Kriegs­plan, wenn Nie­der­wer­fung des Fein­des das Ziel ist

Aus: Vom Krie­ge – Neun­tes Ka­pi­tel


Nach­dem wir die ver­schie­de­nen Ziel­punk­te, wel­che der Krieg ha­ben kann, nä­her cha­rak­te­ri­siert ha­ben, wol­len wir die An­ord­nung des gan­zen Krie­ges für die drei ein­zel­nen Ab­stu­fun­gen durch­ge­hen, wel­che sich nach je­nen Ziel­punk­ten er­ge­ben ha­ben.

Nach al­lem, was wir bis jetzt über den Ge­gen­stand schon ge­sagt ha­ben, wer­den zwei Haupt­grund­sät­ze den gan­zen Kriegs­plan um­fas­sen und al­len üb­ri­gen zur Rich­tung die­nen.

Der ers­te ist: das Ge­wicht der feind­li­chen Macht auf so we­nig Schwer­punk­te als mög­lich zu­rück­zu­füh­ren, wenn es sein kann, auf ei­nen; wie­der­um den Stoß ge­gen die­se Schwer­punk­te auf so we­nig Haupt­hand­lun­gen als mög­lich zu­rück­zu­füh­ren, wenn es sein kann, auf ei­ne; end­lich al­le un­ter­ge­ord­ne­te Hand­lun­gen so un­ter­ge­ord­net als mög­lich zu hal­ten. Mit ei­nem Wort, der ers­te Grund­satz ist: so kon­zen­triert als mög­lich zu han­deln.

Der zwei­te Grund­satz: so schnell als mög­lich zu han­deln, al­so kei­nen Auf­ent­halt und kei­nen Um­weg oh­ne hin­rei­chen­den Grund.

Das Re­du­zie­ren der feind­li­chen Macht auf ei­nen Schwer­punkt hängt ab:

Ers­tens von dem po­li­ti­schen Zu­sam­men­hang der­sel­ben. Sind es Hee­re ei­nes Herrn, so hat es meist kei­ne Schwie­rig­keit; sind es ver­bün­de­te Hee­re, de­ren das ei­ne als blo­ßer Bun­des­ge­nos­se oh­ne ei­ge­nes In­ter­es­se han­delt, so ist die Schwie­rig­keit nicht viel grö­ßer; sind es zu ge­mein­schaft­li­chen Zwe­cken Ver­bün­de­te, so kommt es auf den Grad der Be­freun­dung an; wir ha­ben da­von schon ge­re­det.

Zwei­tens von der La­ge des Kriegs­thea­ters, auf wel­chem die ver­schie­de­nen feind­li­chen Hee­re er­schei­nen.

Sind die feind­li­chen Kräf­te auf ei­nem Kriegs­thea­ter in ei­nem Hee­re bei­sam­men, so bil­den sie fak­tisch ei­ne Ein­heit, und wir brau­chen nach dem üb­ri­gen nicht zu fra­gen; sind sie auf ei­nem Kriegs­thea­ter in ge­trenn­ten Hee­ren, die ver­schie­de­nen Mäch­ten an­ge­hö­ren, so ist die Ein­heit nicht mehr ab­so­lut, es ist aber doch noch ein hin­rei­chen­der Zu­sam­men­hang der Tei­le da, um durch ei­nen ent­schie­de­nen Stoß ge­gen ei­nen Teil den an­de­ren mit­fort­zu­rei­ßen. Sind die Hee­re auf be­nach­bar­ten, durch kei­ne gro­ßen Na­tur­ge­gen­stän­de ge­trenn­ten Kriegs­thea­tern auf­ge­stellt, so fehlt es auch hier noch nicht an dem ent­schie­de­nen Ein­fluß des ei­nen auf das an­de­re; sind die Kriegs­thea­ter sehr weit von­ein­an­der ent­fernt, lie­gen neu­tra­le Stre­cken, gro­ße Ge­bir­ge usw. da­zwi­schen, so ist der Ein­fluß sehr zwei­fel­haft, al­so un­wahr­schein­lich; lie­gen sie gar an ganz ver­schie­de­nen Sei­ten des be­krieg­ten Staa­tes, so daß die Wir­kun­gen ge­gen die­sel­ben in ex­zen­tri­schen Li­ni­en aus­ein­an­der­ge­hen, so ist fast die Spur je­des Zu­sam­men­han­ges ver­schwun­den.

Wenn Preu­ßen von Ruß­land und Frank­reich zu­gleich be­kriegt wür­de, so wä­re das in Be­zie­hung auf die Krieg­füh­rung so gut, als wenn es zwei ver­schie­de­ne Krie­ge wä­ren; al­len­falls wür­de die Ein­heit in den Un­ter­hand­lun­gen zum Vor­schein kom­men.

Die säch­si­sche und die ös­ter­rei­chi­sche Kriegs­macht im Sie­ben­jäh­ri­gen Krie­ge wa­ren da­ge­gen als ei­ne zu be­trach­ten; was die ei­ne litt, muß­te die an­de­re mit­emp­fin­den, teils wie die Kriegs­thea­ter in der­sel­ben Rich­tung für Fried­rich dem Gro­ßen la­gen, teils weil Sach­sen gar kei­ne po­li­ti­sche Selb­stän­dig­keit hat­te.

So­viel Fein­de Bo­na­par­te im Jahr 1813 zu be­kämp­fen hat­te, so la­gen sie ihm doch al­le ziem­lich nach ei­ner Rich­tung hin, und die Kriegs­thea­ter ih­rer Hee­re stan­den in ei­ner na­hen Ver­bin­dung und star­ken Wech­sel­wir­kung. Hät­te er ir­gend­wo durch Ver­ei­ni­gung sei­ner Kräf­te die Haupt­macht über­wäl­ti­gen kön­nen, so hät­te er da­durch über al­le Tei­le ent­schie­den. Wenn er die böh­mi­sche Haupt­ar­mee ge­sch­la­gen hät­te, über Prag ge­gen Wien vor­ge­drun­gen wä­re, so hät­te Blü­cher bei dem bes­ten Wil­len nicht in Sach­sen blei­ben kön­nen, weil man ihn nach Böh­men zu Hil­fe ge­ru­fen ha­ben wür­de, und dem Kron­prin­zen von Schwe­den wür­de es so­gar an gu­tem Wil­len ge­fehlt ha­ben, in der Mark zu blei­ben.

Da­ge­gen wird es für Ös­ter­reich im­mer schwer sein, wenn es den Krieg ge­gen Frank­reich am Rhein und in Ita­li­en zu­gleich führt, durch ei­nen er­folg­rei­chen Stoß auf ei­nem die­ser Kriegs­thea­ter über das an­de­re mit zu ent­schei­den. Teils trennt die Schweiz mit ih­ren Ber­gen bei­de Kriegs­thea­ter zu stark, teils ist die Rich­tung der Stra­ßen auf bei­den ex­zen­trisch. Frank­reich da­ge­gen kann schon eher durch ei­nen ent­schei­den­den Er­folg auf dem ei­nen über das an­de­re mit­ent­schei­den, weil die Rich­tung sei­ner Kräf­te auf bei­de kon­zen­trisch ge­gen Wien und den Schwer­punkt der ös­ter­rei­chi­schen Mon­ar­chie geht; fer­ner kann man sa­gen, daß es leich­ter von Ita­li­en aus über das rhei­ni­sche Kriegs­thea­ter als um­ge­kehrt mit­ent­schei­den kann, weil der Stoß von Ita­li­en aus mehr auf das Zen­trum und der vom Rhein aus mehr auf den Flü­gel der ös­ter­rei­chi­schen Macht trifft.

Es geht hier­aus her­vor, daß der Be­griff von ge­trenn­ter und zu­sam­men­hän­gen­der feind­li­cher Macht auch durch al­le Stu­fen­ver­hält­nis­se fort­läuft, und daß man al­so im ein­zel­nen Fall erst über­se­hen kann, wel­chen Ein­fluß die Be­ge­ben­hei­ten des ei­nen Kriegs­thea­ters auf das an­de­re ha­ben wer­den, wo­nach sich dann erst aus­ma­chen läßt, in­wie­fern man die ver­schie­de­nen Schwer­punk­te der feind­li­chen Macht auf ei­nen zu­rück­füh­ren kann.

Von dem Grund­satz, al­le Kraft ge­gen den Schwer­punkt der feind­li­chen Macht zu rich­ten, gibt es nur ei­ne Aus­nah­me: wenn näm­lich Ne­ben­un­ter­neh­mun­gen un­ge­wöhn­li­che Vor­tei­le ver­sp­re­chen, und doch set­zen wir da­bei vor­aus, daß ent­schie­de­ne Über­le­gen­heit uns da­zu in den Stand setzt, oh­ne auf dem Haupt­punkt zu viel zu wa­gen.

Als Ge­ne­ral Bü­low im Jahr 1814 nach Hol­land mar­schier­te, konn­te man vor­aus­se­hen, daß die 30000 Mann sei­nes Korps nicht al­lein eben­so­viel Fran­zo­sen neu­tra­li­sie­ren, son­dern auch den Hol­län­dern und Eng­län­dern Ge­le­gen­heit ge­ben wür­den, mit Kräf­ten auf­zu­tre­ten, die oh­ne­dem gar nicht in Wirk­sam­keit ge­kom­men wä­ren.

So wird al­so der ers­te Ge­sichts­punkt beim Ent­wurf des Krie­ges der sein: die Schwer­punk­te der feind­li­chen Macht aus­zu­mit­teln und sie wo­mög­lich auf ei­nen zu­rück­zu­füh­ren. Der zwei­te wird sein: die Kräf­te, wel­che ge­gen die­sen Schwer­punkt ge­braucht wer­den sol­len, zu ei­ner Haupt­hand­lung zu ver­ei­ni­gen.

Hier kön­nen nun fol­gen­de Grün­de für ein Tei­len und Tren­nen der Streit­kräf­te uns ent­ge­gen­tre­ten:

1. Die ur­sprüng­li­che Auf­stel­lung der Streit­kräf­te, al­so auch die La­ger der im An­griff be­grif­fe­nen Staa­ten.

Wenn die Ver­ei­ni­gung der Streit­kräf­te Um­we­ge und Zeit­ver­lust ver­ur­sacht und die Ge­fahr beim ge­trenn­ten Vor­drin­gen nicht zu groß ist, so kann das­sel­be da­durch ge­recht­fer­tigt sein; denn ei­ne nicht not­wen­di­ge Ver­ei­ni­gung der Kräf­te mit gro­ßem Zeit­ver­lust zu be­werk­stel­li­gen und dem ers­ten Stoß da­durch sei­ne Fri­sche und Schnell­kraft zu be­neh­men, wä­re ge­gen den zwei­ten von uns auf­ge­stell­ten Haupt­grund­satz. In al­len Fäl­len, wo man Aus­sicht hat, den Feind ei­ni­ger­ma­ßen zu über­ra­schen, wird dies ei­ne be­son­de­re Rück­sicht ver­die­nen.

Aber wich­ti­ger ist noch der Fall, wenn der An­griff von ver­bün­de­ten Staa­ten un­ter­nom­men wird, die ge­gen den an­ge­grif­fe­nen Staat nicht auf ei­ner Li­nie, nicht hin­ter, son­dern ne­ben­ein­an­der lie­gen. Wenn Preu­ßen und Ös­ter­reich den Krieg ge­gen Frank­reich un­ter­neh­men, so wä­re es ei­ne sehr ge­zwun­ge­ne, Zeit und Kräf­te ver­schwen­den­de Maß­re­gel, wenn die Hee­re bei­der Mäch­te von ei­nem Punk­te aus vor­ge­hen woll­ten, da die na­tür­li­che Rich­tungs­li­nie der Preu­ßen vom Nie­der­rhein und der Ös­ter­rei­cher vom Ober­rhein auf das Herz von Frank­reich geht. Die Ver­ei­ni­gung könn­te al­so hier nicht oh­ne Auf­op­fe­rung er­reicht wer­den, und es fragt sich al­so in dem ein­zel­nen Fall, ob sie so not­wen­dig ist, die­se Op­fer brin­gen zu müs­sen.

2. Das ge­trenn­te Vor­ge­hen kann grö­ße­re Er­fol­ge dar­bie­ten.

Da hier von dem ge­trenn­ten Vor­ge­hen ge­gen ei­nen Schwer­punkt die Re­de ist, so setzt das ein kon­zen­tri­sches Vor­ge­hen vor­aus. Ein ge­trenn­tes Vor­ge­hen auf par­al­le­len oder ex­zen­tri­schen Li­ni­en ge­hört in die Ru­brik der Ne­ben­un­ter­neh­mun­gen, wo­von wir schon ge­spro­chen ha­ben.

Nun hat je­der kon­zen­tri­sche An­griff in der Stra­te­gie wie in der Tak­tik die Ten­denz der grö­ße­ren Er­fol­ge; denn wenn er ge­lingt, so ist nicht ein ein­fa­ches Wer­fen, son­dern mehr oder we­ni­ger ein Ab­schnei­den der feind­li­chen Ar­me­en die Fol­ge da­von. Der kon­zen­tri­sche An­griff ist al­so im­mer der er­folg­rei­che­re, aber we­gen der ge­trenn­ten Tei­le und des ver­grö­ßer­ten Kriegs­thea­ters auch der ge­wag­te­re; es ver­hält sich da­mit wie mit An­griff und Ver­tei­di­gung, die schwä­che­re Form hat den größ­ten Er­folg für sich.

Es kommt al­so dar­auf an, ob sich der An­grei­fen­de stark ge­nug fühlt, nach die­sem gro­ßen Ziel zu stre­ben.

Als Fried­rich der Gro­ße im Jahr 1757 in Böh­men vor­drin­gen woll­te, tat er es mit ge­trenn­ter Macht von Sach­sen und Sch­le­si­en aus. Die bei­den Haupt­grün­de da­zu wa­ren: daß sei­ne Macht sich im Win­ter so auf­ge­stellt fand und ein Zu­sam­men­zie­hen der­sel­ben auf ei­nen Punkt dem Stoß die Über­ra­schung be­nom­men ha­ben wür­de; nächst dem aber, daß durch die­ses kon­zen­tri­sche Vor­drin­gen je­des der bei­den ös­ter­rei­chi­schen Kriegs­thea­ter in sei­ner Flan­ke und im Rü­cken be­droht war. Die Ge­fahr, wel­cher sich Fried­rich der Gro­ße da­bei aus­setz­te, war, daß ei­ne sei­ner bei­den Ar­me­en von über­le­ge­ner Macht zu­grun­de ge­rich­tet wür­de; ver­stan­den die Ös­ter­rei­cher das nicht, so konn­ten sie die Schlacht ent­we­der nur im Zen­tro an­neh­men, oder sie wa­ren in Ge­fahr, auf der ei­nen oder an­de­ren Sei­te ganz aus ih­rer Rück­zugs­li­nie hin­aus­ge­wor­fen zu wer­den und ei­ne Ka­ta­stro­phe zu er­le­ben; und dies war der er­höh­te Er­folg, wel­chen die­ses Vor­drin­gen dem Kö­ni­ge ver­sprach. Die Ös­ter­rei­cher zo­gen die Schlacht im Zen­tro vor, aber Prag, wo sie sich auf­stell­ten, lag noch zu sehr im Ein­fluß des um­fas­sen­den An­griffs, der, weil sie sich ganz lei­dend ver­heil­ten, Zeit hat­te, in sei­ne letz­te Wirk­sam­keit aus­zu­lau­fen. Die Fol­ge war, als sie die Schlacht ver­lo­ren hat­ten, ei­ne wah­re Ka­ta­stro­phe; denn daß zwei Drit­tel der Ar­mee mit dem kom­man­die­ren­den Ge­ne­ral sich in Prag ein­schlie­ßen las­sen muß­ten, kann wohl da­für gel­ten.

Die­ser glän­zen­de Er­folg bei Er­öff­nung des Feld­zu­ges lag in dem Wag­stück des kon­zen­tri­schen An­griffs. Wenn Fried­rich die Prä­zi­si­on sei­ner ei­ge­nen Be­we­gun­gen, die En­er­gie sei­ner Ge­ne­ra­le, die mo­ra­li­sche Über­le­gen­heit sei­ner Trup­pen auf der ei­nen Sei­te und die Schwer­fäl­lig­keit der Ös­ter­rei­cher auf der an­de­ren für hin­rei­chend hielt, um sei­nem Plan Er­folg zu ver­sp­re­chen, wer konn­te ihn ta­deln! Aber die­se mo­ra­li­schen Grö­ßen dür­fen nicht aus dem Kal­kül weg­ge­las­sen und der ein­fa­chen geo­me­tri­schen Form des An­griffs schlecht­weg die Ur­sa­che zu­ge­schrie­ben wer­den. Man den­ke nur an den nicht we­ni­ger glän­zen­den Feld­zug Bo­na­par­tes im Jahr 1796, wo die Über­rei­cher für ein kon­zen­tri­sches Vor­drin­gen in Ita­li­en so auf­fal­lend be­straft wur­den. Die Mit­tel, wel­che dem fran­zö­si­schen Ge­ne­ral hier zu Ge­bot stan­den, hät­ten mit Aus­schluß der mo­ra­li­schen auch dem ös­ter­rei­chi­schen Feld­herrn im Jahr 1757 zu Ge­bot ge­stan­den, und zwar mehr als das, denn er war nicht, wie Bo­na­par­te, schwä­cher als sein Geg­ner. Wo man al­so be­fürch­ten muß, dem Geg­ner durch ein ge­trenn­tes kon­zen­tri­sches Vor­drin­gen die Mög­lich­keit zu ver­schaf­fen, ver­mit­telst der in­ne­ren Li­ni­en die Un­gleich­heit der Streit­kräf­te auf­zu­he­ben, da ist es nicht zu ra­ten, und wenn es der La­ge der Streit­kräf­te we­gen statt­fin­den muß, als ein not­wen­di­ges Übel zu be­trach­ten.

Wenn wir von die­sem Ge­sichts­punkt aus ei­nen Blick auf den Plan wer­fen, wel­cher im Jahr 1814 für das Ein­drin­gen in Frank­reich ge­macht wur­de, so kön­nen wir ihn un­mög­lich bil­li­gen. Die rus­si­sche, ös­ter­rei­chi­sche und preu­ßi­sche Ar­mee be­fan­den sich auf ei­nem Punkt bei Frank­furt am Main in der na­tür­lichs­ten und ge­ra­des­ten Rich­tung ge­gen den Schwer­punkt der fran­zö­si­schen Mon­ar­chie. Man trenn­te sie, um mit ei­ner Ar­mee von Mainz her, mit der an­de­ren durch die Schweiz in Frank­reich ein­zu­drin­gen. Da der Feind so schwach an Kräf­ten war, daß an ei­ne Ver­tei­di­gung der Gren­ze nicht ge­dacht wer­den konn­te, so war der gan­ze Vor­teil, wel­chen man von die­sem kon­zen­tri­schen Vor­drin­gen zu er­war­ten hat­te, wenn es ge­lang, daß, in­dem man mit der ei­nen Ar­mee Loth­rin­gen und den El­saß er­ober­te, mit der an­de­ren die Fran­che-Comté ge­nom­men wur­de. War die­ser klei­ne Vor­teil der Mü­he wert, nach der Schweiz zu mar­schie­ren? – Wir wis­sen wohl, daß noch an­de­re, üb­ri­gens eben­so schlech­te Grün­de für die­sen Marsch ent­schie­den ha­ben; wir blei­ben aber hier bei die­sem Ele­ment ste­hen, wo­von wir ge­ra­de han­deln.

Von der an­de­ren Sei­te war Bo­na­par­te der Mann, der die Ver­tei­di­gung ge­gen ei­nen kon­zen­tri­schen An­griff sehr wohl ver­stand, wie sein meis­ter­haf­ter Feld­zug von 1796 ge­zeigt hat­te, und wenn man ihm sehr an der Zahl über­le­gen war, so räum­te man doch bei je­der Ge­le­gen­heit ein, wie sehr er es mo­ra­lisch sei. Er kam zu spät bei sei­ner Ar­mee nach Châlons an und dach­te über­haupt zu ge­ring­schät­zig von sei­nen Geg­nern, und doch fehl­te we­nig dar­an, daß er die bei­den Ar­me­en un­ver­ei­nigt ge­trof­fen hät­te; und wie fand er sie bei Bri­en­ne den­noch ge­schwächt? Blü­cher hat­te von sei­nen 65000 Mann noch 27000 un­ter den Hän­den und die Haupt­ar­mee von 200000 Mann noch 100000. Es war un­mög­lich, dem Geg­ner ein bes­se­res Spiel zu ge­ben. Auch fühl­te man von dem Au­gen­blick an, wo man zum Han­deln schritt, kein sehn­li­che­res Be­dürf­nis als die Wie­der­ver­ei­ni­gung.

Wir glau­ben nach al­len die­sen Be­trach­tun­gen, daß, wenn der kon­zen­tri­sche An­griff auch an sich das Mit­tel zu grö­ße­ren Er­fol­gen ist, er doch haupt­säch­lich nur aus der ur­sprüng­li­chen Ver­tei­lung der Streit­kräf­te her­vor­ge­hen soll, und daß es we­nig Fäl­le ge­ben wird, wo man recht hat, um sei­net­wil­len die kür­zes­te und ein­fachs­te Rich­tung der Kräf­te zu ver­las­sen.

3. Die Aus­brei­tung ei­nes Kriegs­thea­ters kann ein Grund zum ge­trenn­ten Vor­ge­hen sein.

Wenn ei­ne an­grei­fen­de Ar­mee von ei­nem Punkt aus vor­geht und mit Er­folg wei­ter in das feind­li­che Land ein­dringt, so wird zwar der Raum, wel­chen sie be­herrscht, nicht ge­nau auf die We­ge, die sie zieht, be­schränkt blei­ben, son­dern sich et­was er­wei­tern, doch wird dies von der Dich­tig­keit und Ko­hä­si­on des feind­li­chen Staa­tes ab­hän­gen, wenn wir uns die­ses Bil­des be­die­nen dür­fen. Hängt der feind­li­che Staat nur lo­cker zu­sam­men, ist sein Volk weich­lich und des Krie­ges ent­wöhnt, so wird, oh­ne daß wir viel da­zu tun, sich hin­ter un­se­rem sieg­rei­chen Heer ein wei­ter Land­strich öff­nen; ha­ben wir es aber mit ei­nem tap­fe­ren und treu­en Volk zu tun, so wird der Raum hin­ter un­se­rem Hee­re mehr oder we­ni­ger ein schma­les Drei­eck sein.

Um nun die­sem Übel vor­zu­beu­gen, hat der Vor­ge­hen­de das Be­dürf­nis, sein Vor­drin­gen in ei­ner ge­wis­sen Brei­te an­zu­ord­nen. Ist die feind­li­che Macht auf ei­nem Punkt ver­ei­nigt, so kann die­se Brei­te nur so lan­ge bei­be­hal­ten wer­den, als wir nicht im Kon­takt mit ihr sind, und muß sich zu ih­rem Auf­stel­lungs­punkt hin ver­en­gen; das ist an sich ver­ständ­lich.

Aber wenn der Feind sich selbst in ei­ner ge­wis­sen Brei­te auf­ge­stellt hat, so wür­de ei­ne eben­mä­ßi­ge Ver­tei­lung un­se­rer Streit­kräf­te an sich nichts Wi­der­sin­ni­ges ha­ben. Wir sp­re­chen hier von ei­nem Kriegs­thea­ter, oder von meh­re­ren, die aber na­he bei­ein­an­der lie­gen. Of­fen­bar ist al­so dies da der Fall, wo nach un­se­rer An­sicht die Haupt­un­ter­neh­mung über die Ne­ben­punk­te mit­ent­schei­den soll.

Kann man es nun im­mer dar­auf an­kom­men las­sen, und darf man sich der Ge­fahr aus­set­zen, wel­che ent­steht, wenn der Ein­fluß des Haupt­punk­tes auf die Ne­ben­punk­te nicht groß ge­nug ist? Ver­dient das Be­dürf­nis ei­ner ge­wis­sen Brei­te des Kriegs­thea­ters nicht ei­ne be­son­de­re Rück­sicht?

Hier wie über­all ist es un­mög­lich, die Zahl der Kom­bi­na­tio­nen zu er­schöp­fen, die statt­fin­den kön­nen; aber wir be­haup­ten, daß mit we­nig Aus­nah­men die Ent­schei­dung auf dem Haupt­punk­te die Ne­ben­punk­te mit­tref­fen wer­de. Nach die­sem Grund­satz ist al­so die Hand­lung in al­len Fäl­len ein­zu­rich­ten, wo nicht das Ge­gen­teil of­fen­bar ist.

Als Bo­na­par­te in Ruß­land ein­drang, durf­te er mit Recht glau­ben, die Streit­kräf­te der Rus­sen an der obe­ren Dü­na durch die Über­wäl­ti­gung der Haupt­macht mit­fort­rei­ßen zu kön­nen. Er ließ an­fangs nur das Korps von Ou­di­not ge­gen sie ste­hen, al­lein Witt­gen­stein ging zum An­griff über, und Bo­na­par­te war ge­nö­tigt, auch noch das sechs­te Korps da­hin zu schi­cken.

Da­ge­gen hat­te er von Hau­se aus ei­nen Teil sei­ner Streit­kräf­te ge­gen Ba­gra­ti­on ge­rich­tet; die­ser aber wur­de von der rück­gän­gi­gen Be­we­gung der Mit­te mit fort­ge­ris­sen, und Bo­na­par­te konn­te die­se Streit­kräf­te wie­der an sich zie­hen. Hät­te Witt­gen­stein nicht die zwei­te Haupt­stadt zu de­cken ge­habt, so wür­de auch er Bar­clay ge­folgt sein.

In den Jah­ren 1805 und 1809 hat­te Bo­na­par­te bei Ulm und Re­gens­burg über Ita­li­en und Ti­rol mit­ent­schie­den, ob­gleich das ers­te­re doch ein ziem­lich ent­le­ge­nes, für sich be­ste­hen­des Kriegs­thea­ter war. Im Jahr 1806 hat er bei Je­na und Au­er­stedt über al­les ent­schie­den, was in West­fa­len, Hes­sen und auf der Frank­fur­ter Stra­ße ge­gen ihn ge­sche­hen konn­te.

Un­ter der Men­ge von Um­stän­den, wel­che auf den Wi­der­stand der Sei­ten­tei­le Ein­fluß ha­ben kön­nen, tre­ten haupt­säch­lich zwei her­vor.

Der ers­te ist: wenn man, wie in Ruß­land, ei­nem Lan­de von gro­ßen Di­men­sio­nen und ver­hält­nis­mä­ßig auch gro­ßen Kräf­ten, den ent­schei­den­den Schlag im Haupt­punk­te lan­ge ver­zö­gern kann und nicht ge­nö­tigt ist, dort al­les in der Ei­le zu­sam­men­zu­raf­fen.

Der zwei­te: wenn, wie im Jahr 1806 Sch­le­si­en, ein Sei­ten­punkt durch ei­ne Mas­se von Fes­tun­gen un­ge­wöhn­li­che Selb­stän­dig­keit be­kommt. Und doch hat Bo­na­par­te die­sen Punkt mit gro­ßer Ge­ring­schät­zung be­han­delt, in­dem er, ob er in gleich bei sei­nem Marsch auf War­schau hin­ter sich las­sen muß­te, doch nur 20000 Mann un­ter sei­nem Bru­der Jérôme da­hin an­rü­cken ließ.

Hat sich nun in ei­nem vor­lie­gen­den Fal­le er­ge­ben, daß der Schlag auf den Haupt­punkt die Sei­ten­punk­te höchst­wahr­schein­lich nicht er­schüt­tern wird oder wirk­lich nicht er­schüt­tert hat, so liegt doch dar­in, daß der Feind auf die­sen Punk­ten wirk­lich Streit­kräf­te auf­ge­stellt hat, und die­sen wer­den dann als ein not­wen­di­ges Übel an­de­re, an­ge­mes­se­ne­re ent­ge­gen­ge­stellt wer­den müs­sen, weil man sei­ne Ver­bin­dungs­li­nie nicht von Hau­se aus ab­so­lut preis­ge­ben kann.

Die Vor­sicht aber kann noch ei­nen Schritt wei­ter ge­hen; sie kann for­dern, daß das Vor­schrei­ten ge­gen den Haupt­punkt mit dem Vor­schrei­ten auf Ne­ben­punk­ten ge­nau Schritt hal­te, und daß folg­lich je­des­mal mit dem Haupt­un­ter­neh­men in­ne­ge­hal­ten wer­de, wenn die Ne­ben­punk­te des Fein­des nicht wei­chen wol­len.

Die­ser Grund­satz wür­de dem un­se­ri­gen, al­les in ei­ne Haupt­hand­lung so­viel als mög­lich zu ver­ei­ni­gen, zwar nicht ge­ra­de­zu wi­der­sp­re­chen, al­lein der Geist, aus wel­chem er ent­springt, ist dem Geist, in wel­chem der un­se­ri­ge ge­dacht ist, voll­kom­men ent­ge­gen. Aus die­sem Grund­satz wür­de ein sol­ches Ab­mes­sen der Be­we­gung, ein sol­ches Läh­men der Stoß­kraft, ein sol­ches Spiel von Zu­fäl­len, ein sol­cher Zeit­ver­lust ent­ste­hen, daß er sich mit ei­ner Of­fen­si­ve, die auf die Nie­der­wer­fung des Geg­ners ge­rich­tet ist, prak­tisch durch­aus nicht ver­trägt.

Die Schwie­rig­keit wird noch grö­ßer, wenn die Kräf­te die­ser Ne­ben­punk­te sich ex­zen­trisch zu­rück­zie­hen kön­nen – was wür­de da aus der Ein­heit un­se­res Sto­ßes wer­den?

Wir müs­sen uns al­so ge­gen die Ab­hän­gig­keit des Haupt­an­griffs von den Ne­ben­punk­ten als Grund­satz durch­aus er­klä­ren und be­haup­ten: daß ein auf das Nie­der­wer­fen des Geg­ners ge­rich­te­ter An­griff, der nicht die Kühn­heit hat, wie ei­ne Pfeil­spit­ze ge­gen das Herz des feind­li­chen Staa­tes hin­zu­schie­ßen, sein Ziel nicht er­rei­chen kann.

4. End­lich liegt noch in der Er­leich­te­rung des Un­ter­hal­tes ein vier­ter Grund zum ge­trenn­ten Vor­ge­hen.

Es ist frei­lich viel an­ge­neh­mer, mit ei­ner klei­nen Ar­mee durch ei­ne wohl­ha­ben­de Pro­vinz zu zie­hen als mit ei­ner gro­ßen durch ei­ne ar­me; aber bei zweck­mä­ßi­gen Maß­re­geln und ei­nem an Ent­beh­rung ge­wöhn­ten Hee­re ist das letz­te­re nicht un­mög­lich, und es soll­te al­so das ers­te­re nie­mals so viel Ein­fluß auf un­se­re Ent­schlüs­se ha­ben, um uns ei­ner gro­ßen Ge­fahr aus­zu­set­zen.

Wir ha­ben nun hier­mit den Grün­den zur Tren­nung der Kräf­te, wo­durch die ei­ne Haupt­hand­lung in meh­re­re zer­legt wird, ihr Recht ein­ge­räumt und wer­den nicht zu ta­deln wa­gen, wenn die Tren­nung nach ei­nem die­ser Grün­de mit deut­li­chem Be­wußt­sein des Zwe­ckes und sorg­fäl­ti­ger Ab­wä­gung der Vor­tei­le und Nach­tei­le ge­schieht.

Wenn aber, wie es ge­wöhn­lich ge­schieht, von ei­nem ge­lehr­ten Ge­ne­ral­sta­be der Plan bloß aus der Ge­wohn­heit so ge­macht wird, wenn die ver­schie­de­nen Kriegs­thea­ter wie die Fel­der im Schach­spiel, je­des mit sei­nem Teil, vor­her be­setzt wer­den müs­sen, ehe die Zü­ge an­fan­gen, wenn die­se Zü­ge mit ei­ner ein­ge­bil­de­ten Kom­bi­na­ti­ons­weis­heit in ver­wi­ckel­ten Li­ni­en und Ver­hält­nis­sen sich dem Zie­le nä­hern, wenn die Hee­re sich heu­te tren­nen müs­sen, um ih­re gan­ze Kunst dar­in be­ste­hen zu las­sen, sich in vier­zehn Ta­gen mit größ­ter Ge­fahr wie­der zu ver­ei­ni­gen – dann ha­ben wir ein Greu­el an die­sem Ver­las­sen des ge­ra­den, ein­fa­chen, schlich­ten We­ges, um sich ab­sicht­lich in lau­ter Ver­wir­rung zu stür­zen. Die­se Tor­heit tritt um so leich­ter ein, je we­ni­ger es der obers­te Feld­herr ist, der den Krieg lei­tet und ihn in dem Sin­ne, wie wir im ers­ten Ka­pi­tel an­ge­deu­tet ha­ben, als ei­ne ein­fa­che Hand­lung sei­nes mit un­ge­heu­ren Kräf­ten aus­ge­rüs­te­ten In­di­vi­du­ums führt, je mehr al­so der gan­ze Plan in der Fa­brik ei­nes un­prak­ti­schen Ge­ne­ral­sta­bes ent­stan­den und aus den Ide­en von ei­nem Dut­zend Halb­wis­ser her­vor­ge­gan­gen ist. –

Wir ha­ben nun noch den drit­ten Teil un­se­res ers­ten Grund­sat­zes zu be­den­ken: näm­lich die un­ter­ge­ord­ne­ten Tei­le so un­ter­ge­ord­net als mög­lich zu hal­ten.

In­dem man den gan­zen krie­ge­ri­schen Akt auf ein ein­fa­ches Ziel zu­rück­zu­füh­ren strebt und die­ses so­viel als mög­lich durch ei­ne gro­ße Hand­lung zu er­rei­chen sucht, be­raubt man die üb­ri­gen Be­rüh­rungs­punk­te der ge­gen­sei­ti­gen Kriegs­staa­ten ei­nes Tei­les ih­rer Selb­stän­dig­keit; sie wer­den un­ter­ge­ord­ne­te Hand­lun­gen. Könn­te man al­les ab­so­lut in ei­ne ein­zi­ge zu­sam­men­drän­gen, so wür­den je­ne Be­rüh­rungs­punk­te ganz neu­tra­li­siert wer­den; das ist aber sel­ten mög­lich, und es kommt al­so dar­auf an, sie so in Schran­ken zu hal­ten, daß sie der Haupt­sa­che nicht zu viel Kräf­te ent­zie­hen.

Wir fan­gen da­mit an, zu sa­gen, daß der Kriegs­plan die­se Ten­denz selbst dann ha­ben muß, wenn es nicht mög­lich ist, den gan­zen feind­li­chen Wi­der­stand auf ei­nen Schwer­punkt zu­rück­zu­füh­ren, wenn man al­so in dem Fall ist, wie wir uns schon ein­mal aus­ge­drückt ha­ben, zwei fast ganz ver­schie­de­ne Krie­ge zu glei­cher Zeit zu füh­ren. Im­mer muß der ei­ne als die Haupt­sa­che an­ge­se­hen wer­den, auf wel­che sich vor­zugs­wei­se die Kräf­te und Tä­tig­kei­ten rich­ten.

Bei die­ser An­sicht ist es ver­nünf­tig, an­griffs­wei­se nur nach die­ser ei­nen Haupt­sei­te hin­zu­ge­hen, auf der an­de­ren aber ver­tei­di­gend zu blei­ben. Nur wo un­ge­wöhn­li­che Um­stän­de zu ei­nem An­griff ein­la­den, wür­de er zu recht­fer­ti­gen sein.

Fer­ner wird man die­se Ver­tei­di­gung, wel­che auf den un­ter­ge­ord­ne­ten Punk­ten statt­fin­det, mit so we­ni­gen Kräf­ten als mög­lich zu füh­ren und sich al­ler Vor­tei­le zu be­die­nen su­chen, wel­che die­se Wi­der­stands­form zu ge­wäh­ren ver­mag.

Noch viel mehr wird die­se An­sicht bei al­len Kriegs­thea­tern gel­ten, auf wel­chen zwar auch Hee­re ver­schie­de­ner Mäch­te auf­tre­ten, aber doch sol­che, die in dem all­ge­mei­nen Schwer­punk­te mit­ge­trof­fen wer­den.

Ge­gen den Feind aber, wel­chem der Haupt­stoß gilt, kann es hier­nach auf Ne­ben­kriegs­thea­tern kei­ne Ver­tei­di­gung mehr ge­ben. Der Haupt­an­griff selbst und die durch an­de­re Rück­sich­ten her­bei­ge­führ­ten un­ter­ge­ord­ne­ten An­grif­fe ma­chen die­sen Stoß aus und ma­chen je­de Ver­tei­di­gung von Punk­ten, wel­che durch sie nicht un­mit­tel­bar ge­deckt wer­den, über­flüs­sig. Auf die Haupt­ent­schei­dung kommt es an, in ihr wird je­der Ver­lust ein­ge­bracht. Rei­chen die Kräf­te hin, ei­ne sol­che Haupt­ent­schei­dung ver­nünf­ti­ger­wei­se zu su­chen, so kann die Mög­lich­keit des Fehl­sch­la­gens nicht mehr als ein Grund ge­braucht wer­den, sich in je­dem Fall auf an­de­ren Punk­ten für Scha­den zu hü­ten; denn die­ses Fehl­sch­la­gen wird eben da­durch viel wahr­schein­li­cher, und es ist al­so in un­se­rer Hand­lung ein Wi­der­spruch ent­stan­den.

Aber die­ses Vor­herr­schen der Haupt­hand­lung über die un­ter­ge­ord­ne­ten soll auch selbst bei den ein­zel­nen Glie­dern des gan­zen An­griffs statt­fin­den. Da sich aber meist aus an­der­wei­ti­gen Grün­den be­stimmt, wel­che Kräf­te von dem ei­nen Kriegs­thea­ter, und wel­che von dem an­de­ren ge­gen den ge­mein­schaft­li­chen Schwer­punkt vor­drin­gen sol­len, so kann hier nur ge­meint sein, daß ein Be­stre­ben da sein muß, die Haupt­hand­lung vor­wal­ten zu las­sen, und daß al­les ein­fa­cher und we­ni­ger Zu­fäl­len un­ter­wor­fen sein wird, je mehr die­ses Vor­wal­ten er­reicht wer­den kann.

Der zwei­te Grund­satz be­trifft den schnel­len Ge­brauch der Streit­kräf­te.

Je­der un­nüt­ze Zeit­auf­wand, je­der un­nüt­ze Um­weg ist ei­ne Ver­schwen­dung der Kräf­te und al­so der Stra­te­gie ein Greu­el.

Aber wich­ti­ger ist die Er­in­ne­rung, daß der An­griff über­haupt fast sei­nen ein­zi­gen Vor­zug in der Über­ra­schung be­sitzt, wo­mit die Er­öff­nung der Sze­ne wir­ken kann. Das Plötz­li­che und Un­auf­halt­sa­me sind sei­ne stärks­ten Schwin­gen, und wo es auf die Nie­der­wer­fung des Geg­ners an­kommt, kann er die­ser sel­ten ent­beh­ren.

Hier­mit for­dert die Theo­rie al­so die kür­zes­ten We­ge zum Ziel und schließt die zahl­lo­sen Dis­kus­sio­nen über rechts und links, hier­hin oder dort­hin von der Be­trach­tung ganz aus.

Wenn wir an das er­in­nern, was wir in dem Ka­pi­tel von dem Ge­gen­stand des stra­te­gi­schen An­griffs über die Herz­gru­be der Staa­ten ge­sagt ha­ben, fer­ner an das, was im vier­ten Ka­pi­tel die­ses Bu­ches über den Ein­fluß der Zeit vor­kommt, so glau­ben wir, be­darf es kei­ner wei­te­ren Ent­wick­lun­gen, um zu zei­gen, daß je­nem Grund­satz der Ein­fluß wirk­lich ge­büh­re, wel­chen wir für ihn for­dern.

Bo­na­par­te hat nie­mals an­ders ge­han­delt. Die nächs­te Haupt­stra­ße von Heer zu Heer oder von Haupt­stadt zu Haupt­stadt war ihm im­mer der liebs­te Weg.

Und wor­in wird nun die Haupt­hand­lung, auf wel­che wir al­les zu­rück­ge­führt, und für wel­che wir ei­ne ra­sche und un­um­wun­de­ne Voll­zie­hung ge­for­dert ha­ben, be­ste­hen?

Was die Nie­der­wer­fung des Fein­des sei, ha­ben wir, so­viel es sich im all­ge­mei­nen tun läßt, im vier­ten Ka­pi­tel ge­sagt, und es wä­re un­nütz, es zu wie­der­ho­len. Wor­auf es nun auch da­bei im ein­zel­nen Fall am En­de an­kom­men mag, so ist doch der An­fang da­zu über­all der­sel­be: die Ver­nich­tung der feind­li­chen Streit­kraft, d. h. ein gro­ßer Sieg über die­sel­be und ih­re Zetrüm­me­rung. Je frü­her, d. h. je nä­her an un­se­ren Gren­zen die­ser Sieg ge­sucht wird, um so leich­ter ist er; je spä­ter, d. h. je tie­fer im feind­li­chen Lan­de er er­foch­ten wird, um so ent­schei­den­der ist er. Hier wie über­all hal­ten sich die Leich­tig­keit des Er­fol­ges und die Grö­ße des­sel­ben das Gleich­ge­wicht. Sind wir al­so der feind­li­chen Streit­kraft nicht so über­le­gen, daß der Sieg un­zwei­fel­haft ist, so müs­sen wir sie, d. h. ih­re Haupt­macht, wo­mög­lich auf­su­chen. Wir sa­gen wo­mög­lich, denn wenn die­ses Auf­su­chen zu gro­ßen Um­we­gen, fal­schen Rich­tun­gen und Zeit­ver­lust für uns führ­te, so könn­te es leicht ein Feh­ler wer­den. Fin­det sich die feind­li­che Haupt­macht nicht auf un­se­rem We­ge, und kön­nen wir, weil es sonst ge­gen un­ser In­ter­es­se ist, sie nicht auf­su­chen, so dür­fen wir si­cher sein, sie spä­ter zu fin­den, denn sie wird nicht säu­men, sich uns ent­ge­gen­zu­wer­fen. Wir wer­den dann, wie wir eben ge­sagt ha­ben, un­ter we­ni­ger vor­teil­haf­ten Um­stän­den sch­la­gen: ein Übel, dem wir uns un­ter­zie­hen müs­sen. Ge­win­nen wir die Schlacht den­noch, so wird sie um so ent­schei­den­der sein.

Hier­aus folgt, daß in dem an­ge­nom­me­nen Fall ein ab­sicht­li­ches Vor­bei­ge­hen der feind­li­chen Haupt­macht, wenn sie sich schon auf un­se­rem We­ge be­fin­det, ein Feh­ler sein wür­de, we­nigs­tens in­so­fern man da­bei ei­ne Er­leich­te­rung des Sie­ges be­ab­sich­tig­te.

Da­ge­gen folgt aus dem Obi­gen, daß man bei ei­ner sehr ent­schie­de­nen Über­le­gen­heit der feind­li­chen Haupt­macht ab­sicht­lich vor­bei­ge­hen kön­ne, um spä­ter­hin ei­ne ent­schei­den­de­re Schlacht zu lie­fern.

Wir ha­ben von ei­nem voll­stän­di­gen Sie­ge, al­so von ei­ner Nie­der­la­ge des Fein­des, und nicht von ei­ner blo­ßen ge­won­ne­nen Schlacht ge­spro­chen. Zu ei­nem sol­chen Sie­ge aber ge­hört ein um­fas­sen­der An­griff oder ei­ne Schlacht mit ver­wand­ter Fron­te, denn bei­de ge­ben dem Aus­gang je­des­mal ei­nen ent­schei­den­den Cha­rak­ter. Es ge­hört al­so zum We­sent­li­chen des Kriegs­pla­nes, daß wir uns dar­auf ein­rich­ten, so­wohl was die Mas­se der Streit­kräf­te be­trifft, die nö­tig, als die Rich­tun­gen, wel­che ih­nen zu ge­ben sind, wo­von das Wei­te­re im Ka­pi­tel von dem Feld­zugs­plan ge­sagt wer­den soll.

Daß auch Schlach­ten mit ge­ra­der Fron­te zu voll­kom­me­nen Nie­der­la­gen füh­ren, ist zwar nicht un­mög­lich, und es fehlt nicht an Bei­spie­len in der Kriegs­ge­schich­te, al­lein der Fall ist sel­te­ner und wird im­mer sel­te­ner, je mehr die Hee­re sich an Aus­bil­dung und an Ge­wandt­heit ähn­li­cher wer­den. Jetzt macht man nicht mehr wie bei Blen­heim ein­und­zwan­zig Ba­tail­lo­ne in ei­nem Dor­fe ge­fan­gen.

Ist nun der gro­ße Sieg er­foch­ten, so soll von kei­ner Rast, von kei­nem Atem­ho­len, von kei­nem Be­sin­nen, von kei­nem Fest­stel­len usw. die Re­de sein, son­dern nur von der Ver­fol­gung, von neu­en Stö­ßen, wo sie nö­tig sind, von der Ein­nah­me der feind­li­chen Haupt­stadt, von dem An­griff der feind­li­chen Hilfs­hee­re, oder was sonst als der Un­ter­stüt­zungs­punkt des feind­li­chen Staa­tes er­scheint.

Führt uns der Strom des Sie­ges an feind­li­chen Fes­tun­gen vor­bei, so hängt es von un­se­rer Stär­ke ab, ob sie be­la­gert wer­den sol­len oder nicht. Bei gro­ßer Über­le­gen­heit wä­re es ein Zeit­ver­lust, sich ih­rer nicht so früh als mög­lich zu be­mäch­ti­gen; sind wir aber des fer­ne­ren Er­fol­ges an der Spit­ze nicht si­cher, so müs­sen wir uns vor den Fes­tun­gen mit so we­ni­gem als mög­lich be­hel­fen, und das schließt die gründ­li­che Be­la­ge­rung der­sel­ben aus. Von dem Au­gen­blick an, wo die Be­la­ge­rung der Fes­tun­gen uns zwingt, mit dem Vor­schrei­ten des An­griffs in­ne­zu­hal­ten, hat die­ser in der Re­gel sei­nen Kul­mi­na­ti­ons­punkt er­reicht. Wir for­dern al­so ein schnel­les, rast­lo­ses Vor­drin­gen und Nach­drin­gen der Haupt­macht; wir ha­ben es schon ver­wor­fen, daß die­ses Vor­schrei­ten auf dem Haupt­punk­te sich nach dem Er­folg auf den Ne­ben­punk­ten rich­te; die Fol­ge wird al­so sein, daß in al­len ge­wöhn­li­chen Fäl­len un­ser Haupt­heer nur ei­nen schma­len Land­strich hin­ter sie be­hält, wel­chen es sein nen­nen kann, und der al­so sein Kriegs­thea­ter aus­macht. Die Art, wie dies die Stoß­kraft an der Spit­ze schwächt, die Ge­fah­ren, wel­che dem An­grei­fen­den dar­aus er­wach­sen, ha­ben wir frü­her ge­zeigt. Wird die­se Schwie­rig­keit, wird die­ses in­ne­re Ge­gen­ge­wicht nicht ei­nen Punkt er­rei­chen kön­nen, der das wei­te­re Vor­drin­gen hemmt? Al­ler­dings kann das sein. Aber so wie wir oben be­haup­tet ha­ben, daß es ein Feh­ler wä­re, von Hau­se aus die­ses ver­eng­te Kriegs­thea­ter ver­mei­den zu wol­len und um die­ses Zwe­ckes wil­len dem An­griff sei­ne Schnell­kraft zu be­neh­men, so be­haup­ten wir auch jetzt: so­lan­ge der Feld­herr sei­nen Geg­ner noch nicht nie­der­ge­wor­fen hat, so­lan­ge er glaubt, stark ge­nug zu sein, um das Ziel zu ge­win­nen, so­lan­ge muß er es ver­fol­gen. Er tut es viel­leicht mit stei­gen­der Ge­fahr, aber auch mit stei­gen­der Grö­ße des Er­fol­ges. Kommt ein Punkt, wo er es nicht wagt, wei­ter­zu­ge­hen, wo er glaubt, für sei­nen Rü­cken sor­gen zu müs­sen, sich rechts und links aus­zu­brei­ten – wohl­an, es ist höchst wahr­schein­lich sein Kul­mi­na­ti­ons­punkt. Die Flug­kraft ist dann zu En­de, und wenn der Geg­ner nicht nie­der­ge­wor­fen ist, so wird höchst­wahr­schein­lich nichts dar­aus wer­den.

Al­les, was er zur in­ten­si­ven Aus­bil­dung sei­nes An­griffs mit Er­obe­rung von Fes­tun­gen, Päs­sen, Pro­vin­zen tut, ist zwar noch ein lang­sa­mes Vor­schrei­ten, aber nur ein re­la­ti­ves, kein ab­so­lu­tes mehr. Der Feind ist nicht mehr auf der Flucht, er rüs­tet sich viel­leicht schon zu er­neu­er­tem Wi­der­stand, und es ist al­so schon mög­lich, daß, ob­gleich der An­grei­fen­de noch in­ten­siv vor­wärts­schrei­tet, der Ver­tei­di­ger, in­dem er es auch tut, schon täg­lich et­was über ihn ge­winnt. Kurz, wir kom­men dar­auf zu­rück: es gibt in der Re­gel nach ei­nem not­wen­di­gen Halt kei­nen zwei­ten An­lauf.

Die Theo­rie for­dert al­so nur, daß, so­lan­ge die Idee be­steht, den Feind nie­der­zu­wer­fen, rast­los ge­gen ihn vor­ge­schrit­ten wer­de; gibt der Feld­herr die­ses Ziel auf, weil er die Ge­fahr da­bei zu groß fin­det, so tut er recht, in­ne­zu­hal­ten und sich aus­zu­brei­ten. Die Theo­rie ta­delt dies nur, wenn er es tut, um da­durch zum Nie­der­wer­fen des Geg­ners ge­schick­ter zu wer­den.

Wir sind nicht so tö­richt, zu be­haup­ten, daß es kein Bei­spiel von Staa­ten gä­be, die nach und nach aufs äu­ßers­te ge­bracht wor­den wä­ren. Erst­lich ist der von uns auf­ge­stell­te Satz kei­ne ab­so­lu­te Wahr­heit, von der ei­ne Aus­nah­me un­mög­lich wä­re, son­dern er grün­det sich nur auf den wahr­schein­li­chen und ge­wöhn­li­chen Er­folg; so­dann muß man un­ter­schei­den, ob der Un­ter­gang ei­nes Staa­tes nach und nach sich his­to­risch zu­ge­tra­gen hat, oder ob er gleich das Ziel des ers­ten Feld­zu­ges ge­we­sen war. Nur von die­sem Fall sp­re­chen wir hier, denn nur in ihm fin­det je­ne Span­nung der Kräf­te statt, die den Schwer­punkt der Last ent­we­der über­wäl­tigt oder in Ge­fahr ist, von ihm über­wäl­tigt zu wer­den. Wenn man sich im ers­ten Jah­re ei­nen mä­ßi­gen Vor­teil ver­schafft, zu die­sem im fol­gen­den ei­nen an­de­ren hin­zu­fügt und so nach und nach lang­sam ge­gen das Ziel vor­schrei­tet, so fin­det sich nir­gends ei­ne emi­nen­te Ge­fahr, aber da­für ist sie auf vie­le Punk­te ver­teilt. Je­der Zwi­schen­raum von ei­nem Er­folg zum an­de­ren gibt dem Fein­de neue Aus­sich­ten; die Wir­kun­gen des frü­he­ren Er­fol­ges ha­ben auf den spä­te­ren ei­nen sehr ge­rin­gen Ein­fluß, oft kei­nen, oft ei­nen ne­ga­ti­ven, weil der Feind sich er­holt oder gar zu grö­ße­rem Wi­der­stand ent­flammt wird oder neue Hil­fe von au­ßen be­kommt, wäh­rend da, wo al­les in ei­nem Zu­ge ge­schieht, der gest­ri­ge Er­folg den heu­ti­gen mit sich fort­reißt, der Brand am Bran­de sich ent­zün­det. Wenn es Staa­ten gibt, die durch suk­zes­si­ve Stö­ße über­wäl­tigt wor­den sind, und wo sich al­so die Zeit dem Ver­tei­di­ger, des­sen Schutz­hei­li­ger sie ist, ver­derb­lich ge­zeigt hat, – wie un­end­lich viel zahl­rei­cher sind die Bei­spie­le, wo die Ab­sicht des An­grei­fen­den dar­über ganz ver­fehlt wor­den ist. Man den­ke nur an den Er­folg des Sie­ben­jäh­ri­gen Krie­ges, wo die Ös­ter­rei­cher das Ziel mit so­viel Ge­mäch­lich­keit, Be­hut­sam­keit und Vor­sicht zu er­rei­chen such­ten, daß sie es ganz ver­fehl­ten.

Bei die­ser An­sicht kön­nen wir al­so gar nicht der Mei­nung sein, daß die Sor­ge für ein ge­hö­rig ein­ge­rich­te­tes Kriegs­thea­ter dem Trieb nach vor­wärts im­mer zur Sei­te ste­hen und ihm ge­wis­ser­ma­ßen das Gleich­ge­wicht hal­ten müs­se, son­dern wir se­hen die Nach­tei­le, die dar­aus er­wach­sen, als ein un­ver­meid­li­ches Übel an, wel­ches erst dann Rück­sicht ver­dient, wenn uns nach vorn­hin kei­ne Hoff­nung mehr bleibt.

Bo­na­par­tes Bei­spiel vom Jah­re 1812, weit ent­fernt, uns von un­se­rer Be­haup­tung zu­rück­zu­schre­cken, hat uns viel­mehr dar­in be­stärkt.

Sein Feld­zug ist nicht miß­ra­ten, weil er zu schnell und zu weit vor­ge­drun­gen ist, wie die ge­wöhn­li­che Mei­nung geht, son­dern weil die ein­zel­nen Mit­tel zum Er­folg fehl­schlu­gen. Das rus­si­sche Reich ist kein Land, was man förm­lich er­obern, d. h. be­setzt hal­ten kann, we­nigs­tens nicht mit den Kräf­ten jet­zi­ger eu­ro­päi­scher Staa­ten, und auch nicht mit den 500000 Mann, die Bo­na­par­te da­zu an­führ­te. Ein sol­ches Land kann nur be­zwun­gen wer­den durch ei­ge­ne Schwä­che und durch die Wir­kun­gen des in­ne­ren Zwie­spal­tes. Um auf die­se schwa­chen Stel­len des po­li­ti­schen Da­seins zu sto­ßen, ist ei­ne bis ins Herz des Staa­tes ge­hen­der Er­schüt­te­rung not­wen­dig. Nur wenn Bo­na­par­te mit sei­nem kräf­ti­gen Stoß bis Mos­kau hin­reich­te, durf­te er hof­fen, den Mut der Re­gie­rung und die Treue und Stand­haf­tig­keit des Vol­kes zu er­schüt­tern. In Mos­kau hoff­te er den Frie­den zu fin­den, und dies war das ein­zi­ge ver­nünf­ti­ge Ziel, wel­ches er sich bei die­sem Krie­ge ste­cken konn­te.

Er führ­te al­so sei­ne Haupt­macht ge­gen die Haupt­macht der Rus­sen, die vor ihm zu­rück über das La­ger von Dris­sa hin­stol­per­te und erst bei Smo­lensk zum Ste­hen kam. Er riß Ba­gra­ti­on mit fort, schlug bei­de und nahm Mos­kau ein. Er han­del­te hier, wie er im­mer ge­han­delt hat­te; nur auf die­se Wei­se war er der Ge­bie­ter Eu­ro­pas ge­wor­den, und nur auf die­se Wei­se hat­te er es wer­den kön­nen.

Wer al­so Bo­na­par­te in al­len sei­nen frü­he­ren Feld­zü­gen als den größ­ten Feld­herrn be­wun­dert, der soll sich in die­sem nicht über ihn er­he­ben.

Es ist er­laubt, ei­ne Be­ge­ben­heit nach dem Er­folg zu be­ur­tei­len, weil die­ser die bes­te Kri­tik da­von ist (sie­he fünf­tes Ka­pi­tel des zwei­ten Bu­ches), aber die­ses bloß aus dem Er­folg ge­zo­ge­ne Ur­teil muß man dann nicht mit mensch­li­cher Weis­heit nach­wei­sen wol­len. Die Ur­sa­chen ei­nes ver­un­glück­ten Feld­zu­ges auf­su­chen, heißt noch nicht, ei­ne Kri­tik des­sel­ben ma­chen; nur wenn man be­weist, daß die­se Ur­sa­chen nicht hät­ten über­se­hen oder un­be­ach­tet blei­ben sol­len, macht man die Kri­tik und er­hebt sich über den Feld­herrn.

Nun be­haup­ten wird, daß, wer in dem Feld­zug von 1812 bloß we­gen sei­nes un­ge­heu­ren Rück­sch­la­ges ei­ne Ab­sur­di­tät fin­det, wäh­rend er beim glück­li­chen Er­folg dar­in die er­ha­bens­ten Kom­bi­na­tio­nen ge­se­hen hät­te, ei­ne völ­li­ge Un­fä­hig­keit des Ur­teils zeigt.

Wä­re Bo­na­par­te in Li­tau­en ste­hen­ge­blie­ben, wie die meis­ten Kri­ti­ker ge­wollt ha­ben, um sich erst der Fes­tun­gen zu ver­si­chern, de­ren es üb­ri­gens au­ßer dem völ­lig seit­wärts ge­le­ge­nen Ri­ga kaum ei­ne gab, weil Bob­ru­isk ein klei­nes, un­be­deu­ten­des Nest ist, so wür­de er sich für den Win­ter in ein trau­ri­ges Ver­tei­di­gungs­sys­tem ver­wi­ckelt ha­ben; dann wür­den die­sel­ben Leu­te die ers­ten ge­we­sen sein, wel­che aus­ge­ru­fen hät­ten: das ist nicht mehr der al­te Bo­na­par­te! Wie, nicht ein­mal zu ei­ner ers­ten Haupt­schlacht hat er es ge­trie­ben, er, der sei­ne Er­obe­run­gen durch die Sie­ge von Aus­ter­litz und Fried­land an den letz­ten Mau­ern der feind­li­chen Staa­ten zu be­sie­geln pfleg­te? Die feind­li­che Haupt­stadt, das ent­blöß­te, zum Fall be­rei­te Mos­kau hat er zu neh­men zag­haft ver­säumt und da­durch den Kern be­ste­hen las­sen, um den sich neu­er Wi­der­stand sam­meln konn­te? Er hat das un­er­hör­te Glück, die­sen ent­fern­ten, un­ge­heu­ren Ko­loß zu über­fal­len, wie man ei­ne be­nach­bar­te Stadt, oder wie Fried­rich der Gro­ße das klei­ne, na­he Sch­le­si­en über­fällt, und er be­nutzt die­sen Vor­teil nicht, hält mit­ten im Sie­ges­lauf in­ne, als wenn sich ein bö­ser Geist an sei­ne Fer­sen ge­legt hät­te? – So wür­den die Leu­te ge­ur­teilt ha­ben, denn so sind die Ur­tei­le der meis­ten Kri­ti­ker be­schaf­fen.

Wir sa­gen: der Feld­zug von 1812 ist nicht ge­lun­gen, weil die feind­li­che Re­gie­rung fest, das Volk treu und stand­haft blieb, weil er al­so nicht ge­lin­gen konn­te. Es mag ein Feh­ler Bo­na­par­tes sein, ihn un­ter­nom­men zu ha­ben, we­nigs­tens hat der Er­folg ge­zeigt, daß er sich in sei­nem Kal­kül be­tro­gen hat, aber wir be­haup­ten, daß, wenn die­ses Ziel ge­sucht wer­den soll­te, es der Haupt­sa­che nach nicht an­ders zu er­rei­chen war.

An­statt sich im Os­ten ei­nen end­lo­sen, kost­ba­ren Ver­tei­di­gungs­krieg auf­zu­la­den, wie er ihn schon im Wes­ten zu füh­ren hat­te, ver­such­te Bo­na­par­te das ein­zi­ge Mit­tel zum Zweck: mit ei­nem küh­nen Schlag dem be­stürz­ten Geg­ner den Frie­den ab­zu­ge­win­nen. Daß sei­ne Ar­mee da­bei zu­grun­de ging, war die Ge­fahr, wel­cher er sich da­bei un­ter­zog, es war der Ein­satz im Spiel, der Preis der gro­ßen Hoff­nung. Ist die­ser Zer­stö­rung sei­ner Streit­kräf­te durch sei­ne Schuld grö­ßer ge­wor­den, als nö­tig ge­we­sen wä­re, so ist die­se Schuld nicht in das wei­te Vor­drin­gen zu set­zen, denn dies war Zweck und un­ver­meid­lich, son­dern in die spä­te Er­öff­nung des Feld­zu­ges, in die Men­schen­ver­schwen­dung sei­ner Tak­tik, in den Man­gel an Sorg­falt für den Un­ter­halt des Hee­res und für die Ein­rich­tung der Rück­zugs­stra­ße, end­lich in den et­was ver­spä­te­ten Ab­marsch von Mos­kau.

Daß sich ihm die rus­si­schen Ar­me­en an der Be­re­si­na vor­le­gen konn­ten, um ihm förm­lich den Rück­zug zu ver­weh­ren, ist kein star­kes Ar­gu­ment ge­gen uns. Denn: erst­lich hat ge­ra­de dies ge­zeigt, wie schwer das wirk­li­che Ab­schnei­den zu be­wir­ken ist, da sich der Ab­ge­schnit­te­ne un­ter den un­güns­tigs­ten denk­ba­ren Um­stän­den am En­de den Weg noch ge­bahnt hat, und die­ser gan­ze Akt zur Ver­grö­ße­rung sei­ner Ka­ta­stro­phe zwar bei­ge­tra­gen hat, aber sie doch nicht we­sent­lich aus­mach­te. Zwei­tens bot nur die sel­te­ne Be­schaf­fen­heit der Ge­gend die Mit­tel dar, es so weit zu trei­ben, und oh­ne die der gro­ßen Stra­ße sich quer­vor­le­gen­den Sümp­fe der Be­re­si­na mit ih­ren wald­rei­chen, un­zu­gäng­li­chen Rän­dern wä­re ein Ab­schnei­den noch we­ni­ger mög­lich ge­we­sen. Drit­tens gibt es über­haupt kein Mit­tel, sich ge­gen ei­ne sol­che Mög­lich­keit an­ders zu si­chern, als in­dem man sei­ne Macht in ei­ner ge­wis­sen Brei­te vor­führt, wel­ches wir schon frü­her ver­wor­fen ha­ben; denn ist man ein­mal dar­auf ein­ge­gan­gen, in der Mit­te vor­zu­drin­gen und sich die Sei­ten durch Hee­re zu de­cken, die man rechts und links zu­rück­läßt, so müß­te man bei je­dem mög­li­chen Un­fall ei­nes sol­chen Hee­res mit der Spit­ze gleich zu­rück­ei­len, und dann könn­te wohl aus dem An­griff nicht viel wer­den.

Man kann gar nicht sa­gen, daß Bo­na­par­te sei­ne Sei­ten ver­nach­läs­sigt ha­be. Ge­gen Witt­gen­stein blieb ei­ne über­le­ge­ne Macht ste­hen: vor Ri­ga stand ein an­ge­mes­se­nes Be­la­ge­rungs­korps, wel­ches so­gar dort über­flüs­sig war, und im Sü­den hat­te Schwar­zen­berg 50000 Mann, wo­mit er Tor­mas­sow über­le­gen und selbst Tschit­scha­gow bei­na­he ge­wach­sen war; da­zu ka­men noch 30000 Mann un­ter Vic­tor im Mit­tel­punkt des Rü­ckens. – Selbst im Mo­nat No­vem­ber, al­so im ent­schei­den­den Au­gen­blick, als sich die rus­si­schen Streit­kräf­te ver­stärkt hat­ten und die fran­zö­si­schen schon sehr ge­schwächt wa­ren, war die Über­le­gen­heit der Rus­sen im Rü­cken der Mos­kau­er Ar­mee noch nicht so au­ßer­or­dent­lich. Witt­gen­stein, Tschit­scha­gow und Sa­cken bil­de­ten zu­sam­men ei­ne Macht von 110000 Mann. Schwar­zen­berg, Reynier, Vic­tor, Ou­di­not und St.-Cyr wa­ren ef­fek­tiv noch 80000 Mann. Der be­hut­sams­te Ge­ne­ral wür­de beim Vor­ge­hen sei­nen Flan­ken kaum ei­ne grö­ße­re Streit­kraft wid­men.

Hät­te Bo­na­par­te von den 600000 Mann, die im Jahr 1812 den Nje­men über­schrit­ten ha­ben, statt 50000, die mit Schwar­zen­berg, Reynier und Mac­do­nald über den­sel­ben zu­rück­ge­gan­gen sind, 250000 zu­rück­ge­bracht, wel­ches bei Ver­mei­dung der Feh­ler, die wir ihm vor­ge­wor­fen ha­ben, mög­lich war, so blieb es ein un­glück­li­cher Feld­zug, aber die Theo­rie hät­te nichts da­ge­gen ein­wen­den kön­nen, denn über die Hälf­te sei­nes Hee­res ein­zu­bü­ßen, ist in sol­chem Fall nichts Un­ge­wöhn­li­ches und nimmt sich für uns nur we­gen des gro­ßen Maß­sta­bes so aus.

So­viel über die Haupt­hand­lung, ih­re not­wen­di­ge Ten­denz und ih­re un­ver­meid­li­chen Ge­fah­ren. Was die un­ter­ge­ord­ne­ten Hand­lun­gen be­trifft, so sa­gen wir vor al­len Din­gen: es muß ein ge­mein­schaft­li­ches Ziel al­ler da sein, aber die­ses Ziel muß so ge­stellt wer­den, daß es nicht die Tä­tig­kei­ten ein­zel­ner Tei­le lähmt. Wenn man vom Ober- und Mit­tel­rhein und von Hol­land aus ge­gen Frank­reich vor­dringt, um sich bei Pa­ris ein Ren­dez­vous zu ge­ben, und je­de Ar­mee nichts wa­gen, son­dern sich so­viel wie mög­lich in­takt er­hal­ten soll, bis die­se Ver­ei­ni­gung er­reicht ist, so nen­nen wir das ei­nen ver­derb­li­chen Plan. Es ent­steht not­wen­dig ein Ab­wä­gen der drei­fa­chen Be­we­gung, wel­che Zö­ge­rung, Un­ent­schlos­sen­heit und Zag­haf­tig­keit in das Vor­schrei­ten je­des Tei­les bringt. Bes­ser ist es, je­dem Teil sei­ne Ar­mee für sich zu­zu­mes­sen und nur die Ein­heit da­hin zu set­zen, wo die­se ver­schie­de­nen Tä­tig­kei­ten von selbst zur Ein­heit wer­den.

Die­ses Tren­nen, um sich ein paar Mär­sche spä­ter wie­der zu ver­ei­ni­gen, kommt fast in al­len Krie­gen vor und ist doch im Grun­de ganz oh­ne Sinn. Ist man ge­trennt, so muß man wis­sen, wa­rum man es ist, und die­ses Wa­rum muß er­füllt wer­den und kann nicht in der spä­te­ren Ver­ei­ni­gung be­ste­hen wie bei ei­ner Qua­dril­len­tour.

Es soll al­so, wenn die Kriegs­macht zum An­griff auf ge­trenn­ten Kriegs­thea­tern vor­geht, je­dem Heer sei­ne Auf­ga­be für sich be­ste­hend ge­ge­ben wer­den, an de­ren Ge­gen­stand es sei­ne Stoß­kraft er­schöp­fen kann. Daß dies letz­te­re von al­len Sei­ten ge­sche­he, dar­auf kommt es an, und nicht dar­auf, daß al­le ver­hält­nis­mä­ßi­ge Vor­tei­le er­rin­gen.

Wird ei­nem der Hee­re sei­ne Rol­le zu schwer, weil der Feind ei­ne an­de­re Ver­tei­di­gung ge­macht hat, als wir glaub­ten, er­lebt es Un­glücks­fäl­le, so muß und darf dies kei­nen Ein­fluß auf die Tä­tig­keit der an­de­ren ha­ben, oder man wür­de von Hau­se aus die Wahr­schein­lich­keit des all­ge­mei­nen Er­fol­ges ge­gen sich selbst wen­den. Nur wenn die Mehr­heit un­glück­lich ist oder die Haupt­tei­le es sind, darf und muß dies Ein­fluß auf die an­de­ren ha­ben: als­dann ist näm­lich der Fall ei­nes ver­fehl­ten Pla­nes ein­ge­tre­ten.

Eben die­se Re­gel gilt für die­je­ni­gen Hee­re und Ab­tei­lun­gen, wel­che ur­sprüng­lich zur Ver­tei­di­gung be­stimmt sind und durch ei­nen güns­ti­gen Er­folg der­sel­ben zum An­griff über­ge­hen kön­nen, wenn es nicht vor­zu­zie­hen ist, ih­re über­flüs­si­gen Streit­kräf­te auf den Haupt­punkt der Of­fen­si­ve über­zu­füh­ren, wel­ches haupt­säch­lich von der geo­gra­phi­schen La­ge des Kriegs­thea­ters ab­hängt.

Aber was wird un­ter die­sen Um­stän­den aus der geo­me­tri­schen Ge­stalt und Ein­heit des gan­zen An­griffs, was aus Flan­ken und Rü­cken der ei­nem ge­sch­la­ge­nen Tei­le be­nach­bar­ten Ab­tei­lun­gen?

Das ist es eben, was wir haupt­säch­lich be­kämp­fen wol­len. Die­ses Zu­sam­men­lei­men ei­nes gro­ßen An­griffs in ein geo­me­tri­sches Vier­eck ist ei­ne Ver­ir­rung in ein fal­sches Ge­dan­ken­sys­tem hin­ein.

Wir ha­ben in dem fünf­zehn­ten Ka­pi­tel des drit­ten Bu­ches ge­zeigt, daß das geo­me­tri­sche Ele­ment in der Stra­te­gie nicht so wirk­sam ist als in der Tak­tik, und wir wol­len hier nur das Re­sul­tat wie­der­ho­len, daß be­son­ders beim An­griff die wirk­li­chen Er­fol­ge auf den ein­zel­nen Punk­ten durch­aus mehr Rück­sicht ver­die­nen als die Fi­gur, wel­che aus dem An­griff nach und nach durch die Ver­schie­den­heit der Er­fol­ge ent­ste­hen kann.

In je­dem Fall aber ist es ei­ne aus­ge­mach­te Sa­che, daß bei den gro­ßen Räu­men in der Stra­te­gie die Rück­sich­ten und Ent­schlüs­se, wel­che die geo­me­tri­sche La­ge der Tei­le ver­an­las­sen, füg­lich dem Ober­feld­herrn über­las­sen blei­ben kön­nen; daß al­so kei­ner der Un­ter­feld­her­ren das Recht hat, nach dem zu fra­gen, was sein Nach­bar tut oder un­ter­läßt, son­dern an­ge­wie­sen wer­den kann, sein Ziel un­be­dingt zu ver­fol­gen. Ent­steht wirk­lich ein star­kes Miß­ver­hält­nis dar­aus, so kann die Ab­hil­fe von oben her im­mer noch zur rech­ten Zeit ge­ge­ben wer­den. Und da­mit ist denn das Haupt­übel die­ser ge­trenn­ten Wir­kungs­wei­se ent­fernt: daß an die Stel­le rea­ler Din­ge ei­ne Men­ge von Be­fürch­tun­gen und Vor­aus­set­zun­gen sich in den Ver­lauf der Be­ge­ben­heit mi­schen, daß je­der Zu­fall nicht bloß den Teil, den er trifft, son­dern kon­sen­sua­lisch das Gan­ze af­fi­ziert, und daß per­sön­li­chen Schwä­chen und per­sön­li­cher Feind­schaft der Un­ter­feld­her­ren ein wei­tes Feld er­öff­net wird.

Wir glau­ben, daß man die­se An­sicht nur dann pa­ra­dox fin­den wird, wenn man noch nicht lan­ge und ernst ge­nug die Kriegs­ge­schich­te im Au­ge ge­habt, das Wich­ti­ge von dem Un­wich­ti­gen ge­trennt und den gan­zen Ein­fluß der mensch­li­chen Schwä­chen ge­wür­digt hat.

Wenn es schon in der Tak­tik schwer ist, den glück­li­chen Er­folg ei­nes An­griffs in meh­re­ren ge­trenn­ten Ko­lon­nen durch die ge­naue Zu­sam­men­stim­mung al­ler Tei­le zu er­hal­ten, wie das Ur­teil al­ler Er­fah­re­nen ein­räumt, wie­viel schwie­ri­ger oder viel­mehr wie ganz un­mög­lich wird dies in der Stra­te­gie sein, wo die Tren­nung so­viel grö­ßer ist. Soll­te al­so das be­stän­di­ge Zu­sam­men­stim­men al­ler Tei­le ei­ne not­wen­di­ge Be­din­gung des Er­fol­ges sein, so müß­te ein sol­cher stra­te­gi­scher An­griff durch­aus ver­wor­fen wer­den. Aber von der ei­nen Sei­te hängt es nicht von un­se­rer Will­kür ab, ihn ganz zu ver­wer­fen, weil Um­stän­de da­zu be­stim­men kön­nen, über wel­che wir gar nicht zu ge­bie­ten ha­ben, von der an­de­ren ist selbst in der Tak­tik die­se be­stän­di­ge Zu­sam­men­stim­mung al­ler Tei­le für je­den Au­gen­blick des Ver­lau­fes nicht ein­mal nö­tig, und viel we­ni­ger ist sie es, wie ge­sagt, in der Stra­te­gie. Man muß al­so in die­ser um so mehr da­von ab­se­hen und um so mehr dar­auf be­har­ren, daß je­dem Teil ein selb­stän­di­ges Stück Ar­beit zu­ge­mes­sen wer­de.

Die­sem ha­ben wir noch ei­ne wich­ti­ge Be­mer­kung an­zu­schlie­ßen, sie be­trifft die gu­te Ver­tei­lung der Rol­len.

In den Jah­ren 1793 und 1794 be­fand sich die ös­ter­rei­chi­sche Haupt­macht in den Nie­der­lan­den, die preu­ßi­sche am Ober­rhein. Die ös­ter­rei­chi­schen Trup­pen wur­den von Wien nach Condé und Va­len­ci­en­nes ge­fah­ren und durch­kreuz­ten sich mit den preu­ßi­schen, die von Ber­lin nach Land­au muß­ten. Die Ös­ter­rei­cher hat­ten zwar dort ih­re bel­gi­schen Pro­vin­zen zu ver­tei­di­gen, und wenn sie Er­obe­run­gen im fran­zö­si­schen Flan­dern mach­ten, so wa­ren sie ih­nen sehr ge­le­gen, al­lein dies In­ter­es­se war nicht stark ge­nug. Nach dem To­de des Fürs­ten Kau­nitz setz­te der ös­ter­rei­chi­sche Mi­nis­ter Thu­gut die Maß­re­gel durch, die Nie­der­lan­de ganz auf­zu­ge­ben, um sei­ne Kräf­te mehr zu kon­zen­trie­ren. In der Tat ha­ben die Ös­ter­rei­cher nach Flan­dern fast noch ein­mal so weit als nach dem El­saß, und in ei­ner Zeit, wo die Streit­kräf­te sich in sehr ge­mes­se­nen Gren­zen be­fan­den und al­les mit ba­rem Gel­de un­ter­hal­ten wer­den muß­te, war das kei­ne Klei­nig­keit. Doch war die Ab­sicht des Mi­nis­ters Thu­gut of­fen­bar noch ei­ne an­de­re: er woll­te die Mäch­te, wel­che bei der Ver­tei­di­gung der Nie­der­lan­de und des Nie­der­rheins in­ter­es­siert wa­ren, Hol­land, Eng­land und Preu­ßen, durch die Dring­lich­keit der Ge­fahr in den Fall set­zen, stär­ke­re An­stren­gun­gen zu ma­chen. Er hat sich in sei­nem Kal­kül be­tro­gen, weil dem preu­ßi­schen Ka­bi­nett da­mals auf kei­ne Wei­se bei­zu­kom­men war. Aber im­mer zeigt die­ser Her­gang den Ein­fluß des po­li­ti­schen In­ter­es­ses auf den Gang des Krie­ges.

Preu­ßen hat­te im El­saß we­der et­was zu ver­tei­di­gen noch zu er­obern. Es hat­te im Jahr 1792 den Marsch durch Loth­rin­gen nach der Cham­pa­gne in ei­nem rit­ter­li­chen Sin­ne un­ter­nom­men. Als die­ser ge­gen den Drang der Um­stän­de nicht mehr vor­hielt, führ­te es den Krieg nur noch mit hal­bem In­ter­es­se fort. Hät­ten sich die preu­ßi­schen Trup­pen in den Nie­der­lan­den be­fun­den, so wa­ren sie mit Hol­land in un­mit­tel­ba­rer Ver­bin­dung, wel­ches sie halb und halb als ihr ei­ge­nes Land an­se­hen konn­ten, da sie es im Jahr 1787 un­ter­wor­fen hat­ten, sie deck­ten den Nie­der­rhein und folg­lich den­je­ni­gen Teil der preu­ßi­schen Mon­ar­chie, der dem Kriegs­thea­ter am nächs­ten lag. Auch mit Eng­land be­fand sich Preu­ßen we­gen der Sub­si­di­en in ei­nem stär­ke­ren Bun­des­ver­hält­nis­se, wel­ches un­ter die­sen Um­stän­den nicht so leicht in die Hin­ter­list aus­ar­ten konn­te, wel­cher sich das preu­ßi­sche Ka­bi­nett da­mals schul­dig ge­macht hat.

Es wä­re al­so ei­ne viel bes­se­re Wir­kung zu er­war­ten ge­we­sen, wenn die Ös­ter­rei­cher mit ih­rer Haupt­macht am Ober­rhein, die Preu­ßen mit ih­rer gan­zen Macht in den Nie­der­lan­den auf­ge­tre­ten wä­ren, und die Ös­ter­rei­cher dort nur ein ver­hält­nis­mä­ßi­ges Korps ge­las­sen hät­ten.

Wenn man im Jahr 1814 statt des un­ter­neh­men­den Blü­chers den Ge­ne­ral Bar­clay an die Spit­ze der Sch­le­si­schen Ar­mee ge­stellt und Blü­cher un­ter Schwar­zen­berg bei der Haupt­ar­mee be­hal­ten hät­te, so wä­re der Feld­zug viel­leicht ganz ver­un­glückt.

Wenn der un­ter­neh­men­de Laudon, statt sein Kriegs­thea­ter auf dem stärks­ten Punkt der preu­ßi­schen Mon­ar­chie, näm­lich in Sch­le­si­en zu ha­ben, sich an der Stel­le der Reichs­ar­mee be­fun­den hät­te, so wür­de viel­leicht der gan­ze Sie­ben­jäh­ri­ge Krieg ei­ne an­de­re Wen­dung ge­nom­men ha­ben. Um die­sem Ge­gen­stan­de nä­her zu tre­ten, müs­sen wir die Fäl­le nach ih­ren Haupt­ver­schie­den­hei­ten be­trach­ten.

Der ers­te ist: wenn wir den Krieg mit an­de­ren Mäch­ten ge­mein­schaft­lich füh­ren, die nicht bloß als un­se­re Bun­des­ge­nos­sen auf­tre­ten, son­dern ein selb­stän­di­ges In­ter­es­se ha­ben.

Der zwei­te: wenn ein Bun­des­heer zu un­se­rem Bei­stan­de her­bei­ge­kom­men ist.

Der Drit­te: wenn nur von der per­sön­li­chen Ei­gen­tüm­lich­keit der Ge­ne­ra­le die Re­de ist.

Für die bei­den ers­ten Fäl­le kann man die Fra­ge auf­wer­fen, ob es bes­ser sei, die Trup­pen der ver­schie­de­nen Mäch­te voll­kom­men zu ver­mi­schen, so daß die ein­zel­nen Hee­re aus Korps ver­schie­de­ner Mäch­te zu­sam­men­ge­setzt sind, wie das in den Jah­ren 1813 und 1814 statt­ge­fun­den hat, oder ob man sie so­viel als mög­lich tren­nen soll, da­mit je­de selb­stän­di­ger hand­le.

Of­fen­bar ist das ers­te das Heil­sams­te, aber es setzt ei­nen Grad von Be­freun­dung und ge­mein­schaft­li­chem In­ter­es­se vor­aus, der sel­ten statt­fin­den wird. Bei die­ser en­gen Ver­bin­dung der Streit­kräf­te wird den Ka­bi­net­ten die Ab­son­de­rung ih­rer In­ter­es­sen weit schwe­rer, und was den schäd­li­chen Ein­fluß ego­is­ti­scher An­sich­ten bei den Heer­füh­rern be­trifft, so kann er sich un­ter die­sen Um­stän­den nur bei den Un­ter­feld­her­ren, al­so nur im Ge­biet der Tak­tik, und auch hier nicht so un­ge­straft und frei zei­gen wie bei ei­ner voll­kom­me­nen Tren­nung. Bei die­ser geht er in die Stra­te­gie über und wirkt al­so in ent­schei­den­den Zü­gen. Aber, wie ge­sagt, es ge­hört ei­ne sel­te­ne Hin­ge­bung von sei­ten der Re­gie­rung da­zu. Im Jahr 1813 dräng­te die Not al­le in die­se Rich­tung, und doch ist es nicht ge­nug zu prei­sen, daß der Kai­ser von Ruß­land, der mit der stärks­ten Streit­kraft auf­trat und das größ­te Ver­dienst um den Um­schwung des Glü­ckes hat­te, sei­ne Trup­pen den preu­ßi­schen und ös­ter­rei­chi­schen Be­fehls­ha­bern un­ter­ord­ne­te, oh­ne den Ehr­geiz zu ha­ben, mit ei­ner selb­stän­di­gen rus­si­schen Ar­mee auf­zu­tre­ten.

Ist nun ei­ne sol­che Ver­ei­ni­gung der Streit­kräf­te nicht zu er­hal­ten, so ist ei­ne voll­kom­me­ne Tren­nung der­sel­ben al­ler­dings bes­ser als ei­ne hal­be, und das Schlimms­te ist im­mer, wenn zwei un­ab­hän­gi­ge Feld­her­ren ver­schie­de­ner Mäch­te sich auf ein und dem­sel­ben Kriegs­thea­ter be­fin­den, wie das im Sie­ben­jäh­ri­gen Krie­ge mit den Rus­sen, Ös­ter­rei­chern und der Reichs­ar­mee häu­fig der Fall war. Bei ei­ner voll­kom­me­nen Tren­nung der Kräf­te sind auch die Las­ten, wel­che über­wun­den wer­den sol­len, mehr ge­trennt, und es wird dann je­der von der sei­ni­gen ge­drückt, al­so durch die Ge­walt der Um­stän­de mehr zur Tä­tig­keit ge­drängt; be­fin­den sie sich aber in na­her Ver­bin­dung oder gar auf ei­nem Kriegs­thea­ter, so ist dies nicht der Fall, und au­ßer­dem lähmt der üb­le Wil­le des ei­nen die Kräf­te des an­de­ren mit.

Im ers­ten der drei an­ge­ge­be­nen Fäl­le wird die völ­li­ge Tren­nung kei­ne Schwie­rig­kei­ten ha­ben, weil das na­tür­li­che In­ter­es­se je­der Macht ihr ge­wöhn­lich schon ei­ne an­de­re Rich­tung ih­rer Kräf­te zu­weist; im zwei­ten Fall kann es dar­an feh­len, und dann bleibt in der Re­gel nichts üb­rig, als sich der Hilfs­ar­mee, wenn ih­re Stär­ke ei­ni­ger­ma­ßen da­zu ge­eig­net ist, ganz un­ter­zu­ord­nen, wie die Ös­ter­rei­cher am En­de des Feld­zu­ges von 1815 und die Preu­ßen im Feld­zug von 1807 ge­tan ha­ben.

Was die per­sön­li­che Ei­gen­tüm­lich­keit der Ge­ne­ra­le be­trifft, so geht hier al­les in das In­di­vi­du­el­le über, aber die ei­ne all­ge­mei­ne Be­mer­kung dür­fen wir nicht über­ge­hen, daß man nicht, wie wohl zu ge­sche­hen pflegt, die vor­sich­tigs­ten und be­hut­sams­ten an die Spit­ze der un­ter­ge­ord­ne­ten Ar­me­en stel­len soll, son­dern die un­ter­neh­mends­ten, denn wir kom­men dar­auf zu­rück: es ist bei der ge­trenn­ten stra­te­gi­schen Wirk­sam­keit nichts so wich­tig, als daß je­der Teil tüch­tig ar­bei­te, die vol­le Wirk­sam­keit sei­ner Kräf­te äu­ße­re, wo­bei denn die Feh­ler, wel­che auf ei­nem Punk­te be­gan­gen sein kön­nen, durch die Ge­schick­lich­keit auf an­de­ren aus­ge­gli­chen wer­den. Nun ist man aber die­ser vol­len Tä­tig­keit al­ler Tei­le nur ge­wiß, wenn die Füh­rer ra­sche, un­ter­neh­men­de Leu­te sind, die der in­ne­re Trieb, das ei­ge­ne Herz vor­wärts­treibt, weil ei­ne blo­ße ob­jek­ti­ve, kal­te Über­le­gung von der Not­wen­dig­keit des Han­delns sel­ten aus­reicht.

End­lich bleibt noch die Be­mer­kung üb­rig, daß, wenn es sonst die Um­stän­de ge­stat­ten, die Trup­pen und Feld­her­ren in Be­zie­hung auf ih­re Be­stim­mung und auf die Na­tur der Ge­gend nach ih­ren Ei­gen­tüm­lich­kei­ten ge­braucht wer­den sol­len.

Ste­hen­de Hee­re, gu­te Trup­pen, zahl­rei­che Rei­te­rei, al­te, vor­sich­ti­ge, ver­stän­di­ge Feld­her­ren in of­fe­nen Ge­gen­den; Land­mi­li­zen, Volks­be­waff­nung, zu­sam­men­ge­raff­tes Ge­sin­del, jun­ge, un­ter­neh­men­de Füh­rer in Wäl­dern, Ber­gen und Päs­sen, Hilfs­hee­re in rei­chen Pro­vin­zen, wo sie sich ge­fal­len.

Was wir bis­her über den Kriegs­plan im all­ge­mei­nen und in die­sem Ka­pi­tel über den­je­ni­gen ins­be­son­de­re ge­sagt ha­ben, wel­cher auf die Nie­der­wer­fung des Geg­ners ge­rich­tet ist, hat­te die Ab­sicht, das Ziel des­sel­ben über al­les her­vor­zu­he­ben und dem­nächst Grund­sät­ze an­zu­ge­ben, wel­che bei der Ein­rich­tung der Mit­tel und We­ge lei­ten sol­len. Wir woll­ten da­durch ein kla­res Be­wußt­sein von dem, was man in ei­nem sol­chen Krie­ge will und soll, be­wir­ken. Das Not­wen­di­ge und All­ge­mei­ne woll­ten wir her­aus­he­ben, dem In­di­vi­du­el­len und Zu­fäl­li­gen sei­nen Spiel­raum las­sen, aber das Will­kür­li­che, Un­be­grün­de­te, das Spie­len­de oder Phan­tas­ti­sche oder So­phis­ti­sche woll­ten wir ent­fer­nen. Ha­ben wir die­sen Zweck er­reicht, so se­hen wir un­se­re Auf­ga­be als ge­löst an.

Wer nun sehr be­tre­ten ist, hier nichts von Um­ge­hung der Flüs­se, von Be­meis­te­rung der Ge­bir­ge durch ih­re be­herr­schen­den Punk­te, von Ver­mei­dung der fes­ten Stel­lun­gen und Schlüs­sel des Lan­des zu fin­den, der hat uns nicht ver­stan­den, und wir ge­ste­hen, daß wir glau­ben, ein sol­cher hat auch den Krieg in sei­nen gro­ßen Be­zie­hun­gen noch nicht ver­stan­den.

Wir ha­ben in den frü­he­ren Bü­chern die­se Ge­gen­stän­de im all­ge­mei­nen cha­rak­te­ri­siert und da­bei ge­fun­den, daß sie meis­tens von ei­ner viel schwä­che­ren Na­tur sind, als man nach ih­rem Ruf glau­ben soll­te. Um so we­ni­ger kön­nen und sol­len sie in ei­nem Krie­ge, des­sen Ziel die Nie­der­wer­fung des Fein­des ist, ei­ne gro­ße Rol­le spie­len, näm­lich ei­ne sol­che, die auf den gan­zen Kriegs­ent­wurf Ein­fluß hät­te.

Der Ein­rich­tung des Ober­be­fehls wer­den wir am Schlus­se die­ses Bu­ches ein ei­ge­nes Ka­pi­tel wid­men. –

Wir wol­len dies Ka­pi­tel mit ei­nem Bei­spiel be­schlie­ßen.

Wenn Ös­ter­reich, Preu­ßen, der Deut­sche Bund, die Nie­der­lan­de und Eng­land ei­nen Krieg ge­gen Frank­reich be­schlie­ßen, Ruß­land aber neu­tral bleibt, ein Fall, der sich seit hun­dert­und­fünf­zig Jah­ren schon so oft er­neu­ert hat, so sind sie im­stan­de, ei­nen An­griffs­krieg zu füh­ren, der auf die Nie­der­wer­fung des Geg­ners ge­rich­tet ist. Denn so groß und mäch­tig Frank­reich ist, so kann es doch in den Fall kom­men, die grö­ße­re Hälf­te sei­nes Rei­ches von feind­li­chen Ar­me­en über­schwemmt, die Haupt­stadt in ih­rem Be­sitz und sich auf un­zu­rei­chen­de Hilfs­quel­len zu­rück­ge­führt zu se­hen, oh­ne daß es au­ßer Ruß­land ei­ne Macht gä­be, die es mit gro­ßer Wirk­sam­keit un­ter­stüt­zen könn­te. Spa­ni­en ist zu weit ent­fernt und zu un­vor­teil­haft ge­le­gen; die ita­lie­ni­schen Staa­ten sind vor­der­hand zu morsch und ohn­mäch­tig.

Die ge­nann­ten Län­der ha­ben oh­ne ih­re au­ßer­eu­ro­päi­schen Be­sit­zun­gen über 75000000 Ein­woh­ner zu ge­bie­ten, wäh­rend Frank­reich nur 30000000 hat, und das Heer, wel­ches sie zu ei­nem ernst­lich ge­mein­ten Krie­ge ge­gen Frank­reich auf­zu­bie­ten ha­ben, wür­de oh­ne Über­trei­bung fol­gen­des sein kön­nen:

Ös­ter­reich 250000 Mann

Preu­ßen 200000 Mann

Das üb­ri­ge Deutsch­land 150000 Mann

Die Nie­der­lan­de 75000 Mann

Eng­land 50000 Mann

Sum­ma 725000 Mann.

Tre­ten die­se ef­fek­tiv auf, so sind sie der Macht, wel­che Frank­reich ent­ge­gen­stel­len kann, höchst­wahr­schein­lich weit über­le­gen, denn die­ses Land hat un­ter Bo­na­par­te zu kei­ner Zeit ei­ne Streit­mas­se von ähn­li­cher Stär­ke ge­habt. Be­denkt man nun, was an Fes­tungs­be­sat­zun­gen und De­pots zur Be­wa­chung der Küs­te usw. ab­geht, so wird man die Wahr­schein­lich­keit ei­ner be­deu­ten­den Über­le­gen­heit auf dem Haupt­kriegs­thea­ter nicht be­zwei­feln, und auf die­se ist der Zweck, den Feind nie­der­zu­wer­fen, haupt­säch­lich ge­grün­det.

Der Schwer­punkt des fran­zö­si­schen Rei­ches liegt in sei­ner Kriegs­macht und in Pa­ris. Je­ne in ei­ner oder meh­re­ren Haupt­schlach­ten be­sie­gen, Pa­ris er­obern, die Über­res­te des feind­li­chen Hee­res über die Loire zu­rück­wer­fen, muß das Ziel der Ver­bün­de­ten sein. Die Herz­gru­be der fran­zö­si­schen Mon­ar­chie liegt zwi­schen Pa­ris und Brüs­sel, dort ist die Gren­ze von der Haupt­stadt nur 30 Mei­len ent­fernt. Der ei­ne Teil der Ver­bün­de­ten, die Eng­län­der, Nie­der­län­der, Preu­ßen und die nord­deut­schen Staa­ten, ha­ben dort ih­ren na­tür­li­chen Auf­stel­lungs­punkt, ih­re Län­der lie­gen zum Teil in der Nä­he, zum Teil ge­ra­de da­hin­ter. Ös­ter­reich und Süd­deutsch­land kann sei­nen Krieg mit Be­quem­lich­keit nur vom Ober­rhein her füh­ren. Die na­tür­lichs­te Rich­tung geht auf Troyes und Pa­ris oder auch auf Orléans. Bei­de Stö­ße, der von den Nie­der­lan­den wie der vom Ober­rhein her, sind al­so ganz di­rekt und oh­ne Zwang, kurz und kräf­tig, und bei­de füh­ren zum Schwer­punkt der feind­li­chen Macht. Auf die­se bei­den Punk­te soll­te al­so die gan­ze feind­li­che Macht ver­teilt wer­den.

Nur zwei Rück­sich­ten ent­fer­nen von die­ser Ein­fach­heit des Pla­nes.

Die Ös­ter­rei­cher wer­den Ita­li­en nicht ent­blö­ßen, sie wer­den dort in je­dem Fall Meis­ter der Be­ge­ben­hei­ten blei­ben wol­len. Sie wer­den es al­so nicht dar­auf an­kom­men las­sen, Ita­li­en durch ei­nen An­griff auf das Herz von Frank­reich mit­tel­bar zu de­cken. Bei dem po­li­ti­schen Zu­stan­de des Lan­des ist die­se Ne­ben­ab­sicht nicht zu ver­wer­fen; aber es wür­de ein ganz ent­schie­de­ner Feh­ler sein, wenn die al­te, schon so oft ver­such­te Idee ei­nes An­griffs des süd­li­chen Frank­reichs von Ita­li­en her da­mit ver­bun­den und aus die­sem Grun­de der ita­lie­ni­schen Macht ei­ne Grö­ße ge­ge­ben wür­de, die sie zur blo­ßen Si­che­rung ge­gen die äu­ßers­ten Un­glücks­fäl­le im ers­ten Feld­zu­ge nicht brauch­te. Nur so­viel soll in Ita­li­en blei­ben, nur so­viel darf der Haupt­un­ter­neh­mung ent­zo­gen wer­den, wenn man dem Haupt­ge­dan­ken, Ein­heit des Pla­nes, Ver­ei­ni­gung der Macht, nicht un­treu wer­den will. Wenn man Frank­reich an der Rhône er­obern will, so ist das, als wenn man ei­ne Mus­ke­te an der Spit­ze ih­res Ba­jo­netts auf­he­ben will; aber auch als Ne­ben­un­ter­neh­mung ist ein An­griff auf das süd­li­che Frank­reich ver­werf­lich, denn er weckt nur neue Kräf­te ge­gen uns. Je­des­mal, wo man ei­ne ent­fern­te Pro­vinz an­greift, rührt man In­ter­es­sen und Tä­tig­kei­ten auf, die sonst ge­schlum­mert hät­ten. Nur wenn sich zeigt, daß die in Ita­li­en ge­las­se­nen Kräf­te für die blo­ße Si­che­rung des Lan­des zu groß wä­ren und al­so mü­ßig blei­ben müß­ten, ist ein An­griff auf das süd­li­che Frank­reich von da aus ge­recht­fer­tigt.

Wir wie­der­ho­len es da­her: die ita­lie­ni­sche Macht muß so schwach ge­hal­ten wer­den, als es die Um­stän­de nur ir­gend zu­las­sen, und sie ist hin­rei­chend, wenn die Ös­ter­rei­cher nicht in ei­nem Feld­zu­ge das gan­ze Land ver­lie­ren kön­nen. Neh­men wir die­se Macht in un­se­rem Bei­spie­le mit 50000 Mann an.

Die an­de­re Rück­sicht ist das Ver­hält­nis Frank­reichs als Küs­ten­land, Da Eng­land zur See die Ober­hand hat, so folgt dar­aus ei­ne gro­ße Reiz­bar­keit Frank­reichs längs sei­ner gan­zen at­lan­ti­schen Küs­te und folg­lich ei­ne mehr oder we­ni­ger star­ke Be­set­zung der­sel­ben. Wie schwach die­se nun auch ein­ge­rich­tet sei, so wird doch die fran­zö­si­sche Gren­ze da­mit ver­drei­facht, und es kann nicht feh­len, daß da­durch den fran­zö­si­schen Ar­me­en auf den Kriegs­thea­tern ei­ne Men­ge von Kräf­ten ent­zo­gen wer­den. 20 oder 30 000 Mann dis­po­ni­bler Lan­dungs­trup­pen, wo­mit die Eng­län­der Frank­reich be­dro­hen, wür­den viel­leicht das Dop­pel­te oder Drei­fa­che von fran­zö­si­schen Kräf­ten ab­sor­bie­ren, wo­bei man nicht bloß an Trup­pen, son­dern auch an Geld, Ka­no­nen usw. den­ken muß, wel­che Flot­te und Strand­bat­te­ri­en er­for­dern. Neh­men wir an, daß die Eng­län­der da­zu 25000 Mann ver­wen­den.

Un­ser Kriegs­plan wür­de al­so ganz ein­fa­cher­wei­se dar­in be­ste­hen:

Ers­tens: Daß sich in den Nie­der­lan­den

200000 Mann Preu­ßen,

75000 Mann Nie­der­län­der,

25000 Mann Eng­län­der,

50000 Mann nord­deut­scher Bun­des­trup­pen,

Sum­ma 350000 Mann ver­sam­mel­ten, wo­von et­wa 50000 zur

Be­set­zung der Grenz­fes­tun­gen ver­wen­det wer­den und 300000 üb­rig­blei­ben, um ge­gen Pa­ris vor­zu­drin­gen und den fran­zö­si­schen Ar­me­en ei­ne Haupt­schlacht zu lie­fern.

Zwei­tens: Daß sich 200000 Ös­ter­rei­cher und 100000 Mann süd­deut­scher Trup­pen am Ober­rhein ver­sam­mel­ten, und gleich­zei­tig mit der nie­der­län­di­schen Ar­mee vor­zu­drin­gen, und zwar ge­gen die obe­re Sei­ne und von da ge­gen die Loire, um der feind­li­chen Ar­mee gleich­falls ei­ne Haupt­schlacht zu lie­fern. An der Loire wür­den sich viel­leicht die­se bei­den Stö­ße zu ei­nem ver­bin­den.

Hier­mit ist die Haupt­sa­che be­stimmt; was wir wei­ter zu sa­gen ha­ben, be­trifft haupt­säch­lich die Ent­fer­nung fal­scher Ide­en und be­steht in fol­gen­dem:

Ers­tens: Die vor­ge­schrie­be­ne Haupt­schlacht zu su­chen und sie mit ei­nem Macht­ver­hält­nis und un­ter Um­stän­den zu lie­fern, die ei­nen ent­schei­den­den Sieg ver­sp­re­chen, muß die Ten­denz der Feld­her­ren sein; die­sem Zweck müs­sen sie al­les auf­op­fern und sich üb­ri­gens in Be­la­ge­run­gen, Ein­schlie­ßun­gen, Be­sat­zun­gen usw. mit so we­ni­gem als mög­lich be­hel­fen. Wenn sie, wie Schwar­zen­berg im Jah­re 1814 tat, so­bald sie das feind­li­che Ge­biet be­tre­ten, in ex­zen­tri­schen Ra­di­en aus­ein­an­der­ge­hen, so ist al­les ver­lo­ren, und die Ver­bün­de­ten ver­dank­ten im Jah­re 1814 es nur der Ohn­macht Frank­reichs, daß nicht in den ers­ten vier­zehn Ta­gen wirk­lich al­les ver­lo­ren­ging. Der An­griff soll ei­nem kräf­tig ge­trie­be­nen Pfeil und nicht ei­ner Sei­fen­bla­se glei­chen, die sich bis zum Zer­plat­zen aus­dehnt.

Zwei­tens: Die Schweiz muß man ih­ren ei­ge­nen Kräf­ten über­las­sen. Bleibt sie neu­tral, so hat man am Ober­rhein ei­nen gu­ten An­leh­nungs­punkt; wird sie von Frank­reich an­ge­grif­fen, so mag sie sich ih­rer Haut weh­ren, wo­zu sie in mehr als ei­ner Hin­sicht sehr ge­eig­net ist. Nichts wä­re tö­rich­ter, als der Schweiz, weil sie das höchs­te Land Eu­ro­pas ist, ei­nen geo­gra­phisch herr­schen­den Ein­fluß auf die Kriegs­be­ge­ben­hei­ten ein­räu­men zu wol­len. Ein sol­cher Ein­fluß be­steht nur un­ter ge­wis­sen, sehr be­schränk­ten Be­din­gun­gen, die hier gar nicht vor­han­den sind. Wäh­rend die Fran­zo­sen im Her­zen ih­res Lan­des an­ge­grif­fen sind, kön­nen sie kei­ne kräf­ti­ge Of­fen­si­ve von der Schweiz aus we­der nach Ita­li­en noch nach Schwa­ben hin­ein un­ter­neh­men, und am we­nigs­ten kann da­bei die ho­he La­ge die­ses Lan­des als ein ent­schei­den­der Um­stand in Be­trach­tung kom­men. Der Vor­teil des stra­te­gi­schen Do­mi­nie­rens ist zu­erst haupt­säch­lich bei der Ver­tei­di­gung wich­tig, und was für den An­griff von die­ser Wich­tig­keit üb­rig­bleibt, kann sich in ei­nem ein­zel­nen Stoß zei­gen. Wer dies nicht weiß, hat die Sa­che nicht bis zur Klar­heit durch­dacht, und wenn im künf­ti­gen Rat des Macht­ha­bers und Feld­herrn sich ein ge­lehr­ter Ge­ne­ral­stabs­of­fi­zier fin­den soll­te, der mit sor­gen­vol­ler Stirn sol­che Weis­heit aus­kramt, so er­klä­ren wir es im vor­aus für eit­le Tor­heit und wün­schen, daß sich in eben die­sem Rat ir­gend­ein tüch­ti­ger Hau­de­gen, ein Kind des ge­sun­den Men­schen­ver­stan­des fin­den mö­ge, der ihm das Wort beim Mun­de ab­schnei­det.

Drit­tens: Den Raum zwi­schen bei­den An­grif­fen las­sen wir so gut wie un­be­ach­tet. Muß man, wäh­rend sich 600000 Mann 30 und 40 Mei­len von Pa­ris ver­sam­meln, um ge­gen das Herz des fran­zö­si­schen Staa­tes vor­zu­drin­gen, noch dar­auf den­ken, den Mit­tel­rhein, al­so Ber­lin, Dres­den, Wien und Mün­chen zu de­cken? Dar­in wä­re kein Men­schen­ver­stand. Soll man die Ver­bin­dung de­cken? Das wä­re nicht un­wich­tig; aber dann kann man lo­gisch bald da­hin ge­führt wer­den, die­ser De­ckung die Stär­ke und Wich­tig­keit ei­nes An­griffs ge­ben zu müs­sen und al­so, an­statt auf zwei Li­ni­en vor­zu­ge­hen, wo­zu die La­ge der Staa­ten un­be­dingt nö­tigt, auf drei­en vor­zu­ge­hen, wo­zu sie nicht nö­tigt, und die­se drei wür­den dann viel­leicht zu fünf oder gar zu sie­ben wer­den und so die gan­ze al­te Li­ta­nei wie­der an die Ta­ges­ord­nung kom­men.

Un­se­re bei­den An­grif­fe ha­ben je­der ihr Ziel; die dar­auf ver­wen­de­ten Kräf­te sind höchst­wahr­schein­lich den feind­li­chen merk­lich über­le­gen; geht je­der sei­nen kräf­ti­gen Gang vor­wärts, so kann es nicht an­ders sein, als daß sie ge­gen­sei­tig vor­teil­haft auf­ein­an­der wir­ken. Wä­re ei­ner der bei­den An­grif­fe un­glück­lich, weil der Feind sei­ne Macht zu un­gleich ver­teilt hat, so ist mit Recht zu er­war­ten, daß der Er­folg des an­de­ren die­ses Un­glück von selbst gut­ma­chen wer­de, und dies ist der wah­re Zu­sam­men­hang bei­der. Ei­nen Zu­sam­men­hang, wel­cher sich auf die Be­ge­ben­hei­ten der ein­zel­nen Ta­ge er­streck­te, kön­nen sie bei der Ent­fer­nung nicht ha­ben; sie brau­chen ihn nicht, und dar­um ist die un­mit­tel­ba­re oder viel­mehr die ge­ra­de Ver­bin­dung von kei­nem so gro­ßen Wer­te.

Der Feind, wel­cher in sei­nem In­ners­ten an­ge­grif­fen ist, wird oh­ne­hin kei­ne nam­haf­ten Streit­kräf­te zur Un­ter­bre­chung die­ser Ver­bin­dung ver­wen­den kön­nen; al­les, was zu be­fürch­ten ist, be­steht viel­mehr dar­in, daß die­se Un­ter­bre­chung durch die Mit­wir­kung der von Streif­par­tei­en un­ter­stütz­ten Ein­woh­ner al­lein be­wirkt wer­de, so daß die­ser Zweck dem Fein­de an ei­gent­li­cher Streit­kraft nichts kos­tet. Um dem zu be­geg­nen, ist es hin­rei­chend, wenn von Trier aus ein 10 bis 15000 Mann, an Ka­val­le­rie vor­züg­lich star­kes Korps die Rich­tung auf Reims hält; es wird hin­rei­chend sein, je­dem Par­tei­gän­ger über den Leib zu mar­schie­ren und die Hö­he der gro­ßen Ar­mee zu hal­ten. Es soll we­der Fes­tun­gen ein­schlie­ßen noch be­ob­ach­ten, son­dern zwi­schen ih­nen durch­mar­schie­ren, sich kei­ne fes­te Ba­sis hal­ten und ei­ner Über­macht nach je­der be­lie­bi­gen Rich­tung aus­wei­chen. Ein gro­ßes Un­glück wird ihm da nicht be­geg­nen kön­nen, und wenn dies ge­schä­he, so wä­re es wie­der kein gro­ßes Un­glück für das Gan­ze. Un­ter die­sen Um­stän­den wird ein sol­ches Korps wahr­schein­lich hin­rei­chen, ei­nen Zwi­schen­punkt für die bei­den An­grif­fe zu bil­den.

Vier­tens: Die bei­den Ne­ben­un­ter­neh­mun­gen, näm­lich die ös­ter­rei­chi­sche Ar­mee in Ita­li­en und die eng­li­sche Lan­dungs­ar­mee, mö­gen ih­rem Zweck nach bes­ter Wei­se nach­ge­ben. Wenn sie nicht mü­ßig blei­ben, so ist er der Haupt­sa­che nach schon er­füllt, und auf kei­nen Fall soll ei­ner der bei­den gro­ßen An­grif­fe in ir­gend­ei­ner Art da­von ab­hän­gig ge­macht wer­den.

Wir hal­ten uns fest über­zeugt, daß auf die­se Wei­se Frank­reich je­des­mal nie­der­ge­wor­fen und ge­züch­tigt wer­den kann, wenn es sich ein­fal­len läßt, den Über­mut, wo­mit es Eu­ro­pa 150 Jah­re lang ge­drückt hat, wie­der an­zu­neh­men. Nur jen­seits Pa­ris an der Loire kann man von ihm die Be­din­gun­gen er­hal­ten, die zu Eu­ro­pas Ru­he nö­tig sind. Nur so wird sich schnell das na­tür­li­che Ver­hält­nis von 30000000 zu 75000000 kund­tun, nicht aber wenn je­nes Land, wie 150 Jah­re lang ge­sche­hen ist, von Dün­kir­chen bis Ge­nua mit ei­nem Gür­tel von Ar­me­en um­schnallt wer­den soll, in­dem man fünf­zi­ger­lei ver­schie­de­ne klei­ne Zwe­cke sich vor­setzt, wo­von kei­ner stark ge­nug ist, die In­er­tie, die Frik­ti­on, die fremd­ar­ti­gen Ein­flüs­se zu über­wäl­ti­gen, die sich über­all, be­son­ders aber bei ver­bün­de­ten Hee­ren, er­zeu­gen und ewig re­ge­ne­rie­ren.

Wie we­nig ei­ner sol­chen An­ord­nung die vor­läu­fi­gen An­ord­nun­gen des deut­schen Bun­des­hee­res ent­sp­re­chen, wird dem Le­ser von selbst ein­fal­len. In die­sen Ein­rich­tun­gen bil­det der fö­de­ra­ti­ve Teil Deutsch­lands den Kern der deut­schen Macht, und Preu­ßen und Ös­ter­reich, durch ihn ge­schwächt, ver­lie­ren ihr na­tür­li­ches Ge­wicht. Ein fö­de­ra­ti­ver Staat ist aber im Krie­ge ein sehr mor­scher Kern; da ist kei­ne Ein­heit, kei­ne En­er­gie, kei­ne ver­nünf­ti­ge Wahl des Feld­herrn, kei­ne Au­to­ri­tät, kei­ne Ver­ant­wort­lich­keit denk­bar.

Ös­ter­reich und Preu­ßen sind die bei­den na­tür­li­chen Mit­tel­punk­te des Sto­ßes für das Deut­sche Reich, sie bil­den den Schwin­gungs­punkt, die Stär­ke der Klin­ge, sie sind mon­ar­chi­sche Staa­ten, des Krie­ges ge­wohnt, ha­ben ih­re be­stimm­ten In­ter­es­sen, Selb­stän­dig­keit der Macht, sind vor­herr­schend vor den an­de­ren. Die­sen na­tür­li­chen Li­nea­men­ten muß die Ein­rich­tung fol­gen und nicht ei­ner fal­schen Idee von Ein­heit; die­se ist hier ganz un­mög­lich, und wer über dem Un­mög­li­chen das Mög­li­che ver­säumt, der ist ein Tor.

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