen wurde, fand sich dort auch Raum für ein Gärtchen. Es war aber noch kleiner, als der Schrebergarten im Johannistal und von der Straße nur durch ein eisernes Gitter geschieden, lag also den Blicken der Vorübergehenden offen. Für meine Bedürfnisse war durch eine große Veranda gesorgt, auf der ich bei warmem Wetter arbeiten konnte, mit einem Blick auf den Hauptteil des Laboratoriums. Die Kinder aber zogen hierbei den kürzeren und vermißten sehr die heimlichen Winkel des alten Gartens.

Um ihnen etwas Abwechselung zu schaffen, schickte ich meine drei Jungen eines Sonntags im Jahre 1901 auf eine Entdeckungsreise. In der Zeitung war mein Blick zufällig auf eine Anzeige gefallen, in der ein »romantisch« gelegenes Grundstück in Groß-Bothen ausgeboten wurde. Das Eisenbahnbuch belehrte uns, daß Groß-Bothen in der Nähe des Städtchens Grimma lag, das ich gelegentlich mit Malkasten und Klappstuhl besucht und für meine Zwecke recht ausgiebig gefunden hatte. Auch hatten wir einmal Sommerfrische in Grimma abgehalten. Ohne ernstlich an einen Kauf zu denken, fand ich den Anlaß doch hinreichend, um die Kinder zu beauftragen, sich das Grundstück anzusehen und uns darüber zu berichten.

Sie kamen am Abend zurück, ganz erfüllt von dem Geschauten und mit einem Indianergeheul uns anflehend, diese Herrlichkeit zu kaufen. Bei mir handelte es sich um einen alten und starken Wunsch, den zu befriedigen ich schon mehrere Anläufe genommen hatte. Einmal war sogar schon der Kauf eines Grundstückes am Vierwaldstätter See zunächst Brunnen getätigt und ein Rechtsanwalt mit der Durchführung beauftragt worden; doch trat der Besitzer im letzten Augenblick von dem bereits geschlossenen Vertrag zurück und ich mochte mich nicht auf einen Rechtsstreit darüber einlassen. Hier schien sich nun eine Möglichkeit zu bieten, den Gedanken auszuführen.

Da die Eisenbahnfahrt trotz der vielen Haltepunkte unterwegs nur eine Stunde dauerte, entschlossen wir Eltern uns endlich, den Bitten der Kinder nachzugeben. Wir fanden ein altes Haus, für eine Sommerwohnung geräumig genug, in höchst verwahrlostem Zustande, aber umgeben von einem Gelände, das wirklich reizvoll war. Von Osten nach Westen zog sich ein weites Tal, in welchem früher der Muldefluß geströmt war. Gegenwärtig floß er einige Kilometer weiter nördlich und im Tal war nur ein schmales Bächlein nachgeblieben. An der nördlichen Talwand, also frei nach Süden abfallend, lag das Grundstück, das am oberen Rande das Haus trug. Von diesem senkte sich ein Obstgarten ins Tal hinab, der unten in eine weite Wiese auslief. Daneben war noch Raum für ein Kiefer- und ein Eichenwäldchen; alte Birken beschatteten das Haus. In unmittelbarer Nachbarschaft erhob sich ein Porphyrkegel, wie solche dort zahlreich die Moränenlandschaft durchbrechen. Ein stundenweiter Wald, der bis Grimma reichte, schloß sich nach Westen unmittelbar an das Grundstück.

Im ganzen war es eine Landschaft, wie ich sie brauchte: anmutig und abwechslungsreich, aber nicht aufregend und anspruchsvoll. Mir leuchtete also die Sache ein. Ich hatte um jene Zeit reichliche Einnahmen aus meiner Bücherschreiberei und konnte den Kauf tätigen, ohne eine ernstliche Lücke in meine Ersparnisse zu reißen.

Meine Frau war entsetzt von der Unordnung und Verwilderung, in der sich Haus und Garten befanden. Das Anwesen war von einer Witwe erbaut worden, die dort viele Jahre ein zurückgezogenes Dasein geführt hatte. Es war nach ihrem Tode durch verschiedene Hände gegangen, die es mehr und mehr verwahrlosen ließen. Ein hochbejahrtes bäuerliches Ehepaar hatte inzwischen das Haus beaufsichtigt und der von ihnen bewohnte Raum trug nicht dazu bei, das Ganze appetitlicher zu machen. So bedurfte es einiger Überredung, um die Zustimmung meiner Frau zu gewinnen. Denn »auf mich kommt schließlich die Arbeit des Aufräumens und Einrichtens«, sagte sie, und das mit Recht.

So wurde Haus und Garten gekauft und ich durfte mich zum ersten Male als Grundbesitzer fühlen. Die umständlichen Vorgänge beim Eintragen in das Grundbuch und Eintritt in die Dorfgemeinde verstärkten den Eindruck des Besonderen, das mit mir vorgegangen war und bereiteten die Einsicht vor, daß Grundbesitz etwas wesentlich anderes bedeutet, als Geldbesitz oder irgend ein anderes Eigentum. Erst nach vielen Jahren gestalteten sich diese Eindrücke zu den Einsichten aus, die mich zu einem überzeugten Anhänger des Bodenreformgedankens gemacht haben.

Es kamen nämlich noch energetische Betrachtungen hinzu, welche ergeben, daß jeder Mensch ohne Ausnahme gleichsam durch eine Nabelschnur mit einer bestimmten Bodenfläche verbunden ist, welche die chemische Energie sammelt, deren er zu seinem Dasein bedarf. Diese Verbindung kann sehr lang und verwickelt sein, sie ist aber immer notwendig vorhanden, weil kein Mensch ohne jenen Energieverbrauch leben kann. Und ein Volk ist um so gesunder und leistungsfähiger, je unmittelbarer die Verbindung des Einzelnen mit seinem Nährboden ist. Denn mit der Länge der Verbindung nimmt der Verlust durch Transport und Aufbewahrung zu, unter gleichzeitiger Verminderung der Güte der Nahrung.

Landhaus Energie. Um den neuen Besitz von der gröbsten Vernachlässigung zu befreien, schickte ich meinen ältesten Sohn mit seinem Lehrerfreunde Brauer (meinem späteren Mitarbeiter am Stickstoffproblem) während der Ferien hinaus. Sie schlugen ein primitives Lager in einem der Zimmer auf und brachten es nach einigen Wochen so weit, daß die Scheuerkolonnen einrücken konnten, um die Räume bewohnbar zu machen.

Meine Frau leitete die Ansiedlung mit gewohnter Tatkraft; eine genügende Einrichtung mit einfachsten Möbeln wurde beschafft und endlich ging der glückliche Tag auf, wo wir in das eigene Heim übersiedeln konnten.

Am glücklichsten waren die Kinder, die an so ausgedehnte Gebiete für Erforschung und Spiel nicht gewöhnt waren und aus einer Freude in die andere fielen. Der Eindruck war so stark, daß ihnen noch heute die »Energie«, wie ich das Grundstück alsbald benannte, bei jeder neuen Anwesenheit ein erhöhtes und gleichzeitig beruhigtes Lebensgefühl auslöst. Die Wirkung ist mit unveränderter Stärke auch auf die Enkelkinder übergegangen, denen die Begriffe Energie und Paradies ungefähr gleichbedeutend geworden sind. Und ich erquicke mich immer wieder an dem Gedanken, daß es auch den künftigen Geschlechtern aus diesem Stamm ebenso gehen und die »Energie« sich dauernd als Quelle oder Nährboden tüchtiger Leistungen bewähren wird.

Auch an mir hat sich die »Energie« von Anfang an gut bewährt. Ich habe dort zunächst die Niederschrift meiner »Vorlesungen über Naturphilosophie« hergestellt und hege den Glauben, daß etwas von der Frische und Anmut der neuen Umgebung seinen Weg zwischen die Blätter dieses Buches gefunden hat. Vielleicht auch etwas von der Naturwüchsigkeit oder Verwilderung des eben erst erworbenen Besitzes.

Natürlich gab es neben der Schreibarbeit noch sehr reichlich Handarbeit. Den größten Teil der Wege in dem ganz verwilderten Wäldchen habe ich selbst mit Beil, Hacke und Spaten gerodet und geebnet; dazu gab es im Hause mancherlei zu nageln, zu sägen, zu leimen, was ich mit Vergnügen trieb.

Verhältnismäßig am meisten Arbeit und am wenigsten Freude hatte meine Frau von dem neuen Besitz. Bedeutete er doch eine Verdoppelung des Haushaltes und der Sorge um seine Instandhaltung. Zwar bemühten wir uns alle, durch überzeugte Anspruchslosigkeit der Lebensführung ihr die Arbeit tunlichst zu erleichtern, und die Töchter griffen gern zu, wo es ihnen erlaubt wurde. Aber die Last ruhte doch wesentlich auf ihren Schultern.

Dennoch glaube ich, daß mancher schöne Sommerabend unter Blumenduft und Leuchtkäferschimmer, mancher taufrische Sonnenmorgen mit Finkenschlag und Kuckucksruf aus dem nahen Walde sie erquickt und ihr ein Gefühl von den guten Seiten des neuen Zustandes gegeben hat.

Eingewöhnung. Zunächst diente uns der neue Besitz nur als Sommerfrische. Mit dem Beginn der Schulferien siedelte meine Frau nebst den Kindern nach der Energie über, während mich das Universitätssemester noch in Leipzig zurückhielt und ich nur am Sonnabend bis Montag hinausfuhr. Dann gab es einige Wochen gemeinsamer Ferien, bis der Schulanfang Mutter und Kinder wieder nach Leipzig rief. Meist machte ich dann allein eine Reise. Zuweilen machten wir auch kürzere Besuche im Spätherbst und während der Weihnachtsferien.

Die Verwaltung des Hauses war dem erwähnten alten Ehepaar anvertraut, das Haus, Garten und Wiesen in Ordnung hielt, wie sie es verstanden. Sie waren ehrlich und zuverlässig, es war aber nicht leicht, ihnen abzugewöhnen, unsere Wohnzimmer während unserer Abwesenheit als Abstellräume für Eier, Korn und andere Vorräte zu benutzen. Für die Bewirtschaftung der Wiesen und Äcker wurde ein Esel gekauft, der sich als ein ebenso nützlicher wie angenehmer Hausgenosse erwies.

In seinen zahlreichen Mußestunden beschäftigte sich der Hausmann mit der Herstellung von plastischen Gebilden aus Holz, Leder und Zeugflicken, welche Bauern und Handwerker darstellten. Sie waren vor ihrer Zeit an das Licht gekommen, denn sie hätten in den letzten Jahren mit den Negerplastiken und den Gemälden von H. Rousseau erfolgreich in Wettbewerb treten können. Er schenkte mir eine Anzahl, doch habe ich sie nicht verwahrt, sondern den Kindern zum Spielen gegeben, die sie dankbar annahmen.

Die mannigfaltigen Wohnversuche auf der Energie stärkten in mir die Überzeugung, daß ein dauerndes Leben dort nach zweckmäßigem Ausbau des Hauses nicht nur möglich, sondern höchst erfreulich sein würde. Bei meiner Frau war das Vertrauen dafür sehr viel geringer.

Einfluß auf die Lebensgestaltung. Bei dem Konflikt mit der philosophischen Fakultät der Universität Leipzig, der zu meinem Ausscheiden führte, wurde mein Verhalten ganz wesentlich durch den Besitz der »Energie« mitbestimmt. Da ich wußte, wo ich mich und die Meinen gegebenenfalls unterbringen konnte, hatte die Trennung vom Amt und der dazugehörigen Amtswohnung keine Schrecken für mich, so hübsch und zweckmäßig diese auch geraten war. Ich empfand sogar eine gewisse Beruhigung dabei. Denn ich hatte es wiederholt ansehen müssen, wie nach dem Tode eines Kollegen, der Amtswohnung hatte, die Familie gezwungen war, die Räume zu verlassen, in denen sie ein Menschenalter hindurch gewohnt hätte. Mir waren solche Notwendigkeiten, die ja unvermeidlich sind, immer als eine Grausamkeit erschienen, da sie auf die Hinterbliebenen zu einer Zeit drückten, wo diese ohnehin in tiefes Leid versenkt war. Da auch bei mir ein früher Tod denkbar war, sorgte ich mich um solche Möglichkeiten für die Zukunft meiner Familie und begrüßte deren Ausschluß mit dem Gefühl einer großen Erleichterung.

Abrundung und Erweiterung. Bald nach dem Ankauf des Grundstückes wurde mir ein unmittelbar angrenzender Streifen Landes angeboten, dessen Besitzer gleichfalls dort Sommerfrische hatte halten wollen; seine Mittel hatten aber nur zur Erbauung einer Laube aus Stangen gereicht. Ich kaufte es, obwohl der Preis viel zu hoch war, weil es die mehrfach geknickte Grenzlinie meines Grundstückes an einer Stelle angenehm abglich. Die Neigung zur Abrundung, welche sich oft bis zur Leidenschaft steigern kann, wurde auch bei mir wirksam. Ein Grenzstück nach dem andern ging in meinen Besitz über, wobei mich die verkaufenden Bauern meist wacker über das Ohr hauten. Aber wenn ich auf solche Weise meinen Bargeldvorrat vermindert hatte, traf meist bald das Honorar für ein neues Buch oder die neue Auflage eines früheren Werkes ein und stellte das gestörte Gleichgewicht wieder her.

Dies setzte sich durch die Jahre so lange fort, bis meine Grenzen fast überall auf Straßen oder Wege stießen oder weitere Ausdehnung durch den fiskalischen Wald unmöglich gemacht wurde. Selbst während der Kriegszeit fand ich noch Gelegenheit, einige Äcker zu erwerben, die meinen Besitz bis zur Landstraße ausdehnten. Immer bezahlte ich den Erwerb bar, so daß er völlig schuldenfrei blieb. Ich konnte allerdings nicht recht angeben, wozu ich all das Land kaufte und hatte zuweilen ein etwas schlechtes Gewissen dabei, als fröhnte ich einer zwecklosen und kostspieligen Leidenschaft. Da dies aber die einzige derartige war, ließ ich sie gelten.

Der Name. Die Beruhigung meines Gemüts durch den Grundbesitz ist auch mitbestimmend bei der Namengebung gewesen. Wenn ich den neuen Besitz etwa in üblicher Weise nach meiner Frau Helenenruh genannt hätte, so hätte es wie eine böse Ironie geklungen, da er ihr sicherlich wenigstens zunächst vielmehr Unruhe gebracht hatte. Dagegen leuchtete mir der Name Energie, an den ich anfangs nur im Scherz gedacht hatte, immer mehr ein. Denn ich hatte wenige Jahre vorher erfahren, welche entscheidende Rolle die Energie nicht nur für die Gestaltung der Welt, sondern auch für die meines persönlichen Schicksals gespielt hat und dauernd spielte. Das Landhaus stellte sich mir als ein stets bereites Mittel dar, neue Energien zu sammeln, wenn ich die vorhandenen wieder einmal aufgebraucht hatte, und es konnte eigentlich gar keinen passenderen Namen erhalten, als Energie.

So ließ ich diesen Namen über den Eingang des Hauses schreiben. Einigen Dorfgenossen aber war das Wort unbekannt und sie nannten das Haus gemäß dem landesüblichen Sprachklang »Anarchie«.

Neubau und Übersiedlung. Nachdem mein Fortgang entschieden war, ging ich alsbald daran, das Haus zur Dauerwohnung für meine Familie und mich auszubauen. Es fand sich ein junger Architekt namens Munde, der sich an einigen meiner Schriften erfreut und erbaut hatte und deshalb gern die Aufgabe übernahm, die er auch sachgemäß und gewissenhaft durchgeführt hat. Da aus anderen Gründen (III, 31) reichliche Zeit bis zur endgültigen Übersiedlung vorhanden war, konnte der Bau in aller Ruhe geplant und ausgeführt werden.

Er wurde rechtzeitig fertig und Ende August 1906 beim Abschluß des letzten Semesters als Professor fand die Übersiedlung statt. Bei mir wirkte die Erschöpfung durch die übermäßige Arbeit in Amerika noch nach, da die unerquicklichen Verhältnisse der letzten Leipziger Zeit die Erholung sehr verzögert hatten. So war ich bei der Einordnung des Hausrats in die neuen Räume von geringem Nutzen; Frau und Töchter mußten das meiste hierbei tun und haben sich dabei gut bewährt.

Immerhin gelang die Einpassung ganz befriedigend. Die neue Gesamtheizung bewährte sich gut in den kalten Tagen des folgenden Winters und wir konnten ungestört den mannigfaltigen Arbeiten nachgehen, welche die neue Umgebung erforderte und anregte. Ich war mit der Ausarbeitung der früher erwähnten Schriften (II, 386) beschäftigt und meine weiblichen Hausgenossen hatten alle Hände voll mit der Einrichtung und Ausgestaltung der Wohnung und der Wirtschaft. Vor der Übersiedlung hatten wir zuweilen davon gesprochen, wie wir wohl in der bevorstehenden ländlichen Einsamkeit die langen Winterabende ausfüllen würden. Als wir endlich wieder einmal davon sprachen, war der Winter vergangen und wir saßen unter den frühlingsgrünen Bäumen unseres Gartens.

Die Morgenwanderung. In den ersten Leipziger Jahren hatte ich gelegentlich abends entdeckt, daß ich unter der nie abreißenden Arbeit bei den Studenten und zuhause den ganzen Tag nicht in die freie Luft gekommen war, da Wohnung und Institut unter dem gleichen Dache lagen. Weil ich dies für sehr schädlich hielt und mir andererseits das täglich wiederkehrende Nachdenken darüber sparen wollte, wann meine Lüftung zu bewerkstelligen wäre, gewöhnte ich mich daran, jeden Tag damit zu beginnen. Die Vorlesung fand morgens von 8 bis 9 Uhr statt; ich ging deshalb eine Viertelstunde vor 8 ins Freie und hatte wegen des akademischen Viertels 30 Minuten zur Verfügung, die ich gleichzeitig benutzte, um mir den Stoff der Vorlesung zurecht zu legen.

Bei dieser Gewohnheit bin ich seitdem verblieben. Auch auf der Energie, wo der ursprüngliche Grund wegfiel, habe ich bisher jeden Tag ohne Unterschied des Wetters mit einer Wanderung durch das Grundstück begonnen. Und auch das Nachdenken über bevorstehende Arbeiten, wenn es auch nicht mehr Vorlesungen waren, hat sich dabei gewohnheitsmäßig vollzogen und mir sind alsdann zahlreiche brauchbare und folgenreiche Gedanken eingefallen. Beides hat sich im Unterbewußtsein so stark verbunden, daß ich unwillkürlich, wenn ich etwas vor mir habe, was besonderes Nachdenken anregt oder verlangt, mich auf den Weg mache, um mir die angestrebte Klarheit zu erwandern.

In solcher Weise hat sich die »Energie« als ein ganz vorzügliches Arbeitsmittel bewährt. Denn meine Gedanken wurden nie wie so oft in Leipzig durch das ungeregelte Allerlei gestört, welches die Straße unabweisbar dem Wandelnden in das Gesichtsfeld führt. Sondern, was allenfalls sich veränderlich und mannigfaltig zeigte, waren die naturgesetzlich geregelten Erscheinungen des Wachsens und Vergehens, des Wetters und der Jahreszeiten. Unter solchen Verhältnissen ist es viel leichter, als in der unruhigen Stadt, allgemeine Gedanken zu erzeugen und durchzuarbeiten.

Handelte es sich um besonders weitreichende Zusammenhänge, so fand ich in der Umgebung beliebig viele und weite Wege, auf denen mir kaum je ein Mensch begegnete und die mir ermöglichten, die längsten Gedankenreihen auszuspinnen.

Als dann später reichliche Veranlassung zu Reden und Vorträgen aller Art entstand, pflegte ich, namentlich in wichtigeren Fällen, diese Reden auf solchen Wanderungen vorher mir mit lauter Stimme vorzusagen, nachdem ich den allgemeinen Gedankengang festgestellt hatte. Das Verfahren erwies sich als ungemein nützlich. Wie oft ist mir eine zugehörige Gedankengruppe bei der allgemeinen Übersicht als ganz gut und brauchbar erschienen, die sich bei der Sprechprobe als ungeeignet erwies, meist weil sie noch nicht klar genug auf die Notwendigkeiten des Vortrages durchgearbeitet war. Denn Haupt- und Hilfsgedanken verflechten sich stets zu einem mehrfaltig verbundenen Netzwerk, während die einfaltige (eindimensionale) Beschaffenheit der Rede (und auch der Schreibe) die Forderung stellt, jenes Netzwerk zu einem einfaltigen Gedankenfaden durch Auflösen und Verbinden zu verspinnen. Ob dies geglückt ist, ergibt sich aber bei der Sprechprobe unverhältnismäßig viel deutlicher, als etwa beim Aufschreiben. Letzteres war mir ohnehin meist viel zu umständlich.

Arbeitspläne. Beim Nachdenken über den bevorstehenden letzten Abschnitt meines Lebens hatte ich mir gegenwärtig gehalten, was Wöhler gelegentlich von sich berichtet: daß er nämlich nur noch solche Arbeiten auszuführen fähig war, die sich in etwa drei Tagen erledigen ließen. Untersuchungen längeren Atems konnte er nicht mehr machen, weil sein Gedächtnis ihm nicht mehr die früheren Ergebnisse hinreichend gegenwärtig hielt. Ich hatte daher auch für diese Zeit eine Tätigkeit vorzusorgen, welche entweder auf ein experimentelles Arbeiten aus der Hand in den Mund hinauskam, etwa wie es Karl Schmidt in seiner zweiten Periode getrieben hatte, oder auf älteren Gedächtnisvorräten beruhte, die im Alter sich bekanntlich oft besonders deutlich zeigen. Am besten war es, beiden Möglichkeiten zu genügen. So sorgte ich beim Planen des Umbaues nicht nur für ein Laboratorium, sondern vor allem für eine Bücherei. Bei der Besprechung mit dem Baumeister wollte ich mich mit Zimmern bescheidenen Umfanges begnügen, wie ich denn Zeit meines Lebens gewohnt war, mich mit Vorhandenem abzufinden. Meine Frau aber forderte energisch große Räume. »Dies baust du doch für dich allein«, sagte sie, und ich gab gerne nach. Auch hat sich die Voraussicht als zutreffend erwiesen; sowohl die Werkstatt wie die Bücherei sind bis zum letzten Winkel angefüllt und ausgenutzt.

Die Bücherei. Bücher hatten sich schon in Leipzig in großer Menge um mich gesammelt. Das Lehrbuch und die anderen Werke machten bei der Bearbeitung ein sehr häufiges Zurückgehen auf die Quellen notwendig, daß ich das Bedürfnis hatte, die wichtigsten unter ihnen stets zur Hand zu haben. So kaufte ich die ganzen Reihen der Annalen der Physik, verschiedener chemischer Zeitschriften und die wichtigsten fremdsprachigen. Sie waren damals noch verhältnismäßig wohlfeil, da die Amerikanische Nachfrage, welche später die Preise hochgetrieben hat, erst einzusetzen begann.

Dazu kamen zahlreiche Einzelwerke, die ich wegen ihrer geschichtlichen Bedeutung besitzen wollte. Schließlich hatte ich eine Bücherei zusammen, mit deren Hilfe man ganz wohl eindringende geschichtliche Studien treiben konnte.

Zu den gekauften Werken gesellten sich bald in schnell wachsender Anzahl die geschenkten und solche, welche zum Zweck der Berichterstattung in der Zeitschrift und später in den Annalen der Naturphilosophie eingeschickt wurden. Eine andere Quelle waren die dankbar gestifteten schriftstellerischen Erzeugnisse meiner früheren Schüler, die sich gleichfalls schnell vermehrten. Sonderdrucke von Einzeluntersuchungen bildeten die Hauptmenge. Daneben aber konnte ich deutlich feststellen, daß meine eigene unaufhaltsame Schriftstellerei ansteckend auf die Arbeitsgenossen gewirkt hatte. Viele von ihnen versuchten sich in größeren Zusammenfassungen, namentlich wenn sie anderen Sprachgemeinden angehörten, und die methodische Sorgfalt, welche hierbei je nach dem Können des Autors entwickelt wurde, überzeugte mich von dem Eindruck meiner dahin gerichteten Bemühungen.

Das Ergebnis war schließlich ein Ozean von bedrucktem Papier, der sich durch Vermittlung der Post täglich vermehrte, namentlich als die Zeit eintrat, wo die wissenschaftlichen Gesellschaften der verschiedenen Länder mir die Auszeichnung der Aufnahme ehrenhalber erwiesen.

Es waren somit alle Bedingungen für das Dasein gegeben, welches ich als den Inhalt der kommenden Jahre vermutet hatte. Ich nahm an, daß ich mich in einzelne wissenschaftsgeschichtliche Fragen vertiefen würde, die mit viel mehr Einzelheiten ausgearbeitet werden sollten, als ich es mir in meinem ersten Geschichtswerke über Elektrochemie gestatten durfte.

In solchem Sinne hatte ich zunächst meine »psychographischen Studien« begonnen, deren erste über Humphry Davy im folgenden Sommer in den Annalen der Naturphilosophie erschien.

Weitere Arbeiten ähnlichen Inhalts folgten bald. Dies Material bewirkte allgemeine Zusammenfassungen und praktische Forderungen daraus, und ehe ich mich versah, befand ich mich innerhalb einer lebhaften Bewegung zur Verbesserung des Schulwesens. Hierüber wird später das Nötige erzählt werden.

Ähnlich ging es mir mit anderen Gedanken, die ich zunächst ohne jeden Hinblick auf unmittelbare Betätigung in meinen Schriften, insbesondere den naturphilosophischen ausgesprochen hatte. Entsprechend meiner grundsätzlichen Einstellung, welche mich drängte, die erlangten theoretischen Ergebnisse alsbald auf das tätige Leben anzuwenden, sah ich mich nach verschiedenen Richtungen zu öffentlicher Tätigkeit veranlaßt, die einen großen Teil meiner Zeit und Energie beanspruchte. Über diese Dinge werde ich unten in besonderen Abschnitten berichten.

Das Laboratorium. Neben der Bücherei war ein hinreichend großer, nach Norden gelegener Raum für Laboratoriumszwecke vorgesehen. Ich stattete ihn mit Arbeitstischen und Gestellen aus, in denen ich eine ziemlich reiche Sammlung der wichtigsten chemischen Stoffe unterbrachte, die so mannigfaltig bemessen war, daß ich die meisten Versuche, die mir in den Sinn kamen, alsbald ausführen konnte, ohne erst die nötigen Stoffe bestellen und erwarten zu müssen. Nur erwies sich in der Folge, daß ich den Maßstab weit überschätzt hatte, da ich ihn unwillkürlich etwas nach den Bedürfnissen der von mir früher geleiteten Unterrichtsanstalten gewählt hatte. So zehre ich jetzt nach mehr als zwanzig Jahren vielfach von den Vorräten, die damals beschafft wurden.

Die Gewohnheit, etwas größere Summen für solche Dinge und für physikalische Geräte auszugeben, die ich brauchte oder zu gebrauchen gedachte, mußte ich mir erst aneignen. Denn bisher hatte mir stets amtlich beschafftes Material zu freier Verfügung gestanden, und es kam mir fast wie Verschwendung vor, wenn ich es nun aus eigener Tasche bezahlte. Größere Posten waren für mich meist ein Anlaß, bisher abgelehnte oder aufgeschobene literarische Arbeiten auszuführen, deren Honorar dann viel mehr betrug, als jene wissenschaftlichen Ausgaben. Da damals die Zukunft meiner Kinder noch ungewiß war, hielt ich mich für verpflichtet, für sie ein möglichst großes Barkapital zu sammeln und entschloß mich nicht gern zu einer Minderung dieser Bestände. Später, als dieses nach dem Weltkrieg verloren gegangen war, erwiesen sich jene Anschaffungen als die dauerhafteren Werte.

So wurde auch das Laboratorium bald in Betrieb genommen. Ich hatte schon in Leipzig begonnen, meine chemischen und physikalischen Kenntnisse auf Fragen der Maltechnik anzuwenden und arbeitete nun, wenn auch ohne besondere Eile, in gleicher Richtung weiter. Auch diese Beschäfigung hatte schließlich viel weitreichendere Folgen, als ich damals voraussehen konnte. Denn sie bahnte mir den Weg zur Entwicklung der messenden Farbenlehre, welche mir noch eine zehnjährige Periode experimenteller Arbeit bringen sollte, die allerdings durchsetzt und getragen war von mannigfaltiger und schwieriger Gedankenarbeit.

Alle diese Dinge sind nur dadurch möglich geworden, daß die abnehmenden Energien meiner späteren Jahre dank der Freiheit von amtlicher Zeitvergeudung restlos solchen allgemeinen Aufgaben gewidmet werden konnten.

Der Garten. Das Garten- und Waldgelände, welches sich an das Haus schloß, lud in hohem Maße zu schönheitlicher Gestaltung ein, namentlich als noch ein alter angrenzender Steinbruch angekauft war, in dem man gleich den zweiten Akt des Freischütz mit Wolfsschlucht und Teufelsbeschwörung hätte aufführen können. Doch muß ich bekennen, daß es mir an Zeit und Sinn hierfür fehlte. Zum Zweck körperlicher Ausarbeitung habe ich ziemlich viel mit Hacke und Spaten an der Anlage der nötigen Wege gearbeitet und zur Befriedigung meines Bedürfnisses nach Wasserflächen ließ ich einige kleine Dämme quer durch ein Tälchen anlegen, welche drei kleine Teiche ergaben. Aber das langsame Zeitmaß der Kräuter, Blumen und Bäume war so ganz und gar verschieden von dem schnellen Ablauf meines inneren Lebens, daß ich beide durchaus nicht in Einklang bringen konnte. So überließ ich die Verwaltung des Gartens meinen Hausgenossen und freute mich nur an den Ergebnissen, wenn sie auf dem Eßtisch oder in den Blumengläsern erschienen, die meine Frau an meine verschiedenen Arbeitsstellen verteilte.

Erst in den letzten Jahren, seit 1925, hat ein näheres Verhältnis zu meinem Garten begonnen. Freilich ist es zu nächst mehr mittelbar. Meine malkünstlerischen Bemühungen gehen dahin, Naturerscheinungen als Veranlassungen zur rhythmischen Gestaltung in Form und Farbe zu benutzen, durch welche sie erst zum Kunstwerk umgebildet werden. Hierfür bietet die Pflanzenwelt das nächstliegende Material und die hohe Entwicklung der gegenwärtigen Gartenkunst steigert die Mannigfaltigkeit der zur Verfügung stehenden Anregungen in sehr hohem Maße. Schon empfinde ich, wie sich dadurch auch ein näheres Verhältnis zur Pflanze als Lebewesen anbahnt. Es wird von der Anzahl der Greisenjahre abhängen, die ich noch zu leben habe, wie innig dieses Verhältnis werden wird, wenn es sich von Jahr zu Jahr immer mehr erwärmt. Denn mit zunehmendem Alter wird meine eigene Reaktionsgeschwindigkeit immer kleiner werden, während die der Pflanzen unverändert bleibt. So werden sich beide zunehmend nähern und ich sehe ein zärtliches Verhältnis zu den Blumen auch ohne besondere Zweckbeziehung für meine letzten Lebensjahre voraus.

Arbeitsweise. Während der Vorbereitungen zu diesem freien Leben hatte ich mich zuweilen gefragt, ob und wie ich den Tag auszufüllen wissen werde, und ob es nicht sehr unbequem werden könnte, sich fast jeden Morgen ein neues Programm für die Beschäftigung entwerfen zu müssen, da der gestaltende Rahmen der Amtsstunden fehlte. Doch hatten schon die Erfahrungen aus den Ferienmonaten gezeigt, wie leicht sich auch eine freie Ordnung ohne besonderes Nachdenken einfindet, und meine Erfahrungen aller Jahre seitdem haben es mir bestätigt.

Gewöhnlich hatte ich ein neues Buch zu schreiben, an dem ich eben arbeitete und dem ich vorwiegend die Morgenstunden widmete. Dann kam die erste Post, deren Bearbeitung zuweilen Stunden erforderte. Die reichlich einlaufenden Drucksachen, neuen Bücher usw. gaben oft über Tage und Wochen reichende Beanspruchungen. Arbeiten im Garten und Wanderungen mit dem Malkasten in der Umgebung schenkten mir weitere Abwechslung.

Solche Wanderungen trugen mir oft neue Gedanken ein, die ich bewährter Gewohnheit folgend nie auf einmal abtat, sondern häufig von neuem vornahm. Um mir dies zu erleichtern und weil ich meinem Gedächtnis nicht mehr trauen konnte, hatte ich auf meinem Schreibtisch ein Heft leeren Papiers bei der Hand, in welches ich fortlaufend alles kurz eintrug, was mir des Aufbewahrens wert erschien, vor allem alle Probleme und Arbeitsmöglichkeiten, die sich mir darboten. War ein Heft gefüllt, so wurde es auf dem Umschlag mit der Jahreszahl und den Daten des ersten und letzten Eintrags versehen und auf den Stoß der bereits früher gefüllten gelegt. Doch habe ich eigentlich diese Arbeit mehr aus Gewissenhaftigkeit als aus Notwendigkeit getrieben, denn ich kann mich nicht erinnern, jemals auf diesen Gedankenvorrat zurückgegriffen zu haben, weil es mir im Augenblick an Aufgaben mangelte. Es war also viel eher ein Überlauf als ein Sammelbecken.

Dadurch, daß ich jede Arbeit dann tat, wenn mich nach ihr verlangte, konnte ich alle Energie sparen, die man bei von außen geregelten Arbeitsstunden darauf wenden muß, die erforderliche Stimmung herzustellen oder innere Widerstände zu überwinden. Dies ist meine Erklärung, wenn man mich fragt, wie ich so viele Arbeit habe fertig bringen können. Ich habe das Güteverhältnis oder den Nutzungsgrad meiner Energie bewußt dem idealen oberen Grenzwert viel mehr annähern können, als es anderen Sterblichen vergönnt ist, die sich nicht der wissenschaftlichen Führung durch die Energetik erfreuen oder sie verschmähen.

Wandervorträge. Diese Beschreibung bezieht sich auf die Tage, welche ich zu Hause zubrachte. Der regelmäßige Gang der täglichen Arbeit wurde nicht selten unterbrochen durch Reisen zu wissenschaftlichen Versammlungen, zur Anknüpfung neuer Beziehungen und vor allem zu öffentlichen Vorträgen. Ich hatte solche zunächst in einigen besonderen Fällen gehalten und die dabei erzielten Erfolge hatten bald zu so mannigfaltigen Einladungen geführt, daß ich nur einen Teil annahm nämlich solche, durch welche ich eine oder die andere kulturelle Arbeit fördern konnte, mit der ich beschäftigt war. Energetik, Schul- und Universitätswesen, Wissenschaftsmethodik, Organisation, Weltsprache, Internationalismus und Pazifismus waren meist die Gegenstände, über die ich sprach. Die nachfolgenden Kapitel werden erzählen, wie mir diese verschiedenen Aufgaben erstanden. Hierbei ist im Auge zu behalten, daß die mannigfaltigen Erlebnisse und Betätigungen, von denen in den folgenden Kapiteln bis zu dem über den Weltkrieg die Rede ist, alle innerhalb der acht Jahre stattgefunden haben, welche zwischen meiner Übersiedlung (September 1906) und dem Ausbruche des Krieges (August 1914) liegen. Während in der Darstellung jeder Faden für sich abgesponnen wird, sind tatsächlich alle diese Fäden zeitlich neben- und durcheinander gelaufen und das Gewebe meines Lebens sah unmittelbar viel bunter aus, als es in dieser übersichtlich geordneten Erzählung erscheint.

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

<< Erste Amerikafahrt<< Der Austauschprofessor
Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.