Kinkels Befreiung.

Sogleich nach meiner Ankunft in Berlin setzte ich mich mit mehreren Personen in Verbindung, die mir teils von Frau Kinkel, teils von demokratischen Gesinnungsgenossen als zuverlässig bezeichnet worden waren. Ich brachte einige Zeit damit zu, sie möglichst sorgfältig zu studieren, da ich den wahren Zweck meiner Anwesenheit in Berlin niemandem anvertrauen wollte, von dem ich nicht überzeugt sein durfte, daß er zur Erreichung dieses Zweckes wesentlich helfen werde. Nach dieser Umschau teilte ich nur einem mein Geheimnis mit, dem Doktor Falkenthal, einem Arzt, der in der Vorstadt Moabit wohnte, dort einen Junggesellenhaushalt führte, und der mir seinem Charakter und seinen Umständen nach am geeignetsten schien, an dem beabsichtigten Wagestück teilzunehmen. Auch hatte er schon mit Frau Kinkel in Briefwechsel gestanden. Falkenthal hatte eine ziemlich ausgedehnte Bekanntschaft in Spandau und brachte mich dort mit dem Gastwirt Krüger zusammen, für den er sich als einen durchaus vertrauenswerten und tatkräftigen Mann verbürgte. Herr Krüger nahm in Spandau eine sehr geachtete Stellung ein. Er hatte seiner Gemeinde mehrere Jahre als Ratsherr würdig gedient, führte das beste Gasthaus in der Stadt, war wegen seines ehrenhaften Charakters und seiner Leutseligkeit allgemein beliebt und auch in seinen Vermögensverhältnissen gut gestellt. Obgleich er viel älter war als ich, so entwickelte sich doch zwischen ihm und mir bald ein Gefühl wahrhafter Freundschaft. Ich fand in ihm nicht nur ein mir sehr sympathisches Wesen, sondern einen ungemein klaren Verstand, große Diskretion, festen Mut und eine edle, opferwillige Hingebung an Zwecke, die er für gut erkannte. Er bot mir sein Haus an zum Hauptquartier meines Unternehmens.

Ich zog es jedoch vor, nicht in Spandau zu wohnen, da die Anwesenheit eines Fremden in einer so kleinen Stadt nicht lange geheim bleiben konnte. Der Aufenthalt in dem großen Berlin schien mir weniger gefährlich, wenigstens während der voraussichtlich langwierigen Vorbereitungen zu dem Schlußakt. Um von Berlin nach Spandau und von da nach Berlin zurückzufahren, bediente ich mich nicht der Eisenbahn, da auf dem Berliner Bahnhofe die Paßkarte eines jeden Reisenden, selbst auf den Lokalzügen, visitiert wurde und mein auf Heribert Jüssen lautender rheinischer Paß, obgleich er äußerlich in bester Ordnung war, durch häufiges Wiedererscheinen zwischen Berlin und Spandau doch einem wachsamen Polizeibeamten hätte verdächtig werden können. Wenn ich also nach Spandau wollte, so passierte ich, gewöhnlich mit Einbruch der Nacht, das Brandenburger Tor zu Fuß und nahm mir dann in Moabit oder Charlottenburg ein Lohnfuhrwerk, aber jedesmal ein anderes.

Herr Krüger war über das innere Getriebe des Spandauer Zuchthauses wohl unterrichtet, und was er nicht wußte, das konnte er durch seine Bekanntschaft mit den Beamten der Anstalt leicht erfahren. Die erste zu erwägende Frage war, ob es möglich sein werde, Kinkel mit Gewalt zu befreien. Ich überzeugte mich bald, daß es eine solche Möglichkeit nicht gebe. Die bewaffnete Besatzung des Zuchthauses bestand zwar nur aus einer Handvoll Soldaten und den wachthabenden Gefängnisbeamten. Es wäre daher einer nicht gar großen Zahl entschlossener Leute möglich gewesen, das Zuchthaus mit gewalttätiger Hand zu stürmen, hätte es nicht inmitten einer starken, mit Soldaten gefüllten Festung gelegen, wo das erste Alarmsignal eine überwältigende Macht augenblicklich auf den Platz gebracht haben würde. Ein solches Beginnen war also hoffnungslos. Nun wußten wir von Fällen, in denen selbst noch schärfer bewachte Gefangene vermittelst Durchsägen von Gitterstäben und Durchbrechen von Mauern aus ihren Kerkern entkommen und dann von helfenden Freunden in Sicherheit gebracht worden waren. Aber auch gegen einen solchen Plan erhoben sich große Bedenken, unter denen Kinkels Ungeübtheit in handlichen Verrichtungen nicht das geringste war. Auf alle Fälle schien es geraten, zuerst zu versuchen, ob nicht eine oder mehrere der Zuchthausbeamten zur Mithülfe gewonnen werden konnten.

Es wurden nun auf Krügers Rat und durch seine Vermittlung noch zwei ihm wohlbekannte junge Männer, die mit einigen der Zuchthausbeamten in freundlichem Verkehr standen, ins Vertrauen gezogen. Der eine hieß Poritz, der andere Leddihn, gesunde, kräftige, treuherzige Naturen, bei so gutem Werk zu jedem Dienste willig. Mit ihnen wurde verabredet, daß sie mir denjenigen der Zuchthausbeamten vorführen sollten, von dem sie glaubten, daß er am leichtesten zugänglich sei. Dieser Teil des Geschäftes war mir sehr zuwider; aber was hätte ich nicht tun mögen, um den so schmählich mißhandelten Freund und Freiheitskämpfer aus den Banden tyrannischer Willkür zu retten? So brachten sie mir denn einen Gefangenenwärter, den ich Schmidt nennen will, nach einer Schenke, in der ich in einem kleinen Zimmer allein saß, und überließen es mir, mich mit ihm zu verständigen. Er war, wie fast alle seiner Kollegen, Unteroffizier in der Armee gewesen und hatte eine ziemlich zahlreiche Familie von einem sehr kleinen Gehalt zu ernähren. Poritz und Leddihn hatten sich bei ihm für meine Diskretion verbürgt, und er hörte ruhig an, was ich ihm zu sagen hatte. Ich stellte mich ihm als einen in Geschäften Reisenden vor, der mit der Familie Kinkel eng verbunden sei. Ich beschrieb ihm den Jammer der Frau und der Kinder um den Gatten und Vater, der bei der ärmlichen Lebensweise der Züchtlinge körperlich und geistig verelenden werde. Würde es nicht möglich sein, Kinkel zuweilen etwas kräftige Kost, ein Stück Fleisch, einen Schluck Wein zukommen zu lassen, um ihn wenigstens einigermaßen bei Kräften zu erhalten, bis des Königs Gnade sich seiner erbarme?

In der Tat, meinte Schmidt, es würde wohl ein gutes Werk sein, – vielleicht nicht unmöglich, aber gefährlich. Er wolle zusehen, was sich tun lasse.

Dann schob ich Schmidt eine Zehntalernote in die Hand mit der Bitte, damit für Kinkel etwas Stärkendes zu kaufen, das er ihm ohne Gefahr zustellen könne. Ich müsse jetzt meiner Geschäfte wegen Spandau verlassen, werde aber in wenigen Tagen zurückkehren, um zu hören, was für einen Bericht er mir dann über den Zustand des Gefangenen geben könne. Meiner Dankbarkeit dürfe er gewiß sein.

So trennten wir uns. Nachdem drei Tage vergangen, fuhr ich abends wieder nach Spandau und sah Schmidt in derselben Weise wie früher. Er erzählte mir, es sei ihm gelungen, Kinkel eine Wurst und einen kleinen Laib Brot zuzustecken, und er habe den Gefangenen in guter Verfassung gefunden. Er sei auch bereit, in ähnlicher Art noch mehr zu tun. Natürlich wollte ich nicht, daß er sich selbst deshalb in Unkosten stürzen sollte, und gab ihm daher eine zweite Zehntalernote. Diese aber begleitete ich mit dem Wunsche, daß Schmidt einen kleinen Zettel von mir in Kinkels Hände liefern und diesen mit einem Worte von Kinkel mir zurückbringen sollte. Auch dies versprach Schmidt auszuführen. Ich schrieb also auf ein Stückchen Papier ein paar Worte ohne Unterschrift, etwa wie folgt: „Deine Freunde sind treu. Halte dich aufrecht.“ Es war mir weniger darum zu tun, Kinkel von mir Nachricht zu geben, als mich davon zu überzeugen, ob Schmidt meinen Auftrag wirklich erfüllt habe, und ob ich mit ihm weitergehen könne.

Ich verließ also Spandau wieder und kehrte nach wenigen Tagen zurück. In derselben Weise wie früher stellte Schmidt sich ein und brachte mir auch meinen Zettel wieder, der ein Wort des Dankes in Kinkels Handschrift trug. Schmidt hatte also sein Versprechen gehalten, damit aber auch einen Schritt getan, der ihn schwer kompromittierte. Nun schien es mir an der Zeit, eingehender mit ihm zu reden. So sagte ich ihm denn, der Gedanke sei mir durch den Kopf gegangen, daß es ein sehr löbliches Werk sein werde, Kinkel gänzlich aus seiner entsetzlichen Lage zu befreien, und ehe ich nach dem Rheinlande zurückkehrte, hielte ich es für meine Pflicht, ihn, Schmidt, zu fragen, ob diese Befreiung mit seiner Hülfe nicht ins Werk gesetzt werden könne. Schmidt fuhr auf und fiel mir sogleich ins Wort. Das sei unmöglich, sagte er. Mit einem solchen Versuche dürfe und wolle er nichts zu tun haben.

Die bloße Andeutung hatte ihm offenbar einen Schrecken eingejagt, und ich erkannte deutlich, daß dies der Mann nicht sei, den ich brauchte. Jetzt galt es, ihn los zu werden und mich zugleich seines Schweigens zu versichern. Ich drückte mein Bedauern über seine Ablehnung aus und setzte hinzu, daß, wenn er, der mir als ein mitleidiger und zugleich mutiger Mann bezeichnet worden sei, den Versuch für hoffnungslos halte, ich seine Meinung annehmen und die Sache aufgeben müsse. Ich werde also ohne Verzug nach dem Rheinlande abreisen und nicht wieder zurückkehren. Dann erging ich mich in einigen dunklen Redensarten, die durchblicken ließen, daß es eine geheimnisvolle Macht gebe, die, wenn sie auch Kinkel nicht zu befreien vermöchte, doch denen furchtbar werden könnte, die an ihm zum Verräter würden. Es gelang mir wirklich, Schmidt so sehr in Angst zu setzen, daß er mich inständig bat, ihm nicht übel zu wollen. Ich versicherte ihm, daß, wenn er das Geschehene in Schweigen begraben wolle, er sich desselben von mir zu versehen habe. Er dürfe sogar auf meine weitere Erkenntlichkeit rechnen, wenn er auch nach meiner Abreise fortfahren wolle, Kinkel von Zeit zu Zeit mit kräftigenden Nahrungsmittel beizustehen. Dies versprach er mir mit großer Wärme. Dann händigte ich ihm noch eine Zehntalernote ein und sagte ihm für immer Lebewohl.

Der erste Versuch war also mißglückt. Ich lag dann einige Tage still, bis Krüger, Leddihn und Poritz, die mittlerweile das Zuchthauspersonal sorgfältig überwachten, mir ihre Überzeugung mitteilen konnten, daß Schmidt nicht geschwatzt habe. Darauf führten meine Spandauer Freunde mir einen zweiten Gefangenenwärter vor. Ich verfuhr mit ihm in derselben Weise wie mit dem ersten, und alles ging nach Wunsch, bis ich ihm die entscheidende Frage stellte, ob er willig sei, zu einem Befreiungsversuche die Hand zu bieten. Dazu zeigte der zweite nicht mehr Mut als der erste, worauf ich auch für ihn verschwand. Ein dritter Mann wurde herangebracht, der aber schon nach dem ersten Schritt wankte und es zu der entscheidenden Frage gar nicht kommen ließ.

Nun schien es mir geraten, die Angelegenheit ruhen zu lassen, wenigstens bis wir ganz gewiß sein konnten, daß die drei beunruhigten Gemüter im Zuchthaus reinen Mund gehalten. Auch begann mein Aufenthalt in Berlin, wo unterdessen die bereits erzählten Dinge geschehen waren, mir unbehaglich zu werden. Die Zahl der Freunde, die um meine Anwesenheit in der Hauptstadt wußten, war etwas zu sehr angewachsen, und die Frage, was ich denn eigentlich dort vorhabe, begegnete mir zu häufig. Einer meiner Freunde erhielt nun den Auftrag, den andern für mich Lebewohl zu sagen. Ich reiste ab, um nicht wiederzukommen, – wohin, wußte niemand. In der Tat fuhr ich auf ein paar Wochen nach Hamburg. Dort traf ich meinen treuen Adolph Strodtmann, der mich sicher unterbrachte. Er setzte mich auch mit einigen gesinnungsverwandten Menschen in Verbindung, die in dem kleinen Freistaat einen vielseitig tätigen und nützlichen Gemeinsinn pflegten, und von denen ich lernen konnte, wie viel unter freien Staatseinrichtungen die bürgerliche Initiative zu leisten vermag. Aber die angenehme Gesellschaft konnte mich nicht lange halten. Vor Ende September kehrte ich zu meiner Arbeit zurück, schlug jedoch nicht in Berlin selbst, sondern in der Vorstadt Moabit bei Dr. Falkenthal mein Quartier auf.

In Spandau wurde mir berichtet, daß dort alles ruhig geblieben sei. Überhaupt war mein Geheimnis gut bewahrt worden. Meinen Freunden in Berlin war ich in unbekannte Fernen verschwunden. Nur einer davon, ein Student der Jurisprudenz, namens Dreyer, traf mich einmal zufällig in Moabit. Er ahnte, was mein Geschäft war, aber auf seine Diskretion konnte ich mich fest verlassen. Später haben viele Personen, die mir ganz fremd waren, erzählt, sie seien damals mit mir zusammengetroffen und in meinem Vertrauen gewesen, aber das war bloße Einbildung. Selbst Dr. Falkenthal und Krüger kannten zu jener Zeit meinen wahren Namen nicht. Ihnen war ich, wie mein Reisepaß besagte, Heribert Jüssen, und unter Dr. Falkenthals Nachbarn in Moabit, die mich zuweilen sahen, galt ich als ein junger Mediziner, der dem Doktor bei seinen Studien assistierte. Um diesen Glauben zu bestärken, trug ich eine kleine Tasche mit chirurgischen Werkzeugen, wie die Ärzte sie häufig bei sich führen, mit mir herum. Von Moabit machte ich meine nächtlichen Fahrten nach Spandau wie vorher.

Aber auch nach meiner Rückkehr von Hamburg wollte es mir nicht sogleich glücken, unter den Zuchthausbeamten den richtigen Mann zu finden. Ein vierter wurde mir vorgeführt, doch auch dieser wollte sich zu nichts mehr verstehen, als Kinkel einige Lebensmittel und etwa Briefe zuzuführen. Ich fing an, die Ausführbarkeit des bis dahin verfolgten Planes ernstlich zu bezweifeln, denn die Liste der Unterbeamten des Zuchthauses mußte nahezu erschöpft sein. Da fand ich plötzlich, was ich so lange vergeblich gesucht hatte. Meine Spandauer Freunde machten mich mit dem Gefangenenwärter Brune bekannt.

Im ersten Augenblick empfing ich von Brune einen Eindruck sehr verschieden von dem, den seine Kollegen mir gegeben hatten. Auch er war Unteroffizier gewesen; auch er hatte Frau und Kinder und ein spärliches Gehalt wie die andern. Aber in seinem Wesen war nichts von der unterwürfigen Demut der Subalternnatur. Als ich ihm von Kinkel sprach und von meinem Wunsche, daß sein Elend wenigstens durch kräftigere Nahrung etwas erleichtert werde, machte Brune nicht das kläglich verlegene Gesicht eines Menschen, der zwischen seinem Pflichtgefühl und einer Zehntalernote mit sich unterhandelt. Brune trat fest auf wie ein Mann, der sich dessen nicht schämt, was er zu tun willig ist. Er sprach frei davon, ohne auf meine schrittweise vorgehenden Andeutungen zu warten. „Gewiß will ich dem Mann helfen, so viel ich kann,“ sagte er. „Es ist eine Gottesschande, daß ein so gelehrter und tüchtiger Herr unter gemeinen Halunken im Zuchthause sitzt. Ich würde ihm selbst heraushelfen, wenn ich nicht für Frau und Kinder zu sorgen hätte.“ Seine Entrüstung über die Behandlung, die Kinkel erfahren, schien so ehrlich, und die ganze Art des Mannes drückte so viel Mut und Entschlossenheit aus, daß ich dachte, auch ohne die gewöhnlichen Umwege mit ihm zum Ziele zu kommen. So sagte ich ihm denn ohne weiteres, daß, wenn der Lebensunterhalt seiner Familie sein größtes Bedenken sei, ich wohl imstande sein werde, dafür zu sorgen. Wenn dies geschähe, würde er dann, fragte ich, bereit sein, zur Befreiung Kinkels hülfreiche Hand leisten? „Wenn es gemacht werden kann,“ antwortete er. „Aber Sie sehen ein, es ist eine schwierige und gefährliche Sache. Ich will mir’s überlegen, ob und wie es gelingen kann. Geben Sie mir drei Tage Bedenkzeit.“

„Gut,“ sagte ich. „Überlegen Sie sich’s.“

„Nach Ihrer Sprache sind Sie ein Westfale,“ setzte ich hinzu.

„Ja, bei Soest zu Hause.“

„Dann sind wir ja nicht entfernte Nachbarn. Ich bin ein Rheinländer. In drei Tagen also, Landsmann.“

Das waren lange drei Tage, die ich in Dr. Falkenthals Quartier zubrachte. Ich beschwichtigte meine Ungeduld damit, daß ich Dumas’ „Drei Musketiere“ und einen großen Teil von Lamartines „Geschichte der Girondisten“ las. Aber das Buch sank mir nicht selten in den Schoß, und meine Gedanken schweiften abseits.

Am Abend des dritten Tages fuhr ich wieder nach Spandau, und es fiel mir eine schwere Last vom Herzen, als ich Brunes erstes Wort hörte. „Ich habe mir’s überlegt,“ sagte er. „Ich glaube, es wird gehen.“

Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen. Brune setzte mir nun auseinander, wie in einer Nacht, wenn er die Wache in den oberen und ein gewisser anderer Beamter die Wache in den unteren Räumen des Zuchthauses habe, er sich die nötigen Schlüssel verschaffen und Kinkel an das Tor des Gebäudes bringen wolle. Der Plan, den er mir darlegte, und auf dessen Einzelheiten ich zurückkommen werde, schien ausführbar. „Aber“, setzte Brune hinzu, „es wird noch einige Zeit dauern, bis alles in rechter Ordnung ist. In der Nacht vom 5. auf den 6. November sind die Nachtwachen, wie sie sein sollen.“

„Gut,“ antwortete ich. „Auch ich brauche noch einige Zeit für nötige Einrichtungen.“

Dann eröffnete ich Brune, was ich für seine Familie zu tun imstande sei. Es stand mir eine Summe Geldes zur Verfügung, die teils von deutschen Parteigenossen, teils von persönlichen Freunden oder Bewunderern Kinkels, darunter die russische Baronin Brüning, von der noch mehr die Rede sein wird, zusammengesteuert worden war. Diese Summe erlaubte mir, Brune einen anständigen Vorschlag in bezug auf die Versorgung seiner Familie zu machen. Brune war damit zufrieden. Die Frage, ob es nicht am besten sein werde, ihn mit den Seinigen nach Amerika zu befördern, verneinte er sofort, – sei es, daß er hoffte, als Helfer bei dem Unternehmen unentdeckt zu bleiben, oder daß er vorzog, im Falle der Entdeckung seine Strafe zu erdulden und seine Familie im Vaterlande zu behalten.

Wir waren also einig. Nun ging es an die unmittelbaren Vorbereitungen. Frau Kinkel hatte mich angewiesen, die zur Verfügung stehende Summe in Berlin bei einer ihr befreundeten Dame, einer Verwandten des berühmten Felix Mendelssohn-Bartholdy, persönlich abzuholen. Es war gegen Abend, als ich an dem mir bezeichneten Hause ankam. Ich wurde von einem feierlichen Diener, dem ich meinen Namen, Heribert Jüssen, gab, in einen großen Salon gewiesen, in welchem alles, Möbel, Bilder, Bücher, musikalische Instrumente, ein elegantes Behagen atmete. Ich hatte eine Weile zu warten, und der Kontrast zwischen meinem wilden Geschäft und dieser Umgebung wurde mir recht fühlbar. Endlich trat eine in Schwarz gekleidete Dame ein, deren Züge ich im Dämmerlicht eben unterscheiden konnte. Sie war nicht mehr jung und auch nicht gerade schön, aber ihre Erscheinung strahlte Anmut aus. In ihrer Hand trug sie eine große Brieftasche.

„Sie bringen mir Grüße von einer Freundin aus dem Rheinland?“ sagte sie fragend mit einer wohltuenden Altstimme.

„Herzliche Grüße,“ antwortete ich. „Und diese Freundin schickt mich, um Sie um ein Paket mit wertvollen Papieren zu bitten, das sie zu gütiger Aufbewahrung in Ihre Hand niedergelegt hat.“

„Ich wußte, daß Sie um diese Zeit kommen würden,“ entgegnete die Dame. „In dieser Brieftasche finden Sie alles. Ich kenne Ihre Pläne nicht, aber sie müssen gut sein. Sie haben meine aufrichtigsten Wünsche. Gott schütze und segne Sie.“

Damit reichte sie mir ihre vornehme, schlanke Hand mit warmem Druck, und ich fühlte, nachdem ich sie verlassen, als wäre ihr Segen schon zur Wirklichkeit geworden.

Das Geld war mir eine schwere Sorge. Niemals hatte ich für fremdes Eigentum eine solche Verantwortlichkeit getragen. Um diese kostbare Summe keinem Zufalle auszusetzen, führte ich sie in einer Brusttasche, die ich sorgfältig zunähte, beständig mit mir herum.

Die schwierigste Aufgabe, die ich vor der entscheidenden Stunde noch zu lösen hatte, bestand darin, für Transportmittel nach einem sicheren Zufluchtsort zu sorgen. Wohin sollten wir uns wenden, nachdem die Befreiung des Gefangenen gelungen sein würde? Die Grenzen der Schweiz, Belgiens und Frankreichs waren zu weit entfernt. Die lange Landreise konnten wir nicht wagen. Es blieb also nichts übrig, als irgendwo die Seeküste zu gewinnen und dann zu Schiff nach England zu fliehen. Nach kurzer Überlegung kam ich zu dem Schluß, daß die Regierung Anstalt treffen werde, in den Häfen von Bremen und Hamburg jedes abgehende Fahrzeug mit Argusaugen zu bewachen. Es schien mir daher geboten, einen anderen Hafenplatz zu wählen, und so wendete ich mich nach Mecklenburg. In Rostock hatten wir in dem hervorragenden Advokaten und Präsidenten des Abgeordnetenhauses Moritz Wiggers, den ich auf dem Demokratenkongreß in Braunschweig persönlich hatte kennen lernen, einen einflußreichen und treuen Freund. Auch war Rostock zu Wagen am schnellsten zu erreichen – denn den Eisenbahnen durften wir uns nicht anvertrauen – und die Reise dahin bot noch den Vorteil, daß, wenn wir Spandau um Mitternacht verließen, wir hoffen durften, vor Tagesanbruch die mecklenburgische Grenze zu erreichen und so der unmittelbarsten Verfolgung durch preußische Polizei zu entgehen. Auch hatte ich auf meiner Liste zuverlässiger Personen eine ansehnliche Zahl von Mecklenburgern, an die ich mich um Hülfe wenden konnte.

Nun unternahm ich es, die Route, die ich zu nehmen gedachte, entlang zu reisen und mit den Gesinnungsgenossen, die ich auf ihr, oder rechts und links davon, finden würde, für die entscheidende Nacht und den darauf folgenden Tag Verabredungen für Relais von Pferden und Wagen zu treffen. Natürlich durften das nur Privatfuhrwerke sein, womöglich von den Eigentümern selbst kutschiert. Bis dahin war es gelungen, mein Geheimnis auf einen sehr kleinen Kreis zu beschränken. Nun aber wurde es nötig, eine größere Zahl von Personen ins Einverständnis zu ziehen, und damit wuchs die Gefahr. Was ich am meisten fürchtete, war nicht böswilliger Verrat, sondern übergroßer und indiskreter Eifer. Überall kam man mir mit biederer Herzlichkeit entgegen, und diese Herzlichkeit beschränkte sich nicht auf die politischen Glaubensbrüder. Davon hatte ich ein merkwürdig überraschendes Beispiel. Im Innern von Mecklenburg wurde mir ein Mann von hervorragender Stellung, dessen Name jedoch nicht auf meiner Liste stand, als besonders vertrauenswert und hülfsbereit von meinen demokratischen Freunden bezeichnet. Ich besuchte ihn und wurde sehr freundlich empfangen. Auch sagte er mir bei der Aufstellung der Relais seine Mitwirkung ohne Umstände zu. Dann kamen wir auf Politik zu sprechen, und zu meinem größten Erstaunen erklärte mir mein neuer Freund, daß er unsere demokratischen Ideen für gutgemeinte, aber eitle Phantastereien halte. Mit großem Behagen setzte er mir auseinander, wie seiner Meinung nach die menschliche Gesellschaft am schönsten aussehe und auch am glücklichsten fahren werde, wenn sie recht bunt sei in ihrer Ständegliederung mit Fürsten, Rittern, Kaufleuten, Handwerkszünften, Bauern, Geistlichen und Laien, mit verschiedenen Rechten und Pflichten. Sogar die Klöster hätte er erhalten mögen mit ihren Äbten und Äbtissinnen, Mönchen und Nonnen. Kurz, von allen Phasen der menschlichen Zivilisation schien ihm die des Mittelalters als die erquicklichste. „Sie sehen,“ setzte er gemütlich hinzu, „ich bin so was man einen Vollblutreaktionär nennt, und an euere Freiheit und Gleichheit glaube ich nicht. Aber daß man den Kinkel, einen Dichter und Gelehrten, wegen seiner idealistischen Hirngespinste ins Zuchthaus gesteckt hat, das ist ein empörender Skandal, und, obgleich ein gut konservativer Mecklenburger, bin ich jederzeit bereit, ihm fortzuhelfen.“ So schieden wir denn voneinander im besten Einverständnis. Aber so ganz geheuer war mir doch nicht dabei, und ich sprach nachher mit meinen demokratischen Freunden in Mecklenburg von den sonderbaren Reden dieses Mannes und meiner Besorgnis. „Darüber können Sie sich beruhigen,“ war die Antwort. „Er ist allerdings ein kurioser Heiliger und schwätzt wunderliches Zeug. Aber wenn es eine gute Tat zu tun gilt, so ist er treu wie Gold.“ Und so bewies er sich auch.

Nach einer Rundreise von einigen Tagen waren meine Relais angeordnet und ich durfte hoffen, daß eine Fahrt von weniger als dreißig Stunden uns nach Rostock bringen würde. Dort konnten wir uns dann unseren Freunden anvertrauen, bis eine sichere Fahrgelegenheit zur See bereit sein würde. Um uns von Spandau bis zum ersten Relais zu bringen, wandte Krüger sich an einen in der Nähe wohnenden Gutsbesitzer namens Hensel, der besonders schnelle Pferde besaß und sie uns mit seinem Wagen und sich selbst als Kutscher gern zur Verfügung stellte.

Am 4. November nahm ich von Dr. Falkenthal Abschied. Er war mit meinem Plane im allgemeinen bekannt, aber ich hatte es nicht nötig gefunden, ihm alle Einzelheiten mitzuteilen. So wußte er nicht genau, in welcher Nacht der Befreiungsversuch gemacht werden sollte, und er war auch diskret genug, nicht mit Fragen in mich zu dringen. Aber beim Lebewohl schenkte er mir ein paar Pistolen, die mir dienen sollten, wenn ich ins Gedränge käme. Nachdem ich am Abend des 4. November in Spandau angelangt war, hatte ich noch eine Unterredung mit Brune, in welcher wir alle Details unseres Planes wiederum durchsprachen, um uns zu vergewissern, daß nichts vernachlässigt worden sei. Alles, so schien es, war in Ordnung.

„Nun noch eine Sache, von der ich nicht gern spreche,“ sagte Brune, als wir mit dem Hauptgeschäft zu Ende gekommen waren.

Ich horchte auf. „Was ist es?“

„Ich vertraue Ihnen durchaus,“ fuhr Brune fort. „Was Sie versprochen haben, für meine Familie zu tun, das werden Sie redlich tun, wenn Sie können.“

„Freilich kann ich. Ich habe die Mittel in meinem Besitz.“

„Das meine ich nicht,“ warf Brune ein. „Wenn alles gut geht morgen nacht, dann bin ich des Geldes so sicher, als wenn ich es jetzt schon in meiner Tasche hätte. Das weiß ich. Aber es mag auch morgen nacht nicht alles gut gehn. Die Sache ist gefährlich. Der Zufall kann sein Spiel haben. Ihnen kann etwas Menschliches passieren und mir auch, uns beiden. Und was wird dann aus meiner Frau und meinen Kindern?“

Er schwieg, und ich einen Augenblick auch. „Nun, was wollen Sie weiter sagen?“ fragte ich dann. „Wenn Sie sich die Sache richtig bedenken,“ antwortete Brune langsam, „so werden Sie selbst einsehen, daß das Geld in den Händen meiner Familie sein muß, ehe ich meinen Kopf wage.“ „Sie meinen selbst, daß ich mir die Sache bedenken soll“, sagte ich nach einigem Zaudern. „Ich will mir also überlegen, wie es zu machen ist, und Ihnen so bald wie möglich Bescheid geben. Wollen Sie unterdessen alles der Abrede nach fertig machen?“

„Verlassen Sie sich drauf.“

Damit sagten wir uns gute Nacht.

Die Stunde, die ich dann in der Einsamkeit meines Zimmers im Krügerschen Gasthause mit mir selbst zu Rate gehend zubrachte, werde ich nie vergessen.

Das Geld, eine nach meinen Begriffen sehr große Summe, war mir für einen bestimmten Zweck anvertraut worden. Ging es verloren, ohne daß dieser Zweck erfüllt wurde, so war es um Kinkel geschehen, denn eine solche Summe ließ sich schwerlich zum zweitenmal für ihn aufbringen. Meine persönliche Ehre war auch verloren, denn ich hatte dann den Verdacht der Unredlichkeit auf mir, – oder im besten Falle den Vorwurf sträflichen Leichtsinns. Und war es nicht wirklich sträflicher Leichtsinn, einem mir unbekannten Menschen, auf ein bloßes Versprechen hin, ohne weitere Garantie, das mir anvertraute Geld auszuliefern? Was wußte ich von Brune? Nichts, als daß sein Gesicht und seine äußere Haltung auf mich einen günstigen Eindruck gemacht hatten, und daß er bei seinen Bekannten in gutem Rufe stand. Und diese Bekannten hatten mir gesagt, sie würden mir Brune zu allererst zugeführt haben, hätten sie nicht gedacht, daß ein Mann wie Brune sich schwerlich auf mein Ansinnen einlassen würde. Freilich hatten sie hinzugesetzt, daß, wenn er das täte, man sich auf ihn am zuversichtlichsten würde verlassen können. Aber war nicht für einen Menschen in seiner Stellung die Gelegenheit, sich eine solche Summe Geldes anzueignen und dann seine Amtstreue durch meine Auslieferung an die Behörden zu beweisen, im höchsten Grade verführerisch? Und würde nicht derjenige, der einen solchen Verrat im Sinne führte, genau so handeln wie Brune? Würde er nicht durch die bestimmtesten Versprechen und scheinbare Vorbereitung mich auf den Gipfel der Hoffnung geführt haben, um mir unter irgendeinem schlauen Vorwande das Geld abzulocken und mich dann um so leichter zu verderben?

Auf der andern Seite – konnte Brune denn eigentlich anders handeln, auch wenn er es ehrlich meinte? Konnte er seine Frau und seine Kinder der Laune des Zufalls preisgeben? Mußte er nicht, um die Seinigen sicherzustellen, das Geld im voraus verlangen? Würde ich nicht in seiner Lage gerade so handeln wie er?

Ferner, sah Brune aus wie ein Verräter? Konnte ein Verräter mir so in die Augen blicken und so zu mir sprechen, wie Brune? War sein gerades, offenes, biederes, ja stolzes Wesen das eines Menschen, der einen andern in einen Hinterhalt lockt, um ihn zu berauben? Unmöglich.

Und schließlich, wie konnte ich hoffen, zu gewinnen, wenn ich nicht wagen wollte? Sollte ich die Befreiung meines Freundes aufgeben, weil ich Brune eine Forderung zu bewilligen zauderte, die jeder andere unter denselben Umständen an mich stellen würde? Es war klar, wollte ich Kinkel seinem furchtbaren Schicksal entreißen, so mußte ich auch meine Ehre aufs Spiel setzen.

Der Gedanke, das Geld für Brune in dritter Hand zu hinterlegen, war mir natürlich auch gekommen, aber ich verwarf ihn, teils, weil das zu neuen Verwicklungen hätte führen können, teils auch, weil ich, wenn nun einmal gewagt werden mußte, in einer Weise zu wagen vorzog, die von Brune als ein Beweis meines Vertrauens in seine Ehrlichkeit genommen werden mußte.

Ich erinnere mich, daß der Krieg in Schleswig-Holstein, damals auf deutscher Seite nur von der schleswig-holsteinischen Armee geführt, noch im Gange war. In diese Armee, dachte ich, könnte ich unter irgendeinem Namen als Freiwilliger eintreten und auf dem Schlachtfelde mein Schicksal suchen, wenn mein Unternehmen in Spandau fehlschlüge und das Geld verloren ginge, ich persönlich aber davonkäme. Meine Freunde würden dann wenigstens an meine Ehrlichkeit glauben. Dies war der Gang meiner Überlegung, die mich zu dem Entschlusse führte, Brune das Geld vor der Erfüllung seines Versprechens in die Hand zu geben. Ich war eben mit mir selbst darüber einig geworden, als Herr Krüger anklopfte und sagte, Poritz und Leddihn seien unten; ob ich noch etwas zu bestellen hätte. „Ja,“ antwortete ich, „ich möchte sie bitten, mir Brune in einer Viertelstunde noch einmal auf den Heinrichsplatz zu bringen.“

In einer Viertelstunde fand ich Brune dort mit meinen Freunden. Ich nahm ihn abseits.

„Herr Brune,“ sagte ich, „ich wollte Sie nicht mit einem Zweifel zu Bett gehen lassen. Wir sprachen von dem Geld. Das Geld ist mir anvertrautes Gut. Meine Ehre hängt daran. Ich vertraue Ihnen ganz, Geld, Ehre, Freiheit, alles. Sie sind ein braver Mann. Ich wollte Ihnen heute nacht noch sagen, daß ich Ihnen morgen abend um fünf Uhr das Geld in Ihre Wohnung bringen werde.“

Brune schwieg eine Augenblick. Endlich atmete er auf und sagte: „Ich hätt’s auch wirklich ohne das getan. Morgen um Mitternacht ist Ihr Freund Kinkel ein freier Mann.“

Ich schlief die Nacht in Spandau und brachte den größten Teil des folgenden Tages damit zu, daß ich mit Krüger, Leddihn und Poritz jede mögliche Chance des Unternehmens durchsprach, um für alle bis dahin noch nicht vorgesehenen Fälle Vorsorge zu treffen. Endlich brach die Dunkelheit ein. Ich packte das Geld für Brune wohlgezählt in eine kleine Zigarrenkiste und ging nach seiner Wohnung. Ich fand ihn in seiner ärmlichen, aber sauberen Stube allein, händigte ihm die Zigarrenkiste ein und sagte: „Hier ist es; zählen Sie es.“

„Da kennen Sie mich schlecht“, antwortete er. „Wenn’s bei uns nicht aufs Wort ginge, hätten wir nichts miteinander anfangen sollen. Was von Ihnen kommt, zähle ich nicht nach.“

„Ist irgend etwas an unserm Plane zu ändern?“

„Nichts.“

„Auf Wiedersehen also heute nacht!“

„Auf Wiedersehen und gut Glück!“

In der Tat hatten wir guten Grund, das Gelingen unseres Planes mit Zuversicht zu erwarten, wenn uns nur der Zufall keinen Strich durch die Rechnung machte. Das Zuchthaus lag in der Mitte der Stadt – ein großes, kasernenartiges Gebäude, dessen kahle Wände von einem Tor und einer Menge enger Fensterluken durchbrochen waren –, auf allen vier Seiten von Straßen umgeben. Nach der Hauptstraße zu befand sich das Tor, durch das man zunächst in einen großen Torweg trat. Innerhalb des Torwegs gab es auf der rechten Seite eine Tür, die in die Amtswohnung des Gefängnisdirektors, und auf der linken eine andere, die in die Soldatenwachtstube führte. Am Ende des Torwegs öffnete sich eine dritte Tür auf einen innern Hof. Eine steinerne Treppe, die in den Torweg mündete, verband das Erdgeschoß mit den oberen Stockwerken. Auf dem zweiten Stockwerke über dem Erdgeschoß lag Kinkels Zelle. Sie hatte ein Fenster nach der Rückseite des Gebäudes. Dieses Fenster war durch einen Blechkasten verwahrt, der, an der unteren Seite fest an die Mauer geschlossen, sich nach oben schief öffnete, so daß das Tageslicht von oben einfiel und von der Zelle aus nur ein kleines, quadratisch abgegrenztes Stückchen Firmament, von der irdischen Umgebung aber gar nichts sichtbar war. Außerdem hatte das Fenster starke Eisenstäbe, ein enges Drahtgitter und einen hölzernen Laden, der nachts verschlossen wurde, – kurz, all die Vorkehrungen, die gewöhnlich angewandt werden, um einen Gefangenen von aller Verbindung mit der Außenwelt abzuschließen. Außerdem war die Zelle durch ein starkes vom Fußboden bis zur Decke reichendes Lattengitter mit ebenso starken Querriegeln in zwei Abteilungen geschieden. In der einen stand Kinkels Bett; in der andern hatte er während des Tages seine Arbeit zu verrichten. Die beiden Abteilungen waren durch eine Tür im Lattengitter verbunden, die abends verschlossen wurde. Der Eingang der Zelle von dem Treppenflur aus war mit zwei schweren, mit mehreren Schlössern versehenen Türen verwahrt. Auf der Straße, nach welcher Kinkels Zelle hinaus sah, stand Tag und Nacht eine Schildwache. Ein anderer Posten bewachte während des Tages das Tor des Gebäudes an der Hauptstraße, wurde aber des Nachts auf den inneren Hof versetzt – eine Einrichtung, die uns in der Folge sehr wichtig wurde. Die Zelle, Türen, Schlösser und Gitter wurden mehrmals während der vierundzwanzig Stunden von wachthabenden Beamten revidiert.

Die Schlüssel zu Kinkels Zelle, sowie zu der Tür des Lattengitters in deren Innern wurden des Nachts, nachdem Kinkel in der innern Abteilung eingeschlossen worden, in einem Spinde verwahrt, das sich in der Stube der Inspektoren des Zuchthauses, der sogenannten Revierstube, befand. Da Brune des Nachts zur Revierstube nicht Zutritt hatte und der Schlüssel dazu einem andern, höhern Beamten anvertraut war, so verschaffte er sich von diesem Schlüssel, der während des Tages im Schlosse stak, gelegentlich einen Wachsabdruck, nach welchem meine Spandauer Freunde ein Duplikat anfertigten, das sie Brune zustellten, um ihm den nächtlichen Eintritt in die Revierstube zu ermöglichen. Der Schlüssel zu dem Spinde, das Kinkels Zellenschlüssel verwahrte, wurde, wie Brune wußte, des Abends immer auf das Spind selbst gelegt, so daß er ohne Schwierigkeit sich der Zellenschlüssel bemächtigen konnte. So glaubte sich also Brune in den Stand gesetzt, Kinkel aus seiner Zelle herauszubringen. Nun war verabredet, daß Brune, der in der Nacht vom 5. auf den 6. November auf Kinkels Korridor die Wache hatte, Kinkel, nachdem er ihn aus der Zelle geholt, die Treppe herunter über den Korridor des ersten Stockwerks und dann weiter herunter in den Torweg führen sollte. Auf dem ersten Stockwerk hatte in jener Nacht der Gefangenenwärter Beyer die Aufsicht. Brune nahm es auf sich, Kinkel ungefährdet an Beyer vorüber zu bringen. Ob er diesen auch ins Interesse ziehen, oder in irgend einer Weise zur Zeit anderwärtig beschäftigen und so seine Aufmerksamkeit ablenken wollte, sagte Brune mir nicht. Er versicherte mir nur, ich könne mich darauf verlassen, daß es damit keine Schwierigkeit haben werde. Sobald nun Kinkel in den Torweg heruntergeführt war, sollte ich ihn dort in Empfang nehmen. In einem der Flügel des großen Tors, das sich nach der Hauptstraße öffnete, befand sich ein kleines Pförtchen zum Zweck der Erleichterung des Personenverkehrs. Von dem Schlüssel zu diesem Pförtchen hatten wir uns ebenfalls einen Wachsabdruck verschafft und danach einen Nachschlüssel angefertigt. Meine Aufgabe war es nun, kurz nach Mitternacht, nachdem der Nachtwächter – denn in Spandau gab es damals noch Nachtwächter mit Schnarre und Spieß – auf der Straße vorbeipassiert sein würde, das Pförtchen von der Straße aus zu öffnen, mich in das Innere des Torwegs zu begeben, dort Brune und Kinkel zu erwarten, Kinkel eine Hülle umzuwerfen, ihn durch das Pförtchen ins Freie zu führen und mit ihm nach Krügers Gasthaus zu eilen, wo er die für ihn bereitgehaltenen Kleider anlegen und dann mit mir in Hensels zur Flucht fertig stehenden Wagen steigen sollte.

Ich hatte Kinkel schon vor einiger Zeit durch Brune mit kräftigenden Speisen versehen lassen, um ihn in gutem körperlichen Zustande zu halten. Aber, um lange Aufregung zu vermeiden, wurde ihm erst am Abend des 5. November durch Brune eröffnet, daß etwas für ihn unmittelbar im Werke sei; er solle um die gewöhnliche Zeit zu Bett gehen, doch kurz vor Mitternacht wieder aufstehen, sich ankleiden und bereit sein, seinen Kerker zu verlassen.

An demselben Tage hatten Leddihn und Poritz ein paar handfeste Freunde ins Vertrauen gezogen, um mit ihnen während der Nacht die nächsten Straßenecken zu besetzen, und sie im Falle der Not zur Hülfe zu haben.

Um Mitternacht waren meine Leute auf ihren Posten, und nachdem der Nachtwächter die Straße hinunter passiert war, näherte ich mich dem Tor des Zuchthauses. Ich hatte Gummischuhe über die Stiefel gezogen, um meinen Schritt unhörbar zu machen. Ein zweites Paar Gummischuhe für Kinkel führte ich bei mir. Im Gürtel unter dem Rock trug ich die Pistolen, die Falkenthal mir gegeben hatte. In einer Tasche hatte ich ein scharfes Jagdmesser und in einer andern einen fußlangen Lederstock mit schwerem Bleiknopf, einen sogenannten Totschläger, um Kinkel für den Fall der Not damit zu bewaffnen. Um die Schultern hatte ich einen weiten Mantel mit Ärmeln geworfen, der Kinkel als erste Verhüllung dienen sollte. So ausgerüstet öffnete ich leise das Pförtchen und trat in den Torweg des Gefängnisses. Das Pförtchen ließ ich angelehnt und den Schlüssel draußen im Schloß stecken. Der Torweg war durch eine von der Decke herabhängende Laterne matt erhellt. Rechts sah ich die Tür, die in das Quartier des Zuchthausdirektors Jeserich führte; links die Tür der Wachtstube. Es war mein Geschäft, das Öffnen dieser Türen von innen zu verhindern, indem ich mit einer starken Schnur die äußeren Türklinken an die Schellenzüge festband. Nichts regte sich. Mein Blick war auf das gegenüberliegende Ende des Torwegs geheftet, wo Brune mit Kinkel erscheinen sollte.

So wartete ich. Eine Minute nach der andern verging – alles blieb totenstill. Ich mochte bereits eine Viertelstunde gewartet haben – noch immer regte sich nichts. Was bedeutete das? Aller Berechnung nach hätten sie längst herunter sein können. Meine Lage fing an mir sehr bedenklich zu scheinen. War Brune doch untreu? Ich zog eine meiner Pistolen aus dem Gürtel und hielt sie schußfertig in der linken Hand, mein Jagdmesser in der rechten. Doch nahm ich mir vor, auf meinem Posten zu bleiben, bis ich mir sagen könnte, die letzte Chance des Gelingens sei vorüber. Es mochte schon eine halbe Stunde vergangen sein, und noch alles still wie das Grab. Plötzlich hörte ich eine leise Bewegung, und an dem andern Ende des Torwegs sah ich eine dunkle Gestalt erscheinen, als wäre sie, wie ein Gespenst, aus der Mauer herausgetreten. Meine Hände schlossen sich fester um meine Waffen. Im nächsten Augenblick erkannte ich im matten Licht Brune. Da war er endlich, aber allein. Er legte den Finger auf den Mund und näherte sich mir. Ich erwartete ihn, auf alles gefaßt.

„Ich bin unglücklich“, flüsterte er kaum hörbar mir zu. „Ich habe alles versucht. Es ist mißlungen. Die Schlüssel waren nicht in dem Spinde. Kommen Sie morgen zu mir und holen das Geld wieder.“

Ich antwortete nichts, sondern löste schnell die Schnüre an den Türklinken und trat dann durch das Pförtchen zurück, schloß es ab und steckte den Schlüssel in die Tasche. Kaum war ich auf der Straße, als Leddihn und Poritz zu mir eilten. Mit wenigen Worten erzählte ich ihnen im Davongehen, was geschehen war. „Wir fürchteten schon, es wäre Ihnen etwas passiert“, sagte Leddihn. „Sie blieben so lange drinnen, daß wir auf dem Punkte waren, Ihnen nachzukommen, um Sie herauszuholen.“

Bald hatten wir Krügers Gasthaus erreicht, wo Hensel mit seinem Wagen bereit stand, Kinkel und mich hinweg zu führen. Die Enttäuschung, die meinem Bericht folgte, war entsetzlich.

„Aber es gibt diese Nacht noch etwas zu tun“, sagte ich. „Meine Relais stehen auf der Landstraße bis tief nach Mecklenburg hinein. Die müssen wir abbestellen.“

Ich stieg in den Wagen, eine offene Kalesche mit Kappe über dem Hintersitz. Hensel ergriff die Zügel, und so rollten wir davon. Es war eine traurige Reise. Wir mochten etwas über drei Stunden in der finsteren Novembernacht gefahren sein, als wir auf dem Kutscherbock eines Fuhrwerks, das uns entgegen kam, Funken sprühen sahen. Ich hatte Stahl und Stein bei der Hand und schlug ebenfalls Funken. Dies war das Erkennungssignal, das ich mit den Mecklenburger Freunden verabredet hatte. Der uns entgegenkommende Wagen hielt an, der unsrige auch.

„Ist das der Richtige?“ fragte eine Stimme von drüben. – Dies war die verabredete Frage.

„Es ist der Richtige“, antwortete ich. „Aber die Sache ist mißlungen. Bitte, fahren Sie zurück und sagen es dem nächsten Relais, und ersuchen Sie unsern Freund da, die Nachricht so weiter zu bringen. Aber um Gotteswillen, im übrigen tiefes Stillschweigen, sonst ist alles verloren.“ „Versteht sich. Aber das ist eine verfluchte Geschichte. Wie ging denn das zu, daß es mißlungen ist?“

„Ein andermal, und gute Nacht!“

Die beiden Wagen drehten um. Wir fuhren wieder auf Spandau zu, aber recht langsam, fast wie ein Leichenzug. Beide saßen wir schweigend und hingen unsern Gedanken nach. Ich machte mir schwere, quälende Vorwürfe. Hätte nicht dem unglücklichen Zufall, der unsern Plan durchkreuzt, leicht vorgebeugt werden können? Hätten wir nicht ebensogut wie von dem Schlüssel zum Tor und zu der Revierstube, uns auch von den Zellenschlüsseln Duplikate verschaffen können? Gewiß. Aber warum war es nicht geschehen? Warum hatte Brune nicht daran gedacht? Aber wenn Brune nicht daran dachte, war es nicht meine Pflicht gewesen, daran zu denken? So hatte ich meine Pflicht versäumt. Mein, mein war die Schuld an diesem entsetzlichen Fehlschlag. Mein die Verantwortlichkeit dafür, daß Kinkel nicht jetzt ein freier Mann war und hinter schnellen Pferden der Seeküste zueilte. Die Frucht monatelanger und gefahrvoller Arbeit war durch mich gedankenlos, leichtsinnig verscherzt worden. Würde ich jemals imstande sein, die zerrissenen Fäden wieder anzuknüpfen? Und wenn auch – war es nicht wahrscheinlich, daß durch die Unvorsichtigkeit irgend eines Beteiligten Gerüchte von dem Geschehenen entstehen und Kinkel mit strengeren Vorsichtsmaßregeln umgeben oder gar in eine andere und sicherere Strafanstalt versetzt werden würde? Und wenn auch dieses nicht – wo war das mir anvertraute Geld? Nicht mehr in meinem Besitz – in eines anderen Menschen Hand, der es behalten konnte, wenn er nur wollte – und ich ganz machtlos, es wieder zu erlangen. Und somit mochte Kinkels grauenvolles Schicksal durch meine Schuld für immer besiegelt sein. So marterte mich mein Gewissen in jener furchtbaren Nacht.

Endlich unterbrach Hensel das Schweigen. „Wie wär’s, wenn wir in Oranienburg auf ein paar Stunden einkehrten?“ sagte er. „Wir könnten dort die Pferde füttern lassen, ein wenig schlafen und dann in aller Gemütlichkeit weiterfahren.“ Ich war’s zufrieden. Ich fing an, mich sehr ermattet zu fühlen; und dann, sollte von den Ereignissen der Nacht in Spandau etwas laut geworden sein und somit irgendwelche Gefahr drohen, so dachte ich, der kluge und wachsame Krüger würde uns jemanden entgegenschicken, um uns zu warnen.

Es war noch tief dunkel, als wir in Oranienburg an einem Herrn Hensel bekannten Gasthause abstiegen. Nachdem ich mich von meinen Gedanken noch eine Zeitlang hatte quälen lassen, schlief ich endlich ein. Als ich erwachte, schien der helle Tag durchs Fenster meines Zimmers. Mit mir erwachte auch wieder das Bewußtsein der ganzen Schwere unseres Mißgeschicks, jetzt mit noch größerer Klarheit als während der vergangenen Nacht. Solch ein Erwachen gehört zu den unglücklichsten Momenten des menschlichen Lebens.

Wir frühstückten spät, und es war bei dieser Gelegenheit, daß ich meinen Begleiter, den Gutsbesitzer Hensel, zum erstenmal in hellem Tageslicht ins Auge fassen konnte. Ich hatte ihn bei Krüger und auf unserer Fahrt nur in der Dunkelheit gesehen. Die stattliche breitschultrige Gestalt und der lange dunkle Vollbart waren mir damals schon aufgefallen; aber jetzt erst konnte ich ihm in die klaren, klugen und zugleich kühn blitzenden Augen blicken und den Gesichtsausdruck unterscheiden, der Willenskraft sowohl wie Aufrichtigkeit und Herzensgüte aussprach. Hensel sah wohl, wie mir zumute war; er versuchte heiter auszusehen und mich darüber zu beruhigen, daß all unsere Freunde in Spandau nicht allein treu, sondern auch diskret seien, und daß die Gefängnisbeamten in ihrem eigenen Interesse schweigen würden; ein neuer Versuch würde also bald wieder möglich sein. Ich stimmte ihm gern zu. In der Tat erfüllte mich schon der Gedanke an das, was nun zu tun sei, der Gedanke, der stets der wirksamste Trost für vergangenes Unglück ist. Ich habe im Leben oftmals die Erfahrung gemacht, daß, wenn uns ein recht schwerer Schlag trifft, wir nichts Besseres tun können, als uns im Geiste zuerst alle, auch die schlimmsten Seiten des Unheils möglichst klar vorzuführen und so den Becher der Bitternis bis auf den letzten Tropfen zu trinken, dann aber die Gedanken der Zukunft zuzuwenden und ganz mit dem zu beschäftigen, was getan werden muß, um den Schaden wieder gut zu machen, oder das unwiederbringlich Verlorene durch anderes Wünschenswertes zu ersetzen. Das ist sichere und rasche Heilung – es sei denn, daß das Verlorene ein sehr teurer Mensch war.

Mit der Rückfahrt nach Spandau hatten wir keine Eile. Wir hielten es sogar für geraten, erst mit dem Abenddunkel dort einzutreffen, und so setzten wir uns denn erst nachmittag in langsamen Trab in Bewegung. In Spandau angekommen, erfuhr ich von Krüger, daß alles ruhig geblieben war. Sofort ging ich zu Brunes Wohnung. Ich fand ihn in seiner Stube. Er hatte mich offenbar erwartet. Das Zigarrenkistchen stand auf dem Tisch.

„Das war eine verdammte Geschichte letzte Nacht“, sagte er. „Ich konnte nicht dafür. Alles war in der schönsten Ordnung, aber als ich das Spind in der Revierstube aufschloß, fand ich die Schlüssel zur Zelle nicht. Ich suchte und suchte, aber sie waren nicht da. Heut morgen hörte ich, daß der Inspektor Semmler sie ganz zufällig, statt sie in das Spind zu legen, aus Vergeßlichkeit in der Tasche mit nach Hause genommen hatte.“

Er schwieg einen Augenblick.

„Da ist das Geld“, fuhr er fort, auf das Zigarrenkistchen deutend. „Nehmen Sie es mit, oder zählen Sie es erst. Es fehlt kein Taler daran.“

Ich konnte nicht umhin, dem Mann die Hand zu drücken und ihm im Herzen meine Zweifel abzubitten.

„Was von Ihnen kommt“, antwortete ich, seine gestrigen Worte wiederholend, „wird nicht nachgezählt.“

„Aber was nun? Ich gebe nicht auf. Müssen wir warten, bis Sie wieder die Nachtwache haben?“

„Wir könnten warten“, versetzte er, „und uns mittlerweile all die Schlüssel nachmachen lassen, so daß uns nicht mehr eine so dumme Geschichte passiert. Aber“, setzte er hinzu, „ich habe mir heute die Sache bedacht – bei Gott, es ist eine Schande, daß der Mann da noch einen Tag länger sitzen soll –, ich will versuchen, ihm diese Nacht herauszuhelfen, wenn er Mut zu einem halsbrecherischen Stück hat.“

„Was? diese Nacht?“

„Ja, diese Nacht. Hören Sie mir nur ruhig zu.“ Nun erzählte mir Brune, der Beamte, der in der kommenden Nacht die Wache auf dem oberen Stockwerk habe, sei krank geworden, und er, Brune, habe sich erboten, den Dienst für ihn zu versehen. Darauf habe er sich überlegt, er könne Kinkel ohne besondere Schwierigkeit auf den Söller unter dem Dachstuhl bringen und ihn dann mit einem Seil aus der Dachluke auf die Straße herunterlassen. Dazu brauche er allerdings die Zellenschlüssel wieder, aber nachdem gestern abend der Inspektor diese in der Zerstreutheit mit sich nach Hause genommen, würde er sie diese Nacht gewiß an dem gewöhnlichen ordnungsmäßigen Platz niederlegen. Ich sollte nur dafür sorgen, unten die Straße frei zu halten, während Kinkel vom Dach heruntergelassen würde, und ihn dann prompt in Empfang nehmen und fortschaffen.

„Es ist eine etwas halsbrechende Geschichte“, setzte Brune hinzu. „Von der Dachluke bis auf die Straße mag’s wohl sechzig Fuß sein. Aber wenn der Herr Professor Mut dazu hat, so glaube ich, daß es gehen wird.“

Für Kinkels Mut konnte ich einstehen. Was wagt ein Gefangener nicht für seine Freiheit?

Die Einzelheiten waren bald besprochen und festgestellt. Ich übernahm es, Brune sofort das nötige Seil zu schaffen. Er wollte es sich dann unter seinem Überrock um den Leib wickeln und so mit ins Zuchthaus nehmen. Ich sollte dann zur Mitternachtsstunde in der tiefen Türnische eines dem Tor des Zuchthauses schräg gegenüberliegenden Hauses stehen und nach den Dachluken des Gebäudes hinaufblicken. Wenn ich in einer Luke den Schein einer in senkrechter Linie auf und ab bewegten Laterne sähe, so würde das ein Zeichen sein, daß oben alles gut stehe und Kinkel bereit sei, heruntergelassen zu werden. Wenn ich dann, in meiner Türnische stehend, mit Stahl und Stein Funken schlüge, so würde Brune das als ein Signal verstehen, daß unten auf der Straße alles in Ordnung sei, um Kinkel zu empfangen.

Mit herzlichem Händedruck nahm ich von Brune Abschied und eilte nach Krügers Gasthaus. Poritz und Leddihn, die ich rasch herbeiholen ließ, besorgten sofort ein Seil von gehöriger Stärke und Länge und trugen es nach Brunes Wohnung. Aber wie sollten wir Kinkel fortschaffen? Ich hatte keine Relais von Pferden und Wagen mehr auf der Landstraße. In der vergangenen Nacht hatte alles so vortrefflich geklappt. Aber was nun? Zum Glück fand ich Hensel noch bei Krüger. Auf die Nachricht, was nun in wenigen Stunden geschehen solle, brach er in lauten Jubel aus.

„Ich fahre Sie, so weit meine Pferde laufen können,“ rief er aus.

„Unser nächster Freund wohnt in Neustrelitz,“ entgegnete ich. „Das ist mehrere Poststationen von hier. Werden Ihre Pferde es bis dahin aushalten können?“

„Der Teufel hole sie, wenn sie’s nicht tun!“ sagte Hensel.

Wir mußten es daraufhin wagen und uns dem Schicksal anvertrauen.

Ein kurzes Gespräch mit Poritz und Leddihn folgte über die Maßregeln, die nötig waren, um die Straße gegen unwillkommene Eindringlinge zu sichern, während Kinkel seinen Seilschwung machte. Die Vorkehrung war einfach. Die Straßenecken auf beiden Seiten sollten meine Freunde mit ihren handfesten Genossen von der vorigen Nacht besetzen und, wenn sich etwa ein verspäteter Nachtwandler zeigte, sich angetrunken stellen und den Unwillkommenen mit munteren Schnurren zurückhalten und von dem verbotenen Wege ablenken. Im Notfalle sollte auch Gewalt gebraucht werden. Leddihn und Poritz verbürgten sich für die Ausführung.

„Köstliches Zusammentreffen,“ schmunzelte Krüger. „Heute abend wird hier im Hause Geburtstag gefeiert und mehrere Zuchthausbeamte werden dabei sein. Es gibt eine Bowle Punsch. Ich werde den Punsch besonders gut machen.“

„Und Sie werden die Beamten festhalten?“

„Ob ich sie festhalten werde! Von denen kommt Ihnen keiner in die Quere.“

Dieses Bild versetzte uns in die heiterste Laune, und wir hatten ein gemütliches kleines Souper zusammen. Unsere Gedanken waren jedoch beständig auf die Zufälle gerichtet, die uns wieder einen bösen Streich spielen könnten, und zur rechten Zeit fiel uns noch ein wichtiger Umstand ein.

Wenn Kinkel an dem Seil aus der Dachluke herunterkäme und das Seil über die Kante schnurrte, so konnte es leicht Dachschiefer oder gar Mauerziegel loslösen, die dann herunterfallen und ein lautes Geklapper machen würden. Wir verabredeten daher, daß Hensel mit seinem Wagen kurz nach zwölf langsam die Potsdamer Straße entlang am Zuchthause vorbeifahren sollte, um mit dem Rasseln des Wagens auf dem schlechten Pflaster alles andere Geräusch zu übertäuben.

Um Mitternacht stand ich, ausgerüstet wie in der vorigen Nacht, wohlverborgen in der tiefen, dunklen Türnische dem Zuchthause gegenüber. Die Straßenecken zur Rechten und Linken waren der Abrede gemäß besetzt, aber die Leute hielten sich abseits. Ein paar Minuten später kam der Nachtwächter in gemächlichem Schritt die Straße herab. Gerade vor mir drehte er seine Schnarre und rief die zwölfte Stunde aus. Dann schlurfte er ruhig weiter und verschwand. Was hätte ich um ein tüchtiges Unwetter mit Sturmgebraus und klatschendem Regen gegeben! Aber die Nacht war unheimlich still. Mein Auge war fest auf das Dach des Gefängnisses gerichtet, auf dem ich die Luken in der Dunkelheit kaum unterscheiden konnte. Die spärlichen Straßenlichter flimmerten matt. Plötzlich erschien oben ein heller Schein, der mich den Rahmen einer Dachluke erkennen ließ. Der Schein bewegte sich dreimal auf und ab. Das war das gehoffte Signal. Ich warf einen schnellen Blick auf die Straße rechts und links. Nichts näherte sich. Rasch gab ich, mit Stahl und Stein sprühende Funken schlagend, meinerseits das vereinbarte Zeichen. Eine Sekunde später verschwand das Licht aus der Dachluke, und dann gewahrte ich einen dunklen Körper, der sich langsam über die Mauerkante herunterbewegte. Mein Herz klopfte heftig, und der Schweiß trat mir auf die Stirn. Da geschah, was ich befürchtet hatte. Dachschiefer und Mauerziegel, von dem rutschenden Seile gelöst, regneten mit lautem Geklapper auf das Pflaster. Nun, gütiges Schicksal, steh uns bei! In demselben Augenblick kam Hensels Wagen auf dem holperigen Pflaster rasselnd herangerollt. Man hörte das Geräusch der fallenden Ziegel nicht mehr. Aber werden diese nicht Kinkels Kopf treffen und ihn betäuben? Nun hatte der dunkle Körper beinahe den Boden erreicht. Mit wenigen Sprüngen war ich zur Stelle. Jetzt faßte ich ihn an; es war mein Freund, und da stand er lebendig auf seinen Füßen. „Das ist eine kühne Tat!“ war das erste Wort, das er mir sagte.

„Gott sei Dank!“ antwortete ich. „Nun schnell das Seil ab und dann fort!“

Ich bemühte mich umsonst, den Knoten des Seils, das um seinen Leib geschlungen war, zu lösen.

„Ich kann dir nicht helfen,“ flüsterte Kinkel. „Das Seil hat mir beide Hände furchtbar zerschunden.“

Ich zog mein Jagdmesser, und mit großer Anstrengung schnitt ich das Seil durch. Das lange Ende wurde, sobald es frei war, schleunigst nach oben gezogen. Während ich Kinkel meinen Mantel umwarf und ihm die Gummischuhe anzog, blickte er besorgt um sich. Hensels Kalesche hatte sich umgedreht und kam langsam zurück.

„Was ist das für ein Wagen?“ fragte Kinkel.

„Unser Wagen.“

Dunkle Gestalten zeigten sich an den Straßenecken und näherten sich uns.

„Um Himmelswillen, was für Leute sind das?“

„Unsere Freunde.“

In einiger Entfernung hörten wir Männerstimmen singen: „Wir sitzen so fröhlich beisammen.“

„Was ist denn das?“ fragte Kinkel, während wir durch eine Seitengasse Krügers Hotel zueilten.

„Deine Kerkermeister bei einer Bowle Punsch.“

„Famos,“ sagte Kinkel.

Bei Krüger traten wir durch eine Hintertür ein und befanden uns bald in dem Zimmer, in welchem Kinkel die für ihn bestimmten Kleider anlegen sollte. Es war ein schwarzer Tuchanzug, ein großer Bärenpelz und eine Kappe, wie sie von preußischen Forstbeamten getragen wird. Von einem nahen Zimmer her erschollen noch die Stimmen der Zechenden. Krüger, der einige Minuten zugesehen hatte, wie Kinkel die Züchtlingsuniform gegen seine neue Bekleidung austauschte, entfernte sich plötzlich mit einem ihm eigenen Lächeln. Bald trat er wieder ein, einige gefüllte Gläser tragend. „Herr Professor“, sagte er, „daneben sind einige Ihrer Gefängnisbeamten bei einer Bowle Punsch. Ich habe sie eben gefragt, ob sie mir nicht ein Glas erlauben wollten für ein paar Berliner Freunde, die gerade angekommen wären. Sie hatten nichts dagegen. Nun, Herr Professor, trinken wir Ihr erstes Wohl aus der Bowle Ihrer Kerkermeister!“

Es war uns schwer, nicht vor Vergnügen über den Humor der Situation laut aufzulachen.

Kinkels Umkleidung war schnell vollendet und seine vom Seil zerrissenen blutigen Hände mit Taschentüchern verbunden. Er dankte den aufopfernden Freunden mit wenigen Worten, die sie schluchzen machten. Dann sprangen wir in Hensels Wagen. Die Zuchthausbeamten saßen und jubelten noch immer bei ihrer Bowle.

Es war angeordnet, daß unser Wagen durch das Potsdamer Tor, das auf die Straße nach Hamburg führt, aus Spandau hinausfahren und dann baldmöglichst in eine andere Richtung abbiegen sollte, um etwaige Verfolger irrezuführen. So rasselten wir denn in schnellem Trabe durch das Potsdamer Tor, und diese List gelang so gut, daß, wie wir später erfuhren, wir am nächsten Tage auf den Bericht des Torwächters hin wirklich in der Richtung von Hamburg verfolgt wurden. Ehe wir das Städtchen Nauen erreichten, bogen wir nach rechts in einen Landweg und dann in die Berlin-Strelitzer Chaussee beim Sandkruge. So scharf die Braunen traben konnten, ging es vorwärts.

Erst als ihm auf der schnellen Fahrt die kalte Nachtluft ins Gesicht wehte, schien Kinkel zum klaren Bewußtsein des Geschehenen aufzuwachen.

„Ich möchte gern Deine Hand in der meinigen halten,“ sagte er, „aber es geht nicht. Meine Hände sind zu arg geschunden.“

Er legte dann seinen Arm um meinen Nacken und drückte mich ein übers anderemal an sich.

Ich wollte ihn nicht dazu kommen lassen, seine Dankbarkeit in Worten auszusprechen, sondern erzählte ihm, wie in der vorherigen Nacht alles so vortrefflich eingerichtet gewesen, wie unser Plan durch einen unglücklichen Zufall vereitelt worden, und was für eine traurige Fahrt ich in demselben Wagen vor vierundzwanzig Stunden gemacht habe.

„Das war wohl die entsetzlichste Nacht meines Lebens,“ sagte Kinkel. „Nachdem Brune mich angewiesen, ich solle mich bereit halten, erwartete ich mit der zuversichtlichsten Hoffnung die angesagte Stunde. Vor zwölf Uhr stand ich fertig. Ich horchte, wie nur ein in langer Isolierhaft geübtes Ohr horchen kann. Zuweilen hörte ich ein entferntes Geräusch von Schritten in den Gängen, aber sie wollten nicht näherkommen. Ich hörte aufmerksam die Stunden schlagen. Als Mitternacht mehr als eine Viertelstunde vorbei war, stieg mir zum erstenmal der Gedanke auf: „Ist es möglich, daß dies fehlschlägt?“ Minute nach Minute verging und alles blieb still. Da faßte mich eine Angst, die ich nicht beschreiben kann. Der Schweiß tropfte mir von der Stirn. Bis um ein Uhr hatte ich noch ein wenig Hoffnung. Als aber auch dann Brune nicht kam, gab ich alles verloren. Die grauenvollsten Bilder stiegen in meiner Einbildung auf. Der ganze Anschlag war gewiß entdeckt worden. Du warst in den Händen der Polizei und auch auf viele Jahre eingekerkert. Ich sah mich selbst als einen verelendeten Greis in der Züchtlingsjacke. Meine Frau und meine Kinder gingen vor Jammer zugrunde. Ich rüttelte an den Stäben des Lattengitters in meiner Zelle wie ein Toller. Dann fiel ich erschöpft auf meinen Strohsack. Ich glaube, ich war dem Wahnsinn nahe.“

„Nun, und diese Nacht?“

„O, diese Nacht!“ rief Kinkel aus. „Ich konnte kaum meinen Augen und Ohren trauen, als Brune mit einer Laterne in der Hand in meine Zelle trat und mir durchs Lattengitter zuflüsterte: „Schnell auf, Herr Professor! Jetzt sollen Sie heraus!“ Das war wie ein elektrischer Schlag. Im Nu war ich auf den Beinen. Aber weißt Du, daß auch diese Nacht ums Haar wieder alles in die Brüche gegangen wäre?“

Ich war aufs äußerste gespannt, und wieder und wieder lief mir’s kalt über, als Kinkel seine Geschichte erzählte.

Schon um halb zwölf war Brune in Kinkels Zelle. Er hatte diesmal die Schlüssel in dem Spinde gefunden und damit die Zellentüren geöffnet. Nachdem er Kinkel geweckt, schickte er sich an, mit einem dritten Schlüssel die Tür im Lattengitter aufzuschließen. Er versuchte und versuchte, aber umsonst. Der Schlüssel paßte nicht. – Bei den späteren Untersuchungen stellte es sich heraus, daß der Schlüssel, mit dem Brune umsonst sich anstrengte, die Lattentür zu öffnen, für das Schloß des Fensterladens bestimmt war, daß aber einer der Schlüssel für die Zellentüren auch das Lattengitter öffnete, – daß also Brune den richtigen Schlüssel in der Hand hielt, ohne es zu wissen oder ohne in der Aufregung daran zu denken.

So standen denn Kinkel auf der einen, Brune auf der andern Seite des festen Lattengitters, verblüfft und einen Augenblick ratlos. Dann ergriff Kinkel mit der Kraft der Verzweiflung eine der starken Latten und versuchte, die ganze Wucht seiner Körperschwere dagegen werfend, sie loszubrechen. Umsonst. Brune arbeitete hart mit seinem Säbel zu demselben Zweck. Vergebens.

„Herr Professor,“ sagte er dann, „Sie sollen heraus und wenn es mich das Leben kostet.“

Er verließ die Zelle und kehrte nach einer Minute zurück mit einer Axt in der Hand. Mit einigen kräftigen Schlägen waren zwei Latten ein wenig von dem untern Querriegel gelöst. Die Axt, als Hebel gebraucht, löste sie noch mehr. Kinkels wütend angestrengte Kraft brach sie noch weiter auseinander und schaffte am Boden eine enge Öffnung, durch die Kinkels breitschulteriger Körper sich mühsam hindurchzuzwängen vermochte.

Aber hatten nicht Brunes Axtschläge das ganze Haus alarmiert? Die beiden lauschten mit verhaltenem Atem. Nichts regte sich. In der Tat war Brune nicht weniger klug als verwegen gewesen. Bevor er seine Axt schwang, hatte er die beiden dicken Zellentüren sorgfältig hinter sich verschlossen. Der Schall der Schläge, welcher das Innere der Zelle hatte erdröhnen machen, war durch die dicken Zwischenmauern und die schwere Doppeltüre nur sehr gedämpft nach außen gedrungen. Er hatte nicht allein keinen Schläfer geweckt, sondern sogar die Wachenden entweder gar nicht erreicht, oder auf sie den Eindruck gemacht, als wäre das Geräusch von außerhalb gekommen.

Nun verließ Brune mit Kinkel die Zelle, deren Türen er wieder verschloß. Dann hatten sie durch Korridore zu gehen und Treppen zu steigen und, in gedeckter Stellung wartend, sogar einen Nachtaufseher, der nicht im Geheimnis war, an sich vorbei passieren zu lassen. Endlich gelangten sie auf den Söller und an die Dachluke, von welcher die gefährliche Luftfahrt abwärts unternommen werden mußte. Kinkel gestand mir, daß ihn ein schwindelndes Grauen erfaßte, als er von oben auf die tief unten liegende Straße blickte und dann auf das dünne Seil, das ihn tragen sollte. Aber als er mein Feuersignal aufblitzen sah, das Brune ihm flüsternd erklärte, gewann er schnell seine Fassung wieder und schwang sich über den Abgrund. Sofort begannen die durch das Seil gelockerten Dachschiefer und Mauerziegel ihm um den Kopf zu regnen, aber keiner traf ihn. Nur die Hände, die zuerst das Seil zu hoch gegriffen, und durch die er es mußte rutschen lassen, litten schwer. Aber das war eine leichte Wunde für so harten Kampf und so großen Sieg.

Nachdem Kinkel seine Erzählung beendigt hatte, holte Hensel eine Flasche des köstlichen Rheinweins hervor, mit dem der gute Krüger uns für die Reise versehen hatte, und dann tranken wir auf die „glückliche Wiedergeburt“ und auf das Wohl des tapfern Brune, ohne dessen Treue und Unerschrockenheit all unser Planen und Arbeiten umsonst gewesen wäre. Es war ein begeisterter, glücklicher Augenblick, der uns fast vergessen ließ, daß, solange wir uns auf deutschem Boden befanden, die Gefahr nicht vorüber und unser Werk nicht ganz gelungen war.

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